Die Juden - Hilaire Belloc - E-Book

Die Juden E-Book

Hilaire Belloc

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Beschreibung

In 'Die Juden' präsentiert Hilaire Belloc eine akribische Untersuchung der Geschichte und sozialen Dynamik des jüdischen Volkes in Europa. Das Werk, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst wurde, bietet eine tiefgehende Erkundung der Rolle der Juden in der europäischen Gesellschaft, wobei es sowohl historische Ereignisse als auch kulturelle und wirtschaftliche Einflussfaktoren beleuchtet. Bellocs literarischer Stil ist sowohl analytisch als auch erzählerisch, wodurch er komplexe historische Kontexte verständlich und zugänglich macht. Innerhalb des literarischen Milieus seiner Zeit positioniert sich das Buch als mutiger Beitrag zu den Debatten über Identität und Integration einer bedeutenden und oft missverstandenen Gemeinschaft. Hilaire Belloc, ein anglo-französischer Schriftsteller und Historiker, war bekannt für seine umfangreichen Werke, die sowohl Literatur als auch Historie umfassten. Geboren 1870 in La Celle-Saint-Cloud, Frankreich, trugen seine katholische Erziehung und seine Studienjahre am Balliol College in Oxford erheblich zu seiner Weltanschauung und seinen zahlreichen Publikationen bei. Bellocs persönliche Erfahrungen und die reichen intellektuellen Debatten seiner Zeit über das Judentum und dessen Einfluss auf die europäische Gesellschaftsstruktur dürften seine Motivation zur Verfassung dieses Buches maßgeblich geprägt haben. Für den interessierten Leser bietet 'Die Juden' nicht nur eine historische Perspektive auf die Vielschichtigkeit des jüdischen Lebens in Europa, sondern regt auch zu kritischen Überlegungen über Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt an. Bellocs Werk ist eine Einladung, die komplexen Beziehungen zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Gruppen im historischen Kontext zu verstehen und zu reflektieren. Es ist ein wertvolles Buch für all jene, die sich für die vielschichtige Dynamik europäischer Geschichte und die Rolle von Minderheiten in sich wandelnden Gesellschaften interessieren.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hilaire Belloc

Die Juden

Übersetzer: Theodor Haecker
e-artnow, 2025 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
1. Kapitel. Die These dieses Buches
2. Kapitel. Die Ableugnung des Problems
3. Kapitel. Die gegenwärtige Phase des Problems
4. Kapitel. Die allgemeinen Ursachen der Reibung
5. Kapitel. Die speziellen Ursachen der Reibung
6. Kapitel. Die Ursache der Reibung auf unserer Seite
7. Kapitel. Der Antisemit
8. Kapitel. Bolschewismus
9. Kapitel. Die Lage in der Welt insgesamt
10. Kapitel. Die gegenwärtige Beziehung zwischen dem englischen Staate und den Juden
11. Kapitel. Zionismus
12. Kapitel. Unsere Pflicht
13. Kapitel. Ihre Pflicht
14. Kapitel. Verschiedene Theorien
15. Kapitel. Gewohnheit oder Gesetz
Nachwort

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Der Zweck dieses Buches ist, fürchte ich, bescheidener, als der vieler Bücher, die über diese vitale politische Frage erschienen sind: die Beziehung zwischen den Juden und den sie umfassenden Nationen.

Es schlägt nicht eine ins einzelne gehende, noch weniger eine positive gesetzliche Lösung eines dringend gewordenen Problems vor, es erhebt auch nicht den Anspruch, eine vollständige Lösung zu geben. Es ist nicht mehr als ein Hinweis, daß jeder Versuch, dieses Problem zu lösen, gewissen allgemeinen Richtlinien folgen müsse, die wesentlich verschieden sind von denen, die in Westeuropa während der der unseren unmittelbar vorhergegangenen Zeit eingehalten worden sind. Ich weise darauf hin, daß, wenn die gegenwärtige Generation beiderseits, bei den Juden und bei uns, die Konvention fallen lassen und es zum Prinzip erheben will, die Diskussion des Problems auf dem Boden der Wirklichkeit zu führen, wir automatisch einer richtigen Lösung näherkommen werden.

Wir haben einfach die Wahrheit zu sagen, an Stelle der Unrichtigkeiten der letzten Generation. Darum scheint mir von den drei Prinzipien, auf denen dieser Essay ruht, das Prinzip, daß die Methode der Verheimlichung ein Ende finden muß, wichtiger zu sein, als das Prinzip gegenseitiger Erkenntnis, oder sogar das Prinzip gegenseitiger Achtung. Denn es mag wohl sein, daß mein Urteil in Sachen des jüdischen Nationalbewußtseins irrig ist; es mag wohl sein, daß ich es übertreibe, und es ist gewiß, daß die eine Partei bei einer Debatte nicht im Besitze der für deren Bereinigung erforderlichen vollen Kenntnisse sein kann; die andere Seite muß auch gehört werden. Aber weder mein Urteil noch das irgendeines anderen kann irrig sein in Hinsicht auf den Wert der Wahrheit und die schließlichen übeln Folgen eines Versuches, auf einer Lüge aufzubauen.

Der englische Leser (weniger, glaube ich, der amerikanische) wird in meinen Sätzen oft eine Note finden, die ihm phantastisch vorkommen mag. Der Streit ist bereits hier in London akut, aber er hat hier noch nicht die Grenzen erreicht, an denen er anderswo längst angelangt ist; und einer, der an die ruhigere Atmosphäre gewöhnt ist, in der über alle öffentlichen Dinge bis vor kurzem in diesem Lande debattiert worden ist, mag ein Lächeln haben für das, was ihm sonderbar und wie übertriebene Angst vorkommen wird. Darauf würde ich antworten, daß das Buch im Lichte nicht nur englischer, sondern allgemeiner Erfahrung geschrieben worden ist. Ich gehe eine Wette ein, daß, würde es einer aus den verschiedenen Nationen Europas und der Vereinigten Staaten ausgewählten Jury vorgelegt, es sogar noch zu maßvoll in seiner Abschätzung der von ihm beschworenen Gefahr befunden würde. Ich möchte den Leser, der die Schnelligkeit, mit der die Gefahr sich nähert, noch nicht gewürdigt haben mag, bitten, die in den letzten wenigen Jahren zurückgelegte Distanz zu beachten. Es ist noch nicht sehr lange her, daß eine einfache Diskussion der jüdischen Frage in England unmöglich war. Es ist nur ein paar Jahre her, daß deren bloße Zulassung abnorm erschien. Die Wahrheit ist, daß diese Frage keine ist, die wir in irgendeiner europäischen Nation willkürlich eröffnen oder schließen. Sie wird einer Nation nach der anderen der Reihe nach auferlegt durch die Gewalt der Umstände. Es ist diese Gewalt der Umstände, dieses Bedürfnis nationalen Wohlbefindens, diese Abwehr der Auflösung, die heute die jüdische Frage einer Gesellschaft aufdrängen, die noch widerwillig deren Beachtung zurückweist und immer noch hofft, zur alten Geringschätzung ihrer zurückkehren zu können. Sie wird das nicht können.

