Die im Lehmhaus wohnen - Adrian Kunert - E-Book

Die im Lehmhaus wohnen E-Book

Adrian Kunert

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Beschreibung

Megild, der Protagonist dieses Buches, verliert seinen christlichen (Kinder)Glauben und gerät in eine existentielle Krise. Er macht sich nun auf eine innere und äußere Wallfahrt, um nach dem verlorenen Urgrund seines Lebens zu suchen und lernt dabei die Grundbegriffe des christlichen Glaubens ganz neu zu durchdenken - und vor allem, was Gebet wirklich ist.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Megild Wieland

Der erste Tag

Die Kirche

Die Gemeinde

Die Arbeit

Der Zweifel

Das Loch

Megilds Traum von Phaeton

Nikodemus

Megilds Traum vom Roulette

Verteidiger der leeren Festung

Der Stab des Pilgers

Der Prophet

Der Weg

Graue Nebel

Megilds Traum vom Ursprung der Schatten

Maria

Die Schlacht im Wald

Mahlgemeinschaft

Die Erlösten

Gottes Sohn

Die Nacht

Der Hohe Donnerstag

Einheit

In der Gnade dieser Nacht

1

Megild Wiland

Rebekka! Dein Gesicht ist zerfurcht, die Schönheit deiner Jugend in der Sonne verdunstet. Zurück blieb dein Charakter und deine Geschichte. Wer weiß von dir? Wer behütet dich? Wen hüllst du? Du schenkst einen neuen Anfang. Du nährst ein Universum. Und ewig dreht der Wind. Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Dunkel.

Megild nahm die linke Hand von seiner Stirn und ließ sie auf die flache gepolsterte Armlehne seines beigen Sessels sinken. Er schloss die Augen, lehnte sich zurück und atmete tief durch. Dann schaute er auf den Glastisch vor sich. Sein Blick ruhte auf der einzelnen roten Rose in der schmalen, blauen Vase. Er dachte: Geschafft! Ich habe es tatsächlich geschafft!

Erneut las er in dem Brief in seiner Rechten. Der Betrieb, der ihn zum Elektroniker ausbilden würde, teilte ihm mit, wo er am 1. September erscheinen solle. Was war das für ein Zirkus gewesen. Die Bilder der vergangenen Wochen tauchten wieder auf. In der einen Firma hatten sich auf diese Stelle sieben andere mit ihm beworben, darunter auch der Sohn der Chefsekretärin.

”Herr Wiland, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ein anderer Ihrer Mitbewerber die besseren Voraussetzungen für diese Lehrstelle mitbringt. Wir haben hier aber noch eine Lehrstelle als Elektroinstallateur offen. Wenn Sie sich dafür bewerben wollen, wird das sicher erfolgreich sein.”

”Der andere hatte wohl nicht die besseren Voraussetzungen, sondern die besseren Karten. Danke für Ihren Vorschlag. Aber ich bewerbe mich nirgendwo zweimal. Vielen Dank für Ihre Mühe.”

Megild hatte sich dann erhoben und noch – wie er meinte – höflich verabschiedet. Sein Vater hatte gekocht vor Zorn über diesen Abgang. Er war gerade beim Zeitunglesen als Megild ihm wie beiläufig von dieser Szene erzählt hatte. Er riss die Zeitung auf seinen Schoß herunter und explodierte:

”Meinst du etwa, jetzt wirst du noch irgendwo etwas Vergleichbares finden? Du bist dumm und arrogant! Die nächste Stelle nimmst Du an!”

Megild ahnte, dass der Vater recht haben könnte, aber das konnte er natürlich nicht so einfach zugeben. So entgegnete er ihm:

”Sollte ich mich denn etwa von diesem Schnösel einfach verschaukeln lassen?! Der wollte doch nur seiner Geliebten einen Gefallen tun!”

Sein Vater hatte ihn daraufhin scharf angesehen: ”Zum ersten ist dieser Mann kein Schnösel, sondern der Personalchef einer angesehenen Firma. Zweitens ist eine Sekretärin noch lange keine Geliebte. Und drittens weißt du überhaupt nicht, welche Argumente für oder gegen den anderen Kandidaten gesprochen haben. Ich verbitte mir solche Pauschalurteile! Jeder ist selber seines Glückes Schmied, wie man bei uns im Clan so passend sagt.” Etwas ruhiger, als sein Gesicht schon wieder hinter der jetzt etwas zerknitterten Zeitung verschwand, fügte er noch an: ”Außerdem beklagt man sich über Beziehungen nur dann, wenn man sie nicht hat.”

Megild hatte mit so etwas gerechnet und sich unlängst bei einer kleinen Firma als Elektroinstallateur beworben. Die Einladung zum Einstellungsgespräch war bereits am nächsten Tag eingegangen. Gegen Ende des Gespräches fragte die Personalleiterin: ”Herr Wiland, Sie schreiben hier in einem Nebensatz, dass Sie sich auch für Elektronik und solche Sachen interessieren?”

”Ja, warum?”

”Nun, auf die Stelle zum Elektroinstallateur haben sich noch drei weitere beworben und Sie sind ja auch schon etwas spät dran mit Ihrer Bewerbung. Wir bilden aber in diesem Jahr wieder einen Facharbeiter für industrielle Elektronik aus. Dafür hat sich aber noch niemand beworben. Wenn Sie einverstanden sind, könnten wir Ihre Bewerbung auch dafür gelten lassen. Morgen oder übermorgen wird sich sicher keiner mehr dafür bewerben. Ihre Chancen wären erheblich höher.”

”Ja, natürlich bin ich einverstanden. Vielen Dank.”

Megild hörte die typischen Geräusche eines Schlüssels an der Tür. Mit einem Satz sprang er auf, legte wie zufällig den Brief auf den kleinen Tisch und eine CD in den Player ein. Er nahm die Fernbedienung in die Hand und ließ sich in den Sessel gleitend von der Anlage mit halber Kraft beschallen. Er tat als sei er in seine Vossübersetzung der Ilias vertieft. Es dauerte keine zwei Minuten, da stand der Vater auch schon in der Tür. Er hatte noch die Tasche in der Hand: ”Sag mal, spinnst du, diese Hottentottenmusik so laut aufzudrehen?”

