Die Insel der flüsternden Felsen - Anne Willsch - E-Book

Die Insel der flüsternden Felsen E-Book

Anne Willsch

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Beschreibung

Auf der Insel Kratonien steht kein Stein mehr auf dem anderen. Ein Goldrausch weckt einen mächtigen Feind und verdammt Zwergin Azura und die Trolle Yorn & Rayan zu einer Reise wider Willen. Können sie Freund von Feind unterscheiden, das Geheimnis der Goldenen Bruderschaft lösen und ihre Heimat vor dem Untergang bewahren?

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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2022

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für Juan

Zu diesem Buch

Wenn es auf der Insel Kratonien um die Leidenschaft Nummer eins geht, sind sich alle Trolle, Zwerge und Wassermänner ausnahmsweise einmal einig: Sie alle lieben Edelsteine. Doch die Zeiten der Eintracht sind längst Vergangenheit; die Insel ist krank. Wie eine Seuche breiten sich Habgier und Missgunst über alle Lande aus. Selbst vor den öden Niederungen des Südens macht der schonungslose Raubbau keinen Halt: Wie ein Rudel Wölfe stürzt sich die skrupellose »Bruderschaft« auf einen unerwarteten Goldfund und unterwirft das Volk der Schottertrolle, von denen zwei sich retten können. Yorn und Rayan fliehen und machen sich auf die Suche nach Verbündeten. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur zwielichtigen Quacksalbern, besserwisserischen Steinlingen und belesenen Zwerginnen; ihnen wird auch klar, dass hinter all den Geschehnissen um den plötzlichen Goldrausch mehr steckt. Ist es wirklich bloße Gier, die ihre Zeitgenossen zu bösartigen Bestien werden lässt?

Die Autorin

Anne Willsch, Jahrgang 1990, studierte Geologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und ist heute als freie Schriftstellerin und Illustratorin tätig. Neben ihren eigenen Werken illustriert sie vor allem Fantasy- und Kinderbuchliteratur. Zusammen mit ihrem Partner und drei Meerschweinchen lebt sie in der Fränkischen Schweiz.

Weitere Infos zur Autorin, dieser Romanreihe und weiteren Veröffentlichungen auf der Website https://annewillsch.jimdosite.com & auf Instagram unter @annewillsch

Abonnieren und informieren lohnt sich, denn die Abenteuer von Yorn, Azura & Co sind noch lange nicht zu Ende:

Band 1: Die Insel der flüsternden Felsen – Der Fluch des Goldes

Band 2: Die Insel der flüsternden Felsen – Das Blut der Drachen

Band 3: Die Insel der flüsternden Felsen – Das Herz des Gebirges(ausstehend)

Kratonien

Personenverzeichnis

Schottertrolle

Endrís: Einwohner von Yol Fanur, Freund von Rayan und Yorn

Esker: Jarl von Yol Fanur, Vater von Yanek

Grimo Uranssan: Onkel von Rayan aus Yol Dauliš

Horat Junior: Einwohner von Yol Fanur, Freund von Rayan und Yorn

Kieselgur: Dorfdruide von Yol Fanur und begeisterter Poet und Musiker

Rëga Rutilsdûn: Tochter des Kieshändlers Rutil, Schwester Rayans

Rutil Uranssan: Kieshändler aus Yol Fanur, Vater von Rayan und Rëga

Rayan Rutilssan: Kieshändler aus Yol Fanur, bester Freund Yorns

Sílur: Einwohner von Yol Fanur, Freund von Rayan und Yorn

Ursa: Wirtin eines Gasthofs und Bekannte Rayans

Yanek: Einwohner von Yol Fanur, Freund von Rayan und Yorn

Yascha: Dorfschönheit von Yol Fanur

Yolga Uransdûn: Wirtin des Nagelfluh, Tante Rayans und Schwester Rutils

Yorn Yesnâssan: Wollyakhirte, Sohn Yesnas aus Yol Osnat, bester Freund Rayans

Bantorzwerge

Anatas von Hammerfest: einer der vier Stammesfürsten, Herr des Sichelgebirges

Azura: Thronfolgerin des Bantorreiches, Tochter des Königs Eklot XII

Baran Silberdaum: Einwohner Zirkonias, Bruder von Baris

Baris Silberdaum: Einwohner Zirkonias, Bruder von Baran

Bernstein: Heermeister und Royalist

Darius (†474): Prinz des Bantorreiches, Sohn Eklots XII und Bruder Azuras

Dhan: Lakai am Hofe Azuras

Eklot XI (†410): König des Großreichs der Zwerge (395-410), Großvater Azuras

Eklot XII (†474): König des Großreichs der Zwerge (410-474), Vater Azuras

Eklot (†474): Prinz des Bantorreiches und Bruder Azuras

Emerald von Erzen: Stammesfürst, Herr des Nordbantormassivs

Eskam (†499): Bruder des Großkönigs Eklot XII, ehem. Regent des Bantorreiches

Fjella Dukata: vermögende Minenbesitzerin und Royalistin

Io, der Alte: Núrmitor-Veteran und Royalist

Korund von Knoblaucherz: Stammesfürst, Herr der Steppe

Lillit von Smara: Urenkelin des Stammesfürsten Omon von Smara

Omon von Smara: Stammesfürst, Herr der Ewigen Hügel

Smílla: Zofe Azuras

Yanna (†474): Prinzessin des Bantorreiches, Schwester Azuras

Kupferzwerge

Adamas: Prinz, Sohn König Aragads I und Thronfolger des Kupferreiches

Alaba: Prinzessin des Kupferreiches, Zwillingsschwester von Adamas

Aragad I: König des Kupferreiches (seit 474), »Kupferkönig« oder »der Hammer«

Belmaš Breitaxt: Oberbefehlshaber des Westwehres, Hüter der Grenzen

Benjon Rotauge: Seidenglanz‘ Handlanger

Dreibaum: Kerkermeister der Dunklen Löcher von Rhyolia

Fimmel: Fürsprecher am Hofe Jaspas in Rhyolia

Hayuna (†474): Königsgemahlin, Ehefrau von Eklot XII, Mutter Azuras

Jaspa, die Eisige: Regentin des südlichen Kupferreiches, Schwester Aragads

Krummkorn: Königlicher Barrister am Hofe Jaspas in Rhyolia

Meister Pheisto: Medikus am Hofe Aragads in Malachia

Saška Seidenglanz: Sklavenhändler aus Malachia

Schrotpech: Oberstleutnant des kupferzwergischen Heers in den Bleibergen

Steinfisch: Wirt des Kupfernen Kraken

Sonstige

Boss: Goldener Bruder, von Winz in »der Hutmacher« umbenannt

Dädal Dreizack: im Bannwald niedergelassener Edelsteinhehler

Dosefine Dreizack: Dädals Mutter und Einwohnerin von Bal Auris

Eoke: Nebelfrau und Schülerin einer Seherin

Fränäk: Wirt der Bisamklause

Gerk: Steinling, Mitglied des Kabinetts in Bal Bantor und Regent der Karstlande

Grauzahn, Goldkönig: König der Goldenen Bruderschaft

Latta: Hafenmädchen aus Malachia, Sklavin von Seidenglanz

Locke: Goldener Bruder, Vasall des »Hutmachers«

Mëschuk: Berggnom und Schöffe am Hofe Jaspas

Orla: Steinling, Famula an der Steinernen Akademie von Bal Bantor

Pévjan: auch »Pev« genannt, Klabautermann und Mithäftling Rëgas

Rana Ragá: mysteriöse Wanderseherin

Salzpraline: Meerjungfrau und Hafendirne im Kupfernen Kraken

Topas Alraun: »Meister Alraun«, Fell- und Lederhändler in Bal Auris

Winz: Caldatischer Wüstenwichtel und Gefangener der Goldenen Bruderschaft

INHALT

Die Entstehung der Welt

Die Schülerin

Der Schottertroll

Die Augen der Azura

Große Gefahr

Adamas, der Alleskönner

Ein Licht im Regen

Hochzeitsnacht

Bannwald Baëldarin

Die Schwarze Stadt

Lauter Lügen

Gebirgsfieber

Dädals Geheimnis

Die Siedenden Sümpfe

Die Dunklen Löcher

Ein reiner Tisch

Jaspa, die Eisige

Das Hexenhaus

Wachtmeister Dosenwein

Das Königliche Tribunal

Der Gräserflüsterer

Das Urteil

Zum Nagelfluh

Die Frau ohne Namen

Der Raum der Sieben Siegel

Das Redekabinett

Malachia

In Bauche Bantors

Von der Latrine in die Traufe

Baran und Baris

Im Hause Seidenglanz

Die magische Grotte

Der Kupferprinz

Die Schlangenbeschwörer

Ende und Anfang

ANHANG

Almanach

Dynastien

Zeittafel

Geologische Entstehung

Nachwort zur aktuellen Auflage

Die Entstehung der Welt

Am Anfang herrschte die Dunkelheit und die junge Seele der Welt war schwarz und kalt. Um der Einsamkeit ihres eigenen Daseins zu entfliehen, schuf sich die Dunkelheit eine mächtige Gefährtin; malte und schmückte sie in den buntesten Farben und wildesten Formen, den schillerndsten Tönen und von unglaublicher Schönheit. Sie nannte sie Mâra, Göttin der Erde.

