Die Junglehrerin - Verena Mock - E-Book

Die Junglehrerin E-Book

Verena Mock

0,0

Beschreibung

St. Gallen, 1999. Schon wieder eine Rüge vom Schulleiter wegen zu strenger Noten bei Aufsätzen. Junglehrerin Sandra Inauen ist frustriert. Die Kollegen und Kolleginnen überreden sie zu bleiben. Schliesslich möchte sie ihr Pensum an der Handelsschule erhöhen. Da kommt die Einladung zu einem Buchprojekt über unbekannte Ostschweizer Künstlerinnen. Historikerin Sandra macht begeistert mit. Doch in ihrer langjährigen Beziehung zu Manuel kriselt es. Als Sandra auf einem Fest den attraktiven Titus Tobler kennenlernt, ist Manuel alarmiert. An der Appenzeller Fasnacht kommt es zum Streit. Kommen die Autorinnen im Alltag überhaupt zum Schreiben? Finden sich Sponsoren für das Buch? Und wird das Paar die Krise überwinden?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die handelnden Personen sowie die Geschehnisse in diesem Roman sind erfunden, mit Ausnahme einiger historischer Persönlichkeiten wie Lina Hautle und Maria Frieda Löhrer. Die Handelsschule St. Fiden existiert nicht, ebenso wenig das Archiv des Fleisses in Herisau. Der Dichter Ulrich Anton Hersche und sein Buch «Die Thränen des Herkules» entspringen der Phantasie der Autorin. Es gibt keinen Klaushut von Anna Walser. Die meisten Schauplätze hingegen sind real.

Inhalt

Prolog

Ein Hobby für Studierte

Karriere

Appenzell ist nicht Paris

Teacher’s Tears

Anhang mit Übersetzungen

Die handelnden Personen

Sandra (Kassandra) Inauen

Lehrerin für Deutsch und Geschichte

Manuel Höhener ihr Freund

Barbara ihre Freundin

Lydia ihre Schwester

Adolf und Marlen die Eltern

Tante Vroni und Onkel Charlie

Melanie, Gianni, Sigi, Tosca, Denise

Lehrerkollegen und -kolleginnen

Ernst führt das Lokal «Il professore»

Philipp Ambogen, Prorektor

Konrad Himmelberger, Rektor Sandras Vorgesetzte

Titus Tobler Inhaber der Eisenwarenhandlung in Bühler

Adele Künzle, Susanne Rebholz,

Doris Tagliaferro, Caroline Hutter

Redaktorinnen des Buches „Lustorte und Kraftworte“

Elvis Brülisauer ehemaliger Lehrer, Musiker

Josefine Schmied Hochzeitsdichterin

Prolog

Frühjahr 2001

In der nächsten Kurve musste die Zufahrt zum Rank-Hof sein. Sandra bremste ab und spähte über die weissen Betonpfähle hinunter. Die Sitter, die sich zwischen Schlatt und Enggenhütten tiefer ins Gelände frass, hatte am Fuss des Abhangs eine winzige ebene Fläche stehen lassen. Das Strässchen war so steil, dass sie beim Einbiegen das Gefühl hatte, zu kippen. Zum Glück war der Schnee weg. Das steilste Stück war geteert, unten gelangte sie auf zwei gekiesten Fahrspuren über die nasse Wiese zum Bauernhaus.

Vor der Scheune stand ein Subaru. Sie stellte ihren VW Polo daneben und stieg aus. Im Stall rumorte es. Ein hagerer Mann in Arbeitskleidern trat unter die Tür. «Grüezi!», rief Sandra und ging auf ihn zu, den Pfützen ausweichend. Er nickte und nahm die Tabakpfeife aus dem Mund. «Hoi. Josefine ist drinnen.» Er verschwand.

Hoffentlich ist sie gesprächiger, dachte Sandra. Rank-Josefine sei ein Original, hatte Elvis Brülisauer versichert, und sie hoffte, dass er recht hatte.