”Heute ist ein Tag zum Feiern, Paps.”

”Aber doch nicht mit diesem Krach…” Kurz darauf: ”Warum? Hast du die Stelle?”

Megild wies betont lässig auf den Tisch und reduzierte auf Zimmerlautstärke. Der Vater überflog kurz die Zeilen und sagte:

”Bei Deinem Glück würde ich Lotto spielen! Was trinken wir?”

”Valdepeñas, rot. Du weißt ja, welcher mir besonders schmeckt.”

”Gut. Gegen acht. Ich muss jetzt noch schnell einen Bericht zu Ende schreiben. Sagst du Mutti und Susi Bescheid!”

”Aber Vati, Alkohol ist doch nichts für Frauen.”

Der Vater musste grinsen: ”Wenn Kinder trinken dürfen, dürfen das Frauen allemal. Susi ist schließlich über ein Jahr älter als du.”

”Also, zum Wohle.”

”Prost.” Megild mochte den melancholischen Klang dieser handgeblasenen Weinkelche. Susi rief Megild zu: ”Eh, angucken!” weil sein Blick schon vor dem Klang ihrer Gläser das nächste Glas suchten.

Megild zog die linke Augenbraue hoch und sagte mit versucht rauchiger Stimme:

”Ok, Schau mir in die Augen, Kleines.”

Die Mutter hob das Glas ein wenig länger gegen die Kerze und fragte: ”Wer hat die Gläser das letzte Mal saubergemacht?”

Susi rief leicht affektiert: ”Wer wohl, Mutti!?”

Megild: ”Der Mann an sich ist halt nicht geschaffen für diese Art von Arbeit. Er muss hinaus, die Welt verändern.”

Susi: ”Wir reden ja zur Zeit nicht von Männern, sondern von dir.”

Megild schnitt seiner Schwester eine Grimasse.

Der Vater fragte: ”Wann geht's los?”

”Nächste Woche.”

”Nun mal sehen, wie du dich so machst.”

Der Abend klang aus mit nettem Geplauder unter sanfter Renaissancemusik.

2

Der erste Tag

Um zu sein, musst du aufgeben,

wer du bist. (Meister Eckhard)

Megild ging die Allee hinab. Er suchte die Hausnummer 35. Am Straßenrand waren einige Bäume nachgepflanzt worden. Bei einem blieb er kurz stehen. Dieser Baum hatte es nicht geschafft. Wie eine knochige Hand streckte er Hilfe suchend und klagend seine verdorrten Zweige in den Himmel.

”Verzeihen Sie, könnten Sie mir bitte sagen, wo der Raum L 315 ist?” fragte Megild etwas schüchtern. Der Pförtner sah ihn missmutig an. ”Guten Morgen junger Mann,“ sagte er stark betont und fuhr dann fort: „dritter Stock, rechte Tür, links ab, dritte Tür links. Das ist im übrigen auch ausgeschildert.”

Megild murmelte leise ”Ach ja, guten Morgen, danke.” verschwand und dachte sich nur: Aktion ”Charmeoffensive” sieht anders aus.

Es wurde lauter je näher er dem Raum kam. Auf der Schwelle hielt er kurz inne. Er war einer der Ersten. Zuerst sein cooler Rundblick: ”Hallo”.

Einige erwiderten seinen Gruß. Megild steuerte auf einen freien Platz zu und legte seine Tasche darauf. Sehr angespannt hängte er seine Jeansjacke an die Wand und setzte sich. Nach und nach kamen immer mehr. Manchmal zu zweit oder zu dritt, erzählend, lachend. Die Gruppe jetzt kannte er aus der Parallelklasse. Zwar mochte Megild sie nicht so, weil sie außer „Suff, Weibern und Mopeds“ nichts im Kopf hatten, aber jetzt war er doch froh, wenigstens einige bekannte Gesichter grüßen zu können.

Fünf Minuten vor der Zeit saßen alle auf den Plätzen und es wurde ruhiger. Als ein Mitfünfziger den Raum betrat, ging fast ein gewisses Gefühl der Erleichterung durch die Reihen, zumindest empfand es Megild so. Der Mann stellte sich vor:

”Einen schönen guten Morgen wünsche ich Ihnen. Ich bin der Herr Mayer.”

Er schrieb seinen Namen an die Tafel. Es folgte das übliche Gerede vom neuen Lebensabschnitt, in den man eintrat und wie wichtig es sei, dies verantwortungsbewusst wahrzunehmen, die wichtige gesamtwirtschaftliche Aufgabe unseres Berufes, bla, bla, bla… Megild versuchte zumindest so auszusehen, als hörte er gespannt zu. Jetzt kam der Lehrer zur Sache:

”In den ersten anderthalb Jahren werden Sie hier gemeinsam drei Tage Theorie und zwei Tage Praxis an drei verschiedenen Ausbildungsorten haben. Im nächsten Jahr zwei Tage Theorie und drei Tage Praxis. Im letzten halben Jahr nur noch Praxis. Das ganze letzte praktische Jahr findet in Ihren Einstellungsbetrieben statt. Hier werden Sie auch Ihr Gesellenstück anfertigen. So, sie sind in ihrer Theorieklasse dreißig Auszubildende aus zehn Firmen. Ich möchte aber zuerst die Namen den Gesichtern zuordnen können. Rainer Bohnke?”

”Hier.”

In der ersten Pause stellte sich Megild zu einer Gruppe von drei Mädchen und vier Jungen. Man stellte sich vor. ”Und wie bist du auf Elektroniker gekommen?” fragte Sabine Carola. Carola antwortete: ”Weiß nicht. Mein Vater meint, das wäre ganz o.k.”

Sabine wandte sich an Megild: ”Und du?”

”Physik und Mathe machen mir Spaß. Und ohne gleich etwas brotloses zu studieren, war das etwas, was zumindest noch damit zu tun hat.” Innerlich dachte er sich. Ich fasse es nicht. Ich klinge wie mein Alter! Es läutete. An diesem Tag folgte noch die eine oder andere Premiere.

