Die Inselhochzeit der Träume - Carla Linde - E-Book

Die Inselhochzeit der Träume E-Book

Carla Linde

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Beschreibung

Ein Roman wie ein Tag am Meer

Die Hochzeitsplanerin Natalie muss nur noch einen Job erledigen, bevor sie befördert wird, doch der hat es in sich. Denn die Braut will ausgerechnet auf einem Gutshof auf Rügen heiraten. Auf die Insel wollte Natalie eigentlich nie mehr zurück. Aber für den großen Karriereschritt, der sich vielleicht nur ein einziges Mal bietet ...? Zuversichtlich nimmt sie an – und bemüht sich, standhaft zu bleiben, als sich nach jedem überwundenen Hindernis zwei neue in den Weg zu stellen scheinen. Will ihr jemand einfach das Leben schwer machen oder etwa die Trauung verhindern? Zum Glück begegnet sie alten Bekannten, die ihr helfen, damit die große Hochzeit ein Traum mit Meerblick wird. Und auch der Gärtner Lukas unterstützt sie sehr. In seiner Nähe fühlt sie sich so gut wie selten zuvor ...

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EPUB
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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch:

Tief durchatmen, den Anblick des Grüns um sich herum genießen und einfach nur sein – Lukas weiß genau, warum er sich für den Job als Gärtner auf Gut Boltendorf entschieden hat. In dieser überschaubaren Welt kann er bestmöglich wirken und fühlt sich so zu Hause wie sonst nirgends. Als die Hochzeitsplanerin Natalie ausgerechnet in seinen Gärten eine Feier plant, ist Lukas mehr als skeptisch. Doch irgendwie kann er sich dem Impuls, der jungen, attraktiven Frau zu helfen, nicht widersetzen. Und mit jedem Tag freut er sich mehr darauf, sie wiederzusehen … Ihr scheint es sogar ähnlich zu gehen. Ob er bei ihr eine Chance haben kann?

Zur Autorin:

Carla Linde ist ein großer Ostsee-Fan und verliebte sich in Rügen an einem strahlenden Sommertag. Sie kann stundenlang am Strand entlanggehen oder durch die Seebäder schlendern. Die einzigartige Landschaft, die prachtvollen Villen und die liebenswerten Menschen haben in ihr den Wunsch geweckt, eine Geschichte zu schreiben, die auf dieser besonderen Insel spielt.

Lieferbare Titel:

Die Inselhochzeit der Träume

Carla Linde

Die Inselhochzeit der Träume

Roman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2025 by HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

E-Book Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749908011

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

1

Noch 27 Tage bis zur Feier

Natalie lächelte. Sie gönnte sich einen Moment der Ruhe, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und ließ den Blick über den wunderschön geschmückten Garten wandern. Auf den kleinen Stehtischen, verhüllt mit weißem Stoff, standen Vasen mit zartblauen und weißen Hortensien, die Lieblingsblumen der Braut. Solarlichter in Herzform standen auf dem Rasen verteilt, sie begannen in der Abenddämmerung zu leuchten.

Kaffee und Kuchen waren in einem Zelt serviert worden, das Geschirr hatte das Servicepersonal bereits abgeräumt. Die Gäste hatten sich in den Garten begeben, tranken hier die ersten Aperitifs oder bewunderten die Blumen.

Lautes Lachen aus dem Kinderbereich drang an Natalies Ohren. Die jüngsten Gäste schienen sich in dem kleinen Zelt sehr gut zu amüsieren mit den Buntstiften, Ausmalbüchern, Legos, Riesenseifenblasen, Büchern und Comics, die sie bereitgestellt hatte.

In der Luft lag der Duft der blühenden Lilien, dezent begleitet vom Geruch des frisch gemähten Grases. Obwohl es bereits September war, strich der Wind warm über ihre Haut – einfach der perfekte Tag für eine Hochzeit. Natalie stieß erleichtert die Luft aus – Septemberhochzeiten waren vom Wetter her immer ein wenig riskant. Umso schöner, dass alles geklappt hatte.

»Möchten Sie einen Aperol oder ein Glas Champagner?«, fragte eine Kellnerin. In ihrem schwarzen Rock und der weißen Bluse strahlte sie schlichte Eleganz aus. »Oder ein Kanapee?«

»Danke, nur ein Wasser bitte.« Erst wenn sie sich vom Brautpaar verabschiedet hatte und sich zu Hause entspannte, würde Natalie sich einen Piccolo zur Feier dieses hoffentlich gelungenen Festes gönnen.

»Bitte kommt alle ins Haus«, erklang die Stimme der Mutter des Bräutigams. »Es wird Zeit für den Eröffnungstanz.«

Es dauerte ein wenig, bis alle Gäste sich in dem großen Saal versammelt hatten. Natalie schloss sich ihnen an und beobachtete das Geschehen zunächst vom Eingangsbereich aus. Später würde hier das Abendessen, ein opulentes Sieben-Gänge-Menü, serviert werden, aber da würde Natalie bereits zu Hause sein, um sich ein Schaumbad zu gönnen. Sie wollte den Eröffnungstanz abwarten und sich dann in einem passenden Moment von Sina und Finn verabschieden.

Als sie den großen Saal betrat, lächelte sie. Der Raum sah wirklich märchenhaft aus mit den vielen Lichterketten, die wie Sterne an den Wänden glitzerten, und den auf den Tischen verteilten Blumengestecken in Weiß und Blau, so wie Sina es gewünscht hatte.

Am Rand des honigfarbenen Parketts blieb sie stehen und beobachtete, wie das Brautpaar Hand in Hand in die Mitte des Saals ging. Das war ihr Lieblingsmoment auf einer Hochzeit. Sina, in einem schneeweißen Kleid aus fließender Seide und Spitze, strahlte vor Glück. Finn, in seinem dunkelblauen Anzug, lächelte sie liebevoll an, bevor er sie in seine Arme zog. Die ersten Klänge eines Wiener Walzers erklangen, und die Gäste begannen im Takt zu klatschen.

Während Natalie zuschaute, wie Sina und Finn über das Parkett schwebten, erinnerte sie sich an die vielen Stunden der Planung, die endlosen Listen und an die emotionalen Vorbereitungsgespräche. Es war eine Zeit des Lachens und manchmal auch der Tränen gewesen, aber es hatte sich gelohnt.

Finn blickte tief in die Augen seiner Braut, seine Hand ruhte auf ihrem Rücken, während sie versunken tanzten. Die letzten Töne des Walzers verklangen in dem festlich geschmückten Saal, als das Brautpaar im perfekten Timing eine elegante Drehung vollführte und eng umschlungen stehen blieb, um in einem langen Kuss zu versinken.

Die Gäste brachen in begeisterten Beifall aus. Natalie sah, wie der Vater der Braut sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Seine Frau, eng an ihn geschmiegt, strahlte voller Glück. »Die beiden sind füreinander geschaffen«, sagte sie, und ihr Blick suchte den von Natalie. Sie nickte ihr anerkennend zu.

Bevor Natalie etwas erwidern konnte, forderte Sina ihren Vater auf und Finn seine Mutter, so wie es die Tradition vorsah. Nun spielte der DJCrazy Little Thing Called Love, ein Wunsch der Mutter des Bräutigams.