Josefine Schmied schrieb Hochzeitsgedichte. Gegen Geld. Sandra hatte der Redaktion vorgeschlagen, sie zu porträtieren. Denn im Buch, das sie im Herbst veröffentlichen wollten, kamen noch zu wenig Künstlerinnen aus Appenzell Innerrhoden vor. Die Fassade des traditionellen Wohnhauses war stark verwittert. Im Hausflur stand ein Mofa an der Wand, es roch nach Benzin. Sandra ging die Treppe hoch und klopfte an. Man hörte ein Radio. Das rote Linoleum auf dem Boden war brüchig und staubig.

Die Tür wurde aufgerissen. Die Frau schaute Sandra forschend aus runden Augen an und nahm die Zigarette in die linke Hand. Sie war dünn und etwas kleiner als sie.

«Grüezi Frau Schmied, ich bin Sandra Inauen.»

«Komm herein. Kannst die Stiefel anbehalten.»

Sandra folgte Josefine durch die Küche in die Stube. Die dunkelgrauen Haare trug sie in einem Zopf, der ihr wie ein Strick über den Rücken baumelte. Sie setzten sich an den Esstisch im Winkel bei den Fenstern.

«Wie lange haben Sie Zeit?», fragte Sandra und packte ihren Notizblock aus.

«Kannst mir Josefine sagen. Kommt darauf an, was du willst. Zeit habe ich genug.»

Orientteppiche bedeckten den Boden, mehrere neben- und übereinander. Eine Standuhr mit Pendel tickte neben dem Buffet, halb verdeckt von einem kleinen Tisch. Darauf eine Schreibmaschine. Und ein Aschenbecher. Josefine brachte eine Dose Red Bull.

2

Das Interview lief dann so, dass Josefine redete, dabei häufig aufstand, etwas Wäsche vom Kachelofen nahm oder die Orchideen mit einem winzigen Kännchen goss. Sandra liess sie erzählen, schrieb und warf ab und zu eine Bemerkung ein. Wenn Josefine sich setzte, trank sie Kaffee, den sie laufend aus einer Bialetti- Kanne nachfüllte.

«Josefine, was ich mich gefragt habe: Warum bekommst du so viele Aufträge für Hochzeitsgedichte? Die meisten dichten doch selber etwas, wenn der Bruder oder die Schwester heiraten.»

«Nicht, weil meine Versli viel besser sind. Aber weil es den Angehörigen zu ernst ist. Sie packen hinein, was sie einander schon immer sagen wollten. Dass der Bruder ein eingebildeter Lappi ist. Dass die Schwester einem das Kabel vom Walkman durchgeschnitten hat. Das kommt nicht gut!» Damit die Leute eine Hochzeit mit Leichtigkeit, in Frieden und Anstand überstehen könnten, nehme sie ihnen das Dichten ab.

Überstehen, notierte Sandra.

«Ich war Serviertochter, da sieht man einiges. Geheiratet habe ich dann trotzdem, damals ging das nicht anders.»

«Versteh ich», sagte Sandra und beugte sich über den Notizblock. Die Frau hatte Abgründe. Josefine drehte sich zum Sofa um. Dort lag eine Katze auf einer pinkfarbenen Fleece-Decke. «Der ist nicht ganz gesund, der dicke Kerl.» Sie kraulte das Tier.

«Es ist interessant, was du sagst. Ich erlebe eher das Gegenteil, an den Hochzeiten in meinem Umfeld. Lauter harmlose Verse, die Braut ist der reinste Engel und der Bräutigam hat nie etwas falsch gemacht in seinem Leben. Das ist auch nicht gut, oder?»

«Ja. Solche Familien gibt es auch. Aber die kommen nicht zu mir. Es ist wie mit den Katzen. Sie möchten, dass man sie streichelt. Aber nicht bürstet!» Die Dichterin zündete sich eine neue Zigarette an.

«Aber es braucht ein Gedicht, damit die Leute mit einer Hochzeit zufrieden sind. Im Herzen, du verstehst schon.» Sandra nickte eifrig. «Sonst rauscht das Fest vorüber, und man behält nichts ausser Kopfschmerzen, nicht wahr?» Josefine lachte, was wie Husten klang.

