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Ich habe alles, was ich mir je gewünscht habe: Mann, Sohn, Karriere und meinen langjährigen Freundeskreis. Außerdem führen wir ein überaus luxuriöses Leben. Unsere erste gemeinsame Reise nach Mexiko macht unser Glück perfekt. Zwei Wochen, die uns gehören. Wir genießen entspannte Tage unter der karibischen Sonne zwischen weißen Sandstränden und türkisfarbenem Wasser. Ein Traum. Endlich haben wir Zeit füreinander. Dann passiert, was alles verändert. Ein Schicksalsschlag erschüttert mein Leben. Unser Leben. Nichts ist mehr, wie es scheint. Wo bist du? Wem kann ich noch vertrauen?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Bereit
Heute
Vor dreizehn Jahren
Motiviert
Vor dreizehn Jahren:Die Familie
Vor dreizehn Jahren: Die Freunde
Genervt
Heute
Voller Tatendrang
Vor 11 Jahren
Neidisch
Heute
Vor 10 Jahren
Heute
Hass
Vor 10 Jahren
Verliebt
Heute
vor 10 Jahren
Eifersucht
Heute
Vor 10 Jahren
Hoffnung
Vor 10 Jahren
Heute
Erfolg
Vor 10 JAhren
Am Ziel
Heute
Sicherheit
vor 9 Jahren
Heute
Heute
Der Tag der Tage
Heute
Ernüchterung
Begegnung
SIE
Erwachen
Befreit
Sie.
In letzter Zeit macht sich zunehmend Unzufriedenheit in mir breit. Ein Gefühl, das mir bislang fremd war.
Ich denke nach. Woran liegt es?
Dabei blicke ich zurück.
Bisher war mein Leben abwechslungsreich, rasant, aufregend – ausgefüllt mit Partys und einer Vielzahl an Bekanntschaften.
Und dennoch: all dies beginnt mich zu langweilen.
Veränderung. Ich lechze nach Veränderung, nach einem völlig anderen Leben, das sich grundlegend von meinen bisherigen Erfahrungen unterscheidet.
Doch was wünsche ich mir? Welche Vorstellungen von der perfekten Zukunft habe ich?
Nachdenklich nippe ich an meinem Cosmopolitan.
Meine Ziele verändern sich. Ein neues Leben nimmt in meinen Gedanken Gestalt an. Dann sehe ich meine Zukunft glasklar klar vor mir.
Es ist Zeit für Beständigkeit – Familie, Sicherheit, Ruhe und Luxus. Vor allem Luxus.
Ihr Leben. Die Erkenntnis trifft mich schlagartig.
Das ist es, was ich haben will.
Ich will ihr Leben. Und ich bekomme immer, was ich will.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich proste meinem Spiegelbild zu und trinke den Rest meines Cocktails in gierigen Schlücken aus.
Zufrieden grinse ich.
Ich bin bereit.
Erschlagen schäle ich mich aus meiner schwarzen Daunenjacke. Seufzend lege ich sie mit einer nachlässigen Bewegung auf die Kommode.
Was für ein Tag!
Kraftlos quetsche ich mich aus meinen Boots. Nicht gerade anmutig schleudere ich sie quer durch den Hausflur.
Stöhnend reibe ich mir über die Schläfen. Wie so oft nach besonders anstrengenden Tagen merke ich, wie sich Kopfschmerzen anbahnen.
Resigniert betrete ich die cremefarbene Designerküche unseres Appartements. Automatisch schaltet sich die Beleuchtung ein. Ich greife nach einem sauberen Trinkglas. Damit begebe ich mich zum Kühlschrank und fülle es mit kaltem, perlendem Mineralwasser. Ich genieße die Erfrischung, die sich nach und nach in meinem Körper ausbreitet.
Dann halte ich mir das kalte Glas an die Stirn, was meine Kopfschmerzen augenblicklich dämpft.
Wie ich die jetzige Situation einschätze, ist es eher unwahrscheinlich, dass sich der Griff zu einer Kopfschmerztablette vermeiden lässt.
Genervt knalle ich das Glas auf die Spüle und begutachte das benutzte Geschirr, das seit dem Frühstück auf der Küchenarbeitsplatte aus Marmor steht. Auf den Schranktüren ist jeder verdammte Fingerabdruck sichtbar – der große Nachteil einer Hochglanzküche, wie ich allerdings erst nach dem Kauf feststellen konnte.
Soll sich Emilia morgen darum kümmern. Dankbar denke ich an unsere Haushaltshilfe. Glücklicherweise kommt sie drei Mal die Woche, um uns im Haushalt unter die Arme zu greifen.
Das gelingt weder mir, noch Andre in ausreichendem Maße, wird mir zum wiederholten Male klar. Auch wenn ich es gerne anders hätte. Mein Blick wandert über die krümelige Frühstückstheke. Ich brauche Sauberkeit und Ordnung um mich herum. Tatsächlich bin ich grundsätzlich sehr penibel und kann Unordnung nicht ausstehen.
Andre scheint da mehr Glück zu haben. Er ist stets ausgeglichen und nimmt das Chaos entweder nicht wahr oder es gelingt ihm erfolgreich, dieses zu ignorieren.