Natalie und etliche Gäste wiegten sich im Takt des Queen-Songs. Nachdem Finn mit seiner Schwiegermutter und Sina mit ihrem Schwiegervater getanzt hatte, rief der DJ: »Und nun ist die Tanzfläche für alle geöffnet. Wir beginnen mit Liebe ist alles von Rosenstolz.«

Anscheinend ein perfekter Song, denn die Gäste stürmten aufs Parkett, was Natalie als Erfolg für die Playlist verbuchte. Leise summte sie die Melodie mit, als jemand ihre Schulter berührte. Sie wandte sich um.

»Natalie, ich bin für heute fertig«, sagte der Videograf, der zum Service von Zauberhaft und Unvergesslich gehörte. Seine Aufgabe war es, die Feier von der Trauungszeremonie bis zum Eröffnungstanz zu begleiten. »Das Video schicke ich gleich an Kathleen raus. Das wollte sie so.«

»Danke.« Natalie strich sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem perfekt gestylten Knoten gelöst hatte, und seufzte. »Hoffentlich wird sie zufrieden sein.«

»Bestimmt. Das war – und ist – eine gelungene Party.« Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Jetzt übernimmt der Bruder der Braut die Filmerei.«

»Einen schönen Feierabend.« Natalie sah ihm nach und unterdrückte ein Gähnen. Wie nach jeder Hochzeit, die sie geplant und umgesetzt hatte, fühlte sie sich gleichzeitig glücklich und erschöpft.

In diesem Moment verließen ein paar Gäste die Tanzfläche, um sich etwas zu trinken zu holen. Finn, der seinen Arm um Sinas Taille gelegt hatte, blickte sich suchend um. Als er Natalie entdeckte, flüsterte er etwas in Sinas Ohr. Gemeinsam kamen die beiden auf sie zu.

»Du wolltest nicht etwa gehen, ohne dich zu verabschieden?« Sina griff nach Natalies Händen. »Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar wir dir sind. Diese Feier ist einfach magisch.«

»Es war mir wirklich eine Freude und Ehre, diesen besonderen Tag mit euch zu gestalten«, antwortete Natalie. »Ich wünsche euch alles Glück der Welt.«

»Du hast uns unvergessliche Erinnerungen geschenkt«, sagte Finn, seine tiefe Stimme rau vor Aufregung. »Jede Kleinigkeit, jedes Detail war perfekt. Danke, danke.«

»Sehr gern.« Das Lob freute Natalie sehr. »Der Videograf schneidet die Aufnahmen, und wenn ihr aus den Flitterwochen zurück seid, bekommt ihr den Film.«

»Wir freuen uns.« Sina lächelte, Tränen glitzerten in ihren Augen. »Wir bleiben in Kontakt, nicht wahr?«

»Auf jeden Fall.« Natalie umarmte erst die Braut und dann den Bräutigam. »Genießt eure Feier und habt die weltbesten Flitterwochen.«

Bevor das Paar noch etwas sagen konnte, kamen Freunde und zogen sie zurück auf die Tanzfläche, denn es lief Eight Days A Week, Finns absoluter Lieblingssong, wie Natalie wusste. Sie sah ihnen nach, seufzte glücklich auf, verabschiedete sich von den Eltern von Braut und Bräutigam und verließ das Fest.

Auf dem Weg zum Auto rückte sie eine der Solarlampen, die den Garten beleuchteten, gerade. Nachdem sie im Wagen Platz genommen hatte, schaltete sie das Radio an, ihren Lieblingssender, der Rock-Oldies spielte, und fuhr in guter Stimmung nach Hause. Die ganze Fahrt lang trommelte sie den Takt der Songs auf dem Lenkrad und sang laut und falsch mit.

Der Tag endete perfekt, denn sie fand auf Anhieb einen Parkplatz vor dem Mehrfamilienhaus im Jungfernstieg, in dem ihre kleine Zweizimmerwohnung lag. Natalie liebte ihr Viertel, die Paulsstadt in Schwerin, aber hier einen Parkplatz zu finden, besonders abends, das stellte stets eine Herausforderung dar.

Nachdem sie in ihrer Wohnung im zweiten Stock angekommen war, schleuderte sie die High Heels von ihren Füßen, tappte barfuß in die Küche, wo sie den Piccolo aus dem Kühlschrank holte und sich ein schlichtes Käsebrot dazu machte. Beides trug sie ins Wohnzimmer und nahm sich dort ein Sektglas aus dem Schrank. Sie goss sich ein und ließ sich erschöpft auf das Sofa fallen. Es war alt, aber bequem, und sie liebte es, sich dort mit einer Decke einzukuscheln, um zu lesen oder eine Serie zu schauen.

»Auf eine erfolgreiche Hochzeit«, prostete sie sich zu und trank einen Schluck Sekt. Inzwischen konnte sie nicht einmal mehr sagen, wie viele Hochzeiten sie schon geplant hatte in den acht Jahren, die sie nun bereits bei Zauberhaft und Unvergesslich arbeitete. Und trotzdem war jede Feier für sie etwas Besonderes, jedes Hochzeitspaar verdiente ihre volle Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Natalie schloss die Lider, um den Tag vor ihrem inneren Auge Revue passieren zu lassen: die weiße Kutsche, gezogen von zwei weißen Pferden, in der Sina und Finn vor der Kirche vorgefahren waren, die romantischen Ehegelübde, der innige Kuss, die fröhliche Kaffeetafel und der wundervolle Walzer … Was sich für manch einen kitschig anhören mochte, war der Realität gewordene Traum des Paars. Und sie hatte es geschafft, ihn wahr zu machen.

Als sie nach dem Käsebrot greifen wollte, klingelte ihr Smartphone. Der Klingelton Shake It Off verriet ihr, wer ihr den wohlverdienten Feierabend raubte: ihre Chefin. Und das konnte nur eins bedeuten: Kathleen war nicht zufrieden. Wieder einmal.

Einen Moment lang dachte Natalie daran, das Gespräch einfach nicht anzunehmen, aber das würde nur bedeuten, das Unvermeidliche hinauszuzögern.

Also seufzte sie, trank den letzten Schluck Sekt und wischte über das Display. »Hallo, Kathleen, was kann ich für dich tun?«

»Natalie, ich habe mir eben das Hochzeitsvideo angesehen. Wir müssen reden.«

Wie konnte das sein? Das Video war bestimmt vier Stunden lang, und ihre Chefin hatte es erst vor einer Stunde bekommen.

»Die Schrift auf den Tischkarten, Natalie. Sie war kaum lesbar, viel zu verspielt. Und die Farben viel zu dezent.« Sie konnte förmlich vor sich sehen, wie Kathleen den Kopf schüttelte. »Du weißt, wir müssen unser Niveau halten.«

»Das ist mir bewusst«, antwortete Natalie, nachdem sie tief durchgeatmet hatte. »Die Schrift war der ausdrückliche Wunsch der Braut. Sie wollte etwas Spielerisches, Persönliches.«

»Als Hochzeitsplanerin musst du die Braut lenken, Natalie. Es ist unsere Expertise, die zählt.« Der belehrende Unterton ihrer Chefin ließ sie die Hände zu Fäusten ballen, aber sie hörte schweigend zu. »In Zukunft sei bitte konsequenter.«

»Ja«, sagte sie nur und presste die Lippen aufeinander. Jedes weitere Wort hätte zu einem heftigen Streit geführt.