Ich will schließen mit der Bitte an meine jüdischen wie an meine nichtjüdischen Leser, zu beachten, daß ich jede persönliche Anspielung und jedes Element bloßer Verdächtigung ausgelassen habe. Ich habe sorgsam die Erwähnung bestimmter Beispiele aus dem öffentlichen Leben für die Reibung zwischen uns und den Juden vermieden und sogar Beispiele aus der Geschichte der Vergangenheit. Mit solchen hätte ich oft meine Beweisführung stärken können, und ich würde sicherlich mein Buch zu einem größeren Erfolg bei der Lesewelt gemacht haben. Ich habe alles dieser Art ausgelassen, weil, wenngleich einer auf diese Weise unser Interesse erregen kann, es auch Feindseligkeit erzeugt zwischen den beiden gegnerischen Parteien. Sintemal mein Zweck ist, diese Feindschaft einzudämmen, die bereits gefährlich genug geworden ist, wäre es in der Tat unaufrichtig von mir, wenn ich, bloß um diesen Essay zu beleben, mich dazu hergegeben hätte, die Gemüter zu erbittern.

Ich hätte dieses Buch weit wirksamer gestalten können, wenn ich es als Polemik, und unvergleichlich viel amüsanter, wenn ich es als Sammlung von Anekdoten geschrieben hätte, aber ich habe es weder als Polemik noch als Anekdotensammlung geschrieben. Ich habe es geschrieben als einen Versuch, gerecht zu sein.

1. Kapitel. Die These dieses Buches

Inhaltsverzeichnis

Die Juden sind ein Fremdkörper innerhalb der Gemeinschaft, in der sie wohnen – daher Reizung und Reibung – das Problem, das durch solche Spannungen gestellt wird – die Lösung dieses Problems dringend notwendig, zwei mögliche Behandlungen eines Fremdkörpers innerhalb eines Organismus: Ausscheidung oder Abtrennung. Ausscheidung durch Vernichtung, durch Ausstoßung oder durch Aufsaugung – die erste, im Falle der Juden, ist abscheulich, hat auch fehlgeschlagen – die zweite ist gleich Verbannung: hat auch fehlgeschlagen – die dritte, Aufsaugung, die wahrscheinlichste und sittlichste, hat in der Vergangenheit völlig versagt, wiewohl von allem begünstigt. Bleibt Abtrennung; zwei Formen: feindlich oder gleichgültig gegen den Fremdkörper, oder freundlich, bedacht auf sein Wohl – in dieser letzten Form am besten Anerkennung bezeichnet. Die erste Art in der Geschichte oft versucht – ist teilweise über lange Perioden erfolgreich gewesen – hat aber immer ein Gefühl der Ungerechtigkeit hinterlassen und das Problem nicht wirklich gelöst – auch hat sie immer zum Schluß versagt.

Die wahre Lösung in der zweiten Art von Abtrennung, d. h. Anerkennung, auf beiden Seiten, einer besonderen jüdischen Nationalität.

Das ist die These dieses Buches, daß das fortgesetzte Dasein der jüdischen Nation unter anderen, ihr fremden Nationen ein dauerndes Problem ernstesten Charakters darstellt: daß die gänzlich verschiedene Kultur, Tradition, Rasse und Religion Europas aus Europa einen dauernden Gegner Israels machen, und daß die neuerliche rapide Verschärfung dieser Gegnerschaft die Auffindung einer Lösung praktisch dringlich macht.

Denn wenn der Streit ungehemmt zunehmen und ohne Versöhnung weitergehen darf, dann werden wir unerwartet und rasch an einer jener Tragödien anlangen, die jahrhundertelang ein Merkmal der Beziehungen zwischen dieser eigentümlichen Nation und uns gewesen sind.

Das jüdische Problem ist eines, zu dem keine wahre Parallele gefunden werden kann, denn das historische und soziale Phänomen, das es hervorgebracht hat, ist einzig. Es ist ein Problem, von dem man sich nicht drücken kann, wie die letzte Generation der Juden sowohl wie ihrer Wirte es versucht hat. Es ist ein Problem, das nicht vermieden werden kann, noch sogar abgeschwächt (wie andere soziale Probleme) durch die heilende Wirkung der Zeit: denn es ist im Wachsen begriffen vor unseren Augen. Man muß ihm begegnen, man muß sich zu ihm stellen, offen und sofort.

Das Problem ist, allgemein gesprochen, die Spannung verschwinden zu machen oder auszugleichen, die verursacht wird durch die Anwesenheit eines Fremdkörpers in einem Organismus. Der Fremdkörper ruft Spannungen hervor, oder um einen anderen Vergleich einzuführen, bewirkt eine Reibung, die schlimm ist sowohl für ihn selbst wie für den Organismus, dem er einwohnt. Das Problem ist, wie diese Spannungen ein für allemal sich lösen lassen und wie die Dinge dauernd wieder in Ordnung zu bringen sind. Es gibt zwei Wege zu diesem erwünschten Ziele.

Der erste ist die Ausscheidung des Fremden; der zweite ist dessen Absonderung. Es gibt keinen anderen Weg.

Die Ausscheidung eines Fremdkörpers kann in drei Arten vor sich gehen. Eine offen feindliche Form: Ausscheidung durch Vernichtung. Eine Form, auch feindselig, aber doch weniger: Ausscheidung durch Vertreibung. Eine dritte Form, eine freundliche (die sich sogar am häufigsten vorfindet in den natürlichen Prozessen der physischen Natur und der Gesellschaft): Ausscheidung durch Aufsaugung; der Fremdkörper wird ein ununterscheidbarer Teil des Organismus, in welchem er ursprünglich eine Quelle der Störungen war, und hat sich in ihm verloren. Diese drei Arten machen den Inbegriff aus der ersten Methode, der Methode der Ausscheidung.

Die zweite Methode, sofern eine Ausscheidung als unmöglich oder als unerwünscht sich erweisen sollte, ist die der Absonderung; und diese wiederum kann von zweierlei Art sein – feindlich oder freundlich. Wir können das fremde Element absondern ohne Rücksicht auf dessen eigene Ziele oder Wünsche: die Absonderung findet dann statt nach einem allein vom Gesichtspunkte des befallenen Organismus aus entworfenen Plane, und die Aufhebung der von jenem geschaffenen Spannung oder Reibung wird bewirkt durch die Versperrung aller Zugänge, auf denen es seinen Wirt affizieren kann.

Aber wir können den fremden Reizkörper auch absondern durch eine Aktion, die vollauf Rechnung trägt dem abgesonderten Dinge ebensowohl wie dem Organismus, der es absondert, und die das Wohl beider Teile im Auge hat. Bei dieser zweiten freundschaftlichen Politik kann das Wort Absonderung (das einen üblen Nebensinn hat) ersetzt werden durch das Wort Anerkennung.

Dieses Buch ist geschrieben worden mit dem Gedanken, daß alle Lösungen des jüdischen Problems anderer Art, als die zuletzt genannte, entweder untunlich sind oder moralisch schlecht oder beides.

Es ist geschrieben, um eine Politik zu vertreten, bei der die Juden ihrerseits ihre gänzlich gesonderte Nationalität offen anerkennen sollen und wir unsererseits gleicherweise diese Sondernationalität anerkennen, sie ohne Reserve als eine fremde Sache behandeln und sie respektieren sollen als eine Provinz der Gemeinschaft, außerhalb unserer eigenen.

Es ist geschrieben in der Überzeugung, daß jede Haltung, die unter dieser Politik bleibt oder ganz verschieden ist von ihr, in Bälde Unheil gebären wird.

