Die Kameliendame - Alexandre Dumas d. J. - E-Book

Die Kameliendame E-Book

Alexandre Dumas d. J.

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Beschreibung

Die tragisch-bittere »Kameliendame« ist ein Roman des französischen Autors Alexandre Dumas d. J., der lange Zeit im Schatten seines Übervaters stand, sich aber mit dieser Großen Leidenden der Literaturgeschichte freischreiben konnte. »Die Kameliendame« erschien 1848 und wurde zu einem der größten Erfolge der französischen Literatur. Die Pariser Halbwelt im 19. Jahrhundert: Erzählt wird das tragische Schicksal des »leichten Mädchens« Marguerite Gautier, dieses, obschon natürlich gesellschaftlich geächtet, geht eine unerwünschte Liaison mit einem Jüngling aus besserem Hause ein. Marguerite, hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe und ihrer Plicht, ihrem Geliebten sozial nicht zu schaden, trifft eine folgenschwere Entscheidung. Das Buch ist wundervoll leichtfüßig, ja amüsant geschrieben, wenn man von der Katastrophe absehen kann, die sich nicht aufhalten lässt, egal wie oft man von Neuem beginnt zu lesen. Beflügelt durch den großen Erfolg arbeitete Dumas den Stoff zu einem Bühnenstück um. Die legendäre Schauspielerin Sarah Bernhardt brillierte in der Rolle des »gefallenen Mädchens«. Bekannt ist auch die Verfilmung von 1936, in der Greta Garbo die Titelrolle gab. Musikalisch wurde die Kameliendame ebenso ein Erfolg: Giuseppe Verdi vertonte das Drama 1853 in »La Traviata« als eine der ersten realistischen Opern seiner Zeit. ›Höre, lieber Armand,‹ sagte Margarete zu mir, ›wir Geschöpfe des Zufalles haben phantastische Wünsche und unbegreifliche Liebeslaunen. Wir gewähren dem einen, was wir dem andern versagen. Manche opfern ihr ganzes Vermögen, ohne etwas von uns zu erlangen; andere hingegen gewinnen uns mit einem Blumenstrauß. Unser Herz hat keine andere Zerstreuung und keine andere Entschuldigung, als seine Launen. Du hast mich schneller für Dich gewonnen, als dies je einem Manne gelungen ist, das schwöre ich Dir; warum? Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alexandre Dumas d. J.

Die Kameliendame

Alexandre Dumas d. J.

Die Kameliendame

(La dame aux camélias)Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] EV: A. Hartleben's Verlag, Wien und Leipzig, 1913 3. Auflage, ISBN 978-3-954184-56-9

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Zum Buch

Ers­te Ab­tei­lung

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

Zwei­te Ab­tei­lung

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

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Zum Buch

Die tra­gisch-bit­te­re »Ka­me­li­en­da­me« ist ein Ro­man des fran­zö­si­schen Au­tors Alex­and­re Du­mas d. J., der lan­ge Zeit im Schat­ten sei­nes Über­va­ters stand, sich aber mit die­ser Gro­ßen Lei­den­den der Li­te­ra­tur­ge­schich­te frei­sch­rei­ben konn­te.

»Die Ka­me­li­en­da­me« er­schi­en 1848 und wur­de zu ei­nem der größ­ten Er­fol­ge der fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur.

Die Pa­ri­ser Halb­welt im 19. Jahr­hun­dert: Er­zählt wird das tra­gi­sche Schick­sal des »leich­ten Mäd­chens« Mar­gue­ri­te Gau­tier, die­ses, ob­schon na­tür­lich ge­sell­schaft­lich ge­äch­tet, geht eine un­er­wünsch­te Liai­son mit ei­nem Jüng­ling aus bes­se­rem Hau­se ein. Mar­gue­ri­te, hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen ih­rer Lie­be und ih­rer Plicht, ih­rem Ge­lieb­ten so­zi­al nicht zu scha­den, trifft eine fol­gen­schwe­re Ent­schei­dung.

Das Buch ist wun­der­voll leicht­fü­ßig, ja amüsant ge­schrie­ben, wenn man von der Ka­ta­stro­phe ab­se­hen kann, die sich nicht auf­hal­ten lässt, egal wie oft man von Neu­em be­ginnt zu le­sen.

Be­flü­gelt durch den großen Er­folg ar­bei­te­te Du­mas den Stoff zu ei­nem Büh­nen­stück um. Die le­gen­däre Schau­spie­le­rin Sa­rah Bern­hardt bril­lier­te in der Rol­le des »ge­fal­le­nen Mäd­chens«. Be­kannt ist auch die Ver­fil­mung von 1936, in der Gre­ta Gar­bo die Ti­tel­rol­le gab. Mu­si­ka­lisch wur­de die Ka­me­li­en­da­me eben­so ein Er­folg: Gi­u­sep­pe Ver­di ver­ton­te das Dra­ma 1853 in »La Tra­via­ta« als eine der ers­ten rea­lis­ti­schen Opern sei­ner Zeit.

Erste Abteilung

I.

Ich bin der Mei­nung, dass man erst nach lan­ger Beo­b­ach­tung der Men­schen im­stan­de ist, Cha­rak­tere zu schaf­fen, gleich­wie man erst durch an­hal­ten­des Stu­di­um be­fä­higt wird, eine Spra­che zu spre­chen.

Ich habe noch nicht das Al­ter er­reicht, wo man er­fin­det, und be­gnü­ge mich da­her mit dem Er­zäh­len von Tat­sa­chen.

Die fol­gen­de Ge­schich­te ist durch­aus wahr, ich habe nur die Na­men der dar­an teil­neh­men­den Per­so­nen ver­än­dert, denn alle, mit Aus­nah­me der Hel­din die­ser Er­zäh­lung, le­ben noch.

Über­dies gibt es zu Pa­ris Per­so­nen, wel­che Zeu­gen der hier ge­sam­mel­ten Tat­sa­chen wa­ren und die­sel­ben be­stä­ti­gen könn­ten, wenn mein Zeug­nis nicht ge­nüg­te; ich al­lein aber wur­de durch be­son­de­re Ver­hält­nis­se in den Stand ge­setzt, die­se Ge­schich­te zu schrei­ben, denn ich al­lein wur­de mit al­len Ein­zel­hei­ten so ver­traut, um eine ge­naue, ver­ständ­li­che und voll­stän­di­ge Er­zäh­lung ge­ben zu kön­nen.

