Die im Gletscher singen - Markus Michel - E-Book

Die im Gletscher singen E-Book

Markus Michel

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Beschreibung

Nur noch der alte Hausbursche Robert wohnt in seiner Dachkammer im Gletscher-Hotel Palace. Die vornehmen Herrschaften kommen nicht mehr. Es könnte ja trotzdem sein, dass man jeden Augenblick nach ihm klingelt. Mit einem Koffer voll Fundgegenständen schmückt er einen umgedrehten Besen, der immer mehr zu einem seltsamen Wesen wird. Robert erzählt dabei mit Humor und einer Prise Ironie aus dem Leben des Hoteldirektors als ehemaliger Seifensieder und Kerzenzieher, seinem eigenen Leben, von Träumen und Alpträumen, den Hotelgästen, seinen Arbeitskollegen und den Bewohnern des Dorfes, erzählt, wie der Gletscher auf recht seltsame Weise zum Privatgrundstück des Hoteliers wurde, wobei die Gletscher­grotte, als Touristenattraktion eine «Goldgrube», zum Streit mit den Bauern der Umgebung führte. Doch selbst diese «Goldgrube» vermochte den Niedergang des Hotels nicht aufzuhalten.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Markus Michel

Die im Gletscher singen

Roman

Personen und Handlung sind fiktiv, wenn auch die Hintergründe dazu nicht völlig frei erfunden sind.

Impressum

© 2021 Edition Königstuhl

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden, insbesondere nicht als Nachdruck in Zeitschriften oder Zeitungen, im öffentlichen Vortrag, für Verfilmungen oder Dramatisierungen, als Übertragung durch Rundfunk oder Fernsehen oder in anderen elektronischen Formaten. Dies gilt auch für einzelne Bilder oder Textteile.

Bilder Umschlag und Inhalt:

Huguette Chauveau

Autorenfoto Umschlag:

Sebastian Michel

Gestaltung und Satz:

Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Bern

Lektorat:

Manu Gehriger

 

CPI books GmbH, Ulm

Verwendete Schriften:

Adobe Garamond Pro

ISBN 978-3-907339-06-0

eISBN 978-3-907339-21-3

www.editionkoenigstuhl.com

Für Huguette

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Autor und Verlag danken den nachfolgenden Bernischen Institutionen herzlich für Ihre geschätzte Unterstützung dieses Buches

1

Das Fenster ist einen Spaltbreit geöffnet.

Draussen scheint die Sonne. Ein paar Wolken am Himmel, ohne die Sicht auf die schneebedeckten Berggipfel zu verhüllen.

Der Wind weht vom Gletscher her um das alte Hotel Palace, dessen Fassade dringend renoviert werden müsste.

Der Wind flaut ab, lässt das Murmeln eines Baches hören, nimmt erneut einen Anlauf, wirbelt herum, flaut wieder ab.

Robert liegt mit Kleidern und alten Bergschuhen auf dem schmalen Bett in seiner Dachkammer im Hotel Palace.

Der alte Mann hat die Federdecke mit dem rotweiss karierten Bezug gegen die Wand geschoben.

Unter ihm eine Wolldecke und zwei Leintücher. Der Kopf ruht auf einem ebenfalls rotweiss karierten Kissen, dessen Farbe aber ziemlich verblasst ist.

Robert hat die Augen geschlossen.

Er trägt eine grobe, braune Hose, ein verwaschenes Hemd und einen Pullover.

Ein Lächeln huscht um die Mundwinkel des alten Mannes.

Er öffnet die Augen, schliesst sie wieder.

An der Wand oberhalb des Kopfes ein Brett, worauf ein grosses, altes Radiogerät steht.

Neben dem Bett ein Nachttisch mit einer Tabakspfeife und einer Stehlampe, die Glühbirne ohne Schirm. Ein Kabel schlängelt sich recht abenteuerlich zu einer Steckdose.

An der Wand gegenüber eine Kommode mit drei Schubladen.

Auf der Kommode eine Waschschüssel, ein Krug, eine Schale mit einer Kernseife, ein kleiner Spiegel und ein Wasserkocher.

Oberhalb der Kommode hängt an einem Nagel ein Kalender mit dem farbigen Bild eines Luxusdampfers.

Robert fährt mit der rechten Hand durch die Luft. Als möchte er etwas verscheuchen.

