Die Insel der Orulia - JA Bell - E-Book

Die Insel der Orulia E-Book

JA Bell

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Beschreibung

Eine Familie von Katzenmenschen lebt im Land Aporue und fühlt sich dort unter den Menschen sehr wohl. Sie achten jedoch darauf, dass niemand von ihren gestaltwandlerischen Fähigkeiten erfährt. Und so führen auch ihre fünf Kinder ein ganz normales menschliches Leben - wenn sie nicht zu nächtlichen Katzentreffen in ihrer Nachbarschaft aufbrechen. Doch das ändert sich, als eine Bruderschaft von Katzenmenschen, die sich in eine verlassene Burg auf einer Insel zurückgezogen hat, die Herrschaft über die Menschen anstrebt und für dieses Ziel auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Denn weil die Familie Catus vor vielen Jahren ähnliche Pläne des Anführers der Bruderschaft vereitelt hatte, will dieser sie daran hindern, sich auch diesmal einzumischen. Sein engster Vertrauter schlägt vor, eines der Kinder der Familie zu entführen, um sie so zu zwingen, nichts gegen die Bruderschaft zu unternehmen. Als dann eines der Kinder der Familie Catus verschwindet, wollen die Geschwister ihre Schwester aus der Burg befreien.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Nachwort

Kapitel 1

„Haben wir etwas mit den getöteten Menschen zu tun?“, fragte Ailuro, dessen Kopf von einer großen Kapuze bedeckt war.

Der gutaussehende Mann in der Kutte ihm gegenüber erkannte nur am Ton der Stimme des Anführers der Bruderschaft Orulia, dass dieser außerordentlich erregt war. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach Ailuro vor Wut bebend weiter.

„Ihr solltet den Menschen nur angst machen, aber sie nicht töten!“

Die hellblauen Augen von Nicolas sahen den Anführer einen Moment lang verständnislos an. Er brachte vor Überraschung über diese Zurechtweisung kein Wort heraus. Ailuro hatte ihn doch persönlich beauftragt, Angriffe auf Menschen zu organisieren, um unter ihnen Angst zu verbreiten und gleichzeitig die Unfähigkeit ihrer Regierung zu zeigen. Die Menschen sollten sich ausgeliefert fühlen, damit die Bruderschaft die Chance bekam, in ihrer Welt Macht zu erlangen. Nicolas hatte diese Überfälle geplant und dann gemeinsam mit einigen seiner Mitbrüder begangen. Die Verwunderung über die Rüge verwandelte sich in Verärgerung, die er erst hinunterschlucken musste, bevor er Ailuro eine Antwort gab.

„Die Situation ist leider ein paar Mal außer Kontrolle geraten. Aber diese Vorfälle haben die Unruhe unter den Menschen doch nur noch vergrößert. Deshalb ...“

Weiter kam er nicht, denn Ailuro hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Die Menschen fangen schon an, die Überfälle mit Katzen in Verbindung zu bringen. Es hilft uns überhaupt nicht, wenn sie uns als Feinde betrachten. Was wir wollen ist doch, dass sie unsere Überlegenheit erkennen.“

Dann fügte er im Befehlston hinzu: „Deshalb wird es in Zukunft keine Toten mehr geben. Ich erwarte, dass damit diese Sache vom Tisch ist.“

Nicolas nickte ergeben und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn.

„Wir haben im Moment ein ganz anderes Problem“, meinte er dann, um das Thema zu wechseln. „Die Familie Catus könnte uns wieder in die Quere kommen. Das wachsende Interesse an der Bruderschaft unter den Menschen dürfen wir uns von niemandem zerstören lassen. Wir sollten sicher stellen, dass dieser Robert nicht noch einmal die Wandler gegen uns aufhetzt und unseren Plan vereitelt.“

Ailuro nickte bedächtig mit dem Kopf. Die Mitglieder der Bruderschaft waren Katzenmenschen, die über eine menschliche Gestalt und eine Katzengestalt verfügten, zwischen denen sie sich verwandeln konnten. Aber es gab zwei Arten, die sich in ihrer Verwandlung unterschieden.

Die Gewandelten änderten automatisch ihre Gestalt, sobald es morgens hell und abends dunkel wurde. Die Wandler dagegen waren in der Lage, jederzeit und nach eigenem Willen ihre Gestalt zu ändern. Das war seit jeher die Wurzel von Auseinandersetzungen unter diesen beiden Gruppen der Katzenmenschen.

Die Gewandelten wagten nicht, sich frei inmitten der Menschen zu bewegen, denn sie liefen Gefahr, in deren Gegenwart ihre Gestalt zu wechseln und dadurch die Existenz ihrer Gattung zu verraten. Deshalb hatte sich eine große Gruppe von ihnen in eine verlassene Burg auf einer Insel vor der Küste Aporues zurückgezogen. Dort hatten sie zusammen mit einigen Wandlern die Bruderschaft Orulia gegründet, die den Menschen im Land die Macht entreißen wollte. Dieses Ziel unterstützten auch die meisten Gewandelten, die nicht auf der Insel lebten, und sogar eine kleine Anzahl von Wandlern.

