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Horacio, der Papagei des Präsidenten, erzählt von den letzten Tagen der karibischen Isla Loro (dt. Insel der Papageien) im Jahr 1961. Alle warten auf das große Ereignis. Die Menschen ahnen, hoffen und wünschen – doch niemand weiß wirklich, was passieren wird. Der diktatorische Machthaber Infante muss sich gegen die Angriffe der Rebellen unter Jean le Blanc zur Wehr setzen, um das Land nicht in die vermeintliche Anarchie stürzen zu lassen, es stehen ihm und seinem General Gomez harte Zeiten bevor. Aber auch die Götter des Voodoo sind erzürnt, sie prophezeien großes Leid für das ohnehin schon arme, unterdrückte Volk. Werden weitere wahllose Verhaftungen folgen? Kann das Militär der Aufständischen habhaft werden? Niemand kann mit Gewissheit sagen, was in den nächsten Stunden passiert. Und, während der deutsche Reporter Georg Stein die Insel zusammen mit der Sängerin Esmé erkundet, überschlagen sich schließlich die Geschehnisse.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2020
Robert Eben wurde im März 1985 in Deggendorf geboren. Bereits in der Schulzeit begann er, Kurzgeschichten zu schreiben und sich für die Literatur zu begeistern. Er lebt und arbeitet in Niederbayern.
Bisher sind von ihm erschienen:
Gänzlich verloren... (Roman)
Nachtschwarz (Roman)
Fleur et Papillon (Roman)
Unerreichbar nah (Gedichtsammlung)
Die Vögel am Horizont (Roman)
Niemandsland (Roman)
Prolog,
Teil 1
Zwei Tage vor dem großen Ereignis,
Teil 2
Ein Tag vor dem großen Ereignis
Teil 3
Der letzte Tag
Epilog
Nachwort des Autors,
Für meinen Vater – danke, dass du immer für mich da warst. Ich vermisse dich sehr.
I see a bad moon a-rising I see trouble on the way I see earthquakes and lightnin' I see bad times today
Creedence Clearwater Revival „Bad moon rising“
(Horacio)
Über den üppigen Gewächsen des Waldes stiegen dampfende Schwaden auf. Ein kurzer, aber heftiger Regenschauer war gerade heruntergegangen, doch nun zeigte sich die Sonne zwischen den grauweißen Wolken und das Leben erwachte von Neuem. Wassertropfen hingen noch an den Blättern, an die nun kleine Baumechsen und Insekten kamen, um daran ihren Durst zu stillen.
Ich plusterte mich, um das Wasser abzuschütteln und begann, mein Gefieder zu richten. Eine Horde lebhafter Totenkopfäffchen hüpfte flink und unter lautem Gekreische durch die Äste, sie jagten einander und machten mehr Lärm als die zahlreichen buntgefiederten Vögel. Lautlos glitt eine riesige Schlange am dünnen Stamm eines Baumes neben mir hinab, den Blick auf einen nahen Gecko gerichtet.
Ich sah, dass der starke Wind allerlei Treibgut und Seetang an den nahen Strand gespült hatte, dazwischen lagen die Kadaver toter Fische. Krabben bewegten sich mühsam über den nassen Sand. Unweit des Waldrandes lag ein losgerissenes Ruderboot auf dem Kopf, dessen Rumpf aufgerissen war. Möwen kreisten über dem Strand und stießen ihre durchdringenden Schreie in die schwüle Luft.
Langsam verzogen sich die letzten Wolken und das Blau des weiten Himmels erhellte das glitzernde Wasser des Ozeans, das sich in sanften Wellen im Sand verlief. Weit draußen am Horizont konnte man die grauen Schemen eines großen Schiffes erkennen, das an der kleinen Insel vorbeiglitt.
Die bewaldeten Gipfel der Berge im Inneren des Landes lagen verhüllt in Nebel, was ihnen ein düsteres, geheimnisvolles Aussehen verlieh. Dort, war ich noch nie gewesen, aber einer meiner Brüder hatte von den steinigen Berghängen erzählt, ein Ort, der oft von Dunst umgeben war, nicht sehr einladend.
Viel lieber war ich hier im lebhaften Regenwald bei meiner Familie und den anderen Papageien. Ich liebte die süßen Früchte der Mango- und Papayabäume, von denen ich so gerne naschte und die es in Hülle und Fülle gab. Keiner der Dschungelbewohner musste Hunger leiden.
Und, ich war niemals alleine. Der ständige Trubel kam nie zur Ruhe. Seien es jetzt meine Verwandten, die listigen kleinen Affen oder all die anderen Tiere, immer war ich von Leben umringt. Aber dies sollte schon bald ein Ende haben.
Ich war gerade dabei, die letzten Federn an meinem linken Flügel zu richten, als ich menschliche Stimmen im Unterholz vernahm. Neugierig blickte ich vom Ast herab.
Eine Gruppe von drei Männern machte sich vom Strand aus in das Innere des dichten Waldes auf. Mit einer Machete schlug der erste von ihnen kleinere Äste und Blätter von den Bäumen, sodass sie ungehindert hindurch treten konnten. Die beiden anderen trugen einen hölzernen Käfig, der auf zwei langen Stangen befestigt war. Betäubungsgewehre hingen an ihren Schultern.
Normalerweise verirrte sich in diesen Teil der Insel nur selten ein Mensch. Der Regenwald war nahezu undurchdringlich und brachte den Menschen auch keinen großen Nutzen. Daher beobachtete ich umso verwunderter das Treiben der drei Männer. Was wollten sie hier, fragte ich mich. Die Gewehre und der grob zusammen gezimmerte Käfig ließen mich stutzen. Ihre Anwesenheit konnte nichts Gutes bedeuten.