Mitten in der Kammer steht ein verdorrtes Weihnachtsbäumchen in einem Holzkreuz. Tannennadeln liegen verstreut auf dem Holzboden und selbst auf dem Bettvorleger. Dieser ist ziemlich abgewetzt, das farbige Muster darin ist kaum noch zu erkennen.

An der Tür ist auf Augenhöhe mit Reisszwecken die Hausordnung für das Dienstpersonal befestigt.

In einer Zimmerecke lehnt ein Besen an der Wand, in der andern Ecke eine Sense.

Und wieder huscht ein Lächeln um die Mundwinkel des alten Mannes.

Neben dem Fenster steht auf einem Schemel eine grüne Topfpflanze.

Die Sonne scheint schräg durch die Scheiben, bringt unzählige Staubkörner im warmen Licht glitzernd zum Tanzen.

An der Decke ein schwarzer Punkt.

Plötzlich bewegt er sich. Scheint sich zu bewegen. Es ist eine kleine, schwarze Spinne.

Es ist still in der Kammer.

Ein Knarren. Von irgendwo im alten Gebäude.

Hat es nicht geklingelt?

2

Hat es geklingelt?

Jeden Augenblick kann es klingeln.

Ja.

Robert setzt sich auf.

Trage immer die Schuhe an den Füssen.

Immer. Ich …

Weisst du …

Hat es nicht geklingelt?

Das Gehör lässt nach.

Natürlich, in der Nacht ziehe ich sie aus.

Kein Mensch geht mit den Schuhen ins Bett.

In der Nacht ziehe ich sie aus.

Die Kleider auch.

Hab mich ja nur kurz hingelegt.

Die Kleider sind sauber. Und an den Schuhen überhaupt keinen Dreck.

Berühre die Decke ja kaum.

Bin zu alt um zu leugnen.

Nicht aus Angst. Ach wo.

Lohnt sich nicht mehr.

Lohnt sich einfach nicht mehr.

Der alte Mann hält die rechte Hand an den Rücken, massiert ihn der Wirbelsäule entlang.

Um die Wolldecke ist es eh nicht schade. Verglichen mit der bin ich noch im zarten Jünglingsalter.

«Holder Knabe mit lockigem …»

Robert lacht meckernd.

Er steht auf, geht zum verdorrten Weihnachtsbäumchen, starrt vor sich hin, schüttelt den Kopf.

Er zieht das Weihnachtsbäumchen aus dem Holzkreuz, wirft es auf den Boden.

Hab mich nur kurz hingelegt. Jeden Augenblick kann es klingeln.

Jaja, das sind noch Bergschuhe. Von anno Tobak. Die sind nicht umzubringen. Mais oui.

Die Angestellten haben wie folgt anzutreten … haben wie folgt anzutreten …

Der Portier d’étage, der Hausbursche, der Liftier, die Saaltöchter, die Zimmermädchen, die Officemädchen …

Die Zimmermädchen, die Officemädchen …

Vom ersten März bis dreissigsten September morgens um sechs Uhr, vom ersten Oktober bis achtundzwanzigsten Februar morgens um halb sieben Uhr.

Robert zieht einen kleinen Kamm aus der Gesässtasche, kämmt sich, steckt ihn zurück in die Gesässtasche.

Er ist früher als Seifensieder und Kerzenzieher durch die Welt gezogen, unser Herr Direktor Linder, notre directeur.

Schöne Frauen einzuseifen, frommen Frauen eine Kerze anzuzünden.

Die sind nicht umzubringen.

Robert nimmt den Besen aus der Ecke, fegt den Boden.

Er hält inne, stützt sich auf den Besen.

Neunundvierzig Jahre lang hab ich Ledis, Tschentelmäns und manchmal einen König …

Moudi?!

Die Herrschaften kommen nicht mehr, aber ich bin immer noch da.

Pst!

Moudi! Moudi!

Ich hab ihm einen Spaltbreit offen gelassen.

Die Zimmermädchen, die Officemädchen …

Zweitens: Jeder Angestellte hat sich am Morgen bei seinem Erscheinen in das beim Concierge aufgelegte Kontrollbuch einzuschreiben.

Schöne Frauen einzuseifen.

Robert bückt sich, hebt einen Staubfaden hoch, betrachtet ihn, bläst ihn weg. Ein Lächeln spielt um die Mundwinkel des alten Mannes.

Er steckt den Besen mit dem Stiel nach unten ins Holzkreuz.

Früher haben wir jeweils noch einen Weihnachtsbaum … bis zur Decke hinauf. Im Belle-Époque-Speisesaal. Und solche Äste. So breit. Mais oui.