Vor langer Zeit hatten die Gewandelten schon einmal versucht, die Menschen unter ihre Gewalt zu bekommen, aber eine Gruppe von einflussreichen Wandlern hatte gegen sie gekämpft und es verhindert. Obwohl der Anführer der Wandler von Ailuro tödlich verwundet worden war, konnten die Gewandelten eine zeitlich begrenzte Chance nicht nutzen, um in der Menschenwelt die Macht zu erringen. Denn durch den Kampf waren nicht nur viele Kräfte gebunden, sondern auch einige der für die Machtübernahme wichtigen Gewandelten verletzt oder getötet worden. Deswegen hatten sie ihren Plan notgedrungen aufgegeben und sich auf ihre Insel zurückgezogen. Seitdem war das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Katzenmenschen noch schlechter geworden.

„Ich weiß“, sagte Ailuro und seufzte. „Es ist jetzt fast genau zehn Jahre her, seit ich Robert beim Kampf tödlich verletzt habe. Laut der Überlieferung ist die Zeit seines Totenschlafs vorbei, die durch das Reblis-Messer hervorgerufen wurde, so dass er bald erwachen wird. Doch er muss sich sicherlich erst von diesem langen Schlaf erholen und kann deswegen nicht gleich wieder gegen uns in die Schlacht ziehen.“

„Das hoffe ich auch“, stimmte Nicolas mit ernster Miene zu. „Aber ich meine, wir sollten auf Nummer sichergehen. Wenn wir ihn schon nicht endgültig töten wollen, so habe ich eine Idee wie wir auf anderem Weg das Ziel erreichen können.“

Er lächelte seinen Anführer triumphierend an. „Ich war doch mal mit seiner Frau zusammen.“

Ailuro überraschte diese Information. Nicolas war ein Wandler, genauso wie Robert, aber dass er einmal eine so enge Beziehung zu dessen Frau gehabt hatte, war ihm neu.

„Sie und Robert haben gemeinsame Kinder“, erzählte Nicolas weiter. „Wir könnten eines von ihnen als Geisel nehmen, um ihn dazu zu bringen, die Arbeit gegen Orulia aufzugeben. Das Beste an diesem Plan ist jedoch, dass ihre Kinder mich kennen und deshalb nicht misstrauisch sein werden, wenn ich mit ihnen wieder Kontakt aufnehme. Ich werde also sehr leicht an sie herankommen. Was meinst du?“

Ailuro sah Nicolas lange schweigend an. Diese Idee gefiel ihm nicht so recht, aber er war sich darüber klar, dass er in Nicolas einen Wandler an seiner Seite hatte, der einen unbedingten Willen zur Macht hatte. Und wenn er, Ailuro, weiterhin die Bruderschaft anführen wollte, würde er Stärke und Führung zeigen müssen. Er spürte ja schon eine Weile, dass einige in der Bruderschaft an seiner Entschlossenheit zu zweifeln begannen. Um seine Position nicht zu gefährden, blieb ihm nichts anderes übrig, als diesem Plan zuzustimmen. Außerdem sagte er sich, dass dem Kind bei ihnen auf der Insel keine Gefahr drohen würde, denn hier hatte er Nicolas unter Kontrolle. Also nickte er.

„Gut. Aber mit so wenig Gewalt wie möglich. Ich möchte nicht, dass jemand verletzt wird.“

„Natürlich, Ailuro“, beeilte sich Nicolas, ihm zu antworten, und grinste dabei breit. „Bald werden wir genügend Einfluss haben, um diesen Robert Catus nicht mehr fürchten zu müssen.“

Kapitel 2

Bridget Catus wachte von Geräuschen in der Wohnung auf. Sie sah zum Bett auf der anderen Seite des Zimmers hinüber, das durch einen Spalt im Vorhang von der Vormittagssonne beschienen wurde, und in dem ihre jüngere Schwester Monika lag. Doch die kleine Gestalt unter der Bettdecke schlief tief und fest. Vorsichtig schlüpfte Bridget aus ihrem Bett und nahm einen Bademantel vom Haken an der Zimmertür. Während sie ihren üppigen Körper in den Mantel wickelte, öffnete sie lautlos die Tür und schlich hinaus in den Flur.

Die Geräusche, die sie geweckt hatten, kamen aus der Küche. Sie näherte sich der offenstehenden Tür und sah einen Mann, der gerade ein Messer aus der Schublade nahm. Sie beobachtete dann, wie er damit etwas auf der Arbeitsplatte machte. Doch was er genau tat, konnte sie nicht erkennen, denn sein breiter und kräftiger Rücken verdeckte ihr die Sicht. Er war ganz vertieft in seine Tätigkeit und bemerkte sie auch nicht, als sie in die Küche trat.

„Was machst du da?“, fragte sie mit lauter Stimme.

Der Mann zuckte zusammen und blickte erschrocken auf. Dabei ließ er die Tomate fallen, die er gerade in Stücke schneiden wollte.

„Bridget!“, erleichtert erkannte er seine Schwester. „Musst du mich so erschrecken?“

Ein Lächeln breitete sich in ihrem runden Gesicht aus und ihre großen, blauen Augen funkelten.

„Nur jemand mit schlechtem Gewissen lässt sich erschrecken“, erwiderte sie neckend. „Tomaten zu metzeln ist sicherlich ein schreckliches Verbrechen.“

Das jungenhafte Gesicht des Mannes verzog sich zu einer Grimasse. Er sah einen Moment das Messer an und dann die junge Frau in der Tür. Langsam schritt er um den Tisch in der Mitte der Küche herum und kam mit drohend vorgestrecktem Messer auf sie zu.