Mâra war nicht nur lebensfroh und wild, sondern auch exzentrisch und entzog sich der führenden Hand ihrer Schöpferin. Die Dunkelheit war nun zwar nicht mehr allein, doch ihre neue Gefährtin entpuppte sich als unberechenbar. Als Mâra sich in einer Laune fünf Kinder schuf, die sie Yimris, Trajian, Nehal, Efendal und Fanur nannte, zog sich die Dunkelheit traurig zurück, da sie sich nicht mehr gebraucht und von Mâra hintergangen fühlte. Mâra und ihre Kinder lebten von nun an in einer Welt ohne Dunkelheit und voller Überfluss, doch als ihre Söhne und Töchter älter wurden, erkannten auch sie die launische und narzisstische Natur ihrer Mutter. Schon bald wurden sie ihrer Selbstherrlichkeit überdrüssig und verschworen sich gegen sie. Die fünf Kinder Mâras beschlossen, ihre Kräfte zu vereinen, um ihrer Mutter Erde Einhalt zu gebieten: Yimris schuf den Mond und die Sonne, die fortan auf die Ebenen und Berge Mâras niederbrannte, ihre Böden verdorren und ihre Gebirge spröde werden ließ; Trajian schuf das Wasser, das an den Küsten und steilen Klippen Mâras nagte, mächtige Flüsse und reißende Bäche, die das Gestein stetig spülten und in die Ozeane forttrugen; Nehal schuf den Wind, der unerbittlich über die steilen Gipfel und Ebenen Mâras blies und die Macht hatte, ganze Wüsten aus Sand und Staub fortzufegen; Efendal schuf das Erdenfeuer, welches das Gestein Mâras ins Wanken brachte und mit Rissen durchzog, ließ aschespeiende Vulkane wachsen und die Erde beben; und Fanur, der Jüngste der Geschwister, schuf das Eis und die Gletscher, die sich fortan wie träge Riesenschlangen durch Mâras Berge schoben und Unmengen Geröll von ihren Flanken raspelten.

Mâra war so erschüttert über den Verrat ihrer Kinder, dass sie augenblicklich erstarrte und zu Stein wurde. In ihrem Inneren, eingeschlossen im Fels, weinte sie bitterlich. Verborgen in den Tiefen des Gebirges blieben ihre Tränen als glitzernde Schätze an den Gängen und Spalten haften – an jenen Wunden, die ihre Kinder Mutter Erde zugefügt hatten.

Die Dunkelheit war erstaunt und verwundert über das, was aus ihrer Schöpfung geworden war. Sie beschloss, einmal am Tag auf die Welt zu blicken, um das Werk von Mâras Kindern zu betrachten und um mit schwarzem Mantel um das Schicksal der gezähmten Erde zu trauern.

Die Schülerin

Der Vogel, der den Schwarm verlässt, stirbt. Die Leute in ihrem Dorf hatten wieder einmal recht gehabt und Eoke hätte sich dafür ohrfeigen können, dass sie lieber auf ihre Meisterin gehört hatte, anstatt den anderen zu glauben. Immer schon war es ihr wichtiger gewesen, eine fleißige, gehorsame Famula zu sein, als allgemeingültigen Meinungen zu folgen; stets hatte sie jeden Befehl ihrer schrulligen, alten Mentorin ohne Zögern befolgt und jetzt – durfte sie deswegen um ihr Leben rennen.

Na vielen Dank auch!

Hätte die weiseste Seherin des Nebelreichs, vielleicht auch der ganzen Welt, nicht das Risiko vorhersehen können, dem sie Eoke ausgeliefert hatte? War ihr die drohende Todesgefahr nicht bewusst gewesen, als sie ihre Schülerin in die Schwarzlande geschickt hatte?

»Die Sa-che um die es hier geht, ist grö-ßer als du und ich.« Die vertraute Stimme ihrer Meisterin ertönte in Eokes Erinnerung. Worte mit Silben zäh wie das Blut der Palmen, voll exotischem Singsang und gebettet in eine Rauchigkeit, die nur das jahrelange Paffen von Zigarren der übelsten Sorte zu erzeugen vermochte. Die Erkenntnis ergoss sich über Eokes Haare und Federschmuck wie der tropische Nachmittagsregen, der soeben eingesetzt hatte. Ihre Meisterin hatte es gewusst. Und sie war das Risiko bereitwillig eingegangen.

Zeit, die Fäuste zu ballen und wütend zu sein, blieb Eoke nicht. Panisch schlitterte sie einen glitschigen Hang aus rotem Lehm hinunter; eine schlechte Abkürzung, die ihren Verfolgern bereitwillig Eokes Spuren offenbaren würde. Nur mühsam balancierte sie auf ihren langen Beinen und versuchte mit ihrem drahtigen Körper, das Gleichgewicht zu halten. Ein Nebelmenschenkörper, von dem die Zwerge jenseits des Kamms gerne behaupteten, er sei tückisch wie der Morgendunst und könne mit dem Dschungel verschmelzen. Wenn das dumme Gerede der Zwerge doch nur ausnahmsweise einmal wahr wäre!

Zaubertricks, wie unsichtbar werden, hätten Eoke nun mehr genützt als die läppische Anfängermagie, die ihre Meisterin ihr bisher gelehrt hatte. Was brachte einem das Talent, das Wetter am Geschmack des Sonnenuntergangs vorherzusehen, wenn man von einer Horde Zähne fletschender Barbaren mit Säbeln verfolgt wurde?

Dabei waren diese Bestien gar nicht Eokes größtes Problem. Wahrscheinlich hätte sie die schwergewichtige, ungelenke Wüstenbrut hinter sich hier in ihrer vertrauten Umgebung längst abgehängt, wäre da nicht diese eine ungünstige Sache. Palmblätter, groß wie Boote, und Lianen, stramm wie Schlangen, peitschten in Eokes junges Gesicht, als sie mit einem unguten Gefühl hinauf in die majestätischen Kronen der Urwaldriesen schielte. Da war er wieder! Dieser verfluchte Greifvogel, der ihren Verfolgern als Späher diente! Dieser verdammte Rotschnabel, bei dem sich Eoke sicher war, ihn schon einmal in völlig anderer Gestalt in Ashkent gesehen zu haben. In einer Gestalt auf zwei Beinen und mit einem hässlichen Grinsen im Gesicht.

In Ashkent, der Hauptstadt der Schwarzlande, wo Eokes Dilemma vor wenigen Sonnen begonnen hatte. In Ashkent, wo sich das Geheimnis des Sonnenkönigs zwischen dem Wispern des Wüstenwindes und den Schatten der Lehmhäuser verborgen hielt. Ein dunkles Geheimnis, welches das gesamte Eiland betraf; eine Insel so groß, dass viele behaupteten, sie hätte eher den Titel Kontinent verdient. Ein Geheimnis, das Eokes Meisterin ihrer besten Schülerin zu lüften beauftragt hatte.

Mit dem Gedanken an ihre Mentorin meldete sich erneut deren rauchige Stimme in Eokes Erinnerung. »Wir ha-ben nicht viel, aber wir ha-ben eine Pro-phe-zeiung: Wur-zeln des Bösen in des Berges Innerei. Blutig wie Adern, töd-lich wie Blei. Das Herz-land wird richten mit ehernem Schwert. Gut wird Schlecht und umge-kehrt – finde he-raus, was das bedeutet! Finde he-raus, was die Worte meiner Schwester zu be-deuten ha-ben!«

Eoke hatte es herausgefunden und deshalb musste sie jetzt umso dringender überleben.

Rennend und nach Luft japsend verfluchte sich die junge Famula dafür, dass sie ihrer Mentorin keine Botschaft hatte zukommen lassen, als sie es noch gekonnt hatte. Wie blauäugig sie gewesen war! Niemals hätte sie daran gedacht, dass ihr Herumschnüffeln jemandem in Ashkent aufgefallen war; doch genau das war passiert.

Der nimmersatte Boden unter ihren Füßen schmatzte in der tropischen Hitze, während Eoke im Zickzack um die turmbreiten Baumstämme herum jagte. Keuchend kam sie zum Stehen, griff gekonnt nach einem der Pfeile im Köcher auf ihrem Rücken, spannte ihren Bogen, visierte den bösartigen Vogel über ihrem Kopf an und schoss. Surrend verlor sich der Pfeil weit oben im triefenden Grün des Himmels – doch fernab des Rotschnabels. Eokes Hände zitterten, als sie das Unterholz hinter sich zerbersten hörte wie unter einer Herde aufgebrachter Elefanten. Geschwärzte Gesichter, metallisch blitzende Säbel und blutrot durchtränkte Gewänder ließen Eoke die Füße in die Hand nehmen: Ihre Verfolger waren schneller gewesen, als sie es den plumpen Bestien zugetraut hatte.

Stolpernd hechtete sie hinein in den Urwaldsumpf. Nur ein paar Schritte waren notwendig, bis Eoke bemerkte, dass sie einen riesigen Fehler gemacht hatte. Unbarmherzig griff der tödliche Schlick nach ihren zarten Füßen. Ihre Schritte erlahmten wie die Bewegungen einer Fliege im Honig, während das hungrige Nass sich ihrer bemächtigte. Mit rasendem Herzen beobachtete Eoke, wie die Vasallen des Sonnenkönigs hinter ihr am Rande des Sumpfes zum Stehen kamen. Ein böses, hämisches Grinsen breitete sich auf ihren mit Kohle geschwärzten Gesichtern aus, die allmählich ihre Farbe im Regen verloren. Eoke war währenddessen bereits bis zum Bauchnabel eingesunken und verspürte den brennenden Schmerz der Zersetzung an ihren Fußgelenken.

»Schau an! Der Wald frisst seine Kinder!«, spottete eine Stimme. Eine dürre Gestalt in Kapuzenkluft trat hinter dem Wall aus groß gewachsenen Kriegern hervor. Voller Schrecken betrachtete Eoke die ekelhaften Mundwinkel, die sich vom regelmäßigen Kauen von Steinpech rot verfärbt hatten. Sofort verzogen sich diese zu einem hässlichen Grinsen, als ihr Besitzer einen Pfeil hinter seinem Rücken hervorzauberte. Eokes Pfeil.

»Der gehört dir, hab ich recht?« Er genoss jedes Wort.

Die mutige Famula hatte nichts mehr zu verlieren. »Tu mir den Gefallen und mach schnell, Rotschnabel. Dann muss ich wenigstens die Galle nicht mehr riechen, die dein widerlicher Atem verströmt«, rief sie frech. Eoke schmeckte bereits die ersten Blutstropfen in ihrem Mund; der Sumpf hatte sich ihrer Innereien bemächtigt.

Ihr Gegenüber legte seinen Kopf zur Seite und erinnerte nun umso mehr an den listigen Greifvogel, der er eben noch gewesen war. Seine wässrigen Augen formten Schlitze. »Nicht doch. Niemand sollte diesem Wald seine Beute nehmen«, grinste er ein rotes, böses Grinsen. Eine minimale Geste seiner fleckigen Hand reichte aus, um den Trupp aus Kriegern zur Umkehr zu bewegen.

