Wo die Stille uns findet - Katja Schmidt - E-Book

Wo die Stille uns findet E-Book

Katja Schmidt

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Beschreibung

Eine lebensverändernde Diagnose und eine Trennung: Annika will nur noch weg – raus aus dem alten Leben, auf andere Gedanken kommen. Also mietet sie, die nur die Nordseeinsel Borkum kennt, eine Wohnung weit weg vom Meer, in den österreichischen Alpen. Als sie jedoch ihren Vermieter Nico kennenlernt, beginnt ihr Entschluss, sich auf niemanden mehr einzulassen, zu wanken. Nico ist ebenfalls von Annika verzaubert. Doch auch er hat einen Schicksalsschlag zu verkraften. Sind beide bereit, wieder Vertrauen zu fassen und ihre Liebe zuzulassen? Kann Annika Nico ihr Geheimnis anvertrauen?

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0817-8

ISBN e-book: 978-3-7116-0818-5

Lektorat: Barbara Dier

Umschlagfoto: Umschlagfoto: Liquidphoto | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Für alle, die lieben können

Die Liebe kennt kein Richtig oder Falsch, Passend oder Ungelegen. Es geschieht alles zu seiner Zeit. Sie begegnet dir dann, wenn du es am wenigsten vermutest. Auf leisen Sohlen.

Weil das Leben aber nicht in einer rosa Seifenblase stattfindet, gibt es immer wieder dunkle Tage, an denen du einsam bist und die Sicht verschwimmt.

Diese verwirrenden, gegensätzlichen Gedanken tauchen in diesem Buch auf. Bitte beachte dazu die Triggerwarnung auf der letzten Seite …

Annika

„Ganz gleich, wie beschwerlich

das Gestern war, stets kannst du im Heute von

Neuem beginnen.“1

Das Rattern der Bodenbeläge. Ein kurzes Aufheulen der Automotoren, während sie den Steg langsam hinauftuckern. Die Lautstärke aufgrund der einfahrenden Autos. Das dumpfe Brummen des Schiffsmotors. Das Knirschen von schwerem Metall am Rumpf. Die Möwen kreischen ebenfalls hektisch über meinen Kopf. Der raue Seegang schlägt geruhsam-monoton gegen die Fähre. Abreisende Urlauber unterhalten sich rege über die letzten Wochen. Alle haben ihre Erlebnisse und Erinnerungen gemacht, die Borkum auf ewig ein Teil von ihnen werden lassen. Jeder würde gern kehrtmachen, um den Zauber und die Erholung der Insel länger genießen zu können. Mich außer Acht gelassen.

Hier am endlos wirkenden Wasser können so manche Gedanken frei werden. Getragen vom Wind lösen sie sich am Horizont auf. Auch ich sitze nur zu gern am Strand und erfreue mich an der unendlichen Weite. Der schmale Grat, wo Meer und Himmel aufeinandertreffen. Mit jeder Welle, die gegen die Küste trifft, begegne ich einer neuen Chance, dass meine Ängste und Sorgen weit weggetragen werden. Selbst in stürmischen Zeiten habe ich mich in Meeresnähe nie einsam oder unwohl gefühlt. Niemals, bis zum heutigen Tag. Seit 48 Stunden stelle ich mir immer wieder die gleichen Fragen: Warum? Annika, was erwartet dich nun im Leben, was geschieht mit deinen Zielen, Träumen und Wünschen? Ich bezweifle, dass meine eigenen Fußspuren sichtbar im Sand zurückbleiben werden. Reiche ich aus, so wie ich bin?, hämmert mir die Frage immer und immer wieder im Kopf hin und her.

Ein Klingeln läutet den Rückweg an. Die Inselbahn kehrt wieder um. Laut polternd fährt sie ins Zentrum zurück, um neue Passagiere für die Fähre abzuholen. All diese Geräusche, so vertraut, sind es, die mich im Moment so tief verletzen.

