Die Idee der Kapitalneutralisierung - Michael Heinen-Anders - E-Book

Die Idee der Kapitalneutralisierung E-Book

Michael Heinen-Anders

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Beschreibung

Wege zur Unternehmensreform in humanistischer Absicht.

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INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung und Methode

1.1. Einführung in das Thema

1.2. Vorläufige Forschungsthesen (=Hypothesen), Problemstellung und Fragestellung

1.2.1. Problemstellung

1.2.2. Fragestellung

1.2.3. Hypothesen

1.3. Methodische Herangehensweise

1.4. Wirtschaftsethik vs. Wertfreiheitspostulat

1.5. Kritischer Rationalismus vs. Kritische Theorie

1.6. Letzter Forschungsstand

Das Eigentum an den Produktionsmitteln in privater Hand und seine Problematik

2.1. Legitimationsprobleme

2.2. Lösungsansätze

Vom „selbstverwalteten Betrieb“ zur „Kapitalneutralisierung“

Die Idee der Kapitalneutralisierung nach Ota Sik

4.1 Idee

4.2. Praktische Resultate

4.3. Würdigung dieses Ansatzes

Die Idee der Kapitalneutralisierung nach Folkert Wilken

5.1. Idee

5.2. Praktische Resultate

5.3 Würdigung dieses Ansatzes.

Synthese beider Ansätze

6.1. Das Aufeinandertreffen beider Ideen in der Achberger Schule

6.2. Praktische Resultate

6.3. Würdigung der Synthese

Beispiele erfolgreicher kapitalneutralisierter Unternehmen

7.1. Modell HOPPMANN

7.2. Scott-Bader Commonwealth

7.3. Die WALA-Stiftung

7.4. Neuguss Verwaltungsgesellschaft

Weshalb der Property-Rights-Ansatz zur Kategorisierung der Kapitalneutralisierung nicht taugt

Auswertung und Theoretischer Ausblick

Literaturverzeichnis

Autobiographische Notiz

1. Einleitung und Methode

1.1. Einführung in das Thema1

Schon die übliche Unternehmensbilanz mit Aktiva und Passiva weist bei genauer Betrachtung auf das Abstrakte des geltenden Eigentumsrechts hin.

Der Produktionsmitteleigentümer hat das alleinige Verfügungsrecht (von Sonderfällen abgesehen) über das (aktivische) Vermögen, besitzt jedoch meist nur eine Minorität am gesamten (passivischen) Kapital. Mithin ist er in Wahrheit weniger Besitzer, als Schuldner, nicht nur gegenüber den Fremdkapitalhaltern (Gläubigern), sondern mehr noch gegenüber der Gesellschaft, die ihm mit ihren materiellen und immateriellen Vorleistungen (z.B. in Form von Infrastruktur, gut ausgebildeten Mitarbeitern, erschlossenen Gewerbegebieten, Grundlagenforschung) erst die Voraussetzung der Wertschöpfung des Unternehmens bereitstellt.2

Nicht selten sind Erben der Untergang auch durchaus erfolgreicher Unternehmen, wenn der Senior (oder Patriarch), denn das Ruder aus der Hand gibt. Nicht wenige erfolgreiche Familienunternehmen mussten im Zuge des Generationswechsels Insolvenz anmelden.

3

„Gesucht werden Nachfolger mit bestimmten Eigenschaften. Gerade weil Mittelbetriebe häufig stark um die Person des Eigentümer-Unternehmers herum organisiert sind, reproduzieren sie laufend die Bestätigung dafür, dass die Person dieses Eigentümer-Unternehmers zentraler Erfolgsfaktor ist.“4 So jedenfalls lautet berechtigterweise die Eigenschaftstheorie der BWL. Doch kann die Kontinuität gerade auch in der Diskontinuität bestehen.5

Wenn der Senior – der Patriarch – gegangen ist, dann stellt sich die Frage weiteren Unternehmenserfolgs stets aufs Neue.6

Doch auch, wenn die Fortführung des Familienunternehmens gelingt, ist die Erbschaft eines ganzen Unternehmens zumindest moralisch anrüchig, im Vergleich zu den vielen, die nichts erben.7