Eoke spuckte Blut. »Ihr macht einen riesigen Fehler!«, brüllte sie keuchend. »Euer Tun wird all das hier vernichten!«

Die dürre Gestalt hielt in ihrer Bewegung inne und blickte amüsiert zurück. »Falsch. Wir retten Kratonien, du naives Nebelgesicht. Wir bringen Kratonien wahren Glauben. Höheres Wissen. Fortschritt und Wohlstand.«

Es waren nicht die Worte, die Eoke erschreckten. Es war der Ausdruck auf dem Gesicht ihres Jägers, der der Famula jegliche Hoffnung für die Zukunft ihres Eilandes urplötzlich nahm. Rotschnabel hatte tatsächlich nicht die leiseste Ahnung, welches Übel er und seine Anhänger über Kratonien bringen würden. Sie wussten es nicht und mit ihrem letzten Atemzug war auch Eokes Chance verspielt, es ihnen zu sagen.

Der Dschungel fraß an diesem Nachmittag seine kostbarste Tochter.

Der Schottertroll

Wenn man in den rauen Schotterlanden als sensible Seele geboren wurde, tat man gut daran, diesen Charakterzug tief in sich zu begraben. Yorn lernte diese Lektion jeden Tag aufs Neue. Wenn man Yorn betrachtete – zotteliger Lockenschopf, groß, breitschultrig und eingehüllt in dicke Kleidung aus Wollyakfell – sortierte man den Schottertroll eher in die Kategorie »abgehalfterter Draufgänger«, was jedoch einer kompletten Fehleinschätzung gleichkam.

Yorns Heimat war entbehrungsreich, rohstoffarm und schweinekalt; alles Umstände, die dazu geführt hatten, dass die anderen Insulaner den südlichsten Landzipfel Kratoniens so gekonnt ignorierten wie einen gesunden Nachtisch auf einem Buffet.

Yorn war das nur recht. Schließlich hatte er sich nicht für den Beruf als Wollyakhirte entschieden, um ständig im Zentrum des Trubels zu sein. Hirte wurde man, weil man mit Stille und Natur besser zurechtkam als mit Gebrabbel und Gesellschaft.

Oder weil man gesucht wurde… und untertauchen musste.

Yorns Besitz beschränkte sich auf drei Wollyaks (weiße Fellberge namens Mondlocke, Winterstern und Eisblume mit einem narwalartigen Horn auf dem Kopf), ein Kälbchen (das seinen Namen traditionell erst bekam, wenn es seinen ersten Winter überlebt hatte) und einen Beutel samt Inhalt, in den Yorn gerade seine Hand gleiten ließ.

Seine Finger ertasteten das kalte Blech seines Kochtopfs, die scharfen Kanten seiner Feuersteine, den Holzgriff seines Messers aus grünem Obsidian, das Leder seines Alzarnikpech-Täschchens (ein Pulver, mit dem man Feuer schwarz färben konnte), eine verbeulte Dose Kieselkraut und fanden schließlich, wonach sie gesucht hatten: eine Handvoll Göttersteine, ein Geschenk seiner Mutter.

Liebevoll und vorsichtig, als wären es zerbrechliche Eier, sammelte Yorn die Kiesel ein und zog sie aus seinem Beutel. Geübt schwenkte er sie in seinen Handflächen und warf sie dann mit Schwung auf den nassen Boden, wo sie neben sterbenden Schneeflocken zum Liegen kamen. Im Windschutz eines Felsens, den die Gletscher vor langer Zeit in den kargen Niederungen zurückgelassen hatten, beugte sich Yorn angespannt über seine Steine. Wenn die Kiesel zu ihm sprachen, hatte Yorn immer ein wenig das Gefühl, die Götter offenbarten ihm fürsorglich den richtigen Weg; doch die Weisung, die die Steine schon seit Tagen für ihn parat hielten, erfüllte Yorn nicht mit Frieden, sondern mit blankem Entsetzen.

»GROSSE GEFAHR«

Keine Erläuterung. Keine Erklärung. Kein Hinweis, woher diese Gefahr kommen sollte.

Der frostige Abendhauch kroch in Yorns Nackenfell, hinein unter seine Kleidung und den Rücken hinab. Da war sie wieder: die kalte Angst, die Yorn seit jeher kannte und die in den letzten Jahren immer schlimmer geworden war.

Wenn Yorn versuchte, anderen Schottertrollen das Gefühl seiner Panik begreiflich zu machen, entschied er sich für gewöhnlich für die Metapher eines schwarzen, stacheligen Viehs, das rucksackartig auf seinem Rücken hockte. Je nach Situation wurde dieses Vieh schwerer, raubte ihm all seine Kraft, fiepste aufgeregt, so dass Yorn nichts anderes mehr hören konnte, oder klammerte sich mit seinen spitzen Krallen von hinten um Yorns Hals, so dass er kaum mehr Luft bekam. Aber Yorn hatte seit Langem aufgegeben, anderen Schottertrollen seine Angst bildlich verständlich zu machen.

Sie kapierten es schlichtweg nicht.

Kieselgur, der Druide der nächstgelegenen Siedlung, hatte Yorn geraten, sich mit seiner Angst anzufreunden. Yorn hatte selten einen dämlicheren Ratschlag gehört und eine bessere Lösung gefunden.

Er wischte die Göttersteine an seinem Mantelsaum trocken, legte sie zitternd ins Innere des Beutels zurück, zog an ihrer statt die Dose mit Kieselkraut hervor und steckte sich eine Prise davon in die Backe. Der bittere Geschmack mischte sich mit Yorns Speichel und beruhigte das Gekreische seines Viehs auf der Stelle.

Matt und ein wenig betäubt ließ sich Yorn gegen den Felsbrocken sacken. Dann sah er hinüber zu seinen Wollyaks und hinaus in die Ödnis der Kältesteppe, die sich vor ihm in der trüben Dämmerungssuppe ausbreitete. Nasser Schnee graupelte aus einer grauen Wolkendecke hinunter in erdigen Matsch; es war jene ätzende Phase des Spätwinters, in der die Temperatur knapp über und unter dem Gefrierpunkt herumtingelte und eine Nuance darüber entschied, ob alles in weißem Glitzer erstrahlte oder in braunem Dreck versank.

Yorn spürte, wie der ungebetene Begleiter auf seinen Schultern endgültig erschlaffte; pausierend bis zum nächsten Auslöser, der das Vieh erneut aufstacheln würde.

Es war nicht schon immer bei ihm gewesen.

Das erste Mal gespürt hatte Yorn seine Anwesenheit, als er seine Heimatstadt an der Südküste verlassen hatte. Als er Yol Osnat den Rücken zugekehrt und seine Yaks gekauft hatte und mit ihnen in das Herz der Schotterlande in die Gegend um Yol Fanur gezogen war, wo ihn niemand kannte. Wo er versuchte zu vergessen, wer er gewesen war. Wo niemand etwas über sein Geheimnis wusste.

Das Lügen war Yorn erstaunlich leichtgefallen. Seine neuen Freunde und Bekanntschaften in Yol Fanur hatten ihm bereitwillig all seine Märchen geglaubt; Hauptsache, sie enthielten böse Zwerge, ein wenig Romantik und ein gutes Ende.

Mal verlieh sich Yorn die Identität eines Kieselholzhändlers aus Yol Dauliš, der aus Angst vor seiner grausamen Schwester ins Hirtendasein geflohen war. Ein andermal erzählte Yorn, er sei der älteste Abkömmling einer Steinmetzdynastie aus Yol Kumliš, dem das Leben im Überfluss zu Kopfe gestiegen war und der nun Zerstreuung in der Natur suchte.

In ganz Yol Fanur gab es nur eine einzige Seele, der Yorn verraten hatte, dass all diese Geschichten geflunkert waren: Rayan. Sein bester Freund hatte Yorns Geständnis akzeptiert, ohne jemals nachzubohren, was dahintersteckte.

Ein Bernsteinbier, Rayan und der Verkauf seiner Yakwolle waren drei der Gründe, die Yorn manchmal in die Siedlung lockten. Yol Fanur war ein typisches Schottertrolldorf samt Befestigungsanlage. Auf einem Geröllwall aus Gletscherschutt erbaut, duckte es sich in die mit Heide, Steppengräsern und Nadelgehölzen übersäte Landschaft. Alle Wohnhäuser und die Wetterfestung waren aus Schutt und Kieselsteinen errichtet worden; eine altehrwürdige Art des hiesigen Bauens, auf die es in Yorns Augen jedoch keinen Grund gab, stolz zu sein, da manchmal schon das Gewicht eines Schneekäuzchens genügte, um eines der bröseligen Dächer zum Einsturz zu bringen. Ein weiterer Grund, warum Yorn sein »Sternenzelt« draußen in der Prärie der Zivilisation vorzog.

Wenn es um ihre heißgeliebten Kieselsteine ging, setzte der Verstand bei Schottertrollen einfach aus und Yorn wusste, dass seine Landsleute mit dieser Einstellung nicht alleine waren.

Yorn hatte die Grenzen der Schotterlande nie hinter sich gelassen, doch die Geschichten der Seeleute, Piratinnen und Klabauter in Yol Osnat hatten genügt, um ihn bereits in seiner Kindheit von einer Sache zu überzeugen: Alle Einwohner Kratoniens – ganz gleich ob Kupferzwergin oder Kohletroll, schwemmländischer Wassermann oder Nebelfrau, Bannwald-Bandit oder karstländer Steinling – sie alle teilten ein und dieselbe Passion: Steine.

Edelsteine, Erze, Mineralien. Die Tränen Mâras, jene glitzernden Juwelen der Gebirge und ihrer Abgründe, Kleinode ihrer Eingeweide und Stollen hatten seit Anbeginn der Zeit über das Leben und das Leid auf der Insel bestimmt.

Allerdings war es beim einstigen Schöpfungsspektakel nicht gerecht zugegangen. Nicht jedes Volk war mit derselben Üppigkeit an Bodenschätzen gesegnet worden und die Schotterlande belegten mit Abstand den letzten Platz. Yorn mutmaßte, dass die Götter seine Heimat damals schlichtweg übersehen hatten; vielleicht war es ihnen hier unten aber auch einfach zu kalt und ungemütlich gewesen, um länger als nötig zu verweilen. Nur der Schneegott Fanur war der frostigen, edelsteinlosen Ödnis treu geblieben. Die Anbetung seiner Eiskristalle war jedoch nur ein schwacher Ersatz für die beständigeren Erdschätze seiner göttlichen Geschwister.