Megild kam mit einem Haufen neuer Eindrücke und vielen Kopien nach Hause. Auch die Mutter war gerade von der Arbeit zurückgekommen.

”Na, wie war's?”

”Ja, ganz gut. Ich kannte zwar keine Sau, von ein paar Assis aus der Parallelklasse mal abgesehen, aber es war sonst ganz in Ordnung.”

”Kommst du mit einkaufen?”

Megild erhob sich in einer Art und Weise, die klarmachte, welches Unrecht die Mutter ihm gerade antat. Aber er sagte trotzdem heroisch: ”Ja. Ich brenne vor Verlangen.”

Die Berge vom Einkauf waren verschwunden. Megild zog sich auf sein Zimmer zurück und setzte Wasser im Kocher auf. Dann ging er zur Tür und hängte außen das Schild an:

”Bitte nicht stören. Ich kulte.”

Er schloss die Tür und bereitete die weiße Porzellankanne vor. Das erste siedende Wasser goss er ganz in die Kanne hinein und füllte gleich neues Wasser nach. In der Zwischenzeit füllte er drei gehäufte Teelöffel großblättrigen Ceylontees in das Netz und harrte des vertrauten Geräusches, welches das baldige Sieden des Wassers andeutete. Schnell entleerte er die Teekanne, hängte das Netz hinein und goss das kaum wallende Wasser über die drahtigen Blätter. Nichts hasste er mehr, als wenn man ihn in diesen heiligen Minuten störte. Und genau dies geschah jetzt. Es klopfte: Er riss die Augen sichtlich genervt hoch und rief laut: ”Jetzt nicht!”

Dann drückte er den Knopf der Stoppuhr. Die Tür ging trotzdem auf und seine Schwester Susanne kam herein. Er fuhr herum und sie an: ”Weib, bist Du des Lesens unkundig?!”

”Oh, nun scheiß Dir nicht wegen Deines Tees in die Hose. Gib mir mal lieber die CD mit den Hits der Achtziger.”

”Und wegen solch schnöd weltlichen Verlangens wagst Du es, diese heilige Zeit zu entweihen? Du weißt, wo sie stehen und dann raus!”

”Ich danke Eurer Majestät für die Huld, die Ihr mir erwiesen habt.” entgegnete Susanne mit fistelnder Stimme, deutete einen Knicks an und sah nach der CD. Megild jetzt versöhnlicher: ”Weißt du, seit die alten Lyder das Geld erfunden haben, ist es keine Schwierigkeit mehr, einem Menschen seine Dankbarkeit zu zeigen.”

”Nimmst du's auch in Naturalien?”

”Zum Bleistift?”

”Ein Küsschen von deinem Schwesterherz.”

„Jetzt werd mal nicht eklig, ja!“

Susanne hatte die CD entdeckt, kniete sich auf das Bett und griff danach.

”Eh, runter von meinem Bett! Was die Bezahlung angeht, schicke lieber mal deine Freundin Lydia vorbei.”

”Mal jetzt keinen Wucher, ja.” sagte Susanne und verschwand.

Megild sah auf die Uhr und grummelte halblaut:

”Scheiße, jetzt zieht der Tee wegen der blöden Ziege schon dreißig Sekunden zu lang!”

Er zog schnell das Sieb heraus, spülte mit kalten Wasser die Hitze fort und entleerte das Sieb auf seine Regenwurmfarm, den Biomülleimer eigens für dieses Kraut. Dann holte er aus dem Schrank seine Lieblingstasse, legte eine CD ein und verzog sich auf die Couch hinter seinem Tischchen. Nun kam der große Augenblick. Goldbraun ergoss sich der Strahl des edlen Getränkes in das makellose Weiß des hauchdünnen Gefäßes. Dampfend bildeten sich ”Kontinente” über der Oberfläche, um wieder zu vergehen. Megild hob die Tasse ganz vorsichtig an, um die fragilen Strukturen nicht zu stören. Er führte sie mit geschlossenen Augen unter seine Nase.

”Ah, das ist wahres Glück. Was kann der Mensch mehr erlangen?!”

Behutsam setzte er die Tasse wieder ab, um im Spiel des Dampfes zu versinken. Er wusste nicht, ob er Tee lieber allein oder in erlesener Gemeinschaft trank. Von Zeit zu Zeit fühlte er mit dem Zeigefinger, ob die Temperatur schon für den ersten Schluck taugte. Im Hintergrund spielte alte, japanische Musik. So wie die Töne empfand er auch die Welt des Tees, einsam und edel. Megild freute sich immer besonders auf den ersten Schluck. Heiß, aber nicht zu heiß, barg er den intensivsten Geschmack dieses komplexen Getränkes.

Beim Abendessen musste er ausführlich erzählen, was ihm heute widerfahren war. Natürlich erzählte er nur von den positiven Erfahrungen. Seine Unsicherheiten blieben unbenannt.

Müde warf er sich aufs Bett. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Er atmete ein paar mal durch und dämmerte ein. Als er wieder erwachte, waren die Ziffern seiner Uhr schon um eine ganze Stunde weiter. Er sprang aus dem Bett, wusch sich und ging wieder zu Bett. Er machte das Kreuzzeichen, rasselte ein Vaterunser und ein Ave Maria herunter. Kurz vor dem Einschlafen aktivierte er noch den Wecker.

3

Die Kirche

Beendet erstes Licht die dunkle Neumondnacht,

beginnt die Seele zu ahnen,

was die aufgehende Sonne offenbaren kann;

aber auch zu fürchten, was sich zeigen könnte.