Hab immer ein paar Eimer mit Wasser bereit gehabt.

Einmal hab ich einen Eimer hinter den Weihnachtsbaum gestellt. Man weiss ja nie.

Das hat dem Herrn Direktor Linder überhaupt nicht gepasst.

Hat der gewettert!

Das schicke sich nicht.

Dabei.

Hätte sicher niemand bemerkt.

Ich hab den Kessel nämlich vorher grün angestrichen.

Nun ja. Schwamm drüber.

Aber die Geschichte mit dem Gletscher …

Robert schüttelt den Kopf.

Und das mit dem Heiri …

Das hätte nicht …

Nein. Das nicht.

Ein junger Bursche. Noch so jung.

Viel zu früh, wie der Pfarrer an seinem Grab …

Weisst du … Aber reden wir von etwas anderem.

Der alte Mann wirft einen kurzen Blick zur Sense in der Zimmerecke, schaut zum Besen im Holzkreuz.

Keine Zeit.

3

«Seife, söne Seife, Madame! Ganz …»

Unser Herr Direktor Linder!

Er hat das «Sch» nicht richtig sagen können.

Also, man hätte es kaum gemerkt.

Man hat sich jedenfalls nichts anmerken lassen.

Und es soll Frauen geben, die das gerade besonders …

Mais oui.

«Seife, söne Seife, Madame! Ganz mild, ganz …»

Robert zieht einen alten Koffer unter dem Bett hervor, öffnet ihn, nimmt eine blaue Fliege heraus, hängt sie sich an den Hals.

«Söne Seife, Madame, ganz mild, ganz fein, für die feine Haut der sönen Dame, Madame!»

«Wir brauchen nichts!», sagt die schöne Madame.

«Sagen Sie das nicht, Madame.»

«Nichts, nichts!», sagt die schöne Madame.

«Nichts nichts, das ist aber mehr als nichts!

Hier, riechen Sie.

Riechen kostet nichts.

Keine Angst!

Riechen Sie, söne Madame!»

Hat das «Sch» nicht richtig …

Mais oui.

Also, man hätte es kaum gemerkt.

«Riechen Sie, söne Madame.

Und?»

«Ganz … ganz fein», sagt die schöne Madame. «Trotzdem.»

«Sagen Sie das nicht, Madame! ‹Trotzdem›, das darf es auf der Welt nicht mehr geben.

Ein hässliches Wort.

Ein kleines, säbiges Wort.»

Der Blick des alten Mannes wandert zur Kommode.

Dort, über dem Waschkrug …

Der Kalender.

Das Datum stimmt nicht.

Ist zehn Jahre alt oder mehr.

Ich hab ihn behalten wegen dem Bild.

Die Zeit …

Ist nicht wichtig.

Nicht mehr.

Ein schönes Bild!

Was für ein Dampfer!

Ein Luxusdampfer! Mais oui!

Robert zieht den Kamm aus der Gesässtasche, kämmt sich.

Ein eigenes Promenadendeck für die Hunde!

Er steckt den Kamm zurück in die Gesässtasche.

Der Waschkrug hat einen Spalt. Aber der hält noch lange.

Die Zeit spielt keine Rolle.

Die Tage vergehen von ganz allein.

Ausserdem …

Ich hab so ein Büechli. Eine Agenda.

Die bekomme ich jedes Jahr geschenkt.

Weiss gar nicht, wie viele mittlerweile bereits in der Nachttischschublade sind.

Hab sie nicht gezählt.

Brauche so was gar nicht.

Die Tage vergehen von selbst.

Abgesehen davon habe ich den Kalender. Selbst wenn er nicht mehr …

Unsereins wird auch älter.

Und immer einen neuen Kalender …

Das ist nichts für mich. Brauche das nicht.

Er gehört halt dazu, wie …

Wie der Waschkrug und … der, der ist schon immer hier gewesen.

Hab kein fliessendes Wasser.

Aber unten, oh!

Badezimmer, grösser als diese Kammer!

Eigentlich komisch.

Je höher, desto besser.

Aber was noch darüber liegt, ganz zuoberst …

Am Anfang hab ich oft den Kopf angestossen.

Das gibt sich mit der Zeit.

Wenn der Kopf erst genügend Beulen hat, wird er von alleine gescheit und zieht sich ein.