„Aber eine freche Schwester zu metzeln ist kein so schweres Verbrechen!“

Schreiend und lachend lief die junge Frau durch den Flur ins Wohnzimmer. Dort stieß sie so schwungvoll mit ihrer älteren Schwester Meilin zusammen, dass beide stolperten und das Gleichgewicht verloren. Sie landeten rücklings auf dem Boden, wobei Bridget mit dem Ellenbogen an eine Vase auf einem kleinen Tisch neben der Tür stieß. Die Vase fiel mit einem dumpfen Knall zu Boden und die Blumen und das Wasser verteilten sich auf dem Teppich.

„Was ist denn mit euch los?“, fragte Meilin verschlafen. „Müsst ihr euch immer noch wie Kinder aufführen?“

Die schlanke Frau strich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht und blitzte, nun richtig wach geworden, mit dunklen, mandelförmigen Augen den Mann an, der jetzt mit gesenktem Kopf ins Zimmer kam und ihr beim Aufstehen helfen wollte.

„Bist du in Ordnung?“, fragte er in besorgtem Ton.

Meilin wehrte seine Hilfe ab, stand allein auf und rieb sich ihre schmerzende Rückseite. Dabei sah sie ihn verärgert an, denn das kindische Verhalten von Florian und seiner Zwillingsschwester Bridget nervte sie. Die beiden waren schon als Kinder wild und nicht zu bändigen, wenn sie ihren Schabernack miteinander oder mit anderen trieben. Meilin hoffte immer noch darauf, dass sie irgendwann ruhiger und vernünftiger werden würden.

Doch ihr Ärger über die Zwillinge verflog, als sie die Verlegenheit in Florians Gesicht sah.

„Mir ist nichts passiert“, beruhigte sie ihn und musste selbst über die Situation schmunzeln. „Nur die Vase hat es nicht überlebt. Seht zu, dass ihr hier sauber macht, bevor Mutter das sieht.“

Jetzt kam auch Monika ins Wohnzimmer. Ihre kurzen, braunen Haare waren zerzaust und sie trug ein mit Comicfiguren bedrucktes Nachthemd, in dem sie wie ein Kind aussah. Sie schaute verschlafen in die Runde.

„Was ist los?“, fragte sie. „Warum seid ihr schon wach?“

Doch bevor die Geschwister antworten konnten, schlug sich Monika gegen die Stirn.

„Na klar, Katinka kommt ja heute nach Hause! Dann sind wir wieder komplett!“

Florian ging hinaus, um einen Lappen, einen Handfeger und eine Schaufel zu holen. Währenddessen kam Bridget stöhnend wieder auf die Beine und sammelte anschließend die gelben Rosen und das Grünzeug vom Boden auf. Monika sah ihre Schwester Meilin fragend an. Doch diese schüttelte nur mit dem Kopf.

„Frag nicht“, meinte sie resigniert.

Als Florian mit den Putzutensilien wieder in den Raum kam, hatten sich seine Schwestern bereits in ihre Zimmer zurückgezogen. Kopfschüttelnd wischte er das Wasser auf und kehrte die verstreuten Blätter zusammen. Er wollte mit der Kehrschaufel in die Küche gehen, da fiel sein Blick auf die Blumen, die auf dem Tisch lagen.

„Ihr Ärmsten!“, entfuhr es dem jungen Mann. „Hat euch keiner wieder ins Wasser gestellt?“

Er legte die Schaufel auf den Boden und schritt auf den Wohnzimmerschrank zu, aus dem er behutsam eine Glasvase nahm. Damit ging er dann in die Küche und füllte sie mit Wasser. Nachdem er die Blumen versorgt hatte, räumte er den Rest des kleinen Missgeschicks seiner Schwester fort.

Nach und nach kamen die jungen Frauen aus ihren Zimmern. Sie verschwanden kurzzeitig für die Morgentoilette im Bad und erschienen anschließend zum Frühstück in der Küche. Florian gesellte sich zu ihnen und so saßen sie dann gemütlich zusammen.

„Was Katinka uns diesmal wohl mitbringt?“, fragte Monika kauend, dabei nahm sie sich gleich noch eine Scheibe Toast und bestrich sie dick mit Butter.

„Darauf bin ich auch gespannt“, meinte Bridget und sah auf den leeren Brotkorb. „Möchte noch jemand Toast? Florian?“

Als der Bruder nickte, stand sie auf und ging zum Toaster, um zwei Scheiben hineinzustecken.

„Was wollen wir eigentlich heute Abend machen?“ Meilin sah ihre Geschwister fragend an. „Sonst sind wir immer in den Park gegangen und haben uns mit den anderen getroffen.“

Für einen Moment herrschte Stille in der Küche. Monika war die Erste, die diese unterbrach und ihre Gedanken laut formulierte.

„Das ist eine gute Frage. Aber mit den Überfällen, die es in der letzten Zeit hier gab, ist es wahrscheinlich besser, zu Hause zu bleiben. Oder was meint ihr?“

Die Schwestern nickten zustimmend.

„Du hast wohl recht, Monika“, meinte Bridget. „Obwohl es schade ist. Unsere Abende dort waren immer richtig schön.“

„Wir können es uns auch hier schön machen“, erwiderte Meilin mit einem aufmunternden Lächeln in die Runde. „Katinka wird so viel zu erzählen haben, dass es uns sicher nicht langweilig wird.“

„Klar“, stimmte ihr Monika zu.

„Außerdem möchte ich ihr meine neue Musik vorspielen“, fügte Meilin hinzu.

„Bloß nicht!“, entfuhr es Florian. „Dann sollten wir vielleicht doch lieber in den Park gehen.“

„Meinst du wirklich?“ Bridget blickte ihren Bruder verwirrt an.

