Die Insel des Glücks - Wolfram Horn - E-Book

Die Insel des Glücks E-Book

Wolfram Horn

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Beschreibung

Diese Sammlung mit zwölf Kurzgeschichten ist so facettenreich wie das Leben selbst. In der gleichnishaften Titelgeschichte begibt sich ein junger Mann auf eine abenteuerliche Suche nach dem Glück. Eine Erzählung handelt davon, wie einem behinderten Jungen das Bemühen um Freundschaft zum Verhängnis wird. In der amüsanten Geschichte "Der erste Kuss" wird erzählt, wie ein schüchterner Schlosserlehrling zu seinem ersten unverhofften Kuss kommt und in was für eine fatale Situation er dadurch gerät. Eine heitere Liebesgeschichte und ein gefährliches Abenteuer zugleich, beinhaltet die Erzählung "Eine abenteuerliche Fahrt". Abenteuer, Romantik und Humor, Tiefsinnigkeit und Besinnlichkeit vereinen sich hier zu einem unterhaltsamen und abwechslungs-reichen Lesevergnügen.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Parabeln

Die Insel des Glücks

Vom Nutzen der Nutzlosigkeit

Der Fluss der Weisheit

Die Zweifarbenwelt

Erzählungen

Der erste Kuss

Ein interessanter Abend

Einsam geh ich durch die Gassen

Digger

Erinnerungen

Als die Beatles aus unserem Haus vertrieben wurden

Eine abenteuerliche Fahrt

Bonjour Salut

Weihnachten mit Musik

Die Insel des Glücks

Eine Parabel

Schwermütig saß Novana am Strand der kleinen Bucht und schaute auf das tiefblaue Meer hinaus, auf dessen sanften Wellen weiße Schaumkronen im Sonnenlicht tanzten.

Seitdem er die Sage von der Insel des Glücks gehört hatte fand er keine Ruhe mehr. Diese Insel zu finden setzte sich in all seinen Gedanken fest. Doch sosehr er auch forschte und fragte, niemand konnte ihm sagen wo sich diese Insel befinden sollte.

So verließ er täglich sein Zuhause um irgendjemanden zu finden, der mehr über diese Insel wusste, als die anderen. Jeden Fremden den er traf versuchte er auszufragen, aber es gab nicht einen der ihm auch nur eine ungefähre Richtung angeben konnte. Wo sollte er anfangen zu suchen?

Je länger er vergeblich forschte, desto trübsinniger wurde er. Auch an diesem Tag saß er wieder mit schwermütigem Seufzen am Strand. Plötzlich hörte er leise, vom Sand gedämpfte Schritte hinter sich. Zutiefst erschrocken fuhr er herum. Hinter ihm stand ein alter Mann den er noch nie zuvor gesehen hatte.

Lächelnd sprach der Alte ihn an: „Wir kennen deine Wünsche Novana und wir haben uns entschlossen dir zu helfen. Du sollst die Insel des Glücks finden“, sagte er freundlich auf ihn herabblickend.

Novana sprang augenblicklich auf und starrte den Fremden fassungslos an. „Wer bist du? Was heißt wir? Woher kennst du mich und meine Wünsche?“ Er polterte die Fragen nur so heraus. Mit seinem unergründlichen Lächeln antwortete der Alte: „Nicht eine von deinen Fragen werde ich dir beantworten, aber ich werde dir zeigen wo die Insel deiner Sehnsucht liegt. Hab Vertrauen.“

Mit langem Arm wies der Fremde in nördliche Richtung auf das Meer hinaus und sprach: „Nimm dein Boot und fahr immer in diese Richtung. Du wirst Jahre brauchen um die Insel deiner Träume zu erreichen und du wirst auf vielen anderen Inseln vorher Rast machen müssen, aber eines Tages wirst du an deinem Ziel sein. Versäume aber über das Ziel deinen Weg nicht.“

Novana wandte sich um, um zu fragen was er mit dem letzten Satz meinte, aber zu seinem großen Erstaunen stellte er fest, dass der Fremde verschwunden war. Entsetzt bemerkte er, dass sich nicht eine einzige Fußspur des alten Mannes im Sand abgezeichnet hatte.

War alles nur eine Täuschung? War alles nur ein schöner Traum der ihm seine Sehnsucht vorgegaukelt hatte? Nein, diese Begegnung war zu wirklich gewesen. Zu deutlich hatte er den Alten gesehen und zu klar hatte er seine Worte gehört.