(AK)

Über das Jahr hatte sich eigentlich nicht viel getan. Neu war nur, dass seine Schwester Susanne seine Gewohnheit übernommen hatte und nun sonntags mit zur Kirche kam. Anfangs hatte sie noch über die frömmelnde Anwandlung des Bruders gespottet. Megild selber ging seit zwei Jahren wieder regelmäßig. Nicht, dass er nun von einer göttlichen Eingebung getrieben sonntags morgens fröhlich aus dem Bett sprang, aber er spürte, dass der eintönige Strom der alles nihilisierenden Zeit irgendwie sinnvoll zu gestalten war. Da er keine Ahnung hatte wie, übernahm er etwas, was er früher mal bis zu seiner Erstkommunion regelmäßig, später in der Regel nur noch mäßig gemacht hatte. Er ging zur Kirche. Seine Eltern gingen nicht. Sie hinderten ihn aber auch nicht.

Megild schlurfte die hölzerne Treppe hinab. Seine Mutter begrüßte ihn schon aus der Ferne: ”Ah, da kommt ja mein frommer Sohn.”

Am Eingang zur Essküche hob er lässig die Rechte und grüßte sie: ”Halleluja, Mutter. Praise the Lord!” Grinsend setzte er sich an den Tisch. Susanne aß schon.

Megild beäugte sie: ”Du hast dich ja angezogen, als wenn heute ein Fest wäre.”

”Ist es ja auch, Sonntag, Tag des Herrn.” entgegnete sie. Manchmal hatte er den Eindruck, seine Schwester bekäme mehr mit. Das fand er ein bisschen ungerecht, es stünde ja eigentlich ihm zu; denn schließlich ging er schon ein Jahr länger hin. ”Komm Lesterschwein, wir müssen, sonst kommen wir zu spät.”

”Das kommen wir doch sowieso immer.”

”Ja, aber pünktlich.”

Obwohl in der Kirche meist noch Platz war, stellte sich Megild immer hinten hin, aus Prinzip. Man müsse ja schließlich seine Traditionen haben. Susanne war das zu blöd. Wie immer verstand er bei der Predigt “Bahnhof” oder es interessierte ihn nicht. Aber heute hörte Megild das erste Mal, wie der Priester im relativ langweiligen Wortteil, irgendwann da, wo man für gewöhnlich kniete, sprach: ”… darum feiern wir den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem dein Sohn von den Toten auferstand.” Er fragte sich: Den ersten Tag? Aber heute ist doch Sonntag, der letzte Tag. Das beschäftigte ihn – bis er die Kirche wieder verlassen hatte.

Draußen standen die Gottesdienstbesucher noch zusammen und erzählten. Die Jugendlichen bildeten eigene Kreise. Susanne wollte schon gehen, da sah Megild Matthäus. Das war einer aus seiner Theorieklasse. So viel Megild wusste, war er Methodist. Seine Eltern waren sehr fromm, bigott für seinen Geschmack, darum hatten sie ihm auch diesen komischen Namen gegeben. Was machte denn der hier? Gerade wollte Megild gehen, da sah Matthäus ihn. ”Hallo Megild, ich habe ja gar nicht mitbekommen, dass Du auch Christ bist.”

”Hallo!” Megild tat überrascht, als sähe er Matthäus erst jetzt.

Der Kreis der Jugendlichen öffnete sich. Megild wusste nicht, was er sagen sollte, also fragte er: ”Du bist hier? Du gehörst doch zur Konkurrenz. Was treibt dich denn hierher?”

”Ich wollte mir mal euren Gottesdienst anschauen. Und da ich Joe von der Schule her kenne, hat er mich mal mitgenommen.”

”Und, wie war's?” fragte Megild.

”'n bisschen verstaubt; wie im Museum.”

Joe schaltete sich ein: ”Na hör mal, nur weil wir keinen Grießbrei zum Abendmahl essen, ist das doch noch nicht verstaubt.”

Matthäus lachte: ”Das war eine Ausnahme! Wir hatten einen Bruder aus den Staaten da. Der hat da so ein paar Erfahrungen mitgebracht aus seiner Zeit in Afrika; außerdem war es Hirsebrei.” Zu Megild gewandt fragte Johannes: ”Ist das deine Freundin?”

”Nein! Um Gottes Willen, das ist nur meine Schwester Susanne.” Das Gespräch endete mit einer Einladung zum Jugendkreis.

”Wo wart ihr so lange?” empfing sie die Mutter.

”Im Tempel.”

”Aber doch keine zwei Stunden.”

”Es war halt interessant.”

”Worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt?”

”Ach…”, Megild kam ins Stottern, ”über die Sünde.”

”Und?”

”Er war dagegen.”

”Das ist natürlich neu und erklärt alles. Ich frage mich, was du die ganze Zeit dort machst?”

In ihrer Stimme klang aber kein Vorwurf mehr, wie noch manchmal vor einem halben Jahr.

Megild wusste zwar auch nicht so recht, was ihn Sonntag für Sonntag in die Kirche zog, aber er begann nun auch ab und an mal in der Bibel zu lesen. Die Geschichten von Jesus und seinen Leuten waren schon ganz in Ordnung. Er wusste zwar nicht, was das heißen sollte, für unsere Sünden gestorben, aber irgendwie klang das cool. Darum wollte er die Sonntagstexte mal im Zusammenhang lesen. Er brach die Lektüre des Neuen Testaments ab und begann, wie bei jedem normalen Buch, mit dem Anfang. Das war zunächst spannend wie ein Krimi. Die Erzählungen um Abraham und seine Kinder, die scheinbar auch nur am liebsten Krieg spielten und Heerscharen von Kindern zeugten, waren seine Favoriten. Die Geschichte von Moses, wie er auf Gottes Anordnung Israel in die Freiheit führte, war auch spannend. Aber er fand es ein wenig heftig von Gott, wie er ein ganzes Land für die Dummheit des Königs bestrafte. Auch die Sache mit dem Schilfmeer und der Versenkung der ägyptischen “Panzer” war zwar im Prinzip o.k., aber warum musste gleich ein ganzes Heer Fischfutter werden, nur weil ein Idiot sich stur stellte? Das war ja wie im richtigen Leben. Spannend war auch noch der erste Teil der Wüstenrallye. Als dann aber endlose Listen und Bauanweisungen für irgendwelche Zelte und Möbelstücke anfingen, überblätterte er schon mal ganze Teile. Irgendwann staubte die alte Schulbibel dann wieder an ihren angestammt Platz im Regal vor sich hin. Zu Jesus und seinen Mannen kam er beim ersten Anlauf nicht.