3

«Darf ich Gedichte von dir lesen?» Josefine nickte. Unter dem Schreibtisch zog sie eine Plastik-Wäschewanne hervor und kam mit drei Kartonschachteln zurück. Sandra nahm die oberste. Frigor-Schokolade. Die Papiere waren ein- oder zweimal gefaltet, getippt. Sandra legte zwei vor sich hin.

Befreiig us em Paradiis

EVA:

Adam los, mer iss velääde!

De Rogge tuet me weh vom Jäte!

Scho wide Bluemechööl mit Gries,

Ond all Johr wachst do s gliichlig Gmües.

Dei osse get‘s no anderi Gääte!

ADAM:

Wie wotsch da wesse? Hör uuf stürme,

Die Mur isch z höch, me cha nüd türme!

Das Gedicht erzählte, wie Eva den behäbigen Adam von der Flucht aus dem Paradies überzeugt. Sie müssten ein Kind machen, dann lasse Gott sie gehen. Sandra verzog den Mund. Was für eine Idee.

Josefine war in der Küche, öffnete geräuschvoll ein Schiebefenster. Etwas kratzte metallisch, wurde am hölzernen Fensterrahmen ausgeklopft. Der Kaffeesatz, dachte Sandra, sicher steht die Komposttonne unterm Küchenfenster.

Das zweite Gedicht kannte Sandra schon. Lottchen, eine ehemalige Freundin des Bräutigams Alfred, taucht ohne Einladung auf der Hochzeit auf.

Ach, dort seh ich ihn schon sitzen

Tut, als kennte er mich nicht.

Alfred, kennst du denn das Lottchen,

Deine alte Lotte nicht?

Glück möcht ich dir heute bringen

Glück, geliebter Bösewicht.

Lottchen bringt Alfred seine Liebesbeweise zurück: Briefe, Locken, ein Taschentuch…

Da ist noch das Zuckerherze,

Dieses pfeildurchstochne ja,

Welches du der süssen Lotte

Liessest backen einst zum Scherze.

Ach, wie ist es hart geworden.

Iss es selber, dieses Herz!

Leider endete Lottchen im Gedicht als lächerliche Figur. Als sie ihre Brille aufsetzt, sieht sie, dass der Bräutigam gar nicht ihr Alfred ist. Sie ist im falschen Film.

Die letzte Strophe:

Und ihr habt ob Lottchens Schmerzen

Nicht ein einzig’ Mal gelacht,

Vielmehr stehn im Aug’ euch Tränen,

Tränen euch der Sympathie!

Doch dies Mitleid, nein, ich danke,

Mitleid akzeptier ich nie.

Keine Angst, ihr lieben Leute,

Männer sind genug noch da!

Find in Appenzell ich keinen,

Flieg ich nach Amerika!

Aber dann kam eine Strophe, die Sandra nicht kannte. Alfred wendet sich an Lottchen:

Lotte, bleib, ich bin’s, der Alfred!

Dort am Tische setz dich hin.

Alle Mädchen, die mich liebten,

(früher oder heute noch)

Möcht ich sehen mittendrin!

Ihr habt mir das Herz geöffnet,

Habt gezeigt mir, dass ein Mann

auch ohne Portemonnaie was kann.

Niemals werd ich euch vergessen!

Ungehobelt, stumm und taub,

ein Holzklotz wär ich ohne euch!

«Gefallen sie dir?» Josefine rückte ihre gelbgrau gemusterte Schürze zurecht. «Du kannst sie mitnehmen.» – «Oh ja! Ich möchte alle lesen! »

4

Auf dem Flur atmete Sandra tief ein. Neben der Klotür, unter einem alten Wandtelefon, stand ein Hometrainer. Ohne Zweifel für Josefine. Denn sie trug Turnschuhe, keine Pantoffeln.

Als sie zum Auto ging, wurde ein Schiebefenster mit einem Ruck aufgestossen. Sandra blieb stehen. Josefine lehnte sich heraus. Schmal wie sie war, konnte sie sogar den Arm mit der Zigarette in der Öffnung unterbringen.