Neunundvierzig Jahre lang hab ich Ledis, Tschentelmäns und manchmal einen König bedient.

Und wie das passiert ist mit meinem Bruder …

Der hat schon immer mit dem Kopf durch die Wand gewollt.

Wenn ich das den Leuten hier erzählen würde … den Einheimischen …

Beiss ich mir lieber die Zunge ab.

Nun ja. Wenigstens lebt er noch. Nicht wie der Heiri.

Was für ein Dampfer!

Ein eigenes Promenadendeck für die Hunde!

Das ist eben …

«Seife, söne Seife, Madame!»

«Mach, dass du fortkommst, du!», sagt die schöne Madame und ruft ihren Hund. – «Nero!»

Der alte Mann wirft einen kurzen Blick zur Sense in der Zimmerecke, schaut zum Besen im Holzkreuz.

Keine Zeit. Ich …

«Seife, söne Seife, Madame!», sagt er.

Ich? Ich hab noch nie Seife verkauft.

Schon als junger Bursche hab ich hier im Palace Hotel angefangen. Hab nur eine Kernseife neben dem Waschkrug. Für mich ist das fein genug.

«Seife, söne Seife, Madame! Riechen Sie! Dieser frühlingshafte Duft wird Sie den ganzen Tag umgeben. Das ist das Geheimnis der sönen Dame. Dies bleibt natürlich unter uns. Ein Seifenhändler ist verswiegen und s-teht von Natur aus auf der Seite der sönen Dame.

Sagen Sie nichts, Madame. Ich weiss, eine bezaubernde Dame braucht keine profanen Hilfsmittel, um die Welt zu bezaubern. Aber zur Sönheit muss man äusserst Sorge tragen, das wissen Sie besser als sonst jemand.»

«Ich? Wie meinen Sie das?»

«Nur eine söne Dame kann Sönheit wirklich sätzen.»

Alle Frauen sind sön, hat unser Direktor gesagt. Das gehört zum Gesäft.

Jaja, das Geschäft.

Aber söne Männer sind eher Mangelware.

Hat er gesagt.

Sich selber hat er natürlich davon ausgenommen.

Dafür hat er mich angeschaut, als wäre ich was für ein knorziger Knebel.

«Nur eine söne Dame kann Sönheit wirklich sätzen. Für das Feine nur das Feinste.»

Jaja, so ist das zu und her gegangen.

Etwa so.

Kann man sich ja denken.

Ist als Seifenhändler und Kerzenzieher durch die Welt gezogen, unser Herr Direktor Linder. Schöne Frauen einzuseifen.

Robert hängt die Fliege an den «Hals», den Stiel unterhalb der Borsten des umgekehrten Besens im Holzkreuz.

Er geht zum Koffer, wühlt darin.

Ist dies und jenes liegen geblieben. Was soll man damit? Vorläufig in meinen Koffer gelegt. Liegen geblieben. In den Fremdenzimmern.

«Das sind Gästezimmer, keine Fremdenzimmer, merken Sie sich das, Robert!», hat der Herr Direktor Linder gesagt.

Robert zieht ein seidenes Taschentuch aus dem Koffer.

«Was finden Sie denn so schön an mir?», fragt die schöne Dame spöttisch. «Oh, das Kinn! Das Grübchen! Aber nein! Das Näschen! Was zählen Sie wohl noch alles auf! Meine …!»

Die schöne Dame kreuzt die Arme vor ihrem Busen.

«Sie sind mir aber ein ganz Böser! Ein lieber Böser! Ein böser Lieber! Aber das Schönste an mir kennen Sie doch nicht. Jedenfalls noch nicht.»

Die schöne Dame lässt das seidene Taschentuch fallen. Unser Herr Direktor Linder, der damals noch nicht unser Direktor war, er bückt sich, hebt das Taschentuch auf, reicht es der schönen Dame.

«Sie haben etwas fallen lassen, Madame. – Bitte sehr.»

«Oh! – Danke! – Sagen Sie, wollen Sie mich einseifen? Sie können froh sein, ist mein Mann nicht zu Hause!»

«Kann es eine Sünde sein, einer sönen Frau den Rücken einzuseifen?! Der Ehegatte muss ja nicht alles wissen. Entweder kränkt es ihn und er wird böse, oder aber es ist ihm egal und es kränkt Sie, und Sie werden böse.»

«Was soll die Seife denn kosten?»

Nein, für ein einziges Stück Seife wird er wohl nicht so viele Worte verloren haben. Nun ja.