Die Rohstoffarmut der Schotterlande schön zu reden, war nicht leicht, aber Yorn schaffte es dennoch. Immerhin hatte all das hiesige, kümmerliche Geschiebe1 weder das Interesse von Invasoren noch die Gier anderer Völker geweckt, so dass die schotterländischen Grenzen niemals bedroht gewesen waren. Für ein paar Haufen Kies und die wenigen Brocken Bernstein, die die Südküste abwarf, machte sich keine Armee auf den Weg.

Dass Yorn gut mit der Schmucklosigkeit seiner Heimat und seines eigenen Selbst zurechtkam, hieß nicht, dass alle Schottertrolle so genügsam waren. Erschwerend hinzu kam die Tatsache, dass eine der größten Bergketten Kratoniens direkt vor der eigenen Haustür lag. Das Kupfergebirge, Hoheitsgebiet der Kupferzwerge, reckte seine Gipfel hinter der Ostgrenze des Landes verführerisch in den Himmel und flüsterte Versprechungen nach Smaragden, Malachit und Kupfererz. Eine provokante, gefährliche Koketterie, der einige von Yorns Landsleuten nicht auf Dauer widerstehen konnten.

Einer dieser Unglücksraben war Rëga, Rayans Schwester; eine robuste, vorlaute Trollin, die mehr Mumm hatte als alle Einwohner Fanurs zusammen und die Yorn auf seine Weise dafür bewunderte. Rëga war vor zwei Vollmonden spurlos verschwunden und jeder in Yol Fanur ahnte, was das zu bedeuten hatte. Rëga war »gen Morgensonne gegangen«, war »dem Ruf des Gebirges gefolgt« und dass sie bis jetzt nicht zurückgekehrt war, verhieß nichts Gutes.

Nur selten schaffte es einer der Grenzgänger samt Kostbarkeiten aus dem Kupfergebirge zurückzukommen, denn was Diebstahl anging, verstanden die Zwerge keinen Spaß. Das »Kleine Volk« hasste die räuberischen »Yetis« aus dem Tiefland; eine uralte Fehde, die auf Gegenseitigkeit beruhte.

Als hätte Yorn mit dem Gedanken an Rëga ihren Bruder heraufbeschworen, manifestierte sich Rayans Umriss zwischen Kiefern, Heide und Hügeln im Dunst der Ferne.

Er besuchte Yorn regelmäßig; zumindest dann, wenn Yorn mit seiner Herde in der Nähe der Siedlung weilte. Seinen eremitischen Freund mit dem neuesten Klatsch aus dem Dorf zu versorgen, schien für Rayan eine wahre Wonne zu sein. Sobald er zu erzählen begann, bekamen seine pechschwarzen Mandelaugen jenes magische Funkeln, um dessen Wirkung auf Frauen Yorn seinen Freund beneidete.

Rayan war ein impulsiver Geselle, der von Herzen gerne vor sich hin schimpfte, dreckiger lachen konnte als eine Sabberhexe und alle um sich herum mit »Bruder« oder »Schwester« ansprach. Seine muskulösen Oberarme und breiten Schultern verliehen ihm das Aussehen eines Kriegers, doch in Wahrheit hatte Rayan nie einem heftigeren Gefecht als einer Kneipenschlägerei beigewohnt.

Auf einer davon hatte er Yorn kennengelernt. Nachdem er Yorn das Fell über die Ohren hatte ziehen wollen (weil der Fremde von der Küste »so komisch rüber geguckt hatte«), hatten die beiden über einem Bernsteinbier Frieden und Freundschaft geschlossen.

Schwere Wolken drückten auf die Einöde, während Rayan näherkam, die Hand zum Gruße erhoben. Nur ein schwacher, goldener Schimmer am Horizont verriet, dass sich der düstere Tag dem noch dunkleren Abend zuneigte. Yorn spürte, dass diese Nacht sternenlos und bitterkalt werden würde, weshalb er die Zeit nutzte und ein Feuer entfachte, bis Rayan sein Lager erreicht hatte.

Die beiden Schottertrolle begrüßten einander auf südländische Art mit einem verbindlichen Nicken und Rayan zauberte zwei Schläuche Bernsteinbier aus seinem Beutel hervor; eine Liebenswürdigkeit, die inzwischen zu ihren Treffen dazugehörte. Glücklich nahm Yorn einen tiefen Schluck. »Was gibt’s Neues, mein Freund?«

»Oh!« Rayan rieb sich genüsslich die Hände und sein Lächeln hatte etwas Waschweibisches angenommen. »Einiges, Bruder! Wo fang ich an? Hm. Also erstma‘ hat Yanek wieder Scheiße gebaut.«

»Was au‘ sonst?« Yorn kicherte.

»Hat sei‘m Alten neulich bisschen Koboldpulver in die Pfeife gestopft. Hatte das Zeug von ‘ner Kesselflickerin, die neulich ins Dorf gekommen is‘. Un‘ na, was soll ich sagen – unser Jarl hat jetzt jedenfalls keine Augenbrauen mehr.«

Yorn schnaubte. »Typisch Yanek.«

»Ja, typisch Yanek.« Rayan grunzte schadenfroh. »Ah ja, un‘ mein Alter will mir nu‘ endgültig das Geschäft übertragen. Sein Rücken verlangt nach Ruhestand, sagt er.«

»Das heißt, in Zukunft mehr zu tun, hm?«

»Sieht so aus, Bruder. Wobei ich mir beim besten Willen nich‘ vorstellen kann, dass sich der gute, alte Rutil wirklich dran hält. Kennst ihn ja. Am Ende steht er dann doch wieder im Laden un‘ weiß alles besser. Eigentlich wollt‘ ich das Ganze ja mit Rëga zusamm‘ übernehm‘, aber nein, diese treulose Unruhestifterin lässt mich sitzen un‘ haut einfach zu’n Zwergen ab. Die kriegt was von mir zu hören, wenn sie hier wieder auftaucht, da kannst was drauf wetten!«

Yorn wusste, dass sich hinter Rayans Drohung im Grunde große Sorgen verbargen, aber so war sein Freund nun einmal. Rayan nahm einige große Schlucke Bernsteinbier, so dass sein Adamsapfel auf- und ab hüpfte. Damit schien das Thema Rëga für ihn beendet. Yorn akzeptierte es.

»Geht’s Rassna wieder besser?«

Rayan nickte. »Ja, Mais‘ wieder besser drauf, aber diese Grippe hat sie ganz schön gebeutelt. Kieselgur sagt, bis zum Fest is‘ sie wieder fit un‘ das is‘ ja das Wichtigste, nich‘ wahr?«

»Das stimmt.«

»Apropos Fest!« Rayan hob seine buschigen Augenbrauen. »Wir haben ‘nen ungebetenen Gast. Grimo.«

»Dein Onkel aus Dauliš? Ich dacht‘, der hasst sowas. Hast du nich‘ immer gesagt, der wär so‘n bisschen schwierig?«

»Ha!« Rayan machte eine wegwerfende Geste. »Schwierig is‘ noch stark untertrieben, Bruder! Grimo is‘ der schwarzseherischste Miesepeter, den wo ich kenn‘! Un‘ er is’ nich‘ freiwillig hier. Natürlich nich‘. Er musste Dauliš verlassen. Aber‘n Grund errätst du nie!«

Yorn runzelte die Stirn und ließ seinen Geist in Richtung Feuer schweifen. Dauliš war eine große Siedlung im Norden der Schotterlande, beinahe eine Stadt. So weit hinauf hatte es ihn mit seiner Herde noch nie getrieben. Dafür lag Dauliš viel zu nahe an…

»Die Daulišer haben’s einfach nich‘ mehr mit Grimo ausgehalten?«, versuchte es Yorn grinsend.

»Falsch.«

»Er möchte euer Geschäft übernehm‘?«

»Grimo un‘ harte Arbeit? Falsch!«

»Er hat sich in ‘ne Trollin aus Fanur verliebt?«

»Grimo un‘ verliebt? Ha! Sowas von falsch!«

Auch wenn Yorn das Spielchen Spaß machte, gingen ihm allmählich die Ideen aus und er hob ratlos seine Handflächen nach oben.

»Keine Ahnung. Passe.«

»Gri-mo…«, Rayan lehnte sich nach vorne wie ein Märchenerzähler auf einem Jahrmarkt, der jede Silbe einzeln betonte, »…musste Dauliš wegen dem Gold verlassen.«

Yorn hielt sich selbst für einen geduldigen Zuhörer, aber diesmal wusste selbst er nicht, was er auf so eine absurde Aussage erwidern sollte. Gold? Sollte das ein schlechter Witz sein? Oder eine Doppeldeutigkeit, die Yorn nicht umriss?

»Da bist’e baff, was? Konnt’s au‘ erst nich‘ glauben. Aber tatsächlich is‘ wohl vor ‘ner Weile in ‘nem Fluss in der Nähe von Dauliš Gold gefunden worden un‘ deswegen…«

»Moment ma‘!« Jetzt musste Yorn doch dazwischen grätschen. Als Hirte war er es gewohnt, dass er stets der Letzte war, dem etwas zu Ohren kam – aber solch eine große Neuigkeit hätte doch selbst er mitbekommen müssen. Oder nicht? »Gold? Hier in’n Schotterlanden? Das is’n schlechter Scherz, oder?«

»Unglaublich, hm?« Rayans aufgerissene Augen wirkten nicht wie die Augen eines Hochstaplers, sondern sprachen von echter Verblüffung. »Aber’s scheint wahr zu sein. Hat natürlich dazu geführt, dass Dauliš immer voller un‘ voller wurde. Von überall sin‘ die Leute dort hingerannt, um ihr Glück zu versuchen. Verständlich. Aber die Stimmung is‘ mit der Weile wohl recht aufgeladen gewesen – klar: jeder gegen jeden, nich‘? »‘N Hornissennest« hat Grimo das Chaos da oben genannt – kann’s mir vorstellen. Irgendwann is‘ das Ganze dann wohl eskaliert. ‘Ne Gruppe übler Leute hat die Macht an sich gerissen, hat den Jarl enthauptet un‘ kontrolliert jetzt das gesamte Goldwaschen rund um Dauliš. Grimo meint sogar, alle die geblieben wär’n, wär’n versklavt worden. Deswegen musst‘ er schleunigst weg da. Aber das Letzte halt‘ ich dann doch für’n bisschen übertrieben. Grimo eben.«

Yorn wusste nicht recht, was er von der Sache halten sollte. Wenn Grimo deshalb seine Stadt verlassen hatte, mussten die Zustände wirklich schlimm und die Gefahr groß gewesen sein.

