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Ludwig Rubiner

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Beschreibung

Eines Tages verschwindet Herr Brandorff - eine Nachbarin Martha erschüttert Brandorffs Tochter mit der Nachricht. Die Tochter macht sich auf die Suche nach ihm, findet aber ihren Vater nicht. Wo ist er und was ist passiert?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ludwig Rubiner

Die indischen Opale

Kriminalroman
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I. Im Haus ist Lärm
II. Folgerungen
III. Unter Freunden
IV. Die Polizei spricht
V. Vergilbte Blätter
VI. Nächtliches Abenteuer
VII. Gefangen
VIII. Ein Weib wagt
IX. Erinnerungen
X. Geständnisse
XI. Unerwartete Ereignisse
XII. Die Toten schweigen
XIII. Visionen
XIV. Juwelen
XV. Feuer
XVI. Enthüllungen

I. Im Haus ist Lärm

Inhaltsverzeichnis

Berlin! – Ein Summen, Klirren und Stampfen steigt in die Nacht auf, und das schillernde Netz der Lichter spannt sich über das tönende Dunkel. Licht und Lärm sind untrennbar vereint in dieser gewaltigen Stadt der Arbeit und der Lust; und wenn die Massen durch die geraden Straßen der jungen Großstadt hasten, weiß man nie, ob es zur Arbeit geht oder zu irgendeiner hastigen, schnell beschlossenen, schnell genossenen und schnell erledigten Vergnügung. In einem verwirrenden Bilde rauscht alles vorüber.

Am Rande des Tiergartens gibt es ein paar ruhige Straßen mit villenartigen, soliden Häusern hinter Bäumen und Vorgärten, die gebaut zu sein scheinen, um einen ruhenden Punkt für beschauliche Leute in dem wüsten Strudel der Großstadtgegensätze zu bilden. Eine riesige, alte Platane mit einer kleinen Umzäunung aus Stein und rostigem Eisen steht inmitten einer Straßenkreuzung. Von hier aus sieht man das Ende der Margaretenstraße, und da scheint die Welt wirklich mit Brettern vernagelt.

Eine trübe, heiße Sommermorgendämmerung rang mit der langsam unterliegenden Nacht. Die Straßenlaternen waren längst erloschen, und über ihnen standen die Fenster, hinter denen die wohlhabenden Bürger der Margaretenstraße ruhig schliefen, weit der eindringenden warmen Nachtluft geöffnet.

An dem alten Baume inmitten der Straßenkreuzung blinkte ab und zu der Helm des Schutzmanns ein wenig auf, der hier Nachtdienst hatte. Gelangweilt stand er da, ein bißchen verärgert, denn sein Nachtdienst war ganz überflüssig. Hier, in dieser vornehmen, stillen Gegend, kam doch nichts vor!

Plötzlich klirrte ganz hinten, wo die Straße sackgassenförmig abschloß, ein Gitter. Ein Herr war auf die Straße getreten. Einen Augenblick blieb er stehen, ein Streichholz flammte auf – eine Zigarette wurde angezündet. Dann ging er, langsam schlendernd, ein paar Schritte; jetzt schien er sich aufzuraffen, sein Gang wurde straff, er schritt schnell vorwärts. Als er näher kam, sah der Schutzmann, daß der Spaziergänger ein junger Mann im Gesellschaftsanzug war. Bleich, nervös mit der Hand am blonden Schnurrbart zupfend, ging er schnell vorbei, ohne den Schutzmann zu beachten. Einen Moment strich er mit den Händen an sich herunter, um die eingedrückte Hemdbrust in Ordnung zu bringen, streifte mit verlorenem Blick die blinkende Helmspitze des Schutzmanns und verschwand dann in einer Seitenstraße.

Mechanisch zog der Schutzmann die Uhr: es war fünf Minuten über vier. Er drehte sich um und sah mit Amtsmiene nach dem Hause, das der Spaziergänger verlassen hatte.

