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Hätte Emma doch bloß ihren Mund gehalten! Nach einem Gefühlsausbruch schicken höhere Mächte die Studentin - schwanger, pleite und von ihrem Freund im Stich gelassen - auf Selbstfindungs-Trip in die Vergangenheit. Die Krönung erlebt Emma im Essen des 21. Jahrhunderts - als ihre Zeitreise-Bekanntschaft, die Piratin Anne Bonny, plötzlich neben ihr aufwacht. Die selbstbewusste Freibeuterin fühlt sich in der Zukunft pudelwohl - zu wohl für Emmas Geschmack, die nun als Kindermädchen wider Willen zwischen Anne und solchen Belanglosigkeiten wie dem Strafgesetzbuch vermitteln muss. Blutige Hölle! Eine rasante Komödie über zwei ungleiche Frauen, die einen irren Roadtrip durch die Jahrhunderte erleben und der Gesellschaft dabei ganz beiläufig einen charmanten Spiegel vorhalten. Der hochaktuelle Debütroman von Sebastian Kapp geht dabei der Frage nach, was eigentlich eine starke Frau ausmacht - und warum wir im Schlaraffenland für Piraten leben. "Humorvolle Abenteuerlust. Ein Buch, das aktuelle Themen satirisch aufspießt. Der markige Sprachstil der Piratin und das herzzerreißend ungleiche Paar wecken Assoziationen an die äußerst erfolgreichen Känguru-Chroniken" (Badische Neueste Nachrichten) "Rasante Story zwischen Tag und Nacht, Traum und Wirklichkeit." (Die Rheinpfalz) "Frauenpower mit Entermesser" (Pfalz-Express)
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2021
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ESSEN, TAG 0
JAMAIKA 1721, NACHT 1
ESSEN, TAG 1
STUTTGART 1976, NACHT 2
ESSEN, TAG 2
ROUEN 1431, NACHT 3
ESSEN, TAG 3
KARTHAGO 203, NACHT 4
ESSEN, TAG 4
MÜNCHEN 1943, NACHT 5
EPILOG
NACHWORT
Die Welt, wie Emma sie kannte, gab es nicht mehr. Von jetzt auf gleich hatte sie das wohl schlimmste Wechselbad der Gefühle erlebt, das einem Menschen widerfahren konnte. Für genau zwei Stunden hatte sie eine Familie gehabt. Und damit zum ersten Mal in ihrem Leben grenzenloses Glück empfunden. Nun stand sie vor einer unmenschlichen Wahl und den Trümmern ihrer Existenz.
Der Regen tropfte ans Fenster ihrer kleinen 20-QuadratmeterWohnung. Das heißt: Eigentlich war es nur ein Zimmer mit einem Bad. Mehr konnte sie sich als mittellose Studentin nicht leisten. Den Großteil des Zimmers nahmen ihr schlichtes Bett und der Ikea-Kleiderschrank ein, in dem sie genau drei Blusen hängen hatte. Außerdem besaß sie noch einen Schreibtisch, auf dem sich zahlreiche Bücher türmten.
Ihr Blick blieb an den Büchern hängen. Kunstgeschichte. Wer studierte schon so etwas, wenn er über kein sicheres Einkommen verfügte? Emma hatte sich vor dem Beginn ihres Studiums darüber keine Gedanken gemacht. Mit einer Mischung aus Optimismus und Naivität war sie in die Welt hinausgegangen, hatte geglaubt, das Universum gehöre ihr und habe nur auf sie gewartet. Taten das denn nicht alle Abiturienten? Und stimmte es nicht sogar bei den meisten von ihnen?
Emma vergrub ihr Gesicht in ihren dunkelblonden Locken und schluchzte. Wie sollte sie nur aus dieser Lage wieder herauskommen? Sie konnte ja schlecht noch einmal „etwas Richtiges“ anfangen zu studieren, dazu war sie als Viertsemestlerin mit ihren 21 Jahren auch schon etwas zu weit in ihrem Studium.
Zwischen den Fingern hindurch starrte sie auf die weißgoldenen Ohrringe, die auf ihrem Schreibtisch lagen. Der Schmuck war vielleicht das Wertvollste, das sie besaß. Und doch wollte sie ihn am liebsten einfach aus dem Fenster werfen. Sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Martin hatte ihn ihr doch geschenkt. So wie zwei der drei Blusen in ihrem Schrank. Und dann war da noch der Ring. Sie hatte ihn noch immer nicht abgenommen, so als klammere sie sich mit aller Macht an die Illusion, die ihr soeben genommen worden war.
Ihr Blick wanderte weiter durch das Zimmer und blieb auf einem länglichen, weißen Gegenstand aus Plastik liegen, der sich an der magentafarbenen Spitze verengte. Plötzlich hatte Emma einen Kloß im Hals. Sie starrte und starrte auf dieses Objekt, so als würde sich die Zahl der Streifen auf der Anzeige durch diesen intensiven Blick wie durch Zauberhand verändern. Aber das geschah nicht. Stattdessen stand dort noch immer schwarz auf weiß, dass sie schwanger war.
„Ich habe wundervolle Neuigkeiten“, hatte sie Martin heute Morgen verkündet. Vor einem Monat hatte er ihr den Ring geschenkt und gesagt, es würde für ihn nur sie in seinem Leben geben. Zugegeben, ein richtiger Heiratsantrag war das nicht gewesen – aber doch zumindest ein halber. So etwas Kitschiges wie eine Hochzeit war in diesen modernen Zeiten doch gar nicht mehr notwendig, hatte Martin gesagt. Man müsse nicht heiraten, um sich ewige Liebe zu schwören, hatte Martin gesagt. Und ihr dann den Ring geschenkt. „Dies ist ein Zeichen meiner Liebe zu dir“, hatte Martin auch noch gesagt.
Was hatte das denn bitte sonst heißen sollen?
In dieser Nacht hatten sie zum ersten Mal das Kondom weggelassen. Und viele Versuche hatte es nicht gebraucht, um nun in diese Lage zu geraten. Nur: Martin war nicht sonderlich gewillt, Vater zu werden. Das hatte er ihr klipp und klar gesagt. „Dann mach es halt weg“, hatte er ihr gesagt. „Da ist doch heutzutage nichts dabei“, hatte er gesagt.
Emma war geschockt gewesen. Musste sie sich wirklich so etwas von Martin sagen lassen? „Ich kann doch unser Kind nicht grundlos abtreiben“, war alles, was sie erwidern konnte. Da hatte sich Martin umgedreht und plötzlich Dinge getan, von denen sie nie gedacht hätte, dass das möglich sei. Zumindest hätte sie ihm das niemals zugetraut. Als erstes hatte Martin ihr eine gescheuert. Die Schmerzen auf ihrer linken Wange spürte sie noch immer. Dann hatte er sie regelrecht angebrüllt: „Was redest du da von unserem Kind? Wenn du es unbedingt kriegen willst, dann ist es dein Kind und nur deines. Du siehst von mir dafür keinen Cent.“
„Ich ... verstehe nicht. Wir ... sind doch ...“, hatte sie noch gestottert, unfähig, zu begreifen, was sich da anbahnte. Da hatte Martin schon seinen Entschluss in Worte gefasst: „Nichts sind wir. Und von heute an wirklich gar nichts. Wenn du dieses Kind unbedingt behalten willst, dann ohne mich“, waren Martins letzte Worte an sie gewesen.