Den Nicht-Erben bleibt angesichts des Warencharakters der Arbeit8 nur die Möglichkeit in unlauterer Konkurrenz9 zum Kapitaleigentümer seine Arbeitskraft auf dem sogenannten „freien“ Arbeitsmarkt „mit Haut und Haar“ zum Verkauf anzubieten. Dies schafft eine gefährliche Asymmetrie zwischen den ökonomisch Vermögenden und der sozialen Schicht der „Habenichtse“. 10 Daraus resultiert letztlich unter den Bedingungen der weltweiten Globalisierung auch eine immer weiter um sich greifende Erosion der klassischen „Normalarbeitsverhältnisses“11 speziell in Deutschland12, aber auch in vielen weiteren Staaten der EU.13

Nicht selten steht die Sozialbindung des Eigentums (Art 14 II GG) bloß auf dem Papier.

Trotz vielfältiger externer Effekte (z.B. Umweltverschmutzung und krankmachende Arbeitsbedingungen)14 der Unternehmenstätigkeit gilt für das Eigentum an Produktionsmitteln nach wie vor der (unausgesprochene) Grundsatz: Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste15 und der sozialen Kosten16. Dies gilt insbesondere mit zunehmender Größe der fraglichen Unternehmen.17

Auch die Abschottung von Märkten18 und die Bildung von Monopolen19 (und auch Oligopolen20) bildet ein wesentliches Hindernis für ein zuträgliches wirtschaften im Interesse der gesamten Volkswirtschaft.21

Oft werden neue Ideen von alteingesessenen Anbietern ausgebremst, statt gefördert. Denn wesentlich für ein reibungsloses integrieren von wirklichen Innovationen ist die Offenheit von Märkten. Diese wird aber häufig im Zuge der realen Machtverhältnisse an Märkten verhindert22 bzw. sabotiert23, denn wirkliche Innovationen stören bekanntlich das „Altbewährte“.24

Stattdessen geistert das „überzählige“ Kapital25 im heutigen Finanzkapitalismus durch virtuelle Anlageräume mit dem Ziel größtmöglicher Rendite, die sich aber oft nicht erfüllen lässt.26

„Das Problem, was mit dem vielen Geld im Eigentum weniger geschehen soll wird ständig größer. Darin liegt die Crux der heutigen Wirtschaftsordnung.“27(Sahra Wagenknecht).

“Soll die Demokratie eines Tages die Kontrolle über den Kapitalismus zurückgewinnen, wird man zuallererst von dem Prinzip ausgehen müssen, dass die konkreten Formen der Demokratie und des Kapitals wieder und wieder neu zu erfinden sind.“28 (Thomas Piketty).

1.2. Vorläufige Forschungsthesen (=Hypothesen), Problemstellung und Fragestellung

1.2.1. Problemstellung

Wie sich bereits an der zunehmenden Erosion des Normalarbeitsverhältnisses zeigt, wird unsere Arbeitswelt immer mehr von den Folgen der Deregulierung unter der Bezeichnung „AGENDA 2010“ erfasst, was Ulrich Beck zu dem Titel „Schöne neue Arbeitswelt“29 veranlasste.

Gleichzeitig sind die Folgen der weltweiten Globalisierung und der weltweiten Finanzkrise heute für jeden sichtbar.

Es stellt sich die Frage: Gibt es Reformansätze, aus der Gegenwart oder etwa auch aus dem 20. Jahrhundert, die geeignet wären, die hervorstechenden negativen gesellschaftlichen Tendenzen im Bereich der Wirtschaft und Arbeitswelt zumindest teilweise zu korrigieren, ohne gleichzeitig einen totalitären Anspruch, wie unter dem ‚real existierenden Sozialismus’ oder auch dem ‚kulturellen und gesellschaftlichen Niedergang unter dem Nationalsozialismus’, zu entfalten?

Wie in der Einleitung zum Thema bereits gezeigt, kristallisieren sich viele heutige Probleme der Wirtschaftsordnung am Zugang zu den Produktionsmitteln, also zum Kapital.