«Du kommst dann zu mir, gell? Wenn du heiratest. Ich mache dir etwas Schönes.»

«Danke Josefine, aber es sieht nicht danach aus. Heiraten ist nichts für mich.»

Josefine runzelte die Stirn und winkte sie näher. Sandra stellte sich unter das Fenster und suchte ihren Autoschlüssel in der Jackentasche.

«Aber du hast jemanden. Das sehe ich doch.»

«Das siehst du?»

5

«Und die Frau hat etwas Esoterisches. Stell dir vor: Am Schluss hat sie mir ein Gedicht zu meiner Hochzeit angeboten. Ich sage, dazu wird es nicht kommen, da behauptet sie, ich hätte jemanden! Josefine ist eine halbe Hellseherin.»

«Um das zu sagen, muss man aber keine Hellseherin sein», sagte Susanne.

Sandra lachte unsicher.

«Ich finde, du hast dich sehr verändert. Als wir uns wieder getroffen haben, im Café Immermann, im Winter, da ist es mir aufgefallen.»

«Verändert?»

«Ja! Irgendwie spontaner, weniger – besorgt. Und du siehst toll aus, also ich meine, du hast schon vorher gut ausgesehen, aber…»

«Das hat mir noch niemand gesagt ...» Sandra war gerührt.

«Adele meint das auch. Das muss die Liebe sein, hab ich mir gedacht…».

Sandra seufzte.

«Ist es denn nicht so?»

«Doch … aber noch weit vom Heiraten entfernt!»

«Also wie auch immer – ich rufe wegen was anderem an. Der Tages-Anzeiger will Caroline interviewen. Nächste Woche bringen sie eine Vorbesprechung unseres Buches.» Caroline Hutter war die leitende Redaktorin.

«Sensationell! Soll ich…».

«Hast du für sie so einen kurzen Rückblick auf das ganze Buchprojekt? Caroline war ja nicht immer dabei.»

«Könnte ich zusammenstellen. Von Anfang an?»

«Von Anfang an.»

«Bis wann?»

«Bis vorgestern.»

Sandra startete gleich den PC. Wann hatte es angefangen? 1999. Sie rechnete. Anderthalb Jahre. Nur! Es fühlte sich an wie fünf.

Ein Hobby für Studierte

1

Sie erwachte von selber. Von der Hauptstrasse her hörte man die Autos. Es musste etwa halb sechs sein. In einer Stunde würde der Wecker piepsen. Heute also, dachte Sandra. Am 4. November 1999. Ihr Herz begann zu klopfen. Heute würde sie es tun. Oder vielleicht doch nicht. Neben ihr regte sich Manuel und zog seine Decke über die Schultern hoch. Sie drehte sich auf die andere Seite und schloss noch einmal die Augen.

Ein Traumrest überfiel sie. Etwas mit einer Flamme. Sie unterrichtete in einem Chemiezimmer. Auf einmal sprang vorne der grosse Gasbrenner an. Sie drehte am Schalter, aber es nützte nichts, die Flamme brauste stärker. Sie schickte die Schüler weg, der Hauswart kam. Dann der Chef, und eine Kollegin. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie den Brenner. Und plötzlich zogen sie ihre Kleider aus.

Sandra drehte sich auf den Rücken. Schon wieder so ein blöder Albtraum. Sie atmete heftig. Neulich hatte sie sogar Manuel geweckt. Sie setzte sich auf und schüttelte sich. Das konnte sie jetzt nicht gebrauchen.

Sie stand auf und zog sich an. Im Vorbeigehen drückte sie alle Lichtschalter in der Wohnung. Erst einmal frühstücken.

Beim zweiten Honigbrot hörte sie die Nachrichten. Als sie ihre Tasse in der Spüle abstellte, fühlte sie sich entschlossen. Besser sofort als noch lange zu warten. Sie würde den Rektor um einen Termin bitten. Nein, wozu denn noch? Es hatte keinen Zweck. Er würde sich sowieso hinter den Prorektor stellen. Gleich den Kündigungsbrief schreiben. „Lieber Konrad, leider…“. Wieso „leider“, immer fing sie so an. „…nach vier Jahren engagierter Lehrtätigkeit in der Handelsschule St. Fiden habe ich mich entschlossen…“

Was solls, es würde ihn sowieso nicht gross interessieren, wie sie’s formulierte.

