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Tassilo kommt nach vierzig Jahren zurück in den Ort, der ihn einst mehr geprägt hat, als er sich bisher eingestehen mochte. Es waren zwei seiner Jugendjahre, die er hier verbrachte und in denen er sich ausprobierte. Ihn überraschte damals die Vielfalt, die er vorfand, aber nicht erwartet hatte. Der Bogen spannte sich vom harten bäuerlichen Leben auf alten Höfen bis hin zur Hippiebewegung, die sich verspätet auf dem Land entfaltete. Er reichte vom Traditionsbewusstsein dörflicher Gemeinschaft bis hin zu alternativen Lebensentwürfen. Im Hintergrund seiner Erinnerung blieb immer die Hütte, die eigentlich ein verlassenes Haus war. Sie war ein Zufluchtsort für Suchende, für Andersdenkende, für alle, die dem engen Milieu zu entkommen hofften. Auch für Gescheiterte. Und ebenso für solche, die ihre bloße Freude an ihr hatten.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Sebastian Brahn
Die Hütte der
Mondscheintänzer
Tassilo ist zu Besuch in der Stadt. Vor ein paar Tagen kam er aus Bremen nach Bayern. Er hat sich in einem Hotel einquartiert mit Blick über den Marktplatz. Von einer laut aufspielenden Blaskapelle ist er geweckt worden. Er hört die Kirchenglocken läuten und schaut aus dem Fenster. Unausgeschlafen blinzelt er in die Sonne. Es ist spät geworden gestern Abend. Der ungewohnte Alkohol, den er mit ein paar flüchtig geschlossenen Bekanntschaften genossen hat, will ihn zurück ins Bett zwingen. Doch die Neugierde ist größer. Und so bleibt er am Fenster stehen und sieht hinunter auf seine Jugend, die ihm naturgemäß entglitten ist über all die Jahrzehnte hinweg. Sie ist wieder sehr präsent geworden durch den Aufenthalt hier. Das konnte er gestern im Laufe des Abends feststellen, als er über die Hütte zu fragen begann. Was darüber gesagt wurde, macht ihn nachdenklich. In dieser Nachdenklichkeit verharrt er und blickt aus dem Fenster.
Festlich geschmückt sind die Häuser des Marktplatzes sowie der Vorstadt. Das Rathaus ist mit Girlanden behängt. Auch Fahnen wurden gehisst. Hier und da weht die vatikanische und bayerische Flagge aus Obergeschossen. In großen Vasen stecken Lupinen und Sträucher, die aus der umgebenden Natur geholt wurden und nun die Hauseingänge zieren. An den Fassaden sind junge Birken angebracht. Einst bediente man sich ihrer zum Zeichen der Fruchtbarkeit, deren Wert besonders in Vorzeiten geschätzt wurde. Zu erlangen versuchte man sie durch die Gunst der Göttin Freya. In zahlreichen katholischen Ritualen ist ein heidnischer Ursprung zu finden, der durch die Jahrhunderte verblasste und sich zu einer eigenständigen Tradition entwickelte, deren Inhalt sich als christlicher Hintergrund versteht.
Eigentlich war er nur wegen der Hütte gekommen. Das wird ihm nun klar, obwohl er dachte, sie längst vergessen zu haben.
Die Blaskapelle ist in Bewegung. Ihr folgt die Prozession. Schon erscheint der erste Fahnenträger am Tor des Wehrturms, begleitet von Blumenmädchen in Dirndln. Es folgen die Vereine in ihren Trachten und Uniformen, zuvorderst die Freiwillige Feuerwehr, die immer einen besonderen Platz in den traditionellen Umzügen einnimmt. Anschließend schreiten die Honoratioren flott voran. Inmitten vermutet Tassilo den Bürgermeister und erinnert sich an die schwere Ehrenkette, die den Vorgängern ums Revers hing mit dem Symbol der Stadt.
Vielleicht nur zu weltlichen Anlässen, überlegt er.
Dann leiten die Ministranten in ihren typischen Gewändern die Christusverehrung ein. Sie bereiten ihr den Weg, ein hohes schmales Kreuz tragend, das hoch empor ragt. Das Kreuzsymbol glänzt golden in der Sonne, die vier Träger bescheint, die einen Baldachin stützen, den so genannten Himmel, unter dem der Pfarrer eine hinter Schauglas gefasste Hostie vorzeigt. Sie ist der Mittelpunkt des Festes. Sonderbar gekleidet ist er im Ornat, weltlich gesehen, mit goldbestickten Gewändern, die ihn wallend umkleiden. Er trägt die Monstranz vor sich her, deren Begriff abgeleitet ist von monstrare, was zeigen bedeutet. Rote Tücher mit Kreuzzeichen wehen hier und da, die Prozession begleitend. Alles steckt voller Symbolik, die nur Eingeweihten vertraut ist.
