Die Irrfahrt des Charles Philip Plumpton - Ralf Lützner - E-Book

Die Irrfahrt des Charles Philip Plumpton E-Book

Ralf Lützner

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Beschreibung

Eine Abenteuergeschichte für Erwachsene - Was hat der junge Charles Philip Plumpton bloß getan, dass ihm auf einmal die halbe Welt nach dem Leben trachtet? Man schreibt das Jahr 1820. Wenige Tage vor seinem 21. Geburtstag wird der kleine Walfänger 'Eleanore', auf dem das englische Auswandererkind als Schiffszimmermann angeheuert hat, ohne Vorwarnung von einem britischen Linienschiff angegriffen und versenkt. Beinahe wäre der Grund der karibischen See auch Charlie Plumptons Grab geworden, hätte sich nicht die unkonventionelle Emma Prendegast-Willis seiner angenommen. Als Passagier war das illegitime Kind eines Piratenkapitäns und einer britischen Adelstochter an Bord der 'Eleanore' gekommen. Nun rettet deren List beide vor dem Untergang. Daheim muss Charlie feststellen, dass sich auch seine Familie zunehmend sonderbar verhält. Ist auch sie in die Vorgänge verwickelt? Einziger Anhaltspunkt ist eine Handvoll Papiere aus dem Nachlass seines Vaters. Diese verweisen auf einen Lord Sharingham und eine Adresse im fernen Kairo. Erneut ist es Emmas Eingreifen zu verdanken, dass Charlie einem weiteren Anschlag auf sein Leben um Haaresbreite entrinnen kann. Gemeinsam beschließt man daraufhin, die ominöse Adresse in Kairo aufzusuchen, um endlich Antworten zu erhalten. Die anschließende Reise führt das Paar (mit teils wechselnden Begleitern) von der Karibik quer durch Nordafrika, dann weiter durch Italien, die Schweiz und Deutschland, bis hin nach England. Stets auf den Fersen bleiben ihnen dabei die britischen Auftragsmörder Diamond, Emerald und Ruby sowie der undurchsichtige französische Agent Mercier. In Nordafrika gerät man zusätzlich ins Visier einer Räuberbande, die eigene Pläne mit Jägern und Gejagten hat. In Italien verstrickt man sich in die langjährige Fehde der Familien Umberti und Lamperelli. Diese führt sie bis nach Genua, wo Emma eine schwerwiegende Entscheidung treffen muss.

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Seitenzahl: 581

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ralf Lützner

Die Irrfahrt des Charles Philip Plumpton

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Es ist ein Junge!

2. Wie eine Spur aufgenommen und wieder verloren wurde

3. Keine Gefangenen

4. Heimkehr

5. Das Abbrechen der Brücken

6. Die Wege kreuzen sich

7. Karawanen nach Osten

8. Exodus

9. Die Geschichte zweier Familien

10. Gute Nacht, mein Prinz

11. Lindenbrook & Söhne

12. Am Ende der Reise

13. Also sprach Ihre Majestät

Impressum neobooks

1. Es ist ein Junge!

  Unbarmherzig trieb der Reiter sein Pferd durch die Dunkelheit. Nur schemenhaft erkannte er die einsame, schlammige Straße vor sich, in dem schwachen Licht, das der Mond durch den verhangenen Nachthimmel zu schicken vermochte. Doch das veranlasste ihn nicht, sein Tempo zu verlangsamen.

Bereits in den frühen Morgenstunden war er von London aufgebrochen. Die letzte Rast lag schon Stunden zurück: Ein frisches Pferd an der Poststation, ein schnelles Bier in der Schenke, dazu ein paar hastige Bissen harten Brots und Dörrfleisch. Zu allem Überfluss hatte einsetzender Regen und ein böiger Wind Ross und Reiter bereits bis auf die Knochen durchnässt.

Aber der Mann beklagte sich nicht. Von seiner Lordschaft höchstpersönlich war er für diese Aufgabe ausgewählt worden. Eine Geste absoluten Vertrauens! Drei Tage lang wartete er daraufhin in einer Spelunke in Blackheath auf das Eintreffen des Kuriers. Nun war Eile geboten. Er tastete nach der ledernen Umhängetasche, die die versiegelte Botschaft enthielt. Von staatstragender Wichtigkeit sei deren prompte und diskrete Auslieferung, hatte seine Lordschaft mehrfach betont. Und er würde seinen Herrn nicht enttäuschen! Er würde für seine Dienste gut entlohnt werden.

Weiter peitschte er sein Pferd durch die verregnete Nacht.

Nach Norden.

Immer weiter nach Norden.

„Gütiger Gott, Sharingham! Wie konnte ich mich bloß darauf einlassen?“

Nervös schritt der kleine, untersetzte Mann in der geräumigen Bibliothek auf und ab. Obwohl es eine kühle Oktobernacht war, trieb ihm die Anspannung den Schweiß auf die Stirn. Er zog sich die graue Perücke vom Kopf und wischte mit einem seidenen Tüchlein über die fortschreitende Glatze, die darunter zum Vorschein kam.

„Das ist alles höchst unerfreulich.“

„Mein lieber Bromset, beruhigen Sie sich!“ erwiderte der andere. Er war größer, schlanker und jünger als sein Gegenüber. Eine Aura staatsmännischer Würde umgab ihn, während er sich scheinbar gelassen an den Sims des Kamins lehnte. „Es kann jetzt nicht mehr lange dauern ... und bis Eure werte Gemahlin und Eure Tochter aus ihrer Kur zurückkehren, wird nichts mehr daran erinnern, dass wir je hier gewesen sind! Vergessen Sie nicht, Bromset, wir dienen hier einem höheren Zweck!“

„Ihr Wort in Gottes Ohr, Sharingham“, seufzte dieser. „Ihr Wort in Gottes Ohr!“ Er tupfte mit dem Tüchlein über Kinn und Oberlippe. „Wenn die falschen Leute ... Gott, es ist stickig hier drinnen!“

Erneut wischte er sich über die Stirn.

„Findet Ihr?“ Demonstrativ wandte sich Sharingham vor den Kamin, um seine Hände an dem prasselnden Feuer zu wärmen. „Ich empfinde es eher als frisch. Aber, wie ich Ihnen schon hundertmal versichert habe, mein lieber Bromset, die Leute, die ich ausgewählt habe, sind mir treu ergeben ... genießen mein vollstes Vertrauen...“

„Jaja, so sagtet Ihr!“ schnaubte Bromset. Sein Blick wanderte zu der Standuhr, die monoton in einer Ecke tickte. Es war weit nach zwei Uhr morgens. „Diese Warterei macht mich noch wahnsinnig! Ich brauche einen Brandy! Was ist mit Ihnen, Sharingham?“

„Nein, danke. Ich werde heute Nacht noch einen klaren Kopf benötigen. Noch etwas Tee, vielleicht...“

„Cavendish!“

Der Butler, der sich bislang dezent im Hintergrund gehalten hatte, trat vor. „Sehr wohl, Mylord?“

„Noch etwas Tee für Lord Sharingham. Ich bediene mich schon selbst.“

„Sehr wohl, Mylord!“ Der Butler machte eine steife Verbeugung, sammelte das Teeservice auf, das auf einem Tischchen zwischen zwei Lehnstühlen stand, und verließ damit die Bibliothek.

Kaum war er in Richtung Küche verschwunden, klopfte es an einer Seitentür, die in einen Korridor zur oberen Etage führte. Ein Mann von Anfang Zwanzig streckte den Kopf hinein.

„Ah ... Abercombe!“ reagierte Sharingham prompt. „Irgendwelche Neuigkeiten?“

„Noch nicht, Euer Lordschaft“, antwortete der junge Mann. „Aber es scheint Komplikationen zu geben...“

„Ich verstehe“, gab Sharingham ruhig zurück. „Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden.“

„Sehr wohl, Euer Lordschaft.“

„Auch das noch“, murmelte Bromset, der sich inzwischen ein großzügiges Glas Brandy eingeschenkt hatte.

„Es kommt, wie es kommt“, sinnierte Sharingham.

„Ich bewundere Eure Ruhe!“ sagte Bromset und leerte sein Glas in einem Zug.

„Halt! Wer reitet da zu solch unchristlicher Stunde?“ rief der Torwächter.

„Nachricht aus London!“ gab der Bote einsilbig zurück.

Der Torwächter hob seine Laterne, um den Reiter sehen zu können. „Wurde auch langsam Zeit!“ begann er daraufhin zu zetern. „Seit Tagen darf ich mir hier schon die Nächte um die Ohren schlagen...“

„Mach hin, Mann!“ knurrte der Bote ungeduldig.

„Jaja...“ Der Wächter stellte die Laterne auf dem Boden ab, schlug den Kragen seines Mantels hoch und zog sich den Hut tiefer ins Gesicht. Dann trat er aus dem Unterstand seiner kleinen Kabine hervor, hinaus in den strömenden Regen.

„Komm Junge, hilf mir mal!“

Ein verschlafen wirkender Halbwüchsiger eilte aus dem Haus. Gemeinsam zogen sie die schweren Flügel des schmiedeeisernen Tors auf.

„Immer dem Weg lang!“ ließ man den Reiter wissen, der sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte.

„Mach Platz, Alter!“

„Da hast du’s, mein Sohn“, zischte der Wächter, während sie das Tor hinter dem Boten wieder schlossen. „Keine Manieren, diese Stadtmenschen...“

In gemächlichem Trab steuerte der Reiter sein Pferd über den Kiesweg des Parks. Auf beiden Seiten konnte er die düsteren Umrisse der Wirtschaftsgebäude ausmachen: Stallungen, Lagerhäuser, Unterkünfte des Personals. Alles war dunkel. Alles schlief. Ein Fuchs huschte vor ihm über den Weg; offenbar auf der Suche nach dem herrschaftlichen Geflügel. Durch die Äste der sich lichtenden Bäume sah er die Lampen am Eingang des Herrenhauses.