Er zählte die Hausnummer ab: das Haus mußte die Nummer 25 haben. Nummer 25 – da wohnte ja wohl der reiche Brandorff! – Doch plötzlich gab er sich einen Ruck: »Was geht mich das an, wenn hier jemand das Haus verläßt? Die Geheimnisse der Reichen kümmern mich nicht. Ich habe meinen Posten, um die Straße vor Lärm oder vor Schlägereien zu bewahren. Aber hier kommt ja doch nichts vor.«

Und er wendete sich wieder nach der andern Seite und erwartete ungeduldig die Morgenablösung.

* * *

Der ehemalige Bankier Brandorff war in Berlin als ein sorgfältiger Sammler reicher Kunstschätze bekannt, doch schon seit Jahren kaum mehr als dem Namen nach. Er besuchte niemand, empfing auch keine Besuche, und trotzdem seine Tochter Cecily seit einiger Zeit aus ihrer englischen Pension zurückgekehrt war, gab Brandorff auch keine Gesellschaften. Seit einigen Jahren verließ er sogar nicht einmal mehr zu Spaziergängen das Haus.

Der helle, heiße Morgen, der der Nacht folgte, erfüllte die Atmosphäre Berlins mit bedrückendem Dunst.

In der Portierloge von Brandorffs Hause erhob man sich heute später als gewöhnlich. Eine seltsame Schlaftrunkenheit lag über den beiden alten Leuten, die das Haus hüteten, und die des Morgens sonst die ersten zu sein pflegten. Voll Unruhe steckte der alte Lehnert den Kopf aus der kleinen Glastüre: »Hör' doch mal, Lene«, sagte er zu seiner Frau, »was ist denn da los?«

Ein merkwürdiger, ganz ungewohnter Lärm erfüllte das Haus. Man lief hin und her, Türen wurden geklappt, unterdrückte Rufe wurden laut.

Cecily Brandorff hörte plötzlich heftig an ihre Zimmertür klopfen. »Wer ist da?« fragte sie noch halb im Schlaf. »Bitte, gnädiges Fräulein, machen Sie um Gottes willen auf!« hörte sie die Stimme des Dienstmädchens jammern.

»Ach, Sie sind es, Martha? Aber es muß ja noch ganz früh sein! Sie wissen doch, ich bin gestern erst spät ins Bett gekommen. – Es ist unerhört!« Und unwillig wandte sie den Kopf auf die andere Seite und wollte im künstlich verdunkelten Zimmer weiterschlafen. Aber plötzlich schrak sie auf: »Gnädiges Fräulein!« – kam es von der Tür her in halb unterdrücktem Wimmern. Hastig sprang sie auf, schlüpfte schnell in ein leichtes Negligé und schob den Türriegel zurück.

»Was gibt es, Martha, was wollen Sie?« fragte sie ein wenig verängstigt.

»Gnädiges Fräulein – gnädiges Fräulein – ist – ist der gnädige Herr denn verreist?«

»Wer – mein Vater? Sind Sie verrückt, Martha? – Was ist was ist geschehen?«

»Gnädiges Fräulein, kommen Sie schnell« – es klang fast wie Stöhnen – »der gnädige Herr« –

»Um Gottes willen – mein Vater?« – Wie zwei aufgejagte Vögel strichen die beiden mit den fliegenden Morgenkleidern durchs Haus. Die Sonne funkelte schon hell und hitzedrohend durch die Zimmer, als Cecily und das alte Dienstmädchen von dem im Parterre gelegenen Damenschlafzimmer über die Haupttreppe hinauf in den ersten Stock liefen. Um in die Zimmer Brandorffs zu kommen, mußten sie erst den langen Gang passieren, in dem Brandorff seine bekannte Bildergalerie untergebracht hatte. Von da ging's durch das Billardzimmer, und Cecily sah mit Angst, daß ganz ungewohnterweise die grünverhangene elektrische Lampe über dem Billard jetzt, am hellen Morgen, noch brannte.