Sie war ein Zufluchtsort, die Hütte; ein Versammlungsort für Suchende, Andersdenkende, Wirre, … für alle, die dem engen Milieu zu entkommen hofften. Auch für Gescheiterte. Und ebenso für solche, die ihre bloße Freude an ihr hatten und alles nicht ganz so ernst nahmen.
Der Zug führt vorbei an den geschmückten Fenstern, die mit Kerzen und Pfingstrosen dekoriert sind, und hält dort, wo es zum Halten vorgesehen ist: an einem der Altäre, die nach den vier Himmelsrichtungen angeordnet sind. Der letzte befindet sich nahe der Kirche oder darinnen. Er bildet den Abschluss der Feierlichkeit. Über einen Lautsprecher, der an einer langen Stange befestigt ist, die im Gurt eines Trägers steckt, bringt der Priester sein Gebet vor. Er spricht ins Mikrofon. Seine Stimme klingt blechern und ist weithin zu hören im Gegensatz zu dem Gemurmel, das von der Menschenmenge als Antwort gegeben wird. So wechseln sie sich ab. Jeder weiß, was er zu sagen hat. Der Text ist vorgegeben und gelernt. Er ist nicht kompliziert und wiederholt sich ständig. Er ist leicht zu merken und kann auch von Ungeübten nachgesprochen werden. Die Stimmung ist feierlich. Sich ihr zu entziehen ist schwer und unsinnig. Etwas geht vor sich und will beobachtet werden. Und so bleibt Tassilo am Fenster stehen und schaut hinunter.
Die Hütte war ebenso Ausdruck des Widerstandes. Sie war eine Spiegelung der Angst vor dem Geforderten, das man nicht zu erfüllen bereit war. Ein Protest gegen jeglichen Zwang. Ein Schrei nach Befreiung von gefühlter und tatsächlicher Unterdrückung. Ein Ort für Suchende, die Gedanken auflasen.
Ein Lied ertönt beim Gebetshalt vor dem Opfertisch, der im Morgengrauen mit allerlei frischen Blumen geschmückt wurde. Er ist reich verziert mit kunstvoll gefertigtem Gebinde.
Sie waren hungrig nach etwas, das außerhalb gesellschaftlicher Strukturen lag. Nicht alle, und doch einige, die in der Hütte zusammen kamen.
Nun wird der Eucharistische Segen gespendet, eingeläutet von den Ministranten mit ihren hell klingenden Schellen. Früher kniete das Volk, während der Priester das Allerheiligste hoch hielt. Sie knieten auf Schilf, das damals ausgelegt wurde, erinnert sich Tassilo, der als Jugendlicher schon einmal in dieser Stadt war für zwei Schuljahre.
Senkt die Fahnen!, befiehlt der Feuerwehrkommandant.
Beim Ertönen des Befehls knien noch heute einige nieder in Ehrerbietung. Er bleibt davon nicht unberührt, denn ein öffentliches Knien vor einer höheren Macht, an die man glaubt, beeindruckt ihn, selbst wenn es nur in Verbindung mit einer religiösen Zeremonie geschieht.
Die Prozession setzt sich abermals in Bewegung, um beim nächsten Altar das gleiche zu vollziehen. Die Anzahl der Teilnehmer war vor Jahrzehnten um vieles größer, ist Tassilo überzeugt. Immerhin gab es damals häufig Zwang zum Kirchenbesuch, der heute ganz und gar freiwillig ist. Und wie es den Anschein hat, werden es immer weniger, die an solchen Ritualen teilhaben möchten. Trotzdem gibt es sie noch, diese Bräuche, wie jetzt das Fronleichnamsfest; ein Begriff, mit dem nicht viele was anfangen können. Ein Fest voller Symbolkraft, dessen feierliche Umgebung nur einen Tag präsent ist. Vorbereitet wird es Mittwoch nachmittags mit dem Aufstellen der angelieferten Birken und dem Schmücken der Häuser. Den Höhepunkt erreicht es am nächsten Tag, dem zweiten Donnerstag nach Pfingsten, im Morgengottesdienst. Es währt bis zum späten Nachmittag, danach werden die Altäre abgebaut und die Birken fortgenommen und weggeschleift. Die meisten Festteilnehmer tragen ein Feiertagsgewand oder Tracht. Das ist Tradition, obwohl Jeans und T-Shirt inzwischen akzeptiert sind, da jeglicher Zwang fehlt. Nur dass man sich benimmt und den Mund hält während der Zeremonie, oder eben nicht, sobald lautes Beten angesagt ist! Dass man sich einfügt und mitmacht, wenn man dabei ist! Und dabei zu sein, bleibt jedem selbst überlassen, der kein öffentliches Amt bekleidet. Es ist seine Sache. Nutznießer sind ohnehin alle, immerhin ist es ein Feiertag. Für die einen ist es ein besonderer kirchlicher Tag, für die anderen ein Ruhe- Sport- oder Unternehmungstag. Jeder kann wählen, tun und lassen, was er in dieser Hinsicht will. Manche aus der Region fahren in evangelisch geprägte Bundesländer, die diesen Kirchenbrauch nicht haben. Sie kaufen dort ein. Das wäre vor vierzig Jahren nicht denkbar gewesen, überlegt Tassilo, obwohl der Anblick rein äußerlich derselbe zu sein scheint wie damals. Die Mode der Zuschauer mag sich geändert haben, die der Mitwirkenden nicht. Auch die der Blaskapelle nicht. Es ist Tracht, was sie tragen. Und die sieht nicht übel aus. Gar nicht altmodisch kommt sie daher, eher nostalgisch. Passen die Figuren hinein, sind sie fürwahr schneidig zu nennen. Auch die Dirndln des Heimatvereins sind schön anzusehen, soweit ein fesches Mädel drin steckt.