  Er beschleunigte seinen Trab.

Vor den Säulen des Hauptportals stieg er ab und läutete die Glocke.

Cavendish, der Butler, öffnete die Tür.

Ohne sich zu erklären, zwängte der Bote sich hinein. Er ließ seine Blicke durch die große Eingangshalle schweifen. Sie war nicht beleuchtet. Allein der Schein der Kerze, die der Butler bei sich trug, ließ ein wenig von deren Pracht erahnen. Breite Marmorstufen führten in die obere Etage, wo noch Licht brannte. Der Bote glaubte, von dort leises Stöhnen und gedämpfte Schreie hören zu können.

Er erschauderte.

„Sir?“ wurde der Butler ungeduldig.

Der Bote kam wieder zu sich. „Ich bringe Nachricht aus London. Lord Sharingham erwartet mich hier.“

Im Licht seiner Kerze musterte Cavendish die von Wind und Wetter gebeutelte Gestalt des Reiters. Mit gerümpfter Nase musste er zur Kenntnis nehmen, wie dessen schlammige Stiefel und durchnässte Kleidung ihre Spuren auf dem frisch geputzten Fußboden hinterließen.

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Sir.“

Er führte den Boten zur Bibliothek im Erdgeschoss.

  „Warten Sie bitte. Ich werde Sie anmelden...“

  Er klopfte an die Tür.

„Ja, bitte!“ rief Bromset, der gerade im Begriff war, sich ein weiteres Glas Brandy einzuschenken.

„Der Bote aus London“, vermeldete der Butler.

„Herein mit ihm!“ stieß Sharingham hervor, ohne die Reaktion des Hausherrn abzuwarten.

Bromset stellte sein Glas ab und fummelte hastig die Perücke zurück auf seinen Kopf. Ein standesgemäßes Erscheinungsbild musste schließlich gewahrt bleiben.

„Ah ... Henley!“

  Mit forschen Schritten ging Sharingham auf den Boten zu, der mittlerweile ebenfalls eingetreten war.

  „Wie war die Reise?“

„Lang und regnerisch, Mylord.“

„Und Ihnen ist niemand gefolgt?“

„Nein, Mylord!“

„Ausgezeichnet! Guter Mann!“

„Vielen Dank, Mylord.“

  Henley griff in seine Umhängetasche und überreichte den versiegelten Brief.

Stumm nahm Sharingham das Schreiben an sich.

Bromset schien den Atem anzuhalten.

„Nun“, brach Ersterer endlich das Schweigen. „Ich denke, in der Küche warten eine heiße Suppe und ein Feuer, an dem Sie sich aufwärmen können, auf Sie, mein lieber Henley...“

„Ganz recht“, pflichtete Bromset ihm bei.

Der Butler führte den Boten aus der Bibliothek.

„Jetzt machen Sie schon, Sharingham!“

Bromset konnte nicht länger an sich halten.

„Spannen Sie mich nicht auf die Folter!“

Regungslos hatte Sharingham gewartet, bis sie wieder unter sich waren. Versonnen hielt er die versiegelte Botschaft in Händen. Schließlich brach er das Siegel, entfaltete das Papier und überflog die Zeilen.

Er zögerte einen Moment.

„Es ist geschehen...“

Bromset erbleichte und bekreuzigte sich.

Die Seitentür öffnete sich, und der junge Abercombe, Lord Sharinghams Sekretär, trat ein. In seiner Begleitung befand sich ein Herr in mittleren Jahren. Dessen Hemdsärmel waren hochgekrempelt. Er trug eine Art Schürze, die mit Blut befleckt war. Die Mienen der Männer waren ernst.

„Doktor Philipps!“ entfuhr es Bromset.

„Und?“ erkundigte sich Sharingham.

„Es ist ein Junge“, antwortete der Doktor.

„Und die Mutter?“

Der Doktor schüttelte den Kopf.

Sharingham nahm einen tiefen Atemzug und nickte stumm.

Kreidebleich und mit zittrigen Händen griff Bromset nach seinem Brandyglas.

„Ich werde oben noch gebraucht“, sagte der Doktor. „Wir reden später...“

„Ja ... danke, Philipps“, erwiderte Sharingham.

Sein junger Sekretär blieb noch zurück.

„Es ist genau das eingetreten, was wir befürchtet hatten, Abercombe“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Verfahren Sie so, wie wir es besprochen haben...“

„Jawohl, Euer Lordschaft!“

Bromset warf die Perücke in seinen Lehnstuhl und stürzte den Brandy hinunter.

*

Noch eine weitere Botschaft aus London näherte sich in jener Nacht ihrem Bestimmungsort. Sie führte ihren Überbringer nach Süden. In Portsmouth nahm ihn ein Boot auf, das ihn auf die Isle of Wight übersetzen sollte. Sein Ziel war Carisbrooke Castle, nahe des Städtchens Newport.

Fackeln und Laternen erhellten das mittelalterliche Kastell, sodass es schon aus der Ferne gut sichtbar war. Der kleine, von Efeu umrankte Torbogen der äußeren Begrenzungsmauer wurde von Soldaten bewacht. Der Kurier zeigte einen Pass vor, worauf man ihn passieren ließ. Laut schallten die Tritte der Hufe auf der schmalen Steinbrücke in die Nacht, während er sein Pferd auf das imposante Hauptportal zubewegte. Mächtige, runde Wachtürme flankierten es zu beiden Seiten. Auch auf den Türmen standen Wachen, ebenso auf den Schutzwällen.

Am Portal musste er sich erneut ausweisen. Dahinter nahm ihn der Majordomus des Kastells im Empfang. Ein Stallbursche kümmerte sich um sein Pferd. Eine Anzahl weiterer Soldaten hockte im Innenhof um ein Lagerfeuer. Neugierig verdrehten die Männer ihre Köpfe, als sie des Boten gewahr wurden.

Der Majordomus führte diesen auf ein Gesellschaftsgebäude zu. Zahlreiche Vertreter des britischen Landadels waren darin versammelt — wie zu einem Staatsempfang. In kleinen Grüppchen standen sie beisammen und führten leise, aber angeregte Gespräche. Dienstboten schwirrten um sie herum, um sie mit Speisen und Getränken zu versorgen.

Es war eine hochherrschaftliche junge Dame, die hier Hof hielt. Sie reagierte prompt, als der Majordomus mitsamt dem Kurier den Raum betrat.

„Botschaft aus Greenwich?“ verlangte sie zu wissen.

„Ja, Mylady“, entgegnete der Bote. Er hielt kurz inne. „Ich muss Euch leider mitteilen, dass ... dass Euer erlauchter Onkel gestern in den frühen Morgenstunden seinen Verletzungen erlegen ist.“

Schlagartig herrschte Stille im Saal.

2. Wie eine Spur aufgenommen und wieder verloren wurde

  London. Westindische Docks. Hell erstrahlte die morgendliche Augustsonne über der gigantischen Hafenanlage. Obwohl sie erst im vorletzten Jahr vollendet wurde, erschien sie fast schon wieder zu klein. So groß waren der Trubel und das Gedränge, das an diesem Morgen hier herrschte.

Dockarbeiter, Fuhrwerke und Karren verstopften die Kais. Unzählige Kisten und Fässer wurden unter den strengen Blicken der Aufseher von Bord der Schiffe gehievt. Was nicht sofort abtransportiert wurde, fand in den riesigen Magazinen und Lagerhallen Platz. Anweisungen wurden gebrüllt. Händler riefen sich Zahlen und Preise zu. Hammerschläge kündeten von Reparaturarbeiten. Der Geruch von Teer und Pech lag in der Luft.

Guter Dinge bahnte sich Alan Abercombe einen Weg durch das geschäftige Treiben. Fast fünf Jahre waren seit jener Nacht im Oktober vergangen, ihre Ereignisse längst in Vergessenheit geraten. Es herrschte die Routine des Tagesgeschäfts. Erst gestern war eine Flotte Westindienfahrer hier eingelaufen, deren Ladung nun gelöscht wurde. Und Abercombe war gekommen, um die Bestände seines Arbeitgebers, Lord Sharinghams, zu überprüfen.

„Guten Morgen, Alan!“ nahm ihn ein Schreiber in Empfang, der an einem kleinen, provisorisch aufgestellten Tischchen mit der Buchführung beschäftigt war. „Sieht nach einer guten Ausbeute aus, diesmal ... die Preise sind auch in Ordnung ... seine Lordschaft wird zufrieden sein...“

„Das freut mich, Mr. Flax.“

„Du wirst dir die Ware sicher ansehen wollen...“

„Deswegen bin ich hier.“

„Geh am besten hinten rum“, sagte der Schreiber und deutete auf ein schmales Gässchen, das zwischen zwei Lagerhäusern hindurch führte. „Wenn du fertig bist, kannst du die Listen gleich mitnehmen...“

„Danke, Mr. Flax.“

Abercombe verschwand in den Durchgang, der zur Hintertür des Warendepots führte. Er war allein, ließ den Lärm der Kais hinter sich.

Ein Mann in einem eleganten schwarzen Gehrock trat vor ihn. Sein Gesicht war von fast makellosem Weiß. Freundlich zog er den Hut vor seinem Gegenüber.

„Mr. Alan Abercombe?“

„Ja“, antwortete dieser, etwas verunsichert.

„...in Diensten Lord Sharinghams?“

„Ja ... wer...?“

Weiter kam Abercombe nicht. Unvermittelt stülpte jemand von hinten einen Sack über seinen Schädel. Das letzte, das er noch spürte, war ein flammender, stechender Schmerz am Hinterkopf.

Ein Schwall Wasser ins Gesicht ließ ihn schließlich wieder zu sich kommen. Er wusste nicht, wo er war. Er saß auf einem Stuhl, der Oberkörper entblößt, Arme und Beine an Lehnen und Stuhlbeine gefesselt. Ein Strick war um seinen Hals gelegt und fixierte diesen an einem hölzernen Stützpfosten, der in dem muffigen Kellergewölbe zur Decke ragte. In einer heruntergekommenen Feuerstelle glimmte ein Kohlenfeuer. Schüreisen steckten in dessen Glut.