Ja, das wollte sie, unbedingt. Da konnte Martin noch so sehr eine Abtreibung fordern und all diese Kämpfer für das Recht am eigenen Bauch einwenden, was sie wollten: Es fühlte sich für Emma einfach nicht richtig an, ein Leben auszulöschen. Das konnte doch nicht richtig sein? Vor allem, wo sie doch eigentlich schon fast eine Familie ...
Wieder wurde Emma von einem Weinkrampf überwältigt.
Wie sollte sie nur weitermachen? Eine eigene Familie, die sie unterstützen konnte, hatte Emma schließlich nicht. Ihr Vater lebte irgendwo in Mexiko mit seiner neuen Familie, Emmas Mutter litt mit ihren 50 Jahren schon an Burnout und forderte eher, dass sich ihre einzige Tochter um sie kümmerte, als andersherum. Sie in dieser Situation anzurufen, wäre Emma nicht einmal im Traum eingefallen. Sie konnte sich die Vorwürfe und dieses „Hast du jemals an deine arme, kranke Mutter gedacht?“ ausreichend gut vorstellen. Das musste sie nicht auch noch physisch hören. Es war niemand da, der ihr unter die Arme greifen konnte. Mit einem Kind weiter zu studieren, war schwierig genug. Und ohne ein abgeschlossenes Studium würde sie keine Chance haben, sich und das Kind durchzufüttern.
Emma bekreuzigte sich. Sie schaute zur Wohnungstür und dem Kruzifix darüber. Eigentlich hing es dort mehr aus Dekorationsgründen denn aufgrund ihres katholischen Glaubens, der sich in den vergangenen Jahren doch sehr ausgehöhlt hatte.
Emma faltete dennoch die Hände zusammen und betete – das hatte sie seit Jahren nicht mehr getan. „Lieber Jesus, ich weiß, ich habe mich in letzter Zeit nicht häufig bei dir gemeldet. Aber bitte: Zeige mir einen Ausweg aus diesem Leid.“
Sie erwartete nicht wirklich eine Antwort. In ihrer Verzweiflung griff sie eben nach jedem Strohhalm, der ihr zur Verfügung stand – und war es auch ein noch so veralteter wie der Glaube an den „lieben Gott“. Von dem doch jeder gebildete Mensch ihrer Generation zu wissen glaubte, dass es ihn gar nicht wirklich gab. Auch Emma hatte da ihre Zweifel.
Der Wind heulte draußen noch etwas lauter. Es war Anfang Dezember und eine erste, leichte, matschige Schneedecke lag über Straßen und Bordsteinen. Es war die Zeit, in der sich die Menschen mit ihren Familien zusammenkuschelten, um die düsteren Gedanken zu vertreiben, die der nahende Winter mit sich brachte. Es war auch die Zeit, in der diejenigen, die eine solche Familie nicht hatten, über den finalen Ausstieg nachdachten. Insbesondere Studenten der Ruhr-Uni Bochum. Das lag weniger daran, dass die Uni Bochum besonders viele ihrer Angehörigen in den Selbstmord trieb, sondern an einem Missverständnis. Die Uni hatte als eine der ersten Universitäten überhaupt einst über Suizid an der eigenen Hochschule berichtet. Weil die anderen Hochschulen in Deutschland clever genug gewesen waren und dazu geschwiegen hatten, galt die Ruhr-Uni seitdem als „Selbstmorduni“ – und jeder Erstsemestler kam durch diesen Mythos dann gleich mit dem Thema Suizid in Kontakt.
Zugegeben: Es wäre ja auch leicht gewesen, sich von diesem Campus in den Tod zu stürzen. Immerhin wirkte der wie ein dreidimensionales Labyrinth, auf dem sich genügend Vorsprünge und andere Gelegenheiten finden ließen, wenn man nur danach Ausschau halten wollte.
Emma jedenfalls dachte intensiv darüber nach, den fragwürdigen Ruf ihrer Uni in dieser Hinsicht zu untermauern. Sie wollte nicht mehr leben.
Mitten in ihre düsteren Gedanken hinein ertönte plötzlich die Stimme von Herbert Grönemeyer. „Tief im Westen“, grölte es aus ihrem Handy. Emma war ein großer Fan des Ruhrpott-Poeten und hatte seit ihrer Immatrikulation „Bochum“ als Klingelton für Anrufer eingespeichert, die sie von der Uni her kannte. Ein Blick auf das Display zeigte: Es war Katha.
Emma schloss die Augen. Das hatte sie ja vollkommen vergessen in ihrem Leid!
„Katha?“, meldete sie sich mit verheulter Stimme.
„Hey, Süße! Also ich fahre jetzt los. Bist du schon unterwegs? Du, ich muss dir unbedingt was erzählen. Du kennst doch den Michi von den Hiwis. Wusstest du, dass der in Wirklichkeit ...“
Emma hörte gar nicht richtig hin, sondern atmete tief ein. Sie hatten sich ja zum Shoppen in Essen verabredet. Was meistens darauf hinaus lief, dass Katha sich irgendetwas kaufte und Emma davon träumte, was sie sich wohl alles gekauft hätte, herrschte in ihrem Portemonnaie nicht wieder einmal Ebbe. Sie war jetzt nicht gerade in der Stimmung für einen Mädels-Abend oder die Frage, was mit diesem Michi von den Hiwis los war. Doch statt Katha das zu sagen, schluchzte sie nur leise in sich hinein.
„Süße, was ist los? Da stimmt doch was nicht“, fragte Katha und unterbrach ihren Redefluss. „Was hat Martin denn gesagt?“
Das Schluchzen wurde heftiger.
„Oh je.“
Nach ein paar Sekunden hatte sich Emma wieder gefasst. „Nenn. Diesen. Namen. Nicht. Mehr“, flüsterte sie und sprach jedes Wort wie einen Messerstich aus. Daraufhin herrschte erst einmal Schweigen.
„Was hat er denn gemacht?“, fragte Katha schließlich.
„Schluss gemacht.“
„Was?! Deswegen? Das glaube ich nicht. Das ... er war doch immer so ein Netter.“
Emma fühlte blanke Wut in sich aufsteigen. „Oh ja, Mister Perfect macht nie was falsch, Mister Perfect ist ja alles andere als ein mieses, kleines und feiges Arschloch. Willst du mir das jetzt sagen?“
„Nein, nein, es ist nur – ich hätte niemals gedacht, dass ...“
„Danke, ich auch nicht! Hat er aber“, bellte Emma patzig zurück.
„Das heißt, du kommst dann eher nicht mit zum Limbecker Platz?“ Dort stand das große Einkaufszentrum im Herzen der Stadt Essen – wenn ein Haufen von Arbeitervierteln mitten im Ruhrgebiet denn so etwas wie ein Herz haben konnte.
„Nein“, sagte Emma, die für einen Moment hoffte, dass Katha ihr anbieten würde, zu kommen. Da zu sein für sie. Nur, damit sie, stolz wie sie war, das ablehnen konnte. Aber es gäbe ihr doch ein bisschen Halt.
„Dann sehen wir uns wohl morgen in der Uni. Kopf hoch, Kleines. Das wird schon wieder“, sagte Katha und legte auf.