Die­se Ein­zel­hei­ten ka­men auf fol­gen­de Art zu mei­ner Kennt­nis. Am 12. März 1843 las ich in der Rue La­fit­te einen großen gel­ben An­schlag­zet­tel, wel­cher die An­zei­ge ei­nes Ver­kau­fes von Mö­beln und Lu­xus­ar­ti­keln ent­hielt. Die­ser Ver­kauf soll­te »in­fol­ge ei­nes To­des­falls« statt­fin­den. Die ver­stor­be­ne Per­son wur­de nicht ge­nannt, aber die Ver­stei­ge­rung des Nach­las­ses soll­te am 16. in der Rue d’An­tin von zwölf bis fünf Uhr nach­mit­tags statt­fin­den.

Am 13. und 14., hieß es auf dem An­schlag­zet­tel, kön­ne man die Woh­nung be­su­chen, in der sich die Mö­bel, Ge­mäl­de und alle zu ver­stei­gern­den Ge­gen­stän­de be­fan­den.

Ich war stets ein Lieb­ha­ber von merk­wür­di­gen Stücken, ich nahm mir also vor, die­se Ge­le­gen­heit zu be­nüt­zen, um die­sel­ben zu se­hen und viel­leicht et­was da­von zu kau­fen.

Am fol­gen­den Tage be­gab ich mich in das be­zeich­ne­te Haus der Rue d’An­tin. Am Hau­stor sah ich zwei noch grö­ße­re An­schlag­zet­tel, wel­che über die be­vor­ste­hen­de Ver­stei­ge­rung noch ge­naue­re Aus­kunft ga­ben, als je­ner, den ich in der Rue La­fit­te ge­se­hen hat­te. Der Haus­meis­ter sag­te mir auf mei­ne An­fra­ge, dass die zu ver­kau­fen­den Ge­gen­stän­de im ers­ten Stock zu se­hen wä­ren und dass die Woh­nung of­fen sei.

Es war noch früh, und den­noch wa­ren schon Be­su­cher und so­gar Be­su­che­rin­nen da, wel­che, ob­gleich in Samt ge­klei­det und in Kasch­mirs gehüllt, den vor ih­ren Au­gen aus­ge­brei­te­ten Lu­xus den­noch mit Be­wun­de­rung be­trach­te­ten.

In der Fol­ge be­griff ich die­se Ver­wun­de­rung und die­ses Er­stau­nen, denn bei ge­nau­er Beo­b­ach­tung die­ses Lu­xus, der nicht im­mer von völ­lig ta­del­lo­sem Ge­schmack war, er­riet ich bald, wer die­se Ge­mä­cher be­wohnt ha­ben müs­se. Über­dies er­kann­te ich in den drei oder vier Be­su­che­rin­nen, de­ren ele­gan­te Coupés1 vor dem Hau­se hiel­ten, ga­lan­te Da­men, die in der großen Welt ziem­li­ches Auf­se­hen mach­ten; ich wuss­te mir da­her ihr Er­stau­nen und Lä­cheln zu er­klä­ren, so oft ih­nen ein Ge­gen­stand von großem Wer­te vor­kam.

Kurz, es un­ter­lag kei­nem Zwei­fel, dass ich in der Woh­nung ei­ner durch ih­ren Lu­xus be­kann­ten fem­me ent­re­te­nue war. Wenn es et­was gibt, was ga­lan­te Frau­en zu se­hen wün­schen, so sind es die Woh­nun­gen je­ner Ri­va­lin­nen, de­ren Equi­pa­gen täg­lich an ih­ren ei­ge­nen vor­über­rol­len, die, gleich ih­nen, Lo­gen in der Oper und im ita­lie­ni­schen Thea­ter ha­ben, und ihre Schön­heit, ihre Bril­lan­ten und Skan­da­le ohne Er­rö­ten zur Schau tra­gen.

Die Be­woh­ne­rin der Prunk­ge­mä­cher, in de­nen ich mich be­fand, war tot; es konn­ten da­her die tu­gend­haf­tes­ten Frau­en bis in ihr Zim­mer drin­gen. Der Tod hat­te die­se glän­zen­de Kloa­ke ge­rei­nigt, und über­dies konn­ten sich die­se Da­men – wenn sie wirk­lich ei­ner Ent­schul­di­gung be­dürf­ten – da­mit ent­schul­di­gen, dass sie zu ei­ner öf­fent­li­chen Ver­stei­ge­rung ka­men, ohne zu wis­sen, wem die Sa­chen ge­hört hat­ten. Sie hat­ten die An­schlag­zet­tel ge­le­sen, sie woll­ten se­hen, was in dem Ver­zeich­nis­se auf­ge­führt war; da­bei aber konn­ten sie mit­ten un­ter al­len die­sen Wun­der­din­gen un­ge­hin­dert die Spu­ren je­nes ko­ket­ten Le­bens auf­su­chen, von dem sie ohne Zwei­fel gar selt­sa­me Din­ge ge­hört hat­ten.

Un­glück­li­cher­wei­se wa­ren die­se Ge­heim­nis­se mit der Göt­tin zu Gra­be ge­gan­gen und vie­le Da­men ver­moch­ten mit dem bes­ten Wil­len nur zu er­for­schen, was nach dem Ab­le­ben der schö­nen Sün­de­rin zu ver­kau­fen war, aber nichts von dem, was bei Leb­zei­ten der letz­te­ren feil ge­we­sen war.

Es gab üb­ri­gens gar viel zu kau­fen. Der mit Kor­du­an­le­der ta­pe­zier­te Spei­se­saal hat­te zwei präch­ti­ge Schrän­ke aus der Zeit Hein­rich des Vier­ten, in de­nen sil­ber­nes und ver­gol­de­tes Ta­fel­zeug glänz­te. Gro­ße, ge­stick­te Vor­hän­ge ver­schlei­er­ten die Fens­ter und Ses­sel von dem glei­chen Stoff um­ga­ben einen kunst­voll ge­schnitz­ten Tisch von Ei­chen­holz.

In dem mit groß­ge­blüm­tem Stoff aus­ge­schla­ge­nen Schlaf­zim­mer stand auf ei­ner Er­hö­hung ein pracht­vol­les Bett, auf Ka­rya­ti­den2 ru­hend, die Fau­ne und Bac­chan­tin­nen dar­stell­ten. Auf den plat­ten Säu­len die­ses Bet­tes wa­ren Was­ser­kan­nen an­ge­bracht mit Wein­ran­ken ver­schlun­gen, aus de­nen Lie­bes­göt­ter her­vor­lug­ten. Die Bett­vor­hän­ge wa­ren aus dem­sel­ben Stoff wie die Ta­pe­ten und die Fuß­de­cke be­stand aus der schöns­ten Spit­zen­sti­cke­rei.