Die Lösung durch das Mittel der Vernichtung ist nicht nur moralisch abscheulich, sondern hat auch in der Praxis als illusorisch sich erwiesen. Sie ist die andauernde Versuchung aufgebrachter Pöbelmassen in der Vergangenheit gewesen, sooft das jüdische Problem reif geworden und aufgebrochen war, nicht bloß einmal, sondern tausende Male in verschiedenen Teilen unserer Kultur während der letzten zwanzig Jahrhunderte. Angefangen von den erbarmungslosen Metzeleien in Kyrenaika im zweiten Jahrhundert bis zu den letzten Morden in der Ukraine ist diese Lösung versucht worden und ist fehlgeschlagen. Sie hat ohne Unterschied ein furchtbares Erbe von Haß auf der einen, von Schmach auf der andern Seite hinterlassen. Sie ist verurteilt worden von jedermann, dessen Urteil der Rede wert ist, und im besonderen von den großen Morallehrern des Christentums. Sie ist freilich überhaupt kaum eine Politik zu nennen, denn sie ist blind. Sie ist nur eine Geste äußerster Erbitterung und noch dazu nicht einmal eine entscheidende.

Die zweite Form einer Ausscheidung – Vertreibung –, wiewohl theoretisch verfechtbar (denn eine Gemeinschaft hat das Recht, ihr eigenes Leben zu organisieren und kein Fremder darin darf beanspruchen, dieses Leben zu modifizieren oder zu stören), ist nichtsdestoweniger in der Praxis und, was diesen besonderen Fall anlangt, nur um einen Grad weniger verwerflich als die erste. Sie bedeutet unvermeidlich eine Unmenge individueller Ungerechtigkeit ebenso wie eine Beraubung der Gesamtheit und alle möglichen anderen Härten. Es ist nahezu unmöglich, sie loszulösen von Gewalt und Übeltaten aller Art. Sie hinterläßt ein nahezu ebenso starkes Erbe wie die erste, wenn nicht an Schmach auf der einen, so doch in jedem Falle an Groll auf der andern Seite. Und was sie schließlich richtet, ist, daß sie nicht durchgreifend ist, noch sein kann.

Denn es liegt im Wesen des jüdischen Problems, daß diese Lösung nur in Augenblicken und an Orten versucht wird, wo die Stärke der Juden abgenommen hat; dies bedeutet aber immer, daß sie an irgendeinem anderen Platze zugenommen hat.

Ein einzelner Staat, der diese Lösung der Vertreibung versucht, kann eine Zeitlang für seinen Teil Erfolg haben; aber dies bedeutet unvermeidlich die Aufnahme des vertriebenen Teiles in einem andern Distrikt und, früher oder später, die Rückkehr der Kräfte, deren man los zu sein hoffte. Das größte historische Beispiel dafür ist natürlich die Aktion der Engländer. Die Engländer allein von allen christlichen Völkern machten mit dieser Lösung völlig Ernst. Ein starkes nationales Königtum, eine für ihre Zeit hoch organisierte Regierung, eine insulare Lage und eine einzigartige Einmütigkeit im nationalen Wollen brachten zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts die Vertreibung der Juden aus England zuwege; mehr als drei Jahrhunderte lang wurde diese Austreibung aufrecht erhalten, und England allein unter all den verschiedenen Teilen der Christenheit war theoretisch frei von dem fremden Elemente, und war es nahezu ebenso in der Praxis.

Aber auf die Dauer brach, wie wir alle wissen, das Experiment zusammen. Die Juden wurden um die Mitte des 17. Jahrhunderts wieder zugelassen, und nirgends sonstwo sind sie zu größerer Macht gelangt, als eben in der Nation, die 500 Jahre zuvor jene Lösung des Problems mit so drastischer Gründlichkeit versucht hatte. Keiner der andern parallelen Versuche auf und ab in Europa waren von derselben Gründlichkeit, wie der englische. Ihr Fehlschlag zeigte sich daher rascher. Aber ein Fehlschlag scheint in jedem Falle unvermeidlich zu sein. Ganz abgesehen also von den moralischen Einwänden, die man machen kann, zeigt die praktische Erfahrung, daß eine Lösung auf diesem Wege nicht gefunden werden kann.

Schließlich bleibt die Ausscheidung durch Aufsaugung. Sie wäre offensichtlich die mildeste wie auch die einleuchtendste Methode. Sie ist ferner die normale Methode der Natur selber, sobald ein lebender Organismus es mit einer durch die Anwesenheit eines Fremdkörpers hervorgerufenen Störung zu tun hat. So naturgegeben ist sie, daß viele Männer von ausgezeichneter Urteilskraft auf beiden Seiten sie für eine Selbstverständlichkeit genommen haben. Es galt für ausgemacht, daß, wenn in der Vergangenheit die Aufsaugung nicht stattgefunden hat, daran nur schuld ist ein künstlich genährter schlechter Wille gegen die Juden auf unserer Seite oder eine unvernünftige Exklusivität der Juden ihrerseits.

Selbst heutzutage, trotzdem in unserer eigenen Generation die öffentliche Würdigung des Problems und der unmittelbare Ernst desselben stark angewachsen sind, gibt es noch sehr viele Leute, die die Aufsaugung für das natürliche Ziel der Sache ansehen. Wiewohl sie im Schwinden begriffen sind, sind sie doch noch zahlreich auf der nichtjüdischen Seite; auf der andern, der jüdischen Seite, bilden sie, glaube ich, einen kleinen Bruchteil. Denn ich merke, daß selbst die Juden, die an eine kommende Aufsaugung glauben, es mit Bedauern tun, und die große Mehrheit sicherlich würde stolz von dem sicheren Überleben Israels überzeugt bleiben.

Aber hier wiederum behaupte ich, daß wir die Geschichte gegen uns haben. In Wirklichkeit hat eine Aufsaugung nie stattgefunden. Sie hat größere Chancen gehabt als irgendein anderer ähnlicher Fall: eine Menge Zeit, sich auszuwirken, vielerlei Plätze, fortwährende Zwischenheiraten, lange Perioden freundschaftlicher Toleranz für die Juden, ja sogar zu Zeiten deren Vormacht. Waren da jemals Bedingungen, unter denen man meinen sollte, daß der größere Körper den kleineren aufsaugen würde, dann im Christentum mit seiner Jahrhunderte währenden innigen Einwirkung auf das Judentum. Volk auf Volk hat größere intensiv feindselige Minoritäten aufgesaugt: der Ire nacheinander seine Eindringlinge; der Brite die Piraten des fünften und achten Jahrhunderts und drei Jahrhunderte später den Franzosen; der Nordgallier seine Hilfstruppen; der Italiener den Longobarden; der Grieche den Slaven; der Dazier hat sogar den Mongolen aufgesaugt: der Jude aber ist intakt geblieben.

Wie immer wir das erklären mögen, mystisch oder anders – wir können nicht leugnen, daß es so ist. Es ist wahr von den Juden, und von den Juden allein, daß sie allein, ob nun durch eine spezielle Aktion der Vorsehung oder auf Grund irgendeines allgemeinen biologischen oder sozialen Gesetzes, das wir nicht kennen, ein nie fehlendes Wesen und ein nie fehlendes Anderssein bewahrt haben in den Gemeinschaften, durch die sie ohne Unterlaß hindurchgehen.

Es ist nicht wahr, daß die Bedingungen in der Vergangenheit von den gegenwärtigen hinreichend verschieden waren, um eine so seltsame Sache zu erklären. Es hat Generationen, ja sogar Jahrhunderte gegeben, wo jede Gelegenheit zur Aufsaugung da war (nicht gleichzeitig freilich über die ganze Welt, sondern nun für dieses Land geltend, nun für jenes); indessen diese Aufsaugung hat niemals stattgefunden. Da war alle Chance in Spanien zu einem gegebenen Augenblick, in Polen zu einem andern; aber die beste Chance dafür war in der kurzen aber glänzenden Periode der liberalen Politik, die Westeuropa während der letzten drei Generationen beherrscht hat. Diese Politik konnte sich voll ausleben: sie hat die Juden nicht nur unaufgesaugt zurückgelassen, sondern differenzierter denn je, und das politische Problem, das sie darbieten, bei weitem dringlicher, als es ein Jahrhundert früher war.