Als die drei ein ganzes Stück in den Wald gegangen waren, steckte der erste seine Machete in den Schaft an seinem Gürtel und sah zu den Baumwipfeln empor. In einem feingliedrigen Spinnennetz glitzerten die Wassertropfen. Seine Hand schirmte die Augen ab, als er konzentriert die Baumkronen fokussierte.
Dann begegneten sich unsere Blicke. Ein Schauer ging durch meinen Körper, als ich seine harten, kalten Augen sah. Mit einem Mal hatte ich begriffen, dass ich in Gefahr war, und befand mich in einem Zustand äußerster Alarmbereitschaft.
Die beiden anderen Männer hatten inzwischen den Käfig abgestellt und zu ihren Gewehren gegriffen. Vorsichtig legten sie an und richteten den Lauf auf mich, doch ich war starr vor Schreck und verharrte nur wie eine Statue auf meinem Ast. Kurz hintereinander krachten zwei Schüsse durch die Luft, krächzend und mit schweren Flügelschlägen flogen um mich herum die anderen Papageien auf. Einer der Betäubungspfeile steckte nur wenige Zentimeter entfernt im Stamm des Baums.
In dem Moment brach ich in schiere Panik aus. Zuerst wusste ich nicht, in welche Richtung ich fliegen sollte, schlug sofort eine andere Richtung ein und landete schließlich außer Atem und mit klopfendem Herz weiter oben in einem Wipfel.
„Mist, beide daneben“, hörte ich den Ersten sagen. Er zog an seiner Zigarette, sah zu den Baumkrone auf und spuckte aus. Er nahm seine Machete wieder zur Hand und bahnte sich weiter seinen Weg in die Richtung, in die ich geflüchtet war. Die beiden anderen hatten ihre Gewehre wieder geschultert und folgten mit dem Käfig.
Obwohl ich Angst hatte, dass meine Bewegungen die Männer erneut auf mich aufmerksam machen würden, wagte ich zwei Schritte seitwärts, um sie besser beobachten zu können. Ich spähte zwischen den Blättern hindurch auf den Boden, wo die Gruppe sich wieder näherte. Vor Aufregung waren meine Füße heiß, ich versuchte zu schlucken, aber meine Kehle war trocken.
Nach wenigen Schritten blieb der erste Mann erneut stehen, erhob die linke Hand und bedeutete seinen Gefährten somit, dass er mich wieder gesichtet hatte. Schnell versuchte ich auf die anderer Seite des Astes zu entkommen, aber noch bevor ich erneut auffliegen konnte, war es zu spät. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass die Männer den Käfig wieder abgestellt und zu ihren Gewehren gegriffen hatten. Im selben Augenblick, als der Schuss krachte, spürte ich auch schon den Schmerz.
Diesmal hatten sie mich getroffen. Der schmale Betäubungspfeil war in meinem Flügel steckengeblieben und ich spürte, wie mir schlagartig schwindlig wurde. Meine Krallen verloren den Halt, benommen stürzte ich durch das raschelnde Blattwerk des Unterholzes und schlug mit einem dumpfen Laut am Boden auf. Glücklicherweise ist der Boden des Regenwaldes mit trockenem Laub, Moos und kleineren Pflanzen übersät, sonst hätte ich den Sturz aus mehreren Metern Höhe wohl nicht überlebt. Schmerzhaft war es dennoch, was ich durch die Betäubung allerdings nur erahnte.
„Ha“, hörte ich eine Stimme in der Nähe gehässig rufen und schwere Schritte näherten sich.
Während die anderen beiden mich in den Käfig legten, lehnte er sich an den Stamm eines Baumes und zündete sich eine neue Zigarette an, atmete genüsslich den Rauch aus. Eine zierliche Spinne hatte sich indessen auf seine Schulter abgeseilt und krabbelte nun auf dem nackten Unterarm. Ohne sonderlichem Interesses betrachtete er sie und schnippte sie schließlich mit dem Finger von sich. Aus der Ferne war wieder das Gekreische der kleinen Affen zu vernehmen.
Ich wollte fliehen, wollte mit den Flügeln schlagen oder notfalls zu Fuß entkommen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Panisch spürte ich meinen rasenden Herzschlag und beobachtete die Männer, nichts ahnend, was weiter geschehen sollte.
„Ein richtiges Prachtexemplar“, meinte der erste Mann. „Ist er in Ordnung?“
Er untersuchte mich, hob behutsam den Flügel, drehte mich auf die andere Seite und besah den zweiten. Mit einem Ruck zog er den Betäubungspfeil heraus. Er spuckte zufrieden aus und ging den zuvor geschlagenen Pfad zurück in Richtung des Strandes, an dem sie ihr Motorboot vertäut hatten. Die beiden anderen Männer folgten mit dem Käfig. Ich lag reglos auf einer stinkenden Bastmatte, mein Atem ging stoßweise und mit verschleiertem Blick sah ich meine Heimat entgleiten. Ich sollte nie wieder zurückkehren.
Heute
(Horacio)
Gestatten, dass ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Horacio und ich war sozusagen der ständige Zuhörer bei den zahlreichen Gesprächen und Monologen im Arbeitszimmer des regierenden Staatspräsidenten der Isla Loro. Ich war sehr geduldig, was die Themen anbelangt, die mir vorgehalten wurden, ich konnte die dargebotenen Unterhaltungen aufnehmen, ohne eine eigene Meinung zu äußern. Was nicht heißt, dass ich keine solche hatte. Aber, meistens war es besser, den Chef reden zu lassen, ohne ihm zu widersprechen.