Nach die­sem Hei­lig­tum zu ur­tei­len, muss­te die Göt­tin schön ge­we­sen sein; ge­wiss war, dass die Pries­ter den Al­tar ge­schmückt hat­ten.

Zwi­schen den bei­den Fens­tern stand ein großer Glas­schrank mit chi­ne­si­schem Por­zel­lan und ei­ner Men­ge al­ler­liebs­ter Spie­le­rei­en; dar­über hing eine Ori­gi­nal­zeich­nung von Vi­dal.

In ähn­li­cher Wei­se war die gan­ze Woh­nung aus­ge­stat­tet. Der Sa­lon war weiß, kirsch­rot und Gold; die Mö­bel wa­ren von Ro­sen­holz, der Kron­leuch­ter wür­de ei­nem Fürs­ten­saa­le zur Zier­de ge­reicht ha­ben und auf dem Ka­min­ge­sims stand eine Pen­du­le so groß wie ein Kind.

Das Bou­doir war in gel­bem Sei­den­stoff ta­pe­ziert, Di­vans, Arm­leuch­ter, chi­ne­si­sches Por­zel­lan und Spit­zen, nichts fehl­te. Ein Fau­teuil,3 des­sen Stoff durch häu­fi­gen Ge­brauch ab­ge­nützt war, schi­en zu be­wei­sen, dass sei­ne Be­sit­ze­rin einen großen Teil ih­rer Zeit auf dem wei­chen, schwel­len­den Sitz zu­ge­bracht hat­te. Ein Pia­no von Ro­sen­holz deu­te­te auf ih­ren Kunst­sinn.

Ich mach­te die Run­de durch die Zim­mer und folg­te den Da­men, die vor mir ein­ge­tre­ten wa­ren. Sie gin­gen in ein mit per­si­schem Stoff aus­ge­schla­ge­nes Zim­mer und ich woll­te eben­falls ein­tre­ten, als sie lä­chelnd wie­der her­aus­ka­men; es schi­en bei­na­he, als ob sie sich die­ser neu­en Merk­wür­dig­kei­ten ge­schämt hät­ten. Mei­ne Neu­gier­de wur­de nur noch grö­ßer. Es war das Toi­let­te­zim­mer und ent­hielt noch alle jene Lu­xus­ge­gen­stän­de, in de­nen sich die Ver­schwen­dung der Ver­stor­be­nen am höchs­ten ent­wi­ckelt zu ha­ben schi­en.

Auf ei­nem an der Wand ste­hen­den großen Ti­sche, der wohl sechs Fuß lang und drei Fuß breit sein moch­te, glänz­ten alle Schät­ze, die in dem La­den Au­cocs und Odiots4 zu ha­ben sind. Nichts fehl­te an der Voll­stän­dig­keit die­ser Samm­lung, und alle die tau­send Toi­let­te­ge­gen­stän­de wa­ren von Gold oder Sil­ber. Die­se Samm­lung hat­te in­des­sen nur nach und nach an­ge­legt wer­den kön­nen und sie war of­fen­bar von mehr als ei­ner mil­den Hand ge­spen­det wor­den.

Der An­blick des Toi­let­te­zim­mers ei­ner fem­me ent­re­te­nue mach­te mich nicht so scheu wie die vor mir ein­ge­tre­te­nen Da­men und ich nahm die Ge­gen­stän­de ge­nau in Au­gen­schein. Nach ei­ni­gen Au­gen­bli­cken be­merk­te ich, dass alle die­se präch­tig zi­se­lier­ten Ge­gen­stän­de ver­schie­de­ne An­fangs­buch­sta­ben und Adels­kro­nen führ­ten. Ich zog dar­aus den Schluss, dass je­der sein Schmuck­käst­chen mit­ge­bracht und nicht wie­der mit­ge­nom­men hat­te, und da die Samm­lung so reich­hal­tig war, konn­te die An­zahl der Ge­ber wohl nicht ganz klein ge­we­sen sein.

Ich be­trach­te­te alle die­se Sa­chen, de­ren jede eine Ent­eh­rung des ar­men Mäd­chens dar­stell­te, und ich dach­te, Gott sei doch recht gü­tig ge­gen sie ge­we­sen, dass er ihr dle ge­wöhn­li­che Stra­fe, wel­che die Ge­fal­le­nen frü­her oder spä­ter trifft, er­spart und sie mit­ten in ih­rem Lu­xus, in ih­rer Schön­heit und Ju­gend aus die­sem Le­ben ab­be­ru­fen hat­te. Man­cher konn­te viel­leicht noch lan­ge an sie den­ken, da sie nicht alt ge­wor­den war, und das Al­ter ist ja der ers­te Tod der Buh­le­rin­nen.

Ich ken­ne kei­nen trau­ri­ge­ren An­blick als das Al­ter des Las­ters, zu­mal bei dem an­de­ren Ge­schlecht. Es ent­hält kei­ne Poe­sie und flö­ßt kei­ne Teil­nah­me ein. Es er­regt ein pein­li­ches Ge­fühl, die­se Trüm­mer ver­gan­ge­nen Glan­zes in der Nähe zu se­hen. Die­se nim­mer en­den­de Reue, nicht über die be­gan­ge­nen Fehl­trit­te, son­dern über schlech­te Be­rech­nun­gen und das schlecht ver­wen­de­te Geld, ist ei­nes der trau­rigs­ten Din­ge, die man hö­ren kann. Ich habe eine Buh­le­rin ge­kannt, der aus ih­rer Ver­gan­gen­heit nichts ge­blie­ben war als eine Toch­ter, die fast eben­so schön war, wie sie nach der Ver­si­che­rung ih­rer Zeit­ge­nos­sen einst selbst ge­we­sen war. Die­ses arme Mäd­chen war von ih­rer Mut­ter nie an­ders als aus schnö­der Ge­winn­sucht Toch­ter ge­nannt wor­den. Ich er­in­ne­re mich, dass sie Loui­se hieß und eine zar­te blas­se Schön­heit war. Die ge­wis­sen­lo­se Mut­ter for­der­te von ihr, sie in ih­rem Al­ter auf die­sel­be Wei­se zu er­näh­ren, wie sie das Kind einst er­nährt hat­te, und Loui­se – ge­horch­te ohne ei­ge­nes Wol­len, ohne Lei­den­schaft, wie sie ei­nem an­de­ren Be­fehl ge­horcht ha­ben wür­de. Man hät­te sie mit ei­nem Au­to­mat ver­glei­chen kön­nen. In ih­rem Her­zen hat­te nichts Gu­tes ge­keimt, weil nichts Gu­tes hin­ein­ge­sä­et wor­den war. Das frü­he­re Las­ter­le­ben hat­te die bes­se­re Ein­sicht, die Gott ihr viel­leicht ge­ge­ben, ge­tö­tet.