Ich muss hier dringend weg, so weit wie nur möglich, damit ich das Chaos im Kopf ordnen kann. Um Luft zu bekommen, sodass ich wieder frei atmen kann. Schlussendlich vielleicht auf dem Weg, mich selbst wieder zu finden.

Schon komisch, bisher war diese Insel 26 Jahre mein sicherer Hafen. Das Ein und Alles, was ich gebraucht habe. Auf ihr ließ sich alles finden. In den 30 km² hatte bis dato alles Platz. Ich, meine Familie, meine Arbeit, Freunde und meine große Liebe. Ich kenne gefühlt jede Möwe hier beim Namen und hatte nie das Gefühl, es fehlt etwas. Bis jetzt.

In meinen Adern steigt die Nervosität. Der Puls rast durch die Blutbahnen. Die Nerven beginnen zu flattern.

Borkum beherbergt so manche Geschichte erfolgreicher Seefahrer. Aber statt wie Störtebeker angstfrei die Last über Bord zu werfen und einem neuen, spannenden Abenteuer zu folgen, sitze ich auf der Fähre in Richtung Festland. Laufe weg vor allem und jedem. Plan? Diesen gibt es so nicht mehr. Nichts ist mehr so wie vorher. Die Konstante, das Alltägliche, ist verschwunden. Habe den Sinn des Lebens im Sand verloren. Und zurück bleibe nur ich. Allein und ohne jegliche Zukunftsfantasie. Vielleicht auch etwas, wofür ich zu Hause bekannt bin. Annika, das liebe Mädchen von nebenan. Ich war und bin immer zu lieb. Breche nie nennenswert aus. Behalte oft für mich, was ich denke und fühle, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Schlage nicht über die Stränge. Mag es nach Möglichkeit konfliktlos, harmonisch und bin am liebsten Papas Mädchen. Okay, ich bin ein Einzelkind. Es ist sehr leicht, stolz auf mich zu sein, wenn es keine anderen Maßstäbe gibt. Aber seien wir ehrlich, ich habe mich nie sonderlich weit über die Reling gewagt. Musste ich bisher auch nicht. Mein Leben lief nach einem Muster ab. Ohne komplizierte Schwierigkeiten, die es zu bekämpfen galt.

Diese unkonventionelle Auszeit wird das Abenteuer meines Lebens. Eine Reise in die Ferne und am Ende hoffentlich auch ein Finden zu mir selbst. Borkum ist zu klein geworden, zu eng und vor allem zu hellhörig. Ich habe das Gefühl, erdrückt zu werden. Reingezwängt in Ansichten und Abläufe, die spürbar nicht mehr zu mir passen. Mein innerer Kern muss herausfinden, ob Annika gerade die beste Version von sich selbst ist. Wer bin ich, wer kann ich sein? Gibt es Entwicklungspotenzial? Und hoffentlich kann ich die Auszeit nutzen, damit die riesige Wut abklingen kann. Meine Enttäuschung ist kaum in Worte zu fassen. Deshalb flüchte ich an Land. Muss dringend Raum zwischen mich und die Insel bringen. Wobei Borkum dafür nichts kann, sondern lediglich die Menschen, die sich darauf befinden. Wobei Bewohner in Mehrzahl gesprochen stimmt auch nicht. Es ist nur einer, dem die volle Wut gilt. Ein einziger Mensch, der mich mit seinem Verhalten mehr als nur enttäuscht hat. Er ist für mich Geschichte, so viel steht jedenfalls fest. Sein feiges Verhalten könnte ich niemals verzeihen oder vergessen.

Mir kommt erst jetzt in den Sinn, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wo es mich hin verschlägt. War viel zu selten auf dem Festland. Urlaube in Holland mal ausgenommen. Wir sind mit der Familie gerne in Meeresnähe geblieben. Bisher hatte ich auch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde. Das Gefühl, etwas zu verpassen, entstand intensiv erst in den letzten zwei Tagen. Doch jetzt ist alles anders.