Fesch ist noch immer fesch, damals wie heute.
Auch Eleganz erkennt man gleich, egal aus welcher Zeit sie stammt. Stilvoll ist zeitlos. Geschmackvoll ist zeitlos. Nur Moden ändern sich, werden alt oder hässlich, einfach unansehnlich, selbst wenn sie ein Comeback erleben in etwas veränderter Form, die nicht lange währt. Der Ausspruch weg vom Fenster kommt ihm dabei in den Sinn. Einst die Huster betreffend aus dem Bergbau mit ihren Staublungen. Am offenen Fenster stehend rangen sie nach Luft. Irgendwann starben sie verfrüht, meist an ihrer kranken Lunge, die in ihrem harten arbeitsreichen Leben mit zu viel Feinstaub malträtiert wurde. Dann waren sie weg vom Fenster und hatten ihre Ruhe vor der quälenden Atemnot.
Weg vom Fenster!
Moden sterben, Zeitloses nicht. Der Aberglaube stirbt viele Tode. Das Religiöse hingegen stirbt nicht aus. Es ist in allen Völkern noch immer vorhanden. Vermutlich weil es erkennbaren Wert hat. Es ist etwas daran, das mit Sinnen erfasst wird und einem Bedürfnis Ausdruck verleiht. Tassilo muss sich eingestehen, dass auch diese Zeremonie momentane Auswirkung auf ihn hat, wenn er sie zulässt und nicht ablehnt. Dabei ist die Ablehnung der christlich geprägten Religion weit verbreitet in der abendländischen Gesellschaft. Sie ist es geworden im Laufe der letzten Jahrzehnte. Religiös wird oftmals mit falsch verstandenem Christentum verbunden. Ein heuchlerisches Sonntagschristentum, mit Kirchgängern, die zum Tratsch ausziehen, nicht zur Nächstenliebe, so die Vorstellung, wie sie klischeehaft in manch alten Filmen transportiert wird. Böse Menschen, die ihre Lust daran haben zu streiten und den Andersartigen oder Fremden zu schädigen. Ein Christentum mit Heuchlern sogar im Verantwortungsbereich, wie man neuerdings hört, begleitet von Skandalen und Verbrechen. Eine Religion, die ausgedient hat und doch nicht ausdienen kann. Die getragen von höheren Mächten weiterdient und ihren Samen auswirft, von dessen Ertrag sie sich nährt und hält, vorweg mit Frommen und Ernsthaften, auch mit Pfarrern, die Hände zum Gebet erheben und zum Segen ausstrecken, damit es jenen, die das in Anspruch nehmen, zum Segen gereicht.
Tassilo ist kein religiöser Mensch. Er war es nie gewesen. Er beobachtet bloß, schaut und stellt dann Fragen, zuerst an sich selbst. Doch heute ist kein guter Tag für Fragen. Er hat einen schweren Kopf. Es sind vermutlich die Auswirkungen des ungewohnten Alkoholkonsums, obwohl er nur Bier trank, dem er am Ende Wasser beimischte. Dennoch beschäftigen ihn Gedanken, wie damals schon in seiner Jugendzeit, als er fremd in die Stadt kam und mit den Gebräuchen konfrontiert wurde. Seine späteren Kameraden konnte er nicht fragen, die just im Begriff waren, sich allesamt von diesen Bräuchen abzukehren. Sie wollten davon nichts wissen, weder von den weltlichen noch von den kirchlichen. Sie schienen gar, sich dieser Bräuche zu schämen. Als Abiturenten und angehende Studenten fühlten sie sich einer nicht christlichen Spiritualität näher und befassten sich mit Zen Buddhismus und Meditation. Christlich schien verstaubt. Es passte nicht zum intellektuellen Bestreben, dem man sich verpflichtet sah. Und wenn schon christlich, so musste es einer gewissen Intellektualität entsprechen, um einigermaßen akzeptiert werden zu können, ja, um nicht veraltet rüber zu kommen. Ein frischer Wind sollte hinein blasen in die abgenützten, vom Staub bedeckten Strukturen, was durchaus nicht schlecht ist. Doch ähnlich wie gewisse Kunstkenner Gemälde interpretieren und schlichte Darstellungen mit Gedankenblähungen überziehen, überzogen einige Theologen die Bibel mit menschlichem Intellekt, dass dieser allein übrig blieb und die Bibel darunter gänzlich verschwand.