Novana wusste, wenn er jetzt zögerte, wenn er jetzt nicht handelte, würde er sich seinen Traum nie erfüllen können.

Noch am selben Tag verstaute er einen großen Vorrat an Lebensmitteln und frischem Trinkwasser in sein Boot und fuhr immer die Richtung haltend die der Fremde ihm angegeben hatte, aufs offene Meer hinaus.

Monatelang war er schon auf See und seine Vorräte gingen trotz der allerstrengsten Einteilung zu Ende, als er weit am Horizont die erste Insel auf seiner Reise entdeckte. Nach einigen Stunden konnte er endlich sein Boot den unbekannten Strand hinaufziehen. Sofort wurde er von den fremdartigen Inselbewohnern umringt. Noch nie hatte Novana solche Menschen gesehen.

Überaus freundlich und mit offenem Blick sahen sie ihn an. Eine nie gekannte Welle der Zuneigung schlug ihm entgegen. „Wo bin ich hier?", fragte Novana. „Ist das hier die Insel des Glücks?“

Die Fremden schüttelten den Kopf, und eine junge schlanke Frau, anscheinend die Wortführerin des Volkes, trat hervor, legte sanftmütig eine Hand auf seine Schulter und sprach ihn mit warmer Stimme an: „Die Insel des Glücks liegt noch viele Bootsjahre von hier entfernt. Du bist auf der Insel der Liebe gelandet. Bleib erst einmal hier und ruh dich aus. Wir möchten, dass du dich wohl bei uns fühlst. Wir lieben dich.“

Diese Begrüßung verschlug ihm fast die Sprache. „Ihr kennt mich doch gar nicht, wie könnt ihr mich da lieben?“, fragte er erstaunt.

„Ich sagte es dir ja schon, wir sind hier auf der Insel der Liebe. Wir lieben alle Lebewesen, und so ist es doch nur natürlich, dass wir auch dich lieben. Oder nicht?“

Behutsam nahm ihn die Frau bei der Hand und zog ihn sanft hinter sich her. Dicht hinter ihnen folgten die anderen. Vor einer mit viel Geschmack und sorgfältigem Geschick geschmückten Hütte machten sie halt.

„Dies wird für die nächste Zeit dein Zuhause sein“, sagte die geheimnisvolle Fremde zu Novana, indem sie auf die Hütte zeigte. Vorsichtig schlug er den schweren, dicht geflochtenen Bastvorhang zurück und ging ein paar Schritte hinein. Freudiges Erstaunen zeigte sich auf seinem Gesicht. Der Innenraum war auf das Beste und Liebevollste ausgestattet.

„Wem gehört dieses Haus?“, wandte er sich an seine Begleiterin.

„Hier wohne ich sonst aber solange du bei uns lebst, wird es deine Wohnung sein. Ich werde bei meiner Schwester wohnen“, sagte sie mit einem aufrichtigen, warmherzigen Lächeln, so selbstverständlich, als hätte sie ihm soeben eine wertlose Muschel zur Benutzung angeboten und nicht ihren kostbarsten Besitz.

Erstaunt sah Novana sie an. „Unmöglich, das kann ich nicht annehmen“, wehrte er ab. Aber mit einer Bestimmtheit die keinen Widerspruch zuließ, drückte ihn seine Gastgeberin auf einen Sitz und sah ihm gutmütig in die Augen. „Hast du vergessen, dass wir dich lieben? Und muss man einem Menschen den man liebt nicht das geben dessen er bedarf? Würde ich dir meine Hütte nicht zur Verfügung stellen, müsste ich mich ja mehr lieben als dich. Wie sollte so etwas möglich sein?“ Fürsorglich fügte sie dann hinzu: „Jetzt ruh dich aber erst einmal aus. Ich lasse dich nun allein.“ Mit sanften Schritten verließ sie den Raum.

Später bereitete man ihm ein erfrischendes Bad, brachte ihm saubere bequeme Kleidung und solch eine Menge an köstlicher Nahrung, dass er sich übersatt auf sein Lager legen musste.

