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Das Leben scheint grenzenlos zu sein. Und es bleibt gefährlich. Die Reise geht weiter. Traum und Wirklichkeit - was ist da nur der Unterschied? Die Jagd, die drei Leben dauerte, wird im zweiten Leben durch "Die Hierarchie der Verdammten" einer merkwürdigen Welt manipuliert. Dies ist die erste Fortsetzung der faszinierenden Life-Fiction-Romanreihe: Wie mechanisch läuft für die Erdbewohner das Leben ab und immer weniger hinterfragen es. Unter geheimsten Vorkehrungen wird an einem neuen Projekt gearbeitet. Als sich zum Ende des 23. Jahrhunderts einem jungen Mönch namens Bensik die drei Geheimnisse über die Welt offenbaren, werden die Folgen für die Menschheit sichtbar. Die letzte Stunde der Erde schlägt, nur eine neue Welt soll die Rettung bringen können. Als Einziger mit dem vollständigen Wissen ausgerüstet, versucht Bensik das Richtige zu tun...
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Seitenzahl: 899
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Der Autor
Thomas Gessert arbeitet als Wirtschaftsingenieur in der deutschen Industrie. Seit Kindheitstagen schreibt er Geschichten und Gedichte. Nach seinem Debüt-Roman »Gefahr aus fremden Dimensionen« folgt nun das zweite Buch seiner Life-Fiction-Reihe »Tanz der Welten« mit dem Titel »Die Hierarchie der Verdammten«. Mit dieser fiktiven Lebensgeschichte entführt er den Leser wie der in ein Abenteuer der ganz besonderen Art. Mehr auf www.tanzderwelten.de.
TANZ DER WELTEN ist eine Life-Fiction-Romanreihe (engl. life „Leben“, fiction „Fiktion“). Ein Leben fügt sich an das andere. Die Hauptfiguren sind keine besonderen Personen, doch die Ereignisse in ihrer Welt sind alles andere als alltäglich. Welchen Wert hat darin das Leben? Oder geht es in der Existenz um etwas ganz anderes?
Was ist Traum - was Wirklichkeit? Die Hauptfigur wird sich auf abenteuerliche Weise bewusst: In ihrer Existenz warten die Antworten auf ihre Entdeckung. Und dann wird der Tag kommen, da tanzen die Welten ⋅⋅⋅
Trilogie 1: Die Jagd, die drei Leben dauerte
Buch 1: Gefahr aus fremden Dimensionen
Buch 2: Die Hierarchie der Verdammten
Prolog
Die Kindheit
Die Regentschaft
Die Flucht
Epilog
Glossar
Buch 3: Im Auftrag der Ewigkeit
Es wird der ,Tag‘ kommen,
da tanzen die Welten.
— Nichts. -
Wäre das Ist nicht schön?
Es passiert!
Es entsteht!
Es entwickelt sich.
Ein Strahl bohrt sich in die Mitte der Natur und zieht darin Körper, Geist und Sinne an.
Ich bin.
Ich - wer bin ich?
Ich bin mir bewusst.
Ich spüre mich.
Stöße treffen mich von allen Seiten.
Ist es möglich, mit jemandem in Kontakt zu treten?
Es ist möglich - und dass es so ist, ist wunderbar.
Ich nehme noch etwas anderes wahr: Da ist ein früherer Kontakt, der mich nicht loslässt - ich habe dazu einen ganz klaren Bezug. Rich Rollandon,
Sus, Krol, Mol Ding-Fis, Antirer ⋅⋅⋅ Das Ende erschien als eine Art Niederlage, obwohl es eigentlich nur das Leben als Leben an sich geben sollte. ⋅⋅⋅
Es ist wieder möglich, tiefer in die letzten Ereignisse einzutauchen: Ich bin allem und allen entgangen und konnte über meine individuelle Entwicklung im Wesentlichen selbst entscheiden. Nur ein Wesen kreuzte mit abstoßender Wirkung meine Bahn und sorgte für ein jähes Ende jenes Kontakts.
Es gibt wieder eine neue Chance in Zeit und Raum. Ich weiß nicht, wohin es mich jetzt zieht. Ich hoffe, dass es wieder in der Nähe der Menschheit sein wird. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie, aber ich muss von dort aus die letzten Spuren eines Wesens aufnehmen, das sich beim letzten Lebenskontakt Rich Rollandon nannte.
Rache? - Ja! Egal was ich tue, das kann ich so nicht auf sich beruhen lassen. Ich sehne mich nach Vergeltung, denn so geht es nicht! Erst dann kann ich einen völligen Neuanfang meines Seins wagen. Vorher komme ich sonst einfach nicht zur Ruhe.
Ich weiß nicht, wie und wo ich dieses Wesen finden soll. Ich weiß nicht, was es dann für eine Kreatur sein wird, wenn diese im nächsten Lebenskontakt in meiner Nähe auch wieder existieren sollte. Was ich sonst tun soll, während meines neuen Lebens, wüsste ich nicht, denn so oder so gilt: Ich werde nichts anderes vorher ausprobieren, bis mir klar ist, warum man mich so behandelt hat.
Dieses Wesen mit der früheren Bezeichnung Rich Rollandon hat im Laufe seiner Verwirklichung mit Sicherheit ebenfalls seine Identität geändert und folgt seinem eigenen inneren Weg, eben so, wie ich es auch tue. Was waren nur seine Motive, mir derartiges anzutun? Ich an deiner Stelle hätte so etwas niemals grundlos getan, Rich Rollandon!
Ich muss mich beeilen, damit der existenzielle Abstand zu meinem letzten Lebenskontakt nicht zu groß wird. Die unendliche Geschichte des Seins verwischt nach und nach alle Spuren. Es geht endlich vorwärts, ich spüre es.
Wer du auch bist, komm doch gleich mit, lass deinen Geist dem meinen folgen. Dann muss ich dir hinterher nicht alles erzählen. Also, auf geht’s!
Ist diese Luft herrlich! Ich schließe die Augen und atme tief durch, immer wieder. Eine angenehm kühlende Brise umweht meinen jungen, sich stark anfühlenden Körper. Ich öffne meine Augen. Wer bin ich? Wer bin ich eigentlich, der gerade jetzt hier ist? Ist es normal, so etwas zu fragen? Ich spüre mich. Ich bin ein lebendes Individuum! Ich kann meinen Körper spüren, erkenne meine Gedanken, sehe mich um und erblicke all die vielfältigen Farben und Formen - und das alles wunderschön wie nie zuvor. So häufig bin ich schon hier gewesen, aber in dieser Pracht habe ich den Park noch nie wahrgenommen! Etwas verwundert bin ich jetzt schon, denn zum ersten Mal in meinem Leben stelle ich mir diese eigenartigen Fragen: Wer bin ich? Warum bin ich? Warum ist es so, wie es ist? Und immer wieder: Wer bin ich eigentlich? Ich spüre mich und kann es doch nicht beantworten.
Seit einigen Minuten hocke ich bereits neben dieser seltsamen Statue hier auf dem Berg im Volkspark, genannt Bios. Sie ist mausgrau von ihrem Kopf in fünfzig Metern Höhe bis zu ihren Füßen direkt über mir. Damit ist sie gewaltiger als viele Gebäude in der Umgebung. Sie sitzt mit verschränkten Beinen inmitten des Parks auf einem nochmals zehn Meter hohen Podest, als würde sie meditieren. Die großen Hände liegen locker im Schoß. Steinstufen führen auf beiden Seiten zu ihren Füßen empor.
Ich blicke an der Statue hinauf. Der Kopf hoch oben ist relativ kubisch. Ich möchte zu gern wissen, wer dafür Modell gestanden oder besser gesessen hat. Eine mir bekannte Persönlichkeit war es nicht. Ihr Blick ist so sanftmütig.
Auf dem Kopf trägt sie einen gezackten Haarkranz, der eine größere Plattform umgibt, von der aus Vater dem Volk die Reden und Weissagungen präsentiert. Die Weissagungen kommen angeblich aus dem Inneren der Statue. Der Vater vernimmt sie und trägt sie vor.
Es herrscht das Gerücht, die Statue sei innen hohl und es verberge sich ein großes Geheimnis in ihr. Vater soll es kennen, verrät es aber keinem anderen, auch nicht mir, seinem Sohn. Es weiß nicht einmal jemand, wie Vater auf die Plattform in dieser sehr luftigen Höhe gelangt. Stets taucht er ganz plötzlich dort oben als recht kleine Figur zwischen zwei Zacken des Haarkranzes auf.
Mein Blick wandert langsam am Hals des Steinkolosses hinab. Unter dem Kopf befindet sich ein kantiger Leib. Er wirkt kräftig, wenn ich ihn mit den Körpern der Erwachsenen vergleiche, die ich kenne. Die gekreuzten Beine ragen wie massive Zylinder schräg neben dem Oberleib hervor. Was ist das bloß für ein seltsamer Umhang, den die Statue trägt? Der angedeutete Stoff hat eine bläuliche Farbe und ist doch anders geschnitten als meiner; er wirkt fast zu groß für diese Figur. Unsere leiblichen Umhänge sind allesamt maßgeschneidert.
Ich stehe so oft hier und stelle mir immer wieder diese und andere Fragen. Doch jetzt spüre ich in mir etwas Neues. Da formt sich etwas - aber was? Es erscheint mir vertraut, obwohl ich es nicht kenne.