»Du willst doch Partnerin werden, oder?« Kathleens Ton verschärfte sich. »Dafür musst du dich mehr anstrengen.«

»Braut und Bräutigam waren zufrieden. Sie haben sich bei mir ausführlich bedankt«, entgegnete Natalie schließlich in bemüht sachlichem Tonfall. »Ist das nicht das Wichtigste?«

»Nein«, widersprach Kathleen. »Das Wichtigste ist der Eindruck, den wir und unsere Arbeit hinterlassen.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht bist du einfach noch nicht so weit.«

Natalie zog die Beine unter sich, mit den Fingern der rechten Hand zupfte sie an einem losen Faden ihres bunten Sofakissens. Bevor sie etwas sagen konnte, kam ihre Chefin ihr zuvor.

»Oder es liegt daran«, fuhr Kathleen fort, »dass eine Hochzeit für dich in weiter Ferne liegt. Du kannst dich einfach nicht in eine Braut hineinversetzen.«

Diese Worte waren selbst für Kathleen so gemein, dass Natalie die Luft wegblieb. Sie suchte fieberhaft eine schlagfertige Antwort, suchte Halt in der weichen Decke auf ihrem Schoß.

»Ich bin gut in meinem Job«, sagte sie schließlich mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. »Das weißt du.«

»Du bekommst noch eine Chance«, antwortete Kathleen ohne Umschweife, »beweise mir, dass du es wirklich willst.«

Dann legte sie ohne ein Abschiedswort auf, und Natalie musste die Worte ihrer Chefin erst einmal verdauen. Wollte sie wirklich immer noch Partnerin werden? Bei einer Frau, der ihr »Niveau« wichtiger war als das Glück der Brautleute? Wie so oft wünschte sich Natalie, sie hätte den Mut, eine eigene Hochzeitsplanungsagentur zu eröffnen. Aber allein wagte sie das nicht.

2

Noch 26 Tage bis zur Feier

Natalie saß an ihrem Schreibtisch und holte tief Luft. Das Gespräch mit Kathleen war unangenehmer gewesen, als sie befürchtet hatte. Ihre Chefin hatte sich bei der Nachbesprechung wieder einmal in Hochform gezeigt. Das Telefonat am Abend der Hochzeit war nur der Anfang gewesen. Kathleen hatte Natalie heute mit einer endlosen Liste von Aufgaben überschüttet und sie mit scharfen Worten heruntergemacht, obwohl Sina und Finn sich sehr zufrieden geäußert hatten.

»Ich gebe dir noch eine Chance, mir zu beweisen, dass du es wert bist, Partnerin zu werden«, hatte Kathleen zum Abschluss gesagt. »Enttäusche mich nicht.«

Natalie hatte nur genickt und war in ihr Büro gegangen. Dort erwartete sie bereits eine Mail ihrer Assistentin Emily, die ihr Hintergrundinformationen für ein neues Hochzeitsprojekt schickte.

Die Eiskönigin will das Brautpaar unbedingt als Kunden gewinnen. Es könnte schwierig werden, deren Wünsche zu erfüllen, aber du schaffst das bestimmt. Wenn ich dir helfen kann, sag mir Bescheid. Sie kommen gleich.

Natalie verengte die Augen, um die Schrift auf dem Bildschirm ihres Notebooks lesen zu können. Das Licht der Nachmittagssonne durchflutete den Raum und ließ den Parkettboden wie Bernstein schimmern. Der warme Schein verlieh dem Büro eine bezaubernde Atmosphäre, sehr passend zu dem Namen Zauberhaft und Unvergesslich, der in goldfarbenen, geschwungenen Buchstaben an der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch prangte.

Sie waren bei Herzgeflüster Hochzeiten, bevor sie zu uns gekommen sind. Es gab einen unschönen Streit, und nun sollen wir alles retten. In einer halben Stunde sind sie hier.

Oh, so bald schon. Ihr Blick flog über die Zeilen. Die Namen des Brautpaares, Leonie Lembke und Sebastian Rieckhoff, sagten Natalie nichts. Der Hochzeitstermin war in vier Wochen – herausfordernd, fand sie. Die wenigen Zeilen ihrer Assistentin Emily sagten klar, dass dieses Paar wahrscheinlich einiges an Arbeit erfordern würde.

Aber das schreckte sie nicht ab, im Gegenteil, sie mochte Herausforderungen. Als Hochzeitsplanerin war sie dafür geschaffen, sich schwierigen Aufgaben zu stellen und jedes Problem zu lösen. Das war wohl die letzte Chance, von der Kathleen gesprochen hatte.

Es war nicht das erste Mal, dass sie beim Gedanken an ihre Chefin ahnte, wie sich Hass anfühlte. Kathleen war eine ehrgeizige Frau, deren Priorität darin bestand, Geld zu verdienen. Wie so jemand ausgerechnet darauf gekommen war, eine Hochzeitsplanungsagentur zu gründen, das konnte Natalie nicht verstehen.

Sie hoffte, dass ihre Chefin hinter der herben Fassade jemand war, der sich mit anderen Menschen freute oder ihnen Glück wünschte. Von ihrem Team jedenfalls wurde Kathleen gefürchtet und hinter ihrem Rücken als »Eiskönigin der Herzen« tituliert. Vor allem auf Natalie hatte ihre Chefin es abgesehen.

Manchmal kam es ihr vor, als gäbe Kathleen ihr absichtlich die schwierigsten Kunden. Aber selbst bei den anspruchsvollsten Paaren gab es Augenblicke, in denen Natalie wusste, warum sie sich für diesen Beruf entschieden hatte. So war es auch bei Sina und Finn gewesen, die zunächst mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen über ihre Traumhochzeit zu Zauberhaft und Unvergesslich gekommen waren.

Die Erinnerung zauberte ein Lächeln auf Natalies Gesicht. Mit den Fingern strich sie über das Hochzeitsfoto, das sie heute von Sina bekommen hatte, mit einem Dankesschreiben. Natalie stand auf, um das Bild zu den anderen Fotos glücklicher Paare zu hängen, die eine Wand ihres Büros schmückten. Gab es einen besseren Beweis, wie wichtig ihre Tätigkeit war? Ihr Blick blieb etwas länger an dem großformatigen Bild eines älteren Paares hängen, das vor einem Leuchtturm stand und sich glücklich in die Augen sah. Es war für beide der zweite Versuch – und sie hatten den Glauben an die Liebe nicht aufgegeben.

Ein Seufzer entwich Natalies Lippen, als sie daran dachte, dass man auch in reiferem Alter sein Glück finden konnte. Wenn sie die Fotos betrachtete, wusste Natalie, dass es die wahre Liebe gab. Für sie selbst lag das Liebesglück jedoch in weiter Ferne, wie ein schöner Traum.

Sie schloss für einen Moment die Augen, da klopfte es an der Tür, und Emily schaute herein. »Das Brautpaar ist da.«

»Danke. Bringst du uns bitte Tee oder Kaffee und Gebäck?«

»Selbstverständlich.« Emily zwinkerte ihr zu und öffnete die Tür, damit das Paar eintreten konnte. »Frau Uphoff erwartet sie bereits.«

Natalie erhob sich und ging ihren Kunden entgegen. »Willkommen und guten Tag.« Sie lächelte herzlich, schüttelte beiden die Hand und deutete auf die kleine Sitzgruppe, die mit hochzeitsweißem Stoff bezogen war, ebenso wie die Stühle. »Bitte nehmen Sie Platz.«

Das Paar wechselte einen innigen Blick. Die Braut, eine junge Frau mit langen blonden Haaren und einem perfekt gestylten Outfit, sah sich in Natalies Büro um und nickte zufrieden. Der Bräutigam, ein großer, attraktiver Mann mit dunklem Haar und charmantem Lächeln, setzte sich hin, während die Braut sich neben ihm niederließ, ihre Finger ineinander verschränkt. Natalie bemerkte die Anspannung in ihren Augen.