Es hätte so kommen können, als noch ein Völkerchaos war, wie im heidnischen Alexandrien in den vier Jahrhunderten von 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. oder im modernen Newyork. Es hätte so kommen können, als eine besonders freundschaftliche Haltung vorhanden war, wie im mittelalterlichen Polen oder im modernen England. Es hätte sogar paradoxerweise so kommen können infolge der Verfolgungen gerade und der Spannungen in Zeiten und Orten, als die Juden die feindseligste Behandlung erfuhren: ihre Aufsaugung hätte zustande kommen können unter Druck, wiewohl sie nicht gelungen war durch die Kraft der Anziehung. Tatsächlich ist sie nie gelungen. Sie hat sich immer als unmöglich erwiesen. Die fortwährende Aufsaugung an der Grenze liegender Bruchteile, ein unaufhörlich vor sich gehender Prozeß, wo das jüdische Volk anwesend ist, hat die Gesamtheit des Problems überhaupt nicht berührt. Die Judenschaft, als Ganzes, ist gesondert verblieben, unterschieden in strenger Identität ihrer selbst in allen Lagen und an allen Orten, und das apriorische Folgern, auf Grund dessen die Leute diese Lösung vernünftig finden, wird nichtig durch eine die ganze Geschichte hindurch auftretende Erfahrung. Diese Erfahrung steht durchaus gegen jede solche Lösung. Diese ist nicht möglich.

Es verbleibt dann also nur die Lösung durch Absonderung; ein Wort, das ich, ich wiederhole es, in einem durchaus neutralen Sinne gebrauche.

Absonderung kann, wie ich gesagt habe, von zweierlei Art sein. Sie kann feindselig sein, eine Art von Vertreibung an Ort und Stelle: ein Beiseitesetzen des Fremdkörpers ohne Rücksicht auf dessen Bedürfnisse, Wünsche oder Ansprüche; das Aufrichten eines Zaunes um ihn sozusagen, einzig zu dem Zwecke der Verteidigung des Organismus, der auf eine Invasion reagiert und an der Anwesenheit von etwas leidet, das von ihm verschieden ist.

Oder sie kann eine freundschaftliche Form annehmen und zu einem gegenseitigen Arrangement führen: einer Anerkennung, zum gegenseitigen Vorteil, einer Realität, die für beide Teile nicht zu umgehen ist.

Die erste dieser anscheinenden Lösungen ist immer und immer wieder die ganze Geschichte hindurch versucht worden. Sie hat lange Perioden partiellen Erfolgs gehabt, aber niemals eine Periode des vollkommenen; denn sie hat ohne Unterschied auf jüdischer Seite ein Gefühl der Ungerechtigkeit hinterlassen, und eines von moralischem Unbehagen auf der andern.

Es verbleibt, behaupte ich, keine praktische oder dauernde Lösung außer der letzten. Zu diesem Schlusse zu führen ist der Sinn meines Essays. Wenn das jüdische Volk dazu gelangt, seinen eigenen Stolz und Patriotismus offen auszudrücken und gleicherweise offen die notwendigen Begrenzungen zuzulassen, die dieser Ausdruck auferlegt; wenn wir unsererseits freimütig die Anwesenheit dieses Volkes als eines von uns durchaus verschiedenen akzeptieren, das aber ein ebenso gutes Recht hat zu existieren wie wir; wenn wir auf unsere Vorwände in dieser Sache verzichten; wenn wir von dem jüdischen Volke frei und furchtlos als einem gesonderten Teil reden und es als solchen anerkennen; wenn beiderseits die Realitäten der Sachlage zugestanden werden, mit den logisch folgenden und notwendigen Definitionen, die jene Realitäten implizieren: dann werden wir Frieden haben.

Der Vorteil, den beide Teile – die kleine, aber virulente jüdische Minorität, die große nichtjüdische Majorität, inmitten welcher jene lebt und tätig ist, – aus einem solchen Arrangement ziehen würden, liegt am Tage. Wenn an ihm festgehalten werden könnte – wie ich es für möglich halte –, dann würde das Problem dauernd gelöst sein. In jedem Falle kann es, wenn es nicht in dieser Weise gelöst werden wird, sicherlich in keiner anderen gelöst werden, und wenn wir nicht zum Frieden gelangen durch diesen Zugang, dann sind wir verurteilt zu der immer neuen Wiederkehr jener Verfolgungen, welche die Geschichte Europas entstellt haben von der ersten Konsolidation des Römischen Reiches an.

Es war eine Reihe von Kreisbewegungen, immer im selben Ablauf. Der Jude kommt zu einer fremden Gemeinschaft, zuerst in kleiner Anzahl. Er gedeiht. Seine Anwesenheit wird nicht übelgenommen. Er wird eher wie ein Freund behandelt. Ob nun infolge eines bloßen Kontrastes im Typus – was ich »Reibung« genannt habe – oder infolge irgendeiner anscheinenden Divergenz zwischen seinen Zielen und denen seiner Wirte, oder infolge seiner Vermehrung: er schafft oder entdeckt eine wachsende Animosität. Er nimmt sie übel. Er widersetzt sich seinen Wirten. Diese wollen Herr sein im eigenen Hause. Der Jude widersteht diesem Anspruch. Es kommt zu Gewalttätigkeit.

Es ist immer dieselbe traurige Aufeinanderfolge. Erst ein Willkommen; dann ein wachsendes, halb unbewußtes Übelbefinden; demnächst ein Höhepunkt akuten Übelbefindens; am Schluß eine Katastrophe und Unheil; Beleidigung, Verfolgung, sogar Metzeleien; die Verbannten fliehen vom Orte der Verfolgung an einen anderen, wo man den Juden kaum kennt, wo das Problem nie existiert hat oder vergessen worden ist. Er trifft wieder die weitherzigste Gastfreundschaft. Aber auch hier folgt nach einer Periode freundschaftlichen Verkehrs ein wachsendes, halb unbewußtes Übelnehmen, das bald akut wird und zu neuen Explosionen führt, und so weiter in fatalem Kreislauf.

Wollen wir dieses Rad in seiner unaufhörlichen und tragischen Drehung aufhalten, so scheint es kein anderes Mittel zu geben als das, für welches ich plädiere.

Die Opposition gegen es ist mannigfacher Art und sehr stark, aber kann immer durch Analyse auf irgendeine Form von Unehrlichkeit zurückgeführt werden. Diese Unehrlichkeit leugnet etwa die Existenz des Problems, schweigt es tot, oder gibt freundschaftliche Gefühle im öffentlichen Verkehre vor, die Lügen gestraft werden durch jedes Wort und jede Geste im Privatleben. Oder sie definiert etwa das Problem unrichtig, indem sie es als wesentlich religiös hinstellt, während es wesentlich national ist. Am allerschlimmsten ist jene eigentlich moderne Art der Unehrlichkeit: Aufstellung einer Wahrheit und daneben deren Gegenteil, ähnlich der kostbaren modernen Lüge, daß einer ein Patriot sein könne und zur selben Zeit international. Im Falle der Juden gibt diese spezifisch moderne Lüge etwa zu, daß sie uns gänzlich fremd sind und verschieden von uns, spricht so von ihnen und schreibt auch so von ihnen, schreibt und spricht jedoch in einer andern Verbindung von ihnen so, wie wenn der so ungeheure Gegensatz nicht bestände. Dieses vorgebliche Versöhnen von Widersprüchen ist die absolute Lüge. Ihr folgt die Strafe auf dem Fuße, denn die ihr frönen, werden blind.