Loui­se ging fast täg­lich zu der­sel­ben Stun­de über die Bou­le­vards. Ihre Mut­ter be­glei­te­te sie be­stän­dig und mit der­sel­ben sorg­sa­men Wach­sam­keit, wie eine wah­re Mut­ter ihre Toch­ter be­glei­tet ha­ben wür­de. Ich war da­mals noch sehr jung und kei­nes­wegs ab­ge­neigt, die leicht­fer­ti­ge Moral un­se­res Jahr­hun­derts für mich an­zu­neh­men. Ich er­in­ne­re mich je­doch, dass mich der An­blick die­ser schänd­li­chen Beauf­sich­ti­gung mit Un­wil­len und Ab­scheu er­füll­te.

Man den­ke sich dazu das un­schul­digs­te Ma­don­nen­ge­sicht, mit dem Aus­druck tiefer Schwer­mut und ge­dul­di­ger Er­ge­bung.

Loui­se wur­de bald das Op­fer ei­nes schänd­li­chen Ver­bre­chens, das der An­stand nä­her zu be­zeich­nen ver­bie­tet. Die Mut­ter lebt noch, der Him­mel weiß wie.

Die Ge­schich­te Loui­sens war mir ein­ge­fal­len, wäh­rend ich die sil­ber­nen Be­cher und Schmuck­käst­chen be­trach­te­te, und es moch­te wohl ei­ni­ge Zeit dar­über ver­gan­gen sein, denn die schö­nen Be­su­che­rin­nen wa­ren ver­schwun­den und ich war mit dem Auf­se­her al­lein in der Woh­nung. Die­ser stand an der Tür und be­ob­ach­te­te jede mei­ner Be­we­gun­gen mit großer Auf­merk­sam­keit.

Sei­ne arg­wöh­ni­schen Bli­cke ent­gin­gen mir kei­nes­wegs und ich trat auf ihn zu.

»Mon­sieur«, sag­te ich zu ihm mit der Höf­lich­keit, die man sol­chen Leu­ten ge­gen­über be­ob­ach­ten muss, »kön­nen Sie mir den Na­men der Per­son sa­gen, die hier ge­wohnt hat?«

»Ma­de­moi­sel­le Mar­gue­ri­te Gau­tier«, ant­wor­te­te der Auf­se­her.

Ich er­in­ner­te mich, dass ich wirk­lich eine in ganz Pa­ris be­rühm­te Schön­heit die­ses Na­mens oft ge­se­hen hat­te. Es war eine je­ner Schö­nen, die durch ih­ren Auf­wand großes Auf­se­hen ma­chen.

»Wie!« sag­te ich zu dem Auf­se­her, »Mar­gue­ri­te Gau­tier ist tot?«

»Ja, mein Herr.«

»Seit wann?«

»Ich glau­be seit drei Wo­chen.«

»Und warum ge­stat­tet man dem Pub­li­kum Zu­tritt in die­se Woh­nung?«

»Die Gläu­bi­ger mein­ten, der Er­trag der Ver­stei­ge­rung wer­de dann grö­ßer wer­den. Die Kauf­lus­ti­gen kön­nen im Voraus se­hen, wel­chen Ef­fekt die Stof­fe und Mö­bel ma­chen. Sie be­grei­fen wohl, dass die Kauf­lust dann grö­ßer wird.«

»Sie hat­te also Schul­den?«

»Ja, ja, sehr vie­le.«

»Aber der Er­trag der Auk­ti­on wird die Schul­den doch de­cken.«

»Es wird ge­wiss noch mehr ein­ge­hen.«

»Wer er­hält dann den Über­schuss?«

»Die Ver­wand­ten der Ver­stor­be­nen.«

»Sie hat­te also Ver­wand­te?«

»Es scheint so.«

»Ich dan­ke Ih­nen«, sag­te ich zu dem Man­ne, der mir die­se Aus­kunft ge­ge­ben hat­te.

Der Auf­se­her, der nun wohl sah, dass ich nichts hat­te steh­len wol­len, grüß­te mich höf­lich und ich ver­ließ die ver­öde­ten Prunk­ge­mä­cher.

»Ar­mes Mäd­chen«, sag­te ich zu mir selbst, als ich in mei­ne Woh­nung zu­rück­kehr­te; »sie hat ge­wiss ein recht trau­ri­ges Ende ge­habt, denn in ih­rer Sphä­re hat man nur Freun­de, wenn man sich wohl be­fin­det.«

Ich fühl­te un­will­kür­lich eine Re­gung des Mit­leids bei dem Ge­dan­ken an Mar­gue­ri­tes Schick­sal.

Dies wird man­chem viel­leicht lä­cher­lich schei­nen, aber ich habe eine un­er­schöpf­li­che Nach­sicht ge­gen Sün­de­rin­nen und ich gebe mir nicht ein­mal die Mühe, die­se Nach­sicht nä­her zu er­ör­tern.

Als ich ei­nes Ta­ges auf der Prä­fek­tur einen Rei­se­pass nahm, sah ich in ei­ner der an­gren­zen­den Gas­sen ein Mäd­chen, das von zwei Gen­darmen weg­ge­führt wur­de. Ich weiß nicht, was sie ge­tan hat­te, ich kann nur sa­gen, dass sie bit­ter­lich wein­te, in­dem sie ein klei­nes Kind, von wel­chem man sie tren­nen woll­te, zärt­lich um­arm­te. So lan­ge aber ein weib­li­ches Ge­müt noch Trä­nen hat, ist es noch nicht ver­stockt; wer noch wei­nen kann, ist noch nicht ganz ver­wor­fen. Trä­nen sind die zwei­te Tau­fe des Ge­wis­sens, sie wa­schen im­mer et­was ab. Es ist je­doch nicht bloß un­se­re Ab­sicht, ein phi­lo­so­phi­sches Buch über die Buh­le­rin­nen zu schrei­ben. Wir be­kla­gen von gan­zem Her­zen jene schwa­chen Ge­schöp­fe, die täg­lich sün­di­gen, ohne meis­tens zu wis­sen, was sie tun, und wir hal­ten uns nicht für be­rech­tigt, stren­ger ge­gen sie zu sein, als Chris­tus war. Wir be­schrän­ken uns auf die Er­zäh­lung der ver­spro­che­nen ein­fa­chen Ge­schich­te, de­ren Wahr­heit wir aufs neue ver­bür­gen, und wir bit­ten den Le­ser, aus die­ser Er­zäh­lung die sich na­tur­ge­mäß er­ge­ben­den Schlüs­se zu zie­hen, de­ren An­deu­tung wir nicht für not­wen­dig hal­ten.