Meine Hand berührt die mächtige Statue. Eines Tages auf ihrem Kopf zu stehen, wäre schon abenteuerlich, aber das ist, mit der Ausnahme von Vater, niemandem gestattet. Dieses mich immer wieder aufs Neue fesselnde Monument ist irgendwann aus einem einzigen riesigen Felsblock hergestellt worden und angenehm warm. Wir haben Sommer, aber selbst im Winter, wenn die Temperatur in Extremfällen unter minus dreißig Grad Celsius fällt, ist sie so warm.
Um die Statue herum haben die erwachsenen Mönche wohl schon vor langer Zeit einen sehr breiten Rundweg angelegt. Hier versammeln sich häufig viele Mönche, Jungmönche und Novizen wie ich. Von ihm zweigen sternförmig sieben breite Kieswege ab. Zwischen ihnen befinden sich Grünflächen mit sogenannten „Bäumen“ und „Büschen“, die aus einem sehr beständigen Kunststoff erzeugt wurden. Alles ist am Erdboden festgeklebt. Am Ende des Volksparks ist ein recht hohes, künstliches, dunkelgrünes Ding aufgebaut, Vater nennt es „Hecke“. Das ist auch so ein Wort, das ich nicht richtig deuten kann, da ich den Sinn noch nicht kenne. Ich weiß nur, dass sie den Volkspark in allen Richtungen begrenzt und lediglich von den Ausgängen der Sternwege unterbrochen wird. Jenseits der „Hecke“ stehen weitere Exemplare sogenannter „Bäume“. Sie wurden aus modernstem, sehr witterungsbeständigem Kunststoff gefertigt und erst vor wenigen Wochen aufgestellt. Dahinter befinden sich die Stätten unserer ganz normalen Alltagswelt. Doch der fehlt irgendwie eine besondere Farbe, eine Farbe, die hier im Volkspark vorhanden ist ⋅⋅⋅
„Bensik! Was soll das? Was machst du hier? Vater hat verboten, dass sich jemand außerhalb der Messen im Volkspark aufhält! Was also tust du hier?“
Ich seufze: „Kho-ka!“ Dieser herbeieilende Mönch nervt mich wahrscheinlich schon seit meiner Züchtung. Vielleicht war er sogar dabei, als Vater mich entwickelt hat. Zum Glück kann ich mich daran nicht erinnern. Ich stehe auf, als Kho-ka vor mir steht.
„Du weißt, dass ich das melden muss!“, ruft Kho-ka in seiner mir gegenüber stets unerbittlich strengen Art und Weise. Doch meinen Alterskameraden in unserer Gruppe ergeht es auch nicht besser. Muss denn alles so sein, wie es ist, also wie er es verlangt? „Das gibt Minuspunkte!“, schimpft er.
„Nein! Ich habe doch schon so viele in diesem Monat!“, protestiere ich, während mich Unruhe und Verzweiflung peinigen. „Kho-ka, bitte! Ich bitte dich wirklich: Melde es nicht. Ich tue es nie wieder.“
„Verlangst du von mir, gegen die ehrwürdigen Gesetze des Bios zu verstoßen, du Flegel?“ Sein Blick dringt so tief! „Das gibt weitere zehn Minuspunkte. Damit musst du neue großartige Ergebnisse liefern, sonst wirst du nie in die Fußstapfen deines Vaters treten können. Wenn du dich nicht bald einmal in Gehorsamkeit übst, nimmt es mit dir noch ein böses Ende!“ Er greift nach meiner Hand und zerrt mich aus dem Volkspark.
„Aua! Das tut weh!“, rufe ich und versuche vergeblich, mich gegen seinen gefühllosen, starken Händedruck zu wehren. Kho-ka kennt kein Erbarmen. Für ihn zählt nur Bios, immer wieder Bios.
Ich verdränge den Schmerz in der Weise, die Vater mir stets geraten hat. Doch warum schickt er Kho-ka nicht einfach fort und überträgt meine Betreuung einem milderen Mönch? Vater kann doch nicht wollen, dass mir alles verboten wird! So will ich nicht leben!
Wir verlassen den Volkspark und betreten die für zwei Personen eigentlich zu kleine Materietransferkabine, kurz „Matrak“, wie wir sagen. Kho-ka gibt auf der rechteckigen Wandtastatur die Ortskoordinaten für das uns ernährende Refektorium ein. Ist es schon wieder so spät? Wir werden dematerialisiert ⋅⋅⋅
Ich spüre meine Materialisierung wieder. Die hoch gewölbte Haupthalle des Refektoriums ist schon zur Hälfte gefüllt. Ich erkenne auch Personen meiner Altersgruppe; ich gehöre glücklich zur Sieben.
Kho-ka drückt mich auf eine der beiden harten Sitzbänke am vordersten der vielen Zehnertische. Die meisten Tische sind Zehner; es gibt nur einige Vierer und in zwei Ecken des Raums jeweils einen Tisch, an denen nur zwei Personen speisen können. Einmal mehr wird eine scheußliche Suppe von einem der vielen schwebenden kugelartigen Servierroboter aufgetischt. Sie haben sechs Greifarme und stellen die dünne Plürre auf dem langweilig blauweiß karierten Tischtuch ab.
„Warum darf ich nicht mit meiner Altersgruppe dort hinten essen?“, frage ich. Kho-ka antwortet mit strenger Stimme: „Du isst mit mir zusammen! Gleich kommt Vater. Ich muss ihm von deiner schrecklichen Tat erzählen. Und nun iss!“
Die Suppe schmeckt so widerlich wie immer. Aber sie ist sooo gesund, denn eigentlich ist „Suppe“ ein Spottname. Tatsächlich sind auf dem Teller alle für den menschlichen Organismus wichtigen Stoffe in klarem Quellwasser verrührt enthalten. Ich stampfe den Löffel hinein. Die Suppe fließt langsam drauf. Kho-ka schüttelt den Kopf und beginnt schneller zu essen als ich. Er sieht nicht auf, löffelt stumm und monoton. Ich drehe den Löffel in der Suppe hin und her und starre vor mich hin.
Da steigt Vater aus der Matrak. Er entdeckt mich und schaut sogleich zu Boden. Wahrscheinlich ahnt er bereits, dass ich wieder etwas angestellt habe. „Sonoo Bios!“, sagt Vater und streicht sich über den kahlen, glänzenden Schädel. „Sonoo Bios!“, antworten Kho-ka und ich gleichzeitig.
Vater lässt sich seine Suppe von einem der vielen Küchenroboter bringen. Ich tue so, als würde mir die Suppe schmecken und esse zügiger. Dabei sehe ich ihn nicht an, doch Vater durchschaut mich, wie immer: „Bensik, ich höre!“
Ich tauche den Löffel wieder ein: „Vater, ich war im Volkspark. Ich weiß, es war ein Fehler. Ich werde es ohne Erlaubnis nicht wieder tun. Ich verspreche es dir. Bitte, bitte gib mir keine Minuspunkte!“ Ich kann vor Verzweiflung nicht schlucken und lasse den Löffel wieder sinken.
„Bensik, Bensik, Bensik!“, seufzt Vater langsam. Ich hasse diese Art der Ermahnung unter mehrfacher Wiederholung meines Namens - und er weiß das.
„Du hast mir so oft versprochen, von Bios fernzubleiben, aber immer wieder gehst du dorthin. Du bekommst diesmal die doppelte Anzahl Minuspunkte und aus dem neuen Mammutcomputerentwicklungsprojekt MCEP bist du gestrichen!“
Ich schlucke. Alles, bloß nicht das! Meinetwegen kann Vater mir noch mehr Minuspunkte aufbrummen, aber er soll mich nur nicht aus diesem Projekt streichen. Ich spüre die Tränen auf meiner Wange. „Vater, ich ...“ „Schweig! Bensik, schweig jetzt!“, ruft Vater. Die anderen Mönche um uns werden aufmerksam, aber sie wenden sich schnell wieder ab. Sie akzeptieren schließlich die Autorität des Vaters, ihrem Führer.
Ich hasse Bios! Bios vermasselt mir noch mein ganzes Leben, das weiß ich jetzt schon. Aber die Statue, die mag ich irgendwie trotzdem. Sie ist so düster und doch so wärmend und sanftmütig, so dunkel und doch so hell. Sie ist faszinierend, vielleicht sogar berauschend, unheimlich und dennoch beschützend zugleich. Wenn ich nicht mehr am Projekt mitarbeiten darf, dann ist mir alles egal - wirklich alles!
„Bensik, iss weiter!“, zischt Kho-ka. Ich sehe die ersten Leute aufstehen und zu der Matrak-Reihe gehen. Ich löffle weiter. Das widerliche Zeug wird einfach nicht weniger. Warum esse ich es eigentlich noch? Ich darf nichts mehr; ich bekomme Minuspunkte immer wieder, obwohl ich in den Projekten die besten Ergebnisse liefere. Und doch wird mir jede Freiheit gestrichen.
Vater erhebt sich. Er hat seine Suppe noch nicht gegessen, aber er geht wieder zu einer Matrak. „Iss!“, befiehlt Kho-ka. Vater verschwindet und der Rest seiner Suppe durch einen Roboter auch.
Ich breche aus! Das werde ich tun. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Und ich werde Bios untersuchen. Ich möchte wissen, was es mit der Statue auf sich hat. Ich bin nicht wie die anderen - verdammt! Mein Teller landet auf dem Boden und zerbricht. Die Suppe verteilt sich. Das leise Murmeln der Mönche im Saal verstummt schlagartig.
