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Ein altes Haus im warmen, mediterranen Licht auf einer balearischen Insel. Ein Ort, von der Zeit vergessen, der von lange vergangenen Sommern, sonnengeküssten Erinnerungen und einem schrecklichen Verrat erzählt …
Ihr verstorbener Mann James hinterlässt Charlotte ein unerwartetes Geschenk auf Formentera: das wunderschöne alte Haus mit dem klingenden Namen Marisal, das einst ihrer Großmutter gehörte. Als Charlotte dorthin reist, kommt sie der verborgenen Geschichte ihrer Familie, die eng mit dem dunklen Geheimnis der Insel verwoben ist, auf die Spur. Und sie erfährt von einer verhängnisvollen Liebe, die viele Leben in Gefahr brachte und von zwei Schwestern, die ein tragischer Verlust entzweite …
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Buch
Charlottes verstorbener Mann James hinterlässt ihr ein unerwartetes Geschenk auf Formentera: das wunderschöne alte Haus mit dem klingenden Namen Marisal, das einst ihrer Großmutter gehörte. Als Charlotte dorthin reist, kommt sie der verborgenen Geschichte ihrer Familie, die eng mit dem dunklen Geheimnis der Insel verwoben ist, auf die Spur. Und sie erfährt von einer verhängnisvollen Liebe, die viele Leben in Gefahr brachte und von zwei Schwestern, die ein tragischer Verlust entzweite …
Die Autorin
Lily Graham wurde in Johannesburg geboren. Daher stammt wahrscheinlich auch ihre Sehnsucht nach dem Meer, die sie immer begleitet. Heute lebt sie mit ihrem Mann und der Bulldogge Fudge in England und lässt ihre Liebe zum Meer in ihre Bücher einfließen. »Die Insel der Leuchttürme« ist ihr erstes Buch im Diana Verlag.
Lily Graham
Die Insel
der
Leuchttürme
Roman
Aus dem Englischen
von Ute Brammertz
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Deutsche Erstausgabe 04/2020
Copyright © 2018 by Lily Graham
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel
The Island Villa bei Bookouture, London
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020
by Diana Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Antje Steinhäuser
Umschlaggestaltung: t.mutzenbach Design, München
Umschlagmotiv: © Shutterstock/PeJo, lunamarina,
lunamarina, vdimage, jakkapan, Laura Pl,
vchphotos, Alim Yakubov, szmuli, Casper1774 Studio
Satz: Leingärtner, Nabburg
Alle Rechte vorbehalten
e-ISBN 978-3-641-24559-7V001
www.diana-verlag.de
Für Barbara Marie Little, Kathy Schaffer
und all die Leserinnen und Bloggerinnen,
die mich motiviert haben
weiterzumachen, danke.
1
Formentera, Gegenwart
Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich die Villa zum ersten Mal erblickte, glänzend wie ein frisches Laken in der schläfrigen spanischen Sonne. Die Fensterläden hatten die Farbe von blasser Flechte, und dunkle Bougainvilleen rankten sich über den weiß getünchten Stein.
Es war ein einfacher Bau, spärliche würfelförmige Architektur, die jahrhundertealt war, so alt wie dieser oft vergessene Streifen der Insel selbst. Das Haus, beherrscht von der Aussicht aufs Meer: ein Wirbel aus türkiser Farbe, der am Horizont in tiefstes Marineblau überging, gewaltig und rätselhaft und voller Versprechen.
Die Luft schien irgendwie davon zu flüstern, und in dem warmen, zitrusgeschwängerten Sonnenschein, dessen Duft von den verwilderten Orangen- und Zitronenbäumen in dem vergessenen Garten herrührte, hatte ich diese Ahnung von etwas, das sich in meinem Innern regte. Als würde etwas tief aus dem Boden meinem Körper zurufen, mich nach Hause zu bringen.
Das Gefühl war mächtig, wenn auch vorübergehend, nicht länger als ein Seufzen, doch zum ersten Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, dass sich etwas löste. Einen Augenblick lang schien es, als könnte ich es vielleicht doch schaffen.
Die Villa stellte ein Kapitel aus der Vergangenheit meiner Familie lange vor meiner Geburt dar. Sie gehörte zu einer sepiafarbenen Fotografie eines beinahe vergessenen Zipfels meiner Familiengeschichte. Menschen, deren Namen schon fast von den wechselnden Gezeiten weggewaschen worden waren.
Doch hier war ich. Wie eine Flaschenpost an Land gespült von den weiten Armen des Ozeans. Strandgut. Allerdings nicht durch Zufall. Sondern durch Liebe. Durch meinen Mann James.
Denn eine seiner letzten Handlungen vor seinem Tod bestand darin, dieses Haus zu kaufen.
Er hatte schon immer ein Händchen fürs Theatralische. Von der Sache mit der Villa erfuhr ich am Tag seiner Beerdigung. Als wären wir in einem dieser dramatischen Filme, die er immer so toll gefunden hatte. Ich kann mir beinahe vorstellen, wie er es geplant, wie er es sich in Gedanken ausgemalt hatte. Wie er alle Mitwirkenden arrangiert und die Bekanntmachung bis zum letztmöglichen Moment aufgespart hatte – um das letzte Wort zu haben, selbst noch im Tod. Ich erfuhr es, nachdem die Gäste gegangen waren.
Sage, meine heranwachsende Tochter, war im Bett, verweint und erschöpft, und das Haus war still. Zu still. Die Art von Stille, die nach einem Schrei verlangt. Ich saß bei vorgezogenen Vorhängen im Wohnzimmer, die Flügeltüren geschlossen, ein Glas Whisky auf dem Beistelltisch, und trug ein schwarzes Seidenkleid. Wir hatten es gemeinsam ausgesucht, als wir uns beinahe hatten einreden können, es wäre eigentlich gar nicht für diesen Anlass. Er hatte sich dafür entschieden, weil ihm gefallen hatte, dass es meine Beine zur Geltung brachte.
Doch das war schon eine ganze Weile her; jetzt hing es wie ein Sack an mir herunter, während ich dasaß, den Kopf zwischen den Knien, und erfolglos versuchte, mir die Zukunft ohne ihn vorzustellen.
Charlotte Woolf: fünfundvierzig, Mutter, in Vergessenheit geratene Krimiautorin, Witwe. Ich hatte Frieden mit meinem fortschreitenden Alter und der zum Stillstand gekommenen Karriere geschlossen, aber mit dem Witwendasein wollte ich nichts zu tun haben. Nicht das Geringste.
Es klopfte leise an die Tür, und Allan, mein Bruder, trat ein. Er hatte dieses Lächeln aufgesetzt, ausgegraben irgendwo aus einer kaputten Tiefe. Das Lächeln, das die Lebenden für die Hinterbliebenen reservieren.