Nun sitze ich auf der kalten, modrigen Holzbank und scrolle durch den Routenverlauf in meinem Handy. Das Ziel liegt 970 km entfernt, Fahrtzeit ohne Verzögerungen 11 h 30 min. Mein Vorhaben könnte man als geistige Umnachtung betiteln, aber die schlaflosen Nächte und die jüngsten Ereignisse haben nun mal Früchte getragen.

Weg, bloß weit fort von hier.

Kein Meer direkt in Sichtweite und hoffentlich ein nicht intakter Funkmast in den Bergen.

Ich will Ruhe, einfach Ruhe. In meinem Puls, in meinem Herz und in meinem Kopf.

Ich habe online ein modernes Bauernhaus mit entzückender Holzfassade angemietet. Dazu eine Aussicht, die ich nie zuvor gesehen habe.

Ok, manche solcher Bilder sind gefaked und schöner gefiltert. Aber das bergige Panorama an sich bleibt für mich einzigartig neu. Enorme Gebirge bis hoch in das Himmelszelt. Andere Farben, andere Menschen, ein unbekanntes Abenteuer, das mich hoffentlich von meinem eigenen Desaster ablenkt.

Eine energiegeladene Vorfreude auf das Bevorstehende durchflutet mich. Zaghaft schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen. Gewaltige Berge werden durch weiße Wolken auf den Beispielbildern umrahmt. Sie schlängeln sich federleicht um die Gipfel. Keine blaue Weite des Meeres direkt vor meiner Haustür. Keine kreischenden Möwen über mir, bei denen ich direkt Angst um mein Essen haben muss.

Bei meiner eigenwilligen Planungsvorbereitung habe ich bei Google Maps dennoch Bergseen gefunden, in denen sich die grauen Giganten atemberaubend schön spiegeln.

Eine phänomenale Aufnahme eines Sees, die einen sprachlos werden lässt. Grund für meine reservierte Unterkunft.

Ok, ohne Wasser werde ich offensichtlich nie so richtig klarkommen. Aber ich verbuche dies als erste Erkenntnis meiner Selbstfindungsreise.

Alle schweren Tore auf dem Schiff wurden geschlossen. Sirenen erklingen. Es gibt kein Zurück mehr. Motoren brummen auf Höchstleistung.

Der massive Schiffskoloss beginnt sich zu bewegen. Die Fähre legt langsam ab. Mein nachdenklicher Blick schweift über die See des heutigen Tages. Die Wasseroberfläche ruht in der Ferne. Nur winzige Wellen erreichen das Schiff. Der Motor wirbelt durchsetzungsstark Wassermassen auf. Das Blau wandelt sich in weiße Brecher. Und mir wird klar, dass meine Reise beginnt. Ein Trip so groß und bedeutend, dass ich beim Gedanken schwer schlucke. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich schließe meine Augen und zwinge mich zum Durchatmen. Durch meine Ohren dröhnt das Blut meiner Adern. In meiner Brust wird es eng. Der Herzschlag wird langsamer. Meine Hände beginnen zu kribbeln. Werden schlagartig feucht.

Atmen, Annika, tief durchatmen.

Ich will eine Veränderung und muss diesen Trip hier unbedingt durchziehen. Auf keinen Fall drehe ich jetzt um. Startende Panikattacke hin oder her. Verschließe mich und ziehe mich wieder einmal ins Schneckenhaus zurück, noch bevor eine Öffnung stattfinden konnte.

Nein, atme, Annika. Du schaffst das. Mach dich nicht kleiner, als du bist. Wo ist der Glaube an dich selbst in den letzten Jahren abgeblieben? Wo ist dein Mut, der jegliche Hindernisse überqueren kann? Ich schiebe Gedanken ans Gestern, Heute und Morgen beiseite. Mein Körper fühlt sich an wie Blei, die Arme sind schwer und die Augen sicher noch angeschwollen. Auf abdunkelndes Basecap und Sonnenbrille habe ich heute Morgen trotzdem verzichtet.