Als Megild gegen acht den Gemeinderaum betrat, war ihm zumute, wie bei seinem ersten Tag in der Lehre. Gott sei Dank war Susanne mitgekommen. Im Raum saßen etwa fünfzig Jugendliche und junge Erwachsene zwischen sechzehn und mittzwanzig im Kreis. Sie neigten sich zu Dreier- oder Vierergruppen. Megilds Augen suchten Johannes. Etwa zur selben Zeit erblickten sie einander. Er winkte Megild und Susanne heran. Nach einer kurzen Vorstellung seiner Sitznachbarn sagte Johannes: ”Wir sind heute alle zusammen, weil sich gleich der neue Vikar vorstellt. Da er das nicht sechzigmal machen will, hat er uns alle zusammen gebeten. Außerdem ist danach noch Fete. Er schmeißt 'ne Runde.”

Kaum hatte er ausgeredet, trat auch schon ein Mann in den Raum, dem man ansah, dass er nicht zum typischen Kreis der Jugendlichen gehörte. Er sah aus wie einer, der viel liest, aber auch voller Tatendrang steckt. Er ging zielstrebig auf einen zentralen Stuhl zu, setzte sich, machte sich kurz mit seinen Nachbarn bekannt und schaute dann freundlich aber bestimmt in die Runde. Obwohl er nichts sagte, verstummten die Einzelgespräche ziemlich schnell:

”Ich wünsche euch …“, er hielt kurz inne bis auch das letzte Zweiergespräch verstummt war, „… einen guten Abend. Ich bin euer neuer Vikar,” er wandte sich nach links, ” oder sagt man hier Kaplan?”

Als man ihm “Vikar” bestätigte, wandte er sich wieder der Gesamtgruppe zu. ”Gut, ich werde also, so Gott will, die nächsten Jahre hier sein und versuche meine Aufgabe gut zu machen. Ich heiße Peter Kanis.”

Hinten alberte jemand halblaut ”Kandis” bekam aber gleich einige ”Psch” zu hören.

”Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, Priester. Das hier ist meine zweite Vikarsstelle. Ich denke, dass wir gut mit-einander auskommen werden. Bevor wir jetzt mit der Fragerunde beginnen, möchte ich noch kurz hören, wer ihr seid und mit einem Satz, was ihr so macht.”

Auch Megild versuchte sich zumindest die Namen der Älteren zu merken. Es folgte ein recht angeregte Unterhaltung über die letzte Stelle, die Heimat des Vikars. Megild gefiel, dass auch der Vikar “Tee-ist” war. Gegen halb zehn sagte der Vikar: ”So, der offizielle Teil ist beendet, jetzt beginnt die Party. Ich bleibe aber noch ein Weilchen hier für die, die noch etwas anderes besprechen wollen oder Fragen haben.”

Darauf erhob sich die überwiegende Menge. Zurück blieben einige der Älteren, die mit dem Kaplan noch die Route für die nächste Zeit abstecken wollten und die Unentwegten, die lieber erzählten als feierten. Susanne sagte zu Megild: ”Ich geh rüber.”

Megild nickte und sagte: ”Gut, ich bleib noch ein wenig.”

Man setzte sich zu einem kleineren Kreis zusammen. Der Vikar ergriff das Wort: ”Gut, könntet ihr bitte nochmal eure Namen nennen und was ihr hier macht?“

”Ich bin Roland Eylls, bin 23 und arbeite nebenan im Supermarkt im Einkauf. Ich bin darum auch hier für den Einkauf zuständig und für die Grobplanung der Freizeiten.”

”Ich bin Maria Selker, 22, verwalte die Jugendkasse und koordiniere mit Johannes den Mittleren Ring.”

”Verzeihung, was heißt Mittlerer Ring?” fragte der Vikar. Ein anderer, der nicht in der Reihe folgte, ergriff das Wort: ”Das kann ich vielleicht gleich mit meiner Vorstellung verbinden. Ich bin Lukas Iatros und bin der Jugendsprecher. Wir haben hier drei Jugendgruppen, sogenannte Ringe. Der Kleine Ring, das sind die neunten und zehnten Klassen. Der Mittlere Ring sind altersmäßig die Gymnasiasten ab Klasse elf sowie die Lehrlinge. Der Große Ring sind die jungen Erwachsenen und Studenten. Die lösen sich dann fließend in die neuen Familienkreise, beziehungsweise die Gruftis auf. Die Gruftis sind die, die sich nicht mehr zur Jugendarbeit gehörig fühlen und noch keinen Partner abbekommen haben. Sie sind aber lose an die Jugendarbeit angeschlossen. Das heißt: da lässt sich mal der eine oder andere im Großen Ring blicken oder arbeitet mit im Jugendlager. Ach so, ich helfe Johannes bei der Jugendzeitung, will mich dort aber - wenn’s geht - bald ausfaden.”

Lukas blickte auf Megild, der neben Maria saß und nickte ihm zu. Megild wollte gerade sagen: ”Ich bin …” aber die Stimme versagte zuerst. Er räusperte sich und sagte: ”Entschuldigung. Also ich bin Megild Wiland, 19 Jahre alt und im zweiten Lehrjahr zum Elektroniker. Ich bin in keiner der Gruppen, würde aber gerne auch irgendwas machen.”

”Ich heiße Johannes Pohl, bin 22, Mitkoordinator des Mittleren Rings, Schriftführer unserer Jugendzeitung und studiere Informatik an der hiesigen TU.”

”Ich heiße Marianne Olmsky, 19, bin in der 13. Klasse und leite mit Josef und Christoph den Kleinen Ring.”

”Ich bin Brigitte Lahn, 25, promoviere gerade und koordiniere mit Simone den Großen Ring.”

”In welchem Fach machen Sie ihre Doktorarbeit?”

”Jura. Aber Duzen Sie mich auch, das macht sonst so alt.”

”Aha ja, danke.” Der Vikar schaute etwas irritiert zum Nächsten.