Er nahm Platz und legte den Brief auf den Beistelltisch, lehnte ihn an mein Whiskyglas.
»Er ist von James, seine letzten Wünsche und all das, Twig«, sagte er.
Mein Bruder nennt mich schon fast mein ganzes Leben lang Twig, selbst nachdem ich aufgehört hatte, wie eine Stabheuschrecke mit zweigähnlichen Gliedmaßen auszusehen, selbst nachdem der Spitzname dank etlicher Schwangerschaftskilos, die zehn Jahre lang nie richtig verschwunden waren, sogar noch lächerlicher wirkte. Ein wenig nervös überkreuzte Allan die schlanken Beine und öffnete sie wieder, strich mit den Händen über seine Anzughose.
Allerdings machte Allan immer einen leicht nervösen Eindruck, als werde er beim nächsten lauten Geräusch die Flucht ergreifen. Doch er war robuster, als es den Anschein hatte. Ich wusste das nur zu gut, besonders nachdem ich in den letzten Wochen – ja, das ganze letzte Jahr über – derart auf seine Unterstützung angewiesen gewesen war.
Ich blinzelte. »Er hat mir einen Brief hinterlassen?«, wiederholte ich verdutzt.
Wann hatte James Zeit gehabt, mir einen Brief zu schreiben? Und warum hätte er es tun sollen, wo wir doch seit seiner Diagnose jeden Tag miteinander verbracht hatten? Der Gedanke stimmte mich traurig. Wie er mir irgendeine letzte traurige Nachricht in jenen letzten Tagen im Krankenhaus schrieb, als sein Körper nach dem langen Kampf gegen den Krebs aufgab. Die Krebserkrankung, die sich Zentimeter für Zentimeter in dem einen Meter achtzig großen Körper, den ich so geliebt hatte, ausgebreitet hatte.
Melanom im Stadium IV.
Letztlich war sein Tod schnell gekommen und hatte sich nicht so in die Länge gezogen, wie es hätte sein können. Das sagten alle seine Ärzte. Es waren fünf, also war es wohl tatsächlich so. Das sollte mir ein Trost sein. Die kurze Antwort lautet: War es nicht.
Ich wollte nicht, dass er litt, natürlich nicht, konnte aber nicht anders, als mir wünschen, es hätte einen Kompromiss geben können. Ein paar Monate oder auch nur Wochen mehr, in denen er keine Schmerzen litt. Schrecklich egoistisch, ich weiß. Aber wie hatte er im Alter von sechsundvierzig Jahren sterben können? So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht. Ich wollte die Midlife-Crisis, die nie so richtig eingetreten war, komplett mit protzigem Auto. Die grauen Haare und Altersflecken. Ihn, wie er Sage zum Traualtar führte. Den Tag, an dem er zum ersten Mal sein Enkelkind hielt.
Nicht das hier.
Mit geschlossenen Augen lehnte ich den Kopf ans Sofa, wo die Tränen auf das gebürstete Leinen des Sofas fielen und mit dem blassblauen Stoff verschmolzen. Man hätte meinen können, meine Tränen wären mittlerweile vollständig aufgebraucht, aber sie kamen einfach immer weiter, als wäre es das Einzige, was mein Körper konnte – wie eine Wunde, aus der Bedauern sickerte.
Allan umklammerte meine Hand, diejenige, an deren Daumen sich James’ Ehering befand. Dort trug ich ihn, seitdem James mir gesagt hatte, es sei sinnlos, ihn damit einzuäschern. Allan drückte meine Hand, stand dann auf und schenkte sich ebenfalls einen Whisky ein, die Augen trübe von unvergossenen Tränen.
»Was steht drin?«, erkundigte ich mich.
Er seufzte. »Ich weiß es nicht, Twig. Er hat mir gesagt, es sei etwas, das vielleicht helfen könnte. Du kennst doch James.«
Präsens, stellte ich fest. Als wäre James immer noch hier. Als wäre er nur in einem anderen Zimmer.
Herrgott, wie ich wünschte, das wäre wahr!
Ich wischte mir über die Augen, trank einen Schluck Whisky und griff nach dem Brief.
Allan machte Anstalten zu gehen, vielleicht um mir etwas Privatsphäre zu gewähren, doch ich schüttelte den Kopf. »Nein, bleib bitte.«
Er nickte und ließ sich dann wieder neben mir nieder. Ich faltete den Brief aus dem Umschlag auf, wobei ich durch die Tränen hindurch nur verschwommen sah. Ein einzelnes Foto fiel mir in den Schoß. Ich legte die Stirn kraus. Da stand nur eine einzige Zeile, geschrieben in James’ unordentlichem Gekritzel.
Ichhabe dir ein Haus gekauft. Sei nicht böse.
Blinzelnd stieß ich irgendein Geräusch zwischen einem Schnauben und einem Lachen aus. Ich starrte unverwandt die Notiz an. Versuchte, sie zu begreifen. Was zum Teufel?
»Was?«, fragte Allan. »Was ist los?«
Ich sah ihn an, und mir wurde klar, dass ich die Wörter laut ausgesprochen haben musste.
»Er hat mir ein Haus gekauft.«
»Was?« Allan blinzelte mit seinen graugrünen Augen. Offensichtlich hatte James auch ihn nicht in seine Pläne eingeweiht. Ich reichte ihm den Brief, und er betrachtete ihn genauso verständnislos, wie ich es getan hatte.
»Das ist alles – keine Erklärung oder so was?« Er drehte den Brief sicherheitshalber um, als könnten die Wörter irgendwie auf die nächste Seite gekrabbelt sein, als würden sich womöglich sämtliche Dinge, die James offengelassen hatte, auf der Rückseite sammeln.
Dem war nicht so.
Ich hob das Foto auf, das auf meinen Schoß gefallen war, und Wiedererkennen flackerte auf. Das kleine sepiafarbene Quadrat passte perfekt in meine Handfläche. Die Ecken hatten gezackte Ränder, und das Bild sah seltsam vertraut aus wie etwas, das ich vor Jahren aus der Ferne gesehen hatte, ohne dass ich mich jedoch daran erinnern konnte, wo.
Die Abbildung zeigte eine kleine weiße, von Bäumen umgebene Steinvilla, die auf ein gewaltiges, schaumgekröntes Meer hinaussah. Das Bild war verblasst und abgenutzt, von der Zeit und, vielleicht, durch die sehnsuchtsvollen Berührungen von Fingern. Ich drehte es um und sog die Luft ein.
»Marisal«, hauchte ich, indem ich den Namen las, der dort in einer geliebten, vertrauten Handschrift stand.