„Bensik! Jetzt reicht es aber!“, ruft Kho-ka erschrocken. Ich springe über den Tisch zu einer Matrak. Noch bevor Kho-ka bei mir ist, werde ich dematerialisiert ⋅⋅⋅
Ich lasse mich in einer Matrak in der kleinen, silbern schimmernden Halle wieder materialisieren, in der unsere Altersgruppe ihr Versuchslaboratorium betreibt. Mein Zielort ist das Lagermodul. Ich spreche ruhig „Einmal 2542!“ in das Mikrofon der Ausgabeeinheit, denn von den langweiligen Tests gestern Nachmittag weiß ich, dass sich hinter diesem Code ein farbloses Schmiermittel, irgendeine Gleitmasse verbirgt. Es poltert leicht und eine weißbraun gestreifte Tube fällt in das Ausgabefach. Ich lasse sie in meiner Tasche verschwinden und kehre zur Matrak zurück, um nun mein eigentliches Ziel zu erreichen ⋅⋅⋅
Materialisiert werde ich wieder hinter dem Eingangsbereich des großen Dormitoriumkomplexes. Hier befinden sich neben dem Schlaftrakt meiner Altersgruppe Sieben auch die Säle der anderen Gruppen, in die, ihrem Alter entsprechend, die Novizen der Diözese eingeteilt sind. Ich gehe an der kleinen Glaskanzel der Süd-Rezeption vorbei zu dem Ruhebereich, in dem meine Gruppe ihr Zuhause hat. Der Wachmönch in seinem Glaspalast registriert mich. Es ist absolut unmöglich, hier unbemerkt vorbeizugelangen. Die meisten dieser gehorsamen Personen sind sicher schon dabei, sich ruhefertig zu machen - diese Systemgehorsamen! Sie haben, aus welchen Gründen auch immer, keine eigene Persönlichkeit, denn sie befolgen die Anweisungen der älteren Mönche, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Sie stellen nichts infrage, hinterfragen, reflektieren auch nichts. Ihrem Anschein und Benehmen nach könnten sie Bioroboter in der Lernphase sein. Auch die fragen sich nie, wer sie eigentlich sind oder warum alles so ist, wie es ist.
Ich finde vieles in dieser Welt zu förmlich. Die anderen Novizen entwickeln überhaupt keinen Erfindergeist, keine eigene Kreativität. Gedanken, dass dies und das auch anders gehen könnte, kommen ihnen gar nicht erst. Daher bin ich zu den meisten von ihnen auf Distanz gegangen, musste es einfach tun.
Langsam trotte ich durch den Vorraum nach nebenan in die blaue Reinigungsschleuse und bleibe an der Seite stehen. Hier wimmelt es nur so von meinen Alterskameraden. Ich habe mich nicht geirrt: Einige gehen schon gereinigt weiter ins Dormitorium, die anderen sind noch mit ihrer Körperpflege beschäftigt.
Ich bewege mich ein Stück an der Wand der Reinigungsschleuse entlang, da ich weiß, dass hinter mir an dieser Stelle eine Wandfliese locker in der Wand sitzt. Von den braven Jungen unbeachtet, heble ich sie hinter mir mit den Fingernägeln aus der Wand, um die Tube mit der Gleitmasse in dem kleinen Loch dahinter verschwinden zu lassen. Dann rücke ich die Fliese wieder zurecht und ziehe meinen hellblauen Umhang aus. Er landet mit Schwung in der Auffangvorrichtung für die Wascheinheit.
„Was war denn schon wieder los, Bensik?“, fragt jemand hinter mir. „Oh, hallo Robsik! Ich war im Park bei der Bios-Statue.“ Ich sehe den Jungen kurz an, mit dem ich noch am besten von allen auskomme.
Robsik atmet entsetzt tief ein: „Was willst du nur dort?“ „Robsik, ich bin nicht so wie die da!“ Ich zeige auf unsere „Altersfreunde“, wie wir uns untereinander offiziell bezeichnen müssen, die sich brav ausziehen und wasserstrahlen lassen. Das klare Nass schwemmt alle äußeren sowie alle körperlich austretenden Unreinheiten fort. Einige treten bereits wieder heraus. „Ich hasse unsere Welt! Sie ist so trist, so ohne wirklichen Sinn.“
„Du hasst unsere Welt? Oooh ⋅⋅⋅“ Robsik hält inne, sieht mich erstaunt an und legt nun auch seinen hellblauen Umhang ab. „Alle hier wissen ja, dass dir dieses Leben nicht gefällt, aber dass du es sogar hasst, ist mir neu.“ „Ich hasse nicht das Leben an sich, eigentlich liebe ich es sogar. Ich hasse es nur so, wie es ist. Das kann einfach nicht alles sein!“, zische ich ihn entnervt an. „Das ist niemals alles!“
„Dein Vater ist das Oberhaupt unseres Bios-Volkes. Er ist der wichtigste von Millionen Mönchen und er hat dich gezüchtet! Du hasst diese Welt, die dein Vater verteidigt?“ „Ja!“, antworte ich und gebe mir die größte Mühe, sehr gefühlskalt zu wirken. „Ich will in dieser Nacht ausbrechen und zur Bios-Statue in den Park. Kommst du mit?“
Ich sehe, wie die Angst sein Gesicht in Falten legt. Robsik ist genauso ein Feigling wie die anderen, aber er ist auch mein bester Freund. „Ich komme mit!“, ruft Robsik plötzlich. „Nicht so laut!“, fahre ich erschrocken zusammen. „Ich komme mit“, raunt er mir zu. „Wann geht es los?“ „Ich wecke dich.“
Wir lassen die reinigenden Wasserstrahlen über uns ergehen. Der Lärm dieses Dutzends rauschender Brausen ermöglicht uns keine diskrete Unterhaltung im Beisein der anderen Novizen.
Robsik tritt vor mir heraus. Er lässt sich trocken fönen, wirft sich seinen weißen Nachtumhang über und stellt sich vor den Mundpflegeautomaten. Endlich geht er auch in den Schlafsaal. Ich warte, bis ich der letzte Novize hier bin. Das dauert, denn dieser Fettsack namens Klimmsik lässt sich sehr viel Zeit. Mich wundert, dass die Beine sein Gewicht noch tragen können. Dieses ganze Schwabbelzeug ⋅⋅⋅]
„Du brauchst aber lange, Bensik“, labert er. „Verschwinde, du Fettwanst!“, fauche ich ihn an. Hoffentlich macht er mir keinen Strich durch meinen Plan. „Du sollst nicht immer Fettwanst zu mir sagen, ich kann doch nichts dafür. Du weißt, dass meine Erbsubstanz ...“
Ich packe seinen kahlen Kopf an den Ohren und ziehe ihn ins Trockene. Er flennt. „Das sage ich alles Moki, und auch Kho-ka!“, schluchzt er richtig. „Moki!“, rufe ich. „Sag es doch deinem Moki und meinem Kho-ka. Kho-ka kann mich mal!“ Klimmsik reißt seinen Nachtumhang an sich und stolpert, ohne ihn gleich überzuziehen, in den Schlafsaal.
Mir kommt es auf die paar Minuspunkte mehr gar nicht an, wenn er jetzt petzen geht. Ich wollte Jahresbester werden. Drei Monate lang habe ich geführt - und nun das! Mein Vorsprung war sehr gering. Doch nun habe ich keine Chance mehr. Wofür auch? Für diese Welt?
Ich bin nun allein in der Reinigungsschleuse. Die anderen liegen wohl schon alle in den Betten. Ich löse die Fliese wieder und ergreife die Tube mit der Gleitmasse ...
„Bensik! Was soll das schon wieder?“, höre ich Kho-ka rufen, der wohl ausgerechnet heute Nachtwache bei den Novizen hält. „Du bist schon wieder der Letzte!“ Ich verstecke die Tube hinter dem Rücken. Mit meinen Fingern gelingt es mir, die Fliese an der Wand hinter mir unbemerkt wieder zu befestigen.
„Komm jetzt! Gleich ertönt die Ruhehupe!“ Er verlässt den Waschraum. Ich streife mir meinen Schlafumhang über und verstecke die Tube heimlich darunter. Der Nebel des Mundpflegeautomaten reinigt noch Gebiss, Zahnfleisch, Zunge und Mundhöhle. Noch ein paar tief saugende Atemzüge am Nasenreiniger daneben und schon betrete ich das reine Dormitorium, als Kho-ka schon wieder vor mir steht.
„Was hast du mit Klimmsik gemacht?“, fährt er mich an. Ich tue bedrückt. „Du bist ein schlimmer Junge, eben erst das im Refektorium und nun das!“, ruft Kho-ka und schüttelt seinen ovalen Kopf. „Du hast so viel Talent, solches Potenzial ⋅⋅⋅ Vater hat so viel Hoffnung in dich gesteckt; er hat für deine Züchtung doppelt so lange wie normal benötigt. Nach wie vor glaubt er an dich - und du? Du enttäuschst ihn immer wieder! Du solltest dich schämen. Du wirst nie Jahresbester, dazu hast du zu viele Flausen im Kopf! Verschwinde, ab ins Bett!“
Ich gehorche. Klimmsik schluchzt immer noch, als ich an seinem Bett vorbeigehe. Ich lasse mich in meines fallen. Im gleichen Moment ertönt die Hupe zur Nachtruhe. Das Licht wird auf Notbeleuchtung reduziert. Kho-ka schleicht um jedes Bett herum und sieht nach dem Rechten.