”Ja, ich heiße Josef Naly, bin 19 und bin auch noch auf der Penne. Ich bin in derselben Klasse wie Marianne und …äh, ja, ich leite, wie schon gesagt wurde, mit ihr und Christoph den Kleinen Ring.”

”Simone Arnheimer, bin 26, MTA, ledig, und leite mit Brigitte den Großen Ring.”

”Ja, mich heißt man Christoph Ohlen, ich bin 22, BWL-Student, im Kleinen Ring und Kassenprüfer. Das heißt, ich helfe Maria und rechne den offiziellen Teil der Kasse gegen.”

”Ich bin Markus Zimmerli und lerne kochen. Bin 19, … äh was noch”, er schaute nach oben, ”ah ja, bin der Liturgiebeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, quatsch, ich seh zu, dass für die Godis…”

”Für die Gottesdienste” warf Simone prophylaktisch erklärend ein.

”Ja richtig, dass für die Gottesdienste die Bücher und Gerätschaften da sind. Außerdem sorge ich ein wenig für den Meditationsraum.”

Johannes warf ein: ”Er ist unser Künstler. Das Fresko im Meditationsraum ist sein Werk.”

”Ja, ich bin Matthäus Lehmann. Ich bin von der Konkurrenz, bin Methodist, von der Nachbargemeinde und schaue mich hier mal ein wenig um.”

Roland sagte: ”Einer fehlt, das ist Rolf Tiorakis, er ist 20 und ist für den Teil Fete und den Jugendkeller, unsere “Bierbar von Sevilla” verantwortlich. In dieser Nacht betätigt er sich drüben als DJ. Er jobt sonst in einer Videothek.”

”Ich bin Sabine Friedel, bin 19 und im Mittleren Ring nur Mitglied.” Lukas ergriff das Wort: ”Das ist die offizielle Struktur. Natürlich gibt es noch mehr Aufgaben und Dienste, Videoclub, Saubermachen, Kochen, aber das lösen wir wie's kommt per Absprache.”

Der Vikar fragte: ”Wie kommt es, dass so viele Studenten hier mitmachen? Es gibt doch auch eine Studentengemeinde.”

Christoph antwortete: ”Das hat zwei Gründe. Erstens ist ein Teil der Studenten aus dieser Gemeinde und zweitens ist die Studentengemeinde hier nicht jedermanns Geschmack.”

”Wie soll man das ausdrücken”, fing Brigitta an, ”das eine Vorurteil, was wir hier pflegen ist, dass sie sehr ideologisch sind. Dort gibt es sehr starke Spaltungen und Grabenkämpfe durch eine inexistente Leitung. Das sind zwei Pflaumen, die sich gegenseitig nicht auf die Füße treten und auch kaum kooperieren. Von christlichem Geist, sagt ein anderes unserer Vorurteile, ist dort herzlich wenig zu spüren. Dafür geben sich die Studenten um so verbisseneren Strukturdebatten hin.” Simone sagte: ”Mein Freund ist Assistent an der Uni. Er geht manchmal dort in die Gemeinde. Er sagt, für sie seien wir hier die Integralisten.”

Der Vikar erfuhr im Verlauf des Gespräches die Zeiten der Ringe und bat darum, ihm dies noch einmal schriftlich zu geben. Darauf hin zog Johannes betont lässig ein Blatt hervor und reichte es dem Vikar mit den Worten: ”Daran haben wir selbstverständlich schon gedacht.”

Megild wurde eingeladen, erst mal bei der Zeitung mitzuarbeiten, um die Besonderheiten der Gemeinde besser zu verstehen. Außerdem sollte er in den Mittleren Ring gehen, um Leute kennen zu lernen. Der Vikar lud die, die Lust und Zeit hatten für den Sonntag Nachmittag zu sich zum Tee ein. Dann hob man die Tafelrunde auf und ging feten.

4

Die Gemeinde

Sie stehen frierend beisammen auf brüchigem Eis

und sehen einander in hungrige Augen.

Leben suchen sie aus Unbekanntem zu saugen und

bezahlen schicke Scheuklappen mit stolzen Preisen.

(AK)

Megild klingelte im Sekretariat der Gemeinde. Als der Türöffner summte, wartete er einen Augenblick und trat ein. Johannes hatte ihm gesagt, im Erdgeschoss seien einige Gruppenräume. Das Sekretariat sei im ersten Stock.

”Einen schönen guten Tag.” begrüßte ihn die Sekretärin, schaute ihn zwei Sekunden an und gerade als Megild sich vorstellen wollte, nahm sie ihm das Wort aus dem Mund: ”Sie sind sicher Herr Wiland. Johannes erwartet Sie schon. Hier, gleich die nächste Tür, bitte.”

Diese ging auch gleich auf und Johannes kam heraus: ”Hallo, schön dass du da bist. Komm rein!” Johannes zog Megild an sich vorbei und folgte ihm in den Raum. Beide setzten sich.

”Also, wie du gemerkt haben wirst, läuft in unserer Gemeinde einiges anders als bei anderen. So auch hier in der Redaktion.

Vor sieben Jahren ist im Gefolge der Finanzwirren im Bistum eine Reform auf den Weg gebracht worden, die die Gemeinde unter anderem auch als Reaktion auf die Krise beschlossen hatte. Magst Du übrigens einen Kaffee oder Tee?” Johannes war von seinem Drehstuhl aufgestanden.

Megild vermutete Teebeutel und sagte darum: “Kaffee, bitte, mit Milch, keinen Zucker.”

Johannes verschwand kurz und kam mit zwei Pötten wieder. Anschließend holte er die Milch herüber und setzte sich wieder.