Jede Opposition, der ich begegnet bin, gegen die hier vorgeschlagene Lösung ist eine, die aus dem Geiste der Unwahrheit entspringt; und wenn es kein anderes Argument gäbe zugunsten einer ehrlichen und moralischen Beilegung des Streites, dieses eine auf Wahrheit gegründete Argument würde, glaube ich, genügen. Es ist eine soziale Wahrheit, daß es eine jüdische Nation gibt, die uns fremd ist und uns darum aufreizt. Es ist eine moralische Wahrheit, daß Vertreibung und Schlimmeres unverwendbare Heilmittel sind. Es ist eine historische Wahrheit, daß diese Lösungen immer fehlgeschlagen sind; die Anerkennung dieser drei Wahrheiten allein wird uns die rechte Stellung geben.

Das ist die Hauptthese dieses Buches, aber sie braucht noch einen Zusatz, wenn ihr voller Sinn erfaßt werden soll, und diesen Zusatz habe ich im letzten Kapitel zu geben versucht.

Wenn die Lösung, die ich vorschlage, die richtige ist, dann bleibt noch zu bestimmen, ob sie zuerst in Form neuer Gesetze auftreten soll, aus denen ein neuer Geist hervorgehen könnte, oder zuerst die Form eines neuen Geistes und einer neuen Praxis annehmen soll, aus denen neue Gesetze entspringen würden. Die Reihenfolge ist wesentlich; denn hier irren, die wahre Folge von Ursache und Wirkung umkehren, ist die primäre Ursache aller Fehlschläge bei allen sozialen Reformen.

Die, welche die Geduld haben, mein Buch zu Ende zu lesen, werden sehen, daß ich auf seinen letzten Seiten mit aller Kraft für die zweite Politik eingetreten bin. Es wäre unmöglich, in unserer Gesellschaft und angesichts der rapid steigenden Welle der Feindschaft gegen die Juden neue Gesetze zu bilden, die nicht zu Ungerechtigkeiten führten. Aber wenn es möglich ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man offen von den Juden spricht, und diese ihrerseits die Konsequenzen einer Sondernationalität inmitten von uns zugeben, definieren und akzeptieren, dann, wenn ein solcher Geist einmal festen Grund gefaßt hat, werden ihm entsprechende Gesetze und Regelungen von selbst folgen.

Aber ich bin überzeugt, daß die Umkehrung des Prozesses nur zu Verwirrung führen würde und dann zu Unheil, sowohl für Israel wie für uns.

2. Kapitel. Die Ableugnung des Problems

Inhaltsverzeichnis

In der unmittelbaren Vergangenheit hat man in Westeuropa um das Problem sich gedrückt durch eine bloße Ableugnung seiner Existenz – einige waren ehrlich unwissend über die Existenz einer jüdischen Nation – einige hielten den Unterschied für einen der Religion nur – mehr gaben die Existenz einer Sondernation zu, aber hielten die herrschende Fiktion, daß sie nicht existiere, für notwendig für den modernen Staat.

Diese Unwissenheit oder Fiktion ist heute zusammengebrochen – teilweise durch die notwendige Reaktion der Wahrheit gegen jede Falschheit – teilweise durch die wachsende Zahl der Juden in westlichen Ländern – mehr durch das große Wachsen ihrer Macht.

Jedoch wiewohl diese alte »liberale« Fiktion über die Juden tot ist, weil angesichts der Tatsachen nicht funktionierend, kann doch manches für sie gesagt werden – sie brachte Frieden für eine Weile – sie hielt sich an Modelle aus der Vergangenheit – und war gegründet auf eine gewisse Wahrheit, nämlich, daß der Jude sehr rasch den oberflächlichen Charakter der Nation annimmt, in der er gerade lebt – überdies von den Juden selbst so gewünscht – Beispiel des alten jüdischen Pair, und sein Anspruch, »in Ruhe gelassen zu werden« – praktischer Beweis für das Versagen in seinem Falle.

Jedenfalls die alte »liberale« Fiktion jetzt völlig wertlos – das Problem wird zugegeben und muß gelöst werden.

Ich habe das Problem gestellt. Da ist eine Reibung zwischen den beiden Rassen – den Juden in ihrer Zerstreuung und jenen, unter denen sie leben. Diese Reibung wird akut. Sie hat ohne Unterschied in der Vergangenheit zu den schrecklichsten Konsequenzen geführt (und kann also auch jetzt dazu führen), furchtbar für die Juden, aber auch für uns schlimm. Darum ist dieses Problem dringlich, praktisch und ernst. Darum verlangt es gebieterisch eine Lösung.

Aber man mag mir – und in der Tat, man wird mir – gleich am Anfang begegnen mit der Leugnung, daß überhaupt ein solches Problem existiere. Das war die Haltung unserer unmittelbaren Vergangenheit, das ist die Haltung vieler der besten Männer heutzutage auf beiden Seiten des Abgrunds, der Israel von unserer Welt scheidet.

Ich muß diesem Einwand begegnen, ehe ich weitergehe, denn wenn er gesund ist, wenn in der Tat ein solches Problem nicht da ist (außer soweit Unwissenheit oder Bosheit es künstlich schaffen), dann braucht es keine Lösung. Alles, was wir zu tun haben, ist dann, die Unwissenden aufzuklären und die Bösartigen zurückzuweisen: die Unwissenden, die sich einbilden, es gebe eine fremde jüdische Nation unter ihnen, die Bösartigen, die Menschen behandeln, als wären sie Fremde, Menschen, die doch in Wirklichkeit genau wie wir selber und normale Mitbürger sind.

Ich spiele hier gar nicht an auf die Unmenge von Konventionen, Heuchelei und Angst, die vorgeben, eine Wahrheit nicht zu kennen, die sie sehr wohl kennen. Ich rede von der aufrichtigen Überzeugung, die noch bei vielen – im besonderen aus der älteren Generation – besteht, daß es kein jüdisches Problem gebe.

Es wird von einem gewissen Geistestypus ehrlich geleugnet, daß es so etwas gebe, wie ein jüdisches Volk; darum könne es eine Reibung zwischen ihm und seinen Wirten nicht geben: die ganze Sache sei ein Wahn. Wir wollen diese Geistesart prüfen und sehen, ob die Illusion auf unserer Seite ist oder nicht.

Es war die dem 19. Jahrhundert vertraute Haltung, und sie schmeichelte jener politischen Stimmung, in der es sich am meisten wohl fühlte: die negative Haltung, das jüdische Volk nicht anzuerkennen; eine Fiktion zu schaffen von einer einzigen Bürgerschaft an Stelle der Wirklichkeit, nämlich doppelter Untertanenpflichten; den Juden ein volles Mitglied jedweder Gemeinschaft zu heißen, der er zufällig angehörte während jedweden Zeitraumes, in welchem er zufällig dort sich aufhielt in seinen Wanderungen über die Erde. Das war die Haltung, die in politischer Hinsicht allem, was sich »modernes Denken« nannte, empfehlenswert erschien. Es war die Lehre, die die großen Männer der französischen Revolution empfohlen hatten. Es war die Haltung, die nahezu enthusiastisch das liberale England einnahm, das heißt alles, was im öffentlichen Leben Englands während der viktorianischen Epoche dominierte. Es war die Politik, die einstmals im ganzen Gebiet der westlichen Kultur uneingeschränkte Gunst genoß. Es war die Haltung, die der Westen den Oststaaten tatsächlich aufzudrängen versuchte, und die letzte Wirkung ihres rasch abnehmenden Kredits findet sich in gewissen Klauseln des Vertrags von Versailles: denn sie ist immer noch die offizielle Haltung aller unserer Regierungen.