Ich spüre, dass ich halb auf der Gleitmassetube liege, doch ich kann sie nicht verschieben, weil Kho-ka sich vor meinem Bett aufbaut. Jetzt setzt er sich sogar auf den Boden. Ich stöhne innerlich und die Tube drückt. Ich versuche sie mit ungeschickten Körperbewegungen zur Seite zu schieben. Kho-ka beobachtet mich genau. „Hast du Flöhe, Bensik?“, fragt er. „Nein!“ Dieses Mal liegen keine Krümel in meinem Bett, die er immer Flöhe nennt. „Ich kann nicht schlafen, wenn du an meinem Bettende sitzt. Ich brauche meine Ruhe.“ „Also schön.“ Kho-ka erhebt sich. „Aber keine Dummheiten! Man kann dir ja kaum noch trauen. Nun wird geschlafen!“
Ich erwidere nichts und warte, bis er den Raum verlässt. Endlich kann ich diese Tube ordentlich positionieren. Jetzt muss ich nur noch wach bleiben. Bloß wann ist der richtige Augenblick? Ich warte, bis alle eingeschlafen sind. Das ist vorerst das Beste.
Meine Augen fallen zu, doch ich reiße sie sofort wieder auf. Ich darf nicht einschlafen. Wie lange liege ich wohl schon wach? Es muss eine Ewigkeit sein. Jemand hustet, der Richtung und der Tonlage nach müsste es dieser Klimmsik sein. Ich seufze. Warum hat er nur diese Probleme mit dem Einschlafen?
Ich beginne von Einhundert abwärts zu zählen. Bei Null werde ich aufstehen und zu Robsik gehen, egal ob alle anderen schlafen oder nicht.
Inzwischen ist es vollkommen ruhig geworden. Ich bin zwar erst bei dreißig angelangt, schlage aber trotzdem die Decke zurück, richte mich auf und versuche in diesem sehr schwachen rötlichen Licht etwas zu erkennen. Alle scheinen friedlich zu schlafen, dieser Klimmsik hoffentlich auch. Leise stehe ich auf und ziehe meinen Umhang glatt. Wenn jetzt Kho-ka hereinkommt ...
Ich schleiche zu Robsik und berühre ihn kurz. Er öffnet sofort die Augen. „Willst du es tatsächlich wagen?“, flüstert er. „Natürlich! Kommst du nun mit oder nicht?“ Ich sehe in dem schwachen Rotlicht wieder leichte Angstfalten auf seinem Gesicht. Er blickt kurz umher. „Was soll denn ⋅⋅⋅“
„Hör zu!“, unterbreche ich ihn. „Ich habe keine Zeit für irgendwelche Diskussionen, entweder kommst du mit oder lässt es bleiben!“ „Ist schon gut. Ich komme mit“, sagt er zu meiner Freude. Wir schleichen zur Tür.
„Wie willst du am Wachmönch vorbeikommen?“, raunt Robsik. Ich ziehe die Gleitmassetube hervor und flüstere: „Lass mich nur machen. Komm einfach mit und tu mir einen ganz großen Gefallen: Sag jetzt bitte kein Wort mehr!“
Wir verlassen den Raum mit den vielen Bettenreihen und huschen durch die Reinigungsschleuse sowie den Vorraum hinaus. Der Flur ist ebenfalls nur notbeleuchtet. Ein hellerer Lichtkegel dringt von der Rezeption am Ende des Flurs her in unsere Richtung. Auch hier ist es vollkommen ruhig, denn die Altersfreunde in den anderen Räumen scheinen auch sehr lieb zu schlafen.
Ich schleiche vorwärts an der Wand entlang. Robsik umklammert einen Zipfel meines Umhangs. Er ist ein guter Freund, aber leider auch ein Angsthase. Ich seufze leicht und schüttle seine Hand ab. Vorsichtig sehe ich mich um, bücke mich und schmiere den Boden von einer Wand bis zur anderen mit der farblosen Gleitmasse gründlich ein. Robsik sagt glücklicherweise nichts. Ich drücke die Tube leer. Der Boden ist nun auf etwa vier Quadratmetern vollkommen rutschig.
Ich sehe Robsik an und weise ihn zurück. Leise schleichen wir einige Meter wieder in Richtung Dormitorium. Ich wische meine Hände am Umhang ab und halte meinen Freund fest. Er bleibt stehen.
„Hallo?“, sage ich nicht sehr laut aber eigentlich hörbar für den Wachmönch im Glaskasten. Doch niemand erscheint. „Hallo?“, rufe ich nun etwas lauter. Ein Kopf schiebt sich durch die Tür der Glaskanzel, den ich jedoch nicht kenne. Also hat Kho-ka heute glücklicherweise keine Wache; es muss ein Neuer sein.
„Was macht ihr hier draußen?“ Der Fremde schiebt seinen Körper nun ganz vor den Glaskasten. „Halloooo!“, rufe ich mit einem fröhlichen Akzent. „Geht sofort schlafen!“, ruft er. „Keine Lust!“, entgegne ich.
Robsik schweigt. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um seine Nervosität zu spüren. „Also, das ist doch ⋅⋅⋅“, höre ich den Wachmönch rufen. Er sprintet los, doch er kann sich nicht auf den Beinen halten. Der eingeschmierte Boden erfüllt seinen Zweck. Mit viel Schwung kracht der Typ der Länge nach hin und schlägt mit dem Kopf halb gegen die harte Wand.
„Los, komm!“, rufe ich Robsik zu und schiebe mich langsam auf allen vieren über die rutschige Stelle voran. Auf dem sauberen Fußboden angekommen, stehe ich auf und laufe zur Matrak. Doch mein Freund bleibt vor der eingeseiften Stelle stehen.
„Was ist? Kommst du nun?“, rufe ich ungeduldig zurück. „Du hast ihn umgebracht!“, stößt Robsik aus. „Was?“ Ich glaube, ich habe mich verhört! Langsam gehe ich auf den regungslos daliegenden Mönch zu. „Er ist mit dem Kopf gegen die Wand geknallt. Siehst du?“
Ich sehe es. So stark hat der Aufprall nicht ausgesehen! Blut rinnt aus den Nasenlöchern und Ohren, auch am Mund schimmert etwas rot. Seine Augen sind weit aufgerissen. Es muss für ihn schnell gegangen sein. Er atmet nicht mehr.
„Oh, das wollte ich nicht!“, rufe ich. „Verdammt! Warum schicken die auch ausgerechnet in dieser Nacht einen Anfänger?!“ Nur kurz spüre ich ein unwohles Gefühl und versuche wieder klar zu werden, denn das kann nicht meine Schuld sein!
„Ich komme nicht mit!“, ruft Robsik. „Was?“ Ich blicke ihn an. „Ich komme nicht mit“, wiederholt er. „Ich gehe zurück.“ „Du weißt aber, was dann passiert: Bios wird über dich richten! Du bist in meinen Plan eingeweiht und hast keinem Mönch etwas davon erzählt.“
„Nein!“, stößt er entsetzt aus. „Ich habe nichts gemacht. Ich habe nur auf dich gehört! Du sagst doch nichts ⋅⋅⋅“ „Keine Chance! Wenn sie mich kriegen, dann haben sie dich auch. Oder du kommst mit mir!“, entgegne ich und gehe zur Matrak. „Was ist nun, Robsik?“
Ich höre seine Schritte hinter mir. Er folgt mir also und fragt mit zitternder Stimme: „Wo willst du jetzt hin?“ „In den Volkspark zur Statue; ich will nach einem Eingang suchen. Ich will das Geheimnis des Bios herausfinden. Entweder erwischen sie uns dabei oder wir erfahren etwas völlig Neues - so viel weiß ich.“ Wir dematerialisieren uns ⋅⋅⋅
Vor der Matrak steht ein Mönch, der uns zum Glück nicht bemerkt. Wir schleichen seitlich hinter ein akkurat errichtetes grünes Gebüsch. Nur wenige Laternen erleuchten die warme Sommernacht. Teilweise sind Sterne hinter den Wolken zu sehen. Wir bleiben hinter dem Gebüsch hocken.
„Und was nun?“, flüstert Robsik. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du leise sein musst!“, fauche ich ihn an, er kann ruhig zusammenzucken. „Los, da rüber!“
Geduckt laufe ich über den Weg zum nächsten Busch. So schlagen wir uns nach und nach in Richtung eines der Eingänge des Volksparks durch, ohne entdeckt zu werden. Endlich gelangen wir an den Fuß des großen Hügels, auf dem der Volkspark liegt. Der Berg ist die größte Erhebung in unserer Welt; auf ihm steht die hohe Bios-Statue.
Die Nacht ist so still wie immer. Aus dem abgegrenzten Gebiet des Volksparks dringt ein rötliches Licht zu uns heraus. Wie ist das möglich?
Wir sind noch zu weit vom Eingang entfernt, um schon etwas erkennen zu können. Die Bäume, die Sträucher und die hohe Hecke des Parks verdecken die Sicht. Je näher wir kommen, umso stärker wird der rötliche Lichtkegel zwischen den grünen Wänden entlang des Weges. Ich erreiche die Hecke und sehe mich nach Robsik um. Er befindet sich drei Sträucher hinter mir.
„Nun komm schon!“, winke ich ihn zischend heran. Er läuft los. Ohne jegliche Nutzung von Deckung rennt er bis zu mir; zum Glück ist niemand zu sehen. Er stellt sich ganz dicht hinter mich. Ich nicke und schleiche mit dem Rücken nah an der Hecke langsam zum Eingang vor. Gerade will ich um die Ecke blicken, als jemand den Park verlässt. Sofort zucke ich zurück. Robsik erschrickt, gibt aber keinen Laut von sich. Drei Personen kommen hintereinander heraus. Sie gehen vollkommen steif, fast wie ungelenke Maschinen. Aber es sind Menschen, und der letzte von ihnen ist Kho-ka!