»Was kann Zauberhaft und Unvergesslich für Sie tun?«, fragte Natalie, ihre Stimme warm und einladend. »Sie haben sich von Ihrem Hochzeitsplaner getrennt? Was ist passiert?«

Die Braut begann sofort zu sprechen, als hätte sie nur darauf gewartet, gefragt zu werden. »Wir möchten in einem Herrenhaus feiern, das ich als Kind gesehen und in das ich mich sofort verliebt habe. Ich muss es für unsere Hochzeit bekommen. Bitte.« Sie holte kurz Luft, um dann sofort weiterzureden. »Außerdem habe ich klare Vorstellungen von der Dekoration, von denen ich nicht abweichen werde. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber ich möchte einfach, dass alles perfekt ist. Denn schließlich heiratet man nur einmal im Leben.«

Um Bestätigung heischend sah sie ihren Liebsten an, der lächelte und nickte. Aha, dachte Natalie, die Braut ist diejenige, die alles entscheidet. Das sah sie nicht zum ersten Mal. Dann wandte sie die Aufmerksamkeit wieder den beiden zu und machte sich erste Notizen auf ihrem Notebook. Hoffentlich stand das Herrenhaus überhaupt für eine Hochzeitsfeier zur Verfügung.

Sebastian fuhr sich durch das Haar, als versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. »Die andere Agentur konnte uns das Gut nicht besorgen, obwohl sie es versprochen hatten. Es war einfach … enttäuschend.«

Leonie nickte, und die Traurigkeit, die in ihren großen, blauen Augen schimmerte, war nicht zu übersehen. »Es war nicht nur der Gutshof«, flüsterte sie. »Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.«

»Das tut mir leid«, sagte Natalie sanft, »ich verstehe, wie wichtig dieser Tag für Sie ist. Wie weit sind Sie denn mit der Planung gekommen?«, fragte sie behutsam.

»Die Trauung hat bereits stattgefunden. Wir haben auf Bali geheiratet, da haben wir uns kennengelernt.« Leonie hob die Hand ans Herz. »Wir brauchen nur die Feier mit unseren Freunden und Familien.«

»Und für das Eheversprechen vor allen«, ergänzte Sebastian mit einem liebevollen Blick zu ihr.

»Das klingt wunderbar!«, erwiderte Natalie. »Wenn ich es richtig verstehe, muss die Location noch gebucht werden? Was steht bereits fest?«

Leonie tauschte einen Blick mit Sebastian, bevor sie antwortete: »Nun, wir haben die Gästeliste erstellt und eine Internetseite mit Geschenkwünschen eingerichtet.«

Natalie nickte ihr zu. »Das ist ein fantastischer Anfang! Und was ist mit dem Programm für die Feier? Gibt es dazu schon Überlegungen?«

Ein kurzes Schweigen entstand, während das Paar verlegen zu Boden sah. Schließlich durchbrach Sebastian die Stille: »Ähm, ja … da wird es etwas knifflig. Tatsächlich stehen wir noch ganz am Anfang.«

»Haben Sie eine Floristin?« Natalie prüfte ihre Liste. »Catering? Musik? Fotografen oder Videografen? Und Hotelzimmer für die Gäste?« Als sie aufschaute, blickte sie in betretene Gesichter.

»Die Blumen«, wiederholte Leonie, und ihre Stimme klang ein wenig unruhig. »Ach, die habe ich ganz vergessen! Und einen Fotografen, Sebastian?«

»All das fehlt uns noch«, pflichtete er bei. »Leider. Es gibt bisher kein Programm für die Feier.«

»Wir dachten, Sie könnten uns helfen, alles in den Griff zu bekommen«, sagte Leonie und sah Natalie erwartungsvoll an. »Ich bin mir sicher, Sie haben Ideen, oder?«

»Oh, absolut!«, antwortete Natalie. »Lassen Sie uns gemeinsam träumen! Wir fangen von vorne an und sammeln Ihre Wünsche. Ihr großer Tag soll strahlen wie der perfekte Sonnenuntergang auf Bali, genau wie Sie es sich erträumt haben!«

»Das wäre wunderbar.« Leonies Stimme zitterte so sehr, dass Sebastian nach ihrer Hand griff und sie drückte.

»Wir gehen Schritt für Schritt vor und gestalten gemeinsam Ihre Traumhochzeit.« Natalie blickte wieder auf ihre Liste. »Was ist mit dem Catering? Haben Sie schon eine Idee, was es zu essen geben soll?«

»Nur die Hochzeitstorte ist mir wichtig.« Die Braut zuckte mit den Schultern. »Sonst muss es auf jeden Fall etwas für unterschiedliche Bedarfe geben. Glutenfrei, für Veganer, Sie wissen schon. Ich möchte nicht, dass jemand hungrig bleibt.«

»Da wird sich bestimmt etwas finden lassen.« Natalie lächelte und tippte weiter auf ihr Notebook ein. »Und was ist mit der Musik? Haben Sie schon eine Band oder einen DJ im Kopf?«

Die Braut zögerte. »Nun, ich dachte an Dreamplay, eine Coldplay-Coverband. Sebastian und ich lieben Coldplay. Allerdings weiß ich nicht, ob Dreamplay verfügbar ist.«

Natalie nickte, schaute auf ihre Notizen und überlegte einen Moment. »Wie wäre es, wenn wir uns um die Band kümmern? Wir haben hier einige Kontakte und können bestimmt jemanden finden, der genauso gut ist wie die Band, die Sie sich wünschen, falls die bereits verplant ist.«

»Das wäre großartig! Ich kann auch mit einem DJ leben, wenn er unseren Musikgeschmack versteht.« Die Braut nickte erleichtert. »Denn das Wichtigste …«

Urplötzlich brach sie in Tränen aus, sie schluchzte herzzerreißend – ein Stimmungswechsel, den Natalie schon oft bei Bräuten erlebt hatte. Fragend sah sie den Bräutigam an.

Er zuckte mit den Schultern und strich seiner Liebsten etwas hilflos über den Rücken. »Leonie möchte unbedingt auf Gut Boltendorf auf Rügen heiraten.« Er lächelte entschuldigend. »Ich bin ganz ehrlich, Sie sind unsere dritte Hochzeitsplanerin. Denn die anderen haben es nicht geschafft, die Location zu bekommen.«

Rügen!, konnte Natalie nur denken. Warum muss es ausgerechnet Rügen sein? Das hatte Emily ihr nicht aufgeschrieben, sonst hätte sie sich besser vorbereiten können. Glücklicherweise war der Bräutigam damit beschäftigt, die Braut zu trösten, sodass er nicht bemerkte, wie aufgewühlt Natalie auf einmal war.