Robert knöpft das Taschentuch an den Besenstiel.

Er dreht den Kopf. Lauscht mit leuchtenden Augen.

Ich betrachte das Bild jeden Morgen, bevor ich mich einseife.

Was für ein Dampfer!

So einen Kalender, das gibt es gar nicht mehr.

Ist mir tausendmal lieber als so einer mit einem nackten Weibsbild drauf. Splitternackt auf einem Autoreifen und farbig.

Hab kein Auto, ich.

Hat es nicht geklingelt!

Jeder Angestellte hat sich am Morgen bei seinem Erscheinen in das beim Concierge aufgelegte Kontrollbuch einzuschreiben. Wer bis sechseinhalb, beziehungsweise bis sieben Uhr dies nicht getan hat und zu spät gekommen ist …

Der war einmal ein ganz gewöhnlicher Mann. Unser Herr Direktor Linder. Mais oui. Das sollten sich seine Neider hinter die Ohren schreiben. Ein ganz gewöhnlicher Mann.

Wer zu spät gekommen ist, wird zum ersten Mal verwarnt, das zweite Mal muss er fünfzig Rappen und das dritte und alle weiteren Male einen Franken Busse bezahlen.

Also unser Herr Direktor …

Den frommen Frauen hat er jedenfalls eine Kerze verkauft.

4

«Kerzen, söne Kerzen, Madame!», sagt unser Herr Direktor Linder, der damals noch nicht unser Direktor war. Seifensieder und Kerzenzieher.

«Kerzen, söne Kerzen, Madame!»

«Wir brauchen nichts. Nichts, nichts!»

«Nichts nichts ist mehr als nichts. Garantiert selbst gezogen.»

«Selbst – gezogen?»

«Ja, Madame. Selbst gezogen. Von Hand. Zur Freude der Heiligen Jungfrau. Und zur Freude der frommen Frau!»

Robert wühlt im Koffer, zieht ein schlichtes Kopftuch heraus, bindet es sich um den Kopf.

«Man kennt dieses Pack! ‹Zur Freude der frommen Frau!› Das treibt sich tagein tagaus in den Wirtshäusern herum und bei Weibern, die auf so etwas wie euch ja nur warten! – Nero!»

Ein grosser Hund nähert sich knurrend.

«Es ist unsere Pflicht, ein Licht anzuzünden in dieser Finsternis», sagt unser Herr Direktor, der damals noch nicht unser Direktor war.

«Woher wissen Sie …!»

«Ich weiss nichts, Madame. Gar nichts.»

«Bin keine Madame. Ich bin froh, dass ich nicht verheiratet bin.»

«Oh, Mademoiselle!»

«Was soll die Kerze denn kosten?»

«Der Preis ist nicht der Rede wert.»

«Geh in deine Hütte, Nero! Geh schon, du dummes Tier!»

Der grosse Hund winselt, klemmt den Schwanz zwischen die Beine und schleicht davon.

«So treten Sie halt ein!», sagt die fromme Frau. «Zur Freude der Heiligen Jungfrau. Die Kerze tropft, nehme ich an.»

«Jede Kerze tropft, Mademoiselle, wenn sie den Punkt erreicht hat.»

Robert bindet das Kopftuch um die Borsten des Besens im Holzkreuz.

Er geht ein paar Schritte gegen das Bett zu, bleibt stehen, hält den Kopf leicht schief, lauscht.

Hat es nicht geklingelt?

Fromme Frauen gibt es landauf, landab.

Jeden Augenblick kann es klingeln.

Und was die Geschichte mit dem Gletscher betrifft …

Natürlich ist dahinter etwas faul.

5

Der alte Mann liegt mit Kleidern und Schuhen auf dem Bett.

Ein Lächeln huscht um seine Mundwinkel.

Draussen türmen sich die weissen Wolken hoch in den Himmel, verhüllen die Berggipfel. Doch die Sonnenstrahlen scheinen immer noch schräg zum Fenster herein.

Der Wind weht, flaut ab, nimmt erneut einen Anlauf, wirbelt herum, flaut ab.

Hat es nicht geklingelt?

Robert setzt sich auf, fährt mit der Hand an den Rücken.

Hab mich ja nur kurz hingelegt.

Natürlich ist da etwas faul.

Diese Geschichte mit dem Gletscher. Mais oui.

Neunundvierzig Jahre lang hab ich Ledis, Tschentelmäns und manchmal auch …

Robert fährt sich mit der Hand dem Rückgrat entlang.