Sie gehen an uns vorbei. Die erste Person bleibt stehen, nur fünf Meter vor uns. Hoffentlich drehen sie sich jetzt nicht um, denn Robsik und ich haben hier an der Hecke keine weitere Deckung. Der nächste Busch steht bestimmt zehn Meter vor uns und dazu müssten wir unbemerkt an ihnen vorbeikommen. Wir sind praktisch schutzlos! Wenn sie sich jetzt umdrehen ⋅⋅⋅ Ich wage nicht zu atmen. Ich weiß nicht, was Robsik macht.
Kho-ka und der andere Mönch in dem dunkelblauen Umhang holen den ersten ein, der stehen geblieben ist. Sie wechseln Laute, die ich nicht deuten kann, ein in meinen Ohren sinnlos klingendes Geglucker. Dabei bewegen sie sich in ihrer einfachen Gestik roboterartig. So kenne ich Kho-ka gar nicht! Sie stehen nun in einer Linie vor uns, den Blick nach vorn gerichtet. Robsik gibt eigenartige Geräusche von sich. Ich sehe ihn an. Er zittert vor Angst am ganzen Leib. Sicherheitshalber presse ich meine Hand auf seinen Mund.
Die drei Personen vor uns tauschen weiter eigenartige Geräusche aus. Der eine blickt plötzlich zur Seite. Robsiks Zähne bohren sich schlagartig in meine Hand. Ich schreie laut auf! Wir erstarren, doch es passiert - nichts! Die drei Mönche gehen plötzlich weiter, aber sie sagen gar nichts mehr. Die Bäume und Büsche entlang des Weges verschlucken sie schließlich.
„Musste das sein?“, frage ich und verziehe das Gesicht. Robsiks Zahnabdrücke sind deutlich zu erkennen. Ich streiche mit meiner anderen Hand darüber.
„Entschuldige, aber ich ⋅⋅⋅“, winselt er. „Ja, ja, schon gut“, winke ich mit meiner schmerzenden Hand ab. „Steck dir lieber ein Tuch in den Mund!“
Ich schaue noch einmal zurück, doch Kho-ka und die anderen sind nicht mehr zu sehen und kehren wohl auch nicht wieder zurück. Langsam schiebe ich mich vorwärts. Was hat Kho-kas Verhalten zu bedeuten? Warum hat er mich nicht bemerkt, wo ihm doch sonst nichts entgeht? Und diese unnatürliche Gangart! Sonst ist er flink wie ein Rennroboter! Und dann erst diese seltsamen Geräusche ⋅⋅⋅
Was ist denn das jetzt für eine eigenartige Musik? Zu einem rhythmischen Trommeln erklingen nun weitere Geräusche, aus denen ich jedoch kein mir bekanntes Instrument heraushören kann. Das Ganze klingt unbeschreiblich seltsam.
Nun schaue ich vorsichtig um die Ecke. Viele Mönche stehen in ihren dunkelblauen Umhängen ordentlich in Reihen hintereinander auf dem Weg zur Bios-Statue, die sich hinter der nächsten langgezogenen Biegung befindet. Sie schauen alle nach vorn. Niemand bewegt sich. Sie wirken mit ihrem angedeuteten Lächeln so, als würden sie diese befremdlich dumpfen Klopftöne genießen oder auf eine gewisse Art und Weise innerlich aufnehmen.
Zum Glück säumen auch hier mehrere Büsche und Bäume den Weg. Hinter ihnen könnte ich tatsächlich unbemerkt bis zur Statue vorwärts kommen. Es ist zwar verboten, im Park die Wege zu verlassen, aber ich habe ohnehin nichts zu verlieren.
„Kommst du mit rein?“, frage ich Robsik. Doch seine Reaktion ist eindeutig. „Dann bleib hier, bis ich wiederkomme! Hast du verstanden?“ Er nickt. „Aber pass auf!“ „Ja, ich passe auf“, antworte ich genervt.
Geduckt laufe ich hinein und hocke mich hinter den nächsten Busch. Niemand hat mich bemerkt. Ich drehe mich zum Eingang um. Robsik schaut kurz hinter der Hecke hervor, doch ich bedeute ihm heftig, sich zurückzuziehen. Er tut es und ich wende mich wieder nach vorn.
Der pochende Takt der seltsamen Musik wird immer dumpfer und langgezogener. Die Menschen bewegen sich keinen Millimeter. Ich schleiche um den Busch, sodass mich niemand sehen kann. Es sind kaum drei Meter bis zum nächsten dickeren Baum. Sein Stamm ist so dick, dass ich dahinter verschwinden kann. Die Leute starren unentwegt nach vorn. Wenn jetzt keiner seinen Kopf bewegt, könnte ich sogar an ihnen vorbeilaufen.
Flink husche ich hinter den Baum; niemand scheint etwas bemerkt zu haben. Ich blicke entsetzt in die reglosen, geradezu starren Gesichter der Menschen, die hinter mir stehen - wenn es überhaupt richtige Menschen sind!
Ihre Augen funkeln rot! Weder ist ein Lidschlag noch sonst eine Regung in ihren Gesichtern zu erkennen. Mir wird unwohl. Dennoch üben sie eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Etwas schiebt mich sanft aus meinem Versteck und langsam komme ich hinter dem Baum hervor - doch nichts passiert. Ich stehe direkt vor einer mir unbekannten Person. Sie beachtet mich überhaupt nicht! Es ist so, als würde ich vor einer Reihe lebloser Statuen stehen. Ich winke mit der Hand direkt vor ihren Augen herum, trotzdem passiert nichts. Ihr starrer Blick bleibt unverändert.
Immer sieben Personen stehen nebeneinander. Ich gehe langsam und wirklich fasziniert zwischen ihnen hindurch und spüre dieses Kribbeln im Bauch. Vielleicht ist es eine Art von besonderer und sehr tiefer Meditation der erwachsenen Mönche. Wenn sie jetzt zu sich kommen ⋅⋅⋅
Hinter mir schreit jemand auf. Ich fahre herum. Natürlich ist es Robsik, der gerade wieder hinter der grünen Hecke hervorschaut. „Es ist nichts! Verschwinde!“, zische ich und wende mich wieder nach vorn.
Die Statue ist noch nicht zu sehen. Hinter der langgezogenen Biegung steht sie. Reihe für Reihe schleiche ich zwischen den Menschen vorwärts. Warum ich nicht sicherheitshalber im Schutz der Bäume und Büsche gehe, verstehe ich auch nicht. Vermutlich ist es dieses Kribbeln, das mich dazu veranlasst, die Deckung aufzugeben.
Abrupt verstummt die Musik! Es ist jetzt eigenartig ruhig. Ich bleibe auf der Stelle stehen und wage nicht mehr zu atmen. Kein Windhauch ist zu spüren. Ich sehe in den nun vollkommen wolkenverhangenen Himmel und wieder zu den Leuten, doch sie wirken nach wie vor wie in allertiefster Trance.
Jetzt wird mir die Sache langsam zu unheimlich. Ich trete einen Schritt rückwärts und noch einen zur Seite, um mich aus den Reihen der Leute ganz zu entfernen. Ein Busch bietet mir endlich Schutz.
Die seltsame Musik setzt wieder ein. Ich höre mich erleichtert aufatmen und beschließe, meine Erkundung fortzusetzen, aber hinter den Bäumen und Büschen. Die Biegung nimmt mir allmählich die Sicht zum Ausgang des Volksparks und zu Robsik. Da verstummt die Musik erneut. Ich sehe die Statue.
Der Platz davor ist ebenfalls voller regloser Mönche mit rot funkelnden Augen. Sie stehen geordnet auf allen abzweigenden Wegen in alle Himmelsrichtungen. Ich kann den Kopf der Statue sehen. Auch ihre Augen funkeln rot mehr als fünfzig Meter über dem Boden in die recht dunkle Nacht. Die Statue selbst badet in einem gelblichen Licht, das scheinbar vom Boden ausgestrahlt wird. Ich setze mich auf den Rasen hinter einem größeren Gebüsch. Bis zur Statue sind es bestimmt noch fünfzig oder sechzig Meter. Doch von hier aus sehe ich dieses unheimliche Monstrum in seiner ganzen faszinierenden Pracht.
Bensik! Bensik! Bensik!“, ruft plötzlich die Menschenmenge im Chor, doch ihre Lippen bewegen sich nicht! Ich zucke zusammen und beginne wie Robsik zu zittern. Wäre ich bloß nicht hierher gegangen! Sie haben mich entdeckt! Was passiert jetzt bloß?
Die Mönche stehen nach wie vor starr und steif da. Nun öffnen und schließen sich ihre Münder; sie rufen immer wieder meinen Namen. Doch genauso plötzlich verstummen sie.
„Komm heraus, mein Sohn!“, sagt jemand in ruhiger Tonlage. Vater! Seufzend stehe ich auf. Mit gesenktem Kopf verlasse ich den schützenden Busch und gehe langsam auf ihn zu. „Bensik!“, sagt Vater mit noch ruhigerer Stimme. Er steht am Fuß der Statue und trägt seinen gelben Umhang, was ihn von den anderen Mönchen deutlich unterscheidet.
Ich sehe ihn an. Gleich wird wieder eine unerbittliche Strafpredigt folgen und das bedeutet mein Aus in allen interessanten Projekten. Wenn es so weitergeht, kann ich mit achtzehn Jahren als Hausmeister in einem gewöhnlichen Teil unseres Klosters anfangen. Vielleicht ist es für mich auch das Beste?