Erst jetzt bemerkte er die Schmerzen. Hämmern im Kopf. Das Brennen an Hals, Hand- und Fußgelenken, wo die rauen Stricke langsam in sein Fleisch schnitten. Die Brandwunde an seinen Rippen.

Die Erinnerung kehrte zurück. Beim Lagerhaus hatte man ihm aufgelauert und in dieses Kellerloch verschleppt. Fragen hatte man gestellt, ihn geschlagen und mit glühenden Eisen malträtiert. Dabei musste er das Bewusstsein verloren haben.

„Wie ich sehe, sind Sie wieder bei uns, Mr. Abercombe.“

Mit noch leicht getrübtem Blick erkannte er den elegant gekleideten Herrn, der ihn bei den Docks angesprochen hatte. Selbst in diesem stickigen, schmutzigen Keller wirkte dessen Erscheinungsbild makellos.

„Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen“, presste Abercombe hustend hervor. Wasser tropfte von den nassen Haarspitzen in seine Augen, sodass sein Blick nochmals verschwamm. „Ich habe nichts getan...“

„Tssst, tssst, mein Lieber“, erwiderte der elegante Herr kopfschüttelnd. „Sie sollten uns nicht unterschätzen! Wir haben eine recht genaue Vorstellung davon, was sich in jener Nacht in Bromset Hall zugetragen hat ... der Auftrag, mit dem Sie betraut wurden...“

„Ich weiß nichts ... von einem Auftrag!“

„Vielleicht sollten wir ihn doch ein bisschen härter anpacken, Mr. Diamond“, meldete sich plötzlich ein zweiter Mann zu Wort, der gerade einen leeren Eimer neben einer Wassertonne abstellte. Er war einen ganzen Kopf kleiner als der andere, dafür untersetzt und kräftig, fast schon bullig. Er trug Arbeitshosen und ein ledernes Wams. Er wirkte erhitzt. Puterrot war sein Gesicht.

„Sachte, Mr. Ruby!“ ging der Mann namens Diamond dazwischen. „Sehen wir erst einmal, ob nicht doch die Vernunft siegt! Sehen Sie, Mr. Abercombe“, wandte er sich daraufhin wieder seinem wehrlosen Opfer zu. „Es gab eine schwache Stelle in Sharinghams Plan. Der alte Bromset hatte nicht einmal ansatzweise die Nerven für eine derartige Unternehmung. Bis zu seinem Tod im Frühjahr entwickelte er sich mehr und mehr zu einem mitleiderregenden, zittrigen Wrack. Auf dem Sterbebett konnte er seiner gepeinigten Seele dann endlich Erleichterung verschaffen ... und nach einer kleinen Zuwendung zeigte sich sein Beichtvater mehr als kooperativ! Natürlich war der gerissene Sharingham nicht so dumm, Bromset in die Details seines Planes einzuweihen. Und hier kommen Sie ins Spiel, mein lieber Abercombe...“

„Ich weiß immer noch nicht, wovon Sie sprechen“, entgegnete dieser dumpf.

„Bedauerlich“, seufzte Diamond. „Mr. Emerald ... wenn ich Sie bitten dürfte...“

Ein dritter Mann, der sich bis dahin still in Abercombes Rücken aufgehalten hatte, trat vor. Er war der größte der dreien, hochgewachsen, aber hager. Er machte einen kränklichen Eindruck. Sein blasses Gesicht, in dem eine enorme Hakennase prangte, war von fast grünlicher Farbe. Seine Kleidung wirkte abgetragen, ein wenig schäbig. Er kramte in einer kleinen, dunkelbraunen Tasche, die an die eines Arztes erinnerte. Ein merkwürdiges sichelförmiges Skalpell kam zum Vorschein.

Abercombe bäumte sich auf.

„Ein bemerkenswertes Instrument“, bemerkte Diamond trocken, während Emerald es dem Gefesselten wortlos präsentierte. „Schon die alten Ägypter wussten es vielseitig zu nutzen! Mr. Ruby, würden Sie Mr. Emerald bitte zur Hand gehen...“

Der bullige Mann trat hinter Abercombe, packte ihn an den Oberarmen und drückte ihn fest an die Stuhllehne.

Dieser versuchte sich zu wehren, die Fesseln und die Muskelkraft des grobschlächtigen Ruby machten dies jedoch unmöglich. Panik und schiere Verzweiflung ließen Abercombes Herz rasen, beschleunigten seinen Atem zu einem hechelnden Keuchen.

Mit chirurgischer Präzision setzte Emerald das scharfe Instrument an dessen Brust und schnitt unter die Haut. Die Schreie des hilflosen Opfers hallten durch das Kellergewölbe, sodass man sein eigenes Wort kaum mehr verstand. Mit wenigen, geübten Schnitten entfernte Emerald Abercombes rechte Brustwarze.

Die Männer ließen von ihm ab. Abercombes Schreie verebbten zu einem gequälten Schluchzen. Tränen liefen über sein schmerzverzerrtes Gesicht. Rotz lief aus seiner Nase. Das Blut rann seinen Oberkörper hinab.

„Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was Mr. Emerald mit diesem Instrument zu leisten vermag“, meldete sich Diamond daraufhin wieder zu Wort. „Dass wir uns recht verstehen, mein lieber Mr. Abercombe ... Ihnen wird sicherlich klar sein, dass Sie diesen Raum nicht lebend verlassen werden! Sie können es sich leicht machen ... oder schwer...“

„Ich weiß nicht, was Sie wollen“, wimmerte dieser.

„Welch bemerkenswerte Loyalität!“ schnaubte Diamond. „Ich frage mich ... ich frage Sie ... würde der edle Sharingham Ihnen gegenüber dieselbe Loyalität an den Tag legen?“

„Ich weiß von nichts!“

„Nun gut.“ Diamond nickte Ruby zu, der ihm erwartungsvoll entgegen blickte. „Ich kann Ihnen versichern, Mr. Abercombe, dass mir das keinerlei Vergnügen bereitet...“

Ruby packte die rechte Hand des Gefesselten und setzte eine schwere Kneifzange am vordersten Glied dessen kleinen Fingers an.

Es gab ein ekelhaft knirschendes Geräusch, das gleich darauf von den markerschütternden Schreien Abercombes übertönt wurde. Er war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.

Der hagere Emerald hielt ihm ein Fläschchen Riechsalz unter die Nase.

Wild warf Abercombe den Kopf hin und her (soweit es der Strick um seinen Hals zuließ). Er hustete, kreischte und spuckte, bis er schließlich in sich zusammen sackte. Das blutige Fingerglied baumelte noch an ein paar Hautfetzen von der Hand hinunter.

Ruby legte die Zange beiseite. Er schritt zum Wasserbottich, füllte den Eimer und übergoss den bemitleidenswerten Abercombe erneut.

Blutend, durchnässt und halb ohnmächtig hing dieser in den Seilen. Ruby packte ihn am Haarschopf, damit er Diamond ins Gesicht sehen konnte.

Emerald hielt das Riechsalz bereit.

„Nun, Mr. Abercombe“, sagte Diamond schließlich. „Sie sind sich hoffentlich im Klaren darüber, dass wir dies eine lange Zeit fortsetzen können! Kommen wir also zum Geschäft...“ Er griff in seinen Gehrock und zog ein gefaltetes Papier aus der Innentasche. „Wie ich schon sagte, haben wir ein recht klares Bild über die Ereignisse jener Nacht in Bromset Hall und derer unmittelbaren Folge. Was ich von Ihnen benötige, ist ein Name...“

Abercombe sank in sich zusammen.

Sofort war Emerald mit dem Riechsalz zur Stelle.

Diamond hielt das Papier aus seiner Tasche hoch. „Dies ist die sehr kurze Liste aller in Frage kommender Schiffe, die Englands Häfen im besagten Zeitraum verlassen haben. Ich bezweifle, dass Sie über diese Information verfügen ... mit Ausnahme des richtigen Schiffes, versteht sich! Hier also ist das Geschäft: Sie, Mr. Abercombe, nennen mir den Namen des Schiffes, auf das Sie Sharinghams delikate Fracht verbracht haben ... und Ihre Tortur findet ein schnelles, gnädiges Ende. Sollten Sie auf die Idee kommen, mir einen Namen zu nennen, der sich nicht auf dieser Liste befindet, haben Sie dieses Privileg verspielt! Mr. Ruby und Mr. Emerald werden Ihre Behandlung dann auf unbestimmte Zeit fortsetzen! Es ist Ihre Entscheidung! Aber glauben Sie mir ... so oder so, Sie werden mir den Namen nennen!“

„Fahren Sie zur Hölle!“ stieß Abercombe trotzig hervor.

„Wie Sie wünschen“, erwiderte Diamond gelassen. „Mr. Emerald, ich denke, sein Auge wäre ein guter Anfang...“

Wieder packten Rubys kräftige Hände Abercombes Kopf, um ihn ruhig zu halten.

Langsam näherte sich das sichelförmige Skalpell dessen Gesicht.

Mit allen verbliebenen Kräften versuchte Abercombe zu strampeln, den Kopf abzuwenden, sich zu befreien. Er heulte und spuckte, verlor mehr und mehr die Selbstkontrolle. Er spürte bereits das kalte Metall des Instruments an seinem Augapfel, als er dem Druck nicht länger standzuhalten vermochte.

„‚Lady Prentiss’!“ resignierte er bloß noch.

„Mr. Emerald!“

Sofort zog dieser das Skalpell zurück.

„‚Lady Prentiss’ ... Liverpool“, wiederholte Abercombe geschlagen.

Diamond konsultierte kurz seine Liste.

  „Eine weise Entscheidung“, bemerkte er zufrieden.