„Das meint er nicht ernst“, unterbrach Meilin die Schwester und warf Florian einen verärgerten Blick zu. „Er will nur keine Musik hören. Natürlich findet er es nicht ratsam, in dieser Zeit in den Park zu gehen. Warum sollten wir uns auch unnötig in Gefahr begeben?“

„Ja, Meilin hat recht“, gab der Bruder mit einem Lächeln zu. „Es wäre im Moment wirklich zu riskant. Also werden wir den Abend hier verbringen.“

Und mit einem Seitenblick zu seiner älteren Schwester fügte er hinzu: „Dann werde ich eben auch deine Musik ertragen.“

Nachdem sie mit dem Frühstück fertig waren, zogen sich die Schwestern in ihre Zimmer zurück. Florian blieb jedoch in der Küche, um aus den Tomaten, die er vorhin geschnitten hatte, eine Soße zu kochen.

Am späten Nachmittag hörten sie, wie jemand die Haustür aufschloss. Eine elegant gekleidete Frau öffnete die Tür und trat in den Flur. Dort nahm sie ihren Hut ab und legte ihn auf die Garderobe. Sie sah durch die geöffnete Küchentür den jungen Mann, der sich jetzt die Hände abwischte und in den Flur kam.

„Hallo, Florian!“, begrüßte sie ihn und ließ den Schlüsselbund in eine Schale auf dem Garderobenschrank fallen. „Wo sind die anderen? Ihr müsst gleich die Tüten aus dem Wagen holen. Nach der langen Einkaufstour mache ich mich erst einmal frisch.“

Dann zog sie ihre Jacke aus, hängte sie auf und ging ohne ein weiteres Wort in ihr Schlafzimmer.

Die Schwestern, die die Stimme ihrer Mutter gehört hatten, waren aus ihren Zimmern gekommen und sahen sich jetzt verdutzt an. Florian zuckte grinsend mit den Schultern, nahm den Schlüssel des Wagens und verließ eilig die Wohnung, um die Tüten hereinzuholen. Die plaudernden Schwestern folgten ihm in langsamem Tempo, so dass er als Erster am Van ankam. Durch die Scheiben im Heck konnte er eine ganze Reihe von Tüten sehen.

Beim Öffnen der Klappe entfuhr ihm ein Stöhnen. „Mutter hat wirklich nur das Nötigste eingekauft.“

„Oh, ja“, meinte Meilin lachend, „sonst hätte sie einen Lastwagen dafür gebraucht.“

Gutgelaunt nahm sich jedes der Geschwister eine der großen Tüten und trug sie hinauf in die Wohnung. Florian hatte nach der dicksten und schwersten Tüte gegriffen, die er in die Küche schleppte und schließlich auf die Arbeitsplatte stellte. Vorsichtig packte er ein paar Paprikaschoten und einige Zucchini aus, die auf einer prall gefüllten weißen Plastiktüte lagen. In dieser zweiten Tüte war die Hauptzutat für Florians Rezept, das Fleisch für sein Gulasch. Er legte das Fleisch auf ein Brett, und machte sich daran es in Würfel zu schneiden.

Auch seine Schwestern nahmen sich die Zutaten und Gerätschaften, um ihre jeweiligen Gerichte vorzubereiten. So herrschte rege Geschäftigkeit in der Küche, und es dauerte nicht lange, bis Bridget von ihrer Arbeit im Friseursalon berichtete. Sie liebte es witzige Begebenheiten zum Besten zu geben und da sie im Salon vor einiger Zeit eine neue Auszubildende bekommen hatten, der die anderen liebend gern einen Streich spielten, konnte sie auch viele erzählen. Diesmal jedoch hatte die junge Frau selbst ihr Missgeschick verursacht.

„Gestern hat sie bei einer Kundin die Farbe aufgetragen und dann einwirken lassen. Was meint ihr, was passiert ist?“

Bridget sah ihre Geschwister grinsend an, und weil diese mit dem Kopf schüttelten, fuhr sie fort.

„Als sie die Wickler herausnahm, waren die Haare grün.“

Die Geschwister lachten laut auf.

„Ihr hättet mal das Gesicht der Kundin sehen sollen!“

„Die Ärmste“, meinte Meilin mitfühlend. „Aber ihr habt doch sicherlich die Farbe ändern können?“

Bridget nickte, immer noch lachend.

Elisabeth Catus, die Mutter, stand eine ganze Weile in der Küchentür und lächelte zufrieden über ihre ausgelassenen und fröhlichen Kinder. In diesen Momenten vermisste sie ihren verstorbenen Mann Robert noch mehr als sonst. Er war nicht ihr erster Ehemann gewesen, aber in der Zeit mit ihm hatte sie sich so sicher und geliebt gefühlt wie niemals davor.

Sie dachte an den Tag vor fast zehn Jahren zurück, als er beim großen Kampf zwischen den Gewandelten und den Wandlern getötet worden war. Damals hatte sie nicht gewusst, wie sie weiterleben sollte, und jetzt waren schon so viele Jahre vergangen.

Robert hatte ihr diese schöne und große Wohnung sowie genügend Geld hinterlassen, so dass das Leben danach erträglich war. Sie musste sich nicht ständig um ein Dach über dem Kopf und das Essen für ihre Kinder Sorgen machen, wie in den Jahren vor ihrer Heirat mit ihm.