»Was ist das!« zeigte sie in aller Hast auf die Lampe.

»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein!« antwortete die alte Martha. »Sie brannte noch, als ich heut morgen ins Zimmer kam; das hat der gnädige Herr nie zugelassen. Ich hab' gesehen, daß die Schlafzimmertür auf war und niemand im Zimmer. Ich hab' vorsichtig den Kopf reingesteckt, aber es war niemand da. Da hab' ich Angst bekommen und bin zu Ihnen gelaufen vielleicht ist der gnädige Herr heimlich weggereist!«

Cecily merkte, daß hinter den Worten des alten Mädchens etwas Unausgesprochenes lag, das ihr Angst machte. Sie stieß die Schlafzimmertür auf – niemand war im Raum. Das Bett war unberührt, es schien eben frisch aufgeschlagen. Was war denn das nur? Der Vater ging doch kaum aus dem Hause, und am allerwenigsten zur Nacht und heimlich. Voll Angst eilte sie ins Billardzimmer zurück und öffnete die Tür zum Bibliothekzimmer. Aber nichts war zu sehen als ein hoher, heller Raum mit Bücherregalen an den geweißten Wänden und einem großen Tisch in der Mitte. Ein wenig zögernd ging sie zur nächsten Tür. Es war die kleine Tür aus getäfeltem Eichenholz, die zum Arbeitszimmer des alten Brandorff führte. Niemand durfte dies Zimmer betreten, selbst Cecily nicht. Brandorff pflegte sogar dies Zimmer selbst aufzuräumen – das war seine Marotte. Nur in früheren Jahren, als er noch von Zeit zu Zeit kleinere Gesellschaften gab, war der Höhepunkt des Abends, wenn er die kleine Tür mit feierlicher Miene öffnete und seine Gäste einlud, jene kostbare Sammlung seltener Edelsteine zu besichtigen, die er sorgsam in Glaskasten geordnet hatte. Aber das war längst vorbei.

Cecily zögerte vor der Tür, sie wagte nicht, ohne weiteres die Klinke herunterzudrücken. Sie klopfte zaghaft. – Keine Antwort. – Zweimal, dreimal – ohne Erfolg. Entschlossen griff sie nach der Türklinke und drückte sie herunter. Die Tür war verschlossen.

Einen Moment standen die beiden Frauen ratlos einander gegenüber. Es zuckte ihnen nervös übers Gesicht. Die alte Martha brach das Schweigen: »Vielleicht soll ich John holen?« brachte sie mit stockender Stimme hervor.

Einen Moment Stille, dann antwortete ein trockenes Schluchzen: »Hole John, Martha!«

Sie kamen auf den Zehen herbeigeschlichen. Man sah Johns kleiner, sehniger Gestalt den ehemaligen Jockei an, und seine kleinen, fast stechenden, graublauen Augen erinnerten an den scharf messenden Blick des Hindernisreiters. Er schien schon vor der Tür gewartet zu haben.

»John, mein Vater gibt keine Antwort«, sagte Cecily halblaut. »Die Tür ist zu, wir müssen ins Zimmer!«

Schweigend griff John zur Türklinke. Seine muskulösen Arme strafften sich, sein Gesicht wurde in der Anstrengung rot. Die Tür blieb geschlossen. Mit ein wenig englischem Akzent in der halblauten Stimme sagte er: »O, gnädiges Fräulein, das Schloß ist aus festem Stahl, ich kenne es!«

Cecilys große, braune Augen, die so seltsam gegen die goldene Masse ihres blonden Haares abstachen, irrten ratlos umher, verschüchtert, hilfesuchend wie die eines geängstigten Vögelchens, das sich in ein Zimmer voll fremder Menschen verirrt hat.