Da der Präsident, der wegen seiner geringen Körpergröße von allen nur der Kleine genannt wurde, schon seit vielen Jahren im Amt war, hatte auch ich schon sehr vieles zu hören bekommen und so mitgekriegt, was maßgeblich war für unser kleines Land. Befehle von tragender Reichweite, revolutionäre Veränderungen aber auch schleimige Schmeicheleien und flehentliche Fürbitten ergingen in diesem prätentiös eingerichteten Zimmer. So manches ließ mich schmunzeln, anderes hätte mir beinahe das Herz stillstehen lassen, so schrecklich und schmerzhaft war allein der Gedanke daran.
Vom Fenster des Arbeitszimmers im Regierungspalast, der auf einer leichten Anhöhe gelegen war, hatte ich einen guten Überblick auf die unter mir liegende Stadt. Vor den Toren des mit farbenprächtigen Blumen geschmückten Anwesens erstreckte sich eine breite Ringstraße. In deren Mitte lag ein gut gepflegter Park, der mit alten Bäumen bepflanzt war. An beiden Seiten befanden sich die prachtvollen Villen der Reichen. Dahinter schlängelte sich die Straße einen steilen Berg hinunter zum Herz von La Capital, in dem sich der Hafen, die Marktplätze und Kirchen der Stadt ausbreiteten. Doch muss ich erzählen, dass dies nur die eine Seite der Stadt war., denn an den sanft ansteigenden Hügeln dahinter sah ich bis zu den Siedlungen der mehrheitlich armen Bevölkerung, auf deren Plätzen nachts oft große Lagerfeuer die Umgebung erhellten.
Am prachtvollsten waren die violetten Sonnenaufgänge über dem Meer und die orangeroten Untergänge über den Bergen anzusehen. In diesen wenigen Augenblicken des Tages, während ich das stille Wasser in der Ferne betrachte und meine morgendlichen Gedanken schweifen ließ, war ich am glücklichsten.
Aber, auch sonst konnte ich mich mit meinem Dasein nicht beklagen, abgesehen davon, dass ich natürlich viel lieber frei gewesen wäre. Nichts desto trotz hatte ich es gut getroffen, litt niemals Hunger und hatte eine verantwortungsvolle Aufgabe als stiller Zuhörer, wenn Sie mir diese kleine, schelmische Bemerkung gestatten. Kommentare gab ich nur sehr selten ab, denn das war nicht meine Angelegenheit, dafür gab es andere Personen im Kabinett – und, mit Verlaub, deren kurzweilige Arbeitsplätze hätte ich nicht einzunehmen vermocht. Durch diese überlegene Taktik war ich mehrere Jahren an meiner Stelle. Hätte ich zu allem meine ehrliche Meinung abgegeben, dann hätte mir der Kleine mit Sicherheit damals längst den Hals umgedreht und vorher alle Federn einzeln ausgerissen.
An dem Tag des schweren Frühjahressturms im Jahr 1946 sah ich zum ersten Mal das pompöse Arbeitszimmer, das von da an mein Zuhause sein sollte. Die Sonne war bereits untergegangen, aber der Raum wurde bis in die kleinste Ecke von üppigen Leuchtern erhellt. Ich sah mich neugierig um und war derart beeindruckt, dass ich nicht einmal mehr ein leises Krächzen von mir geben konnte. Der pure Luxus umgab mich. Etwas, das ich im Wald zuvor nicht gekannt hatte. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt und mit riesigen Ölgemälden gespickt. Dazwischen hingen Kerzenleuchter, die ebenso vergoldet waren, wie der Käfig, in dem ich saß. Auf der anderen Seite des Panoramafensters stand eine große Zimmerpalme, daneben ein Regal mit unzähligen Büchern und davor zwei Ledersessel zu beiden Seiten eines niedrigen Tisches. All diese Üppigkeit machte mir zunächst Angst, das Neue und vollkommen Ungewohnte ließ mich vorsichtig agieren. Bis mir nach einigen Tagen klar wurde, dass ich nie wieder in den Urwald zurückkehren würde und mich langsam mit der neuen Situation anzufreunden begann.
An jenem Tag, als ich noch unsicher im Käfig saß, standen am Schreibtisch zwei Männer und unterhielten sich. Den einen kannte ich bereits, es war der grobschlächtige Anführer der drei, die mich ein paar Stunden zuvor gefangen hatten. Daneben ein kleiner Herr in beiger Anzughose, hellblauem Hemd, roter Krawatte und ebenfalls beiger Weste, der mich grinsend betrachtete, während er dem anderen einen Stapel Geld in die Hand drückte. Zu dieser Zeit waren die Haare des Präsidenten noch pechschwarz, aber ebenso mit schillernder Pomade nach hinten gekämmt, wie er es auch heute noch zu tun pflegt.
Da ich gerade aus meiner Betäubung aufgewacht war, können Sie sich sicherlich vorstellen, wie verwirrt ich war, nicht mehr im Urwald bei meinen Artgenossen zu sein. Die Luft hier im Raum war vergleichsweise stickig und ungewohnt, mir fehlte sofort das vertraute, üppige Grün. Daran konnte auch die Palme neben dem Fenster nichts ändern. Auch war ich den Umgang mit Menschen bisher keinesfalls gewohnt und so fragte ich mich, was ich hier eigentlich sollte.
„Ein prachtvoller Ara“, hörte ich den Präsidenten sprechen. „Genau, wie vereinbart. Feine Arbeit.“
„Ich bringe stets das, was ich versprochen habe“, antwortete der Grobschlächtige monoton. „Sollten Sie nochmals etwas brauchen, sie wissen, wo Sie mich finden.“
Er tippte sich mit dem Finger an seinen fleckigen Hut, schob die Geldscheine ein und verließ das Zimmer. Der Kleine trat an meinen Käfig und er musterte mich zum ersten Mal neugierig.