Im Vertrage von Versailles und in den anderen auf den großen Krieg folgenden Verträgen wurden die Juden Osteuropas unter eine Art speziellen Schutzes gestellt, aber nicht in einer aufrichtigen und positiven Form. Das Wort »Jude« platzte niemals heraus – es wurde ersetzt durch das Wort »Minderheit« – aber die Absicht lag auf der Hand. Was zugrunde lag, war: »Wir, die westlichen Regierungen sagen, es gibt kein jüdisches Problem. Die Idee einer jüdischen Nation ist ein Wahn, und die Vorstellung, daß ein Jude etwas Verschiedenes sei von einem Polen oder einem Rumänen, ist eine Manie. Wenn ihr im Osten in dieser Hinsicht noch so im Finsteren lebt, so wollen wir jedenfalls eure Unwissenheit und eure Besessenheit davor bewahren, in Verfolgungen auszuarten.« Dieselben Männer, die diese Erklärungen abgaben, errichteten dann einen funkelnagelneuen, scharf abgegrenzten jüdischen Staat in Palästina, mit der Drohung im Hintergrund, mit Hilfe westlicher Waffen eine Mehrheit rücksichtslos zu unterdrücken.

Beide Aktionen waren die Folge jener unklaren Lage, die ich soeben geschildert habe (die Geschichte wird es das letzte Beispiel nennen), die, wiewohl in der öffentlichen Meinung sehr geschwächt, dennoch von einigen der Parlamentarier, die den Vertrag gestalteten, ehrlich eingenommen wurde und von der man sicherlich den Eindruck hatte, daß sie allen persönlich zum Vorteil gereiche: die Stellung, daß es keine jüdische Nation gibt, wenn das Eingeständnis einer solchen dem Juden ungelegen ist, aber daß es sehr wohl eine gibt, wenn das dem Juden zum Vorteil gereicht.

Die diese Stellung verteidigten, taten es von verschiedenen Gesichtspunkten aus, die alle als ebenso viele Stufen gelten können einer gewissen Betrachtungweise gegenüber dem jüdischen Volke. Es war bis vor kurzem die Haltung der großen Mehrzahl der gebildeten Franzosen, Engländer und Italiener. Sie war sozusagen die offizielle politische Haltung Westeuropas und seiner parlamentarischen Regierungen und anderer entsprechender Institutionen.

Das Äußerste in diesem Sinne leisten sich jene Leute, die sagen, der Jude sei nichts anderes als ein Bürger mit einer besonderen Religion. Ein Staat sei vorherrschend katholisch oder protestantisch, aber er könne kleinere Religionsgesellschaften in sich enthalten, eifrige Minoritäten, für die Platz gefunden werden müsse neben der mehr oder weniger indifferenten Majorität. Das katholische Frankreich habe eine wohlhabende hugenottische Minorität von 5 %. Das anglikanische England habe eine arme katholische Minorität von 7 %. Das protestantische Holland habe eine große Minorität – mehr als ein Drittel – von Katholiken und so fort. Für das Denken des 19. Jahrhunderts war es ein verhaßter Gedanke, daß religiöse Unterschiede (die es für nichts weiter hielt als Schattierungen einer zweifelhaften Privatmeinung) das Interesse des Staates beanspruchen sollten. Eine große Anzahl von Leuten hielten das Judentum nicht für eine Nation, sondern nur für eine Religion; und da sie von jeder Religion gleich dachten, schlossen sie, daß sie keine Minderung des Bürgerrechts einschließen könne.

Am andern Ende fand man Männer der Öffentlichkeit, welche die Endschwierigkeiten vollauf würdigten, die aus einer so entscheidungslosen Bereinigung der Sache sicherlich erstehen würden. Diese betrachteten die Juden als durchaus unterschiedene Nationalität, und als eine, die höchstwahrscheinlich mit den Bedürfnissen ihrer Wirte in Konflikt kommen werde; sie konnten sogar (privat) ihre Feindseligkeit gegenüber dieser Nation äußern. Nichtsdestoweniger hielten sie dafür, sie müsse im öffentlichen Leben behandelt werden, als ob sie nicht existiere. Diese Männer waren höchst emphatisch in ihren Privatbriefen und Unterhaltungen – daß das jüdische Problem nicht ein religiöses sei, sondern ein nationales. Trotzdem, sagten sie, sei es notwendig, heute dieses Problem zu maskieren durch eine Fiktion, und vorzugeben, der Jude sei gleich wie jeder andere auch, nur nicht in seiner Religion. Alle anderen Lösungen verlangten (so sagten sie) eine Kenntnis der Geschichte und Europas, die vom großen Publikum nicht zu erwarten sei; ferner seien die Juden so mächtig, daß, wenn sie die Fiktion aufrechterhalten wissen wollen, man ihnen diesen Gefallen tun müsse. In jedem Falle müsse man, in unserer Zeit wenigstens, zu diesem So tun als ob seine Zuflucht nehmen.

Der neuen und bereits feindlichen Haltung gegen die Juden, die nun überall in ganz Westeuropa so stark sich erhebt (zum Teil als Reaktion gegen die Stellung des 19. Jahrhunderts), kommt diese altmodische Art, die jüdische Nation einfach zu leugnen oder deren Existenz mit Hilfe einer Fiktion zu ignorieren, moralisch recht hassenswert vor, und wir wundern uns heutzutage, wie sie allgemeinen Beifall heischen konnte. Sie setzte eine Unwahrheit voraus, natürlich, und oft eine bewußte; und sie war auch ohne Würde; denn unserer Generation erscheint es ebenso grotesk, die Existenz der jüdischen Nation zu leugnen, wie die unserer eigenen. Aber daß die Fiktion aufrichtig aufrechterhalten wurde, und daß ihre groteske und unwürdige Seite unbemerkt blieb, darüber können wir uns versichern, wenn wir uns auch nur ein paar Minuten mit irgend jemanden aus der älteren Generation unterhalten, der sie aufrechthielt und sie heute noch repräsentiert mitten unter uns.

Sie hätte noch weiter in Blüte stehen können für noch eine Generation, in jedem Falle unter den führenden Klassen dieses Handelsvolkes, hätten nicht zwei Entwicklungen sie niedergerissen, von denen jede das Resultat einer so großen Toleranz war. Die erste war die wachsende Zahl der Juden, die zweite deren wachsender Einfluß. Jene alte Unwahrheit wurde aufgedeckt, und jene alte Groteske wurde sichtbar durch das enorme Anwachsen, im ganzen Westen, der armen Juden, neben dem enormen Anwachsen der Macht, die die reichen Juden in öffentlichen Angelegenheiten ausübten. Die Menschen wurden böse, als sie sich feierlich an die Fiktion gebunden sahen, es gebe keine Juden, wenn doch deren Gegenwart nirgends zu vermeiden war, auf der Straße und in den Bureaus der Regierung. Die Fiktion war möglich, solange einige wenige Finanzleute, in der gebildeten Gesellschaft kaum auffindbar, allein in Betracht kamen. Sie wurde unmöglich, angesichts der neuen großen Ghettos in London, Manchester, Bradford, Glasgow und der erschreckend anwachsenden Liste von jüdischen und halbjüdischen Ministern, Vizekönigen, Gesandten, politischen Diktatoren.