Ein Coupé ist eine zwei­ach­si­ge Pfer­de­kut­sche mit ei­ner hal­b­en ge­schlos­se­nen Ka­bi­ne und ei­ner Bank für zwei Per­so­nen.  <<<

Skulp­tur ei­ner weib­li­chen Fi­gur mit tra­gen­der Funk­ti­on in der Archi­tek­tur.  <<<

Lehn­stuhl, Lehn­ses­sel oder Arm­ses­sel  <<<

Berühm­te Ju­we­lie­re der da­ma­li­gen Zeit  <<<

II.

Die Ver­stei­ge­rung war auf den 16. an­ge­setzt. Man hat­te einen Tag zwi­schen den Be­su­chen der Kauf­lus­ti­gen und der Ver­stei­ge­rung ge­las­sen, um den Ta­pe­zie­rern Zeit zu ge­ben, die Vor­hän­ge, Ta­pe­ten u. dgl. ab­zu­neh­men.

Ich war da­mals eben von der Rei­se ge­kom­men. Es war nicht sehr zu ver­wun­dern, dass man mir bei mei­ner Rück­kehr in die Haupt­stadt un­ter den Neu­ig­kei­ten den Tod Mar­gue­ri­tes nicht als eine je­ner wich­ti­gen Stadt­neu­ig­kei­ten ge­mel­det hat, die man sonst von Freun­den und Be­kann­ten nach län­ge­rer Ab­we­sen­heit zu er­fah­ren pflegt. Mar­gue­ri­te war eine be­kann­te Schön­heit, aber sie war im Grun­de doch nur eine fil­le ent­re­te­nue, und wie großes Auf­se­hen die­se scho­nen Sün­de­rin­nen un­ter der Pa­ri­ser Mo­de­welt im Le­ben auch ma­chen, so we­nig wird ihr Tod be­ach­tet. Es sind Son­nen, die eben­so glanz­los un­ter­ge­hen, wie sie auf­ge­gan­gen sind. Ster­ben sie jung, so wird ihr Tod von al­len ih­ren Ge­lieb­ten zu­gleich ver­nom­men, denn in Pa­ris le­ben fast alle Ver­eh­rer ei­ner be­kann­ten Buh­le­rin auf dem freund­schaft­lichs­ten Fuße. Zehn Mi­nu­ten, höchs­tens eine Stun­de lang wer­den ei­ni­ge Aus­drücke des Be­dau­erns ge­wech­selt und alle le­ben dann in ih­rer ge­wohn­ten Wei­se fort, ohne dass ih­nen die Nach­richt eine Trä­ne ent­lockt.

Wenn man in die­ser Haupt­stadt der zi­vi­li­sier­ten Welt ein­mal das fünf­und­zwan­zigs­te Jahr er­reicht hat, so wer­den die Trä­nen eine zu sel­te­ne Ware, als dass man sie so leicht hin­ge­ben könn­te. Höchs­tens wer­den nahe Ver­wand­te, wel­che die Trä­nen mit ih­rem Nach­lass be­zah­len, nach Ver­hält­nis des letz­te­ren be­weint.

Was mich be­trifft, so stand mein Na­mens­zug frei­lich auf kei­nem Schmuck­käst­chen Mar­gue­ri­tes, ich hat­te sie kaum ge­se­hen und kann­te sie nur, wie je­der jun­ge Pa­ri­ser die be­kann­tes­ten Mo­de­da­men kennt; aber je­nes gleich­sam in­stinkt­mä­ßi­ge Mit­leid, das ich so­eben ein­ge­stan­den habe, führ­te mei­ne Ge­dan­ken öf­ter und län­ger auf ih­ren Tod zu­rück, als sie viel­leicht ver­dien­te.

Ich er­in­ner­te mich, Mar­gue­ri­te sehr oft in den Champs Elysées ge­se­hen zu ha­ben; sie pfleg­te dort täg­lich in ei­nem ele­gan­ten blau­en Coupé zu er­schei­nen. Es war mir auch er­in­ner­lich, dass sie nicht nur eine sel­te­ne Schön­heit ge­we­sen war, son­dern auch eine un­ter ih­res­glei­chen kei­nes­wegs ge­wöhn­li­che äu­ße­re Di­stink­ti­on ge­zeigt hat­te.

An­de­re fem­mes ent­re­te­nues pfleg­ten auf ih­ren Spa­zier­fahr­ten den Kopf be­stän­dig zum Schla­ge hin­aus­zu­ste­cken und ih­ren Be­kann­ten zu­zu­lä­cheln. Sie tra­gen au­ßer­dem in ih­rem An­zu­ge einen un­glaub­li­chen Lu­xus zur Schau, wes­halb sich die wirk­lich dis­tin­guier­ten Da­men äu­ßerst ein­fach klei­den.

Da­bei las­sen sich jene Un­glück­li­chen je­der­zeit von je­mand be­glei­ten. Da sich ein Mann nur höchst sel­ten ent­schließt, ein Ver­hält­nis, das den Schlei­er der Nacht er­heischt, der Öf­fent­lich­keit preis­zu­ge­ben, und da ih­nen die Ein­sam­keit un­aus­steh­lich ist, so fah­ren sie in Beglei­tung min­der glück­li­cher »Freun­din­nen«, die kei­ne Equi­pa­ge ha­ben, oder al­ter Buhl­schwes­tern, an die man sich ohne Be­den­ken wen­den kann, wenn man über die jün­ge­ren, die sie be­glei­ten, et­was Nä­he­res zu er­fah­ren wünscht.

Auf Mar­gue­ri­te fan­den die­se all­ge­mei­nen Merk­ma­le kei­ne An­wen­dung. Sie saß im­mer al­lein in ih­rem Wa­gen und war für die Vor­über­ge­hen­den kaum sicht­bar. Im Win­ter hüll­te sie sich in einen großen Kasch­mir­schal, im Som­mer trug sie sehr ein­fa­che Klei­der; und ob­gleich sie auf der Pro­me­na­de vie­len ih­rer Be­kann­ten be­geg­ne­te, so lä­chel­te sie ih­nen nur sel­ten und so an­stän­dig und wür­de­voll zu, als ob sie eine Her­zo­gin ge­we­sen wäre.