„Bensik?“, wiederholt Vater. Seine Stimme klingt angenehm freundlich, sogar erwartungsvoll. Ich sehe ihn erneut an. „Ich wusste, dass du kommst. Ich bin stolz auf dich, mein Sohn“, sagt er. „Du bist genauso geworden, wie ich dich damals im Labor züchten wollte.“ Ich fühle mich geschmeichelt, und das ist mir unangenehm. Meint Vater diese Worte wirklich ernst? Wie ist das möglich?
„Du hast gezeigt, dass du aus meinem Fleisch und meinem Blut entstanden bist.“ „Vater ...“, entgegne ich verlegen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, denn solche Worte habe ich von ihm noch nie gehört.
„Dein Widerstand gegen das System, deine Standfestigkeit - du hast mit sieben Jahren nun bewiesen, dass du in der Tat mein Sohn bist.“ „Und ⋅⋅⋅ was bedeutet das?“ Ich werde aus seinen Worten nicht schlau.
„Bensik, mein Sohn“, beginnt er, „auf dich wartet eine schwere Aufgabe. Doch ich weiß, dass du dich ihr stellen wirst.“ „Welche Aufgabe, Vater?“ „Das wirst du erfahren, wenn die Zeit gekommen ist. Aber bis dahin bitte ich dich, deinen eigenen Weg zu gehen. Füge dich wieder in unsere Gesellschaft ein, aber bewahre deine besondere Individualität. Die anderen hier“, er weist um sich herum, „haben diese längst aufgegeben. Ihre Vorfahren bekamen die Chance, doch sie nutzten diese nicht. Die drei Geheimnisse des Bios schufen das, was dich heute umgibt. Doch es ist nicht von Dauer. Der Schein trügt. Schon bald wird sich alles wahrscheinlich zum Negativen hin verändern.“
„Woher weißt du das?“ „Ich weiß es und du wirst es auch erfahren. Es ist bloß so, dass ich nicht mehr lange in dieser Form leben kann. Mein körperlicher Tod naht.“ „Was?“ Ich bekomme nun richtig Angst.
„Sicherlich sind dir die ganzen Zerstörungen in den letzten Jahren nicht entgangen, deren Ursachen sich einfach nicht ergründen lassen. Bensik, es dauert zu lange, dir das alles zu erzählen. Außerdem bist du noch zu jung, um es verarbeiten zu können, doch du wirst eines Tages meine Stellung einnehmen. Kho-ka wird dich begleiten. Er ist ein guter, wenn auch manchmal sehr strenger Mensch; er will nichts Böses. Wenn du eines Tages nicht seiner Meinung bist, sieh darüber hinweg. Kho-ka ist nicht von unserem Schlage. Er wird dir aber immer helfen, wo er nur kann. Das ist seine Lebensaufgabe, sein Lebensweg. Er wird dir helfen, ein neues Oberhaupt für die Welt zu werden - ein besseres, als ich es bin. Denn ich habe versagt.“
„Du bist ein guter Vater ⋅⋅⋅“ „Das hättest du mir beim Abendessen vorhin bestimmt nicht so mitgeteilt.“ „Na ja ⋅⋅⋅“ Verlegen senke ich den Kopf. Vater lächelt. „Ich gehe sehr bald in ein fernes Land. Dann bist du auf dich allein gestellt, Bensik. Eines darfst du nicht vergessen: Kho-ka wird dir immer helfen, aber nur von außen. Tief in dir, tief in deinem Inneren kannst nur du dir selbst helfen.“ Ich verstehe seine Worte nicht.
Vater fährt fort: „Heute ist erst der 1. Juli 2284, doch eines Tages weißt du, was ich meine. Für mich wird es langsam Zeit.“
„Vater?“, frage ich. „Ja, Bensik?“ „Was hast du mit den drei Geheimnissen des Bios gemeint?“ Vater lächelt mich an: „Mein Sohn, eines musst du mir versprechen. Du wirst die Geheimnisse des Bios kennenlernen. Die Statue wird dich einweihen. Stell dich zu deinem vierzehnten, zu deinem achtzehnten und zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag Punkt Mitternacht direkt vor die Füße der Statue, aber an keinem anderen Tag. Versprichst du mir das?“
Ich nicke fasziniert. „Also haben die Geheimnisse etwas mit der Statue zu tun. Warum zieht sie mich nur so in ihren Bann?“ „Du hast sehr viel mit ihr zu tun. Sie fasziniert dich nicht umsonst so sehr, denn es gibt nicht nur eine Verbindung, du bist sie. Aber das wirst du später verstehen, wenn du älter bist. Jeder dieser Geburtstage wird dich tiefer in die wirklichen Gesetze dieser friedlichen Scheinwelt einweihen, und dann wirst du eines Tages vor deiner großen Aufgabe stehen.“
Ich sehe zu Boden und antworte nichts. Zum einen fühle ich mich geehrt, zum anderen bin ich sehr neugierig. Aber ich werde versuchen, die Bitte meines Vaters zu erfüllen.
„Bensik“, sagt Vater plötzlich in einem vollkommen ernsten Ton. „Ich werde bald gehen, doch meine Scheinhülle bleibt hier. Sie wird weiterregieren, bis du reif bist. Wundere dich bitte nicht über das eine oder andere seltsame Ereignis. Deine Mitmenschen werden von dem Ganzen nichts erfahren. Du bist der Einzige, der die Wahrheit erfahren wird. Und dann liegt es an dir ...“
Plötzlich sieht er über mich hinweg. Sein Blick versteinert. Ich drehe mich um, denn Robsik steht hinter der Biegung. Seine Augen sind weit aufgerissen.
„Komm her!“, befiehlt ihm Vater streng. Ich sehe, wie Robsik langsam mehrere Schritte rückwärts geht. „Komm her!“, wiederholt Vater noch strenger, doch Robsik dreht sich um und läuft los. Er verschwindet hinter der Biegung zwischen den bewegungslosen Mönchen in den dunkelblauen Umhängen. Vater läuft ihm nach. Ich bleibe regungslos zurück. Wenn ich nur annähernd wüsste, wovon Vater vorhin gesprochen hat ⋅⋅⋅
Er kehrt zurück und zerrt Robsik hinter sich her. „Lass mich los, bitte!“, schreit dieser. „Ich habe nichts gesehen und gehört ⋅⋅⋅“ Beide bleiben vor mir stehen.
„Ich habe nichts gegen dich, Robsik“, sagt Vater. „Aber die Gefahr ist zu hoch, dass irgendwann jemand davon erfährt.“ „Was machst du mit ihm?“, frage ich mit Sorge um meinen Freund und sehe Vater an. „Er muss aufgelöst werden!“ Seine Stimme klingt streng.
„Nein!“, schreit er. In ihm steigt Todesangst auf. Ich beiße mir auf die Lippen. Muss das denn sein? Robsik hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen, ich habe ihn doch zum Ausbruch aus dem Dormitorium überredet! Warum soll er dafür büßen?
„Vater, bitte lass Robsik gehen“, sage ich. „Dass er hier ist, ist nicht seine Schuld. Ich habe ihn ⋅⋅⋅“ Vater bedeutet mir mit eindeutiger Geste zu schweigen: „Bensik, es ist besser so, zur Sicherheit! Meinst du, mir fällt es leicht, jeden Tag über andere Menschen zu richten und außerdem noch die Funktion des Vollstreckers zu übernehmen?“
„Bist du viel mit dem Auflösen beschäftigt?“, frage ich ängstlich, auch um für Robsik Zeit zu gewinnen. „Es nimmt etwa eine halbe Stunde pro Woche in Anspruch.“ Er seufzt. „Glaubst du, es ist ein schöner Job? Der Lohn ist jedoch sehr hoch: der Fortbestand des Lebens als Ganzes. Und das Leben kann grausam sein.“
Er bindet Robsik an einer der sogenannten großen Eichenbaumplastiken an, die neben der Statue am Boden festgeklebt sind. Ich schaue zu den anderen in tiefer Trance verharrenden Mönchen. Keine Regung ist feststellbar, als wären wir drei die einzigen wirklich Lebenden hier. Nur die Augen der Mönche funkeln.
„So Bensik“, sagt Vater und tritt mehrere Schritte zurück, „Robsik ist jetzt angebunden. Ich möchte, dass du ihn auflöst. Je früher du dich an die Schattentätigkeiten gewöhnst, umso besser.“
Ich muss mich schütteln, als Vater diesen kleinen silbernen Zylinder unter seinem Umhang hervorzieht und mir entgegenstreckt.
„Ich weiß, es ist nicht einfach, über Leben zu richten“, sagt Vater und schaut zu Boden. „Mir schaudert es heute noch davor, aber ich ertrage es, denn ich muss es einfach. Nun nimm ihn schon!“
Langsam hebe ich meine Hand und ergreife den Auflöser. Ich betrachte ihn von allen Seiten, vor allem die graue Grundfläche. Diese muss ich auf Robsik richten und dann auf die gegenüber liegende weiße Grundfläche des Zylinders drücken.
Ich blicke meinen einzigen Freund an. Er zittert am ganzen Leib und beobachtet mich mit weit aufgerissenen Augen, doch kein Ton gelangt über seine geöffneten Lippen. Ich muss meinen Blick wieder auf den Auflöser senken, aber ich kann einfach nicht die graue Seite auf Robsik richten.
„Vater?“, frage ich leise, ohne den Kopf zu heben. „Ja, Bensik?“, fragt er zurück. „Ich habe vorhin schon jemanden umgebracht - aus Versehen.“ „Aus Versehen?“ Ich spüre Vaters strengen bohrenden Blick.