Das wird schon wieder? DAS WIRD SCHON WIEDER?, dachte Emma in Caps – zumindest wenn man denn in Großbuchstaben wie in einem Chat denken konnte. Was war das denn nur für ein billiger Glückskeks-Tipp? Und das von ihrer besten Freundin. Na, schönen Dank auch, Katha. Sie wollte ihr die Worte hinterher brüllen. Doch alles, was sie hörte, war das Tut-Tut-Tut einer beendeten Telefonverbindung.
Emma starrte das Telefon für eine lange Zeit stumm und wie abwesend an. Sie hatte davon gehört, dass einige Menschen auf Distanz zu solchen gingen, die ins Unglück stürzten. Aber, dass es so schnell ging?
Wieder schaute sie hinaus aus dem Fenster. Ihr Zimmer befand sich im zweiten Stock. Wenn sie jetzt sprang, überlebte sie das mit Pech vielleicht – mit viel Pech sogar mit schlimmen Schäden wie Lähmungen. Dann konnte sie den Fehler nicht einmal im Nachhinein korrigieren, sondern hätte mit den Folgen noch Jahre oder Jahrzehnte zu leben. Nein, sich aus dem Fenster zu stürzen, das kam nicht infrage, zumindest nicht aus diesem Fenster.
Noch einmal wanderte Emmas Blick ihr Zimmer entlang und hin zu dem Schwangerschaftstest. Sie war so glücklich gewesen, als sie das Ergebnis gesehen hatte. Und nun sollte sie abtreiben? Das Kind töten? Einfach so?
Gut, letztendlich würde auch ein Selbstmord zu diesem Ergebnis führen. Aber was konnte sie dem Kind denn schon bieten? Wenn sie es jetzt wegmachte, dann würde zumindest alles so bleiben, wie es war.
Natürlich wusste Emma, dass das nicht unbedingt stimmte. Sie hatte genügend Artikel darüber gelesen, was eine Abtreibung für psychologische Folgen für die Mutter haben konnte. Alles Propaganda der sogenannten Lebensschützer, sagten die einen. Eine große Gefahr, sagten die anderen. Wer von beiden nun recht hatte, vermochte Emma nicht zu beurteilen. Martin jedenfalls würde bestimmt nicht zurückkommen.
Ihr fehlte etwas, um sich festzuklammern. Noch einmal schaute sie zum Kruzifix hoch. „Du bist mir auch keine Hilfe“, schrie sie, als würde sie direkt mit Jesus reden und als sei der an allem schuld. „Du erklärst immer, was alles Sünde ist. Aber wie man aus solchen Situationen rauskommt, ohne welche zu begehen, da sagst du auch nichts zu!“
Die folgende Heulattacke endete erst, als Emma entkräftet eingeschlafen war.
Emma hatte einen unruhigen Traum. Sie lief mit Martin händchenhaltend durch einen Park, die Sonne schien und ihre weiße Kleidung strahlte ein helles Licht aus, so als wären sie Engel oder Heilige. Dann zog plötzlich eine Wolke auf und Emma bekam Bauchschmerzen. Als sie nach unten schaute, sah sie eine große, blutrote Pfütze – und es kam immer mehr nach aus ihrem Unterleib. Eine regelrechte Flut brach sich Bahn und Emma spürte eine Angst, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Sie versuchte mit den Händen, den Blutstrom aufzufangen, doch es wurde immer mehr und mehr. Als sie sich panisch zu Martin umdrehte, war der verschwunden. Alle Menschen um sie herum waren verschwunden. Sogar der Park war verschwunden. Alles war irgendwie ... weiß. Weiß auf weißem Grund gewissermaßen.
Mit Ausnahme eines dunklen Punkts. Als sie näher hinsah, erkannte Emma einen bärtigen Mann mit braunschwarzem Haar, dessen Teint ihn arabisch oder türkisch aussehen ließ und der nun seine Arme ausbreitete.
„Emma“, sagte der Mann und das Wort jagte ihr einen solchen Schauer über den Rücken, dass sie einen Moment brauchte, um sich zu sammeln.
„Wer bist du?“, fragte sie zögerlich, als die Gestalt näherkam. Jetzt erkannte sie die Kleidung – es waren ein paar Lagen Tuch, seltsam unmodisch übereinandergeworfen, so als sei diese Figur vor ihr ... Aber das konnte nicht sein. Sie kannte diese Darstellung aus ihrem Studium, es gab ganze kunsthistorische Vorlesungen nur zu den Darstellungen dieser einen Person, die jetzt vor ihr zu stehen schien. Aber der konnte sie nicht wirklich begegnen. Nun gut, das ist ja ein Traum, dachte Emma, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ungewöhnlich es war, während eines Traumes zu erkennen, dass man träumte.
„Jesus?“
Die Gestalt nickte.
„Höre mich an, Emma. Du wundervolle Frau. Habe Mut!“
Emma schüttelte ungläubig den Kopf. Und wie durch Zauberhand hatte sie plötzlich ihre Starre überwunden. Dafür war ihr Zorn wieder da.
„Ach ja? Ich soll Mut haben? So einfach ist das also?“
„So einfach ist das.“
„Ich dachte, du bist ein Gott oder zumindest Gottes Sohn und nicht einfach so ein ...“, Emma suchte nach dem richtigen Ausdruck, fand stattdessen einen anderen, „so ein chauvinistisches Arschloch, das Glückskekse verkauft! So etwas sagt sich ganz leicht, wenn man ein Mann ist, weißt du?“
Jesus lächelte und stand weiterhin einfach so da, während Emma das Gefühl hatte, einmal ihren ganzen Frust rauslassen zu müssen. Immerhin war das ja nur ein Traum, oder etwa nicht? Da war alles erlaubt!
„Und außerdem, Freundchen, wo wir schon dabei sind. Hast du nicht auch Maria Magdalena schwanger sitzen lassen, um dich kreuzigen zu lassen? Ihr Typen seid doch alle gleich“, schimpfte Emma weiter.
Zugegeben, dass Maria Magdalena wirklich schwanger gewesen war, stand nicht in der Bibel, sondern nur in den großen Verschwörungsromanen von Dan Brown. Aber der Versuch konnte ja wohl kaum schaden.
Jesus sagte zunächst weiterhin nichts, schließlich wandte er sich aber doch an sie.
„Emma, ich verstehe deinen Zorn. Aber ich sage dir: Mein Vater wird dich tausendfach belohnen im Himmelreich.“
„Oh toll!“, spöttelte Emma. „Na, und da kommt mein Kind noch schneller hin als ich, wenn es verhungert oder verwahrlost, weil seine Mutter drei Minijobs gleichzeitig machen muss und sich nicht mehr kümmern kann. Außer, mein verwahrlostes Kind kommt dann doch wegen seiner kriminellen Karriere in die Hölle – und zwar im Jenseits wie auf Erden.“
Emma war noch lange nicht fertig, sondern kam nun richtig in Fahrt: „Das Problem mit Gott und dir, Jesus, ist ja nicht, dass an euch keiner mehr glaubt. Sondern, dass ihr ein bisschen billig seid, sorry!"
Jesus war der Messias. Ein Heiland wurde aus Prinzip nicht wütend – abgesehen von diesem einen Mal in diesem Tempel, aber das war eine andere Geschichte. Würde er allerdings wütend, dann hätte er wohl das Gleiche getan, was er nun auch tat.