Diese Verachtung für das, und diese Erbitterung über das, was ich die Haltung des 19. Jahrhunderts, die Haltung des Liberalismus, genannt habe, kamen bereits vor Ende jenes Jahrhunderts zum Vorschein. Da war schon ein Murren in England während des südafrikanischen Krieges und in Frankreich während der Dreyfusaffäre; man hörte schon den Ton in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts, insbesondere in Verbindung mit parlamentarischen Skandalen; mit der bolschewistischen Erhebung 1917 wurde es zum lauten Geschrei. Und es wird gewiß noch anwachsen. Wir haben bereits eine gewaltige Minorität bereit, gegen die Interessen der Juden zu handeln. Sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach, und zwar in kurzer Zeit, zur Majorität werden. Sie kann in jedem Augenblick, bei irgendeinem kritischen Anlaß, bei irgendeiner neuen Provokation, als niederreißende Flut aufgebrachter öffentlicher Meinung erscheinen.

Um so mehr geziemt es uns, die altmodische Neutralität und Fiktion gerecht zu behandeln; sie zu prüfen, sogar mit einer Neigung zu ihren Gunsten; alles, was zu ihrer Verteidigung gesagt werden kann, aufzuzählen, ehe wir sie verwerfen, wie wir sie jetzt, glaube ich, alle, wenn auch ungern, verwerfen müssen. Ich sage »ungern«; denn schließlich war sie die feste Meinung unserer Väter, die Großes getan haben: wir fühlen deren Vorwurf, wenn wir sie aufgeben, und es sind unter uns noch recht viele Ältere gegenwärtig, denen unsere neuen Besorgnisse zuwider sind.

Wir dürfen an erster Stelle nicht vergessen, daß die Behandlung des Juden im Westen, als wäre er überhaupt kein Jude, sondern einfach ein Bürger wie alle anderen auch, eine Zeitlang ganz gut funktioniert hat. Man könnte fast sagen, daß es für den Geist des durchschnittlichen Engländers oder Franzosen, Italieners, ja selbst des Westdeutschen, bewußtermaßen kein jüdisches Problem gab zwischen, sagen wir, 1830 und 1890. Im Volke war ein ganz kleiner Teil von Juden, in Frankreich und in England, in Italien und dem übrigen Westen, vage mit der Idee des Reichtums verknüpft; ein großer Teil hatte sich ausgezeichnet durch öffentliche Werke verschiedener Art; viele von ihnen durch Wohltätigkeit. £s war nicht denkbar, daß die Anwesenheit solcher Menschen zu politischen Schwierigkeiten führen könnte, – so schien es wenigstens damals. Die Erzählungen von Verfolgungen, die von Osteuropa her zu uns drangen, selbst Beispiele von Reibungen zwischen großen jüdischen Teilen und den Eingeborenen der Staaten, in denen sie sich gerade befanden, wurden im Westen mit Abscheu aufgenommen, als Verirrungen ungenügend kultivierter Menschen.

Sogar im Rheintale, wo die Juden zahlreicher waren und man sie in Bausch und Bogen besser kannte, wurde die Konvention des zivilisierten Westens akzeptiert. Die Lehren, die Abstraktionen der französischen Revolution in dieser Sache hatten gesiegt.

Hier wird jeder Leser, der historisches Gefühl hat, sofort darauf hinweisen, daß der Zeitraum, den ich eben genannt habe – 1830 bis 1890 – lächerlich kurz ist. Jede Behandlung eines ganz großen, Jahrhunderte alten Problems, die nur 60 Jahre lang funktioniert und dann anfängt zusammenzubrechen, ist überhaupt keine Bereinigung. Darauf würde ich antworten, daß diese Periode speziell eine Zeit war, in der jede historische Perspektive verloren gegangen war. Menschen, selbst hochgebildete Menschen im 19. Jahrhundert, übersteigerten mächtig die Vordergründe des historischen Bildes.

Man kann das in jedem Schulbuch des Zeitalters bemerken, wo die ganzen vier Jahrhunderte unserer römischen Grundlegung in ein paar Sätze zusammengedrängt sind, die dunkeln Zeitalter auf wenige Seiten, die ganze umfängliche Geschichte des Mittelalters selbst in wenige Kapitel; wo die Hauptarbeit ohne Unterschied den letzten drei Jahrhunderten gilt, und wo von diesen das 19. für ebenso wichtig gehalten wird, wie alles andere zusammengenommen.

Diese falsche historische Perspektive wird auch in jeder anderen Provinz ihres politischen Denkens sichtbar. Wiewohl z. B. der Kapitalismus mit ungeheurer nationaler Verschuldung, mit der Anonymität finanzieller Aktionen und allem, was dazu gehört, erst nach dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts voll aufzublühen begann, und wiewohl jeder (sollte man denken) hätte imstande sein sollen, den äußerst unstabilen Charakter dieser Gesellschaft zu entdecken, hielten es dennoch unsere Väter für ausgemacht, daß dieser Zustand der Dinge ewig währe. So ein Viktorianer mit 100 000 Pfund Sterling in Eisenbahnaktien dachte seine Familie unveränderlich gesichert auf Grund eines komfortablen Einkommens, und wie er über den Kapitalismus dachte, so dachte er auch über seine neu aufgekommene anonyme Presse, seine nationalen Grenzen, seine Toleranz für dieses, seine Intoleranz für jenes. Kein Wunder, daß er mit einem so falschen Gefühl für Dauer und Sicherheit auch die historische Perspektive in dieser anderen und ernsteren Sache verlor, über die wir hier diskutieren.

Aber abgesehen von diesem Argument, daß die Haltung des 19. Jahrhunderts oder des Liberalismus, wie ich sie genannt habe, gegenüber den Juden für ihre kurze Spanne Zeit gut funktionierte (wenigstens in Westeuropa), ist da auch die Tatsache, daß unter speziellen Umständen etwas ihr sehr Ähnliches in der Vergangenheit gut funktioniert hat für weit längere Zeiträume. Man nehme z. B. die Stellung der Juden in so einer Stadt wie Amsterdam. Die Aufnahme der Juden als Bürger genau so wie andere, wiewohl sie in recht großer Anzahl anwesend waren, die Fiktion, die deren eigene Nationalität leugnete, hat Generationen lang in dieser Gemeinde angehalten, und sie hat Frieden und anscheinende Zufriedenheit beiden Teilen verschafft. Und was bis auf diesen Tag wahr ist von Amsterdam, ist in der Vergangenheit für lange Zeiträume wahr gewesen im Leben manch eines anderen Handelsstaates oder einer kosmopolitischen Gesellschaft: in Venedig vor allem, und in weitem Maße in Rom; in Frankfurt, Lyon, in Hunderten von Städten zu gewissen Zeiten. Es war Generationen lang so in ganz Polen.

Man kann die Liste endlos verlängern, aber immer mit der unbehaglichen Kenntnis, daß das Experiment auf die Dauer ohne Unterschied zusammengebrochen ist

Da war ferner für diese Haltung des Liberalismus im 19. Jahrhundert das sehr starke Argument vorzubringen, daß, wahrend sie im Ergebnis der einen Partei, den Engländern, Franzosen, Italienern usw. ganz richtig vorkam und sicherlich nicht wehe tat, sie der anderen höchst willkommen war. Der Jude akzeptierte in der Regel nicht nur, sondern begrüßte warm diese besondere Weise, das, wie in jedem Fall er es immer gewußt hat, in der Tat sehr ernste Problem zu behandeln. Denn der Jude hat ein Rassengedächtnis wie kein anderer Mensch. Das Arrangement schien ihm all die Sicherheit zu geben, nach der die Geschichte seiner Nation (deren jeder Jude sich scharf bewußt ist) ihm eine heiße Sehnsucht eingeflößt hat. Ich glaube, wir könnten hinzufügen (wiewohl uns diesen Satz viele moderne Menschen bestreiten würden), daß diese Fiktion den Sinn des Juden für Gerechtigkeit befriedigt hat. Denn es ist nicht der unwichtigste Teil des Problems, das wir prüfen, daß der Jude wirklich die Empfindung hat, man sei ihm eine solche spezielle Behandlung schuldig. Ohne sie glaubt er sich übervorteilt. Er ist nach seiner eigenen Ansicht vor dem Nachteile einer latenten Feindseligkeit nur gesichert, wenn er auf diese Weise geschützt wird, und er ist darum überzeugt, daß ihm die Welt dieses einzigartige Privileg schuldig sei: Vollbürger einer jeden Gemeinschaft zu sein, in der er für den Augenblick gerade weilt, während er zur gleichen Zeit die Vollbürgerschaft in seiner eigenen Nation beibehält.