So fuhr sie stets im schnel­len Tra­be durch die Al­leen in das Bou­lo­gner Wäld­chen. Dort stieg sie aus und ging eine Stun­de spa­zie­ren; dann setz­te sie sich wie­der in ihr Coupé und kehr­te eben­so schnell, wie sie ge­kom­men war, nach Hau­se zu­rück.

Üb­ri­gens war ihr ele­gan­ter, ge­schmack­vol­ler Wa­gen so be­kannt, dass sich auf der Place Louis XV. meis­tens je­mand be­fand, der auf den vor­über­fah­ren­den Wa­gen deu­te­te und sag­te: »Da fährt Mar­gue­ri­te in das Bou­lo­gner Wäld­chen.«

Ich er­in­ne­re mich al­ler die­ser Um­stän­de, de­ren Zeu­ge ich zu­wei­len ge­we­sen war, und ich be­klag­te den Tod Mar­gue­ri­tes, wie man die gänz­li­che Zer­stö­rung ei­nes schö­nen Kunst­wer­kes stets be­kla­gen muss.

Es war in der Tat auch un­mög­lich, eine rei­zen­de­re Schön­heit zu se­hen, als Mar­gue­ri­te Gau­tier. Sie war groß und viel­leicht et­was zu schlank, aber sie be­saß im höchs­ten Gra­de die Kunst, durch die Wahl und An­ord­nung ih­res An­zu­ges die­ses Ver­se­hen der Na­tur wie­der gut zu ma­chen. Ihr Schal, des­sen Spit­ze den Bo­den be­rühr­te, ließ zu bei­den Sei­ten die brei­ten Vo­lants ei­nes sei­de­nen Klei­des se­hen, und der große Muff, in wel­chem sie ihre Hän­de ver­steck­te, war mit so ge­schickt ver­teil­ten Fal­ten um­ge­ben, dass selbst ein sehr wäh­le­ri­sches Auge an den Um­ris­sen ih­rer Ge­stalt nichts aus­zu­set­zen hat­te.

Das rei­zen­de Köpf­chen war der Ge­gen­stand ei­ner be­son­de­ren Ko­ket­te­rie; es schi­en, wie Al­fred de Mus­set sa­gen wür­de, von ih­rer Mut­ter so ge­macht zu sein, um recht sorg­fäl­tig ge­pflegt zu wer­den.

Das Ge­sicht bil­de­te ein un­be­schreib­lich lieb­li­ches Oval. Die Au­gen­brau­en wa­ren so re­gel­mä­ßig schön und rein, dass sie ge­malt zu sein schie­nen, und die schwar­zen Au­gen wa­ren von lan­gen Wim­pern ver­schlei­ert, wel­che auf die sanft ge­röte­ten Wan­gen einen Schat­ten war­fen. Die Nase war fein und edel ge­formt und gab dem gan­zen Ge­sicht einen geist­rei­chen Aus­druck. Der Mund, der durch kei­nen Aus­druck von sei­ner jung­fräu­li­chen Schön­heit et­was ein­büß­te, ver­dien­te wirk­lich, dass man ste­hen blieb, um ihn an­zu­se­hen. Die Haut hat­te je­nen zar­ten Flaum, auf wel­chem das glän­zen­de Ta­ges­licht spielt, wie auf dem Flaum der Pfir­si­che, die noch kei­ne Hand be­rührt hat.

Die glän­zend schwar­zen Haa­re wa­ren in zwei brei­te Schei­tel ge­teilt, wel­che, sich an den Au­gen­brau­en vor­über­zie­hend, am Hin­ter­haup­te zu­sam­men­ge­bun­den wa­ren und die Ohr­läpp­chen se­hen lie­ßen, an wel­chen zwei Dia­man­ten im Wer­te von acht- bis zehn­tau­send Franks fun­kel­ten.

Die­ses rei­zen­de Köpf­chen hat­te einen ganz kind­lich-nai­ven Aus­druck; man hät­te glau­ben kön­nen, die­se großen, un­schul­di­gen Au­gen hät­ten nie et­was an­de­res als den blau­en Him­mel an­ge­se­hen und der Mund habe nur from­me Wor­te ge­spro­chen und keu­sche Küs­se ge­ge­ben.

Mar­gue­ri­te hat­te ihr Por­trät von Vi­dal an­fer­ti­gen las­sen. Die­ses aus­ge­zeich­net schö­ne Bild hat­te ich nach ih­rem Tode ei­ni­ge Tage zu mei­ner Ver­fü­gung, und es war so wun­der­bar ähn­lich, dass ich mich des­sel­ben be­dien­te, um die Nach­wei­sun­gen zu ge­ben, für wel­che mein Ge­dächt­nis viel­leicht nicht aus­ge­reicht ha­ben wür­de.

Als ich ihre Woh­nung be­such­te, war die­ses Bild nicht mehr da; ich sah nur das Sei­ten­stück dazu, »la fem­me aux étoi­les«, wel­ches sie ge­kauft hat­te.

Ei­ni­ge in die­sem Ka­pi­tel ent­hal­te­ne Nach­rich­ten er­fuhr ich erst spä­ter, aber ich füh­re sie hier mit an, um bei Mar­gue­ri­tes Ge­schich­te nicht wie­der dar­auf zu­rück­kom­men zu müs­sen.

Mar­gue­ri­te war bei al­len ers­ten Vor­stel­lun­gen zu­ge­gen und brach­te je­den Abend im Thea­ter oder auf Bäl­len zu. So oft ein neu­es Stück ge­ge­ben wur­de, saß sie zu­ver­läs­sig in ei­ner Par­ter­re­lo­ge. Drei Ge­gen­stän­de la­gen im­mer vor ihr: eine Lor­gnet­te, ein Pa­pier mit Zucker­werk und ein Ka­me­li­en­strauß.

Fün­f­und­zwan­zig Tage hat­te sie wei­ße Ka­me­li­en, an den üb­ri­gen fünf Ta­gen wa­ren sie rot. Die Ur­sa­che die­ses Far­ben­wech­sels ist nie be­kannt ge­wor­den; ich füh­re ihn nur an, ohne ihn er­klä­ren zu kön­nen; die Be­su­cher der Thea­ter, in de­nen sie am häu­figs­ten war, und ihre Freun­de ha­ben ihn eben­falls be­merkt.