»Haben Sie eine Alternative angedacht, falls auch wir das Herrenhaus nicht bekommen können?«

»Nein!«, stieß die Braut aus und schluchzte so heftig, dass sie Schluckauf bekam. »Ich will weder auf der Seebrücke Sellin noch im Schloss Ranzow feiern. Es soll das Gut Boltendorf sein. Das oder keines!«

»Können Sie uns helfen?«, fragte Sebastian sie schließlich in verzweifeltem Tonfall. »Geld spielt keine Rolle.«

Nachdem Natalie zweimal tief durchgeatmet hatte, sagte sie: »Sie haben Glück. Ich habe gute Kontakte nach Rügen. Außerdem ist es unser Motto, das Unmögliche möglich zu machen.«

Sie hoffte, dass ihr Lächeln ermutigend war und dass weder Braut noch Bräutigam das leichte Zittern in ihrer Stimme bemerkten.

»Danke. Wir schicken Ihnen eine Liste mit unseren Wünschen.« Er erhob sich, woraufhin Leonie ebenfalls aufstand. Ihr Blick war der eines waidwunden Rehs.

»Bitte, Sie sind meine letzte Hoffnung.« Sie nahm Natalies Hand zwischen ihre. »Wenn Sie Rügen kennen, werden Sie Gut Boltendorf für mich bekommen, oder?«

»Ich kümmere mich sofort darum.« Natalie bemühte sich, Kompetenz auszustrahlen und nicht auf ihr pochendes Herz zu hören, das bei dem Gedanken daran, auf die Insel zurückzukehren, aus dem Takt geriet.

»Ich rede mit meinen Kollegen und fahre höchstpersönlich dorthin, um alles für Sie zu arrangieren.«

»Lassen Sie sich bitte nicht zu lange Zeit.« Der Bräutigam sah sie flehend an. »Wir müssen unseren Gästen endlich einen Ort nennen.«

»Das wird schon. Vertrauen Sie mir.«

Natalie wartete, bis das Paar ihr Büro verlassen hatte, bevor sie einen tiefen Seufzer ausstieß. Diese Feier klang ausnehmend herausfordernd. Das Herrenhaus, von dem die Braut so begeistert war, stand anscheinend für Feierlichkeiten nicht zur Verfügung. Außerdem hatte Leonie sehr genaue Vorstellungen und schien nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Und dann Rügen! Natalie hatte eigentlich gehofft, die Insel hinter sich gelassen zu haben.

Also blieb ihr nur eines: Sie musste mit ihrer Chefin sprechen. Kurz entschlossen stand sie auf und ging die paar Schritte zu deren Büro. Es war doppelt so groß wie ihr eigenes, mit moderner Kunst an den Wänden. Natalie blieb in der geöffneten Tür stehen und lehnte sich an den Rahmen.

»Kathleen, hast du einen Moment für mich?«

»Sind Leonie Lembke und Sebastian Rieckhoff zufrieden?« Ihre Chefin sah kurz auf und schüttelte ihren blonden Bob. »Ich habe ihnen einen saftigen Preisaufschlag gegeben, weil wir nur dritte Wahl für sie waren.«

Kathleen hasste es, wenn andere Hochzeitsplaner den Vorzug erhielten. Und sie liebte es, wenn die Konkurrenz scheiterte. Etwas, was Natalies Anliegen nicht gerade vereinfachte.

»Es wird schwierig, diese Hochzeit in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen«, sagte sie schließlich. »Vor allem bei den Vorstellungen, die die Braut hat.«

Ihre Chefin sah sie mit bohrendem Blick aus eisig blauen Augen an. »Warum denkst du das?«

Natalie zögerte. Sie wollte nicht unprofessionell wirken, nicht nach den harschen Worten, die Kathleen in der letzten Nachbesprechung zu ihr gesagt hatte. Doch sie musste ehrlich sein. »Nun, das Herrenhaus steht wohl nicht für Feiern zur Verfügung. Außerdem ist die Braut sehr perfektionistisch. Ihr scheint nicht klar zu sein, wie wenig Zeit uns bleibt.«

»Ja, das kann herausfordernd werden.« Ihre Chefin nickte. »Aber du bist ja eine erfahrene Hochzeitsplanerin. Ich bin sicher, dass du das hinbekommst. Eine Partnerin schafft so etwas mit links.«

Natalie nickte und konzentrierte sich auf die Geräusche des Büros, um nicht mit einer Antwort herauszuplatzen. Das Summen der Computer, das Tippen auf Tastaturen und das gelegentliche Klingeln der Telefone wirkte seltsam beruhigend auf sie, sodass sie ihre Gedanken fokussieren konnte. Partnerin in der renommiertesten Hochzeitsplanungsagentur der Stadt, dachte sie und ließ die Worte in ihrem Inneren widerhallen. Es klang so verlockend, so greifbar und doch so unendlich schwer zu erreichen. Wie oft hatte Kathleen ihr die Partnerschaft als Angebot hingehalten, ohne dass es je zu einem Vertrag gekommen war?

»Also gut«, erwiderte sie schließlich und sah ihre Chefin herausfordernd an. »Wenn es mir gelingt, diese Hochzeit zu einem Erfolg zu bringen, machst du mich zur Partnerin.«

Kathleen starrte zurück, doch Natalie wendete den Blick nicht ab. Das Schweigen war ihr unangenehm, aber sie hielt es aus.

»Also gut«, brach Kathleen schließlich die Stille. »Wir haben einen Deal.«

Nun blieb nur noch eine Frage, allerdings hatte die es in sich. Natalie schluckte trocken, bevor sie die Worte aussprach: »Verdienen wir genug an dem Projekt, dass ich mich ganz auf Leonie Lembke und Sebastian Rieckhoff konzentriere?«, fragte sie. »Dann würde ich mich sobald wie möglich mit dem Wohnwagen nach Rügen aufmachen. Vor Ort lässt sich alles besser regeln.«

Vor drei Jahren hatte sie den Wohnwagen gebraucht günstig erworben und viel Zeit und Geld in dessen Umgestaltung zu einem mobilen Büro gesteckt. So konnte sie ihre Zeit mit Kathleen auf ein Minimum beschränken und war flexibel bei den Hochzeitsorten.

»Meinetwegen. Besprich das mit den Kolleginnen.« Mit einem Winken entließ die »Eiskönigin der Herzen« Natalie und sah nicht einmal von ihrem Bildschirm auf.

»Danke.« Natalie nickte, auch wenn Kathleen das nicht sehen konnte. Erneut spürte sie einen Kloß in ihrem Hals, doch sie wollte es sich nicht anmerken lassen. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich gegen die Wand, um tief Luft zu holen.

Sie hatte Kathleen ein Versprechen abgenommen. Wenn sie diesen Job gut erledigte, würde sie endlich die ersehnte Partnerschaft bekommen. Dafür würde sie sogar nach Rügen zurückkehren. Auf die Insel, auf die sie nie wieder hatte reisen wollen. Aber die Partnerschaft war es wert.

Ihr linkes Augenlid begann nervös zu zucken, ein Tic, den sie eigentlich für überwunden gehalten hatte.

3

Noch 26 Tage bis zur Feier

Zum Glück waren ihre Kolleginnen sehr verständnisvoll, als Natalie sie bat, einige der anstehenden Hochzeitsprojekte zu übernehmen. Dabei spielte sicher die Erleichterung eine Rolle, dass sie selbst von dem schwierigen Auftrag verschont blieben. Nachdem sie das Okay erhalten hatte, sich ganz auf das neue Brautpaar konzentrieren zu können, besprach Natalie kurz mit Emily, was zu organisieren war, und kehrte in ihr Büro zurück. Dort setzte sie Wasser für einen Tee auf – so gestärkt konnte sie dann in Ruhe das weitere Vorgehen planen.