Bezwungen wurde sie nicht, betonte Karl, ein Freikirchler, der ab und zu Tassilo aufsucht, um mit ihm über den Glauben zu sprechen.
Seine Gedanken bringt er in getragener Form zum Ausdruck, manchmal wie ein Redner auf der Bühne. Der Raum wird durchdröhnt von seiner ausgeprägten Stimme, die zwar abzusenken ist, die aber nicht wirklich leise sein kann. Das kommt nicht überall gut an. Und schon gar nicht beim Stammtisch, den sie einmal pro Woche in einem Wirtshaus abhalten und an welchem Karl bisweilen teilnimmt. Die missfallenden Blicke, die er dabei erntet, entgehen ihm nicht. Er weiß, dass er mit seiner christlichen Überzeugung mitunter Ärgernis erregt. So lässt er nur hin und wieder seine Meinung einfließen. Ansonsten lehnt er sich zurück und schaut in die Runde, bemüht, freundlich zu sein. Beim Besuch in Tassilos Wohnung saß er mit übereinander geschlagenen Beinen im Sessel und dachte eine Weile nach, bevor er zu weiteren Ausführungen anhob.
Überhaupt scheint sie nicht bezwingbar zu sein, fügte er hinzu.
Unter all den Sauerstoff entziehenden Gedanken keime sie hervor, atme sich in die Welt hinein, immer wieder Triebe bildend. Das läge in ihrer geistlichen Natur, denn sie sei Nahrung für den Esser. Und sie sei wie der Baum des Lebens, dessen Früchte Ewigkeit garantierten.
Sie ist für jeden zur Verfügung und bleibt meist unbeachtet.
Ein Buch zu essen ist nun mal schwierig, wandte Tassilo ein und unterband damit Karls Pathos.
Wie soll das auch gehen, murmelt er und verspürt sogleich Hunger. Zum Glück hat er ein Frühstück mitgebucht und freut sich darauf. Aber noch kann er den Blick nicht vom Fenster wenden. Noch ist er fasziniert von dem, was sich da unten abspielt. Es ist, als sei die Zeit stehen geblieben in diesen Bräuchen, die ihn an seine Jugend erinnern und auch an den Tag, als sein Vater ihn hierher brachte, der im Zuge seiner Ingenieurstätigkeit ins Ausland versetzt wurde. Er musste für einige Zeit nach Hongkong und konnte den Sohn nicht mitnehmen, dessen Mutter seit vielen Jahren als verschollen galt. Er wandte sich an die Schwiegereltern, die im Osten Bayerns lebten. Sie waren sofort bereit, den Enkel bei sich aufzunehmen. Tassilo erinnert sich, als er hier ankam, direkt aus der großen Stadt. Mehr als vierzig Jahre ist es her. Aufs Land, höhnte der damals fast Siebzehnjährige. Zu den Hinterwäldlern! Dort musste er in die Schule. Es gab kein Gymnasium im Ort. Das war dreißig Kilometer entfernt. Das hieß, vor sechs Uhr aufstehen. Das war tägliche Pflicht, damit der Zug, der pünktlich um dreiviertel sieben im Bahnhof einfuhr und sich kaum aufhielt, noch erreicht werden konnte. An seinem ersten Schultag war er frühzeitig da. Er wartete auf dem Bahnsteig und besah sich die Mitreisenden. Die meisten waren Schüler in allen Altersgruppen weiterführender Schulen, angefangen von den Zehnjährigen bis hin zu den Abiturenten und Realschülern. Auch Berufspendler fuhren mit. Es gab zwar keinerlei Sitzordnung, dennoch kannten alle ihre Plätze, die nicht immer die gleichen waren, jedoch immer im gleichen Umfeld eingenommen wurden. Er erinnert sich genau, wie er abseits stehend auf den Zug wartete und die Leute beobachtete. Immer mehr hetzten hinter der alten Bahnhofsmauer heran, schnaufend und im Gesicht glühend. Sie gesellten sich sogleich zu ihren Gruppen, denen sie angehörten, gebildet aus Schülern, die sich untereinander gut kannten und erregt miteinander plauderten und lachten. Die Müdigkeit des frühen Aufstehens wich der Kühle des frischen Morgens, in den sie täglich hinaus mussten, um mit anderen die Zugfahrt anzutreten. Es waren meist dieselben, die mitfuhren. Tassilo wurde sofort entdeckt. Viele Blicke gingen hin zu ihm, der sich wenig daraus zu machen schien. Ungewöhnlich sah er aus in seiner Kleidung, die auf dem