Ehrlich gesagt, habe ich ebenso den Blick in den Spiegel weggelassen. Hätte er mir deutlich zeigen sollen, was ich auch alleine erahne und spüre?: Rote und müde Augen, die in den letzten Tagen kaum geschlossen waren, mit Tränensäcken, die sichtbar aufgequollen sind.

Die trockene Haut an der Nase, Andenken vieler verbrauchter Taschentücher. Und eine bleiche Gesichtsfarbe, die auf den Ausgang der zurückliegenden Arbeitswoche, den Verrat und den Vertrauensverlust nicht vorbereitet war. Und so wurde der eingestaubte Sekt, ein Überbleibsel der letzten Feierlichkeiten, mein täglicher Begleiter. Ist im Nachhinein nicht die beste Idee gewesen, hat aber geholfen, kurzzeitig den Kopf und die quälenden Gedanken auszuschalten. Auf Dauer definitiv eine falsche Wahl für mich. Das Leben hat mir den Boden weggerissen, aber ich werde meinen Kummer nicht mit Daueralkoholkonsum wegtrinken.

Darum habe ich beschlossen:

Ich habe keine andere Wahl: runter von der Insel, bevor ich im Selbstmitleid ertrinke!

Ich surfte im Web nach Unterkünften. Meine Filteroptionen lauteten: weit entfernt vom Meer, beeindruckende Aussicht, Verlängerung der Mietzeit möglich, deutschsprachig. Ganz so mutig für die große weite Welt war ich dann doch nicht.

Rasch wurde ich fündig.

Mein Ziel liegt im schönen Österreich.

Es geht für mich aufs Festland, von ebendort mit dem Mietauto Richtung Süden. In Ischgl gebe ich es nach Plan wieder ab und werde vor Ort vom Herbergsvater abgeholt. Anschließend geht es weiter in die Unterkunft: Brand bei Bludenz. Ein süßes Ferienhaus mitten im Grünen. Auf den Beispielbildern sind Bäume, Felder und Wiesen zu sehen. Ebenso sind ein paar Tiere auf dem Grundstück beheimatet.

Tausche Kegelrobbe gegen Bergziege.

Wenn der Vermieter mich nicht versteht, muss ich eben mit ihnen kommunizieren. O Gott, was spricht man dort in der Gegend? Ist Österreich vergleichbar mit der Schweiz, in der mehrere Sprachen ein Zuhause haben? Der Akzent des Landes verunsichert mich Nordlicht schon vor der Ankunft. Wird es eben eine stille Reise, auch nicht verkehrt. Mein Vorhaben ist, zu mir selbst zu finden. Störende Ablenkungen sind daher hinderlich.

Täglich spreche ich auf Arbeit unzählige Wörter, singe oder reime mit den Kindern. Führe Grundsatzdiskussionen, warum Aufräumen zum Spielen ebenso dazugehört. Warum Jungs nicht zwangsläufig stärker sind als die Mädels. Warum die Kurkinder kein Robbenbaby im Koffer mit nach Hause nehmen können. Warum das gemalte Bild dennoch hübsch aussieht, auch wenn die Vorstellung davon eine andere war.

Ruhe, Stille – ertrage ich das denn überhaupt? Ist meine Wenigkeit dafür gemacht? Tief einatmen, Annika, kommuniziere ich mit meinem Unterbewusstsein. Schmerzhafter kann es nicht mehr kommen. Du hast doch bereits deinen Traum verloren.

Ich schließe die Augen.