Der kleine Mann vor mir kam mir in diesem Moment riesig vor und ich wich ängstlich an die andere Seite des Käfigs. Ich fragte mich, was er von mir wollte und verstand nicht, warum er Geld dafür gezahlt hatte, damit ich in Gefangenschaft war. Daher entstand Groll auf alles, was mir geschehen war.
Damals war ich noch jung und ungestüm, was mich nach einer Weile dazu veranlasste, den seltsamen Fremden vor mir mit lautem Krächzen zu verteufeln. Was erlaubte er sich, dass er mich hierher gebracht und in einen Käfig gesteckt hatte? Ich wollte nicht zwischen Mauern leben, ich wollte frei sein und fliegen können, wohin ich wollte. Das versuchte ich ihm zu erklären, aber er schien mich nicht zu verstehen.
„Du bist ein aufgeweckter Bursche“, meinte er. „Ich werde dich Horacio nennen. So hat auch mein Großvater geheißen, es ist also eine Ehre für dich, diesen stolzen Namen zu tragen.“
Horacio. Der Name gefiel mir. Das erste Positive an diesem Tag. Er hatte einen vornehmen Klang und hörte sich gewichtig an.
In der ersten Nacht, die ich in diesem Käfig verbringen musste, schlief ich schlecht. Ich war es gewohnt, andere Geräusche vor dem Einschlafen um mich zu hören, denn auch, wenn man meint, der Urwald wäre nachts ruhig, irgendetwas regt sich immer. Im Arbeitszimmer des Präsidenten war es so still, dass eine fallende Stecknadel ein klangliches Erdbeben ausgelöst hätte. Dass mir meine Freunde und die Familie fehlten, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.
*
Gegen Ende des Tages ist jeder Mensch klüger. Vielleicht wissen es einige von ihnen nicht, aber wir machen Erfahrungen und erleben Dinge, die unseren Horizont erweitern, ob wir es wollen, oder nicht. Es ist der natürliche Lauf der Dinge, das alltägliche Leben wie es uns passiert. Niemand entkommt seinem Schicksal, egal, ob er arm oder reich, einflussreich oder ein kleiner Landarbeiter ist, auch die Herkunft oder seine Hautfarbe hat auf zufällige Ereignisse keinen Einfluss. Wir müssen manche Dinge so nehmen, wie sie uns über den Weg laufen, können nur versuchen, bestmöglich mit ihnen umzugehen und immer ein Resümee daraus zu ziehen.
In seltenen Fällen führt ein Ereignis aber auch dazu, dass wir keine Möglichkeit mehr haben, uns im Nachhinein Gedanken darüber zu machen.
Manchmal überschlagen sich die Ereignisse auch, sie schreiten fort durch Raum und Zeit, haben aber auf das schlussendlich folgende Ergebnis keinen Einfluss. Sie glauben mir nicht? Sollten Sie aber. Denn genau dies geschah auf der kleinen Isla Loro, der Insel der Papageien inmitten der Karibik.
Ihnen ist diese Insel unbekannt? Möglich, dass Sie noch nie von ihr gehört haben. Die Isla Loro lag am westlichen Rand der kleinen Antillen, sie war weder den Inseln über, noch denen unter dem Winde zuzuordnen, was heißt, ihr Klima war weder so feucht wie in den nördlich gelegenen Inseln, noch so trocken, wie bei jenen weiter südlich.
Regelmäßige Niederschläge bereiteten den Weg für üppige Vegetation und fruchtbare Böden, allerdings nie in dem Maß, dass das Land regelrecht von Regenmaßen überflutet wurde. Dies geschah nur selten. Auch lag die Insel am Rande des Hurrikangürtels, weshalb sie nur sehr selten von heftigen Stürmen heimgesucht wurde.
Über dreihundert Jahre hinweg war die Insel Teil des spanischen Kolonialgebiets. Die Spanier siedelten sich zuerst in der Sonnenbucht Bahia del Sol an, gründeten die Stadt Santa Maria, die später der Einfachheit halber in La Capital umbenannt wurde. Durch die Hänge der Küstenberge war die Bucht größtenteils vor starken Winden geschützt, ein Fluss, der im Massiv des Landesinneren entsprang, versorgt die Stadt mit Trinkwasser. Es war der perfekte Ort, um sich anzusiedeln und eine Stadt zu gründen.
Sicherlich werden Sie sich denken können, dass die spanische Krone als erstes ein Fort errichten ließ, um ihren Besitz gegenüber anderen Streitmächten und dem aufkommenden Freibeutertum schützen zu können. Auf prunkvollen Segelschiffen durchkreuzten zu dieser Zeit Piraten die Gewässer der Karibik und machten die christliche Seefahrt unsicher, überfielen Handelsschiffe, die mit Waren und Schätzen auf dem Weg zurück in die alte Welt waren. Größtenteils kamen sie aus England und Frankreich, oftmals mit einem Freifahrtschein der dortigen Könige ausgestattet, der ihr Tun legalisierte. Neben dem Handel mit Sklaven und Schmuggel war dieses Gewerbe das Einträglichste.
Auf der Isla Loro wurden die Freibeuter aber mit allen Mitteln bekämpft, der amtierende Gouverneur wollte den Hafen von Santa Maria frei von Verbrechen halten, was ihm auch größtenteils gelang. Zu Anfang war die Insel ein kleiner Handelsstützpunkt, deren umliegende Gewässer von der Marine geschützt wurden. Das bestens bewaffnete Fort wurde nur selten vom Wasser aus angegriffen, da die Schiffe zuvor schon in die Flucht geschlagen werden konnten.