Land noch nicht in Mode war. Die Mode kam damals zeitversetzt in die ländlichen Regionen. Tassilo wusste das und gab sich selbstbewusst, beinahe arrogant. Erst musste er prüfen, ob er sich mit den Landeiern überhaupt abgeben wollte. Da erschien hinter der Mauer eine Frau. Es dauerte eine Weile, bis sie von den anderen wahrgenommen wurde. Sie stießen sich gegenseitig an, um auf sie aufmerksam zu machen. Einige lachten. Sie sah nicht wirklich verwahrlost aus und erweckte dennoch den Eindruck, als würde sie obdachlos sein. Ihre Haare waren lang und wirkten ungepflegt. Sie trug ein bauschiges grobes Baumwollkleid. Darüber hatte sie eine Jeansjacke gestreift. Ihre Füße steckten in braunen Westernstiefeln. Sie ging zum Zigarettenautomaten, der neben der Flügeltür zur Bahnhofshalle angebracht war, sich im Pulk der jungen Leute umsehend. Als sie an Tassilo vorüber kam, schaute sie ihn an, erschrocken und ängstlich. Ihn irritierte dieser Blick. Er blinzelte und wandte sich ab. Sie zog sich ein Päckchen Zigaretten aus dem Automaten und verschwand.
Der Zug fuhr pünktlich ein. Es waren burgunderrote Großraumwaggons aneinander gereiht, mit hellen Fensterscheiben, die eine Oberlichtung zum Kippen hatten. Quietschend hielt die Bahn. Alle stiegen zügig die Stufen zu den Waggons hinauf, beeilten sich. Dafür sorgte der Schaffner, der Trödelnde und Nachzügler zur Eile trieb und sogleich die Trillerpfeife blies, kaum dass die Türen geschlossen waren, die kräftig zugeschlagen werden mussten. Im Innern war es geräumig. Die dunkelroten Sitze aus Kunstleder waren schnell besetzt. Wenn möglich, wurden Plätze freigehalten für diejenigen, die später zusteigen würden. Füllte sich das Abteil unerwartet rasch, ging das Platzhalten nicht. Aber zu dieser frühen Uhrzeit war das eher selten der Fall. Tassilo setzte sich in eine Viererbank, der Sitz neben ihm blieb frei. Von den Gegenübersitzenden wurde er von Zeit zu Zeit verstohlen angeschaut. Ansprechen mochte ihn niemand. Er hatte es auch nicht erwartet. Und so sah er aus dem Fenster in die vorüber fliegende Umgebung hinaus. Dabei kam ihm die Frau in den Sinn, die hinter der Mauer noch einmal hervor gekommen war, bevor der Zug abfuhr. Sie hatte ihn direkt angesehen, und es war ihm dabei unheimlich zumute geworden. Freilich war er fremd in der Stadt und wurde von vielen gemustert. Doch ihr Blick war anders, der beinahe flammend auf ihn geheftet blieb. Was wollte sie von ihm? Er schüttelte den Kopf und beschloss, nicht mehr an sie zu denken. Und so griff er nach seiner Schulmappe und holte einen Plan hervor, den er gründlich zu studieren begann. Er wusste, dass die anderen ihn nun anschauten, ohne befürchten zu müssen, dass sein arroganter Blick sie traf. Sie beobachteten ihn ausgiebig. Selbst seine Schultasche war interessant und ähnelte einer schlanken Collegemappe aus weichem abgegriffenen Leder. Die vielen Schulbücher würde er dort nicht unterbringen können. Mancher fragte sich, was er damit überhaupt wollte. Schon als er sie zur Hand nahm, überlegte der eine oder andere, was er als nächstes tun würde und wünschte sich insgeheim vielleicht auch so eine moderne Tasche, die einen Intellektuellen gut kleiden konnte, für einen Schüler jedoch völlig unpraktisch war. Tassilo registrierte ihre Blicke, strich die dunkelbraunen halblangen Haare aus der Stirn und nahm sich den Plan vor. In Weiden ankommend, würde er fragen müssen, wo die Haltestelle der Busse sei. Und auch, welcher Bus zu seinem Gymnasium fahre. Jetzt zu fragen machte für ihn keinen Sinn. Er konnte sich den Bahnhofsplatz überhaupt nicht vorstellen, wusste nicht, wie groß oder unübersichtlich er sein würde. Vielleicht stünden die Busse ja bereit. Auf jeden Fall wusste er laut Plan, in welche Richtung es ging. Und das war schon mal eine Hilfe.