Die letzten Möwen begleiten die Fähre, bis auch die Mutigsten von ihnen das Schiff alleine weiterziehen lassen. Während ich im Alleingang auf der See schippere, kehren sie zur Küste zurück. Doch umdrehen steht für mich auf keinen Fall zur Debatte. Leicht wehmütig, Mama und Papa zurückzulassen, muss ich aber diese unbekannten Schritte gehen. Das Leben funktioniert nun mal ohne einen sicheren doppelten Boden. Es passiert, was passieren soll. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Tiefe Risse zieren mein Herz. Meine Reise brauche ich zum Verarbeiten und Abschließen. Ebenso um das Leben neu zu ordnen. Das Wasser steht mir eh schon bis zum Hals. Aufgeben und Hängen daher völlig ausgeschlossen. Ich würde untergehen. Darum habe ich mich entschieden zu schwimmen. Wer weiß, vielleicht finde ich auf dem höchsten Berg einen Hoffnungsschimmer, an dem ich mich festhalten kann.

Mein Leben nimmt eine neue Route, die mir so vor etlichen Stunden noch nicht vor Augen lag. Ein Handy vibriert, und ohne den Bildschirm zu erblicken, kann ich mir vorstellen, wer anruft.

Ihm ist beim Heimkehren in unsere gemeinsame Wohnung aufgefallen, dass meine Bettseite leer ist, der Schrank halb ausgeräumt und ich nicht mehr an seiner Seite bin.

Nach kurzem Klingeln verstummt es wieder. Funkloch sei Dank. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Mehr als nur eine Floskel. Das Azurblau des Meeres zieht sich bis zum Horizont. Umgeben von Wasser schließe ich die Augen, spüre den Wind, schmecke das Salz und genieße die ungewohnte Stille.

Und plötzlich schleicht mir das Zitat meiner geliebten Oma in den Sinn.

„Anni, Schätzchen, das Glück kommt in Wellen.“ Seufzend lehne ich mich auf der Bank zurück. Hoffe so sehr, sie behält recht.

1 Siddhartha Gautama, umgspr. Buddha, www.woxikon.de

Nico

„Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen,

als man umgeworfen wird.“2

Das grelle Sonnenlicht lässt sich hinter dem Vorhang spärlich erahnen. Es weist mich darauf hin, dass ein weiterer Tag im beschissenen Paradies begonnen hat.

Schlagartig ziehe ich die Decke wieder über den Kopf zurück. Will das Elend nicht sehen. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Verkrieche mich im Dunkeln. Alles Schwarz bringt eine ernüchternde Kargheit mit sich. Doch das Abschotten funktioniert nur bedingt. In der Ferne nehme ich, durch mein geschlossenes Fenster, die bettelnden Rufe von Bärbel und Fridolin laut wahr. Beide flehen jämmerlich über die Weide. So klein und dennoch so unsagbar nervig.

Wozu stehen diese Viecher denn draußen? Erst gestern habe ich die Grünfläche neu gestellt und ihnen wieder kulinarische Möglichkeiten geschaffen.

Eine grüne Wiese mit saftiggrünem Gras, Lichtpunkten aus blauem Enzian, gelben Goldruten und rotem Männertreu. Die Farbpalette an Wildblumen und wohltuenden Kräutern ist doch groß genug. Aber langsam dämmert es mir, dass diese winzigen Vierbeiner einen anderen, gewiefteren Plan verfolgen. Bärbel ist das kleinste und verschmusteste Zicklein, welches ich je gesehen habe. Sie begleitet mich hier auf dem Hof überall hin und weicht mir nach der morgendlichen Fütterung nicht mehr von der Seite. Hin und wieder deutet sie mir an, eine Pause zu machen. Sie stupst mich vorsichtig mit ihrer kleinen, feuchten Nase und stellt sich penetrant in meinen Laufweg. Wenn ich versuche, an ihr vorbeizugehen, beginnt die Schauspielerei von vorne. So lange, bis ich endgültig stehen bleibe und sie sich an mein Bein ankuscheln kann.