In den Monaten die er auf dieser Insel lebte, lernte er die Eigenart der Bewohner gründlich kennen. Man hatte ihm nichts vorgemacht, tatsächlich lebten die Menschen hier in tiefer Liebe zueinander. Jeder war sofort mit Freude bereit für die anderen Opfer zu bringen. Darüber hinaus war es bei ihnen Sitte, dass jeder jeden täglich mit einer kleinen Aufmerksamkeit überraschte.

Das Oberhaupt dieses liebevollen Volkes war, wie Novana gleich zu Anfang richtig vermutet hatte, die hübsche Frau deren Hütte er bewohnte. Das war übrigens das Einzige was ihn befremdete, denn bisher war ihm nur bekannt, dass Völker stets von Männern regiert wurden. Eines Tages nahm er seinen Mut zusammen und fragte sie danach.

„Weißt du“, sie sah ihn fest an, „das mag bei anderen Völkern einen Grund haben den ich nicht kenne, aber wie sollte auf der Insel der Liebe ein Mann das Oberhaupt eines Volkes sein? Die Frauen sind es doch die das neue Leben in sich tragen und das noch ungeborene Leben in ihrem Leib lieben. Die Männer fangen doch erst an zu lieben, wenn der kleine neue Mensch geboren ist, wenn das Leben sichtbar geworden ist. Die Frau liebt also schon das Unsichtbare, das Mögliche, während der Mann erst bei den sicht- und greifbaren Formen des Lebendigen zu lieben anfängt. Verstehst du? Die Liebe der Frau setzt viel früher ein und ist umfassender als die des Mannes.

Die Liebe der Frau ist wie das Licht der Sonne, und die Liebe des Mannes ist wie das Licht der Sterne. Die Sonne strahlt die Sterne an, die dieses Licht reflektieren. Glaubst du nicht auch, dass unser bestirnter Himmel die Sonne zum Oberhaupt wählen würde, wenn er wählen müsste? Glaubst du nicht auch, dass das Wesen der Schöpfung nur weiblich sein kann? Wie sollte auf der Insel der Liebe ein Mann das Oberhaupt sein?“

Von ihren Worten tief berührt nickte Novana nur stumm. Jetzt verstand er auch den tieferen Sinn des Spruches, der über den Eingang seiner Hütte in einen Balken hineingeschnitzt war, und den er sich schon oft durchgelesen hatte:

Ohne das helle Sonnenlicht

wär‘ der Mondschein nie geboren.

Gäb‘ es das Licht des Anderen nicht,

wie wären wir verloren.

Als er später noch einmal mit ihr über dieses Thema sprach, sagte sie ihm: „Ich habe nie verstanden, warum man in den meisten anderen Völkern einen „Herrgott“ oder „Himmlischen Vater“ als Schöpfer anbetet. Mir erscheint es einfach als eine absurde Idee, einem schöpferischen Prinzip, das alles Leben hervorbringt, eine männliche Rolle zuzuweisen.

Wenn wir naiver Weise der Schöpfung schon eine Geschlechtlichkeit zuordnen wollen, dann erscheint mir eine weibliche doch sinnvoller zu sein als eine männliche, denn ist es nicht so, dass alles Leben in der Natur nur aus dem Weiblichen heraus geboren wird?

Doch da zur Liebe auch die Toleranz gehört, respektiere ich zwar diese merkwürdige Annahme eines männlichen Schöpfergottes, aber sie bleibt mir unverständlich, und ich werde sie nie nachvollziehen können.“

Nichts ist schwerer, als sein gewohntes Weltbild aufzugeben, und so brauchte auch Novana einige Zeit um die vielfältigen neuartigen Gedanken und Sichtweisen dieses liebenswerten Volkes aufzunehmen und zu verarbeiten, aber schließlich führten sie doch dazu, sein altes Weltbild zu hinterfragen und neu zu ordnen. Er begann die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Mit jeder liebevollen Geste, die sich diese Inselbewohner gegenseitig erwiesen, und mit jedem Gespräch, das er mit ihrer Führerin führte, wuchs seine Zuneigung und Achtung stetig, die er für dieses Volk empfand.

Hier hätte Novana bis ans Ende seiner Tage leben können, aber der Wunsch, die Insel des Glücks zu finden war stärker. Nur sehr ungern ließen die Inselbewohner ihn weiterziehen, denn auch er war nun zu einem Stern geworden der die ihm entgegengebrachte Liebe in dem Maße reflektieren und weitergeben konnte, wie er sie empfing.