Als eine wesentliche Reformidee zur Lösung dieser Probleme und auch der Auflösung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit bietet sich die Kapitalneutralisierung an.30

Mit der Neutralisierung des Kapitals soll im Grunde das gesellschaftlich vorherrschende Nutzungsmuster des Kapitals entkräftet werden; den individuellen Genusserwartungen des Kapitaleigentümers soll ein Schnippchen geschlagen werden. Die Folge: „Das Kapital gehört sozusagen sich selbst.“ (Armin Höland).31 In der Folge wäre eine Spekulation mit den Kapitalwerten, die niemandem gehören, außer sich selbst, sinnlos.32

Allerdings gelingt eine solche Reform auch nur dann, wenn eine Idee aus einem Guss dahintersteht. Bislang gibt es dazu einen Top-Down-Ansatz (Ota Sik) und einen Bottom-up-Ansatz (Folkert Wilken).

Es geht in dieser Forschungsarbeit darum eine Verbindung dieser zwei sich unterscheidenden Ideen zur Kapitalneutralisierung33 zu einem ganzheitlichen Ansatz durchzuführen.

In der Organisationsentwicklung34 wurde zur Harmonisierung des Top-down- und des Bottom-up-Ansatzes das „Gegenstromverfahren“ (Herbert Witzenmann)35 eingeführt.36

Dieses gilt es auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen.37

Ferner geht es darum, wie derartige Ansätze realisierbar sind.38

1.2.2. Fragestellung

Es stellt sich die Frage, ist die Kapitalneutralisierung auch für die Gesamtwirtschaft als Reformansatz durchführbar und hilfreich – und welche Vorbilder gibt es dazu?

1.2.3. Hypothesen

“Kapitalneutralisierte Unternehmen sind weniger insolvenzanfällig, als Unternehmen in ausschließlichem Privatbesitz.“39

“Kapitalneutralisierte Unternehmen sowie Unternehmen in Selbstverwaltung profitieren stärker von Kooperationen mit gleichartigen Unternehmen, als Normalunternehmen.“40

“Die Humanressource Mensch kommt hinsichtlich ihres Fähigkeitspotentials und Selbstentfaltungspotentials in kapitalneutralisierten Unternehmen sowie in selbstverwalteten Unternehmen mehr zur Geltung, als in Normalunternehmen.“41

“Die Kapitalneutralisierung von Unternehmen ist unternehmensrechtlich, wie verfassungsrechtlich zulässig.“42

1.3. Methodische Herangehensweise

Es soll die qualitative Methode der Rekonstruktion nach Habermas43, Stegmüller44 und Kappler45 mit phänomenologischen Ansätzen46 sowie mit der diskursiven Hermeneutik nach Habermas47 verbunden werden, um so zu validen Forschungsresultaten zu kommen. Zu einer Fundamentalkritik des vorherrschenden positivistischen Szientismus und des kritischen Rationalismus siehe darüber hinaus den integrativen Ansatz von Paul Feyerabend48, der sich zuletzt dem Konstruktivismus etwa von Paul Watzlawick49 angenähert hat.

Eine Empirische Sozial- oder Wirtschaftsforschung vermag die benötigten Erkenntnisse nicht zu liefern, da sie lediglich „(wirtschafts-)historische Daten“50 liefert, wie Hans-Hermann Hoppe zeigt.51

Die Methode der lediglich quantitativen empirischen Sozialforschung bzw.

Wirtschaftsforschung zur Bestätigung der Forschungsthesen kommt aufgrund geringer Fallzahlen echt kapitalneutralisierter Unternehmen nicht in Betracht.52 Daher soll ergänzend eine Literaturauswertung durchgeführt werden.

1.4. Wirtschaftsethik vs. Wertfreiheitspostulat

Bei einer Darstellung und Diskussion der Kapitalneutralisierung als Alternative zu rein profitmaximierenden Unternehmen, kommt man nicht umhin die Frage des Wertfreiheitspostulats53 zu thematisieren. Letzteres steht im Gegensatz zu einer kritischen Theorie der Wirtschaftsethik54, welche sich in der Lage sieht Ziele und Methoden der Wirtschaftswissenschaften diskursiv-kritisch zu hinterfragen.

“ Die normative Logik des Marktes (…) ist nicht etwa ethisch neutral.“55 Denn: „Konsequent zu Ende gedacht mündet das Prinzip Markt in eine Ethik – oder vielleicht besser: eine Anti-Ethik – des Rechts des Stärkeren.“56

Eine kritische Theorie der Wirtschaftsethik kann mithin die ‚normative’ Vorgabe der Wertfreiheit nicht gelten lassen.