Diese relative Sicherheit trug weitgehend dazu bei, die Isla Loro fortwährend zu besiedeln. Schon bald entwickelte sich Santa Maria zu einer blühenden Stadt voller Leben und Handel, die Kirche begann mit dem Bau der Kathedrale im Jahr 1689, im selben Jahr, als der erste Hafen fertig wurde.
Auf den fruchtbaren Böden des südlichen Tieflandes entwickelte sich die heute noch bestehende Landwirtschaft, die Siedler legten riesige Plantagen mit Tabak und Zuckerrohrfelder an, die von schwarzafrikanischen Sklaven bestellt wurden. Kaffee wuchs in den Höhen der Berge. Die Spanier kümmerten sich lediglich um die Vermarktung, gaben ausschweifende Feste in ihren feudalen Herrenhäusern und überließen den Sklaven die schweißtreibende Arbeit.
Es dauerte nicht lange, bis die Isla Loro Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zu einer florierenden Handelsmetropole aufgestiegen war und trotz ihrer geringen Ausmaße zu einer der reichsten spanischen Kolonien wurde. Die anfänglichen Holzhäuser wurden abgerissen und reich verzierte Steinbauten errichtet, der Marktplatz der heutigen Altstadt wurde mit Kopfstein gepflastert und der Gouverneur gab den Auftrag zu einem opulenten Palast, der die Regierung repräsentieren sollte und gleichzeitig das Gericht der Insel beinhaltete.
Der minderheitlichen weißen Bevölkerung ging es demnach prächtig auf der Insel und auch einige der gemischtrassigen Farbingen hatten sich gutes Geld durch kleinere Geschäfte verdient, oder wurden als Plantagenaufseher gut bezahlt. Die Schwarzen aber, die eindeutig die Mehrheit der Einwohner bildeten – was noch bis zum Jahr 1961 so war, dem Zeitpunkt, an dem die Ereignisse meines Berichts handelten, von dem ich Ihnen später erzählen werde – lebten als Sklaven in tiefster Armut, wurden von ihren Herren ausgebeutet und gezüchtigt. Im neunzehnten Jahrhundert kam es immer wieder zu Aufständen, als die Schwarzen versuchten, gegen die herrschende Gesellschaft aufzubegehren, doch wurden diese immer wieder niedergeschlagen, oftmals mit mehreren hundert Toten als Folge.
Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wendete sich das Blatt allmählich, die Sklaven gingen aus mehreren Gefechten siegreich hervor, sodass die Spanier sich zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fast gänzlich von der Isla Loro zurückzogen.
Ja, ich kann Ihnen versichern, dass es danach über Jahrzehnte hinweg weitgehend ruhig auf der Isla Loro blieb, wenn es auch nicht gerecht zuging. Von kleineren Aufständen der Schwarzen gegen ihre hellhäutigeren Arbeitgeber abgesehen – die Farbigen hatten die Geschäfte der Weißen größtenteils übernommen -, war es friedlich auf der Insel und sie blieb auch von anderen Ländern unbehelligt.
Dieser Umstand änderte sich erst, als die Wahlen im Jahr 1928 anstanden und das Volk mit dem neuen kommunistischen Gedanken sympathisierte. Über Jahre hinweg hatte sich politisch nicht viel geändert, alles ging seinen gewohnten Gang, die Reichtümer verblieben in den Händen weniger und die mehrheitlich arme Bevölkerung wurde zunehmend unzufriedener. Die Aussicht auf Gleichstellung aller Bürger war verlockend, das Recht auf Arbeit und gutes Auskommen, die Grundbesitzer würden ihr Land abgeben müssen, zum Wohle der Arbeiter und Bauern.
Es bildeten sich mehrere Gruppen, die den Idealen von Marx und der gerade gegründeten sowjetischen Regierung nacheifern wollten, sie schlossen sich zusammen und wurden politisch immer stärker. Das Wahlrecht sollte auf die Schwarzen ausgeweitet werden, mit dem Hintergedanken, dass auch sie sich den Vorstellungen von einer gerechteren Zukunft anschließen würden. So kam es zu mehreren Demonstrationen gegen die alte Regierung. Auf den Plätzen vor dem Parlament versammelten sich die Bürger und begehrten gegen den bisherigen Präsidenten auf, was argwöhnisch von außenstehenden Ländern beobachtet wurde. Einerseits verurteilte man die Gewalt des Militärs, das gegen die Demonstranten einzuschreiten begann, andererseits wollte man keinen kommunistischen Staat in der Karibik wissen, da vor allem die USA den Bolschewiken nicht trauten und sie keinesfalls in ihrer Nähe haben wollten, sie drohten damit, die Isla Loro zu intervenieren, sollte die kommunistische Partei an die Macht kommen.
Aber, es blieb bei den Drohungen, als mit Mario Sanchez, dem Kandidaten der kommunistischen Partei, der erste Präsident gestellt wurde, der seit Jahren einen Wechsel an der Spitze des Landes bedeutete. Nach langen Protesten und Intrigen innerhalb der alten Parteien, wurde das Wahlrecht für die Schwarzen eingeführt, die sich auch durch Drohungen ihrer Arbeitgeber und unhaltbare Versprechungen der amtierenden Regierung nicht davon abhalten ließen, Sanchez zu wählen.
La Capital feierte ausgelassen die neugeborene politische Anschauung, überall waren aufgebrachte Anhänger Sanchez´ auf den Straßen und jubelten ihrem neuen Präsidenten mit bunten Fahnen und Freudentränen in den Augen zu. Doch die versprochenen Änderungen gingen nur sehr zögerlich von statten, heftige Querelen bei der Regierungsbildung und innerparteiliche Uneinigkeit machten es Sanchez lange Zeit fast unmöglich zu regieren, was wahrscheinlich auch ein ausschlaggebender Punkt war, warum die USA das kleine Land nicht besetzte.
Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges geriet die Isla Loro vollkommen in die Vergessenheit anderer Länder. Die Regierung verhielt sich neutral, obwohl mehrere Minister sich hinter die Sowjetunion und Stalin stellten und die Opposition sich für einen Anschluss an Hitlerdeutschland stark machte, wodurch sie sich Hilfe für einen Regierungswechsel erhoffte. Doch nichts von beidem geschah, Sanchez bleib weiterhin Präsident und hielt sich von allen außenpolitischen Disputen fern.
Mario Sanchez starb Ende 1944 im Alter von siebenundsiebzig Jahren an einem Herzinfarkt und Héctor Garcia, der bisherige Außenminister, wurde zu seinem Nachfolger. Garcia war einer derjenigen, die sich für einen Eintritt in den Krieg an der Seite der Russen stark gemacht hatten, doch dieser wurde 1945 beendet, ohne dass das Land daran beteiligt war.
Die aufkeimende Feindschaft zwischen der Sowjetunion und den Amerikanern rückte die Isla Loro allerdings wieder ins Rampenlicht, da die USA befürchtete, ein neuerlicher Krieg könnte die Russen durch seine karibischen Verbündeten stark machen, die Insel könnte als strategisch wichtiger Stützpunkt eine verheerende Rolle spielen. Der Kreis schloss sich und erneut drohte Amerika mit dem Einmarsch seiner Truppen, sollten die Kommunisten die anstehende Wahl im Jahr 1946 wieder für sich entscheiden.
Diesmal blieb es nicht bei einer Drohung und schon kurz nach der Wiederwahl Garcias landeten amerikanische Schiffe in der Bahia del sol vor den Toren der Hauptstadt und im Hafen der bedeutendsten Handels- und Industriestadt Puerto del Rey im Westen der Isla Loro. Die Armee des Landes mit ihren wenigen Soldaten war schlecht geführt und ihre Waffen und Fahrzeuge sowie Schiffe veraltet, sodass sie kaum eine Chance hatten, als der Feind aus dem Norden einmarschierte. Nach nur wenigen Gefechten stürmten die gegnerischen Soldaten den Regierungspalast, wo sie Héctor Garcia erschossen an seinem Schreibtisch vorfanden und fast alle kommunistischen Minister festnahmen.
Als Repräsentant der Vereinigten Staaten wurde nun Miguel Fernandez Infante an die Spitze der Isla Loro katapultiert, der von nun an die Interessen des nördlichen Landes vertreten sollte. Die Sowjetunion hatte nicht einmal mit einem Schreiben auf die Ereignisse reagiert.
*
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was einen Menschen zu dem werden lässt, was er ist? Was geschehen muss, damit jemand entweder zu einer kultivierten Person heranreift, oder ihn verrohen lässt? Wie stark muss er innerlich gezeichnet werden, um aggressiv zu werden, wie sehr muss sein Herz berührt werden, damit er human wird? Welche sozialen Aspekte geben den Ausschlag, jemanden zu formen? Welche äußeren Einflüsse lassen ihn reifen? Welche Erlebnisse machen aus einem Menschen eine Bestie?
Sie alle, werte Leser, werden wohl ein Schlüsselerlebnis gehabt haben, das tiefen Einfluss auf Ihre Gefühle, auf Ihr Denken und Ihr Handel hatte. Es liegt in der Natur des Menschen, gewisse Erfahrungen zu verarbeiten, in welche Richtung das auch immer sein mag, ob sie nun ausschlaggebend für glühende Verehrung oder tiefste Verachtung sind.
Miguel Fernandez Infante war drei Jahre Präsident der Isla Loro, als ihn ein solcher Schicksalsschlag ereilte. Bisher war er nicht sonderlich auffällig in seinem Amt hervorgetreten, er erledigte die Regierungsgeschäfte, wie es die Vereinigten Staaten von ihm wünschten. Das Volk erholte sich langsam von den Einflüssen des Kommunismus, fast alle Ländereien waren ihren Besitzern oder deren Erben zurückgegeben und verstaatlichte Firmen waren in die freie Marktwirtschaft überführt worden. Die Politik war darauf ausgerichtet, sich dem Kapitalismus der westlichen Welt anzupassen. Infantes Pläne waren zukunftsorientiert, er wollte sein Land zu Wohlstand bringen, wusste aber, dass dies ein schwerer Weg werden würde, denn die Auswirkungen des Kommunismus waren noch an allen Ecken und Ende zu spüren, sie lähmten das Land.
Als die Amerikaner ihn zu ihrem Kandidaten auserkoren hatten, hatten sie ebenfalls an die Zukunft der Insel gedacht, sie waren umsichtig in ihrer Wahl und wollten einen Präsidenten, der klug und vorausblickend sein würde. Infante schien dafür prädestiniert zu sein. Geboren im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts, war Infante in Santa Maria aufgewachsen – die Stadt war inzwischen offiziell in La Capital umgetauft worden - und hatte das dortige Gymnasium der Mittelschicht besucht. Es folgte ein Studium der Rechtswissenschaften.
Für einen Hellhäutigen stand die Welt in der Karibik jener Jahre für alles offen und so engagierte sich Infante nicht nur als junger Rechtsanwalt in der Kanzlei eines alten Freundes seines Vaters, sondern wurde schon früh politisch aktiv, um sich gegen den aufkeimenden Kommunismus stark zu machen.