„Ich habe beim Ausbruch den Boden vor unserem Schlafsaal eingeseift. Der Wachmönch ist ausgerutscht, gestürzt und ⋅⋅⋅ nun ist er tot.“ Ich muss schlucken. „Lös Robsik auf!“, sagt Vater trocken und ohne große Betonung. Ich sehe meinen Freund wieder an und weiß, dass ich es nicht tun kann. „Hier“, sage ich leise zu Vater und halte ihm den Auflöser hin.
Er ergreift ihn und richtet die kleine graue Seite auf Robsik. Die Antimaterie bohrt sich durch die Luft auf meinen Freund zu. Der helle Strahlungskegel wird immer dicker, weil die gerichtete Antimaterie immer mehr Luft vernichtet. Sie löst die umgebende Materie auf und die umgewandelte Energie entweicht in den Himmel.
Es wird immer heller, doch ich muss meine Augen nicht schützen. Wie eine langgezogene kegelförmige Pfeilspitze dringt der Strahl zur Eiche vor. Für einen Augenblick schreit mein Freund noch, doch nach und nach löst ihn der Antimateriestrahl auf. Robsiks Körperenergie entweicht nun gänzlich in den Himmel. Jetzt gibt es seine materielle Zusammensetzung nicht mehr, seine Seele ist frei.
Zum ersten Mal bin ich nicht gespielt, sondern wirklich von dir enttäuscht, Bensik“, sagt Vater. „Ich habe dich reifer eingeschätzt. Um zu leben, musst du töten können, das merk dir gut! Jetzt kehre in das Dormitorium zurück. Niemand wird etwas von Robsiks Tod oder von dem des Wachmönchs erfahren, verlass dich darauf. Aber zu den heutigen Ereignissen darfst du zu keinem Menschen ein Wort sagen, auch nicht zu Kho-ka. Versprichst du mir das?“ Ich nicke.
„Versprichst du mir das!?“, wiederholt er streng und sehr laut. „Ja, ich verspreche es dir.“ „Schön! Ich muss die Séance für die anderen gleich beenden. Geh los!“
Vater verschwindet hinter der Statue. Wortlos drehe ich mich um. Ich begegne niemandem auf dem Weg in den Schlafsaal. Lautlos lasse ich mich in mein Bett fallen. Warum auch immer, fallen mir alsbald die Augen zu ⋅⋅⋅
„Zum ersten Mal bin ich wirklich von dir enttäuscht, Bensik“, sagt Vater. Warum wiederholt er diese Worte? Ich sehe auf. Wo bin ich? Überall ist grünes Gras, aber es ist so anders!Was ist bloß passiert? Was sind das für Schmerzen in meiner Nase?
„Du sollst nicht von mir enttäuscht sein“, höre ich mich in einer sehr fremden tiefen Stimmlage sagen. Ich schaue hinauf. Der Himmel ist strahlend blau. Irgendwo quietscht etwas; es quietscht immer und immer wieder. Ich hocke auf dem Rasen inmitten eines nicht sehr großen Schattens, es ist der meines Vaters.
„Ich bin es aber“, sagt Vater. „Du hast einiges vermasselt!Hoffentlich versagst du jetzt nicht auch wieder, denn sonst werde ich wirklich sauer!“
Ich blicke ihn an, doch mein Blick ist zu verschwommen, um ihn genau zu erkennen. Seine Silhouette wirkt so anders. Ich reibe mir die Augen. „Bensik!“, sagt Vater streng. „Bensik!
Bensik! ⋅⋅⋅ Bensik! ⋅⋅⋅ Willst du den ganzen Tag verschlafen?“, ruft jemand und rüttelt mich. Durch den schmalen Lidspalt erkenne ich Kho-kas Umrisse. „Deine Altersgruppe ist bereits mit der Körperpflege fertig und beim Frühstück. Doch was machst du? Schlafen! Lässt alle im Stich. Los, hoch jetzt!“
Er zieht mir mit einem Ruck die Decke weg. Ich brauche aber noch einige Sekunden. Mein Körper fühlt sich so seltsam an. Was ist los? Bin ich krank? Nein, es ist nichts Körperliches, es ist dieser verdammte Traum! Er schmerzt. Ich erinnere mich an jedes Detail. Kho-ka packt meinen Arm, aber er braucht nicht viel Kraft. Freiwillig schlurfe ich in den Reinigungsraum.
„Aber jetzt Beeilung!“, ruft er. „Den Morgenappell hast du ohnehin schon verpasst. Dafür gibt es kein Frühstück! In zehn Minuten bist du in deiner Arbeitsgruppe!“
Ich ziehe die sonst eigentlich immer offen stehende Tür hinter mir zu. Seine Art geht mir ganz schön auf die Nerven. Vielleicht hätte ich letzte Nacht doch lieber weit weg fliehen sollen. Da fällt mir Robsik ein: Vater hat ihn wegen mir aufgelöst! Mir wird so schlecht, dass ich mich fast übergeben muss.
Meine Körperpflege fällt jetzt nur sehr dürftig aus, aber es stört mich nicht. Ich muss zu Robsiks Bett. Wieder im Schlafsaal, finde ich es einfach nicht - es ist gar nicht mehr vorhanden! Stattdessen stehen die angrenzenden Betten in größeren Abständen zueinander; so ist keine sichtbare Lücke entstanden. Ich zähle die Betten durch: Hier steht tatsächlich eines weniger als gestern.
Der wohlgenährte Klimmsik tritt ein. Hat wohl wieder etwas vergessen, das Dickerchen. „Weißt du, was mit Robsik passiert ist?“, frage ich ihn. „Rob ⋅⋅⋅, wer?“, fragt er, als höre er den Namen zum ersten Mal. „Na Robsik, mein bester Freund. Bettennummer TJ27.“ Klimmsik kramt in seinem Spind herum. „Ich kenne keinen Robsik. Was erfindest du da jetzt schon wieder?“
Ich schweige für einen Moment. Wie hat Vater denn bloß die Erinnerungen Klimmsiks löschen können? Ob die anderen auch nichts mehr von der Existenz eines Lebewesens TJ27 Robsik wissen? Ist es für alle anderen Klosterbewohner nun tatsächlich so, dass er nie existiert hat? Ein Mensch verschwindet und niemand erinnert sich mehr daran, dass er jemals existiert hat?
„Klimmi?“, frage ich zögernd. „Weißt du, ob letzte Nacht etwas Ungewöhnliches passiert ist?“ „Was soll denn Ungewöhnliches passiert sein?“ Er blickt hinter seiner Spindtür hervor. „Kho-ka hat aufgepasst. Es war nichts. Ich glaube, du musst wirklich auf die Gesundungsstation. Etwas stimmt doch nicht mit dir!“ Er ergreift ein kleines Päckchen und verschwindet.
Ich kleide mich an und verlasse das Dormitorium ebenfalls. Der Tag bringt nichts Ungewöhnliches. Auch an den folgenden Tagen gibt es keine seltsamen Ereignisse. Immer wieder der gleiche Trott: Aufwachen, Morgenappell, Gesänge, körperliches und geistiges Training, allgemeine Schule, Arbeitsgruppe, wenig Freizeit. Aufwachen, Morgenappell, Gesänge, körperliches und geistiges Training, allgemeine Schule, Arbeitsgruppe, wenig Freizeit, ein wenig Punktesammeln ...
***
Ich atme tief durch und sehe in den Himmel. Ungefähr fünf Jahre ist es schon her, dass ich Vater zuletzt gesehen habe. Es war in jener Nacht bei dieser Bios-Statue. Er ertappte mich bei meinem Ausbruchsversuch. Dessen einziger Zeuge Robsik wurde aus genau diesem Grund von Vater aufgelöst. Robsik war damals mein bester Freund. Bis heute habe ich keinen solchen Freund wieder finden können, ganz gleich in welcher Region unserer Klosterwelt ich Unterricht für das Leben erhielt.
Ich denke ausgerechnet jetzt an diese Zeit zurück. Auch mein seltsamer Traum fällt mir wieder ein, aber gleich muss ich in eine dieser geführten Meditationsstunden. Nicht, dass es mir nicht gefallen würde, aber es bringt mir auch nichts. Auch erkenne ich kaum echte Fortschritte in meiner Entwicklung, die mir, wie die der anderen, maschinell programmiert zu werden scheint. Es fehlt einfach etwas, das ich tatsächlich als Leben bezeichnen könnte. Manchmal fühle ich mich, als wäre ich weder lebendig noch tot. Ich laufe zur Matrak und lasse mich zu meiner Altersgruppe transferieren ⋅⋅⋅
„Schon wieder zu spät!“, flüstert unser Meditationslehrer am Eingang und führt mich auf leisen Sohlen in den stillen Raum. „Bensik, du hast schon wieder die Gesangsprobe verpasst! Wir sind bereits in der meditativen Phase, also begib dich auf deinen Platz und beginne! Das heutige Koan lautet: Besinne dich auf das Leben vor deiner letzten Geburt und erkenne, ob du Fehler entdecken und auflösen kannst. Es ist die Fortsetzung von letzter Woche!“
Ich sehe mich um. Tatsächlich scheinen sich einige Nachwuchsmönche bereits in intensiver meditativer Trance zu befinden. Ihr Geist weilt zur Zeit nicht in diesem Kapitelsaal, der angenehm verdunkelt ist und emotional neutralisiert wirkt.
Ich folge der Anweisung meines Lehrers. Schnell bin ich ruhig, entspannt und locker, aber mit der richtigen Spannkraft für Körper und Geist. Ich atme aus, spüre den Boden und dieses leichte Gefühl ...