Zunächst ging Jesus ein paar Schritte auf Emma zu. Dann öffnete er seine Lippen. „Und du, Emma Koslowksi, glaubst also, dass du die schlimmsten aller Probleme überhaupt hast, die ein Mensch erdulden muss? Dass dich die ganze Welt dafür nun bedauern und beweinen muss und die ganze Welt deine Probleme für dich lösen muss? Und jetzt glaubst du, dass ich, Jesus von Nazareth, die Probleme der Frauen nicht kenne oder sie mir nicht wichtig genug sind? Sehe ich das richtig?“
„Allerdings.“
Jesus schüttelte den Kopf. „Das ist das Problem mit euch Menschen, gerade mit denen des 21. Jahrhunderts. Ihr meint immer, ihr wäret der Mittelpunkt der Welt. Wenn ihr glücklich seid, dann hat das jeden zu interessieren. Und wenn ihr unglücklich seid, dann gibt es niemanden, der mehr leidet als ihr. Deshalb glaubt ihr auch immer gleich, dass es keinen Ausweg gibt – weil ihr nur in Hollywood-Happy-End-Szenarien denken könnt.“
„Beweis mir erst einmal das Gegenteil“, blaffte Emma den Sohn Gottes an, wenngleich sie ein wenig davon überrascht war, dass sich Jesus mit Hollywood auskannte.
„In Ordnung“, sagte Gottes Sohn und zeigte ihr dabei ein für einen Heiland fast schon diabolisches Lächeln.
*
Als Emma erwachte, lag sie nicht mehr in ihrem Bett. Sie lag nicht einmal mehr in ihrem Zimmer. Das erkannte sie, noch bevor sie die Augen aufschlug. Denn dieser Gestank war einfach überwältigend. Es roch nach Ausscheidungen. Nach Urin, nach Kot, nach Schweiß – so als sei sie mitten in der Kanalisation gelandet. Außerdem war da, wo einmal ihr weiches Bett mit den Kuscheltieren gewesen war, nun eine Lage kratzigen Strohs. Darunter konnte sie den harten Boden spüren – und zwar viel zu gut, um keine Rückenschmerzen zu bekommen.
Als sie versuchte, sich aufzurappeln, hörte sie Schreie. Es waren die Schreie einer Frau. Eine andere, ebenso junge Frauenstimme wie die der Schreienden, brüllte etwas, das verdächtig klang wie „bloody hell“. Emma spürte Angst in sich aufsteigen. Die Augen öffnen wollte sie lieber nicht. Träumte sie noch? Emma spürte, wie sich ihr vor lauter Gestank der Magen umdrehte. Das konnte doch nicht echt sein.
„Wo ... wo bin ich?“, fragte sie in die Finsternis.
Die Frauenstimme antwortete in einer harten Mischung aus Englisch, Irisch und Taverne: „Who are ya? Dutch, ey? Or German? How came ya her’?“, wobei sie das „R“ besonders stark rollte.
Emma rang noch einen Moment mit sich und hoffte, dass sie doch noch aus diesem bösen Traum aufwachen würde. Als das aber nicht geschah, öffnete sie schließlich doch die Augen.
Alles um sie herum blieb zunächst schwarz. Allmählich konnte sie einen schwachen Kerzenschein ausmachen, der ihr Loch zumindest ein wenig erhellte. Doch auf dieses wenige Licht mussten sich ihre Augen erst noch einstellen.
Als Emma sich schließlich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, bereute sie den Entschluss gleich wieder, einen Blick riskiert zu haben. Was da nach Kot und Urin stank, waren tatsächlich Kot und Urin. Dazu war das Stroh schon halb verschimmelt und einige der Fäkalien mussten von wesentlich kleineren Lebewesen stammen als von Menschen. Emma tippte auf Ratten.
Wie benebelt antwortete sie: „Yes, yes. German.“
„Far awaj from home, arn’tya?“
Ob sie weit weg von zu Hause sei? Es schien zwar so, aber Emma hatte keine Ahnung, wo genau sie eigentlich war.
„Where ... where am I?“, fragte sie daher.
„Rats’ Palace. Resort of da Unfortune.“
Ah, das sagte ihr nun alles, dachte sie spöttisch. Hatte das Mädel da gerade etwas von Ratten gesagt? Sie hatte es doch geahnt! Emma schaute sich weiter um. Nun erkannte sie die dicken Eisenstäbe, die in die Mauern eingelassen waren. Ihr Raum wirkte verdächtig wie eine Gefängniszelle. Das Herz rutschte Emma in die Hose. Was war das hier? Und wie war sie hierhergekommen?
Ihr Blick schweifte weiter, hin zu der Stimme. Sie erkannte schemenhaft eine Gestalt mit feuerroten Haaren, nicht unbedingt groß.
„Muss ja ‘ne wilde Zeche gewesen sein, dass de dich nich’ erinnern kannst, eh?“, sagte die Frauenstimme. Sprach sie jetzt plötzlich deutsch? Oder hatte Emmas Gehirn nur auf Autoübersetzung geschaltet – sogar mit Theken-Akzent? Emma war jenseits ihrer Grundverwirrung nun noch zusätzlich irritiert. Dafür gab es sicherlich eine logische Erklärung. Ganz bestimmt.
„Weißt nee nich’ mehr, wie de hergekommen bist, he? Musst du dicht sein! Blutige Hölle!“
Nein, das wusste Emma in der Tat nicht. Aber sie hatte noch immer den Verdacht, ein Deutsch übersetztes Englisch zu hören. Wer sagte schon „Blutige Hölle“ anstatt „bloody hell“ oder „nee nich’“?
Vielleicht funktionierte das ja auch umgekehrt?
„Ich habe keine Ahnung, wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin“, sagte Emma auf Deutsch – zumindest hielt sie das für Deutsch.
Das tiefe, von Rum und Whiskey gehärtete Lachen ihres Gegenüber deutete darauf hin, dass sie verstanden hatte.
„Oh, Schätzchen. Hast nich’ mehr viel Zeit, dich zu erinnern, schätz’ ich, eh? Bist hier in den heiligen Hallen vom Gouverneur von Jamaika. Quasi im Gästezimmer. Is’ nur was für die echt besonderen Gäste. So wie du un’ ich, Süßherz.“
Emma versuchte, die Flut an neuen Informationen, die nun auf sie einprasselte, zu ordnen. Da war zum einen diese Frau, auf die nun auch ein Lichtschimmer gefallen war. Sie hatte ein recht hübsches Gesicht unter den tatsächlich feuerroten Haaren. Naturhaar, ganz ohne Zweifel. Das erklärte vielleicht auch den etwas irischen Einschlag in der Sprache und die Überbetonung des „R“. Sie trug Kleidung, die wohl seit mindestens 300 Jahren aus der Mode war, wenn nicht noch länger. Es war ein einstmals weißes Hemd und darüber eine schwarze Weste – wenn man das denn Weste nennen konnte und nicht, nun ja, ein Wams. Dazu kamen lange Hosen aus Leder und Stiefel, die fast bis zu den Knien gingen. Selbst in der Zeit, als das noch modern war, trugen so etwas eigentlich nur Männer, wusste die Kunsthistorikerin Emma Koslowski.
Und dann erzählte sie auch noch etwas von Jamaika? Wie, zum Henker, kam Emma denn nun in die Karibik? Blutige Hölle! Und dann gab es hier auch noch einen Gouverneur? Auf Jamaika? Dem Land von Bob Marley und Usain Bolt?
Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Stand nicht auf dem Gesicht dieser seltsamen Frau, die vielleicht Anfang 20 sein mochte, also auch nicht älter als Emma selbst, eindeutig das ungeschriebene Wort „Pirat“? Zumindest für einen Historien-Romantiker des 21. Jahrhunderts, der keine Ahnung davon hatte, wie ein Pirat im goldenen, karibischen Zeitalter wirklich ausgesehen hatte. Aber eine Frau als Piratin, in einem Gefängnis auf Jamaika – und sie mitten drin? Was sollte das? Und welche dieser vielen Fragen sollte sie nun zuerst stellen?
„Wer bist du?“, hatte schließlich gewonnen.
„Oh, Verzeihung. Tat mich gar nich’ vorstellen.“ Die Frau machte einen Schritt auf Emma zu und deutete nun eine – männliche – Verbeugung an. „Man fürchtet mich als Anne Bonny, Erste Maat der William unter Kapitän Calico Jack Rackham. Aber für dich, Schätzchen, bin ich einfach Anne, aye?“
Anne Bonny? Emma konnte gerade so einen hysterischen Lachanfall unterdrücken. Das konnte doch alles nur ein schlechter Scherz sein. Den Namen hatte Emma natürlich schon einmal gehört. Anne Bonny war die vielleicht berühmteste Piratin der Geschichte, zumindest der westlichen. Aber sie war auch schon seit 300 Jahren tot, so ungefähr jedenfalls.
„Jaja, von wegen. Anne Bonny, alles klar“, sagte Emma und lachte drauf los. „Und ich bin die Kaiserin von China.“
„Alles klar, Kaiserin“, sagte die Frau, die partout darauf bestand, Anne Bonny sein zu wollen.
Wieder erfüllte ein Schrei die Finsternis des Kerkers. „Wer schreit denn da, um Himmels Willen?“, fragte Emma.
„Mit dem Himmel hat das nix nich’ zu tun. Das is’ Mary“, sagte die angebliche Anne Bonny in einem besorgten Ton. „Bist de gläubig? Dann bete für sie, aye?“
„Mary-wer?“
„Ja klar, kannst de ja nee nich’ wissen. Wusst’ ja außer mir un’ Jack keiner nich’. Mary Read. Sie is’ von der William, genau wie ich. Un’ sie is’ schwanger, genau wie ich.“
„Und wie ich“, platzte es aus Emma heraus, noch bevor sie darüber nachdachte.
„Dann, schätz’ ich, is’ heut’ dein Glückstag, Schätzchen!“, sagte Anne. „Weißt de, die hängen dich nich’, solang’ de schwanger bist. Is’ gegen Gott oder so. Musst de den Rotröcken nur rechtzeitig sagen. Aye?“
Emma sah die seltsame Frau mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu an. Kostüm, Sprache, Stimme und die Art und Weise, wie diese nicht gerade konventionelle Frau redete, passten jedenfalls verblüffend gut. Emma beschloss, sich erst einmal auf dieses verrückte Spiel einzulassen, wo auch immer es sie hinführen mochte. Was hatte sie schon für eine Alternative?
„Was bedeutet rechtzeitig?“
„Na, weißt de, Mary un’ ich ham echt bis zum letzten Moment damit gewartet. Das war vielleicht ein Spaß, aye. Die hättest de mal sehen sollen. Waren echt traurig, dass se uns nee nich’ hängen durften, kannst de mir glauben. Den armen Jack und die andern Jungs aber ham se gekillt. Nur uns beide halt nee nich’. Na ja, waren se auch selbs’ schuld, diese verdammten Suffköpfe. Hätten se ma’ wie Männer gekämpft, statt sich zu besaufen, dann hätten se jetz’ nee nich’ wie die Hunde hängen müssen. Für uns beide hatten die auch schon die Stricke geholt. Da hatten wir dann schnell gesagt, dass wir Weiber sind – un’ schwanger noch dazu!"
Emma musterte die Frau, die von sich behauptete, Anne Bonny zu sein. Und tatsächlich erkannte sie nun unter dem Wams einen leicht gewölbten Bauch. „Bei Mary kommt das Baby nur was schneller als bei mir. Nämlich genau jetz’. Deshalb bete, eh?“
„Wofür soll ich beten?“, fragte Emma.
„Na, dass se bei der Geburt verreckt. Sonst hängt se nämlich morgen über der Bucht, un’ halb Jamaika guckt dabei zu.“
Emma atmete tief ein. „Und was ist mit dir?“
„Geht mir bald auch so, schätz’ ich. Dauert nur noch was länger. Aber is’ ja auch egal. Viel wichtiger is’: Was machst de jetz’ eigentlich hier in meiner Zelle, Kaiserin von China, eh? Wusst’ gar nich’, dass ich heut’ ‘ne Audienz krieg bei ‘ner Blaublütigen.“
Tja, das hätte Emma gern selbst gewusst. „Keine Ahnung. Gerade saß ich noch in meiner Wohnung in Essen – und plötzlich bin ich hier.“
„In Essen? Nie davon nich’ gehört.“
„Ja, in Essen. Das ist eine Stadt in Deutschland.“
„Deutschland? Das in Europa? Is’ aber weit weg. Mary hat mir davon erzählt. Also von Flandern, aber das is’ ja fast das Gleiche, eh? Is’ mir viel zu kalt da. Un’ die Leute sind da viel zu arm, eh? Die ham da ja kein Meer dort nich’. Un’ auch keinen Rum nich’!“ Die Rothaarige knuffte Emma mit dem Ellenbogen und ließ wieder dieses Sabine-Töpperwien-Gedächtnis-Lachen hören, das in Emma seltsame Heimatgefühle weckte.
„Dafür haben wir Bier, das man auch trinken kann“, konterte Emma. Ihren Pott machte so schnell niemand schlecht. Vor allem keine Frau, durch deren Venen scheinbar mehr Rum als Blut floss.
Anne lachte. Und auch Emma traute sich schließlich, in das Lachen mit einzusteigen. „Aye, da is’ was dran. Wenn die Jungs sich mit Bier besoffen hätten statt mit Rum, dann wären wir jetz’ nee nich’ hier, Mary un’ ich.“
Wieder durchdrang ein lauter Schrei die Mauern des Gefängnisses. „Das klingt nicht gut ... Anne. Meinst du, sie schafft es?“
„Das will se doch gar nich’ tun.“
„Aber sie wird sterben.“
„Besser hier beim Versuch sterben, Leben zu schenken. Als morgen im Hafen hängen, dass es jeder sehen kann. Un’ dann noch als Leiche da tagelang hängen, wie se das mit Jack un’ den Jungs gemacht ham. Weißt de, die nennen die Bucht deshalb schon Rackham-Bucht. Glaub mir, Schätzchen, das will keiner nich’.“
Emma dachte darüber nach. Sie hatte von der Geschichte schon einmal dunkel gehört. Nachdem Rackham und seine Crew – bis eben auf die beiden Frauen – hingerichtet worden waren, hatte man ihre Leichen in Käfigen am Hafen tagelang als Mahnung ausgestellt. Damit wollte man Seeleuten gegenüber ein klares Warnzeichen setzen, was man auf Jamaika mit Piraten anstellte. Die ganze Geschichte war zu Emmas Zeit Inspiration für die Fluch-der-Karibik-Filme und die Figur Jack Sparrow gewesen.
Nur hatte die wahre Geschichte kein Happy End. Nein, das wollte wohl wirklich keiner, befand Emma. Sie bekam Mitleid mit Mary und auch mit Anne – bis sie sich daran erinnerte, warum die beiden überhaupt hier waren.