Ruby griff daraufhin nach einem Stock und stieß ihn hinter den Strick, der Abercombes Hals an den Stützbalken fesselte. Dann begann er, den Stock zu drehen.

Knirschend schnürte die improvisierte Garotte Abercombe die Kehle zu. Ein letztes Mal noch bäumte sich dieser keuchend und röchelnd auf, um nach kurzem Todeskampf endgültig zu erschlaffen.

  Seine Blase entleerte sich.

  Urin tropfte vom Stuhl hinab.

Diamond schenkte dem keine Beachtung mehr. „Achten Sie darauf, dass Sie keine Spuren hinterlassen, meine Herren“, wies er seine Begleiter lediglich an. „Ich kümmere mich um die letzten Vorbereitungen...“

*

Polynesien. Südlicher Pazifik. Hier, vor der Küste eines kleinen Eilands der Gesellschaftsinseln (nordwestlich von Tahiti), war vor etwas mehr als vier Jahren der Dreimaster ‚Lady Prentiss’ von Anker gegangen. ‚New Manchester’ nannten die Siedler ihre Kolonie, die sie dort nach ihrer Ankunft gründeten; denn aus Manchester und Umgebung waren sie gekommen, um der fortschreitenden Industrialisierung zu entrinnen.

Erst gut dreißig Jahre zuvor war diese Inselgruppe kartiert und für die britische Krone in Besitz genommen worden. Kaum geeignet für die Bedürfnisse des sich ausbreitenden Empire, nannten sie Kritiker aus den Reihen der Admiralität. Schließlich seien die Inseln (wenn überhaupt) bloß von Primitiven besiedelt, die nichts von Wert produzierten.

Den Kolonisten hingegen war das ganz recht. Sie suchten kein zweites England. Phantastische Geschichten hatten sie von den Seeleuten über diese Region gehört: von tropischen Palmenstränden, von fremdartigen Tieren und Pflanzen. Wie Götter sei man von einigen der Eingeborenen empfangen worden. Sie hörten von der Schönheit der polynesischen Frauen, barbusig, nach Kokosöl duftend — was vor allem bei den Junggesellen unter den Siedlern für Eindruck sorgte. Schon ein kleines Stück Metall als Gabe solle ausreichen, damit sich eine der Schönheiten willig hingab. Man erzählte sogar, eines der frühen Entdeckerschiffe sei nach einem Besuch beinahe gesunken, da die Mannschaft derart viele Bolzen, Schellen und Nägel aus dem Schiffskörper entfernt hatte, dass dieses seine Integrität verlor.

Sie hörten aber auch unheimliche Geschichten von Menschenopfern, von denen man Zeuge geworden war. Heidnische Priester sprachen rituelle Formeln über die Opfer, die zuvor mit Knüppeln totgeschlagen wurden. Symbolisch riss man den Leichen ein Auge aus, um so die Göttern zu besänftigen. Die Schädel stellte man auf Altären zur Schau.

Sie hörten von Feindseligkeiten mit manchen Insulanern, die mit Stöcken, Speeren und primitiven Bögen auf die Eindringlinge losgegangen seien, Feindseligkeiten, denen schließlich auch der Entdecker der Inseln zum Opfer gefallen war.

Aber was war das im Vergleich zu der Plackerei in den Kohleminen von Manchester oder Leeds, die für viele der Siedler zur einzigen Möglichkeit des Broterwerbs geworden war? Das mühsame Kriechen durch die engen Stollen. Halbnackt, kniend oder auf dem Rücken liegend die Kohle losbrechen. Der allgegenwärtige Staub, der jede Pore des schwitzenden Körpers verklebte und tief in die Lungen eindrang. Die ständige Gefahr, an plötzlich ausströmenden giftigen Dämpfen und Gasen zu ersticken oder verbrannt zu werden, sollten sich diese an den Flammen der Grubenlampen entzünden. Wie viele gute Männer hatten auf diese Weise bereits ihr Leben verloren?

Und was waren ein paar Schauergeschichten im Vergleich zu der zunehmenden Verödung ihrer Heimat? Das Grün vergangener Tage wich immer mehr dem Grau. Bäume, Felder und Gärten verschwanden. Dampfende Schlote schossen allerorts wie Pilze aus dem Boden. Blei- und Kohleminen, Steinbrüche, Schmelzöfen und Ziegelfabriken. Man hörte das Klappern der mechanischen Webstühle aus den Baumwollspinnereien und überall das Fauchen und Zischen der Dampfmaschinen, die das Antlitz der Welt für immer verändern sollten.

Die Armen schufteten, damit die reichen Fabrikbesitzer noch reicher wurden, bloß um dabei selbst ein jämmerliches Dasein zu fristen.

Keiner der Siedler weinte alledem auch nur eine Träne nach, als sie an einem frostigen Novembermorgen in Liverpool an Bord der ‚Lady Prentiss’ gingen, um der Alten Welt für immer den Rücken zu kehren. Hier, auf ihrer Insel, gab es blütenweiße Strände, kristallklares Wasser und reine Luft. Kokospalmen und Brotfruchtbäume. In den dichten Wäldern tummelten sich wilde Schweine und allerlei Geflügel. Die fruchtbare Vulkanerde erlaubte es endlich wieder, mit eigener Hände Arbeit Gottes Natur sein Brot abzugewinnen.

Dumm nur, dass der dazugehörige Vulkan noch aktiv war!

Seit Tagen schon grummelte und grollte es im Inneren des Berges. Hier und da brachten kleinere Erdstöße New Manchester zum Erzittern. Qualm und Asche stiegen aus dem Krater. ‚Smokey Tom’ hatten die Siedler den Berg getauft, der sich ein paar Meilen landeinwärts in die Höhe reckte. Seit ihrer Ankunft vor gut vier Jahren hatte er immer wieder einmal harmlose Schwaden von Rauch in die Luft geblasen — wie ein altes Väterchen, das nach getaner Arbeit sein verdientes Pfeifchen schmaucht. Nun aber braute sich Schlimmeres zusammen.

Die Eingeborenen der umliegenden Inseln mieden das Eiland der weißen Siedler. Für sie war es ein unheimlicher Ort, der Krater des Vulkans ein Durchgang zum Reich der Toten, wo sich die Geister der Verstorbenen trafen. (Der Grund dafür, dass diese Insel unbesiedelt blieb.) Bald würde die Zeit gekommen sein, dass die Geister den Frevel der Fremden sühnten!

Obwohl die Siedler derartigem Aberglauben wenig Beachtung schenkten, stieg die Nervosität von Tag zu Tag.

Ein kleines Handels- und Versorgungsschiff, die ‚Lucretia’, hatte gerade am Pier von New Manchester festgemacht. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, besuchten solche Schiffe die Insel, um Waren zu tauschen: zumeist Stoffe, Saatgut und Gebrauchsgegenstände, die sie auf ihren Reisen durch die ausgedehnte polynesische Inselwelt aufgenommen hatten oder aus der Heimat mit sich führten, gegen Verpflegung und Trinkwasser. Normalerweise verliefen diese Besuche geruhsam, erstreckten sich über mehrere Tage, manchmal sogar einige Wochen. Die Seeleute genossen den Landgang und die Gastfreundschaft der Siedler (besonders den selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps des Schankwirts Chestwick) und revangierten sich dafür mit Geschichten und allerlei Seemannsgarn aus der großen, weiten Welt. Manchmal wurden Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten an den Schiffen durchgeführt, bei denen sich die Handwerker New Manchesters ein kleines Zubrot verdienen konnten.

Aber nicht diesmal. Die Mannschaft der ‚Lucretia’ wirkte rastlos. Immer wieder wanderten die Blicke gen Himmel zu Smokey Toms rauchendem Schlot. Hastig, unter dem beständigen Antrieb des Bootsmanns verluden die Männer den nötigsten Proviant, um möglichst schnell wieder in See stechen zu können.

Der Kapitän, ein erfahrener Seebär namens Ebenezer Hoydt, wusste, was er tat. Es war nicht der immanente Ausbruch des Vulkans, der ihm die größten Sorgen bereitete. Sollte sich jedoch die Eruption ereignen, solange die ‚Lucretia’ am Pier der Siedlung lag und die unvermeidliche Panik losbrechen, würde ein wahrer Sturm auf sein Schiff beginnen. Dieses war bei weitem nicht groß genug, um alle Einwohner New Manchesters aufzunehmen. Fast 200 Seelen zählte das Dorf inzwischen. Zu den ursprünglich 50 Siedlern, die von Bord der ‚Lady Prentiss’ hier an Land gegangen waren, hatten sich mittlerweile weitere Auswanderer aus aller Herren Länder gesellt. Kinder waren hier geboren worden. Ein solcher Sturm auf die ‚Lucretia’ würde das kleine Schiff schneller ins Verderben stürzen, als jeder Vulkan dies vermochte.

Diese Überlegungen jedoch behielt Käpt’n Hoydt für sich, als er am Pier mit den Dorfältesten konferierte. Auch diese zeigten sich bestürzt über die raschen Aufbruchspläne des Kapitäns. Obwohl sie dessen wahre Beweggründe vermutlich längst erraten hatten, wagte zunächst niemand, das Offensichtliche auszusprechen. Chestwick, der Wirt der Dorfschenke, meinte, man dürfe der Mannschaft nicht die Ausschweifungen des Landgangs vorenthalten, wolle man keine Meuterei riskieren. Der Vikar Goodwill, ein verhinderter Missionar, der auf der Inselwelt wenig zu missionieren vorgefunden hatte, lamentierte, die Seeleute könnten nicht weiterreisen, ohne zumindest den Gottesdienst besucht zu haben. Fullerton, der Doktor, bemerkte, die Mannschaft der ‚Lucretia’ brauche dringend ein wenig Ruhe und gehaltvolle Ernährung, um nicht der gefürchteten Skorbut anheim zu fallen.