Sein Boot wurde überreichlich mit allem Nötigen beladen, als er auf seine Weiterfahrt drängte. Der Abschied fiel allen sehr schwer.

Wieder folgte für Novana eine entbehrungsreiche, einsame Zeit. Aber auch diese Fahrt ging zu Ende und er fand wieder eine Insel die er ansteuern konnte.

Wie bei seiner ersten Anlaufstelle schon, wurde er auch hier freundlich begrüßt und willkommen geheißen.

Novana befand sich auf der Insel der Zufriedenheit. Und tatsächlich, alle Einwohner dieser Insel strahlten eine vollkommene Ruhe und Zufriedenheit aus, die Novana anfangs gar nicht verstehen konnte, denn dieses Volk war eigentlich recht arm. Nahrungsmittel waren verhältnismäßig knapp hier und persönliches Eigentum gab es überhaupt nicht.

Hier machte Novana die Erfahrung, dass Zufriedenheit nicht von äußeren Gütern, sondern von der inneren Einstellung abhängt. Er fühlte sich sehr wohl hier und strahlte nach einem halben Jahr seines Aufenthaltes auf dieser Insel fast die gleiche Zufriedenheit aus, wie die übrigen Bewohner. Das Einzige, was ihn noch von der vollkommenen Zufriedenheit trennte, war, dass er seinen Traum von der Insel des Glücks nicht aufgeben konnte.

Aus einem starken inneren Zwang heraus musste er seine Suche nach dieser Insel fortsetzen. Also fuhr er auch hier wieder ab, um seinem unerfüllten Traum zu folgen.

Seine nächste Station war die Insel der Zärtlichkeit. Waren es schon überaus tiefe und unvergessliche Erfahrungen für ihn, die Liebe in ihrer reinsten Form, und die annähernd vollkommene Zufriedenheit kennengelernt zu haben, so war doch der Gipfel allen Lebensgenusses, uneingeschränkte Zärtlichkeit zu empfangen und geben zu können.

Es verwundert sicherlich nicht, dass ihm auf dieser Insel eine junge Frau ein Kind gebar. Alles was an Liebe und Fürsorge in ihm war, übertrug er auf seine zärtliche Geliebte und sein Kind.

Sieben, oder acht Jahre verbrachte er hier, ehe es ihn weiterzog. Wie ein unstillbarer Wahn verfolgte ihn selbst hier, wo er mit allen Fasern seines Herzens zu Hause war, der Wunsch, seine Insel des Glücks zu finden.

Niemals zuvor ist ihm ein Abschied so schwer geworden wie dieser.

Als er in seinem Boot saß, und seine geliebte Frau mit ihrem gemeinsamen kleinen Sohn noch lange am Strand stehen sah, rannen ihm langsam die Tränen herab.

Novana fuhr noch viele Inseln an. Nach und nach besuchte er die Inseln der Fröhlichkeit, der Harmonie, der Selbstfindung, der Freiheit und die Insel der Freude. Nirgends hielt es ihn aber länger als ein paar Monate, oder im Ausnahmefall, ein paar Jahre fest.

Unaufhaltsam zog es ihn weiter. Von jeder Insel, von jedem Volk, nahm er die besten Eigenschaften mit, die sie zu bieten hatten Diese überaus bereichernde Erfahrungen konnten ihn aber nicht daran hindern, seine fanatische Suche nach seiner Trauminsel fortzusetzen.

Novana begann allmählich zu altern und hatte seine Hoffnung schon fast aufgegeben, als er dann doch noch sein Ziel erreichte. Wieder zog er sein Boot auf einen ihm unbekannten Strand.

Niemand war zu sehen. Das erste Mal wurde er von keinem Menschen begrüßt. Was ist das denn hier für eine merkwürdige Insel, fragte er sich.

„Das ist deine Insel des Glücks“, vernahm er eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr er herum und erkannte sofort den alten Mann wieder, dem er am Anfang seiner Reise begegnet war.