»Was ist denn um Gottes willen nur geschehen, John?«

Und mit einer plötzlichen Eingebung: »Ist mein Cousin noch hier? Ist er über Nacht geblieben?«

»Herr Soltau ist nicht im Gastzimmer, gnädiges Fräulein. Ich habe nachgesehen.«

»Wann ist er weggegangen?« fragte Cecily halb mechanisch.

»Ich weiß es nicht«, antwortete John, »ich brachte gestern abend den Herren den Tee ins Billardzimmer, dann gingen der gnädige Herr und Herr Soltau ins Arbeitszimmer. Der gnädige Herr sagte mir, ich solle zu Bett gehen, es wäre nichts mehr nötig.«

Auch hinter dieser Antwort lauerte etwas Unausgesprochenes, so schien es Cecily.

Plötzlich sagte John in seiner langsamen Redeweise: »Vielleicht hat Herr Soltau das Haus durch die Tapetentür im Arbeitszimmer verlassen.«

Die Tapetentür – welch ein Einfall! Alle atmeten einen Moment auf.

»Schnell«, sagte Cecily, »wir wollen von der anderen Seite ins Zimmer!«

Die drei jagten hinunter ins Erdgeschoß und liefen hastig durch den Hausflur in den Garten.

Die drei liefen zu der hohen, grauen Mauer, deren verwitterten Kalkstein ein dichtes, wildes Getriebe von Efeu hoch und graugrün überspann.

Seltsam genug nahm sich in der breiten Mauer die niedrige, schmale Tür aus, die sofort zu einer eng gewundenen, hölzernen Wendeltreppe führte. Die Tür war offen, hintereinander keuchten sie die Wendeltreppe empor. Droben war ein kleiner Vorplatz, auf dem sie, Atem schöpfend, anhielten. Ein ganz kleines, vergittertes Fensterchen, draußen dicht von Efeu verdeckt, ließ spärliches Dämmerlicht auf das kaum sichtbare Türchen fallen, das zu Brandorffs Arbeitszimmer führte. John rüttelte an der Tür. Auch sie war verschlossen. Nun hielt er sich am krachenden Treppengeländer fest und stemmte die Schulter mit unbezwinglichem Vordringen gegen die Tür.

Ein Knall von geborstenem Holz – und John hielt keuchend die auffahrende Tür zurück.

Cecily raffte heftig ihren Rock empor und schritt mit starrem Blick, tief Atem holend, über die Schwelle.

Das Zimmer war leer.

II. Folgerungen

Inhaltsverzeichnis

Das Arbeitszimmer Brandorffs war ein kleiner Raum mit wenig Möbeln. In der Nähe des Fensters ein Schreibtisch, daneben ein mittelgroßes Regal, vollgedrückt mit hohen Büchern, gegenüber eine Chaiselongue. Vor dem Schreibtisch ein halb zur Seite gedrehter Arbeitsstuhl, dem gegenüber ein Polstersessel.

Cecily zog die Jalousie hoch. Das plötzlich einfallende Licht vom Garten zeigte, wie bequem und wohnlich dieses so karg möblierte Zimmer doch war. An den Wänden hingen in schlichten Naturholzrahmen alte Stiche. Auf der anderen Seite der Bibliothektür standen auf langen, schwarz gebeizten Füßen zwei lange, schmale, verschlossene Kasten mit schrägen Glasdeckeln – ein klein wenig eingestaubt. Es war die Edelsteinsammlung Brandorffs.

Man sah, daß ihr Besitzer sich längere Zeit nicht recht um sie gekümmert haben mochte. Staub lag auch auf dem alten Ebenholzrahmen, der die vergilbte Photographie einrahmte, die über den beiden Truhen hing. Davor stand ein Tischchen, auf dem zwei halbgeleerte Teegläser waren. Alles sah aus, als sei der Bewohner des Raumes nur eben einen Augenblick fort.