Als er sich am späten Nachmittag wieder auf dem Heimweg befand und aus dem Fenster in die gleiche Umgebung hinausblickte, war er sehr zufrieden mit sich. Die Schule zu finden erwies sich leichter als gedacht. Es war nahezu problemlos. Das lag sicherlich auch an seiner souveränen Art, überlegte er. Wie locker er sich nach den Bussen erkundigt und sogleich behilfliche Antwort bekommen hatte! Ebenso mühelos fand er sich in die Klasse ein. Er wählte sich einen Platz in den vorderen Reihen, unmittelbar an der Wand sitzend, der er den Rücken kehrte. Ein Arm baumelte lässig über der Stuhllehne, der andere lag ruhig auf dem Tisch. Der Klassenlehrer schrieb ein paar wichtige Informationen an die Tafel, die er auf ein Blatt Papier kritzelte, das er aus seiner Mappe nahm. Selbst beim Schreiben änderte er seine Haltung nicht und konnte, so an die Wand gelehnt, aufschauend alle beobachten. Auf den ersten Blick hin interessierte ihn niemand. Sein Image als Einzelgänger würde er vermutlich aufrechterhalten. Das stand ihm am besten zu Gesicht, urteilte er. Dabei hatte er einst etliche Freunde gehabt, mit denen er manche Nachmittage zubrachte. Auch zum Basketball war er häufig verabredet. Oft saßen sie nach dem Spiel zusammen und redeten bis in die anbrechenden Dunkelheit hinein. Einen besten Freund hingegen hatte er nie. Allerdings war er später in bestimmten Cliquen sehr willkommen. Selbst in der letzten wurde er gerne aufgenommen. Sie bestand größtenteils aus Erlesenen, die eine ungeäußerte Anforderung an Aussehen und Verhalten voraussetzten, ihre Mitglieder betreffend. Modern und arrogant mussten die Akzeptierten sein, Gymnasiasten, und aus keinem armen Haushalt stammend. Sie fühlten sich als Elite und definierten sich als solche. Im Grunde waren es junge Menschen wie alle anderen. Sie gingen Freundschaften ein und Liebschaften, aus denen sich reichliche Verwicklungen und Eifersuchtsdramen ergaben. Nur die stets nach außen getragene Überheblichkeit unterschied sie vom Rest der Schüler. Tassilo war durch Erika in die Gruppe gekommen. Sie ging in die Parallelklasse und hatte sich mit ihm angefreundet. Später verliebte er sich, doch sie reagierte nicht wirklich auf sein Werben. Sie schien es zu ignorieren, obwohl sie ihn oft kontaktierte und mit ihm zusammen sein wollte. Er glaubte, ihr Zeit lassen zu müssen, bis er erkannte, dass sie einen anderen liebte. Das war hart für ihn, fast unerträglich. Tag und Nacht dachte er an sie. Beinahe hasste er sie dann und flüchtete sich in seine Arroganz, die er sich angeeignet hatte durch das Beobachten der Geübten. Er trieb es so weit, dass er sich immer mehr abzugrenzen begann, auch von der selbst ernannten Elite, zumal er deren profanes Innenleben zu durchschauen glaubte. Eine gähnende Leere ahnte er in ihrer schillernden Seifenblase, die bunt anzusehen war, jedoch irgendwann platzen würde. Und so distanzierte er sich von der Gruppe, vermutlich allein wegen Erika. Wäre sie an seiner Seite gewesen, hätte man ihn irgendwann zu einem der Ranghöchsten erkoren. Daran zweifelte er nicht. Zwar gab es keine ausgesprochene Hierarchie, dennoch war die Rangfolge klar, ohne dass ein Wort darüber verloren wurde. Denn wer das Sagen hatte, das stand unbestreitbar fest. In diese obere Rangfolge wäre er gekommen, mit Erika neben sich. Doch die war an Günther interessiert, dem ohnehin alle Mädchenherzen zuflogen. Er war nett und zuvorkommend, und er hatte Manieren. Er fühlte sich absolut privilegiert und zeigte es auf natürliche Weise mit einem Anspruch, der allgemein akzeptiert wurde, auch von den Nichtprivilegierten. Er hatte das herablassende Getue nicht nötig und schien, er selbst zu sein. Das beeindruckte Tassilo, der ihm von Anfang an imponierte. Er wollte sich dieses Verhalten zu eigen machen, was ihm schwerlich gelang, da er ein völlig anderer Typ war. Im Prinzip neigte er zur Schüchternheit, die er nicht ausstehen konnte und die er sich abtrainieren wollte. Er