Nunmehr aber, wenn bei irgendeinem Konflikt ein Arrangement der einen Partei ganz gut zu funktionieren scheint und von der andern wirklich begrüßt wird, dann scheint es nicht leicht, es geringzuschätzen.

Wenn z. B. ein Mann und sein Pächter über den Besitztitel eines Feldes streiten, das auf eine recht lange Zeit verpachtet ist, wobei der Pächter um das nominelle Eigentumsrecht sehr wenig sich kümmert, dagegen sehr viel um sein unverletzliches Pachtrecht, der Landbesitzer aber durchaus geneigt ist, zu einer recht langen Verpachtung, jedoch scharf ist auf den Titel eines Eigentümers – so kann dieser Streit sehr leicht bereinigt werden. Man kann der Stellung des Pächters jeden möglichen Namen geben, außer den eines »Eigentümers«, jedoch alle seine praktischen Forderungen befriedigen. Eine grobe Parallele existiert zwischen einer solchen Stellung und dem Anlauf zu einer Bereinigung, die das Merkmal des 19. Jahrhunderts war.

Was der Jude verlangte, war nicht das stolze Privileg, ein Engländer, ein Franzose, ein Italiener oder ein Holländer zu heißen. Das war ihm vollständig gleichgültig (denn sein Stolz war, ein Jude zu sein, seine Loyalität galt seiner eigenen Nation, und was mehr ist, er konnte in jedem Augenblick sein Zelt abschlagen und für immer in ein anderes Land ziehen). Was der Jude nötig hatte, war nicht das Gefühl, daß er genau so sei wie die anderen – das wäre ihm sehr zuwider –, was er brauchte, war Sicherheit; was jedes menschliche Wesen dringend fordert, und was ihm unter allen Menschen am meisten fehlte: die Kraft, sich sicher zu fühlen an dem Platze, wo man gerade ist. Seine Wirte andererseits hatten noch kein praktisches Unbehagen daran gefunden, ihm sein Verlangen zu erfüllen. Sie kannten nicht das historische Argument dagegen, oder sie hielten es für nichtig, weil sie die Vergangenheit für barbarisch hielten und in ihr kein Modell für ihr eigenes Tun sahen. So war man zu einem Kompromiß gelangt, die Fiktion ward solide unterbaut, und der Jude, wiewohl er Jude verblieb, wurde ein Deutscher in Hamburg, ein Franzose in Paris, ein Amerikaner in Newyork, wie er gerade von Ort zu Ort wanderte, und für ein ganzes Menschenleben fühlte sich keiner benachteiligt trotz der unwahren Konvention.

Das nächste Argument zugunsten dieser Politik war die Tatsache, daß sie eine Kraft der Anziehung besaß für eine Reihe von Ideen, von denen eine jede zur einen oder anderen Zeit für unsere Ahnen feste Geltung besaß bei all ihren zahlreichen (aber erfolglosen) Anläufen, mit dem Problem nach ihrer Weise fertig zu werden.

Ein Moderner z. B. macht den Einwand: »Was ist das für ein Unsinn, die Juden zu behandeln, als repräsentierten sie bloß eine Religion! Wir alle wissen, daß sie eine Nation repräsentieren!« Aber jede Art der Gesetzgebung in der Vergangenheit, sogar zu Zeiten und an Orten, wo der Unterschied zwischen Juden und Europäern am meisten betont war, ist fortwährend zurückgegangen auf eben diesen Punkt: daß es sich nur um Religion handle. Wieder und wieder findet man sie als den Prüfstein der Politik: im Spanien des ersten und wieder des 15. Jahrhunderts, in Gallien unter Karl dem Großen, im England des frühen Mittelalters, in Byzanz, und bis auf diesen Tag in Teilen des Ostens, wo der Jude beständiger Einmischung ausgesetzt ist. Eine Ausnahme wurde in allen diesen Fällen gemacht für den Juden, der seine Religion aufgab. Seine Nationalität wurde unberücksichtigt gelassen.

Hierher gehört auch ein so einfaches und frisches Beispiel, wie das des nun glücklicherweise erloschenen preußischen Offizierkorps. In allen besseren preußischen Regimentern (ich glaube, in nahezu allen) galt als Regel, daß kein Jude Offizier werden konnte. Das preußische System überließ die Offizierswahl praktisch den Mitgliedern des Regimentsstabs: sie behandelten ihre Messe wie einen Klub und schlossen Juden aus. Aber sie ließen getaufte Juden zu, und zwar in großer Anzahl. War der Jude weniger Jude der Rasse nach durch die Taufe? Die ganzen Jahrhunderte hindurch ist dieses religiöse Kriterium, das der moderne Reformer so laut als Humbug anklagt und als eine Maskierung des wirklichen politischen Problems, eben das geltende Kriterium gewesen. Wohl wahr, die moderne Lösung machte nicht den Versuch einer religiösen Absonderung. Im Gegenteil, das Denken des Liberalismus des 19. Jahrhunderts verabscheute jede Art von Absonderung; aber es hatte mit der älteren Weise dieses gemein, daß es die Religion zum entscheidenden Punkte machte und insoweit den entscheidenderen der Nationalität und Untertanenpflicht verschleierte.

Lord Palmerston, als er seine berühmte Rede über die Heiligkeit der Bettstelle eines griechischen Juden hielt und darauf Nachdruck legte, daß der besagte griechische Jude ein englischer Bürger sei; Lord Palmerston, der das Wort Jude sorgsam vermied und seine ganze Rede hindurch vorgab, der fragliche griechische Jude sei ein ebenso voller Engländer wie er selber, unterschied sich in seiner Geisteshaltung recht sehr von einem spanischen Bischof des 5. Jahrhunderts, der einen Juden zum Gottesdienste zuließ unter der Bedingung seiner Bekehrung. Indessen hatten die beiden dieses gemein, daß keiner von ihnen den Juden als Mitglied einer andern Nation ansah, sondern (aus ganz verschiedenen Gründen) nur als Glied einer Religion.

Für Palmerston war dieser griechische Jude, über dessen Bett er seine berühmte Rede hielt und über dessen Bett bis auf diesen Tag der Satz hängt: »Civis Romanus sum«, vor allem ein Mitbürger. Er mag Palmerston eine zweifelhafte Sorte von Engländer geschienen haben, weil seine Heimat Griechenland war, aber er erschien ihm sicherlich nicht zweifelhaft deshalb, weil er zufällig ein Jude war. Dieses würde Palmerston nur für eine private Angelegenheit gehalten haben, und auf Grund einer solchen reinen Privatsache würde er niemals einen Juden als Fremdling angesehen haben, ebensowenig wie ein Mitglied des Parlaments deshalb, weil dieser Hammelfleisch lieber gesotten als gebraten wollte.