Aber all das war fadenscheinig, und die Männer wussten es. So war es schließlich der örtliche Tischlermeister, Nicholas Plumpton, der das unbequeme Thema zur Sprache brachte. Er war der einzige der vier Dorfältesten, der selbst eine Familie besaß. Zusammen mit seiner Frau Elizabeth und Söhnchen Charles, der damals nicht viel mehr als ein Säugling war, gehörte er zu den ersten Siedlern, die seinerzeit die Kolonie gründeten.

„Sie könnten wenigstens versuchen, die Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen, Käpt’n!“

Hoydt schwieg betreten. Er fühlte sich ertappt. Beschämt blickte er hinauf in den strahlend blauen Tropenhimmel, in den sich kerzengerade die weißgraue Rauchsäule des Vulkans erhob.

„Wie viele?“ fragte er schließlich, ohne einen der Männer anzusehen.

„Etwa 80 ... 90.“

„Zu viele!“

„Sie könnten sie in kleinen Gruppen auf die Nachbarinseln schaffen“, schlug Plumpton vor.

Noch einmal sah der Kapitän zu dem rauchenden Schlot auf.

„Zu wenig Zeit!“

„Der Allmächtige wird über uns wachen!“ warf der Vikar ein.

„Was Sie nicht sagen“, schnaubte Hoydt. „Ich, an Ihrer Stelle...“

Ein finsteres Grollen des Berges ließ ihn verstummen. Der Erdboden unter ihren Füßen begann zu zittern. Heftiger und heftiger wurden die Erdstöße. Wie ein wildes Pferd, das verzweifelt versuchte, seinen Reiter abzuwerfen, bäumte sich der Grund unter ihnen auf. Um ihr Gleichgewicht ringend, begannen die Männer zu taumeln. Die Stöße des Bebens setzten sich ins Meer fort. Die kleine ‚Lucretia’ tanzte förmlich auf den Wellen, schlug ein ums andere Mal an den Pier an. Dessen Planken knarrten und ächzten unter der Naturgewalt.

Die Matrosen, die damit beschäftigt waren, Vorräte an Bord des Schiffs zu schaffen, ließen erschrocken von ihrer Arbeit ab. Ein großes Netz voller Kisten und Fässer, das gerade an Deck gehievt werden sollte, krachte auf den Landungssteg, um schließlich im Meer zu versinken. Hölzerne Käfige mit Geflügel barsten. Gackernd und schnatternd versuchte das Federvieh davonzuflattern. Eingepferchte Schweine quiekten.

Man hörte jetzt auch Schreie aus dem nahegelegenen Dorf. Einige der weniger soliden Holzhütten hatte das Beben bereits zum Einsturz gebracht. Schwankend strömten die Siedler ins Freie. Stolpernd, stürzend. Eine Erdspalte riss auf, um einige von ihnen zu verschlingen.

Dann folgte die Eruption. Nach einem letzten, zornigen Grollen spie Smokey Tom eine gewaltige Fontäne aus Asche, Rauch und feurigem Gestein in die Luft. Erneut schrieen die Menschen in Panik auf. Im Nu breitete sich eine graue Wolke am Himmel aus, verfinsterte die Sonne. Die ersten Gesteinsbrocken regneten auf das Dorf nieder, erschlugen einige der Flüchtenden. Hütten gingen in Flammen auf, als die glühenden Klumpen durch die nur mit einem Geflecht aus getrockneten Palmblättern gedeckten Dächer krachten.

Die Männer stürzten zurück ins Dorf, um ihren Mitbewohnern, Freunden und Familien beizustehen. Das Erdbeben verklang, die Gewalt des ersten Ausbruchs schien überstanden. Ruß und Rauch aus dem Schlot des Vulkans verdunkelten weiterhin den Himmel, als sei eine verfrühte Nacht angebrochen.

Dann plötzlich begann es zu schneien. Dicke, warme Flocken weißgrauer Asche legten sich über New Manchester. Ein dichtes Treiben, wie man es sonst nur aus den strengen Wintern der alten Heimat kannte.

Fasziniert verfolgte die Mannschaft der ‚Lucretia’ das Schauspiel, das sich vor ihren Augen abspielte.

Käpt’n Hoydt jedoch zögerte keinen Augenblick.

„Alles bereit zum Ablegen!“ zischte er seinem Bootsmann zu.

„...und siehe, ich will einen großen Hagel regnen lassen, desgleichen in Ägypten nicht gewesen ist, seitdem es gegründet...“

Eine Anzahl verängstigter Siedler hatte in Vikar Goodwills Kapelle Zuflucht gesucht, die wie durch ein Wunder der Zerstörung bislang entgangen war. Dicht gedrängt warteten sie hier auf Beistand und Zuspruch.

„...und nun sende hin und verwahre dein Vieh, und alles, was du auf dem Felde hast“, rezitierte der Vikar. „Denn alle Menschen und das Vieh, das auf dem Felde gefunden wird und nicht in die Häuser versammelt ist, sodass der Hagel auf sie fällt, werden sterben. Wer nun unter den Knechten Pharaos des Herrn Wort fürchtete, der ließ seine Knechte und sein Vieh in die Häuser fliehen...“

Erneut erklang ein finsteres Grollen vom Vulkan. Erneut ließen einige Erdstöße die Menschen erzittern.

„...und der Herr ließ es donnern und hageln, dass das Feuer auf die Erde schoss, dass Hagel und Feuer untereinander fuhren, so grausam, dass desgleichen in Ägyptenland nie gewesen war. Und der Hagel schlug alles, was auf dem Felde war, Menschen und Vieh, und schlug alles Kraut und zerbrach alle Bäume. Allein im Lande Gosen, da die Kinder Israels wohnten, da hagelte es nicht...“

Draußen im Dorf herrschte das Chaos. Einige der Hütten brannten lichterloh. Während die einen versuchten, die Brände zu löschen, versuchten andere, ihr spärliches Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Wiederum andere suchten in den eingestürzten Häusern nach Verschütteten. Fullerton, der Doktor, und eine Handvoll Freiwilliger hasteten rastlos umher, um sich um Verletzte zu kümmern. Ein neuerliches Beben und Grollen kündigte weiteres Unheil an.

„...selig ist, der da wacht und hält seine Kleider, dass er nicht bloß wandle und man nicht seine Schande sehe“, predigte der Vikar. „Und er hat sie versammelt an einem Ort, der da heißt auf hebräisch Harmagedon...“

„Elizabeth!“ Endlich hatte Plumpton, der Tischler, seine Frau gefunden. Sie hielt ihren bald fünfjährigen Sohn im Arm und eilte ihrem Gatten entgegen. Einige Männer und Frauen aus der Nachbarschaft folgten ihr.

„Elizabeth! Schnell!“ keuchte Plumpton, außer Atem. „Bring Charlie zum Schiff, bevor die große Panik ausbricht...“

„Aber, Nicholas...“

„Nein, Elizabeth! Sofort! Käpt’n Hoydt wird nicht warten! Er wird umgehend auslaufen!“

Ein Raunen des Entsetzens ging durch die umstehenden Siedler.

„Anna! Lauf, und such deinen Vater!“ rief Mrs. Jørgensen, die direkte Nachbarin der Plumptons, der älteren ihrer beiden Töchter zu.

„Nein, Hilda!“ ging Plumpton dazwischen. „Denk an die Mädchen! Rasch!“

„Nicholas hat recht!“ meldete sich daraufhin ein Mann namens O’Rourke. „Geh, Hilda! Ich suche nach Sven...“ Damit rannte er zurück ins Dorf.

„Nun macht schon!“ trieb Plumpton die Übrigen an, während das Donnern und Grollen vom Vulkan lauter wurde. „Wir haben keine Zeit! Wenn das Schiff ablegt, sind wir alle verloren!“

Widerwillig setzte sich die Gruppe in Bewegung und lief auf den Pier zu.

Plumpton nahm seiner Frau das Kind ab, fasste sie bei der Hand und zog sie mit sich. Durch den anhaltenden Ascheregen, der mittlerweile eine mehrere Zentimeter dicke Schicht auf dem Boden gebildet hatte, liefen sie der rettenden ‚Lucretia’ entgegen.

Man sah nun, dass diese bereits ihren Anker lichtete. Matrosen machten sich daran, die Leinen zu lösen.

„Schneller!“ stieß Plumpton hervor und packte die Hand seiner Frau fester.

Wieder brachte ein Donnerschlag vom Vulkan die Erde zum Erbeben.

Elizabeth knickte um, stolperte und stürzte. Es gab ein Knacken, als sei ein Knochen gebrochen. Plumpton setzte das Kind ab und versuchte, seiner Frau aufzuhelfen.

„Mein Knöchel!“ stöhnte diese nur.

„Komm schon! Wir müssen weiter!“ drängte ihr Mann.

„Ich kann nicht!“

Der Boden unter ihnen begann nun zu vibrieren, als wollte es ihn entzwei reißen.

„Nicholas! Bring Charlie in Sicherheit!“

„Ich lasse dich nicht zurück!“

Immer heftiger wurde die Vibration.

„Nicholas ... ich flehe dich an!“

  Sie reichte ihrem Mann eine kleine Tasche, die sie bei sich trug.

„Mami!“ weinte das Kind.

Wieder ein Erdstoß.

Plumpton nahm das Täschchen an sich und packte den Jungen.

„Ich komme zurück ... dich holen!“ ließ er seine Frau unter Tränen wissen.

Dann, in einer gewaltigen neuerlichen Eruption, explodierte der Berg.

„...und der siebente Engel goss seine Schale in die Luft“, verkündete der Vikar.

Ängstlich drängten sich seine Schützlinge um ihn.