Allan riss die Augen auf. Wir kannten beide den Namen – als Kinder hatten wir ihn oft genug von unserer Großmutter gehört. Es war in unserer Kindheit ein verheißungsvolles Versprechen gewesen, wenn wir sie anbettelten, uns Geschichten von dem alten Haus ihrer Familie zu erzählen. Dann hatte sie uns immer nur so viel erzählt, dass unsere Einbildungskraft angeregt wurde, nie mehr. Allan und ich schworen uns damals, dass wir eines Tages dorthin fahren, dass wir die Geheimnisse lüften würden, von denen wir wussten, dass sie immer noch dort schlummerten, Geheimnisse, die ihren Lippen nie zu entlocken gewesen waren. Ein Versprechen, das ich vergessen hatte, während ich mit dem Heranwachsen und der Gründung einer eigenen Familie beschäftigt gewesen war.
Bis jetzt.
Ich holte tief Luft und hob den Blick zum goldenen Himmel, sodass die Sonne meine Netzhaut durchdrang. Ich wollte nicht, dass mein erster Blick auf die Villa durch einen Tränenschleier fiel, und James würde das auch nicht wollen.
Es war dieser Gedanke, der mich mehr als alles andere vorantrieb. Auf Marisal zu.
Ich öffnete das kleine, niedrige Gartentor, an dem der Name, in den Stein gemeißelt, beinahe ganz verwittert zu erkennen war.
Endlich war ich hier.
2
Ein Monat zuvor
»Also lass mich das mal zusammenfassen«, sagte Sage, meine Tochter, die neunzehn war, aber irgendwie auf die fünfunddreißig zuging. Sie packte gerade ihre Tasche, und ich tat so, als bräche es mir nicht das Herz, dass sie an die Universität zurückkehrte.
Es war eine Woche nach der Beerdigung, und wir versuchten, normal zu sein, was schrecklich fehlschlug.
Auf dem Bett neben ihrem offenen Koffer lagen zwei Listen, verfasst in ihrer ordentlichen, kompetenten Handschrift.
Eine für sie, die andere für mich. Ihre war eine Checkliste, meine ein Survival Guide mit Notrufnummern, nützlichen Informationen und Ermahnungen. Als wäre ich das Kind und sie die Erwachsene.
Das war wohl ihre Art, damit umzugehen, dass sie mich allein zurückließ. In dem Haus, das James und ich im Laufe der Jahre langsam in ein Zuhause verwandelt hatten. Ich hatte ein paar Tage gebraucht, um ihr zu erzählen, was ihr Vater getan hatte. Eigentlich hatte ich nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, bis mir die Zeit davongelaufen war. So war es kurz vor ihrer Abreise aus mir herausgeplatzt.
Sie sah mich ungläubig an. »Dad hat dir eine Villa gekauft, in Spanien? Glaubst du, dass er gegen Ende ein bisschen durchgedreht ist?« Teils meinte sie es ernst, teils nicht. Sie unterbrach das Packen, um mich mit ihren eindringlichen ebenholzfarbenen Augen anzustarren, das dunkelblonde Haar zu dem üblichen Pferdeschwanz gebunden. Einen Moment lang erinnerte sie mich an das kleine Mädchen, dessen Lachen in meinen Ohren nach Seifenblasen und Tausenden Streuseln klang, das kleine Mädchen, das ewig in meinem Herzen wohnt, zusammen mit dieser herzzerreißend erwachsenen Version.
Ich setzte mich auf die Kante ihres Bettes, griff nach Scruffy, dem alten Plüschkaninchen, das sie früher immer überallhin mitgeschleppt hatte, und berührte seine abgewetzten Ohren. Ich unterdrückte ein Lachen, als ich meine Liste betrachtete, auf der Dinge standen wie: »Jeden Tag spazieren gehen. Drei anständige Mahlzeiten zu dir nehmen (Schokolade ist keine Mahlzeit, Mum).« Das war unterstrichen, doppelt, es war also offensichtlich sehr wichtig. »Vielleicht deine Lektorin anrufen und noch mal um einen späteren Abgabetermin für deinen Roman bitten? Dich von Grandma fernhalten.«
Der letzte Punkt entlockte mir ein Schnauben und stimmte mich gleich darauf wieder traurig. Im Moment war die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir etwas angespannt. So war es schon eine Zeit lang, seit James’ Diagnose; ihre Art zu »helfen« hatte darin bestanden, alle möglichen rätselhaften Esoterik-Heilmittel anzuschleppen, die er ausprobieren sollte. Selbst während wir stritten, hatte ich gewusst, dass sie es eigentlich nur gut meinte, nur helfen wollte, doch es trieb mich in den Wahnsinn. Es war schwierig genug zu versuchen, das Unmögliche zu akzeptieren – dass die Liebe meines Lebens demnächst sterben würde –, ohne dass meine Mutter ständig versuchte, mir Hoffnungen mit irgendeinem aussichtslosen Unterfangen zu machen. Einem Unterfangen, das nur auf Enttäuschung hinauslief und uns ständig dazu brachte, einander Schmerz zuzufügen.
Sage starrte mich unverwandt an, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Dann schüttelte sie den Kopf und begann auszupacken. »Ich werde pausieren oder so was. Nächstes Jahr noch mal anfangen. Das hier ist lächerlich. Ich kann dich nicht einfach allein lassen und wieder zur Uni gehen, als wäre nichts geschehen. Das mache ich nicht.«
»Doch, das machst du.« Ich sprach in einem strengen Tonfall, den sie kaum je zu hören bekam. »Du fängst dein zweites Studienjahr in Medizin an, es ist dein Traum – dort ist jetzt dein Leben, alle deine Freunde. Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, okay?«
Sage war als alte Seele auf die Welt gekommen. Klug, kompetent, fleißig, manchmal zu streng mit sich selbst. James hatte ihr immer sagen müssen, dass es in Ordnung war, sich zu amüsieren, einfach mal loszulassen, nicht alles so hinzubekommen, wie es sich »gehörte«. Die teuren, aber modischen Klamotten zu tragen, die beim Waschen auseinanderfielen, und nicht immer nur vernünftige Pullis und Schuhe von Marks & Spencer. Für alt und vernünftig war später immer noch Zeit. Es war okay, einfach neunzehn zu sein ohne einen Plan für alles, und sich nicht für jeden verantwortlich zu fühlen. Diese Gespräche fielen ab jetzt in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich legte ihre Kleidung in den Koffer zurück.
»Zu bleiben ist keine Lösung, für keine von uns beiden. Wenn du das tust, habe ich nur noch eine weitere Sache, um die ich mir Sorgen machen muss.«
Sage hatte wohl Angst, ich würde mich in ihrer Abwesenheit von überzuckerten Frühstücksflocken ernähren und nur noch im Schlafanzug herumlaufen. Ich war eine fünfundvierzigjährige Witwe mit einer Arbeit, die es mit sich brachte, dass ich nie das Haus verlassen musste (und Arbeit eigentlich auch nur, wenn ich je das neue Manuskript fertigstellte, das ich meiner Lektorin vor einem Jahr versprochen hatte). Im Schlafanzug zu arbeiten und Müll zu essen war mein gutes Recht.