Andre – mein Fels in der Brandung. Wieder seufze ich auf.
Neben dem Berufsalltag mit seinen Verpflichtungen bleibt das Familienleben leider nicht selten auf der Strecke.
Gerade nach einem solchen Tag frage ich mich, warum ich mir den ganzen Stress antue.
Ich schaue mich in unserer luxuriösen Bleibe um und mir wird bewusst: deshalb.
Ein Maisonette – Appartement in der Baden - Badener Innenstadt bezahlt sich schließlich nicht von selbst.
Wieder macht sich ein bohrender Schmerz in meiner Schädeldecke bemerkbar. Ich kneife meine Augen zusammen und massiere mir die Stirn.
Wenn ich ehrlich bin, wäre die Finanzierung auch ohne Vollzeitjob möglich. Schließlich verdient Andre als erfolgreicher Investmentbanker mehr als genug. Wieder einmal gerate ich ins Grübeln.
Ich liebe meinen Beruf als Kardiologin im städtischen Klinikum. Er bedeutet so vieles für mich: Unabhängigkeit, Erfüllung, Beschäftigung.
Im Gegensatz zu meinem Lebensgefährten sehe ich durchaus die Notwendigkeit, finanziell unabhängig zu bleiben.
Andre bietet mir in regelmäßigen Abständen an, für unser Leben alleine aufzukommen – alle Kosten und jeglichen Luxus zu übernehmen. Er meint es gut und möchte mir den Rücken freihalten.
Es fühlt sich auch gut an, nicht arbeiten zu müssen, sondern sich frei dafür zu entscheiden.
Tatsächlich endet nicht jeder Tag wie dieser. Im Grunde genommen bin ich der festen Überzeugung, dass ich Erfüllung in genau diesem Beruf finde. Helfen.
Retten, was hoffnungslos erscheint.
Glücklich machen. Meine Mundwinkel wandern unmerklich nach oben. Ja, es ist genau das, was ich machen möchte – was ich schon immer machen wollte.
Davon abgesehen bin ich nicht zuletzt aus psychischer Sicht auf die Beschäftigung angewiesen.
Ich brauche eine sinnvolle Beschäftigung, die meine kreisenden Gedanken unterbricht. Arbeit bedeutet schließlich in erster Linie Ablenkung.
Ich brauche die Beschäftigung, wie andere Menschen die Luft zum Atmen.
Also schleppe mich Stufe für Stufe ohne ersichtliche Energie die Treppe hinauf. Auch wenn es sich um wenige Meter handelt, halte ich inne, als ich oben ankomme.
Erneut fasse ich mir die Stirn. Ein quälendes Stechen macht sich bemerkbar, das ich nicht mehr lange ertragen kann.
Nicht nach diesem alptraumhaften Tag.
Langsam begebe ich mich ins Schlafzimmer und lasse mich auf die Bettkante fallen. Ein Blick aus dem überdimensional breiten Fenster zeigt mir, dass peitschender Regen und Wind das Herbstlaub von den Bäumen wehen. Ein gelb-rot-brauner Blätterregen wirbelt durch die Luft.
Gedankenverloren schaue ich dem bunten Treiben zu. Das Ganze hat eindeutig etwas Deprimierendes an sich.
Mir ist eindeutig danach, meinen Kopf auf dem weichen Daunenkissen abzulegen. Ich brauche dringend Ruhe. Ich zögere und gestatte mir nicht, der Sehnsucht nachzugeben.
Angewidert betrachte ich meine Hände. Wo nichts zu sehen ist, spüre ich den Schmutz eines erfolglosen Arbeitstages. Der Schmutz eines aussichtslosen Kampfes mit anschließender Niederlage – einer Niederlage, die mich buchstäblich in die Knie gezwungen und sowohl psychisch als auch körperlich alles von mir abverlangt hat.
Duschen – ich muss dringend unter die Dusche. Auf einmal scheint mir nichts wichtiger und erlösender, als heißes, reinigendes Wasser.
Demnach reiße ich mich zusammen und stehe ich auf.
Ich sammle den letzten Rest an Kraft, den ich aufzubringen im Stande bin und taumele auf zitternden Beinen ins Ankleidezimmer. Dort entledige ich mich meiner Kleidung und hülle mich in meinen seidenen Bademantel. Ich genieße barfuß die wohlige Wärme der Fußbodenheizung und schleiche ins angrenzende Badezimmer.
Dort stelle ich die passende Temperatur ein und lasse genieße das warme Wasser, das auf Kopf und Schultern prasselt. Mir ist heute nach einer unterstützenden Aromatherapie. Ich entscheide mich für Ylang-Ylang und Lavendel. Beruhigung und Entspannung.
Um den Tag buchstäblich von mir abzuwaschen, wähle ich abwechselnd entspannenden Tropfennebel und belebenden Regenschauer. Zum Schluss genieße ich den kräftigen Massagestrahl, der meine Verspannungen spürbar lockert.
Wellness pur. Und wieder einmal weiß ich, dass ich diesen Luxus schätze. Ich atme tief ein und aus, so wie es mir meine Psychologin regelmäßig empfiehlt.
Und wieder erscheinen die Bilder des Tages vor meinen Augen, grausame Schnappschüsse des Leids.