Während eines Aufenthalts auf Kuba lernte er Greta kennen, eine dunkle Schönheit mit verruchtem Blick. Mehrere Männer fühlten sich von ihr angezogen, doch sie erweckte immer den Eindruck von Unnahbarkeit. Der Glanz ihrer Augen ließ sie eitel und überlegen wirken, was die meisten ihrer heimlichen Verehrer abschreckte. Doch Infante ließ sich in seiner Verliebtheit nicht beirren und erkannte schon bald, dass Gretas äußerliche Stärke nur ein Ausdruck von tiefer Unsicherheit war. Greta war oft befangen von Ereignissen, sie hatte Bedenken, den Ansprüchen der Männer nicht zu genügen und fühlte sich daher in der Welt der jungen Leute nicht wohl. Als Infante sie kennenlernte, war es öfter vorgekommen, dass sie einen ganzen Abend lang nicht zum Tanz aufgefordert worden war. Doch der junge Mann ließ sich von ihren Augen nicht beirren und sprach die Schönheit an, tanzte schon bald mit ihr und lernte die wahre Greta kennen.
Er kehrte auf die Isla Loro zurück und die beiden begannen einen ausgiebigen und leidenschaftlichen Schriftverkehr, sie schrieben sich ihre innigen Gefühle füreinander und die Sehnsucht, die sie nach dem jeweils anderen verzehrte. Infante kehrte schließlich einige Monate später nach Kuba zurück, hielt um ihre Hand an und nahm seine Verlobte mit auf seine Heimatinsel, wo sie kurze Zeit später eine ausschweifende Hochzeit gaben, die das große Herbstereignis in der Gesellschaft war.
Das frisch vermählte Paar zog in eine große Wohnung in La Capital, stellte ein Dienstmädchen und eine Köchin an und ging seinen Pflichten bei gesellschaftlichen Anlässen nach. Im Jahr 1931 übernahm Infante die Kanzlei, während sich Greta bei wohltätigen Organisationen für benachteiligte Kinder stark machte, die ihr ganzes Herzblut einnahmen, da sie selbst keinen Nachwuchs bekommen konnten. Alles verlief in geordneten Bahnen, bis zu jenem schicksalhaften Jahr 1949.
Die Vorbereitungen für die nächste Wahl im kommenden Frühjahr liefen gerade auf Hochtouren und Infante ging davon aus, als Präsident im Amt bestätigt zu werden, seine Chancen dafür standen überaus gut, was ihn aber nicht davon abhielt, rege am Wahlkampf teilzunehmen und bei zahlreichen Veranstaltungen seine geplanten Ambitionen zum Besten zu geben. Bei einer dieser Reden vor dem Volk krachte plötzliche ein Schuss. Sekundenlang war alles ruhig, Infante verstummte, die erschrockene Menge rührte sich nicht, bis Greta, die ihn als Präsidentengattin zu diesem Auftritt begleitet hatte, neben ihm zusammenbrach.
Miguel Fernandez Infante war sich sicher, dass die Kugel ihm gegolten hatte und Greta nur ein zufälliges Opfer eines schlecht ausgeführten Attentats geworden war. Von diesem Augenblick an war der Präsident nicht mehr der Gleiche, er war in sich gekehrt, ängstlich und oft mit seinen Gedanken weit weg. Er entwickelte einen unberechenbaren Jähzorn, der jederzeit zum Ausbruch kommen konnte, paranoide Handlungen folgten schon kurz nachdem er in seinem Amt bestätigt worden war, was zahlreichen Ministern den Posten kostete und Mitglieder der Opposition ins Gefängnis brachte.
Die Zeit des Schreckens begann, als er Alfredo Gomez, einen führenden Marinegeneral, mit dem Infante seit seinen Tagen des Militärdienstes befreundet war, als Innenminister einstellte und ihm alle Vollmachten mitgab, die den General dazu befugten, gegen jegliche Gegner der Regierung vorzugehen. Zahlreiche Männer und Frauen des Volkes verschwanden in jenen Tagen spurlos. Die Gefängnisinsel in der Bahia de Sol war schon bald dafür berüchtigt, ein Ort für grausame Folter zu sein, von der es kein Entkommen gab.
Infante rief den Notstand aus, als einige Bürger vor dem Palast der Republik zu demonstrieren begannen und von den Soldaten Gomez´ in einer blutigen Schlacht niedergerungen wurden, und nutzte die Chance, sich als unantastbarer Befehlshaber dieses Ausnahmezustandes auszurufen. Der Notstand wurde nie wieder aufgehoben, die Diktatur auf der Isla Loro war geboren.
Nun sind Sie in groben Zügen mit der Geschichte meines Heimatlandes vertraut. Was ich Ihnen von jetzt ab erzählen werde, geschah in den letzten Tagen der Isla Loro.
Im Jahr 1961
An diesem Tag, saß der Kleine, den Kopf mit den dichten, graumelierten Haaren in beide Hände gelegt, an seinem riesigen Schreibtisch aus dunklem Mahagoniholz und besah sich konzentriert den Ablaufplan des vor ihm liegenden Tages. Doch mit einem Mal ließ er die Formulare liegen und stand auf. Er stellte sich neben den vergoldeten Käfig und streckte seine Hand hindurch. Ich tippelte auf meiner Stange in seine Richtung und ließ mir das Halsgefieder kraulen.
„Horacio, vor uns liegt ein guter Tag“, meinte der Kleine und blickte auf die unendliche Weite des hinter der Stadt liegenden Ozeans. Geisterhafte Dunstschwaden zogen vom Landesinneren in die erwachende Hauptstadt, Nässe legte sich über die Häuser und Straßen, noch regte sich kein Wind. An manche Tagen konnte man meinen, man befände sich in London und nicht in der Karibik. Der Blick des Präsidenten schweifte über den Platz vor dem Regierungspalast, in den Villen rundherum begann gerade das Leben neu zu erwachen, Lichter schimmerten hinter den ausladenden Fenstern, einige der Fensterläden waren noch geschlossen. Ein Hausmädchen brachte den Müll heraus, ansonsten lag Stille über dem Platz, niemand zeigte sich entlang der Palmenallee zu dieser morgendlichen Stunde.