»Und nein – ich glaube nicht, dass Dad gegen Ende ein bisschen durchgedreht ist. Tatsächlich glaube ich, dass er dir sehr ähnlich war. Er hat sich Sorgen gemacht, was mit mir geschehen würde – eigentlich mit uns –, und er hat sich gedacht, das hier sei eine gute Art und Weise, um weiterzumachen.«
Das war geraten. Größtenteils.
Ungläubig sah Sage mich an. »Mit einem Haus in Spanien?«
»Streng genommen ist es auf einer kleinen spanischen Insel, gleich neben Ibiza.«
Ihre dunklen Augen leuchteten überrascht auf und sie schnaubte. »O mein Gott, Ibiza? Dad wollte, dass du Partys feierst?«
Ich lachte. Ihr verwirrtes Entsetzen konnte ich gut nachvollziehen. »Nein. Auf der kleinen Insel ist es anders. Viel ruhiger, Gott sei Dank weit weg von den Menschenmassen und dem Lärm.«
Laut Google wird die winzige Insel Formentera von ein paar Tausend Menschen bewohnt. Sie ist lang und schmal und bedeckt mit grünem Ackerland, Pinienwald und meilenweiten unberührten Sandstränden. Formentera ist nur dreiundachtzig Quadratkilometer groß, und an jeder ihrer felsigen Landspitzen befindet sich ein einsamer Leuchtturm.
Seitdem ich die Sache mit dem Haus erfahren hatte, hatte ich etwas Zeit darauf verwendet, mir Bilder von der Insel anzusehen. Ich versuchte, mir vorzustellen, dort hinzufahren, und fragte mich, wann ich mich dem je gewachsen fühlen würde. Die Farbe des Meeres nimmt das Auge gefangen, ein überwältigender Streifen aus Türkis, der glitzert und sich mit dem dunkel wirbelnden Blau des ihn umgebenden gewaltigen Ozeans vermischt.
Das echte Problem besteht darin, dass man nur dorthin gelangt, indem man zuerst nach Ibiza fliegt und dann die Fähre zu der kleineren Schwesterinsel nimmt. Es wirkte, gelinde gesagt, unpassend, dass ich nach dem Tod meines Ehemannes zur bekanntesten Partyinsel der Welt voller lauter, von Drogen überschwemmter Nachtklubs, alternder Hippies und Hedonisten aufbrechen sollte. Vielleicht war er durchgedreht, jedenfalls ein kleines bisschen.
Doch ich kannte natürlich die Wahrheit.
»Es war das Haus deiner Urgroßmutter. Deswegen hat er es gekauft – er wollte, dass wir es kennenlernen, glaube ich, und dass es wieder in Familienbesitz ist. Wo es seiner Meinung nach bestimmt hingehört.«
Obwohl er es nicht explizit in seiner Nachricht erklärt hatte, wusste ich, dass das der Grund war. Wir hatten im Laufe der Jahre über Marisal geredet und über das Versprechen, das Allan und ich einander in unserer Kindheit gegeben hatten: zu der Insel zu fahren und die Villa zu finden. James war immer dafür gewesen, aber irgendwie war ich nie dazu gekommen, es zu tun, und Allans Interesse hatte mit zunehmendem Alter nachgelassen. Meines nicht, aber dennoch hatte ich einfach nie die Zeit gefunden. Das Haus zu kaufen, die Entscheidung für mich zu treffen, war vielleicht James’ Art sicherzustellen, dass ich es wirklich tun würde. Ich reichte meiner Tochter das Foto, berührte dann ihre Schulter.
Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie es. »Das hier hat deiner Großmutter gehört?« Sie setzte sich und hielt das Foto in beiden Händen, während sie das grobkörnige, sepiafarbene Bild eines alten weißen Hauses umgeben von wild tosendem Meer betrachtete. Ihre Augen waren ernst.
Ich nickte. Sage war meiner Großmutter nie begegnet, da diese kurz nach der Geburt meiner Tochter verstorben war. »Vor langer Zeit. Sie entkam im Spanischen Bürgerkrieg in den Dreißigerjahren, glaube ich, und kurz danach begegnete sie meinem Großvater, und sie ließen sich in seiner Heimat nieder. Das Haus – Marisal – ging irgendwie verloren. Die Einzelheiten kenne ich nicht, sie hat uns eigentlich nie viel erzählt, aber ich weiß, es schmerzte sie, dass es nicht mehr in Familienbesitz war.«
»Hat sie dir nie erzählt, was passiert ist?«, fragte Sage und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu mir.
Ich schüttelte den Kopf und stieß ein leises Seufzen aus. »Nein, sie sprach nicht gern über die Vergangenheit. Besonders die harten Zeiten. Aber sie liebte es dort.« Zumindest so viel wusste ich. »Und ihr hätte der Gedanke gefallen, dass die Villa wieder irgendwie bei uns gelandet ist, und dann noch durch Dad.«
Unwillkürlich musste ich darüber nachdenken, was es ihr bedeutet hätte.
Sage lächelte. »Sie hat ihn gemocht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie hat ihn vergöttert. Es war peinlich. Er hat immer versucht, sich in seinem schrecklichen Spanisch mit ihr zu unterhalten, und sie hat ihn deswegen geliebt.«
»Das hört sich ganz nach Dad an.« Wir tauschten ein tränenverschleiertes Grinsen und wischten uns rasch die Augen.
»Wann wirst du also hinfahren? Nach Formentera … zur Villa Marisal?«
Wann, nicht ob, wie mir auffiel. Wir wussten wohl beide, dass mir keine große Wahl blieb. Selbst wenn die Vorstellung, jetzt dorthin zu jetten, unmöglich erschien. Zu hell, zu schön … im Grunde zu viel.
»In zwei Wochen oder Monaten vielleicht«, erwiderte ich ausweichend. Vielleicht wenn der Drang nachließ, mich selbst auch einäschern zu lassen. Natürlich sagte ich das nicht. »Vielleicht könntest du nachkommen, wenn du wieder Ferien hast, dir die Villa selbst ansehen? Ich weiß nicht, in welchem Zustand sie ist, wir werden also einfach mal sehen müssen. Der Anwalt, du weißt schon, Steve Linberg?«
Sie nickte.
»Tja, als ich bei ihm vorbeigeschaut habe, hat er nicht erwähnt, ob sie bewohnbar ist oder nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass sie ein wenig heruntergekommen sein muss. Er sagte, es habe seit Jahren keiner mehr dort gewohnt.«
Sage schnaubte. »Als du ihn angeplärrt hast, was zum Teufel Dad sich dabei gedacht hat, meinst du?«
Ich grinste. Sie kannte mich sehr gut.