Bärbel wurde im Frühjahr hier auf dem Hof meiner Eltern geboren, und so klein sie ist, so groß ist ihr Eigensinn. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Ausdauer diese Vierbeinerin besitzt, bis sie ihre Kuscheleinheit als Belohnung bekommt. Sind Ziegen intelligent? Spürt Bärbel, der kleine Flauschknödel, dass ich derzeit komplett am Arsch bin? Mein Körper, sonst eine durchtrainierte Hochleistungsmaschine, gleicht momentan eher einer Großbaustelle. Mein Körper ist mein Kapital, der es mir ermöglicht, einen Traumjob auszuführen. Egal, was mir bevorsteht, ich kann mir sicher sein, mental und physisch im Reinen zu sein.

Die letzten Wochen zeigten die Kehrseite der Medaille. Mit der Hiobsbotschaft habe ich auf die Fitness geschissen. Ich bin ein Wrack und spreche dabei nicht nur rein vom Äußerlichen.

Ist hier abseits der gewohnten Umgebung im Übrigen etwas schwierig, das Level zu halten. Keine Muckibude in der Nachbarschaft. Hier ist eher oldschool und nature angesagt. Aber mir fehlt die Puste. Ich bin froh, morgens überhaupt die Füße vor das Bett zu bekommen. Den Stillstand meines Trainings schiebe ich auf die fehlenden Möglichkeiten, ins Fitnessstudio zu gehen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann bin ich bereits morgens ausgepowert. Ganz ohne körperliche Ertüchtigung. Oft liege ich wach im Bett und blicke stündlich auf mein Handy. Innerlich leer. Im nächsten Augenblick voller Fragen, Sorgen und Qualen. Das Leben tickt weiter. Scheiße, verdammt, das kann unmöglich sein. Der Himmel ist aufgerissen, und es prasselt Eisregen auf mich nieder. In mir ist alles erstarrt. Der Schlaf in der Nacht, wenn ich ihn denn habe, reicht nicht aus, um meinen Energiehaushalt aufzufüllen. Auch ohne Hanteltraining schmerzen die Arme und lassen hin und wieder meine Hände schmerzhaft zusammenkrampfen. Lungen brennen, nicht vom Joggen, sondern von den vielen Fragen und Ängsten, die mir die Luft rauben.

Beim Augenaufschlag sehe ich täglich schwarz.

Die Decke schützt mich, bettet mich warm, weil ich mich sonst schrecklich einsam fühle und alles um mich herum so scheiße kalt geworden ist. Meine Schultern hängen tief, sind gefühlt tonnenschwer, sodass ich viel Empathie mit Quasimodo empfinde. Was der arme Kerl wohl alles schultern musste. Der kaputt wirkende Franzose war im Gegensatz zu mir keine 1,88 m groß. Wie er fühle ich mich ausgesetzt, alleingelassen in der großen weiten Welt. Die Zeiger der Uhr drehen sich weiter. Aber ich will nur schreien. Sie anhalten. Besser noch zurückdrehen. Zurück zu den guten Tagen, voller Sonnenschein, bunter Farben und der Anwesenheit meiner Lieblingsmenschen. Doch die Welt macht einfach weiter. Warum? Das Leben ist nicht fair. Dieses Ereignis kann auch nur mir passieren. Der kleine Kerl aus Frankreich hat sich tief in den Schlossmauern eingekesselt und vor der Außenwelt versteckt. Ich befürchte, mir wird das nicht gelingen. Wenigstens noch wenige Augenblicke hier unter meiner Decke.

Doch dann höre ich wieder Bärbel mit ihrem flehenden, sehnlichsten Mähen. Ja, sie bettelt und wird nicht eher Ruhe geben. Ich atme tief durch. Wieso nur muss mir das passieren? Die mähenden Schreie werden lauter. Ok, kleine Ziegendame, du hast gewonnen. Also zwinge ich mich, doch aufzustehen. Die Tiere können ja nix für die Misere, in der ich bin. Es startet erneut die tägliche scheiß Truman-Show auf dem Stanzl-Hof. Erst öffne ich das Gatter der Hühner und entlasse die kleinen gefiederten Scheißer in die Freiheit. Der stolze Hahn schreitet erhobenen Hauptes an mir vorbei und ich schwöre, da ist null Dankbarkeit in seinem Blick. Die Hennen tippeln hinterher, wenigstens sind sie wohliger gestimmt. Im Hühnerschlag haben sie zwei Eier für mich hinterlassen. Anschließend sind die Ziegen dran. Ich verteile etwas Kraftfutter in den Futtertrog und begrüße den Nervzwerg Bärbel.