Die Appenzeller Bahn ruckelte um die Kurve bei der Lustmühle, der junge Handwerker vis-à-vis schreckte kurz auf und schloss wieder die Augen. Alle Plätze waren besetzt. Die Schülerin neben ihr starrte konzentriert auf ihr Natel. Sandra zog ihre Agenda aus dem türkisgrünen Plastik-Rucksack. Die 2a schrieb eine Prüfung, die 2b später ebenfalls, sie würde danach mit den Sonderbundskriegen beginnen. Aber um zehn in der Pause musste sie zu Philipp Ambogen, dem Prorektor. Jan Bucher von der 3a hatte sich bei ihm über seine Aufsatznote beschwert. Sandra verschränkte die Arme und versuchte vergeblich, die Titelzeile der halb zusammengerollten Werbezeitschrift zu lesen, die am Haken beim Fenster baumelte. Es war das dritte oder vierte Mal, dass Ambogen sie aufs Büro zitierte, weil irgendein Schüler bei ihm gejammert hatte. Beim ersten Mal war sie erschrocken, das zweite Mal gekränkt. Sie hatte nachgegeben. Aber es hörte trotzdem nicht auf. Das machte ihr Bauchweh.

Sie hatte gehofft, die Klasse würde endlich ihre Prüfungsnoten akzeptieren. Das Gefeilsche um halbe Punkte nach jedem Test war seltener geworden, immerhin. Aber jetzt der Aufsatz. Sie hatte ihnen doch die Bewertung lang und breit erklärt. Gute und schlechte Beispiele abgetippt und kopiert, sogar vorgelesen!

2

Der Zug hielt mit einem Ruck in St. Fiden. Sandra stieg nicht allzu eilig aus, zog die Schultern hoch und steckte die Hände in die Jackentaschen. Die Treppe vom Stadtbahnhof zum Schulhaus war ohne Handschuhe und Mütze zu schaffen. Die Säume ihrer neuen Jeans schabten bei jedem Schritt gegeneinander. Sie bückte sich und krempelte sie ein zweites Mal um. Die Hosen waren zu lang, dafür aus Bio-Baumwolle. Im Vorbereitungszimmer würde viel los sein, Denise und Raimund waren sicher schon da. Sollte sie mit Denise darüber sprechen? Was würde sie sagen? «Du Denise, übrigens, ich kündige diese Woche.» – «Wieso denn, ist es so schlimm? Und was machst du dann?» Das war die Frage, die Sandra am meisten fürchtete. Jede Antwort, die sie zaghaft in ihrem Innern formulierte, sank sogleich zu einem lächerlichen Schäumchen zusammen. Sandra stoppte ihre Gedanken und riss entschlossen die schwere Eingangstüre auf.

Auf den hellgrauen Steintreppen überholte sie einige Schülerinnen. Denise trat gerade aus dem Vorbereitungszimmer, unterm linken Arm Bücher und Hefte geklemmt, in der rechten Hand den CD-Player. Sandra hielt ihr die Tür auf. Sie legte Jacke und Schal ab und zündete das Licht an. Denise und Raimund arbeiteten immer im Halbdunkeln, unverständlich. Das Zimmer war ihnen mehr ein Ablageraum. Auf Sandras Tisch lag der vorbereitete Stapel für die 2b. Sie kontrollierte, ob sie alles hatte: kopierte Prüfungen, Lehrbuch, Lösungsbuch, CD, Etui, Organisationsmappe. Daneben die Notizen für das Gespräch mit dem Chef. Gleich fing ihr Herz zu klopfen an. Nein, das blieb hier. Sie packte den Stapel, schloss das Zimmer ab und ging zur 2a ein Stockwerk tiefer.