„Na ja, ist ja jetzt nicht so, dass ihr beide da ganz unschuldig hineingeraten seid, nicht wahr?“, fragte Emma und bereute im gleichen Moment, was sie soeben gesagt hatte. Würde die Piratin sich angegriffen fühlen?
Ganz im Gegenteil. Anne lachte wieder ihr tiefes Lachen von drei leeren Rumfässern. „Nee, das kann man echt nee nich’ sagen.“
„Aber warum habt ihr das dann überhaupt gemacht, wenn die hier so massiv Jagd auf Piraten machen?“
„Pah. Also, du musst erstmal eins wissen, Süße: Wir sind stolze Bürger der Republik von Nassau. Von der hast de doch sicher schon ma‘ gehört, eh?“
Emma hatte keine Ahnung, wovon Anne da sprach. „Ist das eine Piratenrepublik, oder wie?“
Anne lachte. „So ein bisschen. Gehört offiziell der britischen Krone, aber als noch Krieg gegen die Spanier war, war’s denen egal, wenn da ma‘ ein, zwei Piratenschiffe landeten.“
„Ein, zwei?“
„Na gut, vielleicht auch zwei, drei mehr.“
Emma schaute Anne kritisch an.
„Also gut, waren schon so ziemlich alle Schiffe da Piratenschiffe“, sagte Anne mit einem schelmischen Grinsen.
„Und was ist passiert?“
„Och, die wollten den Gouverneur absetzen un’ selbst Gouverneure werden.“
„Die Piraten?“
„Aye. Blackbeard. Dieser Verräter Rogers hat ihn dann abgesetzt un’ uns wieder auf’s Meer getrieben. Aber Blackbeard war auch nee nich’ besser, kann ich dir sagen. Selbst schuld sagst de, eh? Wir holen uns nur, was wir zum Leben brauchen.“
So wirklich überzeugt war Emma nicht von dieser Argumentation. „Aber du bist nicht aus Nassau, sondern aus Irland, oder?“
„Aye! Kam mit meinem Dad als Kind rüber. Der hat in Carolina ‘ne Plantage. Lief erst nee nich’ gut und war verdammt langweilig.“
„Und wie kamst du dann zur See?“
„Da war dieser Kerl, James. Faselte was von Abenteuern. Ich un’ Landleben, kannst de dir nee nich’ vorstellen. Wollt’ was erleben. Wir ham geheiratet un’ sind dann ab nach Nassau.“
„Was ist aus deinem Mann geworden?“
„Der is’ ein Feigling. Nix Abenteuer. War ein Versager. Als er rausfand, dass ich was mit Jack hab’, da wollt’ das verdammte Schwein mich doch tatsächlich auspeitschen lassen. Selbst hatte er nee nich’ die Eier dazu. Jack wollt’ mich ihm dann abkaufen.“
„Hat er?“
„Niemals! Da hab’ ich nee nich’ mitgemacht. Bin doch keine Sklavin nich’, die man einfach so handelt wie Vieh. Nee, du. Also bin ich abgehauen mit Jack.“
Emma hockte sich hin und lehnte sich an die Eisenstäbe. „Na, das hat dir ja viel gebracht.“
„Männer, Schätzchen, sind Flaschen. Kannst dich nee nich’ auf die verlassen. Erzählen dir was von Ruhm un’ meinen dabei nur Rum.“
Emma dachte an Martin. „Ich kenne das.“
Nun hockte sich auch Anne ins Stroh und schaute ihre neue Gesprächspartnerin interessiert an. „Was is’ passiert?“
„Ich war verlobt. Also mehr oder weniger. Und kaum bin ich schwanger, lässt er mich sitzen.“
„Feiges Schwein. Das sind se aber alle. Kein Funken Ehre nich’ im Leib, aber reden von nix anderem.“
Emma runzelte die Stirn.
„Un’ was machst de nu’, eh?“, wollte Anne wissen. „Wenn de wen brauchst, der das Schwein kielholt, sag einfach Bescheid. Tu das für ‘nen Freundschaftspreis“, bot Anne an. „So Kerle kann ich nee nich’ ausstehen.“
Sie wisse ja, wovon sie spreche. Und Anne hörte gar nicht mehr auf zu sprechen. „Na, Jack is’ Vater geworden. Oder wird’s noch. Un’ was meinst de, was der machen tut? Lässt sich volllaufen und kämpft nich’ ma‘ um sein Balg. Genau wie der Kerl von Mary. Hauptsache Rum. Alles feige Schweine, sag’ ich dir. Wenn de was willst im Leben, dann musst de dir das schon selbst holen!“
Emma schüttelte den Kopf. „Na, wenn ich ein Kind habe, wie soll ich denn dann noch Arbeit finden? Das geht alles nicht.“
Anne lachte. „Oh, Mann. Was für ‘ne Landratte du bist, Kaiserin. Ich hab’ auch ein Baby. Lebt auf Kuba. Besuch’ ich so oft, wie das möglich is’. Was glaubst de, wofür ich meine Beute ausgebe? Geht schon alles, wenn man nur will.“
Emma verdrehte die Augen. „Du hast ja keine Ahnung.“
„Ach, hab’ ich nee nich’, Frau Kaiserin, aye? Nur weil ich nee nich’ so vornehm spreche wie du? Blutige Hölle, ich sag dir jetz’ ma‘ was. Die Frau, die dahinten schreit, hat noch viel mehr durchgemacht als wie ich.“
Zur Bestätigung erfüllte ein weiterer Schrei von Mary Read den Raum. „Sie hat in ‘ner Armee gekämpft, in Flandern. Dann hat se den Fehler gemacht un’ sich ‘nen Mann gesucht. Mit dem hat se ‘ne Kneipe aufgemacht un’ auch vom Leben als Prinzessin geträumt, so wie du jetz’. Die hat sogar Kleider getragen, wie Weiber. Kannst de dir nee nich’ vorstellen.“
„Was ist passiert?“
„Ihr Mann is’ passiert. Einfach tot umgefallen. Sind echt unzuverlässige Leute, diese Männer, sagte ich das schon? Na, da stand se dann allein da un’ hat angeheuert, wieder in Männerkleidern.“
Emma fügte in Gedanken ein „wie sich das gehört“ hinzu, denn das schien gut zu Annes Weltbild zu passen. „Bei euch?“
„Nee, bei ‘nem Holländer, den wir dann geentert ham. Na ja, un’ da hat se sich uns angeschlossen. Mary hat sich erst ma‘ versteckt un’ niemand wusste nich’, dass se ‘ne Frau war. Also niemand, außer ich.“ Anne lächelte Emma verschwörerisch zu. „Wir Mädels erkennen uns ja doch immer.“
„Und Jack hat das dann auch irgendwann erkannt?“, fragte Emma.
Anne nickte. „Aye. Na ja, weißt de: Die Männer nehmen sich eh immer, was se wollen. So ham Mary un’ ich das dann auch getan. Is’ ausgleichende Gerechtigkeit, eh?“
Emma wagte ein schiefes Lächeln.
„Da hast du jetzt aber nicht mehr viel von, oder?“, fragte sie.
Anne schaute ebenfalls amüsiert. „Lieber so, als 80 werden auf irgend so ‘ner verdammten Farm, meinst de nich’ auch?“
„Keine Ahnung. Und deine Kinder?“, fragte Emma.