Jetzt waren die Kinder fast erwachsen. Katinka hatte als Erste die elterliche Wohnung verlassen, um ihren Traum vom Artistenleben zu verwirklichen. Elisabeth wusste, dass ihre Tochter das Zirkusleben im Blut hatte, denn deren Vater war ein Artist gewesen, von dem sie sich jedoch bald getrennt hatte. Katinka zog seit ihrem achtzehnten Lebensjahr den Sommer über mit einem Zirkus herum und kam nur gelegentlich nach Hause, um ihre Familie zu besuchen. Die Geschwister freuten sich jedes Mal sehr über das Wiedersehen mit der weitgereisten Schwester, da sie viel zu erzählen und immer neue, verrückte Ideen hatte. Auch Elisabeth freute sich auf den Besuch ihrer Tochter.

Sie betrat die Küche, um zu kontrollieren, ob das Essen pünktlich fertig werden würde. Denn diesmal wollten ihre Kinder sich darum kümmern und die Lieblingsgerichte der Schwester zubereiten, die sie in ihrer Kindheit gegessen hatten.

Florian kochte das Gulasch à la Catus, das aus verschiedenen Fleischsorten mit Gemüse in einer Tomatensoße bestand. Seine Schwestern Bridget und Monika bereiteten einen scharfen Gemüse-Nudel-Auflauf zu, und Meilin steuerte ihren Lieblingssalat aus Tomaten, Blattsalat und Oliven bei.

Zufrieden sah ihre Mutter ihnen bei der Arbeit zu und als sie merkte, dass alles reibungslos lief, zog sie sich ins Wohnzimmer zurück. Dort deckte sie schon einmal den Esstisch, der rechts neben der Sitzecke stand. Sie legte eine blütenweiße Tischdecke auf und holte ihr bestes Geschirr hervor.

Monika kam jetzt ebenfalls ins Wohnzimmer, nahm aus einer Schublade in der Anrichte ein paar bunte Girlanden und begann diese im Raum zu verteilen. Sie war dabei die zweite Seite der Girlande am Wohnzimmerschrank zu befestigen, als sie plötzlich den Kopf nach rechts drehte und auf eine Stelle starrte. Blitzschnell griff ihre Hand in die Luft, fing etwas und steckte es in ihren Mund.

„Monika, was machst du da?“, rief ihre Mutter entrüstet. „Du weißt doch, dass du keine Fliegen essen sollst!“

Als Antwort brummelte ihre Tochter nur etwas und arbeitete ohne Unterbrechung weiter.

Jetzt kam Bridget ins Wohnzimmer. Sie hielt ein riesiges Gesteck im Arm und stellte dieses in die Mitte des festlich gedeckten Tisches.

„Das sieht wunderschön aus“, meinte ihre Mutter und legte die letzten Besteckteile an ihren Platz. Sie trat vom Tisch weg und besah sich das geschmückte Zimmer.

„Gut gemacht, Monika!“, lobte sie die jüngste Tochter, die immer noch auf einem Stuhl stand und eine Girlande zurechtzupfte.

Jetzt gesellte sich Meilin zu ihnen und ging zielstrebig zu einem kleinen Regal mit Musik-CDs, das neben dem Wohnzimmerschrank stand.

„Dann suche ich mal die Musik für heute Abend heraus“, sagte sie, ohne sich an jemand bestimmten zu wenden. Sie fuhr mit ihrem Zeigefinger an den Hüllen entlang, nahm die eine oder andere der CDs heraus und stapelte sie vor dem Regal auf. Nachdem sie alles durchgesehen hatte, nahm sie den Stapel und ging hinüber zur Musikanlage, die im Schrank untergebracht war. Sie legte eine CD nach der anderen in das Abspielgerät, um geeignete Musik für den Abend zu finden.

Als die ersten Töne eines Liedes erklangen, kam ihr Bruder mit leidendem Gesichtsausdruck ins Zimmer gelaufen und sah seine Schwester flehentlich an.

„Du brauchst dich nicht so anzustellen.“ Meilin drehte ihren Kopf in seine Richtung und warf ihm einen strengen Blick zu. „Du wirst diesen Abend schon überleben.“

Die Miene ihres Bruders verdüsterte sich, denn in seinen Ohren hörte sich Musik schrecklich laut an. Dabei hatte er das Gefühl, dass sie im Innern seines Kopfes widerhallte. Doch dann dachte er an Katinka, die ihnen Geschenke mitbringen würde, sowie an ihre neuen Geschichten über das Zirkusleben, und sein Gesicht erhellte sich wieder.

Die Mutter war inzwischen zurück in die Küche gegangen, um nach dem Auflauf zu sehen, der ebenfalls fertig war, und rief ihren Sohn, um ihr beim Auffüllen und Auftragen zu helfen. Erleichtert entfernte sich Florian aus dem lauten Wohnzimmer und ging in die Küche.

Als sie dabei waren die letzte Schüssel zu füllen, klingelte es an der Haustür. Blitzschnell versammelte sich die ganze Familie im Flur und drängelte sich an der Tür, die die Mutter öffnete. Draußen stand eine elegante junge Frau. Ihr langes, schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden und sie trug unter einer kurzen schwarzen Jacke ein enganliegendes, rotes Kleid, das ihren wohlgeformten athletischen Körper voll zur Geltung brachte. Sie hielt einen Moment inne, um die erwartungsvollen Gesichter ihrer Familie zu betrachten.