»Was für üble Leute soll’n das gewesen sein? Schottertrolle?«, fragte er skeptisch.

Rayan grunzte. »Ne. Leute aus‘m Hohen Norden. Im Rest von Kratonien wohl schon seit ‘ner Weile berühmt berüchtigt. Sin‘ immer dem Gold hinterher. Nennen sich deswegen au‘ die Goldene Bruderschaft.«

Der Hohe Norden. Damit meinte ein Schottertroll im Grunde genommen alles nördlich des Bannwaldes. Alleine der Klang des Namens prickelte unangenehm auf Yorns Haut wie eine schlechte Vorahnung. Der Hohe Norden. Das Unbekannte. Das Unheimliche.

Yorn schluckte. »Is‘ Yol Fanur au‘ in Gefahr?«

»Nee! Keine Angst, Bruder.« Rayan schüttelte überzeugt den Kopf. »Das bisschen Goldstaub in un’sren Flüssen is‘ viel zu fein, um‘s rauszufischen. Weiß doch jedes Kind. Un‘ Dauliš is‘ weit genug weg.«

Yorn nickte, doch mehr aus Höflichkeit als aus Überzeugung.

Die Offenbarung seiner Göttersteine züngelte durch seine Gedanken, aber Yorn entschied sich dagegen, Rayan davon zu erzählen. Als sensible Seele machte man sich nicht beliebt, jeden an seinen stets präsenten Befürchtungen teilhaben zu lassen.

Yorn nahm einen letzten Zug Bernsteinbier und schluckte seine Ängste damit hinunter, so wie Rayan es mit seinen getan hatte.

1 Geschiebe, das: von Gletschern transportiertes Material

Die Augen der Azura

Azura gehörte zu jener Art Zwergendame, die man auf den zweiten Blick lieben lernte. Oder vielleicht sogar erst auf den dritten. Ihr abweisendes Verhalten, das ihr den Ruf eines »ungeschliffenen Rohdiamanten« eingebracht hatte, kam nicht von ungefähr. War man über Azuras Vergangenheit im Bilde, konnte man ihr die Bitterkeit und Kälte kaum mehr übelnehmen, die einem anfänglich entgegenschwappten wie ein Eimer Eiswasser.

Eine wallende Mähne aus rotblondem, geflochtenem Haar umrahmte Azuras hartes, sorgenvolles Gesicht, das ihr junges Alter nur offenbarte, wenn sie lächelte (was jedoch nur selten vorkam). Ihr Kinn wurde von einem rötlichen Bart gesäumt, in den Steinperlen aus Jaspis, Türkis und Lapislazuli eingeflochten waren. Türkis war auch die Farbe ihrer traurigen Augen, deren Bann sich niemand entziehen konnte. Abergläubisch wie das einfache Volk im Berg nun einmal war, munkelte man tief im Fels über Azuras Gabe, mit einem intensiven Blick jeden Willen brechen zu können. Aufgeklärtere Zeitgenossen behaupteten, dieses »magische Talent« läge eher an Azuras gesellschaftlicher Stellung als an der bloßen Kraft ihrer Augen.

Dass die Zwergin aus herrschaftlichem Hause stammen musste, verrieten auch ihre Hände, die nicht die Schwielen jahrelanger Arbeit mit dem Eisenhammer aufwiesen, und ihr aufrechter Gang, der davon zeugte, dass sie nicht den Großteil ihres Lebens mit gebückter Knochenarbeit tief im Gebirge verbracht hatte.

Aus hohem Hause zu stammen, war im Bantorreich nicht automatisch ein Freifahrtschein für ein heiteres Leben. Die Last, die Hoffnung und der Schmerz einer ganzen Saga ruhten auf den Schultern Azuras – der letzten Überlebenden ihrer Blutlinie, deren Geschichte beinahe so alt war wie das Gebirge selbst.

Eine silberne Halskette mit fünf tropfenförmigen Anhängern war alles, was sie noch mit ihren Ahnen, vor allem aber mit ihren Eltern und Geschwistern verband. Die Silberkette und – nun ja – das Erbe eines kompletten Königreichs im zentralen Hochgebirge Kratoniens. Denn auch wenn man es weder auf den ersten, den zweiten, noch auf den dritten Blick vermutete:

In Azuras Adern floss königliches Blut.

Die Alten ihres Bergvolkes bekamen immer noch einen selig schwärmerischen Ausdruck auf ihren Gesichtern, wenn sie von den »Goldenen Zeiten« sprachen, in denen Azuras Vater, König Eklot, mit seiner schönen, geheimnisvollen Gemahlin, Lady Hayuna, über halb Kratonien geherrscht hatte. Viele Zwerge waren nicht überzeugt, dass in seiner jüngsten Tochter Azura genauso viel Stärke steckte wie einst in ihm, dem »Adler«. Auch die fehlende Grazie Lady Hayunas veranlasste einige zur Munkelei darüber, ob Azura ernsthaft die Tochter der beiden sein konnte. Doch selbst ihre härtesten Widersacher mussten zähneknirschend zugeben, dass die magischen, türkisen Augen der unnahbaren Prinzessin eindeutig die ihrer Mutter waren.

Im Bantorreich der Zwerge war es seit jeher Tradition, dass der Thronfolger (oder wenn es unbedingt sein musste eben die Thronfolgerin) den Silberthron mit sechsunddreißig Sommern bestieg; jenem Alter, das hier im Hochgebirge als die Schwelle zum Erwachsensein galt. Es schien deshalb zunächst nicht weiter verwunderlich, dass Azura mit ihren vierunddreißig Sommern das Erbe ihrer Familie noch nicht angetreten hatte. Die fehlenden zwei Jahre waren jedoch nicht der eigentliche Grund, weshalb man bei Azuras Krönung nicht einfach ein Auge zugedrückt hatte (denn bisher hatte man ja auch kein Problem damit gehabt, einen Dreijährigen zum König zu krönen, wenn gerade kein anderer verfügbar war).

Die Prinzessin entsprach – wie sollte man sagen – nicht den hiesigen Wünschen an die Machart eines Herrschers.

Die Adligen aus der Oberstadt sehnten sich nach jemandem, der aus ihrem Holz geschnitzt war. Jemandem, den sie einschätzen und lenken konnten. Keine Wundertüte.

Und auch weiter unten, in den Eingeweiden des Gebirges, in den Stollen und Kavernen, wünschte man sich einen starken König. Einen, der narbige Kriegserfahrung, Alltags-Weisheit, graue Haare und im besten Falle keine Brüste mitbrachte.

Im Gegensatz zu Azura war ihr Vater, König Eklot, ein Bild von einem solchen Anführer gewesen. Nach dem tragischen Tod des »Adlers« im Jahre 474 hatte zunächst der Zweitgeborene, Azuras Onkel Eskam, die Regentschaft über das Bantorreich angetreten.

Vor sechs Sommern war Eskam unter mysteriösen Umständen kinderlos verstorben und Azura hatte die Lakaien tuscheln hören, dass ihr Onkel vergiftet worden sei. Nach Eskams Ableben war ein Konvent aus vier Stammesältesten gegründet worden, der das Bantorreich bis zu Azuras Krönung führen sollte.

Diese »Übergangslösung« kam vielen recht elegant vor – ganz besonders den Stammesältesten selbst: Emerald von Erzen, Fürst über das Nordbantormassiv, Anatas von Hammerfest, der Herrscher über das Sichelgebirge, Korund von Knoblaucherz, Herr der Steppe, und Omon von Smara. Azura hatte den Fürsten heimlich die Namen Wiesel, Kröte, Geier und Krähe verpasst. Wiesel, weil Emeralds Gedanken stets unruhig umherpendelten wie das Köpfchen eines Marders; Kröte, weil Anatas aussah wie eine fette, alte Unke; Geier, weil Korund mürrisch und kahlköpfig daherkam wie ein gieriger Aasfresser und Krähe, weil Omons drahtiger Körper und seine Hakennase Azura stets an einen hinterlistigen Vogel erinnerten.

In jungen Jahren war Azura froh gewesen, nicht selbst regieren zu müssen. Eine unbeschwerte Kindheit hatte sie trotzdem nicht gehabt, denn ihre Erziehung und Bildung hatten nur einem Zweck gedient: den ungeschliffenen Rohdiamanten in einen vorzeigbaren Brillanten zu verwandeln.

Während der Konvent über das Schicksal des Bantorreichs entschieden hatte, hatte Azura theoretische Lagerstättenkunde gebüffelt, höfische Umgangsformen erlernt und war zum Fechtunterricht gegangen. Sie paukte und vergaß 435 ashkentische Benimmnormen, verinnerlichte die ehernen Regeln des Edelsteinschliffs und lernte aus purer Langeweile die zirkonische Chronik auswendig. Fehlende Freunde und Geschwister wurden durch Pergamentrollen, Bücher und Karten ersetzt.

Über die Jahre wurde Azura so zu einer Meisterin des theoretischen Wissens und sie war klug genug, nicht damit hausieren zu gehen. Die Prinzessin war sich des goldenen Käfigs bewusst, in den man sie gesetzt hatte. Sie ärgerte sich darüber, wie unverhohlen Wiesel, Kröte, Geier und Krähe ihre Schnäbel und Nasen rümpften, seit sie es neuerdings wagte, auf den Konventen zu erscheinen.

Azura merkte wohl, wie sehr sich die alten Tattergreise bemühten, nebulös und kantig über einfachste Sachverhalte zu schwadronieren; ganz so, als hofften sie, dass die Prinzessin so das Interesse verlöre.