Um Viertel vor zehn notierte sie, was sie im Unterricht behandelt und welche Hausaufgaben sie aufgegeben hatte. Maja und Simon putzten die Wandtafel, öffneten die Fenster, und Sandra nahm erstmals das Wetter wahr. Nebel, aber nicht allzu kalt, und oben gegen die drei Weiher ahnte man die Sonne. Lag noch ein Kaffee drin? Nein, zur Toilette. Das war dringender. Wie dringend, merkte sie erst, als sie sass. Aber eigentlich war nichts zu befürchten. Eine Kopie vom strittigen Aufsatz hatte sie gemacht – vorsorglich alle ungenügenden Arbeiten kopieren, das hatte sie sich nach dem ersten Unterrichtsjahr angewöhnt. Sie wusch sich die Hände. Ihr Bewertungsbogen war auf dem neusten Stand der Methodik, transparent und mehrdimensional. Sie rieb ihre Brille sauber. Linsen hätten besser ausgesehen, aber die Flüssigkeit zum Einlegen war alle. Ein wenig schief sass das gute alte Stück, aber das merkte man nicht. Die Türe wurde aufgerissen, drei Schülerinnen schossen in die Kabinen, riegelten krachend ab und schwatzten weiter. Sandra strich sich mit den Fingern die Haare hinter die Ohren. Strähnig. Dabei hatte sie erst am Freitag die Haare gewaschen! Sie zog den Gummi aus der hinteren Jeanstasche und band die Haare zusammen.

3

Philipp Ambogen telefonierte, winkte sie aber herein. Sandra setzte sich in den niedrigen Sessel. Die Sitzfläche war riesig. Sie kam sich vor wie ein Kind in einer Hängematte. Ambogen reichte ihr die Hand, griff nach den Unterlagen und setzte sich ihr gegenüber. Sein weinrotes Jackett spannte unter den Armen. Sie roch sein Rasierwasser.

«Jan Bucher war am Dienstag bei mir im Büro. Du weisst, ich habe ein offenes Ohr für die Schüler.» Sandra verschränkte die Arme.

«Ich muss dir ganz ehrlich sagen, die Beurteilung scheint mir etwas gar streng. Ungenügend für diesen Text? Praktisch keine Fehler ...»

Sandras Herz schlug schneller. Wie wenn er als Wirtschaftslehrer Aufsätze beurteilen könnte!

«Ja, er schreibt ganz ordentlich - aber am Thema vorbei. Keine Erörterung. Jan erzählt einfach ein Erlebnis mit seinem Kumpel. Ohne jede Argumentation!»

Der Prorektor runzelte die Stirn.

«Es ist für Schüler schwer zu begreifen, dass nicht alle ihre Ideen fürs Thema relevant sind. Manche sind beleidigt …» Sandra sagte das schmunzelnd, aber Philipp stieg nicht darauf ein.

«Am Thema vorbeigeschrieben – das ist mir beim Lesen nicht aufgefallen, und

Sandra lächelte. «Es braucht etwas Übung, bis man es merkt, ich weiss.»

«… und Jans Vater auch nicht. Er sagte mir persönlich, am Telefon, für diesen Text hätte er an der Kantonsschule eine Viereinhalb gegeben. Locker.

Also…»

«Jans Vater?»

«Ist zufällig Deutschlehrer, hier an der Kanti.» Philipp zog die Augenbrauen hoch. «Natürlich hat Jan ihm den Aufsatz gezeigt, du weisst ja, wie Jugendliche sind, ich habe jeweils auch keine Freude, wenn Schüler mit meinen Prüfungen Vergleiche anstellen. Damit müssen wir leben, Sandra. Aber wir sollten die Verhältnisse wahren, schlussendlich. Die Berufsmatura kann nicht schärfere Noten verteilen als die Kantonsschule.»

«Schon, aber das ist doch … wieso soll die Berufsmatura nicht…»

«Könntest du nicht, sagen wir mal, eine Genügend geben? Eine Vier?» Er beugte sich vor.

«Warum? Weil irgendein Vater findet, es sei zu streng? Aber ich bin doch hier die Deutschlehrerin!»