Johns scharfe Stimme durchdrang den Raum leise: »Befehlen gnädiges Fräulein vielleicht, daß zu Herrn Soltau geschickt wird?«

Wie eine Erlösung ging es über Cecilys Gesicht: »Ja, John, sofort, schicken Sie Lehnert auf der Stelle zu meinem Cousin.« Fort waren die Tränen. Beinahe strahlend hatte sie die Worte gesprochen. Doch plötzlich kam ihr ein anderer Einfall. Kaum zehn Minuten entfernt wohnte noch ein Freund des Hauses – Rechtsanwalt Sanders. Er stand als juristischer Beirat ihrem Vater zur Seite, kam oft ins Haus, und sein Verhalten war das eines klugen, ruhigen Mannes, der mit scharfem Verstand ein feines Gefühl verband. Und da er noch dazu mit Soltau innig befreundet war, hatte sie um so mehr Vertrauen zu ihm. Den Rechtsanwalt Sanders wollte Cecily jetzt rufen. Sie wußte, er würde ihr bestens beistehen.

Sofort begab sie sich ans Telephon: Sanders war da, er antwortete, daß er sogleich kommen werde.

Eine bange, schreckliche halbe Stunde verging.

Endlich kam Rechtsanwalt Sanders. Cecily war gerade dabei, ihm den Sachverhalt zu erzählen, da klopfte es. John trat ein,

»Wann kommt mein Cousin?« fragte Cecily ihn erregt.

John antwortete mit seinem unbeweglichen, englischen Gesicht:

»Herr Soltau war nicht zu Hause!«

»Nicht zu Hause?« rief Cecily. »Aber um diese Zeit ist er doch immer zu Hause!«

»Als ich in die Königgrätzer Straße kam«, antwortete John, »sagte mir der Diener, Herr Soltau habe gestern abend, bevor er wegging, befohlen, die Koffer reisefertig zu machen. Heut früh wollte Herr Soltau abreisen. Aber er ist noch nicht wieder nach Hause gekommen!«

In jähem Schreck murmelte Cecily: »Erich will reisen?« Aber bevor sie ihren ängstlichen Träumen weiter nachgehen konnte, trat mit ruhigen Bewegungen Sanders dazwischen:

»Sagen Sie, John«, fragte er, »wann war denn Herr Soltau zuletzt hier?«

»Gestern abend, Herr Rechtsanwalt!«

»Nun – und?«

»Die beiden Herren zogen sich ins Arbeitszimmer zurück, nachdem ich den Tee gebracht hatte!«

»Ja, mein Vater sagte ihm, er solle zu Bett gehen«, bemerkte Cecily.

»Sind Sie da gleich zu Bett gegangen?« fragte Sanders.

»Nein, Herr Rechtsanwalt.«

Cecily sah erstaunt auf. Warum hatte er das verschwiegen?

»Was taten Sie dann?« fragte Sanders ruhig weiter.

»Ich machte erst das Gastzimmer zurecht, weil ich dachte, so spät in der Nacht, da bleibt Herr Soltau vielleicht hier. – Er hat es oft getan, als das gnädige Fräulein noch in England war.«

»Und dann?«

»Dann ging ich ins Billardzimmer und wartete, ob der gnädige Herr vielleicht doch noch etwas brauchte.«

»Wurden Sie gerufen?«

»Nein, Herr Rechtsanwalt!«

»Und was haben Sie dann gemacht?«

»Ich ging zu Bett, Herr Rechtsanwalt!«

»Gleich?«

»Ja – gleich!«

Ein unmerkliches Zögern begleitete Johns letzte Antwort. Aber Sanders' feingeschulten Ohren war es nicht entgangen. Einen Moment besann er sich, dann sah er John ruhig und groß in die Augen:

»Haben Sie irgend etwas wahrgenommen?«

»Nein, Herr Rechtsanwalt!«

»Ist Ihnen nichts aufgefallen? – Gar nichts?«

Einen ganz kleinen Augenblick Pause. Dann: »Nein!«

Im selben Moment trat Sanders dicht vor ihn hin und rief ruhig und kalt:

»Bitte, sagen Sie mir sofort, was Ihnen aufgefallen ist. Sie haben etwas bemerkt – ich weiß es!«

John hielt seinen Blick aus, dann sah er sekundenlang auf Cecily, die voll erregter Spannung zuhörte.