Aber Azura hatte die Historien-Vorträge ihres fistelstimmigen Privatlehrers über sämtliche Calderen-Fehden überlebt – im Gegensatz dazu war das Schauspiel der Fürsten geradezu erquickend. Die Prinzessin unterdrückte ein Gähnen, ließ sich jedoch nicht verprellen. Auch als Statistin konnte man erstaunliche Dinge erfahren, wenn man die Ohren gespitzt hielt.

So dauerte es eines kalten Tages im Spätwinter nicht lange, bis Azura begriff, dass der Konvent gerade über ihr eigenes Schicksal debattierte. Meister Geier hatte weder ihren Namen noch ihren Titel genannt, doch es ging eindeutig um sie, als er davon sprach »die Zwergenstämme des Morgens und Abends wieder miteinander zu vereinen« und »alte Bande zu erneuern«.

»Ich bin kein Vieh, das man auf dem Mondmarkt von Bal Auris verschachert!«, hatte Azura überrumpelt erwidert, doch die Fürsten hatten sie nur breit lächelnd angeblickt, als wüssten sie es besser. Dies sei ihre Chance etwas Gutes zu bewirken, hatte Meister Krähe ungerührt entgegnet. Es würde die alten Reiche einander näherbringen, die einst ein mächtiges Königreich unter der Herrschaft ihres Vaters gewesen waren, hatte Fürst Wiesel hinzugefügt. Dem Erbe ihrer Eltern würde endlich Gerechtigkeit widerfahren, hatte Geier aufgebracht gerufen.

Der Vierte im Bunde, Meister Kröte, hatte schließlich auf ganz andere Art versucht, Azura zu überzeugen. Mit dem charmantesten Lächeln, das sie je auf seinem fetten Unkengesicht gesehen hatte, fing er an, eine Lobeshymne auf ihren Zukünftigen, den Prinzen des Kupferreiches, zu quaken. Wie kühn und stolz er sei, dieser Adamas. Verehrt von seinem Volk, ein Liebling der Götter.

Meister Krähe hatte daraufhin angeboten, eine prächtige Feier am Sitz seines Fürstentums, in der Stadt Smara, auszurichten. Überschwänglich hatte er vom Süßwein seiner höfischen Kelterei geschwärmt, den exotischen Tänzerinnen und den berühmten Meersalzdatteln im Palmenblattmantel. Eine Hochzeit ganz nach ihrem Geschmack, hatte er gekrächzt.

Azura erinnerte sich nicht mehr, an welchem Punkt sie schließlich schwach geworden war. War es die Erinnerung an ihre Pflicht als Tochter Eklots? Die Möglichkeit, ihrem goldenen Käfig zu entkommen? Oder waren es doch nur die Meersalzdatteln im Palmenblattmantel gewesen?

Mit einem Ziehen in der Magengegend sinnierte Azura über die Pläne der Stammesfürsten nach, denen sie letzten Endes zugestimmt hatte, während ihre Finger langsam durch die fünf Silbertropfen ihrer Halskette glitten. Die Prinzessin musste den Tatsachen ins Auge blicken:

Sie würde Zirkonia verlassen. Zirkonia, die Stadt der Edelsteinschleifer. Zirkonia, ihre Heimat. Zirkonia, ihren Käfig.

Die prunkvolle, aus dem Gebirge gemeißelte Metropole, die Azuras Ahnen vor langer Zeit erbaut hatten, klebte wie ein Wildbienenstock an den Ausläufern des mächtigen Bantormassivs im Zentrum Kratoniens. Wie Wildbienen so waren auch ihre Einwohner – emsig, fügsam und akkurat. Die prächtigen grau-weißen, steinernen Balkone, Terrassen, Simse und Türme an der Flanke des Gebirges boten einen weiten, beeindruckenden Blick auf die Hochlandebene, so dass die Prinzessin bei guter Wetterlage meinte, sogar die zarten Umrisse der Ewigen Hügel am Horizont erkennen zu können. Doch Azuras Heimat wäre keine echte Zwergenstadt gewesen, hätte sich das eigentliche Leben nicht unter Tage abgespielt. Treppen, Fenster und Galerien waren letztlich nur das Tor zu einer verborgenen Welt im Fels – robuster Gneis, der seit Jahrhunderten das Herz und Volk der Stadt vor Wind, Wetter und Feind beschützt hatte.

Die Hauptstadt war Dreh- und Angelpunkt eines weit verzweigten Gewirrs aus Gängen, geheimen Wegen und Pfaden, die das gesamte Gebirge durchlöcherten wie das Röhrensystem eines Termitenhaufens. Während viele dieser Wege tagtäglich als Handelsrouten, für Lorenschienen oder als Stollen zu den Schätzen des Gebirges genutzt wurden, waren andere Gänge längst in Vergessenheit geraten oder durch ein Erdbeben eingestürzt. So war es in Zirkonia durchaus nichts Ungewöhnliches, dass man beim Reinigen eines Abortes plötzlich feststellte, dass diesem ein ganzes Netz aus vergessenen Tunneln angeschlossen war, das bis tief zu den Silberadern hinab führte und viel zu gut für die bloße Verwendung als Kloake gewesen war.

Allerlei Gelehrte hatten sich daran versucht, dieses undurchsichtige Tunnelgewirr zu kartieren. Viele der weisen Frauen und Männer hatte die Aufgabe in den Wahnsinn getrieben oder sie waren für immer verschollen geblieben, nachdem sie sich zu tief in die Eingeweide des Gebirges vorgewagt hatten.

»Wie die Kartierung von Bantors Bauch« betitelte der Volksmund daher eine Aufgabe, die niemals enden wollte oder schlichtweg aussichtslos schien.

Azura hatte sich als kleines Mädchen einen großen Spaß daraus gemacht, ihrer Zofe Smílla zu entfliehen und das geheime Netz der Tunnel selbst zu erforschen - doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Selbst als Kind hatte sie die Gefahr gespürt, die von dem bodenlosen und magischen Irrgarten ausgegangen war.

Bantor, das Gebirge, war für die Einwohner Zirkonias etwas Lebendiges; ein schlafender Gigant, der sein Volk mit kostbaren Schätzen versorgte, die seinen mächtigen Gesteinskörper entlang von Adern, Flözen2 und Drusen3 durchzogen. Einige Grubenarbeiter behaupteten felsenfest, schon einmal seinen Herzschlag im Inneren des Gebirges gehört zu haben. Ob das Pochen nun tatsächlich von Bantors Herz oder ihren eigenen Hämmern ausgegangen war, spielte keine Rolle – wichtiger war es, den Bergriesen ruhig und friedlich zu stimmen. Denn war Bantor in Rage, erwachte das Gebirge zum Leben und brachte all seine Bewohner in schreckliche Gefahr.

Auch Azuras Leben fühlte sich im Moment an, als hätte darin ein Erdbeben gewütet. Kein Stein schien mehr auf dem anderen zu stehen. Nichts würde so bleiben, wie es gewesen war. Mit einem flauen Gefühl blickte sie hinab auf ihr Reisegepäck, das sie vor sich auf dem nackten Felsen ihres Gemachs ausgebreitet hatte. Röcke aus zirkonischer Spitze, Mieder aus Leder, ein Mantel aus Bantorhermelin, abgegriffene Bücher (darunter ein mit Diamanten besetzter Mineralienatlas samt Dünnschliffen, eine 1000-seitige »Kurze Geschichte Kratoniens« von J. W. Sintertrepp und ein Werk über die Metallogenese von Erzlagerstätten), vergilbte Pergamente (u. a. Landkarten, ein geologischer Querschnitt durch das Bantorgebirge und ein Faltplan über die Umlaufbahnen von Planeten), ein angelaufener Handspiegel, Stiefel aus schwarzer Natternhaut und ein wenig Silberschmuck mit Lapislazuli und Saphiren. Für Damen ihres Standes, die sich für gewöhnlich mit ganzen Bergen unnötiger Entourage umgaben, war es nicht sonderlich viel. Doch zum einen war Azura keine klassische Dame ihres Standes und zum anderen hatte sie trotz ihrer Zusage noch immer keinen rechten Frieden mit ihrer Abreise machen können. Ein Grund dafür saß auf der Kante ihres Bettes.

Er fixierte Azura mit seinen schmalen Augen, während er versuchte, seinen Frack zu schließen, ohne hinzusehen. Schließlich gab er es auf und wandte seinen Blick hinab auf seine Mondsteinknöpfe. Es stand außer Frage, dass Azuras Galan ein besonders schön geratenes Exemplar von Hochlandzwerg war. Dhan trug sein pechschwarzes, welliges Haar zu einem Zopf gebunden und seine Haut schimmerte glatt und makellos wie hellbraunes Wildleder. Normalerweise tolerierte die Prinzessin keine Liebhaber, die schöner waren als sie selbst, doch bei Dhan hatte sie eine Ausnahme gemacht.

Azura begann, in ihrem Schlafgemach auf- und abzuschreiten. »Was erwartest du von mir?«, fragte sie händeringend. »Das Volk und die Fürsten verlangen dieses Opfer von mir, Dhan. Es ist meine Pflicht. Diese Allianz wird uns helfen und sie wird unser Reich stärken.«

»Unser Reich stärken? Unser Reich stärken? Unser Reich wird nicht stärker, indem du es verlässt«, rief Dhan ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ihn jemand hören könnte. Was Azura an emotionaler Ausdrucksstärke fehlte, machte Dhan durch ein ganzes Spektrum an zur Schau gestellten Gefühlen wett. »Schon einmal dran gedacht, dass all das ein abgekartetes Spiel sein könnte? Dass es den Fürsten sehr gelegen kommt, wenn du Zirkonia verlässt, Edelsteinchen? Du bist die Letzte, in deren Adern Eklots Blut fließt.«

Azura ermahnte sich, sachlich zu bleiben. »Das Ganze ist eine politische Entscheidung, Dhan. Das Ganze ist größer als du und ich. Wir haben immer gewusst, dass das hier nicht ewig gut gehen kann.«

»Haben wir das? Haben wir das? Die Alten scheinen dir ja ganz schön den Kopf gewaschen zu haben!«

»Beim Barte Bantors, Dhan! Was glaubst du denn? Etwa, dass es mir leichtfällt?« Azura fing den Blick ihres Geliebten auf und sah ihn durchdringend an.