Ein Schatten huschte über Annes Gesicht. Emma spürte, dass dieses Thema die Piratin stärker beschäftigte, als die bereit war, einer Fremden gegenüber zuzugeben. „Ich bete, dass mein Vater die Kinder aufnimmt, wenn ich nich’ mehr da bin. Aber hey, is’ doch immer noch besser, als wenn’s se gar nich’ erst geben tät, eh? Weil, was hast de davon, wenn de immer tot bist un’ niemals nich’ lebst?“
Mitten hinein drang die nächste Wehe von Mary Read. Und diese war endgültig. „Oh, mein Gott“, rief die Hebamme aus der Entfernung. „Tot. Das Kind ist tot.“
Anne wurde kreidebleich. „Wie, tot? Was heißt denn das? Nein!“ Sie rannte an die Gitterstäbe und brüllte: „Mary! Mary!“
„Sie glüht ja richtig“, rief nun die Hebamme. Anne, gerade noch die Souveränität in Person, fing an zu zittern, hämmerte härter und immer härter gegen die Eisenstangen, bis ihre Hände blutig wurden. Immer wieder schrie sie: „Mary, Mary! Nein!“
Emma erkannte, dass der Piratin Tränen über die Wangen liefen. Und so viel Instinkt hatte sie dann doch, dass sie wusste: Diese Tränen waren gefährlich. Diese Frau war gefährlich.
Emma war bestürzt und fasziniert zugleich. Da stand vor ihr die berüchtigtste Piratin vielleicht aller Zeiten – langsam glaubte sie das auch –, die der Legende nach nicht einmal mit dem hängenden Jack Rackham Mitleid gezeigt hatte – und plötzlich war sie starr vor Angst und kreidebleich.
„Mary, Mary!“, schluchzte Anne noch einmal, als sich Emma von den Gitterstäben zurückzog.
Sie wusste noch zu wenig über die Hintergründe, warum sie hier war, um in die Offensive zu gehen und zu brüllen, dass man sie rauslassen sollte. Vielleicht wäre genau das der Fehler gewesen. Irgendjemand hatte sie ja schließlich hier abgeliefert. Und wer wusste schon, wie es die Wachen auffassen würden, dass sie, eine Fremde, hier bei der VIP-Gefangenen Nummer eins war? Nicht, dass man sie deshalb noch für eine Ausbruchshelferin oder so etwas hielt. Sie vertrieb also alle Gedanken an eine schnelle Flucht, auch wenn der Gestank weiterhin bestialisch war. Stattdessen waren ihre Gedanken bei der armen Frau, die dort hinten um ihr Leben kämpfte, und nicht nur um das eigene.
„Sie stirbt“, flüsterte Emma leise – so leise, dass sie dachte, Anne würde sie nicht hören.
Doch so war es nicht. Anne drehte sich um: „Sag’ das nee nich’, klar?“
Wo war die selbstbewusste, heroische Anne Bonny hin, die ja angeblich genau dieses Schicksal für ihre Mary gewollt hatte, fragte sich Emma.
„Sie stirbt, Anne. Wenn sie wirklich die Mary Read ist.“ Es war Emma wieder eingefallen, was aus Mary Read geworden war. Sie sollte nach der Geburt in der Tat gehängt werden. Doch sie bekam im Kindbett Fieber und starb daran. Im 18. Jahrhundert waren Schwangerschaften noch deutlich gefährlicher als 300 Jahre später, wusste Emma. Anne Bonny hingegen ... Da wusste man gar nichts. Es war ein großes Rätsel, warum sie damals nicht hingerichtet worden war – aber sie wurde es anscheinend nie.
Anne wirkte niedergeschlagen und ließ sich auf das verschimmelte und verfaulte Stroh fallen. „So kann die große Mary Read nee nich’ abgehen. Wie irgend so ein beschissenes normales Weib. Jetz’ bin nur noch ich über“, stellte sie niedergeschlagen fest. „Ich un’ die Kaiserin von China.“
Emma verstand. Am Ende hatte es also doch etwas gegeben, das der stolzen Piratin Furcht einflößen konnte – die Isolation. Denn mit Mary Read starb gerade ihre letzte Bezugsperson aus der Welt der Piraten. Anne blieb allein zurück mit nichts weiter als ihrem ungeborenen Kind und der Gewissheit, dass sie Mary Read nachfolgen würde.
„Eben. Ich bin noch da“, hörte sich Emma sagen.
„Ich weiß ja nich’ ma‘, wie du wirklich heißt, Kaiserin.“
„Emma. Emma Koslowski.“
„Was is’ denn das für ein Scheiß-Name? Ich dachte, du bist Deutsche? Die heißen doch nich’ Kolauski.“
Emma musste lachen. Im Ruhrgebiet hieß doch fast jeder Koslowski, Kowalski, Schwankowiak, Mattuschitz oder sonst wie polnisch. Aber klar, für Menschen aus dem frühen 18. Jahrhundert musste das noch ziemlich befremdlich wirken. Preußen war da gerade einmal 20 Jahre alt und das Ruhrgebiet gab es in dieser Form noch nicht.
„Na ja, ich habe polnische Vorfahren“, redete sich Emma heraus.
„Ah, un’ Polen is’ ja irgendwie fast schon China, eh?“
„So ungefähr“, sagte Emma und lächelte.
Während sie so mit der Piratin plauderte und versuchte, sie zu beruhigen, machte sich Emma wieder einmal Gedanken um ihr eigenes Schicksal. Wie kam sie hier nur wieder heraus? Und wie war sie überhaupt hierhin gekommen? Vielleicht wusste das ja Anne. Emma fragte.
„Nee du, keine Ahnung nich’. Warst einfach da, so von jetz’ auf gleich. Vielleicht ham se dich in der Nacht hergebracht.“
Emma wusste nicht so richtig, was sie davon halten sollte. Konnte man einfach so in einer anderen Zeit auftauchen? Wenn sie jemand hier abgelegt hatte, dann würde derjenige sicherlich wiederkommen, um zu sehen, was sie dazu zu sagen hätte, oder um zu sehen, wie es ihr ging. Oder einfach, weil derjenige ein sadistisches Schwein war. Andererseits – von wo hätte man sie denn dann bitte auflesen sollen? Immerhin kam sie aus dem 21. Jahrhundert.
„Du, ich hab’ nachgedacht“, verkündete Anne schließlich ein wenig feierlich.
Emma drehte sich zu ihr um.
„Wir sind doch beide von den Kerlen verarscht worden. Meiner is’ schon hin, da is’ nix mehr nich’ zu machen. Aber: Wenn ich hier rauskomme, dann helf’ ich dir, deinen Kerl fertig zu machen. Un’ zwar umsonst. Was sagst de dazu? Tut gut, jemanden zum Reden zu ham.“
Nun glaubte Emma tatsächlich, sie sei die Kaiserin von China. Hatte ihr gerade die gefürchtetste Piratin aller Zeiten Handlangerdienste angeboten?