»Das kommt hin. Wie dem auch sei, wer weiß, vielleicht haben wir einen Ort, an dem wir dieses Jahr Weihnachten verbringen können. Margaritas am Strand?«
Sie riss die Augen auf. »Das wäre vielleicht gut.«
Das wäre es vielleicht. Ich hatte mir nicht viele Gedanken über die Zukunft gemacht, abgesehen davon, dass ich einfach versuchte, zu atmen und mich von einem Tag zum nächsten zu hangeln. Doch Weihnachten weit weg von den Erinnerungen in unserem gemeinsamen Zuhause schien mir ein guter Plan zu sein.
Bei meinem Versuch, der kurzen, geheimnisvollen Nachricht meines Mannes nachzuspüren, hatte ich von Steve ein paar Einzelheiten bezüglich James’ Hauskauf erfahren, einschließlich des Namens des Maklers, über den er die Sache hatte laufen lassen.
Ich hatte herausgefunden, dass Steve derjenige war, der sich für James um alles gekümmert hatte, als dieser ihm sein Vorhaben auseinandersetzte. Seinen Plan, Marisal zu kaufen.
Zwar sagte ich Steve, er hätte mich vielleicht zurate ziehen sollen, doch er versicherte mir, James sei bei gesundem Verstand gewesen, als dieser ihn vor etlichen Monaten anwies, das Haus zu kaufen, nachdem er entdeckt hatte, dass es versteigert wurde.
Finanziell war es ein gutes Geschäft gewesen. Das Geld stammte aus James’ eigenen privaten Mitteln, vom Verkauf seines Designbüros, also hatte er die Villa ohne Weiteres kaufen können. Es hatte keine finanzielle Belastung für uns verursacht, was eine Erleichterung war. Ich wünschte nur, er hätte mir erzählt, was er tat, oder was er sich dabei gedacht hatte. Es fühlte sich nicht richtig an, gerade jetzt unser Zuhause zu verlassen und auf eine spanische Insel zu fliegen. Besonders wenn mir der Sinn einzig und allein danach stand, mich das ganze nächste Jahr im Bett zu verkriechen. Wenigstens wenn ich träumte, war James immer noch da. Vielleicht hatte er das befürchtet.
Was einem niemand über den Tod erzählt, ist, welchen Tribut er von der Leber fordert. Ich wusste einfach nicht, wie ich ihm nüchtern die Stirn bieten sollte. Und es wurde so viel schlimmer, als Sage ging. Mir war nicht ganz klar gewesen, wie sehr ich mich für sie zusammengerissen hatte, bis sie nicht mehr da war.
Die andere Sache, die einem keiner erzählt, ist, was nach der Beerdigung passiert. Wenn keine Aufläufe mehr vorbeigebracht werden und das Telefon nicht mehr läutet. Dann trifft es einen. In der Stille. Wenn man sich wünscht, alles möge einfach aufhören, aber das tut es nicht. Die Sonne geht weiter auf. Die Gezeiten wechseln weiter. Die Vögel singen weiter. Und die Post kommt auch immer weiter.
Ich zuckte zusammen, als die Post durch den Briefschlitz kam und auf dem Haufen landete, den wegzuräumen ich mich am Tag zuvor nicht hatte aufraffen können. Reklame. Werbeprospekte von Wochenblättern. Kataloge.
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht die Tür aufzumachen und dem Postboten hinterherzuschreien, etwas Respekt zu zeigen. Dass ich im Moment kein verfluchtes Fensterputz-Sonderangebot zum halben Preis bräuchte; ich bräuchte mehr Wodka und vielleicht könnte er den dazulegen, wenn er morgen wieder seine Runde machte?
Doch das tat ich nicht. Stattdessen saß ich nur auf der Treppe und starrte die braunen Kuverts an, diejenigen, die an James adressiert waren, und weinte.
Obwohl wir alles auf meinen Namen umgeändert hatten und den Rest abbestellt, war es, als hätte niemand zugehört, denn sie kamen weiterhin, an jemanden adressiert, der nicht mehr hier war.
Es sind diese kleinen Demütigungen, die einen in den Wahnsinn treiben.
Wenn das Telefon in jenen ersten Wochen läutete, waren es gewöhnlich meine Mutter oder Allan, die sich nach mir erkundigten. Als läge ich im Koma, mein Körper gefangen in diesem stillen Haus, und sie wollten nur sichergehen, dass ich immer noch atmete.
Das tat ich. Gerade noch.
»Was machst du im Moment?«, fragte meine Mum.
Ich hielt inne und betrachtete James’ Urne in meinen Händen; ich hatte mir angewöhnt, sie in jedes Zimmer, in das ich ging, mitzunehmen. Er hatte mir gesagt: »Du wirst schon wissen, wann der rechte Zeitpunkt ist, meine Asche zu verstreuen.«
Er würde in unserer Nähe sein wollen, an einem Ort mit Aussicht, das wusste ich. Im Moment behielt ich ihn allerdings nur in meiner Nähe. Ich wusste nicht, ob je der rechte Zeitpunkt kommen würde loszulassen.
Ich glaubte nicht, dass meine Mum es billigen würde, wenn sie davon wüsste. Sie würde wahrscheinlich irgendeine seltsame Zeremonie veranstalten wollen, mit Kristallen oder Ähnlichem.
»Liebling, vielleicht sollte ich wieder vorbeischauen? Vielleicht sollten wir ein bisschen außer Haus?«
Trotz Sages Warnungen war meine Mum nicht aufzuhalten. Sie kam immer wieder vorbei, selbst wenn wir nur auf dem Sofa saßen, ohne viel zu reden, und größtenteils versuchten, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Doch jedes Mal, wenn sie vorbeischaute, brachte ich James’ Urne in ein anderes Zimmer. Wenn es mir schon nicht erspart blieb, bestand kein Grund, weshalb er es über sich ergehen lassen sollte. Ich fand, dass er schon genug um die Ohren hatte, da er doch tot war und so.
Der einzige Ort, der schlimmer war als zu Hause, war allerdings »außer Haus«.
Außer Haus war riesengroß; die Welt rauschte vorbei, und Menschen lachten und redeten und stießen mit einem zusammen, und keiner merkte oder kümmerte sich darum, dass einem das absolut Schlimmste auf der Welt zugestoßen war. Dass man einen Blick in die Hölle geworfen hatte und immer noch auf den Beinen stand. Bloß dass es keine verräterischen Trümmer oder aber eine Explosion gab, die es den anderen einsichtig machen konnte, nur die kaputte Hülle von einem selbst, die übrig geblieben war.