„...und es ging aus eine Stimme vom Himmel, die sprach: Es ist geschehen. Und es wurden Stimmen und Donner und Blitze, und es ward ein solches Erdbeben, wie solches nicht gewesen ist, seit Menschen auf Erden wandeln. Und alle Inseln entflohen, und keine Berge wurden gefunden. Und ein großer Hagel, wie ein Zentner, fiel vom Himmel auf die Menschen, und die Menschen lästerten Gott über die Plage des Hagels, denn seine Plage war sehr groß...“

Eine superheiße Lawine aus Gas, Staub und Feuer raste die zerklüfteten Abhänge des Vulkans hinab, direkt auf New Manchester zu. Gnadenlos verschlang sie alles auf ihrem Weg. Die Baumstämme des Urwalds knickten wie Streichhölzer und verglühten zu Kohle.

„Segel setzen! Alles, was da ist!“ brüllte Käpt’n Hoydt.

„Nein!“ schrie Nicholas Plumpton, der Augenblicke zuvor als einer der letzten an Bord der ‚Lucretia’ gegangen war. „Ich muss zurück! Elizabeth!“

„Sind Sie wahnsinnig, Mann?“ fauchte der Kapitän, während zwei der Seeleute versuchten, den Tischler festzuhalten. „Wir können von Glück sagen, wenn wir heil davonkommen! Los, los, ihr faulen Säcke!“ fuhr er seine Matrosen an. „Es geht um unser Leben!“

Hilflos mussten sie mit ansehen, wie die todbringende Lawine auf ihr Dorf und die zurückgelassenen Siedler zurollte. Schreiende Menschen liefen auf den Pier zu, von dem die ‚Lucretia’ soeben abgelegt hatte.

„...und der Herr, der Gott der Geister und Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss. Siehe, ich komme bald. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Erste und das Letzte. Selig sind, die seine Gebote halten, auf das sie Macht haben an dem Holz des Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt. Denn draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die Todschläger und die Abgöttischen und alle, die liebhaben und tun die Lüge...“

Damit brach das Inferno über die Siedlung herein. Es gab kein Entrinnen. In Sekunden hüllte der Feuersturm alles ein, blies Gebäude, Vieh und Vegetation davon. Letzte Atemzüge verbrannten die Lungen, Kleidung brannte an den Körpern, reduzierte sie zu grauen Klumpen, die nur noch entfernt menschliche Züge trugen. Asche und Felsbrocken prasselten hernieder, um alles unter sich zu begraben.

Fassungslos blickten die Überlebenden an Bord der ‚Lucretia’ auf die schwarze Wolke, die sich nun über ihrem Zuhause ausbreitete. Die Druckwelle der Explosion und ein günstiger Wind vom Landesinneren hatten das kleine Schiff gerade weit genug aufs offene Meer getrieben, um der eigenen Vernichtung zu entgehen. Doch selbst aus der Distanz spürte man noch die Hitze der tödlichen Wolke. Hustend und keuchend rangen die Menschen nach Luft. Kleinste Partikel von Ruß und Asche machten das Atmen schwer. In einiger Entfernung, am zerstörten Pier New Manchesters, sah man leblose Gestalten im Wasser treiben.

Weinend und schluchzend lag der kleine Charlie Plumpton in den Armen von Katrina, der jüngeren der beiden Jørgensen-Töchter, während sein Vater dumpf über die Reling des Schiffes starrte.

„Mami!“ wimmerte der Kleine erneut.

Plumpton wandte sich um und nahm dem Mädchen das Kind ab.

„Nicht weinen, mein Junge“, flüsterte er, selbst um Fassung ringend.

  „Mami ist jetzt an einem besseren Ort...“

*

„Die Riemen ... zieht ein!“

Sanft glitt das Beiboot auf den Strand der Insel, die einst die Siedlung New Manchester beherbergte. Seit Monaten schon, seit dem verheerenden Ausbruch des Vulkans, war hier kein Schiff mehr vor Anker, kein Mensch mehr an Land gegangen. Nun lag dort Ihrer Majestät Schiff ‚Discovery’.

Ihr Kapitän kannte diese Gewässer. Schon gut zwanzig Jahre zuvor hatte er sie erstmals als junger Fähnrich-zur-See befahren.

Von Plymouth aus verfolgte man die Route, die seinerzeit die ‚Lady Prentiss’ genommen hatte: Zuerst nach Funchal auf der Insel Madeira, von dort aus quer über den Atlantik nach Rio de Janeiro, um ein letztes Mal die Vorräte aufzustocken. Dann der lange Weg an Feuerland vorbei, um das Kap Hoorn in den Südpazifik. Nach einem kurzen Zwischenstopp auf Tahiti drang man schließlich in die Gruppe der Gesellschaftsinseln vor.

Eine lange Fahrt fand endlich ihr Ende.

„Bleiben Sie beim Boot!“ wies Diamond die Matrosen an, die ihn und seine zwei Begleiter von der ‚Discovery’ übergesetzt hatten.

Nur noch Weniges erinnerte daran, dass hier vor nicht allzu langer Zeit eine Siedlung gestanden hatte. Eine schwarze Zunge erkalteter, erstarrter Lava erstreckte sich von den Hängen des Berges bis zum Meer; ringsum die breite Schneise, die der pyroklastische Sturm der fatalen Eruption geschlagen hatte.

Verbrannte Erde.

Langsam schritten die drei Männer über das Feld der Verwüstung. Hier und da konnte man noch die Grundrisse einiger Hütten und Blockhäuser erkennen. Die verkohlten Stümpfe der Baumstämme, die als Stützpfeiler der Hauswände dienten, steckten noch im Boden. Reste von Möbelstücken, Metallgegenstände lagen verstreut. An einer Stelle fand man einen umgestürzten gusseisernen Ofen.

Zartes Grün spross aus dem geschwärzten Grund. Die Natur hatte bereits damit begonnen, diesen Ort wieder für sich zu beanspruchen.

In einem Gebüsch am Rande der Schneise regte sich etwas.

„Mr. Ruby!“ reagierte Diamond sofort.

Mit einer Schnelligkeit und Behändigkeit, die man einem solch bulligen Kerl kaum zugetraut hätte, eilte Ruby dem Ursprung des Geräusches entgegen.

Blätter raschelten, Zweige knackten.

Etwas oder jemand schien die Flucht zu ergreifen.

„Ah!“ ertönte plötzlich der Aufschrei einer menschlichen Stimme.

Augenblicke später schleifte Ruby eine verwahrloste Gestalt aus dem Unterholz.

„Lass los, du Klotz!“ wetterte ein gebeuteltes, strampelndes Männlein.

Es war Chestwick, der Schankwirt des Dorfes. Der kleine, selbst ausgehobene Keller seines Wirtshauses, den er üblicherweise als Vorratskammer nutzte, hatte sein Leben gerettet, als der Feuersturm über die Siedlung fegte. Er war verdreckt, in Lumpen gekleidet. Lange Strähnen verklebten Haars baumelten in sein Gesicht, das hinter einem dichten, verfilzten Bart verborgen war. Er war unterernährt, nur noch Haut und Knochen. Nicht in der Verfassung, dem Griff des kräftigen Ruby zu entrinnen, der ihn fest am Kragen gepackt hatte.

„Was ist hier geschehen?“ fragte Diamond, ohne Umschweife.

„Geschehen? Komische Frage!“ gluckste Chestwick. „Wonach sieht es denn aus?“

„Beantworte die Frage, Alter!“ grunzte Ruby und versetzte dem Wirt einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Aua! Lass das, du Grobian!“

„Mr. Ruby, bitte!“ ging Diamond dazwischen. „Verzeihen Sie die schlechten Manieren meines Begleiters, mein Herr. Aber wir müssen wirklich wissen, was sich hier zugetragen hat...“

„Zugetragen?“ sinnierte der Wirt. „Oh ... ja! Bumm! Große Explosion! Feuer! Überall! Alles weg...“

„Gibt es weitere Überlebende?“

„Was?“

„Sind Sie hier allein?“

„Wer?“

„Allein! Nach der Explosion und dem Feuer ... waren Sie da allein?“

„Oh, nein!“

Wild schüttelte Chestwick mit dem Kopf.

„Sven ... und O’Rourke, der irische Mistkäfer ... in meinem Keller...“

„Und wo sind sie jetzt?“

„Wer?“

„Dieser Sven ... und dieser O’Rourke! Was ist mit ihnen?“

„Oh ... tot! Traurig!“ seufzte der Wirt. „Sven hat was gebissen. O’Rourke? Fieber, glaub ich...“

Gedankenverloren strich er durch seinen Bart.

„...oder war es umgekehrt?“

„Und sonst war da niemand?“ erkundigte sich Diamond weiter.

„Wie?“

„Sonst ist niemand davongekommen?“

„Hmm...“

Versonnen starrte Chestwick ins Leere.

„...da war ein Schiff ... O’Rourke hat gesagt, Svens Familie sei auf dem Schiff...“

„Da war ein Schiff?“ wurde Diamond hellhörig.

„Ja ... ein Schiff“, murmelte Chestwick.

Er schien meilenweit entfernt.

„...ist einfach davongesegelt...“

„Erinnern Sie sich an den Namen des Schiffes?“

„Welches Schiff?“

„Versuch nicht, uns für dumm zu verkaufen, Alter!“ verlor Ruby daraufhin die Beherrschung.

3. Keine Gefangenen

  Britisch Westindien. Karibische See. Die ‚Eleanore’ machte gute Fahrt. Unter vollen Segeln hatte die kleine Bark den Nordostpassat im Rücken. Es ging nach Hause.

Über die Sommermonate war man im Nordatlantik auf Walfang gewesen. Elf ausgeweidete und zu Tran verkochte Giganten der Meere füllten inzwischen die Laderäume des Schiffes: überwiegend Nordkaper, dazu zwei Finnwale sowie ein stattlicher Grönlandwal.