versuchte, mit modisch lässiger Kleidung, die ihm sein Vater kaufte und nicht verwehrte, das zu überspielen, was er sich eigentlich nicht verzieh, und hoffte, mit aufgesetzter Überheblichkeit, andere einzuschüchtern. Das gelang ihm aber nur, wenn er auf Distanz blieb und niemanden an sich heran ließ. Er zog sich zurück. Aufgrund seiner Enttäuschung mit Erika blies er diese Einsamkeitsblase immer weiter auf, in die er sich grollend hineinhockte. Und diese Phase hätte sicher noch länger angehalten, wäre nicht das Angebot für seinen Vater gekommen, nach Hongkong zu gehen, was zur Folge hatte, dass er nun zwei Jahre in einer entfernten Gegend bei den Großeltern zubringen musste. Die Verzweiflung über seine enttäuschte Liebe ließ ihn nicht lange zögern und so nahm er kurz entschlossen den Vorschlag an. Im Prinzip war es Erika, die ihn hierher trieb. Er wollte sie nicht mehr sehen, sich nicht mehr mit ihr konfrontieren. Er hasste es, wenn sie Hand in Hand mit Günther vorbeischlenderte, lachend, glücklich. Er hatte bereits überlegt, wie er zukünftig eine Begegnung vermeiden könnte und war sogar bereit, das Gymnasium zu wechseln. Und dann kam der Ausweg ganz von allein. Obwohl es ihn schmerzte, seinen Vater auf so lange Zeit im Ausland zu wissen, kam ihm das nun gerade recht. Er schätzte ihn, gab viel auf sein Wort, dachte über das nach, was er ihm riet, selten genug, weil sie wenig Zeit miteinander verbrachten. Auch unternahmen sie kaum etwas zusammen und hatten kein übliches Vater Sohn Verhältnis, wie er das in befreundeten Familien oft beobachten konnte. Um ihn gekümmert hat sich die Haushälterin in all den Jahren seiner Kindheit. Sie betreute ihn am Nachmittag. Meist blieb sie bei ihm, bis sein Vater nach Hause kam mit reichlich Arbeit, die er sich mitbrachte. Die Wünsche, die Tassilo äußerte, wurden ihm erfüllt, sofern es möglich und angemessen war. Auch das schätzte er an ihm. Selten wurde ihm etwas verwehrt, was sicherlich mit daran lag, dass er in seiner vernünftigen Art nicht mehr verlangte oder wünschte, als was für seinen gut verdienenden Vater erschwinglich und nachvollziehbar war. Sie standen sich durchaus nahe, hegten jedoch keine sonderlich herzliche Verbindung zueinander. Trotz der pragmatischen Übereinkunft zwischen ihnen, war der Vater immer da und gab ihm eine gewisse Sicherheit. Er konnte sich auf ihn verlassen, befand ihn zuverlässig und sein Wort haltend. Es machte ihm Angst, ihn so weit entfernt zu wissen. Außerdem kannte er die Großeltern kaum. Ein- zweimal war er vielleicht bei ihnen gewesen. Und nun sollte er dort wohnen? Es war ihm sonderbar ums Herz geworden, als er Abschied nehmen musste in den Ferien. Es war Hochsommer. Der Vater unterhielt sich eingehend mit den Großeltern, während Tassilo hinauf in die Mansarde stieg. Als er die Tür öffnete, stöhnte er auf vor Missfallen. Er wusste, dass sich die Großeltern Mühe gegeben hatten. Sie wollten ihm ein schönes Zimmer bieten und hatten eigens eine Einrichtung für ihn gekauft. Ein Bett, einen Kleiderschrank, einen Schreibtisch mit Stuhl und eine Kommode. Alles passte zusammen, in heller Fichte, mit dunkelbraunen Beschlägen. Billig, das sah er gleich, und wie aus dem Katalog. Ein Katalogzimmer, so nannte er es hinfort. Er würde ein paar Poster aufhängen und Bücher ins Regal stellen. Mehr konnte er nicht tun, um das Zimmer angemessener zu gestalten. Nicht mal durch Unordnung würde er einen individuellen Stil hineinbringen können. Seine Oma würde aufräumen, da war er sich gewiss. Und tatsächlich glich sein Schreibtisch von nun an dem Sterilen einer Schaufensterdekoration, in der alles symmetrisch angeordnet war, was gebraucht wurde, staubfrei. Er ahnte es bereits bei seiner Ankunft und setzte sich seufzend auf das Bett. Dann kam der Vater die Stufen hoch, klopfte an die Tür und trat ein. Er sah sich um.
Ist doch nett, befand er und öffnete das Fenster. Sogar mit Blick auf den schönen Garten. Sieh mal die Rosen dort unten!