1.5. Kritischer Rationalismus vs. Kritische Theorie

Für den kritischen Rationalismus hingegen ist das Wertfreiheitspostulat unverzichtbar. Die Existenz von erkenntnisleitenden Interessen57 wird dabei ausgeblendet.

Hinsichtlich des kritischen Rationalismus ist zudem zu kritisieren, dass dieser die Erfassung und Planung der Gesellschaft als einer „Totalität“58 (Habermas) ablehnt, weshalb ein geplanter Wandel des Gesellschaftssystems nur mit der Methode des „Inkrementalismus“59 (Stückwerkstechnologie) in möglichst kleinen Schritten möglich sein soll60.

Die kritische Theorie hingegen hält evolutionäre Sprünge in der Gesellschaftsplanung für machbar.61

Daher sind Systemalternativen und auch ‚Dritte Wege’, wie ihn die Idee der Kapitalneutralisierung durchaus darstellt für den kritischen Rationalismus von vorneherein undenkbar.

Zwar ist die Idee der Kapitalneutralisierung, wie sie hier dargestellt werden soll, keine revolutionäre Idee, sondern muß evolutiv gedacht werden, doch der kritische Rationalismus Karl Poppers lehnt Systemutopien generell ab, da sie unter dem Verdacht zu stehen scheinen totalitäre Wirkungen entfalten zu können62. Doch eine fortschreitende Wissenschaft kann nicht auf das Denken in Alternativen verzichten, will sie nicht blind gegenüber notwendigen Veränderungen sein. „Aus der Lerntheorie ist bekannt, dass wir aus Fehlern lernen. (…) Ist diese Unterstellung nicht einlösbar und sind die Erkenntnisprozesse immer schon historisch und kulturell vor- oder zumindest mitgeprägt, bleibt für die Beurteilung von praktischen Erkenntnisbehauptungen – seien sie von sog. Wissenschaftlern oder sog. Praktikern – nur die Rekonstruktion ihres Zustandekommens.“63 In dieser Richtung soll auch die literaturgestützte Auswertung der Experteninterviews vorgenommen werden. Bislang verborgene, bzw. wenig bekannte Praxisalternativen sollen so erneut der weiteren Forschung zugänglich werden.

1.6. Letzter Forschungsstand

Die letzte verfügbare Dissertation zu dem Thema der Kapitalneutralisierung datiert von 1994.64 Sie berücksichtigt allerdings nur die Variante der Kapitalneutralisierung nach Ota Sik und lässt weitere wegweisende Ansätze, wie den von Folkert Wilken unbearbeitet zurück. Ein im Jahre 2013 erschienener Aufsatz65 zum Thema, welcher im wesentlichen auf einer wissenschaftlichen Seminararbeit aus dem Jahre 1985 basiert und den Ansatz von Folkert Wilken streift, berücksichtigt dagegen den Ansatz von Ota Sik nur unzureichend, so dass man hier in der Tat von einer Lücke der Forschung zum Thema der Kapitalneutralisierung sprechen kann.

1 Siehe auch teilweise gleichlautend: Michael Heinen-Anders: Dem Teufel auf der Spur…, BOD, Norderstedt 2012, S. 24 – 26 (Das Eigentumsproblem) und Michael Heinen-Anders: Kapitalneutralisierung als Dreigliederungsaufgabe – eine interdisziplinäre betriebswirtschaftliche Studie, BOD, Norderstedt 2013, S. 8 (Vorwort).

2 Vgl. Eugen Löbl: Wirtschaft am Wendepunkt, Köln – Achberg 1975, S. 46ff.

3 Vgl. W. Kaden: Die nichtsnutzigen Erben. In: DER SPIEGEL, 39. Jahrgang, Nr. 20, S. 90.

4 Ursula Schneider: Das Nachfolgeproblem als Familiendrama. In: Ekkehard Kappler/Stephan Laske (Hg.): Blickwechsel. Zur Dramatik und Dramaturgie von Nachfolgeprozessen im Familienbetrieb, Freiburg i.Br. 1990, S. 74.

5 Ekkehard Kappler: Geschichten zum Mythos von der Unternehmenskontinuität. In: Derselbe/ Stephan Laske (Hg.): Blickwechsel. Zur Dramatik und Dramaturgie von Nachfolgeprozessen im Familienbetrieb, Freiburg i.Br. 1990, S. 192ff.

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