Der Junge. Max. Blondgelockt. Sechs Jahre alt. Lebhaft. Blaue strahlende Augen und vertrauensvolle Hände, die sich mir entgegenstrecken. Mir, der Ärztin. Der Retterin – der Person, die aus Kindersicht zaubern kann.
„Eine Ärztin macht gesund!“, hat er mir noch vor einem Tag selbstbewusst erklärt. Dann mein Lachen. Ich klatsche ab – give me five – und gebe ihm selbstverständlich die mehr als verdiente Fünf. „Da hast du Recht!“
Hat er Recht?
Schaudernd löse ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit von der erlösenden Reinigungsprozedur, verlasse die Dusche und wickele mich in ein weiches Handtuch.
Der Blick in den Spiegel verrät mir, dass der Tag auch äußerlich seine Spuren hinterlassen hat. Bläuliche Schatten unter den Augen und geschwollene Augenlider sowie eine unnatürliche Blässe spiegeln deutlich meinen Zustand wider.
Ein Zittern fährt durch meinen Körper und lässt mich zusammenzucken. Hoffentlich werde ich nicht krank.
Warum eigentlich nicht? Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, den ein oder anderen Tag zu Hause zu verbringen. Den Krankenhausalltag auszublenden. Auch meine Seele verlangt nach Heilung.
Wie kann ich helfen, wenn ich selbst am Boden zerstört bin? Heiße Tränen rinnen meine Wangen hinab.
Ich erschaudere. Eine plötzlich auftretende Kälte nimmt von meinem Körper Besitz.
Das Spitzennegligé aus glänzender Seide muss warten. Inzwischen friere ich so, dass ich mich für meinen wollenen Winterpyjama und dicke Thermostrümpfe entscheide.
Um die Treppe und jegliche zusätzliche Anstrengung zu vermeiden, tapse ich in mein persönliches Refugium – mein Atelier. Dort versorge ich mich mit einer Flasche kühlem Orangensaft und einer Aspirin aus meiner Notfallschublade.
Beides stelle ich auf meinem Nachttisch ab.
Inzwischen ist es mir regelrecht schlecht vor Schmerzen. Ich stelle fest, dass ich mich über die Maßen nach Ruhe sehne. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die Erlösung von den immer intensiver werdenden Kopfschmerzen.
Das Pochen wird unerträglich.
Eine Migräne – ja, das scheint es zu sein. Ich hoffe, dass die Tablette helfen wird. Mit einem großen Schluck Saft schlucke ich die vielversprechende Medizin hinunter. Dann entscheide ich mich dafür, eine zweite hinterherzuschieben. Sicher ist sicher.
Und wieder ziehen Bilder wie in einer eiligen Diashow in rascher Abfolge an mir vorüber.
Max. Blond gelockt. Zum Spaßen aufgelegt. Der Zettel mit der Diagnose: angeborener Herzfehler.
Dank medizinischem Fortschritt erreichen heute über 90 % der Kinder mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter und ein Leben ist in den meisten Fällen gut möglich. So die motivierende Theorie.
Herzrhythmusstörungen und Lungenhochdruck – da war schnelles Handeln gefragt. Ein klarer Fall für die Kardiologin Stella Kempf. Ich. Motiviert, optimistisch. Vom Erfolg überzeugt.
Max. Sechs Jahre alt. Und eindeutig zu jung zum Sterben.
Blondgelockt und blauäugig. Vor das lebensfrohe Gesichtchen schieben sich immer wieder andere, verstörende Bilder und Gedanken.
Fahle Blässe. Ein piepsender Monitor. Komplikationen. Hektische Bewegungen. Herzinfarkt. Herzdruckmassage. Betretene Gesichter. Tränen. Vorbei.
Der kleine Junge und seine Eltern, die sich auf mein Können verlassen haben. Mein Versprechen und die Gewissheit, ihm helfen zu können. Die Aussicht auf Heilung.
Ich schluchze haltlos in mein Kissen.
Max. Sechs Jahre alt. Gestorben.
Ein weiterer allzu vertrauter Schnappschuss taucht unweigerlich in meiner Erinnerung auf.
Ebenfalls sechs Jahre alt. Schwarz gelockt. Treue braune Augen blicken mir entgegen, die Arme sind fordernd ausgestreckt: „Mami!“
Dann gleite ich in einen unruhigen Schlaf über. Noch immer habe ich keine Ruhe.
Tom. Mein Sohn. Schmerzlich vermisst.
Gestorben?
Das Erste, was ich an diesem Morgen wahrnehme, ist der Duft nach Schokolade und Zimt. Sofort werden Kindheitserinnerungen wach. Ich fühlte mich geliebt und geborgen.
Wohlig gähnend kuschele ich mich tiefer in meine Bettdecke. Aus einem Auge blinzelnd erkenne ich, dass es bereits taghell ist. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir dicke weiße Schneeflocken, die in kurzem Abstand zur Erde rieselten.
Heute ist der Tag der Tage. Der Tag der Überraschung. Bereits gestern habe ich sorgfältig geplant, wie alles ablaufen soll.
In einer herzförmigen Geschenkbox unter Seidenpapier versteckt wartet das, was meinen Freund unglaublich glücklich machen wird. Wer weiß, vielleicht wird er dann endlich einen weiteren Schritt gehen – den Schritt in eine gemeinsame Zukunft? Ich wünsche es mir von Herzen.