Statt etwas darauf zu antworten, lachte Emma. „Ich glaube wohl kaum, dass das möglich ist. Aber Danke für das Angebot.“
*
Es dauerte ein paar Stunden, bis die Aufregung um Mary Read vorbei war. Anne und Emma beobachteten, wie zunächst ein Pfarrer und dann ein paar kräftige Männer kamen, die erst das totgeborene Baby und dann die am Fieber gestorbene Mary Read vorbeibrachten. Anne hatte bitterlich geweint – zum ersten Mal seit langer, langer Zeit, wie die schweigsame Emma von ihr erfuhr. An den Rest ihrer Crew habe Anne zuvor keine Träne verschwendet, als die hingerichtet wurde. Aber mit Mary war es anders und Emma konnte nur mutmaßen, wie nahe sich die beiden Frauen tatsächlich gestanden hatten.
„Weißt de, Kaiserin, sie war wirklich ein tolles Mädchen. Wirklich ein tolles Mädchen. Meine beste Freundin. Un’ jetz’ soll se einfach so gegangen sein.“
Die große Anne Bonny derart leiden zu sehen, gefiel Emma Koslowski überhaupt nicht. Plötzlich erkannte sie die zerbrechliche Frau hinter der jahrelang aufgebauten, harten Fassade. Anne war nicht besonders groß, wenn auch nicht so zierlich wie Emma. Zwar hatte sie sonnengebräunte Haut und für eine Frau überdurchschnittlich gut trainierte Muskeln. Aber wie eine Bodybuilderin oder eine Profi-Schwimmerin sah sie auch wieder nicht aus. Ihre Züge hatten noch immer etwas Mädchenhaftes. Zumindest, wenn sie sich nicht allzu sehr anstrengte, wie ein grimmiger, Rum trinkender Pirat auszusehen.
„Wie viele Menschen hast du eigentlich getötet?“, fragte Emma abrupt. Ihr brannte die Frage schon unter den Nägeln, seit sie den Gedanken akzeptiert hatte, dass dies tatsächlich die echte Anne Bonny sein konnte. Und bevor sie sich zu sehr anfreundeten, wollte sie doch einmal wissen, mit wem sie es hier wirklich zu tun hatte.
„Ah, verstehe“, sagte Anne bitter. „Ich weiß, was jetz’ kommt. Ich kenn’ das schon. Du meinst, ich bin ‘ne Mörderin un’ Mörderinnen ham kein Mitleid nich’ verdient. Aye? Stimmt ja auch. Ich will das auch nich’, hörst de, Kaiserin? Will kein Mitleid nich’, von niemandem.“ Emma schwieg.
„Das Problem mit dem Nehmen is’ – es gibt immer wen, dem is’ so ‘ne verdammte Schiffsladung Tabak wichtiger als sein eigenes beschissenes Leben“, sagte Anne. „Weil die Kerle Ruhm mit Rum verwechseln, das sag ich dir.“
„Und deshalb darf man sie umbringen?“
„Na ja, wenn se sonst dich umbringen, was sollst de machen, eh?“, antwortete Anne Bonny. „Wir von der William ham nie nich’ Leute gekillt, wenn das nich’ sein musste. Da gibt’s ganz andere Leute hier.“
„Wirklich niemals?“
Anne schwieg erst, dann sagte sie doch noch etwas: „Selbst mein Mann lebt noch. Glaub’s oder nich’. Un’ der wollt’ mich auspeitschen lassen, nur weil ich mit Jack, na ja, du weißt schon was. Wenn ich so ein Schwein wie Blackbeard gewesen wär’, hätte ich ihm gleich den Bauch aufgeschlitzt, als ich mit Jack davon gesegelt bin.“
„Und wenn ihr nicht bei der Arbeit wart?“
Anne lachte. „Tja, in so ‘ner Kneipe kann’s schon ma’ rau zugehen. Wenn de da nee nich’ weißt, was de mit ‘nem Messer machen sollst, bist de verloren, grad als Mädel. Aber das is’ jetz’ nich’ wirklich Mord, nich’?“
Vermutlich nicht, dachte Emma, aber so ganz sicher war sie sich da nicht. Als unschuldig würde sie Anne Bonny ja nun wirklich nicht bezeichnen. Außerdem konnte man solchen Situationen ja auch bewusst aus dem Weg gehen – aber das war wohl nicht Annes Art.
Emma war sich noch immer unschlüssig, ob sie in der Piratin nun eine Gefahr oder eine neue Freundin sehen sollte. Alles, was sie jenseits der Johnny-Depp-Romantik über die Piraten der Karibik wusste, klang irgendwie blutrünstig, brutal und keinesfalls nach Robin Hood – und schon gar nicht nach Alice Schwarzer. Und doch fasste sie eine Art von Vertrauen zu dieser unberechenbaren Frau, deren moralischer Kompass zwar irgendwie anders funktionierte als bei zivilisierten Menschen, aber der dennoch auf irgendeine unerklärliche Art intakt zu sein schien.
Für einen Moment stellte sich Emma vor, sie würde Martin kielholen. Das klang wesentlich netter, als es im Endeffekt war. Sie würde ihn an ein Seil fesseln, von einem Schiff aus ins Meer stoßen und ihn dann mithilfe dieses Seils an der anderen Schiffsseite wieder hochziehen. Das konnte aus mehrerlei Gründen tödlich enden. Zunächst einmal konnte der Delinquent ertrinken, weil er zu lange die Luft anhalten musste. Es kam also auf das richtige Tempo beim Ziehen an. Und dann schabte er meist mit dem Rücken am Kiel des Schiffes, also seiner Unterseite, entlang. Das mochte am Trockendock noch halbwegs glatt sein, auf hoher See allerdings sammelten sich daran Muscheln und anderes Getier und Gestein, das den Kiel zu einer Mischung aus Rasierklinge und Morgenstern machte und ähnliche Verletzungen zufügen konnte wie 1000 Peitschenhiebe. Wer das überlebte, konnte schließlich immer noch an Wundbrand sterben, immerhin war dies hier das frühe 18. Jahrhundert und solche medizinischen Wundermittel wie Antibiotika oder Desinfektionsmittel waren noch lange nicht erfunden. Die gängigsten Mittel in dieser Hinsicht hießen seinerzeit Rum und Feuer. Es war eine grauenvolle Vorstellung, befand Emma schließlich. So etwas wollte sie dann doch nicht, so groß ihre Wut auf Martin auch sein mochte.
Wieder schaute sie auf Anne. Vermutlich galt es in dieser rauen Zeit tatsächlich schon als fortschrittlich, wenn man nicht dieselben Gräuel vollbrachte wie die Kollegen rund um Blackbeard und die anderen berühmten Piraten der Karibik, die wohl in erster Linie vor allem gewissenlose Mörder gewesen waren – und erst in zweiter Linie Räuber und Diebe.
Es blieb lange still in Anne Bonnys Zelle – zu still nach Meinung von Emma, die wieder einmal einen Weinkrampf hatte.
„Eh, hör auf zu flennen“, brüllte sie Anne schließlich an. Aber nicht wirklich überzeugend. „Hör mal, Mary hat’s grad erwischt, da will ich nix hören von gar nix, klar? Schon gar nich’ von irgendwelchen Typen, die irgendwelche Weiber sitzen lassen. Aye?“
Emma wurde sauer. „Der mich verflixt noch mal hat sitzen lassen, weil ich schwanger bin!“
„Na und? Bin ich auch. Jetz’ flenn nee nich’ wegen dem Kerl noch rum, eh! Der Vater von meinem Balg is’ tot, was anderes als Pirat bin ich niemals nich’ gewesen. Un’ wahrscheinlich bringen die mich um, gleich wenn es da is’. Un’ jetz’ kommst du.“