Man hat­te nie ge­se­hen, dass Mar­gue­ri­te an­de­re Blu­men trug als Ka­me­li­en; ich will je­doch nicht be­haup­ten, dass sie nie an­de­re Blu­men be­kom­men hät­te. Sie er­hielt da­her bei Ma­da­me Bar­jon, ih­rer Blu­men­lie­fe­ran­tin, den Bein­amen: »Die Dame mit den Ka­me­li­en« und die­sen Bein­amen hat sie be­hal­ten.

Dies war so ziem­lich al­les, was ich von ihr wuss­te, als mir der Be­such in ihre Woh­nung Ge­le­gen­heit gab, mich an alle die­se Um­stän­de zu er­in­nern.

Au­ßer­dem wuss­te ich, wie alle in ge­wis­sen Krei­sen le­ben­den jun­gen Pa­ri­ser, dass Mar­gue­ri­te die Ge­lieb­te der ele­gan­tes­ten jun­gen Män­ner ge­we­sen war, dass sie es ganz of­fen sag­te und dass die ers­te­ren selbst sich des­sen rühm­ten. Man war also ge­gen­sei­tig auf­ein­an­der stolz.

Seit drei Jah­ren je­doch hat­te, dem Gerüch­te zu­fol­ge, nur ein frem­der Ka­va­lier, ein al­ter, au­ßer­or­dent­lich rei­cher Her­zog Zu­tritt bei ihr ge­habt. Sie war mit dem­sel­ben aus dem Ba­de­ort Ba­gnères nach Pa­ris zu­rück­ge­kehrt und aus Rück­sicht ge­gen die­sen neu­en und ein­zi­gen Ver­eh­rer hat­te sie, wie man sag­te, mit ih­ren frü­he­ren Be­kann­ten ge­bro­chen.

Zum Loh­ne für die­se ach­tungs­vol­le Rück­sicht – denn das Al­ter des Her­zogs er­laub­te ihm nur die­se zu be­loh­nen – hat­te er ihr die uns be­reits be­kann­te Woh­nung, ihre Equi­pa­ge und Bril­lan­ten ge­schenkt, und sehr oft be­merk­te man im Hin­ter­grun­de der Loge, in wel­cher Mar­gue­ri­te saß, das Ge­sicht des Her­zogs, der sich trotz sei­ner Ver­wand­ten nicht scheu­te mit ihr ge­se­hen zu wer­den.

In dem letz­ten Jah­re ih­res Le­bens war der alte Ka­va­lier weit sel­te­ner zu ihr ge­kom­men; und den­noch pfleg­te er sie sorg­fäl­tig in ih­rer Krank­heit, und als sie ge­stor­ben war, folg­te er ihr zu Gra­be.

Sie muss­te wohl kei­ne ge­wöhn­li­che Buh­le­rin ge­we­sen sein, da ein Greis von so ho­hem Stan­de öf­fent­lich den Be­weis sei­ner Lie­be zu ihr gab.

Über die­ses Ver­hält­nis er­fuhr ich spä­ter fol­gen­des. Mar­gue­ri­te litt an ei­nem Bru­stü­bel, wel­ches sie schon ein­mal an den Rand des Gra­bes ge­bracht hat­te. Die Pa­ri­ser Win­ter mit den Bäl­len und Sou­pers hat­ten die­se Krank­heit im­mer mehr ver­schlim­mert und zu­letzt ganz un­heil­bar ge­macht. Im Früh­jahr 1842 war sie so schwach, so ver­än­dert, dass ihr die Ärz­te eine Ba­de­kur ver­ord­ne­ten und sie ging nach Ba­gnères.

Zu Ba­gnères be­fand sich ein jun­ges Mäd­chen mit ih­rem Va­ter. Ihre Ähn­lich­keit mit Mar­gue­ri­te war un­glaub­lich. Man hät­te sie für zwei Schwes­tern hal­ten kön­nen; nur war die jun­ge Frem­de be­reits im drit­ten Sta­di­um der Schwind­sucht und starb bald nach Mar­gue­ri­tes An­kunft.

Der Va­ter schi­en un­tröst­lich über den Tod sei­ner Toch­ter und sein Schmerz flö­ßte al­len, die ihn sa­hen, die größ­te Teil­nah­me ein. Kein An­blick ist üb­ri­gens auch be­trü­ben­der, als ein Greis, der sein Kind be­weint. Mit­ten in dem Kum­mer, den ihm die­ser Tod ver­ur­sach­te, be­merk­te der Her­zog Mar­gue­ri­ten, wel­che die­sel­be Schön­heit, das­sel­be Al­ter und die­sel­be Krank­heit hat­te wie sei­ne Toch­ter.

Es schi­en ihm, als hät­te ihm Gott die­ses Mäd­chen zu­ge­führt, um sei­nen Schmerz zu mil­dern und mit je­ner Selbst­ver­ges­sen­heit, die man an ei­nem Grei­se im­mer ent­schul­digt, zu­mal wenn die­ser Greis so tief be­trübt ist, wie der Her­zog war, ging er zu ihr, fass­te ihre Hän­de, drück­te sie wei­nend an sein Herz, und ohne zu fra­gen, wer sie sei, bat er sie um Er­laub­nis, sie oft zu be­su­chen.

Mar­gue­ri­te war mit ih­rer Zofe al­lein, und über­dies fürch­te­te sie auch nicht, sich zu kom­pro­mit­tie­ren. Sie wil­lig­te in das Ver­lan­gen des Her­zogs und wur­de tief ge­rührt durch die Er­zäh­lung, die er ihr bei sei­nem ers­ten Be­su­che mach­te und durch die Ur­sa­chen, die ihn zu ihr ge­führt hat­ten.

Zu Ba­gnères be­fan­den sich Ba­de­gäs­te, wel­che Mar­gue­ri­te kann­ten und den Her­zog sehr dienst­fer­tig von den Ver­hält­nis­sen des von ihm fast ver­göt­ter­ten Mäd­chens in Kennt­nis setz­ten. Der alte Ka­va­lier wur­de durch die­se Mit­tei­lung schmerz­lich er­grif­fen, denn er sah, dass sich die Ähn­lich­keit Mar­gue­ri­tes mit sei­ner Toch­ter nur auf die äu­ße­re Er­schei­nung be­schränk­te. Sein Al­ter und sein Schmerz lie­ßen ihn je­doch bald die Ver­gan­gen­heit der schö­nen Sün­de­rin ver­ges­sen, die in ih­rem reiz­ba­ren Zu­stan­de leicht für eine Idee zu be­geis­tern war und die, nach­dem sie dem Grei­se wei­nend die Wahr­heit ge­stan­den hat­te, ihm ver­sprach, auf ihre frü­he­re Le­bens­wei­se gänz­lich zu ver­zich­ten, wenn er sie wie ein Va­ter lie­ben wol­le – eine Zu­nei­gung, wel­che sie noch nie ge­kannt hat­te.