Für andere war es auch nicht gut, wenn ich außer Haus ging. Es war kein Spaß für die Menschen, die das Pech hatten, mir in die Quere zu kommen. Ich hatte diesen Schalter verloren, der einen davon abhält, den Leuten zu sagen, was man wirklich denkt.
Im Grunde war es zu Hause also am besten. Wenn ich zu Hause war, konnte ich lügen. Ich war ziemlich genial im Lügen geworden, beim Vorspiegeln, es ginge mir »eigentlich prima«. Ja, mein Leben sei ereignisreich und recht voll. Natürlich sei es niederschmetternd, aber ich sei schließlich vorbereitet gewesen. Ich würde es überleben. Ich würde es schon schaffen. Was natürlich reines Wunschdenken war.
Ich dachte mir, dass die Leute gern von Fortschritten hören. Wenn sich keine Fortschritte einstellen, wird ihnen unbehaglich zumute. Als Mensch, der es von jeher allen recht machen will, schien mir das Lügen die beste und die einfachste Vorgehensweise.
Folglich erzählte ich meinem Freund Terry, dass ich mir diesen Zumbakurs, der seiner dreiundsiebzigjährigen Freundin Steph nach dem Tod ihre Mannes geholfen hatte, ansehen würde, auch wenn ich eigentlich nur vorhatte, an dem Abend weiter Wodka zu trinken. Ich sagte meiner Mum, dass ich mich bei dieser Therapeutin melden würde – deren Nummer sie am Kühlschrank hinterlassen hatte –, auch wenn ich stattdessen eine Übungsrunde mit James’ Asche machte, wobei James die Therapeutenrolle übernahm.
»Du bist deprimiert, weil ich tot bin? Wie seltsam.«
»Ich weiß, es ist total schockierend. Es ist fast einen Monat her. Wenn das hier ein Roman wäre, hätte ich längst beim Wohltätigkeitsbasar der Pfarrgemeinde den Kuchen-Wettverkauf gewinnen müssen, weißt du?«
»Ja, aber du backst gar nicht, schon vergessen?«
»Stimmt.«
»Vielleicht solltest du es mit einer Therapie versuchen?«
»Vielleicht … oder ich könnte einfach noch etwas Wein trinken?«
»Klar, das funktioniert auch …«
Am schlimmsten war allerdings, dass ich Sage belog, wie gut ich zurechtkäme, während ich mir Sorgen machte, wie sie zurechtkam, und hoffte, dass sie nicht auch nach und nach zerbrach. Doch sie schien auf ihre eigene Art klarzukommen, verbiss sich in ihr Studium, verbrachte Zeit mit ihren Freunden. Also erzählte ich ihr nicht, dass an manchen Tagen meine einzige erwachsene Handlung darin bestand, mich bei ihr zu melden, um zu sehen, ob bei ihr alles in Ordnung war. Dann legte ich auf und weinte und kroch wieder mit James’ Urne ins Bett zurück.
Um die Schatten zu vertreiben, sah ich mir viel Schund im Fernsehen an, auch wenn ich nicht recht weiß, ob ich viel davon aufnahm. Vielleicht weil ich größtenteils dazu trank, während Allan ab und an vorbeischaute, genau wie meine beste Freundin Hannah. Ihre Besuche machten mir nichts aus. Hannah kam alle zwei Tage vorbei, ob ich nun wollte oder nicht, wie eine Pflegekraft, die sicherstellte, dass ich mich nicht wundlag. So war sie eben. Sie nahm es nicht krumm, wenn ich mit seit einer Woche nicht gewaschenen Haaren an die Tür kam, dabei James’ Bademantel trug, einen Drink in der Hand, und seufzte, »Oh, du bist’s«, weil sie in eine Folge von Doctor Who platzte.
Sie nickte nur. Und lenkte mich dann in Richtung Dusche.
Hannah war meine älteste, Erzähl-mir-keinen-Bullshit-Freundin. Die Sorte kennt wohl jeder.
Sie war diejenige, die mir so gut wie alles sagen konnte, und die Dinge in mir sah, die ich selbst nicht über mich wusste. Die alles durchschaute, was ich sagte.
Sie war tough. Nahm kein Blatt vor den Mund. Ein Energiebündel. Gütig zu denen, die ihr am Herzen lagen. Der restlichen Welt gegenüber verhielt sie sich ziemlich furchterregend.
Hannah war es, die mir sagte, ich solle Marisal besuchen.
Gerade als ich glaubte, klasse im Lügen geworden zu sein.
»Dir geht’s verdammt noch mal nicht prima«, sagte sie und betrachtete mich, einen Monat, nachdem ich von dem Haus erfahren hatte.
»Doch.«
In ihren Augen blieb Zweifel. »Charl, du siehst wie ein Gespenst aus, du bist furchtbar dünn, zerbrechlich dünn, als würdest du dahinsiechen. Er würde das nicht wollen, dass du dich hier wie Miss Havisham oder so jemand verkriechst.«
Ich knirschte mit den Zähnen. »Was hast du erwartet, Han? Dass ich längst beim örtlichen Bingo und Backwettbewerb mitmische? Mein Mann ist gestorben – es tut mir leid, wenn ich mich nicht einfach mit einem verfluchten Fingerschnippen zusammenreißen kann.«
»Du weißt, dass ich das nicht gemeint habe.«
Beleidigt sah ich aus dem Fenster, während sie fortfuhr. »Keiner erwartet von dir, dass alles okay ist, aber du musst das nicht allein durchstehen. Abgesehen davon finde ich, dass du hinfahren und dir das Haus, das er gekauft hat, ansehen solltest. Es tut dir vielleicht gut wegzukommen. James …«
»Hat nicht nachgedacht.« Ich verschränkte die Arme. »Ich kann nicht einfach zu irgendeiner verfluchten spanischen Insel fliegen und anfangen, in einer Villa Highlife zu machen – das hier ist keine bescheuerte Liebeskomödie, es ist das echte Leben.« Ich atmete bebend ein. »Ich habe nie etwas davon gewollt, Han – nicht ohne ihn.«
Und da begann das Schluchzen. Ich war wütend. Wütend auf James. Wütend auf die abtrünnige, mutierte Zelle in seinem verräterischen Körper, der entschieden hatte, vor mir das Zeitliche zu segnen. So sollte es nicht sein. Wie sollte ich ohne ihn weitermachen?
Hannah legte die Arme um mich. »O Gott, Charl, es tut mir leid, dass ich dich zum Weinen gebracht habe. Du bist schon immer eine harte Nuss gewesen.«
Halb schluchzte ich, halb lachte ich. »Nicht mehr.«
Sie lächelte, strich mir das Haar zurück und holte dann meine Tasche, in der ich die Zigaretten aufbewahrte, von denen ich ihr nicht erzählt hatte. »Sollen wir im Garten eine rauchen gehen?«
Woher hatte sie es gewusst?