Julian. Julian Stürmer ist meine bessere Hälfte und der Mann meiner Träume. Hochgewachsen, muskulös, blond, leicht braun gebrannt. Außerdem hat er wunderschöne, sanfte braune Augen mit dichten, schwarzen Wimpern. Rein äußerlich betrachtet ist er der perfekte Mann. Da es auf die inneren Werte ankommt, wie meine liebe Mutter nie müde wird zu betonen, wird dies selbstverständlich mit in die Waagschale geworfen.
Ein Mann für die Zukunft – ja oder nein?
Julian ist liebenswürdig, hilfsbereit und hat immer ein offenes Ohr für meine Belange. Um deutlicher zu werden: er trägt mich auf Händen. Ich habe einen wundervollen Liebhaber an meiner Seite, der mir davon abgesehen jeden Wunsch von den Augen abliest und mich zudem übermäßig verwöhnt.
Ein Mann für die Zukunft? Ein klares Ja!
Gerade fertig mit dem Studium und beide mit aussichtsreichen Arbeitsstellen verwöhnt, wartet eine glänzende Zukunft auf uns.
Julian ist frisch ernannter Anwalt. Ich bin eine blutjunge Kardiologin.
Die Welt steht uns offen.
Nach einer langen Durststrecke fließen nun die ersten Gehälter auf unsere Konten. So können wir uns neuerdings den ein oder anderen ungewohnten Luxus erlauben. Nahrungsmittel aus Delikatessenläden, frischer Fisch und erlesene Weine erobern nach und nach unsere wöchentliche Einkaufsliste. Aus Kino wird Theater, aus einem Treffen mit meinen Freundinnen ein kulinarisches Tête – à – tête in der Weinbar.
Es gibt tatsächlich nur eine Sache, die unser Glück noch perfekter machen würde - ein gemeinsam gehegter Herzenswunsch. Die Aussicht auf Erfüllung befindet sich aktuell in einer Schachtel unter meinem Bett.
Heute ist mein freier Tag – der erste seit Langem. Julian wird zur Arbeit müssen. Schließlich hat er die Stelle in der renommierten Kanzlei Berger erst vor wenigen Wochen angetreten. Gemeinsame freie Tage sind da wohl definitiv nicht drin. Er ist definitiv dabei, die Karriereleiter hinauf zu klettern.
Aber heute ist das ganz gut so. Schließlich brauche ich Zeit für mich alleine, um die entscheidenden Vorbereitungen zu treffen. Vorbereitungen, die unsere gemeinsame Zukunft besiegeln werden. Eine glückliche, erfüllte Zukunft.
Demnach besteht kein Grund zur Eile. Ich drehe mich zur Seite und schwelge in Gedanken. Wie wird Julian reagieren? Wird mir der perfekte Augenblick gelingen?
Nach und nach gleite ich mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht erneut in einen sanften Schlaf.
„Stella, meine Schöne!“, vernehme ich kurze Zeit später Julian Stimme in meiner Nähe. Ich blinzle und stelle fest, dass er vor meinem Bett steht.
„Guten Morgen!“
Ganz der Gentleman, als den ich ihn kennen gelernt habe, stellt er ein Tablett mit Schokozimtkakao und einem ofenwarmen Croissant vor mir ab.
Ich reibe mir verschlafen die Augen. „Wie schön, dass ich so verwöhnt werde!“
Julian lacht: „Na, werde du erst einmal wach! Ich verwöhne dich gerne. Das hast du verdient! Ich freue mich für dich, dass du heute frei hast. Aber …“, ergänzt er mit erhobenem Zeigefinger. „…lass es heute langsam angehen und ruh dich aus!“
„Du bist ein Schatz!“ Mit diesen Worten ziehe ich ihn an den Armen zu mir herunter in eine feste Umarmung. Der darauffolgende Kuss lässt deutlich spüren, dass ich zu mehr bereit wäre.
Lachend befreit sich Julian aus meinem leidenschaftlichen Klammergriff.
„Ich muss los!“ Resignierend zuckt er mit den Schultern. „Du weißt, wie sehr ich mir wünschen würde, mir die Kleidung vom Leib zu reißen. Überaus gerne würde ich mich meiner wunderschönen Freundin widmen.“
Bedauernd streicht er mir über die Wange.
„Na, dann tu, was du tun musst, mein Staranwalt! Los, an die Arbeit!“, verabschiede ich mich grinsend. „Komm heute pünktlich. Ich werde etwas besonders Leckeres kochen!“, ergänze ich.
Erstaunt schaut er mich an. „Du kochst? Für mich? In diesem Fall werde ich überpünktlich sein!“
„Du wirst es nicht bereuen!“ Ich zwinkere ihm vielsagend zu.
Ein weiterer zustimmender Kuss und Julian eilt mit seiner schwarz glänzenden Aktentasche aus Leder unter dem Arm aus dem Zimmer.