Die kommerziellen Walfänger aus dem amerikanischen Nantucket hätten diese Ausbeute als lachhaft empfunden. Minderwertige Tiere! Sie jagten den Pottwal. Denn neben dem aus dem Speck gewonnenen Tran hatte dieser noch einiges mehr zu bieten. Walrat! Eine fettartige Substanz, die einem Organ entnommen wird, das den Kopf des Tieres fast gänzlich ausfüllt. Sie diente als Grundstoff zur Herstellung hochwertiger Kerzen, Salben, Pomaden und feinster Schmieröle. Allesamt Artikel, für die wohlhabende Kundschaft tief in die Tasche griff. Und wenn man Glück hatte, fand man im Darmtrakt des Tieres noch kostbares Ambra, Basis für teure Parfums und edle Duftwässerchen.

Kurz: das Geld war, wo der Pottwal war. Und so folgten ihm die kommerziellen Waljäger in Fanggründe bis vor die Westküste Südamerikas in den südlichen Pazifik. Nicht selten dauerten deren Fahrten drei Jahre und länger, und man kehrte nicht eher heim, bis die Laderäume der Schiffe zum Bersten gefüllt waren.

Die Mannschaft der ‚Eleanore’ verfolgte indessen bescheidenere Ziele. Für sie war der Walfang eine Saisonarbeit, ein Nebenerwerb. Einen Großteil des Jahres verbrachten die Männer zu Hause bei ihren Familien und gingen anderen Tätigkeiten nach. So auch der junge Charles Philip Plumpton, der in wenigen Tagen seinen einundzwanzigsten Geburtstag feiern würde. Von seinem Vater hatte er das Tischlerhandwerk gelernt. Im letzten Jahr hatte man ihn dann erstmals als Schiffszimmermann für eine Fangfahrt angeheuert.

Nie würde er den Augenblick vergessen, als zum ersten Mal die Boote zu Wasser gelassen wurden. Denn wie beim Walfang üblich wurden während der Jagd nur ein oder zwei Mann als Schiffswache an Bord zurückgelassen. Der Rest der Mannschaft, darunter auch der Schiffskoch und eben der Schiffszimmermann, hatten sich in den Fangbooten in die Riemen zu legen.

Welch ein Abenteuer! Die gespannte Erregung, während man sich dem Koloss langsam näherte. Das präzise Manövrieren, um die Harpuniere in gute Position zu bringen, ohne dabei von der Schwanzflosse des Riesen zermalmt zu werden. Der Augenblick, wenn diese ihre Harpunen in den mächtigen Leib rammen. Ein Ruck geht durchs Boot, sobald der Wal anzieht und zu entkommen versucht. Gischt und Wind im Gesicht. Der Geschmack von Salzwasser auf den Lippen. Der rasende Herzschlag. Der Moment, in dem der Bootsführer dem erschöpften Tier mit einer langen Lanze den Todesstoß versetzt, gefolgt von der blutroten Blasfontäne, die das letzte Keuchen des Giganten signalisiert. Dann die Stille. Das Hochgefühl, die mächtigste Kreatur auf Gottes Erden bezwungen zu haben. Der Triumph, den massigen Körper schließlich längsseits zum Schiff zu bringen.

Es war wie eine Droge. Hatte man erst einmal davon gekostet, konnte man nicht wieder davon lassen.

Es überspielte auch die eher unappetitlichen Aspekte des Walfangs: das Abspecken des Kadavers und das Auslösen des Fischbeins.

Fischbein sind die Barten der Wale, die bei den meisten der großen Arten die Zähne ersetzen. Lange, außen glatte und innen mit fransenartigen Borsten besetzte Hornplatten, die ähnlich einem Kamm leicht überlappend am Oberkiefer des Tieres aufgereiht sind und dazu dienen, Plankton, Krill und sonstige Nahrung aus dem Meerwasser zu filtern. Fischbein ist leicht, nahezu unzerbrechlich, dauerhaft elastisch und relativ einfach zu verarbeiten. Die faserige Struktur erlaubt es, feinste, biegsame Streifen herauszuschneiden, die dann als Korsettstäbe, Schirmrippen, Fächerstäbe oder andere Modeartikel Verwendung fanden.

Es war kein Walrat, geschweige denn Ambra — aber es würde trotzdem einen anständigen Preis bringen.

Aufgrund seiner Position als Schiffszimmermann blieb Charles Philip Plumpton das blutige Geschäft des Abspeckens erspart. Seine vordringlichste Aufgabe nach Vollendung einer Jagd bestand darin, Boote und Riemen auf Schäden zu untersuchen und diese gegebenenfalls zu beheben. Das Auslösen und Reinigen des Fischbeins von Haut- und Speckresten überließ man Spezialisten, die es sofort fachgerecht zu lagerfähigen Rohlingen verarbeiteten.

Was niemand erspart blieb, war der Gestank beim Trankochen. Die Speckschicht macht gut die Hälfte des Körpergewichts eines großen Wales aus. Bei einem 50-60 Tonnen schweren Tier fallen demnach rund 30 Tonnen Speck an, die zu Tran verkocht werden wollen. Als wäre der Geruch des frischen Walöls nicht allein schon unangenehm genug, befeuerte man schließlich auch die Tranöfen selbst mit den Überresten des Kochprozesses (Brennholz war auf hoher See ein rares Gut!), Grieben von verkrustetem, ausgemergeltem Walspeck, die das Schiff mit einem beißenden, stark rußenden Rauch überzogen, der die Augen tränen und das Husten zu einem ständigen Begleiter werden ließ.

Tage vergingen, bis endlich der letzte Kessel Öl erkaltet, in Fässer gefüllt und verladen, das Deck von der schmierigen Schicht aus Blut, Fett und Ruß befreit war.

Für die Mannschaft der ‚Eleanore’ gehörte dies vorerst der Vergangenheit an. Wochen war es her, seit sie den letzten Wal ihrer diesjährigen Reise verarbeitet hatten. Die Decks glänzten, als sei das Schiff gerade erst vom Stapel gelaufen. Zufriedenheit machte sich breit, Zufriedenheit mit dem Ertrag der Reise, aber vor allen Dingen darüber, dass keiner von ihnen ernsthaft verletzt, geschweige denn getötet wurde. Eins der Boote hatte beträchtlichen Schaden erlitten, als es vom Schwanz des Grönländers erwischt wurde. Zum Glück kamen jedoch alle Insassen mit dem Schreck und ein paar Schrammen davon.

Am Abend würden sie daheim bei ihren Familien sein. Und im nächsten Jahr — so waren sie sich einig — würden sie erneut auf große Fahrt gehen.

Zuletzt hatten sie zwei Tage im Hafen von Kingstown auf der Insel St. Vincent gelegen. Ein Drittel ihrer Ladung konnten sie dort bereits veräußern. Vor einiger Zeit war der Markt für Fischbein vorübergehend eingebrochen, als das Damenkorsett, damals das wichtigste Produkt, für das die flexiblen Stangen in Massen eingekauft wurden, plötzlich aus der Mode kam. Aber mittlerweile hatte sich die Lage entspannt. Nun waren es die Männer, die das Korsett für sich entdeckt hatten! Die feinen Herren und Salonlöwen aus London und Paris verspürten auf einmal das Bedürfnis, ihre Schmerbäuche vor der (Damen-)Welt zu verbergen. Die eitlen Gecken der hohen Militärs taten es ihnen gleich. Selbst in den fernen Kolonien wollten sie nicht auf ein schlankes, mondänes Erscheinungsbild verzichten. Manufakteure, die sich auf den Inseln niedergelassen hatten, kauften daher wieder verstärkt Fischbein, um der steigenden Nachfrage nach Herrenkorsetts nachzukommen. Sie zahlten gut, konnten ihre Ware dennoch preisgünstig feilbieten, da sie den kostspieligen Import der fertigen Produkte aus England oder Frankreich umgingen. Die karibische Sonne trug das Ihre dazu bei, dass der Bedarf an Sonnenschirmen für die Töchter und Gemahlinnen der Kolonialoffiziere niemals schwand. Im Vergleich zum Vorjahr war der Preis für Fischbein sogar noch gestiegen. Der Kurs für Waltran blieb stabil. Günstiges Lampenöl und Schmiermittel wurden immer gebraucht. Teure Walratöle und –kerzen konnten sich die einfachen Leute ohnehin nicht leisten.

Aber nicht die guten Geschäfte, Spekulationen über die Höhe des eigenen Anteils oder die Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Lieben daheim waren das vorherrschende Thema der Seeleute, als die ‚Eleanore’ an diesem Morgen in Kingstown den Anker lichtete.

Es war eine junge Frau.

Sie war etwa Mitte Zwanzig. Kurz vor dem Auslaufen war sie in Begleitung des Kapitäns an Bord gekommen. Sie trug Männerkleidung! Hosen und Stiefel! Ihren rechten Handrücken zierte die Tätowierung eines merkwürdigen Vogels mit ausgebreiteten Flügeln. Seit man vor gut zwei Stunden in See gestochen war, hatte sie die Kajüte des Käpt’ns nicht verlassen.

„Ich sage euch ... das ist die Tochter von Neckbone!“

„Bist du sicher?“

„Aye!“

„Neckbone?“

„Aye!“

„Habt ihr die Tätowierung gesehen?“

„Wer ist Neckbone?“

Die drei Männer starrten Charlie Plumpton fassungslos an.

Sie standen auf dem Vorschiff der ‚Eleanore’. Da es kaum noch etwas zu tun gab, wollte er noch einmal das beschädigte Fangboot in Augenschein nehmen, das man dort festgezurrt hatte.

„Teufel auch, Charlie!“ schnaubte einer der Harpuniere, den alle bloß Spunk nannten. „Wo lebst du eigentlich?“

„Aye!“ pflichtete ihm der alte Abraham bei.

„Neckbone Willis ist der gefährlichste Pirat in diesen Gewässern, Mann!“ meldete sich der Dritte im Bunde, ein Kreole namens Jerome.