Er fuhr fort: “Ein paar Familienkreise und der Große Ring hatten sich schon geraume Zeit vorher zusammengetan und ihr Ungenügen über die religiöse Situation der Gemeinde ausgedrückt. Man wollte weg von der unverbindlichen Gemeinde, hin zu einer christlichen Gemeinde, die nicht nur sonntags mal an Jesus denkt. Die Gruppen taten sich zu einem vom Gebet getragenen Prozess des Nachdenkens zusammen. Über ein halbes Jahr hinweg traf sich die Gruppe jedes Wochenende zu gemeinsamem Austausch und Gebet über eine tägliche Bibelstelle aus der Apostelgeschichte. Am Ende des Prozesses kam heraus, dass sich eine Kerngruppe verpflichtete alle kirchlichen Hochfeste ”in der Gemeinde gebührend vorzubereiten und zu feiern”. Das hieß zuerst mal: Wir fahren Weihnachten, Ostern, Pfingsten als Kerngruppe der Gemeinde nicht mehr weg, wenn nicht ganz gewichtige Gründe es verlangen. Das nennen wir die erste Stufe, einfach auch von der zeitlichen Entstehung her. Das war der Beschluss der Pfarrversammlung.

Gemeindemitglieder können dieser ersten Stufe beitreten, indem sie sich einen Monat vorher für wenigstens vier Monate und mindestens ein Hochfest dafür anmelden. Wenn man sich nicht erneut für diesen Kreis anmeldet, erlischt die Mitgliedschaft automatisch. Die Teilnehmerzahl schwankt also. Viele - auch aus anderen Gemeinden - melden sich heute zum Beispiel für den Beginn der Fastenzeit an und erleben so Ostern und Pfingsten auf eine ganz neue Weise.

Vor vier Jahren kam es zu offenen Spannungen, die nur zum Teil vorauszusehen waren. Einige wollten möglichst bald mehr als nur das. Andere wollten noch etwas warten. Dritten genügten diese Aktivitäten bereits vollkommen.

In der ersten Stufe gibt es keinerlei Kontrolle. Das soll auch so bleiben, weil die erste Stufe nur dazu dienen soll, den Leuten zu helfen, Gott wieder an die erste Stelle in ihrem Leben zu setzen, zumindest in der Planung einer überschaubaren Zeit.”

”Ja und was ist mit der zweiten Stufe?” Megild versuchte irgendwie anzudocken.

”Gemach! Etwas mehr als fünfzig Leute wollten mehr. Dies war aber nicht mehr durch vermehrte Aktivität möglich. Die Ressourcen der Leute sind ja begrenzt. Das ging nur noch durch Umstellung ihres Lebens oder durch vermehrten Einsatz von Geld.”

”Was hat denn das Geld mit geistlichem Leben zu tun?”

”Ziemlich viel. Die zweite Stufe bedeutet nämlich das Modell des koordinierten gemeindeorientierten Wirtschaftens.”

”Hä, was soll das denn bedeuten?”

”Beispiel: Wir haben hier in der Gemeinde allein erziehende Mütter, rüstige Senioren, Doppelverdiener mit und ohne Kinder, Hausfrauen, ärmere und reichere Leute, Arbeitslose. Die einen haben eher Zeit, die anderen eher Geld. Der Versuch der zweiten Stufe ist, diese Leute miteinander zu vernetzen und die verschiedenen Einsamkeiten der Menschen durch die Gemeinde aufzubrechen, quasi ein virtuelles Dorf zu bilden. Die Bibel nennt das Bundesschluss. Siehst du das Haus da drüben?” Johannes wies aus dem Fenster.

Megild erhob sich, um das Haus besser sehen zu können: ”Ja.”

”Diese Gruppe hat zu Beginn der zweiten Stufe das Haus gekauft und den unteren Teil als ihr Zentrum ausgebaut. Auf der Rückseite ist ein kleiner Garten. Da können die Kinder spielen. Das Haus hat acht recht große Wohnungen und mittlerweile eine Sonnenkollektoranlage auf dem Dach für die Warmwasseraufbereitung und ein Blockheizkraftwerk im Keller. Es ist ein Mehrgenerationenhaus. Die Leute kaufen gemeinsam ein. Die Grundnahrungsmittel holen sie bei zwei Ökobauern in der Nähe. Die Gruppe hat nämlich in der Nähe einen Laden aufgemacht, wo sie de facto nur deren Produkte vertreiben.”

”Hat das mit dem Ökobauern einen Grund?”

”Ja natürlich. “Regional, saisonal und ökologisch” ist das das wirschaftliche Motto. Zum einen wollen die keine genetisch veränderten Lebensmittel, und zweites kauft die Gruppe möglichst bei Herstellern in der Nähe. Beides schaffst du nur, wenn du die Leute kennst und ihnen vertrauen kannst. Damit wollen sie ein Zeichen setzten gegen die ökologische Zerstörung der Umwelt durch unsinnige Transporte, Äpfel aus Neuseeland und so, du weißt schon. Was in der Gegend hergestellt wird, soll auch in der Gegend verbraucht werden. Was die machen ist eigentlich ein strikt angewandtes Subsidiaritätsprinzip…”

Megild fragte: “Was ist denn das?”

Johannes dachte kurz nach: “Warte, da hatten wir eine schöne Formulierung auf unserem letzten Wochenende über die katholische Soziallehre: Das, was die kleinere Einheit machen kann, soll sie tun. Nur für das, was sie nicht gut alleine leisten kann, wird die Hilfe der nächst höheren Ebene eingefordert und zugelassen.”

Megild nickte, als würde er es verstehen und sagte: “Ach so.”

”Aber komm, nur zu labern ist öde. Ich mach dich drüben mit den wichtigsten Leuten bekannt.” Beide machten sich auf.

Die Sekretärin sprang auf: ”Johannes, wann kriege ich den Jugendteil des Pfarrblattes? Ich möchte nicht immer auf den letzten Drücker fertig werden.”

”Ja, ja, morgen früh liegt er in der Pfarrcloud.”

”Immer dasselbe!” die Pfarrsekretärin schüttelte lächelnd ihren Kopf und sagte gespielt affektiert: “Unter diesen Bedingungen kann ich nicht arbeiten.”