Jeden Augenblick kann es klingeln.

Von oberhalb der Zimmerdecke ist ein trippelndes Geräusch zu hören.

Der alte Mann lacht, wischt sich ein paar Tränen aus den Augen.

Jaja, das sind … das sind keine Mäuse.

Das sind Bergdohlen.

Spazieren über das Dach.

Wenn der Moudi nicht wär’, würden die ungeniert ins Zimmer spazieren.

Frech wie Anton.

Jedenfalls, wenn das Fenster offen ist.

Manchmal sind es dermassen viele, dass man meinen könnte, es regne.

Manchmal ist es auch der Regen.

Aber ich sag mir lieber, es seien Bergdohlen.

In unserem Geschäft kann man Regen nicht brauchen. Da regnet es einfach nicht. Und wenn es trotzdem regnet, ist es höhere Macht.

Roberts Blick wandert zur Sense in der Zimmerecke, dann zu dem mit Fliege, seidenem Taschentuch und Kopftuch bestückten Besen im Holzkreuz.

Die Wolken, die werden von den Sternen gesteuert, weisst du …

Bergdohlen …

Der alte Mann ahmt mit den Armen das Flattern von Flügeln nach.

Bergdohlen. Die sind wie unsereins. Mais oui. Die machen sich an die Touristen ran beim Picknick.

Hier lebt man halt vom Tourismus.

Touristen …

Robert schlägt sich an die Stirn.

Äbe! So sagt man heutzutage.

Früher haben wir Fremde gesagt. Die Fremden. Alle, die nicht von hier sind, sind Fremde. Neunundvierzig Jahre lang hab ich …

Nicht als Kellner. Gekellnert hab ich nie. Ich habe den Fremden die Koffer getragen.

Roberts Blick wandert zur Sense in der Zimmerecke, dann zum Besen im Holzkreuz.

Ich komm schon. Zuerst noch … Weisst du … äbe, die Fremden, die hierher gekommen sind, um Ferien zu machen, das sind noch Herrschaften gewesen!

Robert zieht den Kamm aus seiner Gesässtasche, kämmt sich, steckt ihn zurück.

Aber die Fremden, die gekommen sind, um hier zu arbeiten …

Faules Pack, allesamt, haben die Einheimischen gesagt. Sollen das Maul halten und arbeiten.

Ich selber, ich bin hier auch nie heimisch geworden.

Nirgendwo.

Aber hinauswerfen können sie mich auch nicht. Bin schliesslich kein Fremder.

Von den Sternen gesteuert. Die Wolken.

Das Frühstück für die Angestellten findet statt: Vom ersten März bis dreissigsten September um halb sieben Uhr, vom ersten Oktober bis achtundzwanzigsten Februar um sieben Uhr.

Robert öffnet die oberste Schublade der Kommode.

Wo hab ich jetzt …?

Er geht zum Nachttisch, öffnet die Schublade.

Von den Sternen ge …?

Er geht zur Kommode, nagt am Daumen.

Was hab ich jetzt gewollt? Himmelsterne!

Gekellnert hab ich nie. Nur einmal. Als der Giovanni den Fuss verstaucht hat. Aber dem seine Kellnerhose ist mir viel zu klein gewesen! Vor allem viel zu eng. Und als ich mich hab bücken müssen, weil mir ein Löffeli auf den Boden gefallen ist, da ist die Hosennaht gerissen, hinten, ja, gerade dort. Und wie’s der Teufel will: der Direktor hat es gesehen.

Hat der mich zusammengestaucht! Nom de Dieu! Vor allen Gästen.

Ein paar von ihnen haben ihre helle Freude daran gehabt. Hab ich schon gemerkt. Haben auf mich gezeigt und geflüstert, als wäre ich was für ein seltener Vogel. Eine Kreuzung von einer Bergdohle und einem Wellensittich oder ich weiss nicht was.

Bin mit roten Ohren dagestanden. Wie ein Schulbub.

Durch ein Glockenzeichen wird mittags und abends zum Essen gerufen. Ausser dem Wache habenden Personal wird keinem zu spät Kommenden Speise nachserviert.

Hat es nicht geklingelt?

Was hab ich jetzt sagen wollen?

Die Annegret …

Ein hübsches Mädchen! Da leuchten noch heute manch einem die Augen. Der alte Egger, ihr Vater, hat mit der Geissel die Burschen davongejagt.