«Alexandra. Das ist nicht der Punkt. Es geht mir um deinen Ruf, schlussendlich. Die Lehrlinge sollen gerne zu uns kommen!»

«Meinen Ruf? Wieso? Verteile ich etwa reihenweise Dreier und Zweieinhalber? Meine Klassendurchschnitte sind ganz normal!»

«Ich selber musste heute Morgen eine Drei setzen, im Rechnungswesen. Aber wenn man harte Noten setzt, braucht es pädagogisches Geschick, schlussendlich.»

Immer dieses ‚schlussendlich‘. ‚Schlussendlich‘ ist schlechter Stil, schreibt das nie, sagte sie ihren Schülern, ‚schliesslich‘ ist besser.

Ambogen schmunzelte. «Wie sie uns in der Offiziersschule immer sagten: Motivieren heisst, die Soldaten dazu bringen, dass sie den schwersten Rucksack tragen - aber mit Begeisterung!»

Sandra spürte, wie Ohnmacht aufstieg und ihren Zorn überlagerte.

Er blickte auf die Armbanduhr. «Also, wie verbleiben wir, Sandra.»

«Jan soll zuerst einmal mit mir reden. Hat er bisher noch nicht.»

Ambogen presste die Lippen aufeinander. «Gut.

Gut. Es ist deine Entscheidung, schlussendlich. Aber wenn ich nächstens den Lehrmeister am Telefon habe–»

4

Sandra stand zwischen den geöffneten Türen ihres Schrankes. Als Raimund eintrat und grüsste, fiel ihr wieder ein, was sie wollte. Die Musterlösung für die Prüfung. Sie griff nach dem Lehrbuch. Während er sich mit gelassenen Bewegungen an seinem Fensterplatz mit einem Stapel altmodischer Aufsatzhefte zum Korrigieren einrichtete, notierte sie die richtigen Antworten. Sie hatte, als junge Lehrerin mit einem Teilpensum, keine Aussichten auf einen Fensterplatz, sondern arbeitete am Tisch in der Mitte zwischen Fenstern und Türe des schlauchartigen Raums. Anders als Benno. Der hatte sich einen Platz im Vorbereitungszimmer der Handelslehrer erobert. Obwohl er Englisch und Philosophie unterrichtete. Die Glastür im Sprachlehrerzimmer hatte ihn gestört. Sandra blickte auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf, sie konnte sich nicht mehr konzentrieren.

Melanie sass noch im Schulzimmer und erklärte einer Schülerin die letzte Rechnungswesen-Prüfung, als Sandra sie zum Mittagessen abholte. Sie glaubte an die perfekte Lektion. Wenn es eine Lehrerolympiade gäbe, würde sie sich sofort bewerben, dachte Sandra, ein wenig neidisch und ein wenig skeptisch. Als sie an einem ruhigen Tisch hinter dem grossen Ficus sassen, erzählte sie vom Gespräch mit Philipp Ambogen.

«Als er anfing mit dem Offizier und den Soldaten, und dass man die Schüler motivieren müsse, den schwersten Rucksack zu tragen – da bekam ich das Gefühl, ich sei falsch gewickelt, egal wie ich mich anstrenge!» Sandra suchte ein Taschentuch. «Und pädagogisch geht das doch gar nicht. Nur gute Noten verteilen, aber gleichzeitig Wahnsinnsleistungen aus den Klassen rausholen!»

Melanie warf einen Blick über Sandras Schulter. Die Tische hinten leerten sich. «Ja, find ich auch einen gemeinen Vergleich. Immer kommen sie mit ihren Militärgeschichten! Philipp hat gut reden, er ist eins neunzig gross …»

«Ich weiss langsam nicht mehr, was ich tun soll, vielleicht kündigen», schniefte Sandra.

«Ist es so schlimm? Sandy, komm, erhol dich ein wenig und schlaf drüber.»

Sie sassen noch einige Minuten, dann musste Melanie unterrichten. Sandra wusch sich in der Toilette das Gesicht. Der Computer im Zimmer war frei, sie schrieb die Prüfung noch rechtzeitig fertig.