„Du machst gute Fortschritte, mein Sohn“, vernehme ich die Stimme meines Vaters. „Dein zwölfter Geburtstag steht bevor. In zwei Jahren wirst du das erste der drei großen Geheimnisse des Bios erfahren. Fünf Jahre hast du dich bereits in Geduld geübt. Halte durch!“
„Warum gibt es eigentlich die Geheimnisse des Bios? Warum werden sie nicht veröffentlicht?“, frage ich. „Die Menschen sind dazu noch nicht reif.
Du hast die Chance, die neue Zeit zu erleben und sie sogar selbst aktiv zu gestalten.“ „Welche neue Zeit?“
Ein dumpfer Gongschlag ertönt. Ich verspüre eisige Kälte. „Glaubst du wirklich, etwas gegen die Macht der Mächte ausrichten zu können?“, ruft eine fürchterliche Stimme und lacht grausam.
Ich bekomme Angst. Da ist ein Tunnel! Offenbar ist er der einzige Ausgang! Ich muss da hindurch. An dessen Ende entdecke ich einen Lichtpunkt, der nur langsam größer wird. Darin zeichnet sich die Silhouette einer dunklen vermummten Gestalt ab; eine zweite, ebenso düstere, tritt neben sie.
Der nächste Gong ertönt. „Verdammt, wir müssen hier raus!“, ruft jemand. Ich beginne zu zittern, wanke hin und her. Etwas schüttelt mich durch, bei den Füßen beginnend. „Nein!“, schreie ich. „Lasst mich in Ruhe!“
Bensik! Komm zu dir!“, ruft jemand und rüttelt mich so stark durch, dass es schmerzt. „Wir müssen hier raus! Alles wird einstürzen.“ Ich öffne die Augen. Mein Blick und mein Bewusstsein klären sich. „Die Erde bebt! Wir haben ein starkes Erdbeben!“, ruft der Meditationslehrer. „Es wird alles zerstören!“
Ich sehe mich erschrocken um. Die anderen haben den Raum bereits verlassen. Wieso komme ich erst jetzt zu mir? „Los, raus!“, ruft er. Die Erde wankt immer stärker. Das uralte Gebälk gibt langsam nach; der sich lösende Putz bröckelt von der Decke und den Wänden herab. Die zum Teil farbigen Fensterscheiben zersplittern, die ersten steinernen Bodenplatten heben sich und brechen durch.
„Los, lauf!“, schreit der Meditationslehrer. Neben mir kracht der erste schwere Balken zu Boden. Ich springe auf. Obwohl ich schon laufe, so schnell ich kann, dabei über Hindernisse aus berstenden Wandbrocken und krachenden Trägern springe, zerrt er mich vorwärts. Er zieht mich nach vorn und stößt mich aus dem Fenster. Zwei Meter tiefer treffe ich mit der linken Schulter voran auf dem Boden auf. Ich versuche mich so gut wie möglich abzurollen. Meine Hände und mein linker Fuß schmerzen, aber sie sind zum Glück nicht gebrochen. Nur die linke Schulter kann ich vor Schmerz kaum berühren.
„Lauf Junge, lauf!“, schreit jemand. Einige Meter entfernt steht ein alter Mönch mit weit aufgerissenen Augen. In ihnen spiegelt sich die Angst, das blanke Entsetzen. Ich wende mich um. Der Turm des Gebäudes droht einzustürzen, er wankt durch das nicht enden wollende Beben immer stärker zur Seite. Ich rapple mich hoch. Kleinere Steinbrocken schlagen neben mir auf, zerplatzen zum Teil. Die Schmerzen sind groß, doch ich humple leicht gebeugt vorwärts, so schnell ich kann.
Ich wähne mich endlich in sicherer Entfernung und falle erschöpft auf den kahlen Erdboden. Hinter mir stürzt das ganze Gebäude tosend zusammen. Der kippende Turm zerbirst am Boden inmitten einer riesigen Staubwolke in Tausende Ziegel. Mit zitterndem Leib schaue ich zurück: Unser Meditationslehrer hat es nicht mehr geschafft!
Plötzlich zucken Blitze über den ganzen Himmel. Es wird immer düsterer, obwohl wir erst frühen Nachmittag haben. Auf einmal beginnt es aus den dunklen Wolken sogar zu hageln. Die lärmend herabprasselnden Eiskörner sind mit bis zu drei Zentimetern derart groß, dass man vor der Wucht ihrer Einschläge Schutz suchen muss.
Endlich beruhigt sich die Erde unter den Füßen. „Komm mit in den Schuppen da drüben!“, ruft der alte Mönch und läuft los. Ich sehe mich um. In unmittelbarer Nähe stürzt ein weiteres größeres Haus in sich zusammen, obwohl die Erde nicht mehr schwankt. Das Trümmerfeld bietet einen schrecklichen Anblick. Kein Mensch ist hier draußen zu sehen, aber jemand schreit. Doch genauso plötzlich verstummt er wieder, als hätte etwas seine Stimme erstickt.
Ich folge dem alten Mönch in den wohl noch älteren Schuppen aus teilweise schon zersplittertem und sogar längs gespaltenem Holz - einem Material, das aus den nunmehr offenbar gewordenen Gründen seiner Unzuverlässigkeit gar nicht mehr verwendet wird. Es stammt aus einer längst vergangenen Zeit. Trotz seines labilen Zustands hat jener eigentlich funktionslose Abstellraum dennoch das Erdbeben überstanden. Ramponiert sah er bereits vorher aus. Moderne Bauten werden schwer beschädigt und dieser alte Schuppen übersteht sie alle? Erbsengroße Hagelkörner fallen noch vom Himmel, als ich die Tür des Schuppens hinter mir zuwerfe.
Hier drinnen riecht es etwas muffig. Der alte Mönch sitzt in der Ecke neben dem abgenutzten Gerümpel aus Möbeln, Werkzeugen und Lumpen. Schweigend setze ich mich ihm gegenüber auf eine Kiste.
Neben der Schulter schmerzen jetzt auch meine Beine und die Hüfte. Ich versuche vergebens, mich in eine bequeme, schmerzlose Position zu bringen. Schmerzen soll man vollständig wegdenken können, haben mich mein Meditationslehrer und auch Vater schon gelehrt. Dies sollte man aber nur tun, wenn es angebracht ist. Doch so weit bin ich in meiner praktischen Ausbildung noch nicht gekommen. Ich kann die Schmerzen lediglich etwas dämpfen. Was ist wohl mit meinem Meditationslehrer passiert? Hat er es vielleicht doch geschafft oder ist er tatsächlich ⋅⋅⋅
Ich versuche aufzustehen, doch die Schmerzen sind so heftig, dass ich wieder zurücksinke und mich mit der gesunden Schulter an die Wand lehnen muss. Ich lege mich nun auf die Kiste, das ist das Angenehmste.
„Bleib ruhig liegen“, sagt der alte Mönch leise mit heiserer Stimme. „Das ist momentan das Beste. Hier drinnen bist du noch am sichersten.“ Er bewegt nur die Lippen, sein Körper bleibt regungslos.
Das krachende Gewitter tobt direkt über uns. Ein Trommelfeuer aus Hagelkörnern prasselt auf das Schuppendach nieder, doch bis jetzt hält es glücklicherweise stand. Das Grollen wird nur allmählich schwächer. Der Hagel geht nun in strömenden Regen über und ich habe Mühe, mich wachzuhalten ⋅⋅⋅
„Es ist die Wahrheit“, sagt die Person. „Dein Vater wollte nicht mehr leben. Er hat sich selbst umgebracht.“
„Das ist nicht wahr!“, schreie ich. „Ihr Mörder! Ihr verdammten Mörder!“ Ich boxe gegen den fremden Leib und in das nicht erkennbare Gesicht, aber die Person beginnt zu lachen.
„Dein Vater wollte nicht mehr leben“, ruft sie, „und du wirst es eines Tages auch nicht mehr wollen.“ Ich spüre die Tränen auf meinen Wangen. Mein Vater hat sich nicht selbst umgebracht. Er müsse fort, hat er gesagt. Er ist nicht tot. Das weiß ich und lasse von der fremden Person ab.
„Mein Vater hat sich nicht umgebracht“, schluchze ich. „Na schön!“, ruft die Person und wirkt verärgert. „Er hat sich nicht umgebracht. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wir haben ihn umgebracht!“ Und sie lacht wieder ⋅⋅⋅
Ich bin wohl tatsächlich eingeschlafen und reibe mir die Augen. Den Geräuschen nach dürfte der Hagel endlich ganz aufgehört haben. Schwere Regentropfen prasseln gegen die Holzwände und auf das Dach.
Der alte Mönch ist verschwunden. Draußen höre ich Stimmengewirr, Schritte und vorbeirollende Wagen. Langsam erhebe ich mich. Der kurze Schlaf hat mir gut getan; ich spüre kaum noch Schmerzen. Nun wird auch der Regen schwächer. Ich gehe zur Tür und sehe hinaus.
Der Himmel ist noch von schweren Wolken verhangen, doch zwischen ihnen strahlt ab und an die Sonne hindurch. Ich zucke zusammen: Die Welt vor mir ist ein Trümmerhaufen; alles ist eingestürzt, alles, was ich als meine Welt gekannt habe!
Solarbetriebene Pritschenwagenautomaten rauschen vorbei. Sie haben Menschen auf den Ladeflächen, mit dunklen Tüchern abgedeckte tote Menschen! Das Erdbeben muss das halbe Bios-Land zerstört haben. Langsam trete ich aus dem Schuppen heraus ins Freie. Retter laufen wild hin und her, mit Tragen, auf denen Verwundete und weitere abgedeckte Tote liegen. Maschinen und Roboter tragen schwere Bruchstücke von den Geröllbergen ab, die einst imposante Gebäude waren.