Gemeinsam verüben wir einen Rundgang über den Hof, um die To dos des Tages aufzunehmen. Das ist, wie ich festgestellt habe, eine wahre Herkules-Aufgabe. Einzig und allein das Vorderhaus ist in tadellosem Zustand. Meine Eltern haben dort einen Herzenswunsch vollendet.

„Irgendwann, Junge, ist das dein Heim. Wir bereiten es vor, und wenn du dich ausgetobt hast, die Welt entdeckt und bereist hast, kommst du zurück und lebst hier einen neuen Traum“, höre ich mein Vater nur allzu oft sagen.

Nicht gerade selten habe ich mir diese oder ähnliche Wortabfolgen schon angehört und kann den Schwüren immer noch nicht zustimmen. Ich steh gefühlt im Regen und sehe keine einzige Antwort auf meine Fragen. In jedem Gedanken liegt alles hinter Nebel verdeckt.

Das Vorderhaus befindet sich an einer Hühnerwiese weiter vorn am Hang. Im Keller gibt es eine Garage mit dem immensen Black-+-Decker-Sortiment meines Vaters. In den nächsten Wochen werde ich mir an den Geräten so manche Blase holen.

Im Obergeschoss befindet sich die besagte Bleibe, die meine Heimat, mein Zuhause, werden sollte. Fertig eingerichtet wartet diese Wohnung darauf, genutzt und mit Erinnerungen belebt zu werden. Ich stehe auf dem Balkon, weil die vielen Baustellen auf dem Hof mich doch nicht genug ablenken können, sodass ich erneut nachdenke.

In wenigen Tagen steht mir der schwerste Gang meines Lebens bevor.

Davor kann ich leider nicht die Augen verschließen. Mit Tränen, die sich nach oben kämpfen, stehe ich erschöpft am Balkon und blicke herunter. Das Panorama lässt in mir Sehnsucht aufkommen. Sehnlichkeit an vergangene Tage, vergessene Momente und die nicht mehr da gewesene Zeit.

Meine Kindheit fand genau hier statt. Rechts im Nadelwald waren Papa und ich oft Pilze sammeln. Mit gefüllten Holzkörben kamen wir zurück und gemeinsam mit Mama kochten wir Jägerpfännle. Seit jeher das absolut leckerste Essen auf diesem Planeten. Speck vom Alten Fritz, frische Pilze und Mams selbst gemachte Nudeln.

Die schmerzvolle Erinnerung daran lässt einen dicken Kloß in meinem Hals entstehen. Ich kralle mich ans Geländer. Die Fingerkuppen werden weiß. Will ich das alles hier überhaupt festhalten? Jetzt wäre trotz allem ein passender Zeitpunkt, das Ganze endlich hinter mir zu lassen. Das war es doch, was ich immer wollte. Raus aus der Einöde. Weg von hier, anders leben. Der Nachbar und damit der nächste verfügbare soziale Kontakt nicht erst einen minutenlangen Fußmarsch durch die Pampa entfernt. Zudem die fehlende Spontanität, welche mich nervt und in meinem Sein einschränkt. Kein Nachtleben, nicht ein Italiener um die Ecke und geschweige ein Supermarkt, den ich spontan besuchen könnte. Weil ich Esel mal wieder vergessen habe, etwas Wichtiges zu besorgen.