So sehr sie das Leben im Zirkus liebte, es war ebenso schön, wieder nach Hause zu kommen. Zumindest so lange, bis sie ihre Kollegen und die Manege vermisste.

„Catusse!“ Mit dieser seit ihrer Kindheit üblichen Begrüßung stürzte sich Katinka dann auf ihre Geschwister und ihre Mutter, und umarmte alle stürmisch.

Nachdem die erste Wiedersehensfreude vorüber war, drehte sie sich um und trat zurück ins Treppenhaus. Dort hatte sie ihre beiden Koffer und ein paar Tüten abgestellt. Aus Letzteren holte sie Geschenkpakete heraus, die sie an ihre Familie verteilte.

„Kommt, Kinder!“ Die Mutter legte ihr Geschenk auf den Garderobenschrank und nahm, zur Verwunderung aller, einen von Katinkas Koffern. „Lasst uns erst das Gepäck ins Zimmer tragen. Danach können wir die Geschenke auspacken.“

Bereitwillig folgten die Geschwister dem Vorbild der Mutter.

„Ich habe das Gefühl, dein Gepäck wird mit jedem Jahr umfangreicher, Kati.“ Florian ächzte unter der Last eines bleischweren Koffers. „Hast du etwa euer Zirkuszelt mitgebracht?“

Katinka lachte und gab ihrem Bruder einen Klaps.

„Der Koffer ist nicht schwerer als sonst, aber du bist nicht mehr in Form. Nun, die nächsten Tage werde ich dich schon wieder auf Trab bringen!“

Ihr Bruder hob lächelnd den Kopf. „Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?“

„Sowohl als auch!“

Nachdem das Gepäck im alten Zimmer von Katinka untergebracht war, versammelte sich die ganze Familie im Wohnzimmer. Die Geschenke wurden ausgepackt und mit Begeisterung kommentiert, hatte die Schwester doch für jeden etwas Passendes ausgesucht.

Ihre Mutter bekam eine Halskette mit einem Anhänger aus Katzenauge und für Bridget gab es ein paar Ohrringe mit kleinen, goldenen Herzen. Monika hielt voller Entzücken ein Shirt mit Tigermuster hoch, das sie sofort anprobierte, und Florian packte andächtig ein schweres Fleischmesser aus. Am meisten freute sich Meilin, die sprachlos auf eine gebundene Originalausgabe der ‚Reise nach dem Westen‘ sah. Die Übersetzung dieses Buches hatte sie schon als Kind geliebt, und sie hatte sich vorgenommen, es irgendwann einmal im Original zu lesen.

Als alle ihre Geschenke ausgepackt und ausreichend bewundert hatten, setzten sie sich an den festlich gedeckten Tisch, um zu Abend zu essen. Die kleine Gesellschaft war ausgelassen und fröhlich. Immer wieder gab es Gelächter oder gespannte Stille, wenn Katinka ihre teils lustigen und teils gefährlichen Erlebnisse schilderte.

Schließlich erzählte sie von ihrem neuen Freund, einem Trapezkünstler, der mit ihr eine Nummer ausgearbeitet hatte, bei der sie als Clowns verkleidet allerhand Schabernack am Seil und auf dem Trapez trieben. Das Publikum liebte diese Darbietung, doch leider mussten sie vorübergehend aufhören, weil ihr Freund überfallen worden war und jetzt im Krankenhaus lag. Sie berichtete, dass sich in den letzten Monaten diese Überfälle gehäuft hatten und die Brutalität immer größer geworden war. Es gab auch Tote, und jedes Mal sollte eine Katze vom Ort des Verbrechens weggelaufen sein.

„Wenn das so weiter geht“, meinte sie, „werden die Menschen auf die Idee kommen, dass diese Taten nicht von ihresgleichen begangen wurden, sondern von Katzen. Dann werden sie alle Katzen verfolgen.“

„Aber mit Sicherheit doch nicht uns Wandler!“, rief Elisabeth aus. „Wir brauchen uns doch nur eine Zeit lang nicht in Katzen zu verwandeln.“

Florian runzelte die Stirn. „Vielleicht. Aber was ist mit den Gewandelten, die in der Nacht in ihrer Katzengestalt unterwegs sein müssen.“

„Ich für meinen Teil kann kein Mitleid mit diesen Taugenichtsen haben“, meinte Elisabeth. „Wahrscheinlich sind sogar sie es, die die Menschen überfallen. Ihr Verhalten hat schon damals zum Kampf zwischen den Katzenmenschen geführt und es war ein Gewandelter, der euren Vater getötet hat. Sie bekommen nur, was sie verdienen.“

Für einen Moment senkte sich betroffenes Schweigen über den Tisch, und jeder von ihnen dachte an den Vater.

„Wie lange bleibst du eigentlich hier?“, unterbrach Meilin die Stille und sah ihre Schwester an. „Kommst du am Todestag von Vater mit zu seinem Grab?“

Katinka erwiderte den Blick ihrer Schwester und runzelte die Stirn.

„Eigentlich hätte ich dann schon wieder auftreten müssen, aber weil Ross verletzt ist, kann ich länger bei euch bleiben.“

„Das ist gut.“ Elisabeth strich sanft über Katinkas Arm. „Du weißt sicher, dass dieses Jahr ein besonderes ist. Es ist jetzt genau zehn Jahre her, seit er getötet wurde.“

Die Stimmung in der kleinen Runde war danach ruhiger und nachdenklicher, denn obwohl ihr Verlust schon lange zurücklag, war der Schmerz darüber immer noch vorhanden.