Dhan fegte dramatisch eine Strähne aus seinem Gesicht. »Ja, genau so wirkt es. Es scheint dir tatsächlich leicht zu fallen.«

»Welche Alternative habe ich deiner Meinung nach?«

»Tsss...« Dhan zuckte trotzig mit seinen Schultern, so dass er für einen Moment wie ein kleiner Junge wirkte. Er war ebenfalls aufgestanden. »Weigere dich! Leiste Widerstand! Du bist unsere Thronfolgerin und sie können dich nicht einfach... einfach...« Plötzlich versteinerte seine Mimik und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ohhh! Hör auf, mich so anzusehen! Du weißt, dass ich es hasse, wenn du das machst. Hör auf, mich zu verhexen!«

»Lass dieses abergläubische Gewäsch, Dhan!« Azura war nun ebenfalls lauter geworden und ihre Stimme hatte etwas Herrisches angenommen. »Du vergisst dich! Und du vergisst, wer du bist und dass du Dinge wie diese nicht einschätzen kannst. Du bist nur ein...«

»Ja? Bitte! Sag doch, WAS ich bin!« Dhan funkelte sie leidenschaftlich und wütend zugleich an.

»Nur ein Diener«, zischte Azura und Blut schoss ihr in die Wangen.

Die Luft um sie herum knisterte und knackte.

»Verstehe«, sagte Dhan mit schauriger Gelassenheit, strich den Samt seines Lakaienfracks glatt und setzte eine überhebliche Miene auf. Bebend sah Azura ihm nach, wie er erhobenen Hauptes durch ihr Gemach stolzierte und in dem Geheimgang hinter einem mit Smaragden gesäumten Spiegel verschwand. Ihre Wut verpuffte augenblicklich wie Wasser auf einem Brocken heißer Lava.

Ausgelaugt ließ sich Azura zwischen ihre Gepäckhügelchen auf das Bett sinken und starrte hinauf in den mit Sternen und Bestiarien bestickten Baldachin. Die aus goldenem Garn gestickten Augen eines Zentauren erwiderten freundlich ihren Blick, dann zwinkerte er: Wir sehen uns.

Azuras Hand wanderte zu der Kette um ihren Hals und ihr Herzschlag verlangsamte sich allmählich. Das Silber an ihren Fingerkuppen beruhigte sie. Ein silberner Tropfen für jeden von ihnen. Vater. Mutter. Und ihre Geschwister Eklot, Darius und Yanna. Azura dachte darüber nach, wie ihr Leben nun auch ohne Dhan aussehen würde. Ohne seine nervtötenden Sticheleien, seine liebevollen Schmeicheleien und ohne ihre Heimlichkeiten und Geheimnisse, die nur sie beide teilten. »Verdammte Axt«, murmelte Azura leise.

Der nächste Tag begann sonnig aber kühl. Raureif bedeckte die wenigen Grashalme der Steppenlandschaft am Fuße der Stadt und Azura zurrte ihren warmen Mantel aus Bantorhermelin enger. Schlecht hatte sie geschlafen in dieser letzten Nacht, hatte sich ruhelos hin- und hergewälzt wie eine sich häutende Schlange, bis der Schimmer des Morgens sie endlich erlöst hatte.

Als die Sonne im hellblauen Dunst über der Hochlandebene aufgegangen war und sich der Boden allmählich unter den Füßen der Zwerge erwärmt hatte, war es für Azura und ihr Gefolge an der Zeit gewesen aufzubrechen.

Jubelndes Volk aus dem Berg, die Stammesältesten Emerald, Omon, Anatas und Korund, ihre Knappen und Diener, Azuras Zofe Smílla, einige Soldaten der Fürstengarde und zwanzig Smaragdadler erwarteten die Prinzessin auf der obersten Palisade über der Stadt.

Außerhalb Zirkonias gab es nur wenige Zwerge, die sich solch majestätische Tiere leisten konnten. Der königliche Hof besaß mehr als zwei Dutzend der stolzen Adler, die gleichzeitig das Wappentier von Azuras Stammeslinie waren. Ihr schwarzes Gefieder schimmerte in der Morgensonne und das Orange-Grün-Blau ihres Halses und Kopfes ließ jeden Pfau blass aussehen. Temperamentvoll und ungezügelt scharrten die Vögel mit ihren Krallen auf dem Boden, als könnten sie es nicht erwarten, endlich loszufliegen. Azura teilte ihre Vorfreude nicht. Mit wabbeligen Knien ließ sie sich von einem Knappen auf den Rücken eines Tieres helfen und betrachtete unsicher dessen gefiederten Nacken.

»Das erste Mal?«, gackerte der Schnabel vor ihr missmutig.

Azura Magen krampfte. »Ist das ein Problem?«

»Finden wir’s raus.« Der Smaragdadler schüttelte sich; vielleicht um seiner Reiterin einen Vorgeschmack auf das zu geben, was gleich folgen würde.

»Muss ich auf irgendwas achten?«

»Naja.« Der Adler drehte seinen Kopf zur Seite, so dass sein linkes Auge Azura mit einem altklugen Blick fixierte. »Darauf, dass du nicht runterfällst zum Beispiel.«

Auf das Kommando Omons begannen die Smaragdadler, mit ihren Flügeln zu schlagen. Lose Federn stoben in die Lüfte und die Vögel erhoben sich mit den Zwergen auf ihren Rücken über die Türme der Stadt. Mit einem jähen Gefühl von Übelkeit lehnte sich die Prinzessin nach vorne und schlang ihre Arme um den Hals der Kreatur, die nun beinahe senkrecht in der Luft stand wie ein scheuendes Pferd. Trotz ihrer Angst zwang sich Azura hinunterzusehen. Mit pochendem Herzen versuchte sie, Dhan zwischen all den winkenden Zwergen an den Simsen und Treppen auszumachen, doch im Gewusel der Gesichter und Hände konnte sie ihn nicht finden.

Nach ihrem Streit war er nicht wieder aufgetaucht und das verpatzte Lebewohl schmerzte Azura mehr als die Trennung selbst. Ein kräftiger Flügelschlag riss sie aus ihren Gedanken. Azura klammerte sich tiefer in das Gefieder des Vogelwesens und wandte ihren Blick von der Menge ab.

Zirkonia wurde kleiner und kleiner, bis es irgendwann aussah wie eine Spielzeugstadt. Die »Glück-auf«-Rufe unter ihr verhallten in der Ferne. Die Smaragdadler ließen sich von der Wärme der aufgeheizten Gebirgsflanke nach oben wirbeln und segelten hinaus über die flirrende Hochebene. Während die Prinzessin und die Fürsten das Privileg genossen, auf besonders großen und stattlichen Tieren zu reiten, flatterten Azuras ängstlich dreinblickende Zofe Smílla, die Knappen, Diener und Soldaten auf weniger potenten Exemplaren neben ihnen her, deren Flugstil Azura an jenen von Stockenten erinnerte. Zwei schwerbeladene Adler am Ende des Flugkommandos ächzten unter dem Gepäck, der Vesper und den wertvollen Geschenken aus Edelsteinen und Silber für ihre zukünftige Familie aus dem Kupferreich.

Azura hoffte, dass es eine kluge Entscheidung gewesen war, das Angebot Omons, der Krähe, anzunehmen. Dass die Feierlichkeiten nun in der Hauptstadt seines Fürstentums in Smara, im äußersten Osten ihres Reiches, ausgerichtet wurden, hatte den Vorteil, dass sich Braut und Bräutigam auf halber Strecke und auf neutralem Boden kennenlernen konnten.

Kühler Wind umspielte Azuras rotblonde Locken und brauste um ihre Ohren. Die karge Höhenwüste flog lautlos unter den Klauen der Smaragdadler dahin. Das weite Blau der Lüfte und die Frische des Fliegens unterstrichen allegorisch den Tatbestand, den goldenen Käfig zu verlassen, doch Azura wusste, dass dieses Gefühl von Freiheit trügerisch war. Sie würde ihre goldene Voliere nur gegen eine kupferfarbene eintauschen.

Ihr Blick schien sie verraten zu haben, denn Meister Emerald, das Wiesel, kam zu ihr herunter gesegelt. Emerald war für einen Bantorzwerg recht dünn, hatte sehnige, dürre Arme und ein eingefallenes Gesicht. Lachfalten umspielten seine schmalen, grauen Augen und unter seiner Haube ragten schulterlange, weiß-gelbe Haar hervor. Sein mit Ornamenten besetzter, dunkelgrüner Umhang und die Edelsteinperlen in den Zöpfen seines Bartes flatterten wild im Wind.

»Plagt Euch die Dings… die Reiseübelkeit, hm?«

Emerald hatte Azura seit jeher an einen zerstreuten Großvater erinnert. Vielleicht war er deshalb derjenige, den sie unter den Stammesfürsten am ehesten leiden konnte (oder am wenigsten verabscheute – wie man es lieber mochte). Dhan hatte Azura einmal erzählt, dass der alte Mann in seinem Fürstentum im Norden den Titel der Gräserflüsterer genoss, jedoch ohne zu wissen, was es mit der ominösen Bezeichnung auf sich hatte. Azura beschloss, Meister Wiesel auf ihrer gemeinsamen Reise darauf anzusprechen. Vielleicht war dies ihre letzte Möglichkeit, den Grund des Namens zu erfahren.

Die Einzige, die ihr in der Fremde erhalten bleiben würde, war Smílla, ihre mollige Zofe, die Azura nach wie vor für ein vierjähriges Kind hielt, das man vor Dummheiten bewahren musste. Hofdamen, die Azura kichernd umschwirrten und ihr anmutig die Haare bürsteten, waren der Prinzessin seit jeher zuwider gewesen und sie hatte alle, die es je mit ihr versucht hatten, nachhaltig vergrault. Heute hätte sie gegen eine treue Seele mehr an ihrer Seite nichts einzuwenden gehabt, doch diese Erkenntnis kam zu spät.

Der letzte Blick, den Azura ihrer Heimatstadt am Fels schenkte, spiegelte eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung. Dann wandte sie sich endlich Emerald und seiner Frage zu.

»Nein, nein. Das ist es nicht.« Azura schüttelte den Kopf.

»Was ist es nicht?« Emerald schien den Faden verloren zu haben.