Die Tasche war ein Geschenk von mir nach bestandener Prüfung. Ich werde nie vergessen, wie Julian bewundernd mit seinen Fingerkuppen über das edle Stück gestrichen hat. „Ein wahres Prachtexemplar. Vielen Dank!“ „Ein Prachtexemplar wie du“, entgegnete ich ihm. „Ich bin stolz auf dich!“ Und das war und bin ich noch immer. Julian hat hart für seinen Abschluss gearbeitet. Wie ich auch.
„Diese Tasche wird mich täglich begleiten. Mein Glücksbringer sozusagen!“, schloss er das Gespräch ab und zog mich in eine dankbare Umarmung.
Ich löse mich aus meinen Gedanken und setze mich auf. Wie so oft in den letzten Tagen ist mir leicht schwindelig. Ich nehme mir die Zeit, die ich zum Wachwerden brauche und mache mich dann bereit für den Tag.
Heute ist der Tag der Tage.
Ich bin aufgeregt und möchte unbedingt alles richtig machen. Noch Jahre später sollen wir uns an diesen denkwürdigen Abend erinnern.
Also mache ich mich an die Vorbereitungen. Zunächst bringe ich die Wohnung auf Hochglanz. Ich wische, schrubbe und bürste alles blitzeblank. Scheinbar matte Schrankwände, Arbeitsplatten und Böden werden zu spiegelnden Flächen.
Zufrieden mit dem Ergebnis streiche ich mir die verschwitzten Haare aus dem Gesicht.
Wenn Julian wüsste. Von Erholung kann keine Rede sein.
Dann geht es an die Vorbereitung des Menüs.
Der erste Schritt wird der Gang zum Supermarkt sein. Ich greife nach der Einkaufsliste, die ich bereits am Vortag zusammengestellt habe. Die Zeit rast und ich sollte mich beeilen.
Ausgestattet mit Jacke, Schal und Handtasche verlasse ich die Wohnung. Als ich nach dem Autoschlüssel krame fällt mir auf, dass ich keine Schuhe trage. Wie kann man nur seine Schuhe vergessen? Ich scheine wirklich urlaubsreif. So eile ich zurück, zwänge mich in meine Stiefeletten und begebe mich erneut in Richtung Tiefgarage.
Eine hektische Stunde später stehe ich schon wieder vollbeladen in meiner Küche. Ich freue mich auf den Abend und dennoch stöhne ich beim Anblick der Arbeit, die ich mir an meinem freien Tag aufhalse.
Es hilft nichts. Das Ergebnis wird der Mühe wert sein. Julians strahlende Augen.
Und so widme ich mich nach und nach mit wachsender Begeisterung der Zubereitung meines Glücksmenüs.
Wie Julian reagieren wird? Ich bin gespannt auf seinen Gesichtsausdruck. Beim Gedanken an die bevorstehende Verkündigung stiehlt sich ein Lächeln auf mein Gesicht.
Nachdem alles soweit vorbereitet ist, zeigt mir ein rascher Blick auf die Uhr am Backofen, dass ich gut in der Zeit liege. Also mache ich mich daran, das passsende romantische Ambiente zu schaffen. Ich bedecke den Tisch mit einer festlichen Tischdecke. Anschließend wähle ich das von Oma geerbte feine Silberbesteck, das nur für besondere Anlässe gedacht ist und verteile ausreichend Kerzen auf dem Tisch. Ich ergänze Teller, Besteck, Gläser und Servietten.
So, das wäre geschafft.
Kritisch beäuge ich abschließend den Tisch und nicke beifällig. Das passt so.
Jetzt folgt ein weiterer wichtiger Punkt bei meinen Vorbereitungen: Heute mache ich mich besonders sorgfältig zurecht. Ich begebe mich ins Badezimmer.
Heiß geduscht mit frisch nach Vanille duftenden Haaren creme ich mich sorgsam mit meiner Lieblingsbodylotion ein. Meine Haut fühlt sich dank dem darin enthaltenen Mandel- und Rosenöl weich und zart an. Julian liebt meine glatte Haut.
Nachdem ich meine schwarzen, glänzenden Haare glattgeföhnt habe, lege ich dezentes Makeup auf. Frisch getuschte dichte Wimpern umrahmen mit schwarzem Kajal umrandete Augen. Meine Haut weist keine Unregelmäßigkeit auf und strahlt frisch und gesund. Um nicht overdressed zu erscheinen, entscheide ich mich für einen natürlich wirkenden Lippenstift in zartem Rosa mit perlendem Glanz.
Ich blicke in den Spiegel.
Mal wieder bin ich stolz auf meine italienischen Wurzeln, die meinem Erscheinungsbild einen Hauch von Exotik verleihen.
Dann greife ich nach den neuen bordeauxroten Dessous und streife sie über. Jetzt die Feinstrumpfhose.
Ich öffne meinen Kleiderschrank und nehme das im Voraus ausgewählte langärmelige Kleid aus schwarzer Seide vom Bügel und ziehe es über meinen Kopf. Schwarze Wildlederstilettos mit gewagt hohem Absatz runden das Bild ab.
Zufrieden schaue ich ein letztes Mal in den Spiegel und hülle mich anschließend in eine Duftwolke von Julians Lieblingsparfüm. Verführerisch.
Das wird ihm gefallen.
Julian dürfte in den nächsten fünfzehn Minuten eintreffen – sofern er es pünktlich aus der Kanzlei geschafft hat und nicht noch kurzfristig mit einem unerwarteten Auftrag überrascht wurde.
Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich keine neue Nachricht erhalten habe. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass er auf dem Weg ist.
Ich zünde die Kerzen an, spiele lauschige Musik ab und frische meinen Lippenstift auf.
Dann mache ich mich an letzte Vorbereitungen für die Vorspeise. Nach wenigen Minuten bin ich fertig.
Was kann ich noch erledigen? Suchend irrt mein Blick durchs Zimmer. Ich sehe die Sektgläser.
„Ach ja, der Sekt!“ Ich eile zum Kühlschrank und entnehme eine gekühlte Falsche mit der perlenden Flüssigkeit.
Daraufhin entkorke ich den Sekt und greife nach zwei langstieligen Kristallgläsern. Nun fülle ich ein Glas mit der perlenden Flüssigkeit. Für mich persönlich gibt es die alkoholfreie Alternative, die sich jedoch rein optisch nicht von Julians Getränk unterscheidet.
Heute verzichte ich bewusst auf Alkohol.
Dann höre ich Schritte und kurz darauf das Klimpern der Schlüssel an der Haustür.
„Hallo, meine Schöne!“. Mit ausgebreiteten Armen kommt er auf mich zu und begrüßt mich mit einem intensiven Kuss.
Nun hält er mich mit ausgestreckten Armen ein Stück von sich weg, um mich von oben bis unten begutachten zu können. „Du siehst toll aus heute! Habe ich etwas verpasst?“
Dann fügt er hinzu: „Du siehst natürlich immer gut aus. Meine Traumfrau.“
Ich lache. Da hat er mal wieder galant die Kurve gekriegt.
„Na, ich werde meinen Traummann doch auch ohne Grund verwöhnen dürfen!“, bemerke ich schmunzelnd.
„Es duftet vorzüglich nach – ja, nach was eigentlich? Bist du zur Spitzenköchin mutiert?“ Julian reckt den Kopf schnüffelnd in Richtung Küche.
„Jetzt gibt mir zuerst einmal dein Jackett und mache es dir auf dem Sofa gemütlich. Apéritiv kommt sofort!“, verspreche ich mit einer kleinen Verbeugung.
Julian lacht: „Das wird ja immer besser! Da kommt man doch gerne nach Hause. Eine wunderschöne Frau, die leckeres Essen kocht.“
Daraufhin lässt er sich aufs Sofa fallen. Dort lockert und entfernt er seine Krawatte und knöpft sich das Hemd auf.
„Schon besser.“ Er seufzt zufrieden, lehnt sich zurück und streckt die Beine aus.
In der Zwischenzeit überreiche ich ihm sein Sektglas. Auch ich halte ein Glas in der Hand.
„Auf uns!“, proste ich ihm zu. Gläser klirren und intensive Blicke werden getauscht.
Auch wenn wir bereits fünf Jahre zusammen sind, lässt sein Anblick mein Herz noch immer höherschlagen. Ich schwelge in Erinnerungen. Ja, wir haben schon viele schöne Momente geteilt, seit wir uns auf dem Uni – Campus kennengelernt haben.
Wer hätte in der ersten Zeit voller trinkfreudiger Partys gedacht, dass daraus eine feste Beziehung, die Liebe fürs Leben werden würde? Grinsend stelle ich fest, dass weder seine Freunde noch meine Mädels wirklich damit gerechnet haben.
Und doch sorgten wir für die ein oder andere Überraschung. Schon bei der Entscheidung für eine gemeinsame Wohnung wurde so mancher Skeptiker eines Besseren belehrt.
Umso schöner finde ich es, dass wir uns heute an diesem Abend verliebt zusammenfinden, um neue gemeinsame Wege einzuschlagen. Nur Julian weiß noch nichts von der alles verändernden Nachricht.
Ich lächle.
„Alles gut bei dir? Du strahlst heute irgendwie von innen heraus!“, holt Julian mich aus meinen Gedanken.
„Alles super. Ich freue mich auf einen schönen Abend mit dir! Wie war dein Tag?“, erkundige ich mich.
„Frag nicht. Es war heute ziemlich viel los und wir können uns vor Arbeit kaum retten. Ich fürchte, da werde ich die ein oder andere Überstunde schieben müssen.“, seufzt Julian. Dabei zuckt er resigniert mit den Schultern.
„Umso wichtiger ist es, dass du heute mal alles loslässt und dich entspannst.“ Erneut proste ich ihm zu. Er tut es mir gleich. Wiederholt klirren unsere Gläser gegeneinander.
„Du hast Recht. Wer könnte dir widerstehen. Stella – schon jetzt vielen Dank für die Zeit und Mühe, die du heute investiert hast!“
„Gern geschehen“, reagiere ich erfreut, streiche ihm sanft über die Wange und küsse ihn.
„Die Vorspeise wäre dann auch schon bereit!“, füge ich auffordernd mit Blick zum gedeckten Esszimmertisch hinzu.
Julian setzt sich auf seinen Stuhl und lehnt sich gespannt zurück.
„Was hast du denn Schönes gezaubert?“ Sein Blick gleitet neugierig auf den Teller mit der Suppenschüssel, den ich vorsichtig vor ihm abstelle. Erstaunt betrachtet er die teigige Beilage.