Nach dem Essen räumten sie den Tisch ab und machten es sich auf dem Sofa und den Sesseln im Wohnzimmer gemütlich, dabei hörten sie Musik und tranken zur Feier des Tages Rotwein. Florian und Bridget fragten Katinka nach Leuten aus dem Zirkus, die die beiden bei einem Besuch dort kennengelernt hatten. Die Schwester berichtete ihnen ausführlich, aber mit leiser Stimme, um Meilin den Musikgenuss nicht zu stören.

Einige Zeit später musste ihre Mutter gähnen.

„Ich bin schrecklich müde“, sagte sie in die Runde.

„Heute war ein anstrengender Tag für uns alle und ich denke, dass wir Schlafengehen sollten.“

Damit erhob sie sich steif vom Sofa und begab sich in ihr Zimmer. Gleich darauf konnten die Geschwister sie im Badezimmer hören. Monika gähnte jetzt auch herzhaft und steckte damit die anderen an.

„Sollen wir ebenfalls für heute Schluss machen?“ Meilin sah die anderen fragend an.

„Ja, ich bin auch müde“, meinte Florian, der verstohlen Bridget und Katinka aus dem Augenwinkel beobachtete. „Dann gehen wir alle ins Bett.“

Die Geschwister erhoben sich aus ihren Sesseln und begaben sich in ihre Zimmer. Meilin bemerkte jedoch, dass sich drei von ihnen verschwörerische Blicke zuwarfen.

‚Die führen sicherlich etwas im Schilde‘, dachte sie. Doch sie war zu müde, um sich damit näher zu befassen.

Tatsächlich trafen sich die drei im Flur, als ihre Mutter, Meilin und Monika im Bett lagen. Das Licht war schon gelöscht worden, doch Wandler konnten sich auch in ihrer Menschengestalt gut im Dunkeln zurechtfinden. Sie öffneten leise die Haustür und schlossen sie vorsichtig hinter sich. In der Mitte des Korridors gab es nur eine trübe Lampe, die abends ständig leuchtete. Ansonsten war es auch hier dunkel.

Die drei Geschwister bewegten sich zielstrebig den Korridor entlang und die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Hier unten gab es einen Hinterausgang, der auf den Hof führte und von dort kam man auf eine Nebenstraße. Sie schlichen sich aus dem Haus, schlossen die Tür leise hinter sich und sahen sich im Hof um. Als Florian überzeugt war, dass niemand sie beobachtete, nickte er seinen Schwestern zu.

Sofort begann Katinka sich in ihre Katzengestalt zu verwandeln. Sie brauchte nicht lange dafür. Die junge Frau stand im Zwielicht des Hofs und im nächsten Moment saß an ihrer Stelle eine grazile grau getigerte Katze, die sich eine Pfote leckte.

Bridget brauchte schon etwas länger mit der Wandlung. Vielleicht lag es an ihrer Größe, die es langwieriger machte. Doch dann saß eine zweite Katze auf dem Hof, die schwarz-weiß gefärbt und kräftig gebaut war.

Florian war ebenfalls groß und er benötigte ebenfalls mehr Zeit für die Verwandlung. Die beiden Schwestern blickten mit gelben Augen auf ihren Bruder, der langsam in sich zusammenzufallen schien, bis eine dritte Katze auf dem Hof saß. Kaum hatte Florian seine Wandlung vollendet, sprangen die beiden anderen auf und liefen mit erwartungsvoll hoch aufgerichteten Schwänzen in Richtung Straße. Etwas langsamer folgte die dritte Katze.

Kapitel 3

Im Westen des Landes Aporue gab es einen langen Küstenstreifen, der aus steilen Felsen und Buchten mit Sandstränden bestand. In Sichtweite des Festlandes lagen mehrere kleine Inseln, auf denen sich alte verlassene Festungen und Burgen befanden. Die Menschen hatten sie wieder der Natur überlassen, weil es dort weder Strom noch andere Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation gab. Doch in eine dieser Burgen waren seit einiger Zeit neue Bewohner eingezogen.

Bei Sonnenaufgang war alles ruhig, und die Räume hinter den dicken Mauern waren menschenleer. Die einzigen Bewohner schienen Katzen zu sein, die überall auf den Betten und Stühlen lagen und fest schliefen. Die Sonne stieg langsam am Himmel empor und ein neuer Tag begann. In den Räumen der Burg fand jetzt das unausweichliche allmorgendliche Schauspiel der Verwandlung der Gewandelten statt.

Eine Katze nach der anderen wachte auf und begann sich zu recken und zu strecken. Dabei verlängerten sich ihre Beine, ihre Pfoten wurden zu Händen und Füßen und der aufgerichtete Körper wuchs in die Höhe. Die Ohren und die Schnauze verkleinerten sich und anstatt des Fells waren sie in eine Kutte gehüllt, die entsprechend ihrem Rang weiß oder schwarz war. Nach und nach verwandelte sich so jede Katze in einen Menschen.

Allmählich hallten Stimmen zwischen den Burgmauern wider und vertrieben die Ruhe und Stille der Nacht. Die Gewandelten in Menschengestalt erledigten die Morgentoilette, um danach ihren verschiedenen Tätigkeiten nachzugehen. Einige räumten in den Kammern auf, andere bereiteten in der Küche das Frühstück vor oder sie deckten die Tische im Speisesaal. Dort, in einem Nebenraum des Hauptgebäudes, versammelten sich alle zum Frühstück, das sie in entspannter Stille einnahmen.