„Das soll die Insel des Glücks sein?“ Fassungslos sah er den Alten an. „Was soll das? Hier ist doch nichts, was einen irgendwie glücklich machen könnte.“

„Doch“, antwortete der Fremde, „du bist hier! Der alte Mann betrachtete Novanas fragenden Gesichtsausdruck, ehe er erklärend fortfuhr: „Alles das, was dich glücklich machen könnte, ist in dir selbst. Suche niemals außen, was in dir ist. Du bist deine eigene Insel des Glücks. Und hier bist du an dem Ziel angelangt, um das zu erkennen.“

Aus dem Gesicht des alten Mannes war nun jedes Lächeln verschwunden. Er sah Novana mitleidig an, als er weitersprach: „Hast du denn gar nichts begriffen? Sagte ich dir nicht, du sollst über das Ziel deinen Weg nicht versäumen?

Du hast die Liebe, Zufriedenheit, Zärtlichkeit, Harmonie, Selbstfindung, Fröhlichkeit, Freiheit und die Freude in ihren vollkommensten Erscheinungsformen kennen gelernt. Und da suchst du noch eine Insel des Glücks?“

Der Alte schüttelte verständnislos seinen Kopf. „Über deinen hohen Anspruch zu finden, hast du den tiefen Sinn deiner Suche verloren.

Novana saß lange, unendlich lange am Strand und dachte über den Sinn dieser Worte nach. Dann erhob er sich müde und kraftlos und stieg in sein Boot um seine letzte Fahrt anzutreten.

Vom Nutzen der Nutzlosigkeit

Eine Parabel

Nach einem Gleichnis von Tschuang Tse

Vor Jahren, nicht weit von einem kleinen Dorf entfernt, stand auf einer Wiese ein uralter Baum, der von allen Einwohnern, sowie von durchziehenden Wanderern, sehr geschätzt wurde, wenn nicht gar eine gewisse Ehrfurcht und Verehrung erfuhr.

Es war ein riesiger Baum mit dickem Stamm und weit ausladender, dichter Krone. Um seinen kräftigen Stamm herum hatten ein paar Zimmerleute eine schöne feste Rundbank gebaut, die die Einwohner des Dorfes, sowie vorbeiziehende Wanderer gern als Ruheplatz nutzten.

In der beschützenden Nähe dieses Baumes wurden alle Dorffeste gefeiert, hier spielten Kinder ausgelassen ihre Kinderspiele, während die Erwachsenen sich unterhielten und ihnen gern dabei zusahen.

Eines Tages sprach ein durchreisender Fremder den Baum an und fragte ihn, wie es möglich wäre, dass er so unberührt gedeihen und wachsen konnte, während alle anderen Bäume die um ihn herumgestanden hatten, schon längst abgeholzt waren.

Der Baum sprach: „Ach, in meinen jungen Jahren gingen viele Zimmerleute und Schreiner um mich herum, um einzuschätzen, wofür mein Holz zu gebrauchen wäre. Aber alle schüttelten nach ihrer Besichtigung nur ihr Haupt und betrachteten mich als nutzlos. Mein Stamm wäre zu knorrig, zu verästelt, und zu ungerade um Bretter oder Bohlen daraus zu schneiden. Nicht mal zum Verfeuern würde mein Holz taugen, sagten sie. Deshalb ließ man mich in Ruhe.

So war es mir möglich, mich meinem ungehemmten, ungestörten Wachstum zu widmen. Mein Stamm nahm einen mächtigen Umfang an, und meine Krone konnte prächtig gedeihen Nun bin ich alt geworden und biete den Menschen eine Möglichkeit sich vor der Sommerhitze in meinem Schatten zurückzuziehen. Den Wanderern gewähre ich einen Ruheplatz auf ihrem Weg, und den Kindern diene ich als Spielplatz für ihre Kletterspiele. Eichhörnchen und Vögel halten sich gern in meinem reich verzweigten Geäst auf. Und mein üppiges Blattwerk spendet den Menschen in der Sommerhitze kühlenden Schatten und an ungemütlichen Herbsttagen schützt es sie vor Wind und Regen.

So kann ich den Tieren ein Heim und den Menschen Schutz und Ruhe gewähren. Du siehst also: Nur weil ich gestern nutzlos war, kann ich heute nützlich sein.

Darum: Verachte nie das Nichtnützliche, nur weil du dessen Wert nicht zu erkennen vermagst"

Im Nichtnützlichen liegt der Keim des Nützlichen.

Der Fluss der Weisheit

Eine Parabel

Motto:

Die Quelle weiß nichts von der Größe des Baches.

Der Bach weiß nichts von der Größe des Flusses.