„Nie von ihm gehört.“

„Kruzifix, Charlie!“ Spunk schüttelte mit dem Kopf. „Ihr habt eine Taverne zu Hause! Wie kann man da nicht von Neckbone gehört haben?“

„Aye! Mit bloßen Händen hat er mal einem Mann die Wirbelsäule rausgerissen!“ setzte Abraham hinzu.

„Wirklich?“

„Aye! Lass also besser die Finger von der Kleinen, mein Junge!“

„Und ihr seid sicher, dass sie die Tochter von diesem Piraten ist?“

„Ja, Mann!“ nickte Jerome. „Die Tätowierung, Mann!“

„Kein Zweifel!“ sagte Spunk.

„Man sagt auch“, begann Abraham in einem bedeutungsvollen Flüsterton, „man sagt ... Neckbone habe sie in einem heidnischen Ritual mit einer Voodoo-Priesterin gezeugt! Ein Kind des Teufels!“

„Ja, Mann! Böses Omen, Mann!“

Charlie Plumpton wusste nicht recht, was er von alledem halten sollte. „Wenn sie tatsächlich die Tochter von diesem Neckbone ist ... wollt ihr damit sagen, der Käpt’n steht mit Piraten im Bunde?“

Abraham lächelte ein schiefes, zahnloses Lächeln. Dann legte er Charlie den Arm um die Schultern.

  „Lass mich so sagen, mein Junge“, sprach er leise weiter. „Viele Jahre fahre ich jetzt schon mit dem alten Boles zur See. Noch nie sind wird dabei von Piraten...“

„Still!“ zischte Spunk plötzlich.

„Nichts zu tun, Gentlemen?“ erklang daraufhin die Stimme des Kapitäns, der gerade an Deck seine Runde drehte.

Die Männer schwiegen.

„Kommt schon, ihr alten Waschweiber!“ knurrte er schließlich. „Haltet Mr. Plumpton nicht von der Arbeit ab!“

Wortlos verzogen sich die Männer.

Einen Moment lang fixierte der Kapitän Charlie mit einem scharfen Blick. Dann wandte er sich um und setzte seine Runde fort.

Charles Philip Plumpton richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Boot. Er löste einige der Halteseile und schob es ein wenig von der Backbordreling fort, an der es festgezurrt war, um es besser inspizieren zu können. Der Bug war fast völlig zerstört, ein einziges, großes Loch. Zahlreiche Risse in den Planken zogen sich weit in den Bootskörper hinein. Viele davon mussten ausgewechselt werden. Schnell war klar geworden, dass man die Reparatur nicht auf See durchführen konnte. Daher hatte man es lediglich an Deck festgemacht und sich für den Rest der Fahrt mit den beiden übrigen Booten begnügt. In Gedanken erstellte Charlie eine Liste der Arbeiten, die nötig sein würden, um es für die nächste Saison wieder seetüchtig zu machen. Dies würde seine erste Aufgabe nach ihrer Heimkehr sein.

Schritte auf dem Vordeck ließen ihn aufblicken. Es war die junge Frau. Ohne ihn anzusehen, ging sie auf den Bugspriet zu. An der Reling blieb sie stehen und starrte auf den Horizont. Ihr weites Hemd flatterte im Wind, ebenso die Strähnen ihres langen, leicht gelockten, rabenschwarzen Haars.

Wie gebannt ruhten Charlies Augen auf ihr. Sie war kleiner als er, etwa 1,65. Sie entbehrte der vornehmen Blässe und Zerbrechlichkeit, die man von den höheren Töchtern der feineren Gesellschaft kannte. Sie war braungebrannt, kräftig, aber nicht von der plumpen Robustheit der Marktweiber, Mägde und Bauersfrauen. Sie war sehnig, athletisch, von einer ganz eigenen Eleganz.

„Es ... ähm ... es geht ein guter Wind...“ Charlie erschrak fast vor dem Klang seiner eigenen Stimme, als er es wagte, sie anzusprechen. „...wenn es ... ähm ... so bleibt, werden wir vor Sonnenuntergang in St. George’s sein.“

Die junge Frau drehte sich zu ihm um.

  „Was haben Sie gesagt?“

„Ich ... ähm ... habe gesagt ... wenn der Wind so bleibt, werden wir vor Sonnenuntergang...“

„Oh ... ja.“

Charlie hatte keine Ahnung, was er als nächstes sagen sollte.

  Er sah sie einfach nur an.

  Er mochte ihr Gesicht. Ihre Nase, ihre Lippen.

  Sie hatte grüne Augen.

„Hallo?“ riss sie ihn aus seinen Gedanken. „Ist sonst noch was?“

Er mochte ihre Stimme.

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß.

„Nun?“

Charlie wurde rot. „Ich ... ähm ... verzeihen Sie, Miss Willis...“

„Nennen Sie mich nicht so!“ fuhr sie ihn daraufhin an.

Der Ausbruch kam unerwartet.

„Verzeihung“, stammelte Charlie. „Ich dachte, das wäre Ihr Name...“

„Mein Name ist Prendegast“, erwiderte die junge Frau sachlich. „Der Name meiner Mutter.“

„Ah...“

Ebenso unerwartet begann sie auf einmal zu lachen. „Lassen Sie mich raten, Ihre verlausten Kameraden haben Ihnen ein paar ihrer tollen Geschichten erzählt...“

Charlie starrte auf die Schiffsplanken.

„...dass meine Mutter eine Voodoo-Hexe war...“

„So ähnlich...“

„...dass ich Sie mit dem Bösen Blick verzaubern könnte...“

Charlie Plumpton schwieg.

„...dass Ihnen mein Vater mit bloßen Händen das Rückrad rausreißt, sollten Sie mich auch nur falsch ansehen...“

„Tut mir wirklich leid, Miss ... ähm ... Prendegast.“

„Emma.“

„Emma“, wiederholte er verträumt.

  Wieder wusste Charlie nicht, was er sagen sollte.

  Sie musste ihn für einen Vollidioten halten.

„Nun ... um Sie zu beruhigen“, hatte sie schließlich ein Einsehen mit ihm. „Meine Mutter war keine Voodoo-Hexe, ich beherrsche nicht den Bösen Blick und mein Vater...“ Sie geriet kurz ins Stocken. „...nun ja ... man kann sich seine Eltern nicht aussuchen.“

„Warum nennt man ihn ‚Neckbone’?“ wollte Charlie wissen.

„Tja...“ Emma zuckte die Achseln. „Klingt wahrscheinlich besser als ... HubertPerceval.“

„Das ist sein Name?“

„Ja ... das ist sein Name. Hubert Perceval Willis ... Schrecken der Karibik!“

„Oh ... mein Name ist übrigens Charlie ... Charlie Plumpton.“

„Plum, eh?“ Lässig, mit den Händen an den Hüften, baute sich Emma vor ihm auf. Es schien sie zu amüsieren, wie er dastand und um Worte rang.

„Was ist das?“ brachte er schließlich hervor und deutete auf die Tätowierung an ihrer Hand. „Eine Möwe?“

„Ein Albatros.“

„Was hat es damit auf sich?“

Emmas Gesichtszüge verhärteten sich.

„Das ist persönlich“, sagte sie nur.

„Segel voraus!“ rief der Ausguck im Masttopp.

Es musste etwa zur Mittagsstunde sein. Die Sonne stand hoch am Himmel. Ihre Reflektionen auf den Wellen blendeten die Augen.

Käpt’n Boles griff nach seinem Fernrohr und ging zum Bug.

Einige Männer folgten ihm.

„Es ist eins von uns ... so weit, so gut“, ließ er schließlich verlauten. „Britisches Linienschiff ... kommt wahrscheinlich aus St. George’s ... geben wir uns zu erkennen, und dann weiter ... Kurs beibehalten.“

Er reichte das Fernglas Tobias, dem zweiten Steuermann.

„Sir ... es signalisiert, Sir!“

„Hmm“, knurrte Boles. „Mouse, hol mal das Kodebuch aus meiner Kabine!“ wies er den Schiffsjungen an.

„Es ist die ‚Trafalgar’, Sir“, sagte Tobias, nachdem man die Flaggensignale entschlüsselt hatte. „Wir sollen stoppen ... und längsseits kommen.“

„Bollocks!“ fluchte der Käpt’n. „Hätte das nicht warten können, bis wir zu Hause sind?“

„Vielleicht ist zu Hause etwas vorgefallen“, erwiderte Tobias. „Vielleicht eine Epidemie?“

Erschrocken sahen die Männer einander an.

„Vielleicht machen ja die Franzosen wieder Ärger“, warf Spunk, der Harpunier, ein.

„...oder Piraten!“ ergänzte der alte Abraham.

Feindselige Blicke wandten sich daraufhin Emma Prendegast-Willis zu, die sich nun ebenfalls zu der Gruppe gesellte.

„Wir werden es früh genug erfahren“, beschwichtigte der Kapitän. „Los, Männer! Holt die Segel ein! Tun wir, was sie wollen...“

Rasch kam die ‚Trafalgar’ heran. Laut Register war sie ein Schlachtschiff 1. Ranges mit 104 Kanonen. Mit fast 70 Metern Länge war sie mehr als doppelt so groß wie die zierliche ‚Eleanore’. Sie war fast vollständig schwarz lackiert, allein die Breitseiten der drei Batteriedecks erstrahlten in leuchtendem Weiß.

Eine stattliche Anzahl Marineinfanteristen war auf dem Oberdeck angetreten. Zwischen all dem Rot der Uniformröcke war es schwer, andere Crewmitglieder auszumachen.

„Mir gefällt das nicht“, flüsterte Emma Charlie Plumpton zu und zog diesen von der Steuerbordreling fort. „Sieht mir nicht nach einem Freundschaftsbesuch aus...“

Auch die ‚Trafalgar’ strich nun Segel. Sie war jetzt fast schon Seite an Seite mit der ‚Eleanore’.

Käpt’n Boles griff zum Sprachrohr.

  „Schiff ahoi!“ tönte seine Stimme über das Meer. „Wie steht’s daheim in St. George’s?“