Anschließend marschierten sie in einen großen Raum, der durch drei hohe Fenster an der Stirnseite und vielen Öllampen an den Wänden erhellt wurde. Vor den Fenstern gab es einen Altar mit einer Statue in der Form eines Wesens, das halb Mensch und halb Katze war.

Das menschenähnliche Gesicht mit großen eckigen Ohren und einer kleinen spitzen Nase sah freundlich auf die Leute hinunter, die sich jetzt vor ihr versammelten. Ihr Blick hatte jedoch etwas leicht Spöttisches, als wenn dieses Wesen die Verehrung der Gewandelten gönnerhaft entgegennahm. In den Händen hielt es ein mit bunten Steinen besetztes altes Buch, das die Grundlagen dieser Bruderschaft beschrieb.

Vor dem Altar standen Stühle in Reihen, auf denen die zu Menschen verwandelten Katzen saßen und sich leise unterhielten.

Als eine Gestalt in einem langen schwarzen Gewand mit weit ins Gesicht gezogener Kapuze vor den Altar trat, verstummte die Menge und sah ihn erwartungsvoll an. Dieser Mann, der sich selbst Ailuro nannte und der Oberste der Bruderschaft Orulia war, hob die linke Hand, spreizte die Finger und streckte den Arm nach vorne aus.

Diese Geste wurde von der Menge erwidert und aus ihren Mündern ertönte ein Fauchen. Einer von ihnen, ein kleiner drahtiger Mann mit beginnender Glatze, stand abrupt auf und drehte sich herum.

„Orulia, Orulia!“, rief er in den Raum und in seinen Augen spiegelten sich die Lichter der vielen Lampen an den Wänden.

Jetzt ließ der schwarz gekleidete Mann seinen Arm sinken.

„Heute ist ein Freudentag für uns“, hob er an. „Die Menschen haben unsere Botschaft vernommen und es sind nicht wenige, die anfangen sie zu begreifen. Deshalb werden wir demnächst auch Menschen in unseren Reihen begrüßen. Sie zeigen ein großes Interesse an unserer Bruderschaft und es wird an euch sein, sie zu wahren Gläubigen zu machen.“

Der in der Menge stehende Mann fing wieder an ununterbrochen ‚Orulia, Orulia‘ zu rufen. Dabei fielen die anderen mit ein und der Raum vibrierte vom Klang der vielen Stimmen.

Durch ein Nicken verständigte sich Ailuro mit einem gutaussehenden blonden Mann in einer ebenfalls schwarzen Kutte, der sich während seiner Ansprache neben ihn gestellt hatte. Dieser streckte die linke Hand mit gespreizten Fingern nach vorn und brachte die Menge damit zum Schweigen.

Mit einer ausholenden Geste sagte dann Ailuro: „Unser Bruder Nicolas hat mit seiner im Fernsehen übertragenen Rede die Bruderschaft würdig vertreten. Die vielen Briefe und Anfragen von Menschen, sind allein auf seine Worte zurückzuführen. Deshalb wird er jetzt offiziell als mein Stellvertreter unter den Menschen fungieren.“

Der Genannte senkte bescheiden seinen Kopf. Für einen Augenblick war ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen, dass jedoch sofort wieder verschwand. Nicolas hatte sich seinem Ziel einen Schritt weiter genähert. Es ärgerte ihn jedoch, dass es bis hierher so lange gedauert hatte. Er war der festen Überzeugung, dass unter seiner Führung die Bruderschaft Orulia jetzt schon mächtiger und einflussreicher gewesen wäre. Ihren jetzigen Anführer Ailuro fand er nicht konsequent und hart genug. Denn für Nicolas gab es nichts Wichtigeres als der Bruderschaft Macht zu verschaffen und dafür war ihm jedes Mittel recht.

Am Anfang der Bruderschaft war Ailuro durchdrungen gewesen vom Hass auf die Menschen und seine Wut auf das durch sie verursachte Leid. Diese Gefühle hatten in ihm den Wunsch geweckt, diesen mit unzureichenden Sinnen ausgestatteten dabei jedoch selbstherrlichen Geschöpfen die Macht über die Erde zu entreißen. Mit den Jahren jedoch war er immer nachdenklicher und milder geworden. Nicolas gewann den Eindruck, dass Ailuro langsam das Ziel aus den Augen zu verlieren schien. Der Anführer hatte sich auf der Insel der Orulia unter Gleichgesinnten eingerichtet, wo sein Hass und seine Wut keine Nahrung mehr finden konnten. Oder vielleicht machte ihn auch das Alter weicher und nachsichtiger.

Doch Nicolas konnte und wollte das Ziel der Bruderschaft mit allen seinen Kräften erreichen und dazu musste er mehr Einfluss gewinnen.

Die Menge verstummte jetzt, denn sie hatten die Köpfe geneigt und beendeten die Versammlung mit einem stillen Gebet.

Als sich danach alle aus dem Raum entfernten, blickte Nicolas den Anführer an und deutete mit dem Kopf auf eine Tür seitlich hinter dem Altar. Sie gingen gemeinsam hindurch und standen dann in einer spartanisch eingerichteten kleinen Kammer. Es gab nur einen Holztisch und zwei Stühle. Nachdem sie die Tür geschlossen hatten, setzten sie sich. Ailuro sprach als erster.

„Du wolltest mich sprechen.“

Nicolas beugte sich über den Tisch, dabei sah er sich verstohlen um.