Ich lachte. Es erinnerte mich daran, als wir dreizehn waren, das erste Mal, als wir genau das mit den Kippen ihrer Mutter gemacht hatten: wie wir uns nach draußen geschlichen und sie gepafft hatten.
»Ich werde sie aber mitnehmen, wenn ich gehe«, erklärte sie streng, nachdem sie mir eine angezündete Zigarette gereicht hatte. Ich nickte. Sie hatte recht, wie üblich. Manche Dinge wollte ein Mensch nicht, wenn der Ehemann an Krebs gestorben war: sich eine Sucht zulegen, von der man auch Krebs bekommen und das einzige Kind zur Waisen machen konnte. Verdammte Hannah. Wie schon gesagt, der Tod ist die absolute Hölle für die Leber.
Schließlich kaufte ich das Ticket um zwei Uhr morgens, nachdem ich den letzten Rest Whisky geleert hatte, eingemummelt in James’ Bademantel, bei dem ich mir vormachte, er röche immer noch nach seinem Aftershave. Eigentlich war ich mit Erwägungen beschäftigt gewesen, mich mit seiner Urne in den Händen von der nächsten Brücke zu stürzen, damit wir gemeinsam abtreten könnten. Stattdessen nach Formentera zu reisen, schien die vernünftigere Option.
Ein paar Tage später fuhr Allan mich zum Flughafen und murmelte alles Mögliche, während wir die Autobahn entlangbretterten.
»Du hast deinen Pass, Twig? Und die Tabletten gegen Reisekrankheit für die Fähre? Was ist mit Handtüchern, ich bezweifle, dass es dort so was gibt, hast du daran gedacht, welche einzupacken? Vielleicht hättest du stattdessen einfach ein Hotel buchen sollen? Und wenn es dort keinen Strom oder fließendes Wasser gibt und du festsitzt? Vielleicht sollte ich mitkommen? Ich kann nicht zulassen, dass du einfach allein durchbrennst.«
Er sagte das alles recht schnell, und ich starrte ihn an, während sich allmählich Panik in mir breitmachte. Seine Nervosität war ansteckend.
Ich hatte eine Tasche für eine Woche gepackt, obwohl ich keinen Rückflug gebucht hatte. Die Logik dahinter lautete, dass ich nicht zu sehr auf einen bestimmten Rückreisetermin festgelegt sein wollte. Auch wenn ich Allan versprochen hatte, dass ich dem Ort eine Chance geben würde, bevor ich nach Hause zu meinem Bademantel, dem Whisky und den illegalen Kippen zurückkehrte. Ohne gebuchten Rückflug konnte ich mich wenigstens, wenn ich wollte, gleich in den nächsten Flieger nach Hause setzen.
3
Die Luft roch nach Ozean, wildem Rosmarin und diesem ersten Flüstern des Sommers.
In der Luft lag eine Wärme, die nach der Londoner Kälte überraschend war und dazu führte, dass ich meine Jacke über den Arm hängte und meine Haut vor Schweiß kitzelte. Ich hatte für das Wetter definitiv nicht angemessen gepackt. Es war schwierig gewesen, mir nach einem derart langen, harten Winter Sonnenschein vorzustellen.
Ich hatte im Hafen von La Savina angelegt, wo es von Bars und Touristen, die Mopeds und Fahrräder mieteten, nur so wimmelte, alle voller Urlaubsgedanken. Ich wollte schleunigst fort von den Sonnenhungrigen, weg von dem leichten Lächeln und dem verwirrten Blick von Menschen, die etwas in mir sahen, vielleicht etwas, das ihnen zeigte, dass ich nicht dazugehörte.
Viel hatte ich nicht, woran ich mich halten konnte, bloß den Namen des Hauses und dass es sich in einer Gegend befand, die als Can Marroig bekannt war, eine der besonders abgeschiedenen Ecken von Formentera. Ich hatte es geschafft, ein Taxi zu ergattern, und es hatte an der Straße gehalten, wo sich meine Villa dem Fahrer zufolge eigentlich befinden müsste. Ich winkte ab und sagte ihm, ich würde den restlichen Weg zu Fuß gehen. Meinen Fehler erkannte ich erst, als ich eine lange, karge Straße entlangwanderte, die sich eine halbe Meile weit erstreckte, gesäumt von niedrigen Steinmauern und Ackerland.
Mein Koffer war klein und hatte Räder. Ich latschte den heißen Asphalt entlang und zerrte ihn hinter mir her, während ich mir den Schweiß aus den Augen wischte.
Allerdings war ich dankbar, dass es hier keine Menschen gab. Endlich konnte ich atmen und aufhören, ein gezwungenes Lächeln aufzusetzen. Ibiza war eine Überlastung für meine angespannten Sinne gewesen, und auf der Fähre hatte es sich im Grunde ähnlich verhalten. Zu viele Partygänger, aufgedrehte Teenager und Menschen, deren Glück meinen eigenen tiefen Kummer nur zu unterstreichen schien, als wären sie in Farbe, während ich zu Schwarz-Weiß verblasst war. Es war eine Erleichterung, weg von all dem zu sein. Mein Gesicht in seine behaglichen, wenn auch allzu vertrauten Sorgenfalten gleiten zu lassen.
Unterwegs kam ich an weiß getünchten Häusern vorüber, manche modern, manche heruntergekommen und alt. Dieser ältere Teil der Insel schien fast wie ein von der Zeit vergessener Ort, was meine Erleichterung noch verstärkte.
Als ich einen leichten Hang hinaufging, erblickte ich sie. Zuerst nur den Rand des Hauses – und dann war sie da: eine kleine weiße Villa, mit blassrosa Bougainvillea, die sich um die alten Steinmauern rankte.
Marisal.
Die Natur hatte in dem kleinen Vorgarten die Oberhand gewonnen; es gab Hecken und Unkraut, die den Weg verdeckten, und neben der Haustür stand ein großer Orangenbaum, schwer mit Obst, dessen Duft einen Vorgeschmack auf den Sommer bot.
Ich bückte mich neben dem Baum, um nach dem dicken blauen Blumentopf zu suchen, in dem sich, wie man mir gesagt hatte, der Schlüssel zur Villa befand.
Im Brief des Maklers hatte kaum etwas über den derzeitigen Zustand des Hauses gestanden, und jetzt erkannte ich warum; vielleicht hatte er befürchtet, ich könnte es mir anders überlegen. Selbst wenn das nicht allzu wahrscheinlich gewesen war. Schließlich war es der letzte Wille meines Ehemannes gewesen, das Haus für mich zu kaufen, damit ich herkam.