„Als Vorspeise gibt es Meerrettichsuppe mit Lachs – Grissini.“, verkünde ich mit Stolz in der Stimme.
Dann genießen wir unser Glücksmenü bei Kerzenschein. Daneben tauschen wir gemeinsame Erinnerungen aus.
„Hervorragend“, befindet Julian anerkennend.
Inzwischen wechselt er zu Rotwein. Eine gute Flasche steht griffbereit vor ihm. Er schenkt sich großzügig ein.
Er weiß, dass ich zum Essen immer stilles Wasser bevorzuge. Demnach muss ich mich an dieser Stelle nicht rechtfertigen, warum ich auf Alkohol verzichte.
Während wir über mögliche Investitionen in unserer Wohnung sprechen, widme ich mich der finalen Zubereitung des Hauptganges.
Endlich werden wir finanziell in der Lage sein, das ein oder andere Möbelstück auszutauschen, beziehungsweise unseren eigenen Stil umzusetzen. Ich freue mich darauf, unsere Wohnung mit meinem eigenen Geschmack zu verschönern. Der letzte Touch, sozusagen.
Beladen mit zwei gefüllten Tellern kehre ich an den Esszimmertisch zurück.
„Poulardenbrust mit Basmatireis, geröstetes Gemüse und Zitronen - Thymian Soße“, kündige ich den Hauptgang an. „Lass es dir schmecken!“
„Wow.“ Julian greift nach seinem Besteck und legt los.
„Wer sind Sie und was haben Sie mit meiner Frau gemacht?“, meint er scherzhaft. Diese Überraschung scheint schon einmal gelungen.
Inzwischen macht sich die erste Aufregung bemerkbar. Schließlich soll das Essen der festliche Rahmen für die Verkündigung einer besonderen Neuigkeit sein. Tatsächlich zweitrangig.
Es schmeckt wirklich gut. Es war mir bis zu diesem Tag nicht klar, dass ich in der Lage bin, solche Menüs zu zaubern. Eigentlich sehe ich mich weniger als geeignete Hausfrau und koche selten – und wenn, dann nur einfache Gerichte.
„Wirklich unsagbar lecker!“, bestätigt Julian. „Das erwarte ich jetzt jeden Abend“, meint er augenzwinkernd.
„Na, solange ich arbeite, wird das nicht möglich sein. Aber ich gebe mein Bestes!“
Ich stehe auf, decke das benutzte Geschirr ab und serviere das Dessert. Das liebevoll zubereitete Arrangement besteht aus einer Mousse au chocolat in einem Glas, garniert mit roten Waldfrüchten und einer einzelnen Praline.
Gemeinsam mit einer herzförmigen kleinen Schachtel befinden sich alle Gegenstände auf einem länglichen weißen Teller.
„Und das Beste kommt zum Schluss“, sage ich vielversprechend.
„Sieht toll aus. Ich bin überrascht – sogar ein Geschenk? Für mich?“, wundert sich Julian. „Dann genieße ich zuerst das Dessert und packe anschließend aus. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich es vor Neugier kaum aushalte!“
Lachend beginne auch ich, den süßen Abschluss Löffel für Löffel zu vertilgen. Lecker.
Meine Augen verfolgen inzwischen alle Bewegungen meines Partners. Ich kann es kaum erwarten. Meine Füße sind hibbelig und verursachen ein stetiges Klappern der Pfennigabsätze auf dem Boden.
Julian sieht mich überrascht an.
„Geht es dir gut? Du wirkst irgendwie …aufgebracht?“ Er lässt den letzten Löffel der cremigen Mousse auf seiner Zunge zergehen. Genüsslich schließt er die Augen, bevor er den Löffel zur Seite legt.
Gut, er hat fertig gegessen. Ohne ihm zu antworten, zeige ich aufmunternd auf das rote Herz auf seinem Teller.
„Jetzt machst du mich aber wirklich neugierig“, schmunzelt er. Dann nimmt er das Päckchen in die Hand und legt es bedächtig vor sich hin. Er hält es mit der linken Hand fest und entfernt mit der rechten Hand den Deckel der Box.
„Pralinen! Das ist ja süß! Dankeschön!“, reagiert er prompt und etwas zu schnell für meinen Geschmack.
„Schau mal genauer hin, mein Schatz!“, weise ich ihn an.
Stirnrunzelnd betrachtet er den Inhalt genauer, nimmt schließlich die Pralinen aus der Packung, entfernt das Seidenpapier und entdeckt nach und nach, was sich darunter verbirgt. Verständnislos hält er ein winziges weißes Kleidungsstück mit aufgedrucktem Herz in die Höhe.
„Was ist das?“ Verwirrt schaut er mich an. Ich reagiere nicht, sondern strahle ausschließlich.
Noch immer vergeblich auf meine Antwort wartend schaut er genauer hin. Er runzelt die Stirn. Es scheint „Klick“ zu machen.
„Ooooh…ist das…ist das…ist es das, was ich denke?“, stammelt er mit hochrotem Kopf. „Bist du…?“ Ungläubig und fassungslos schaut er mir prüfend in die Augen.