»Ihr habt gefragt, ob mir übel ist. Ist mir nicht. Ich bin nur einfach keine große Freundin der ganzen Unternehmung an sich.«

»Ihr werdet Euch damit arrangieren. Keiner verlangt von Euch, dass Ihr… dass Ihr diesen Kupferknaben lieben müsst, hm?« Ein Funken Mitgefühl huschte über Emeralds faltiges Gesicht.

»Wie man so hört, liebt sich der Prinz ausreichend selbst«, entgegnete Azura geradeheraus. »Die Gerüchte, die mir über Adamas zu Ohren kamen, waren überaus – bunt. Es heißt, er sei ein Muttersöhnchen, ein Schönling. Zum Kämpfen zu fein, zum Regieren zu beschäftigt mit sich selbst. Ein Mann mit dem Verlust jeglicher Bodenhaftung.«

»Wer? Ich?« Emerald war verdattert.

»Nein, nicht Ihr!«, rief Azura gegen den Wind. »Prinz Adamas!«

»Ah, ja.« Der Zwergenfürst lächelte das scheue Lächeln eines alten Mannes. »Ja, so etwas bekommt man leider… leider zu hören. Aber Macht weckt Neid, hm? Glaubt nicht alles, was die Dings, die Leute sagen. Ein Muttersöhnchen ist Euer… Euer Zukünftiger gewiss nicht. Seine Mutter Beryl starb bei seiner Geburt. Adamas… Adamas entstammt der Linie Eurer Mutter. Gemeinsam werdet Ihr unsere Reiche einander… einander näherbringen, keine

Frage. Der Adler wäre… wäre stolz auf Euch.«

»Stolz ist etwas für Idioten«, murmelte Azura, allerdings so leise, dass Emerald es nicht hören konnte. Der Smaragdadler unter ihr kicherte ungeniert.

Als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte und Azura unter ihrem warmen Hermelinmantel zu schwitzen begann, erreichte das Flugkommando eines der wenigen bewirtschafteten Forts im Zentrum der wasserarmen Hochebene. Sie landeten, saßen mit wabbeligen Knien ab und ließen sich von den gastfreundlichen Hochlandzwergen mit Mohnblumentee und Daldal4 bewirten.

Mit der wärmenden Sonne im Rücken flogen sie wenig später weiter, immer gen Osten, bis das Bantormassiv hinter ihnen zunehmend in die blaue Ferne rückte und die Wölbungen der Ewigen Hügel am Horizont vor ihnen näherkamen. Den ersten Mond in der Fremde verbrachte Azura mit ihrem Gefolge in einer Jurte, einer Zeltherberge am Rande der Hochebene. Der lange Flug durch die Höhensonne und die Aufregung der letzten Tage sorgten dafür, dass Azura in dieser Nacht schlief wie der Dotter in seinem Ei.

Ausgeruht, mit sonnenverbrannten Wangen und schmerzenden Hinterteilen setzten Azura, die Stammesfürsten und ihr Gefolge ihre Reise am Morgen des kommenden Tages nach Smara fort. Bereits kurz nach ihrem Abflug erreichten sie die Ausläufer der Ewigen Hügel, flogen eine große Schleife nach links und ließen sich von den Höhenwinden gen Norden tragen.

»Achtet darauf, dass Ihr nicht zu hoch fliegt! Wir müssen aufpassen, dass uns die Winde nicht in die Hügel hineintragen«, mahnte Fürst Omon, dessen langer, weißer Bart und Zopf wie Schlangen durch die Luft wirbelten und der sich wie kein anderer in dieser Gegend auskannte. »Man trudelt schnell ab, ohne es zu merken. Bleibt wachsam und bleibt dicht bei der Gruppe!«

Die Prinzessin gehorchte, drückte sich tiefer in das Gefieder ihres Smaragdadlers und sah hinüber zu den im Bergschatten liegenden Flanken, die von kargen, bodennahen Gehölzen und Gräsern überzogen waren.

Azura wusste, dass sich kein halbwegs vernünftiger Zwerg über die alte Hügelkette wagte, in der die Grenze ihres Königtums verlief. Zumindest nicht mehr. Nicht mehr, seitdem ihre Eltern ermordet und das Großreich Eklots zerfallen war.

Der Gedanke an ihre Familie schmerzte Azura und die Erkenntnis, dass weder ihr Vater noch ihre Mutter bei der bevorstehenden Hochzeit anwesend sein würden, machte es nicht besser. Verbittert wandte die Prinzessin ihren Blick von den alten Hügeln, die ihre Heimat wie ein Bollwerk aus Stein vor dem beschützten, was auf der anderen Seite lauerte. Vor jenem, was Azuras Schicksal vor dreißig Sommern besiegelt hatte.

Am zweiten Tag ihrer Reise meldete sich Azuras Müdigkeit bereits um die Mittagszeit und sie stellte fest, dass sie nicht die Einzige war, die mit bleierner Schwere zu kämpfen hatte. Die endlose, sonnenbeschienene Landschaft setzte den Zwergen zu und sie alle sehnten sich zurück in die wohlige Finsternis des Gebirges, in die Geborgenheit von Bantors Bauch.

Smílla seufzte wie eine Verdurstende im Angesicht eines Wasserfalls, als gegen Nachmittag ein gigantisches Tor im grau melierten Gneis mit der Aufschrift GLÜCK AUF unter ihren Füßen auftauchte.

»Endlich! Ich habe schon befürchtet, diese Tortur endet nie! Ein Zwerg gehört tief hinab in den Berg, nicht hoch hinauf in die Luft«, schimpfte die Zofe, während die Smaragdadler kreischend und flügelschlagend am Fuße des mächtigen Tores landeten.

Azura betrachtete die mächtigen Säbelzahnmurmeltiere aus dunklem Gestein, die den Eingang zu beiden Seiten flankierten.

»Ab jetzt... ab jetzt wird die Reise leichter«, lächelte Emerald, der neben Azura und Smílla auf dem Boden aufgesetzt hatte.

»Ab hier geht es zu Fuß weiter!« Omon richtete das Wort an alle und zupfte ein paar verloren gegangene Daunen von seinem Umhang. »Das Graue Tor verbindet die Ausläufer der Hochebene durch einen Tunnel mit Smara auf der anderen Seite der Ewigen Hügel. Durch Egils Schlund – so nennen wir ihn hier – kommen wir sicher durch den Bergkamm. Die Tiere bleiben mit zwei Knappen hier, bis wir in ein paar Sonnen wieder zurückkommen. Also, alles absitzen, wenn ich bitten darf!«

Azura verabschiedete sich von ihrem Adler, den sie in den letzten Tagen trotz ihres ruppigen Starts doch noch liebgewonnen hatte, und betrat Egils Schlund.

Das Zischen entfachter Fackeln und das erleichterte Aufatmen ihrer Reisegenossen verfolgten Azuras Weg hinein in den Felsgang. Entspannung machte sich breit; in ihr, um sie herum. Das Bild eines Fischschwarms, den man zurück ins Wasser geworfen hatte, blitzte in Azuras Gedanken auf und sie lächelte.

Zärtlich berührte sie das dunkle Gestein der Tunnelwand, spürte, wie es sie in den Fingern juckte und ein jäher Drang von ihr Besitz ergriff, den abzweigenden Stollen zu folgen.

»Weißt du, was die Braungebrannten hier abbauen?«, hörte Azura einen der Gardisten flüstern, der ihr Gepäck schleppte.

»Was wohl? Smaragde«, antwortete sein Kumpan leise.

»Smaragde? Meinst du, wir können ein bisschen...? Meinst du’s merkt jemand, wenn wir…?«

»Bei Bantors Bart, pack deinen Hammer weg. Jetzt ist nicht die Zeit dafür.«

»Vielleicht auf dem Rückweg?«

»Vielleicht auf dem Rückweg.«

Beklommen ging Azura weiter, als ihr bewusst wurde, dass es für sie keinen Rückweg geben würde.

2 Flöz, das: eine sedimentäre Lagerstätte flächenhafter Ausdehnung (z.B. Kohleflöz)

3 Druse, die: ein mit Kristallen ausgekleideter Hohlraum im Gesteinskörper

4 Daldal, das: bantonisches Nationalgericht aus Pilzen

Große Gefahr

Yorn blinzelte gegen die Sonne und leckte sich genüsslich Bierschaum von der Oberlippe. »Volltreffer! Jetzt isses perfekt.« Der Troll sah in die Runde und die selig glänzenden Augen und geröteten Nasen seiner Freunde gaben ihm recht.

Der heiß ersehnte Tag des Schneeschmelzefestes war endlich gekommen und ein paar Sonnenstrahlen kämpften sich wacker durch die letzten Wolken des Winters. Ihr Licht fiel auf die Lettern eines haushohen Hinkelsteins im Zentrum der Siedlung: Fels zu Stein und Stein zu Sand stand dort geschrieben und obwohl kaum ein Troll Yol Fanurs des Lesens mächtig war, wussten alle, dass ihr Leitspruch eine Art symbolischer Stinkefinger in Richtung Zwergenreich war und was er zu bedeuten hatte: Selbst die größten und mächtigsten aller Gebirge endeten eines Tages als Sandkörner unter ihren pelzigen Füßen.

Schon seit dem Morgengrauen ging es auf der Wetterfestung hoch her. Alle Einwohner Yol Fanurs waren aus ihren Höhlen und Behausungen gekrochen und hatten sich schick gemacht (für einen Schottertoll bedeutete das vor allem, sich einen Eimer Eiswasser ins Gesicht zu klatschen und sich eine Kieselsteinkette umzuhängen).

Die Trägheit der Wintertage wirkte mit einem Mal wie weggewischt und alle schienen von einer Art magischem Fieber gepackt, das sich knisternd über die gesamte Siedlung gelegt hatte. Bettpfannen wurden ausgekippt, Hausgnomen gegen ihren Willen gebadet und die Granitplatten auf dem Marktplatz vorgeheizt.

Außerdem hatte man das Fest zum Anlass genommen, patriotisches Allerlei an Häusern und Gemäuern anzubringen: Rot-weiße Bänder waren von Kamin zu Kamin gespannt worden und das Wappen des Schotterreichs prangte an jeder erdenklichen Ecke: ein Schneeglöckchen im Schnabel einer Schleiereule vor rotem Grund.