Solange der Chai-Tee zog, öffnete Natalie die Datei mit den Daten zu Leonie und Sebastian. Im Kopf nannte sie ihre Brautpaare immer beim Vornamen, um ihnen näher zu sein, während sie im Gespräch meist bei der formellen Anrede blieb. Natalie starrte auf den Bildschirm vor sich, wo sie die Liste der anstehenden Aufgaben geöffnet hatte. War die Hochzeit wirklich zu schaffen, selbst wenn es ihr gelingen sollte, das Gut zu bekommen? So vieles hätte längst erledigt sein müssen.

Rügen also. Erinnerungen stiegen in ihr auf, an Florian und ihre Freunde. An seinen Betrug und ihren Verrat. Sie atmete tief durch, schüttelte den Kopf, um sich von der aufsteigenden Panik zu befreien, und konzentrierte sich auf den Gedanken, dass die ersehnte Partnerschaft zum Greifen nahe war.

Verflixt!

Wie konnte es nur sein, dass sie es noch immer nicht überwunden hatte? Vor zehn Jahren hatte sie die Insel verlassen, damals hieß sie noch Nina und hatte sich in Schwerin als Natalie, ihrem zweiten Vornamen, neu erfunden. Als Nina trug sie die hellbraunen Haare offen oder in einem praktischen Pferdeschwanz, Jeans und T-Shirt waren ihre liebsten Kleidungsstücke im Sommer, im Winter tauschte sie die T-Shirts gegen dicke Norwegerpullover aus, die Jeans blieb. Wimperntusche und Lipgloss genügten ihr als Make-up, ihr Äußeres nahm sie nicht so wichtig. Vielleicht war das ihr Fehler gewesen.

Daher hatte sie in Schwerin auf Veränderung gesetzt: blonde Strähnen in den halblangen Haaren, die Augenbrauen perfekt gezupft, Concealer, Primer, Foundation und Highlighter waren keine Fremdworte mehr, sondern Teil ihrer morgendlichen Routine. Jeans und T-Shirt trug sie in ihrer Freizeit, im Büro bevorzugte sie elegante Kostüme oder Hosenanzüge in klassischen Farben: Dunkelblau, Anthrazit mit Nadelstreifen, Schwarz oder Rostrot.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis jemand auf der Insel heiraten wollte. So weit war es schließlich nicht von Schwerin, wo Natalie lebte und arbeitete, nach Rügen mit seinen romantischen Orten, Seebädern und wunderschönen Seebrücken. Es war eher erstaunlich, dass es nicht schon früher passiert war. Ob sie dort jemanden treffen würde, der sie erkannte?

Natalie trank einen Schluck Tee, der sie wärmte, aber ihr Herz nicht beruhigte. Ein Verdacht beschlich sie: Hatte Kathleen bewusst dieses Paar und diesen Ort gewählt, um auf jeden Fall sicherzustellen, dass Natalie niemals Partnerin würde? Nein. Natalie schüttelte den Kopf – sie sah wohl schon Gespenster. Niemandem bei Zauberhaft und Unvergesslich hatte sie von Florian erzählt, so gut kannte sie ihre Kolleginnen nicht.

Inzwischen war genug Zeit vergangen, und Natalie sollte mit Rügen und ihrer Geschichte abgeschlossen haben. Jedenfalls hatte sie das gedacht, bis das Brautpaar Gut Boltendorf erwähnt hatte.

Ein kühler Hauch des Herbstes wehte durch das halb geöffnete Fenster. Von draußen drangen Geräusche der Stadt zu ihr herein, das Hupen von Autos, die Schritte von Fußgängern, das Bimmeln der Straßenbahn.

Doch Natalie roch den salzigen Geruch des Meeres, hörte das Geschrei der Möwen, wie sie über den Wellen kreisten und ihre schrillen Rufe in die Luft warfen, als würden sie ihre Traurigkeit in den Himmel singen. Ein kalter Luftzug strich über ihre Arme und ließ eine Gänsehaut auf ihrer Haut entstehen.

Natalie schloss die Augen. Sie spürte fast den Sand zwischen ihren Zehen, vernahm das sanfte Plätschern der Wellen und beobachtete die Sonne, wie sie langsam im Meer versank. Immer noch konnte sie Florians Rasierwasser riechen und fühlte seine Schulter, an die sie sich damals so oft angelehnt hatte. Mit ihm hatte sie ihr Leben verbringen wollen, aber für ihn war sie nur eine Episode gewesen.

Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie ihre Augen wieder. Natalie nahm einen Schluck Tee und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Es war an der Zeit, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen und sich auf die Gegenwart und die Zukunft zu konzentrieren. Rügen mochte ihr Wunden verursacht haben, doch das lag hinter ihr. Heute fand sie ihr Glück darin, als Hochzeitsplanerin anderen dabei zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen.

Mit einem entschlossenen Lächeln stand Natalie auf, rückte ihren Stuhl zurecht und strich über das Dossier auf dem Schreibtisch. Sie würde ihre Geschichte selbst schreiben und ihren eigenen Weg gehen. Es war Zeit, den Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen und im Hier und Jetzt zu leben. Sie würde als eine andere Frau nach Rügen zurückkehren, eine stärkere Frau, eine klügere Frau.

Bevor sie sich dem Brautpaar widmen konnte, klingelte das Telefon.

»Es ist Frau Rieckhoff, die Mutter des Bräutigams«, flüsterte Emily, nachdem Natalie sich gemeldet hatte. »Sie klingt ziemlich schwierig. Ich stelle sie durch.«

»Danke«, sagte Natalie, wartete, bis Emily aufgelegt hatte, bevor sie sich meldete: »Natalie Uphoff, Zauberhaft und Unvergesslich.« Sie versuchte, freundlich zu klingen, obwohl es ungewöhnlich war, dass sich die Eltern einschalteten.

»Mein Sohn und seine … Frischangetraute waren eben bei Ihnen«, sagte Frau Rieckhoff in strengem Ton. »Ich möchte mit Ihnen über die Feier sprechen.«

Natalie seufzte innerlich. Sie ahnte, dass ihr ein weiteres schwieriges Gespräch bevorstand. »Natürlich, was kann ich für Sie tun?«

Sofort begann die Mutter des Bräutigams, ihre Vorstellungen darzulegen. »Es soll eine Märchenfeier sein. Daher sollen die Blumen dies widerspiegeln. Pink und Lavendel stelle ich mir vor.«

»Eine sehr schöne Kombination. Haben Sie das mit der Braut besprochen?«

Frau Rieckhoff überging Natalies Frage und sprach einfach weiter. »Beim Catering habe ich an Essenspoesie gedacht, die Besten hier in Schwerin.«

Natalie hörte geduldig zu und machte sich Notizen. Allerdings fragte sie sich, warum viele Menschen so perfektionistisch waren, wenn es um ihre Hochzeit ging. Sollte es sich nicht eigentlich darum drehen, den Menschen zu heiraten, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen wollte?

Sie schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch. »Halten Sie es nicht für besser, jemanden auf Rügen zu suchen?«

Ein Moment des Schweigens folgte Natalies Worten, als wäre Frau Rieckhoff es nicht gewohnt, infrage gestellt zu werden.