Die Tür des Arbeitszimmers öffnete sich und Lamar, der tiefschwarze Diener des Präsidenten betrat den Raum. Ohne ein Wort zu verlieren stellte er das Tablett mit dem Frühstück für seinen Herrn auf den Tisch, wie er es seit Jahren jeden Morgen zu tun pflegte. Der Präsident drehte sich um, nickte ihm kurz zu.
„Danke Lamar“, entgegnete er knapp, woraufhin der Diener den Raum wieder verließ. Lamar war seit den Anfangstagen seiner Präsidentschaft im Dienst. Wenn er nicht gefragt wurde, sprach Lamar nicht, was Infante nur recht war, da er den Tag möglichst in Ruhe beginnen wollte. Über die Jahre hinweg hatte sich so eine einvernehmliche Beziehung zwischen den beiden Männern entwickelt, der Kleine fasste mehr und mehr Vertrauen zu seinem Untergebenen. Dieses brach er selbst da nicht, als Greta erschossen worden war und Infante begann, die Menschen um sich herum genauer ins Visier zu nehmen, Verschwörungen zu sehen, wo keine waren und immer misstrauischer wurde - er konnte selbst nicht sagen, warum er seinem Diener so viel Vertrauen entgegen brachte, möglicherweise ging er davon aus, dass der stille Mann jedem gegenüber so schweigsam war oder, dass er kein Interesse an dem zeigte, was in den Räumen seiner Macht vor sich ging.
Miguel Fernandez Infante hatte sich gerade Kaffee eingeschenkt, als die Tür erneut geöffnet wurde und sein Sekretär Gabriel Mora das Arbeitszimmer betrat. Missmutig sah der Präsident von seinem Frühstück auf und musterte den Eindringling eingehend. Er nahm einen Schluck stark gezuckerten Kaffees, bevor er ihn bat, vor seinem antiken Schreibtisch Platz zu nehmen.
„Was steht heute im Dienstplan?“ fragte der Kleine.
„Vormittags ist der Empfang des amerikanischen Botschafters vereinbart, das Treffen soll um zehn Uhr stattfinden. Danach wollten Sie sich mit General Gomez im Innenministerium treffen, um das weitere Vorgehen mit den Aufständischen zu besprechen. Außerdem wird der deutsche Reporter im Laufe des Tages eintreffen, sofern das Wetter sich ruhig verhält und das Schiff planmäßig einläuft.“
Der Präsident dachte kurz nach und strich dabei über seinen zierlichen Oberlippenbart, der noch immer so schwarz war wie in seiner Jugend, während sein Haupthaar immer mehr ergraute. Augenblicklich wollte ihm nicht einfallen, wovon sein Sekretär sprach, doch dann erinnerte er sich. Er selbst hatte Georg Stein auf die Isla Loro eingeladen. Der deutsche Reporter wollte einen großen Artikel in seiner Zeitschrift über die Insel schreiben und hatte darum gebeten, ihn interviewen zu dürfen. Normalerweise hasste Infante Journalisten, vor allem ausländische, da er nie wissen konnten, was sie schlussendlich wirklich über ihn schreiben würden, aber Stein schrieb für ein Reisemagazin, woraus man schließen konnte, dass er sich nicht stark für die Politik des Landes interessieren würde.
„Fein“, meinte der Präsident immer noch nachdenklich. „Lassen Sie ihn von Lamar am Hafen abholen. Er soll ihn in der Stadt herumfahren und ihm schon mal die Sehenswürdigkeiten zeigen, bevor er ihn ins Hotel bringt. Wann ist das Interview vereinbart?“
„Für morgen Abend“, antwortete Mora. „Anschließend wollten Sie einen kleinen Empfang im Präsidentschaftspalast für ihn geben.“
„Geben Sie Lamar die Anweisung, dass er Stein jederzeit zur Verfügung stehen soll. Und stellen Sie ihm einen Wagen, damit er die Insel erkunden kann. Allerdings soll Lamar ihn von den Slums und der Gefängnisinsel fernhalten. Ich möchte nicht, dass darüber in der Reportage berichtet wird. Sonst noch etwas?“
„Nein, nichts Herr Präsident.“
Mit einem Kopfnicken entließ er seinen Sekretär und wandte sich wieder den Papieren auf dem Schreibtisch zu. Er trank einen Schluck Kaffee, ließ das Frühstück aber ansonsten unangetastet. Lamar würde wissen, was den Deutschen zu interessieren hatte und was nicht. Er hatte vollstes Vertrauen in seinen Diener. Vielleicht sollte er Stein noch ein wenig Honig ums Maul schmieren, dafür waren Reporter immer empfänglich. Außerdem sollte sein Aufenthalt auf der Isla Loro so angenehm wie möglich gestaltet werden, es sollte ihm an nichts fehlen, um den Artikel möglichst vorteilhaft gestalten zu können. Der Präsident würde Lamar darüber informieren, die besten Restaurants auszusuchen, ihm eventuell einen Besuch in einem Bordell ermöglichen, natürlich auf Kosten des Gastgebers. Schlechte Presse hatte sein Land schon genügend, doch immer schrieben diese verdammten Journalisten von außerhalb ihre Artikel, ohne je einen Fuß auf die Isla Loro gesetzt zu haben. Nun hatte er die Chance, seine Geschicke selbst zu leiten.