Das Planen und Voraussehen ist mir so ein Dorn im Auge. Es belastet mich, alles zu jeder Zeit im Blick zu haben. Sind die Tiere mit Futter versorgt, habe ich das Trinkwasser aufgefüllt, wann muss man einen Tierarzttermin datieren? Was esse ich in den kommenden Tagen, was fehlt in der Vorratskammer, welche Materialien sind für die Baustellen verwendbar? Wir leben im 21. Jahrhundert, bisschen mehr als diese Kargheit ist nicht verkehrt. Zusätzlich dann diese scheiß Stille, die meinen Gedanken so viel mehr Raum geben. Lautlosigkeit, wohin ich höre. Aber im Kopf verstummen die Sorgen nicht. Schreien lauter als je zuvor. Manchmal ist es so unglaublich schwer, an ein gutes Ende und an einen Abschluss zu glauben. An ein Licht am Ende des Tunnels. Wie soll ich das alles bloß machen? Ich habe das Gefühl, die engen Mauern kommen Stück für Stück näher. Nehmen mir die Luft zum Atmen und verringern das Licht auf Stecknadelgröße.

Und doch kann ich dem Hof aus Pflichtgefühl nicht den Rücken kehren. Aufgrund der mickrigen Unannehmlichkeiten eine ganze Familiengeschichte aufgeben. Ich drehe und wende mich im Kreis. Nachts, in meinen Gedanken, immer. Alles bequem hinter mir lassen und einen neuen Weg bestreiten, klingt reizvoll. Die Realität steht auf einem anderen Blatt Papier. Es zerreißt mich, dass ich darüber überhaupt nachdenke. Das Lebenswerk und den Traum meiner Eltern einfach wegwerfen. Irgendwann wird mein mieses Karma mich derart auf die Fresse fallen lassen. Wenn es das nicht bereits getan hat. Gedanken quälen mich. Wie so oft in letzter Zeit. Ich sehe das Licht schon lange nicht mehr. Es bleibt ein stechender Kopfschmerz, der so schnell auch nicht vorbeigehen wird. Das einzig Positive, was ich hier erlebe, ist die Naturgewalt. Wenn hier ein Gewitter aufkommt, ist es ebenso rasch wieder überstanden. Verhält sich wie mit einem Pflaster: kurz schmerzhaft, aber schnell vorbei. Rasche Zeit später erkämpft sich die Sonne ihren Platz zurück und taucht die Landschaft in helles Licht. Auf Schatten folgt die Helligkeit.

Meine grauen Wolken liegen schwer in der Abwärtsspirale meines Lebens. Erdrücken mich tagein, tagaus. Dunkelheit umgibt mich und ich kann dem nicht entkommen. Stecke fest und kann den Ausweg nicht erblicken. Mein persönliches Unwetter hält schon viel zu lange an. Es wird niemals aufhören. Nie wieder unbeschwert werden. Keinen Augenblick wieder bunt und schön. Es ist so einfach, sich im Dunkeln zu verlieren. Ich habe schon lange keine Kraft mehr, mich da rauszukämpfen. Die bleierne Dunkelheit nimmt mir die Sicht. Wie gern wäre ich jetzt wieder im Bett. Im Vorbeigehen lese ich ein Zitat im heutigen Tagesblättle. Dort steht in großen schwarzen Buchstaben geschrieben: An jedem Tag kann ein Wunder passieren, sie müssen nur die Augen öffnen und manchmal auch die Blickrichtung ändern.

Das kann nur ein Arschloch von Journalist ohne Sorgen und Ängste schreiben. Wir können gerne die Leben tauschen, du Penner. Mal sehen, ob dann noch so schlaue Sprüche aus deinem Hirn entstehen. Ich werfe das Blatt in den Korb vorm Kamin und kehre in mein Bett zurück. Dankbar, mein Elend nicht weiter sehen zu müssen, schließe ich die Augen.

2Churchill, Winston, www.zitate-fibel.de

Annika

„Es gibt ein Bleiben im Gehen,

ein Gewinnen im Verlieren,

im Ende einen Neuanfang.“3