»Wenn Herr Rechtsanwalt es wissen – Herr Soltau schien mir etwas verstört. Und später, als ich im Billardzimmer wartete – hörte ich durch die Türen – aber ich kann mich auch täuschen – ich glaube, einen erregten Wortwechsel zwischen dem gnädigen Herrn und Herrn Soltau.«

Hastig sprang Cecily auf, in höchster Erregung:

»John, wie können Sie es wagen, so etwas zu sagen! Das ist eine unglaubliche Frechheit!«

Sanders trat dazwischen: »Ich bitte Sie, liebes Fräulein Cecily, Sie dürfen sich nicht aufregen! Warum sollte Johns Bericht nicht der Wahrheit entsprechen?«

John war sofort in sich zurückgekrochen: »Ich habe mich wohl getäuscht. Zwischen dem Billard- und dem Arbeitszimmer liegt ja die Bibliothek. Man kann sich leicht irren in den Geräuschen.«

Sanders sagte kalt: »Es ist gut, John. Sie können gehen!«

Cecily ging in höchstem Entsetzen im Zimmer auf und ab. Sie rang krampfhaft die Hände: »Sanders, Sanders – ich bitte Sie – was soll das nur sein! Erich hat doch nie ein heftiges Wort gesagt. Und mein Vater war so ruhig und überlegt. – Mein Vater – wo ist mein Vater? – Und Erich will reisen und ist nicht nach Hause gekommen! – O Gott, was geht nur hier vor? Warum muß das alles gerade auf mich eindringen?« Und in tiefster Verwirrung laut und angstvoll schluchzend, brach sie zusammen.

* * *

»Unangenehm, höchst unangenehm!« sagte der Kriminalkommissar von Redberg. »Sehen Sie nur, Herr Sanders, wieviel Personen schon im Zimmer gewesen sind! Man hat ja alle Spuren verwischt!«

Aber er stellte zwei Kriminalbeamte ins Haus und trug dafür Sorge, daß das Arbeitszimmer nicht mehr betreten wurde. Sanders kannte die Wohnung bis ins kleinste Eckchen. Er hatte schon als Zwanzigjähriger den alten Brandorff, den langjährigen Freund seines verstorbenen Vaters, oft und gern aufgesucht. Als er dem Kriminalkommissar zur Hand gehen wollte, lehnte dieser nicht gerade unfreundlich ab. »Danke verbindlichst, Herr Rechtsanwalt. Ich werde vielleicht Ihren Rat noch brauchen können, aber vorläufig muß ich sehen, wie ich mich allein zurechtfinde.

Wirklich, die Sache ist höchst mysteriös. Der alte Herr geht sonst nie aus dem Haus, neigt, wie Sie sagen, auch zu keinerlei Extravaganzen, und nun ist er plötzlich verschwunden – und noch dazu aus dem innen abgeschlossenen Zimmer! Mysteriös – höchst mysteriös!«

Er beklopfte die Wände, ging zum Fenster, ließ die Jalousie herab und zog sie wieder hoch. Dann sah er aus dem Fenster hinunter: »Nein, hier kann er nicht heraus! Aber, sagen Sie, Herr Sanders, Sie kennen die Wohnung ganz genau – wirklich ganz genau? Und Sie sind überzeugt, daß außer dieser offenen Tapetentür hier sich nirgends im Zimmer etwa eine Geheimtür oder so etwas Ähnliches befindet? Ich bitte Sie, in so einem alten Haus!«

Herr von Redberg machte sich daran, mit Hilfe von Sanders festzustellen, ob vielleicht irgend etwas in der Wohnung fehle, das sonst da war.