»Wenn es denn sein muss. Aber die Qualität sollte der von Essenspoesie entsprechen.«

»Ich werde mein Bestes tun.«

»Und bei der Musik setzen Sie bitte ebenfalls auf Qualität, nicht auf irgendeine Coverband.«

»Dreamplay – die haben mir das Brautpaar genannt.«

»Auf keinen Fall. Suchen Sie etwas Feierlicheres.«

»Selbstverständlich.«

»Ich erwarte Ergebnisse.«

Natalie seufzte, denn sie wollte diese Hochzeit so gestalten, wie das Brautpaar und dessen Familien es sich wünschten. Doch sie konnte sich nicht gegen das Stimmchen in ihrem Hinterkopf wehren, das fragte, ob es das wert war, sich so viel Stress und Druck auszusetzen.

»Das mit dem Gutshaus, also das ist auch so ein Spleen von Leonie.« Die Schwiegermutter klang überaus ungnädig. »Rügen soll es sein, aber schauen Sie dort ruhig auch nach anderen Locations.«

»Selbstverständlich.« Natalie bemühte sich um ein Lächeln und um professionelle Geduld. »Ich habe schon ein paar Ideen.«

»Die stimmen Sie mit mir ab. Schließlich zahlen mein Mann und ich den Löwenanteil.«

»Das ist eher ungewöhnlich«, rutschte es Natalie heraus. Üblicherweise übernahmen die Eltern der Braut diese Kosten, und daher waren es auch üblicherweise die Bräute, die den meisten Einfluss auf die Hochzeitsplanung nahmen.

»Wir können es uns leisten.« Frau Rieckhoff wirkte sehr selbstzufrieden. »Leonies Familie nicht unbedingt.«

Dann legte sie auf, ohne sich von Natalie zu verabschieden. Das konnte ja heiter werden.

Auch wenn sie bereits wusste, dass die Vorstellungen der zukünftigen Schwiegermutter von denen der Braut deutlich abwichen, beließ Natalie es dabei, alles einmal festgehalten zu haben. Was sie später daraus machte, würde sie sich in Ruhe überlegen. Nun galt es, die Reise nach Rügen zu planen und einen Termin im Gut Boltendorf zu bekommen. Und dafür brauchte sie Tee und ein paar Schokoladenkekse.

Während sie den Gehweg entlangschlenderte und auf ihre liebste Bäckerei zuging, wählte sie die Nummer ihrer Eltern.

»Hallo, Mama«, sagte sie, nachdem ihre Mutter sich gemeldet hatte. »Ich wollte euch nur schnell Bescheid geben, dass ich für eine Hochzeit nach Rügen fahre.«

Statt einer Begrüßung erhielt sie Stille als Antwort.

Natalie stellte sich vor, wie sie in einen anderen Raum ging, um in Ruhe mit ihr zu sprechen. Seit ihre Eltern nach Portugal ausgewandert waren, weil ihre Mutter aus gesundheitlichen Gründen auf Wärme angewiesen war, telefonierten sie lediglich in unregelmäßigen Abständen. Aber sie vermisste sie. Ab und zu hatte sie überlegt, ihnen zu folgen, doch sie brauchte einen Job, und sie liebte ihre Arbeit als Hochzeitsplanerin, selbst mit Kathleen und perfektionistischen Brautpaaren und deren Eltern.

Dann hörte Natalie, wie ihre Mutter das Telefon an ihren Vater weiterreichte und unüberhörbar flüsterte: »Jarno, die Kleine will wieder nach Hause.«

»Bist du sicher, Birte?«, hörte Natalie ihren Vater fragen und lächelte.

»Ninchen«, sagte ihr Vater lauter in den Hörer, »ist das wirklich eine gute Idee?«

Natalie zögerte, schloss die Augen und erinnerte sich an ihre gemeinsamen Wochenenden auf der Rügensand. Vor ihrem inneren Auge tauchte das Bild des zerklüfteten Küstenabschnitts von Rügen auf. Sie hörte das ferne Kreischen der Möwen, das ihr ein Gefühl von Heimat vermittelte, das sie kaum ertragen konnte.

»Ich weiß es nicht, Papa«, antwortete sie ehrlich. »Mein Job erfordert es, und vielleicht … vielleicht ist es auch an der Zeit.«

»Ich stell dich mal auf laut.«

»Kleines.« Ihre Mutter seufzte. »Liebling, bist du stark genug, um zurückzukehren? Wir sind immer für dich da, egal, wohin du gehst.«

»Danke, ihr beiden«, flüsterte Natalie. »Ich liebe euch.«

Wie jedes Mal, wenn sie mit ihren Eltern sprach, fühlte sie sich besser. Sie vermisste die beiden und konnte es nicht erwarten, sie spätestens Weihnachten wiederzusehen. Jedes Jahr feierte Natalie gemeinsam mit ihnen in Portugal.

»Wir dich auch, Kind«, antworteten ihre Eltern fast wie aus einem Mund. »Melde dich, wenn du angekommen bist.«

»Versprochen. Ich muss auflegen.« Sie hatte die Bäckerei erreicht.

Noch 24 Tage bis zur Feier

Zwei Tage später tuckerte Natalie mit ihrem Auto, hinter das sie den Wohnwagen gespannt hatte, über die lange Rügen-Brücke, die sich majestätisch über das tiefblaue Wasser der Ostsee erstreckte. Die hohen weißen Brückenpfeiler, an Stahlseilen vertäut, waren unverkennbar. Je näher sie dem hohen Brückenpfeiler kam, desto mehr sah er aus wie ein H, zwei Streben an den Seiten und eine Mittelstrebe, flankiert von schweren Stahltrossen, die an dem blauen Brückengeländer befestigt waren. Überraschend wenig Verkehr herrschte auf der grauen Straße. Sicherlich, weil die Saison bereits vorbei war.

Als ihr Wagen die Anhöhe überwunden hatte, tauchte vor ihr das Wasser der Ostsee auf und Rügens Ufer, der Insel, die einmal ihre Heimat gewesen war. Am liebsten wäre Natalie rechts rangefahren, aber das war nicht möglich. Daher verlangsamte sie ihren Wagen etwas, um den Anblick in sich aufzunehmen, das blaugraue Wasser, die herbstlich bunten Bäume an der gegenüberliegenden Seite. Darüber der Horizont und ein graublauer Herbsthimmel, über den vereinzelte weißgraue Wolken zogen. Obwohl sie nicht erwartet hatte, je wieder hierhin zurückzukehren, erinnerte sie sich an ihr Leben auf der Insel, an die Schifffahrten mit ihrem Vater, an sorglose Sommertage am Strand.

Der sanfte Wind strich durch das offene Fenster und wirbelte durch ihre dunkelblonden Haare, während sie die frische Luft tief einatmete. Die Aussicht auf das glitzernde Wasser und die nahende Küste weckte das Gefühl von Freiheit in ihr. Sie hatte ganz vergessen, wie wunderschön es hier war.

Als sie die Insel erreichte, begrüßte sie ein Meer von sattem Grün. Die Landschaft war von üppigen Wiesen, malerischen Feldern und dichten Wäldern geprägt. Sie folgte der B96, die sie mitten durch die Insel führte, bis kurz vor Binz. Dort entdeckte sie ein Schild, das auf den Campingplatz hinwies.