Der Fluss weiß nichts von der Größe des Meeres.

Das Wissen weiß nichts von der Größe des Ungewussten.

Vor mehreren hundert Jahren teilte der Fluss der Weisheit ein Land in zwei Teile. Der Fluss hatte schon viele Generationen begleitet, ehe er seine endgültige Weisheit einem Jüngling namens Aman preisgab.

Schon lange bevor ihm die Gnade der Weisheit zuteil wurde, galt Aman als der Sonderling seines Volkes. Er zog sich von den anderen zurück und saß oft in Gedanken versunken am Flussufer.

Die Gewissheit, dass er zu einem auserwählten Volk gehörte, machte ihn nicht zufrieden und konnte seine Zweifel nicht beseitigen.

Das Volk der Amanen, zu dem er gehörte, lebte schon seit Anbeginn an diesem Fluss. Am anderen Ufer des Flusses lebte ein Volk das sich selbst die Dauren nannte.

Die beiden Völker trennte aber nicht nur der Fluss voneinander, sondern auch ihre verschiedenen Lebensweisen und ein unterschiedlicher Entwicklungsstand.

Solange die Amanen existierten, solange war es Sitte bei ihnen, den Fluss mehrmals im Jahr mit ihren Booten zu überqueren. Schon oft war Aman mitgefahren und schon oft hatte er den Spott der Dauren gehört, mit dem sie die Amanen übergossen, wenn sie das jenseitige Ufer betraten. Sie wurden nicht müde zu betonen, dass es völlig genüge am Fluss der Weisheit zu leben, um wirklich weise zu sein, und dass es völlig sinnlos und überflüssig wäre, ihn ständig mit Booten zu befahren.

Sein Volk aber, die ehrwürdigen Amanen, belehrten ihre Kinder unermüdlich, dass nur das Volk zur wahren Weisheit gelangen könne, das den Fluss oft genug im Jahr mit ihren Booten überquere.

Aman hatte schon längst bemerkt, dass sein Volk tatsächlich klüger und reifer war als das „Spöttervolk“, wie er es für sich nannte. Die Dauren bemühten sich nicht um Weisheit und Fortentwicklung, da es ja ihrer Meinung nach genügte an diesem Fluss zu leben, um anderen Völkern an Weisheit überlegen zu sein.

Ihm wurde klar, dass die "Weisheit" der Dauren nur aus dieser dummen Überheblichkeit bestand. Nein, da waren die Amanen weiter. Dadurch, dass sie ihren begrenzten Lebensraum von Zeit zu Zeit verließen, hatten sie die Möglichkeit ihren Kulturkreis von außen zu betrachten und bekamen Kenntnis von anderen Sitten und Gebräuchen. So konnten sie ihre eigene Kultur kritischer und weniger selbstgefällig betrachten. Das machte sie doch ein wenig toleranter und duldsamer als die Dauren.

Doch einen Dünkel hatten sie gemeinsam. Die Dauren glaubten weise zu sein, weil sie am Fluss der Weisheit lebten, und die Amanen glaubten weise zu sein, weil sie ihn ständig überquerten.

In seinen jüngsten Jahren verfiel auch Aman dem Glauben seines Volkes, aber mit dem Heranwachsen wuchsen auch seine Zweifel. Sicher, er war etwas klüger und duldsamer als irgendeiner der Dauren, aber war er wirklich weiser? Tief in seinem Inneren fühlte er, dass Weisheit etwas anderes, etwas Größeres sein musste. Tiefe, unbedingte Weisheit ließ sich nicht dadurch erlangen, ein paar Mal im Jahr einen Fluss zu überqueren.

Waren es zuerst nur Zweifel, so wurde es ihm allmählich zur Gewissheit. Er nicht, und sein ganzes Volk nicht, niemand war weise. Aber gab es einen Fluss der Weisheit, so sagte er sich, so musste es auch die Weisheit geben. Nur, was war sie, die Weisheit? Wie war sie zu erkennen? Wie äußerte sie sich und wie konnte man sie erlangen?

Der Wunsch in ihm, hinter dieses Geheimnis zu kommen wurde immer stärker und drängender, und ließ ihn immer unruhiger und unzufriedener werden. Tagsüber grübelte er bis ihm der Kopf schmerzte und nachts wachte er schweißgebadet auf, weil ihn seine quälenden Gedanken