Es war sowieso egal, in welchem Zustand es sich befand. Dieses Haus war früher einmal im Besitz meiner Familie gewesen, und ein Teil von mir wurde das Gefühl nicht los, dass ich mehr als nur vier Steinmauern vor mir hatte.
Ich öffnete die verwitterte Tür, die alt war und klemmte. Die Luft im Inneren war modrig, dieser Geruch von jahrelanger Nachbarschaft zum Ozean, der mich an Kindheitssommer an der Küste erinnerte. Ich ging zu dem kleinen Fenster vorn und öffnete einen der Läden, sprang dann zurück, als er auseinanderfiel und auf die Steinplatte bröckelte. Nun drang warmer, zitronenfarbener Sonnenschein ins Haus und erweckte die Schatten zum Leben. Die meisten Möbel waren von einer unglaublich dicken Staubschicht bedeckt, die mich zum Niesen brachte. Man hatte mir gesagt, das Haus sei auf einer Auktion versteigert worden, nachdem der letzte Bewohner, wer auch immer das gewesen sein mochte, fortgezogen oder verstorben war. Deswegen gab es hier wohl immer noch Möbel. Mein Blick schweifte durchs Zimmer, und mir fiel der Kamin in der Ecke auf, das kleine Fenster, das auf den Ozean hinausging, die dicken Steinmauern und die Kühle im Hausinnern. In der Ecke stapelten sich weggeworfene Zeitungen, und auf dem Fensterbrett standen immer noch mehrere alte Weinflaschen.
Trotzdem war da etwas unter dem Staub, diese Art von Wärme, die manche Häuser an sich haben und die einen willkommen heißt.
Ich ging durch das Haus, vielleicht weniger ehrfürchtig, als ich es mir zuvor ausgemalt hatte, fest überzeugt, dass ich in die Schatten von Geistern treten würde; doch obwohl ich in Schränken und Winkeln nachsah, fand ich keine Spur von ihnen.
In der Mitte der kleinen Bauernküche mit ihrem Holzfeuerofen stand ein kleiner, billiger Resopaltisch, von der Sorte, die mich an Schulveranstaltungen und Jugendherbergen erinnerte. Darauf standen ein neuer Wasserkocher, ein paar Becher, Teller und eine Flasche Spülmittel – Dinge, um die ich den Makler gebeten hatte, als er sich freundlicherweise erboten hatte, etwas für mich zu besorgen.
In der Zimmerecke standen etliche große Wasserflaschen. Das Leitungswasser würde wahrscheinlich salzig sein – jedenfalls stand es so in den Reiseführern. Zu meiner Erleichterung funktionierte der Strom. Später würde ich Allan simsen, um ihm Bescheid zu geben.
Im kleinen Hauptschlafzimmer gab es einen alten Eisenbettrahmen und eine unbezogene Matratze, die schon bessere Tage gesehen hatte. In der Mitte war sie ein wenig eingesunken, und sie war zur Farbe von abgestandenem, milchigem Tee verblasst.
Die anderen beiden Zimmer wirkten nicht viel besser; beide beherbergten vom Boden bis zur Decke stapelweise ausrangierte Möbelstücke. Das Ausräumen würde Tage in Anspruch nehmen.
Einen Augenblick erwog ich, mir ein Zimmer in einem der Hotels zu nehmen, wie Allan es vorgeschlagen hatte. Wo es frische Laken, einen Fernseher und, vielleicht am wichtigsten, Wodka gab. Ich war auf dem Weg hierher an einem Urlaubsort vorbeigekommen, doch eine Woge der Erschöpfung bewirkte, dass ich mich dagegen entschied. Die Wahrheit lautete, dass ich mich dem Gedränge aus Menschen nicht gewachsen fühlte, nicht jetzt, nicht nachdem ich von all diesen Partygängern umgeben gewesen war, die mit dem Flugzeug nach Ibiza unterwegs gewesen waren.
Auf der Taxifahrt hatte ich die Straße hinunter einen kleinen Laden erspäht, der aussah, als könnte man dort das Nötigste kaufen. Später konnte ich dorthin gehen und ein paar Vorräte besorgen. Ich kehrte ins Schlafzimmer zurück, rollte meinen kleinen Koffer hinein und öffnete ihn. Dann holte ich James’ Urne heraus und stellte sie auf den Nachttisch. »Tja, jetzt sind wir hier«, sagte ich und berührte sie. Dann schüttelte ich den Kopf.
»Ich hoffe, du bist zufrieden.«
4
Es war ein seltsames Gefühl, in einem Haus aufzuwachen, von dem ich immer nur gehört hatte.
Als Kind hatte es Spaß gemacht, sich an Tagen, wenn der Regen gegen die Fenster peitschte und der graue Himmel wie ein alter Bluterguss aussah, einen verloren gegangenen, abgelegenen, sonnendurchfluteten Familiensitz vorzustellen.
Doch die Geschichten waren dünn gesät gewesen, sie ließen sich den austernhaften Lippen meiner Großmutter nur bei seltenen Gelegenheiten entlocken, und erst nach viel Bettelei.
Vielleicht war es an jenen dunklen, grauen Tagen auch für sie schwerer; vielleicht versuchte sie an solchen Tagen, sich nicht zu erinnern.
Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir vorstellen, wie sie den Namen sagte, beinahe widerwillig. Marisal. Den Ozean riechen und die wilden Orangen aus dem Garten, mir die alte weiße Villa ausmalen. Sehen, wie ihre Augen traurig und dunkel wurden, wenn wir das Album mit dem blutroten Vorsatzblatt aus der alten Holztruhe holten, in der sie auch ihre anderen Erinnerungen aufbewahrte, und sie baten, uns davon zu erzählen. Die bräunliche, pergamenthafte Haut ihrer Finger fuhr dann über den dunklen Ledereinband, während sie Allan und mir widerstrebend von unseren katalanischen Wurzeln erzählte. Jedes Wort fiel von ihrem Mund, als bereitete es Schmerzen, als kostete es sie Geld.
Selbst zu der Zeit, als sie starb, wussten wir nur das Allernötigste. Wir wussten, dass unsere Familie, so lange sie denken konnte, auf der Insel gelebt hatte, dass sie ursprünglich aus Mallorca gekommen war und dass ein paar ihrer Verwandten auch auf Ibiza lebten. Die Familie sprach Ibizenkisch, ein Dialekt des Katalanischen. Über die Jahrhunderte war es von vielen Herrschern des Landes zugunsten der gemeinsamen spanischen Sprache verboten worden.
Wir wussten, dass die Familie Alvarez, von der Allan und ich abstammten, rote Haare und Bärte hatte, woher auch mein eigenes rotbraunes Haar stammte. Jedenfalls behauptete das meine Großmutter.