Unterwegs redete Johannes weiter: ”Meine Eltern leben zwar auch in Stufe Zwei, aber wie viele andere auch nicht in diesem Haus. Mein Vater hat sehr viele geschäftliche Beziehungen, die ihn zeitlich sehr stark einbinden und für die er viel Platz braucht. Er gehört zu den Leuten, die den Zehnten an die Gruppenkasse abführen. Es gibt nämlich verschiedene Modelle der Finanzierung. Die einen arbeiten stärker mit und in der Gemeinschaft, die anderen finanzieren das Ganze eher. Man spricht mit den Ältesten ab, was man erübrigen kann an Zeit und oder Geld, und Anna koordiniert das.“ “Wer ist Anna?” fragte Megild als sie gerade um die Ecke bogen. Hier in der Einfahrt war eine Frau gerade damit beschäftigt, Einkäufe aus dem Kleinbus zu räumen.

Johannes: „Schau, das ist Anna! Sie ist die Leiterin und Wirtschafterin dieses Hauses.” und zu Anna gewandt: ”Hallo Anna, können wir dir helfen?”

Die Mitvierzigerin sah sich um: ”Ah Hannes, grüß dich. Ja du, das wäre ganz lieb. Wenn ihr die Kartoffeln und die Taschen schon mal hinauf bringen könntet?” Küsschen, Küsschen, ”Bleibt ihr zum Essen?”

Johannes sah Megild an: ”Hast du Zeit?”

”Prinzipiell schon. Ich müsste dann nur zu Hause anrufen, dass die nicht mit dem Essen warten.”

„Bringst du dann, wenn du in die Küche kommst, auch gleich noch eine Karaffe Wein mit?” rief ihm Anna nach. ”Geht klar.”

Megild folgte Johannes ins Haus. Megild fragte: ”Gehört Lukas auch zur zweiten Stufe?”

”Nein, seine Eltern sind eher U-Boot-Christen. Die tauchen nur zu den Feiertagen auf. Aus seinem Clan ist er der Einzige, der so ein bisschen mehr in unsere Richtung abfährt. Er zögert noch ein wenig, sich festzulegen. Das hat er wahrscheinlich von seinen Eltern. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Pferd. Aber sonst ist er ist total super drauf.”

Megild rief zu Hause an: ”Du Susanne, ich komme heute Abend nicht zum Essen. Ich esse hier bei Kirchens… Was? … Nee, nix warmhalten… Tschüß dann, nee… ja, bis morgen.”

Johannes sprach gleichzeitig über sein Handy: ”Hi, Mutti, ich esse heute bei Anna… Nee, du das wird heute spät. Ich muss noch den Pfarrbrief fertig machen… Nein, Megild ist auch da… Nee, den kennst' de noch nich… Mensch Mutti, so ist das nun einmal. Eltern müssen mit der Zeit lernen, ihre Kinder loszulassen… Ja, tschüss… Ja, ich dich auch… Tschüssi.”

Johannes grinste, legte auf und sprach dann mit Blick auf das Telefon: „Das Wort Familienbande enthält einen unangenehmen Beigeschmack von Wahrheit.“ Dann winkte er Megild und sagte: ”Komm, ich zeige dir das Allerheiligste.” Dabei glänzten seine Augen und seine Brauen zuckten kurz hoch. Sie stiegen die Treppe in den Keller hinunter. In einem Raum auf der Nordseite dieses Gründerzeithauses stand es, das Fass. Johannes begrüßte das Metallungetüm wie einen alten Bekannten, den er lange nicht mehr gesehen hatte. Daneben standen Glaskaraffen auf Kopf.

Anna hatte schnell Kartoffeln geschnitten, blanchiert und sie mit Lauch, Zwiebeln und einer Note Muskat mit mittelaltem Gauda überbacken. “Das ist durchaus eßbar.” lobte Johannes. Auch der Riesling war recht ordentlich. Megild war er eine Spur zu trocken. Die Tür ging auf und ein Mann mit einem mächtigen Rauschebart kam herein. Man hat der 'ne Matratze im Gesicht. Wotan wäre echt neidisch, dachte Megild, erhob sich artig und reichte dem Ankömmling die Hand.

Anna machte die beiden miteinander bekannt: ”Das ist Christian, mein Göttergatte. Christian, das ist Megild.”

”Ja, hallo, ich bin Megild.” seine Stimme klang wieder etwas unsicher.

Johannes war aufgestanden. Er reichte Christian die Hand: ”Hi. Megild arbeitet jetzt bei unserer Zeitung im Jugendteil mit.”

”Ah, schön. Wie geht's sonst?”

”'s muss.” antwortete Johannes. Man lachte ein wenig und aß weiter.

Nach einiger Zeit schnitt Christian das Thema an, womit Johannes im Redaktionsraum begonnen hatte. ”Was wir hier machen”, erzählte Christian, nachdem alle mit Essen fertig waren, ”ist natürlich kein Selbstzweck. Auch in den abendlichen Gesprächen wird das immer wieder deutlich. Wir sehen Deutschland an einem Scheideweg. Du siehst ja die zunehmende Vereinsamung der Menschen, die immer größere Schere zwischen arm und reich und die Aushöhlung unserer kulturstiftenden gemeinsamen freien Zeiten durch den Kommerz. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir erleben eine Entwicklung wie in den Staaten hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft, wo immer mehr die Beziehungen durch die Dienstleistung abgelöst wird, oder aber wir finden wieder zu mittleren Strukturen zusammen, die die Aufgaben der alten Großfamilien übernehmen können, die zu Beginn der industriellen Revolution zerbrochen sind.”

”Wieso meinen Sie, dass das so kommen wird?”

”Sagen wir doch lieber du oder hast du was dagegen?” schlug Christian vor.

”Nein.” Megild schüttelte den Kopf.

”Gut, also Megild, prost.”

”Prost, Christian.”

”Wo waren wir… ach ja. Nein, siehst Du. Seit dem Beginn der Neuzeit spielte das kirchliche Zinsverbot keine Rolle mehr. Das heißt: Wenn du Geld an jemanden verleihst, bekommst du es normalerweise mit Zinsen zurück. Der andere arbeitet damit und bekommt damit hoffentlich mehr heraus als er zurückzahlen muss. In jedem Fall aber muss er so viel mehr erwirtschaften, dass er zumindest die Zinsen zurückzahlen kann.“