Doch Tassilo interessierten keine Rosen. Er wünschte sich sein Zimmer zurück, das ausgestattet war mit einem zeitgemäßen Mobiliar und mit all den Sachen, die ihm wichtig waren und die eine Atmosphäre erzeugen konnten, die er sich selbst geschaffen hatte. Damit war er sogar in seiner früheren Clique angesehen gewesen, die es als groovy befand und manches Inventar bestaunte. In dieses Zimmer hingegen könnte er keinen aus dem Zirkel einladen. Sie würden ihn verspotten, nein schlimmer noch, sie würden gar nichts sagen, nur ihre Blicke schweifen lassen und sich alsbald verabschieden. Er wäre erledigt. Im Moment jedoch kümmerten ihn die ehemaligen Freunde wenig. Nur an Erika dachte er aus Gewohnheit. Er malte sich aus, wie sie am ersten Schultag nach ihm Ausschau hielte. Wie sie den einen oder anderen fragen würde und schließlich zur Antwort bekäme, er sei weg.
Wohin?
Schulterzucken.
Aber jemand muss ja wissen, wo er ist!
Niemand wusste es. Abgemeldet wurde er von seinem Vater. Er selbst informierte keinen seiner ehemaligen Kameraden. Er hatte sich soweit abgeschottet und isoliert in der letzten Zeit, dass es ihm nicht notwendig erschien. Nun wollte er hier gänzlich neu anfangen, selbstständiger werden, auch erwachsener. Längst war der Groll aus seinem Herzen gewichen. Und die gewählte Einsamkeit führte in eine Melancholie, die ihm angenehm war. Er musste Orientierung finden und eine akzeptable Rolle für sich, die er annehmen konnte. Den Landeiern gegenüber fühlte er sich von vorneherein überlegen. Er würde sie aus großer Distanz betrachten, bevor er sich vielleicht mit ihnen abgäbe, obwohl sein Inneres sich nach Kameradschaft und Gesellschaft sehnte. Er spürte das, während der Vater noch im Zimmer war und mit ihm redete. Bald würde er daraus verschwinden und ihn allein zurücklassen. Er versuchte das Gefühl von Verlassenheit zu unterdrücken und die Chance aufs Erwachsenwerden zu ergreifen. Das erzeugte in ihm einen großen Ernst, den er ganz und gar für sich in Anspruch nahm und der ihm den Abschied erleichterte. Es war eine riesige Herausforderung, der er sich freiwillig stellte. Und er würde diese Herausforderung meistern, das wusste er innerlich und freute sich darauf. Vielleicht würde es interessant werden, und das ließ ihn trotz es Ungewohnten aufatmen.
Die restlichen Ferien vergingen wie im Fluge. Sie waren ausgefüllt mit Vorbereitungen auf das Kommende und Neue. Mit einer gewissen Spannung hatte er den ersten Schultag erwartet, der nun fast vorüber war als er sich im Zug sitzend auf dem Heimweg befand. Er verharrte dem Fenster zugewandt, während sein Blick immer wieder zu den Gruppen glitt, die auf den Bänken zusammen saßen. Etliche schienen in seinem Alter zu sein. Sie hatten viel zu erzählen und lachten dabei. Manches, das er aufschnappte, war tatsächlich witzig, sodass er schmunzeln musste. Einmal lachte er sogar laut auf, besann sich aber und schaute ernsthaft aus dem Fenster. Lachen in Gegenwart anderer fand er stillos und Image schädigend. Immerhin war er beinahe siebzehn und kein Pubertierender mehr.
Zuhause wollten die Großeltern wissen, wie es war. Er gab sich redekarg, meinte nur, dass alles prima geklappt hätte. Wie denn die Mitschüler seien? Ob er sich mit jemandem angefreundet hätte?
Gefällt dir die Schule?, fragten sie.
Er zuckte die Achseln. Bremen ist es freilich nicht, aber es wird schon gehen.
Tassilo zieht die Gardine zurück und öffnet das Fenster. Er beugt sich hinaus und schaut, ob er in der Prozession jemanden erkennen kann. Schon gestern, als er im Wirtshaus saß und mit ein paar Leuten ins Gespräch kam, fing er an, sich nach dem einen oder anderen zu erkundigen.
Der moint den Odlhofbauern, rief einer laut in die Runde, erfreut darüber, den Gesuchten erraten zu haben.
Der hat sei Sach dem Sohn übergeben, bekam er Auskunft. Der macht auf Biobauer. Er selbst hat noch gut zu tun.
Von den anderen wusste er die Namen nicht mehr, nur die ehemaligen Spitznamen, unter denen sie damals bekannt waren.
Kennt ihr den Fizzi?, fragte er.
Fizzi, Fizzi? Sie schüttelten die Köpfe, stießen sich gegenseitig an.
Kennst du aan Fizzi?
Naa, lautete die Antwort.