Natalie hatte den kleinen Platz ausgewählt, weil er nahe an Binz lag und über eine charmante Internetseite verfügte. Die Zeile »Das Leben ist wie ein Zeltplatz – an jedem neuen Ort kannst du ein bisschen Heimat finden, wenn du nur dein Herz dafür öffnest« hatte Natalie sofort angesprochen, und sie war gespannt, die Besitzerin Svenja Marten persönlich kennenzulernen.

Sie bog nach links ab und erreichte den Platz, der am Rand eines idyllischen Waldstücks lag. An der Schranke gab sie den Zugangscode ein, den sie per E-Mail erhalten hatte. Über Sandwege erreichte sie den Stellplatz, den die Betreiberin ihr zugewiesen hatte. Dort parkte sie ihren Wohnwagen unter Schatten spendenden Bäumen und genoss die beruhigende Stille.

Langsam verdrängte Vorfreude die Sorge über ihre Rückkehr nach Rügen. Sie würde schon niemandem von früher über den Weg laufen. Und selbst wenn … sie war nicht mehr die Nina von damals. Nina war ein liebes, aber leider naives Mädchen gewesen, Natalie war eine erwachsene Frau, die ihren Weg ging.

Nachdem sie aus dem Auto ausgestiegen war, kuppelte sie den Wohnwagen ab. Sie suchte die Stromsäule, auch hier galt ihr Zugangscode, und schloss den Strom an. Wasser hatte sie noch im Tank. Sie machte sich frisch und begab sich auf die Suche nach dem Büro der Campingplatz-Betreiber. Gebucht hatte sie online und dort erfahren, dass sie noch einige Formulare vor Ort ausfüllen musste. Das wollte sie so schnell wie möglich hinter sich bringen, denn sie hatte heute noch einen Termin mit Patrick Schneidereit, dem Eigentümer von Gut Boltendorf.

Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, weil sie sich direkt wohlfühlte. Das leise Rascheln der Blätter und das Zwitschern der Singvögel schufen eine einzigartige Atmosphäre.

Bin unterwegs. Heute Abend zurück. Svenja

Nur diese kurze Notiz hing an der Bürotür. Natalie stieß lautstark die Luft aus. Sie mochte es nicht, wenn ihre Pläne durchkreuzt wurden. Dann jedoch sah sie sich um, spürte die Herbstsonne auf der Haut, roch Gras und das Harz der Bäume, und der Ärger war verflogen.

Nun gut, also würde sie sich vor dem Wohnwagen in die Sonne setzen und sich bis zu ihrem Termin eine Pause gönnen. Und wenn es noch länger dauerte, würde sie die Zeit nutzen, sich noch einmal mit Gut Boltendorf und Patrick Schneidereit zu beschäftigen.

4

Endlich wieder zu Hause! Lukas atmete tief ein und sah sich in seinem geliebten Garten um. Die vergangene Woche war er auf einer Fortbildung in Rostock gewesen, das Wochenende hatte er bei seinen Eltern in Thiessow verbracht, bevor die beiden zu einer sechsmonatigen Kreuzfahrt aufbrachen, und heute Vormittag war er im Rathaus gewesen. Seinen Reisepass zu verlängern, hatte länger gedauert als erwartet, und Lukas hatte sich gefragt, ob sich der Aufwand überhaupt lohnte. Schließlich plante er keine große Reise in nächster Zeit. Eigentlich wollte er überhaupt nicht von Rügen weg. Hier bekam er alles, was er brauchte. Und was es auf Rügen nicht gab, konnte er im Internet bestellen. Trotzdem hatte er den Pass verlängert, man wusste ja nie …

Die Fortbildung hatte er interessant gefunden, aber Rostock war ihm viel zu groß. Selbst Binz war ihm heute zu hektisch gewesen, zu viele Menschen, zu viel Verkehr, zu viele Geräusche und Gerüche. Er zog die Ruhe und Beschaulichkeit seines Gartens vor.

Das frisch gefallene Laub knirschte unter seinen Stiefeln wie das verheißungsvolle Flüstern des Herbstes. Um ihn herum waren die Pflanzen ein Kaleidoskop aus warmen Farben.

Die Spuren des Herbstes waren unverkennbar: Kürbisse leuchteten in dem Meer der verblassten Blüten und verliehen dem Garten einen melancholischen Zauber.

Sein Blick fiel auf eine kleine Gruppe von Astern, deren feine Blütenblätter im Licht schimmerten. »Ihr seid die Letzten, die uns einen Hauch von Sommer schenken«, sagte er und kniete sich hin, um die Pflanzen zu bewundern. Er liebte seinen Garten.

Genau genommen war es der Garten von Gut Boltendorf und gehörte Patrick Schneidereit, aber da Lukas sich seit zwei Jahren darum kümmerte, ihn gestaltete, ihn entwickelte und mit ihm lebte, fühlte es sich für ihn an, als wäre es seiner. Allerdings musste er alle Gestaltungsideen mit Patrick absprechen. Bisher hatte sein Chef nichts abgelehnt, sodass Lukas schalten und walten konnte, wie er es wollte.

»Na, wie hast du dich in der Woche ohne mich verändert?«, fragte er leise, als könnte ihm jemand antworten, und sah sich um. Der Herbst bot alles an Farben auf, was er konnte. Neben dem strahlenden Gelb des Sonnenhuts mit seiner dunklen Mitte zogen die Astern, die in allen erdenklichen Rosa- und Violetttönen blühten, Lukas’ Aufmerksamkeit auf sich.

Nachdem er ein paar verblühte Pflanzen abgezupft hatte, schlenderte er zur wilden Kapuzinerkresse und den Sonnenblumen, die in voller Blüte standen. Ihre gelben und orangefarbenen Köpfe nickten sanft im Wind und brachten einen Hauch von Sommer hinein. Lukas beugte sich vor, um die Blumen prüfend zu mustern. Im August hatte er ein Läuseproblem an der Kresse gehabt, das er mit einem Sud aus Brennnessel und Ackerschachtelhalm bekämpft hatte. Erfolgreich, wie er zufrieden feststellte.

Ein Meer aus Tagetes in verschiedenen intensiven Rot- und Orangetönen schmückte die Beete und lockte mit seinem betörenden Duft Schmetterlinge an. Die Luft war erfüllt von den zarten Noten der spätsommerlichen Kletterrosen. Nichts kam ihrem Duft gleich, Rosen waren einzigartig, nicht umsonst nannte man sie die »Königin der Blumen«.

Die warmen Sonnenstrahlen kitzelten Lukas’ Haut und zauberten ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht. Er spürte den sanften Spätsommerwind, der durch sein Haar strich und ihn mit einer angenehmen Kühle umgab. Nachdem er tief ein- und ausgeatmet hatte, konzentrierte er sich und erstellte im Kopf eine Aufgabenliste. Auf jeden Fall musste er den Rasen mähen und sich um die Rosenbüsche kümmern. Zu seinem Schrecken entdeckte er Sternrußtau an einigen. Außerdem hatte Patrick ihn gebeten, den Rhododendron umzusetzen – das hatte also Priorität.

Während Lukas langsam und aufmerksam durch den Garten ging, entdeckte er, dass vereinzelt erste rote Früchte der Herbst-Himbeeren zwischen den sattgrünen Blättern leuchteten. Äpfel hingen schwer an den Bäumen und warteten darauf, geerntet zu werden.