„Ja, das ist ein Strampler. Und ja, ich bin schwanger. Und ja, wir werden Eltern. Herzlichen Glückwunsch, Papa!“
Julian springt so heftig von seinem Stuhl auf, dass dieser mit einem lauten Krachen umfällt, eilt um den Tisch und reißt mich in eine feste Umarmung. Dann fällt er mit tränenden Augen auf die Knie. Den Strampler hält er noch immer in der Hand.
„Das gibt es nicht. Ich bin so unsagbar glücklich. Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich auf das Baby freue. Endlich sind wir eine kleine Familie!“
Und wieder springt er auf und fällt mir um den Hals. Ich bin überwältigt. Genau so habe ich mir seine Reaktion vorgestellt. Pures Glück erfüllt meinen Körper.
„Ja, das geht mir genauso“, stimme ich ihm lächelnd zu. „Ich kann es kaum erwarten, Mama zu werden. Und du wirst der weltbeste Vater!“
Julian nickt und zögert einen Augenblick. Dann verschwindet er um die Ecke, öffnet seine Aktentasche und schließt sie wieder, was ich am Geräusch erkenne. Verwirrt warte ich, ohne mich von der Stelle zu bewegen.
Schweigen.
Warum sagt er nichts? Ich verspüre eine seltsame Unruhe.
Etwas scheint mir zu entgleiten. Aber was? Warum?
Als ich gerade den Mund öffne, um nachzufragen, wo er bleibt, scheint er zurück zu kommen.
In der einen Hand hält er ein kleines, schwarzes Kästchen, in der anderen eine Schriftrolle. Irritiert schaue ich ihn an. Was ist das?
Selbstsicher, aber noch immer mit roten Wangen und wässrigen Augen strebt er zielsicher auf mich zu. Angekommen lässt er sich auf ein Knie fallen. Das traditionell linke Knie – wie ich später rückblickend feststelle. Hingebungsvoll nimmt er meine Hand.
„Liebe Stella, meine Schöne. Du bist alles, was ich mir je gewünscht habe. Unser Familienzuwachs macht unser Leben perfekt. Du machst mich unsagbar glücklich und ich verspreche dir Respekt, Liebe und Loyalität. Ein Leben lang.
Eigentlich hatte ich diese Überraschung für dich am Wochenende geplant. Aber gerade jetzt scheint mir der absolut richtige Moment zu sein. Ich möchte nicht warten.“
Julian zögert. Dann schaut er mit tief in die Augen.
„Liebe Stella, willst du mich heiraten?“ Er hält mir das schwarze Kästchen entgegen.
Was passiert hier gerade? Die Ereignisse überschlagen sich.
Zu Tränen gerührt falle ich ihm um den Hals und flüstere mit erstickter Stimme: „Ja…ja…ja! Natürlich will ich!“
Dann öffne ich das dargebotene Kästchen und entferne den in schwarzen Samt eingebetteten Ring.
„Er ist wunderschön.“ Bewundernd streiche ich mit der Fingerspitze über den funkelnden weißen Stein, der auf dem schmalen Silberring thront. Julian streift ihn über meinen Finger. Er passt perfekt.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, stottere ich bewegt. Das entspricht der Wahrheit. Ich hatte natürlich gehofft, dass er unseren Bund besiegeln möchte. Schließlich werden wir Eltern. Aber heute oder in den nächsten Wochen? Nein. Ich bin überrascht.
Und damit nicht genug. Julian streckt mir noch immer unbequem knieend die bereits erwähnte Schriftrolle entgegen.
„Was ist das?“, frage ich erstaunt. „Noch mehr Überraschungen vertrage ich nicht“, warne ich mit tränenumschleiernden Augen.
„Lies selbst!“, meint Julian mit Nachdruck.
Ich entrolle das Schriftstück und überfliege den Text. Dann lese ich nochmals und nochmals. Und nochmals. Sprachlos reibe ich mir über die Augen. Das kann nicht sein.
Worte wie Besitzurkunde. Stadtwohnung. 4 Zimmer. Erdgeschoss, 130 Quadratmeter erscheinen immer wieder vor meinen Augen.
Ich räuspere mich. „Was bedeutet das?“
„Erinnerst du dich an unseren Spaziergang im Sommer durch die Innenstadt? Du meintest, dass es herrlich sein müsste, dort zu wohnen. Einerseits in der Stadt und andererseits mit eigener Grünfläche. Wir haben noch gescherzt, dass wir uns das nie leisten können. Vor allem nicht in dieser Gegend. Ein eigenes Haus.“
Er lacht.
„So schnell kann sich die finanzielle Situation verändern. Unsere Wohnung ist zu klein – das betonst du immer wieder. Mit unserem Baby sowieso. Ich habe alles durchgerechnet und bin zu dem Schluss gekommen, dass es durchaus Sinn macht, unsere nicht gerade geringen Verdienste in etwas Eigenes zu investieren.“
Überzeugt fährt er fort: „Ich träume schon lange von einer eigenen Wohnung mit dir. Und so habe ich einen Kredit aufgenommen. Das sollte das Hochzeitsgeschenk sein. Jetzt – mit zukünftigem Kind – hätten wir ohnehin umziehen müssen. Also bin ich überzeugt, dass HEUTE das perfekte Timing ist!“