Der Her­zog, durch die­se Ver­spre­chun­gen ge­rührt, schenk­te der Buh­le­rin einen großen Teil der Lie­be, die er zu sei­ner Toch­ter ge­habt hat­te. Mar­gue­ri­te – dies ist nicht zu über­se­hen – war da­mals krank, sie sah in ih­rer Ver­gan­gen­heit eine der Haup­t­ur­sa­chen ih­res Siech­tums, und sie heg­te die et­was aber­gläu­bi­sche Hoff­nung, Gott wer­de ihr für ihre Reue und Sin­nes­än­de­rung die Schön­heit las­sen, an wel­cher ihr sehr viel lag.

Die Bä­der, die Pro­me­na­den und die ru­hi­ge re­gel­mä­ßi­ge Le­bens­wei­se hat­ten die Kran­ke wirk­lich bei­na­he wie­der her­ge­stellt, als der Som­mer zu Ende ging. Der Her­zog kauf­te eine Post­chai­se1 und be­glei­te­te Mar­gue­ri­te nach Pa­ris, wo er sie fort­wäh­rend be­such­te, wie zu Ba­gnères.

Die­ses Ver­hält­nis, de­ren wah­re Ur­sa­che man nicht kann­te, mach­te un­ter Mar­gue­ri­tes Freun­din­nen großes Auf­se­hen, denn der Her­zog war als ein sehr rei­cher Ka­va­lier be­kannt und zeig­te sich un­ge­mein frei­ge­big ge­gen Mar­gue­ri­te. Man raun­te sich schon in die Ohren, sie habe einen Zau­ber­trank er­fun­den und die­ses zärt­li­che Ver­hält­nis des al­ten Her­zogs zu dem jun­gen Mäd­chen schrieb man all­ge­mein ei­ner in rei­chen Krei­sen häu­fi­gen Lüs­tern­heit zu.

Das Ge­fühl, wel­ches der alte Ka­va­lier für Mar­gue­ri­te heg­te, ent­sprang in­des­sen aus so rei­ner Quel­le, dass er je­des an­de­re Ver­hält­nis, als das ei­nes Va­ters zu ei­ner ge­lieb­ten Toch­ter, für eine fre­vel­haf­te Ent­wei­hung ge­hal­ten ha­ben wür­de. Ob­wohl er es mit ei­ner Buh­le­rin zu tun hat­te, sag­te er ihr doch nie ein Wort, das sei­ne Toch­ter nicht hät­te hö­ren dür­fen.

Dies mag viel­leicht son­der­bar schei­nen, aber es war in der Tat so.

Wir wol­len je­doch aus un­se­rer Hel­din nichts an­de­res ma­chen, als was sie wirk­lich war. So lan­ge sie sich zu Ba­gnères be­fand, war das Ver­spre­chen, das sie dem Her­zog ge­ge­ben, nicht schwer zu hal­ten und sie hielt es wirk­lich; als sie aber wie­der nach Pa­ris kam, wur­de sie an die Bäl­le und an ihr frü­he­res Le­ben voll rau­schen­der Zer­streu­un­gen all­zu leb­haft er­in­nert. Die re­gel­mä­ßi­gen Be­su­che des Her­zogs wa­ren die ein­zi­ge Zer­streu­ung in ih­rer Ein­sam­keit und es zog sie un­wi­der­steh­lich zu ih­ren frü­he­ren Ge­wohn­hei­ten hin.

Dazu kam, dass Mar­gue­ri­te von ih­rer Ba­de­rei­se schö­ner zu­rück­kam, als sie je­mals ge­we­sen war. Sie war zwan­zig Jah­re alt, und das durch sorg­fäl­ti­ge Pfle­ge ein­ge­schlä­fer­te, aber nicht be­wäl­tig­te Siech­tum mach­te ihr, wie den meis­ten Brust­kran­ken, ein mehr be­weg­tes Le­ben zum Be­dürf­nis.

Der sehr lo­bens­wer­te Ent­schluss, den sie zu Ba­gnères ge­fasst hat­te, ver­schaff­te ihr zu Pa­ris in kei­ne an­de­ren Häu­ser Zu­tritt, als in jene ih­rer frü­he­ren Freun­din­nen und selbst die ehr­bars­ten Frau­en, de­nen die­se An­ek­do­te er­zählt wur­de, moch­ten an ein rei­nes Ver­hält­nis zwi­schen dem Her­zog und Mar­gue­ri­te nicht recht glau­ben.

Die Ver­wand­ten des al­ten Ka­va­liers hat­ten ihm ganz of­fen er­klärt, dass die­ses Ver­hält­nis sei­ner Ach­tung scha­de, und um sich selbst und viel­leicht auch Mar­gue­ri­te grö­ße­re Unan­nehm­lich­kei­ten zu er­spa­ren, hat­te er sich ge­nö­tigt ge­se­hen, sei­nen schö­nen Schütz­ling min­der oft zu be­su­chen als an­fangs. Um kei­nen Preis wäre er in den Stun­den, wo die bos­haf­ten Mut­ma­ßun­gen mehr Wahr­schein­lich­keit ha­ben konn­ten, zu ihr ge­kom­men. Fast je­den Tag schick­te er ihr ein Lo­gen­bil­lett und er selbst er­schi­en, wie be­reits er­wähnt, in der Loge, blieb eine Wei­le und be­glei­te­te sie dann bis an ihre Haus­tür, ging aber nie in ihre Woh­nung.

In den Champs-Elysées ließ er sie vor­über­fah­ren und folg­te ihr in sei­nem ei­ge­nen Wa­gen bis zum Bou­lo­gner Wäld­chen, wo sie plau­dernd mit­ein­an­der auf und ab gin­gen. Er war zu­frie­den und sie kehr­te in ihre Woh­nung zu­rück, wäh­rend er sich in sein Ho­tel be­gab.

Er hat­te nicht die min­des­te Ah­nung, dass Mar­gue­ri­te ihn be­trog, denn die Hälf­te sei­ner Zu­nei­gung war in sei­nem Ver­trau­en ge­grün­det. Es er­füll­te ihn da­her mit tie­fem Schmerz, als ihm sei­ne un­abläs­sig auf­lau­ern­den Freun­de, die sein Ver­hält­nis zu Mar­gue­ri­te sehr an­stö­ßig fan­den, die si­che­re Kun­de brach­ten, dass sie nach wie vor die öf­fent­li­chen Bäl­le be­su­che und zu den Stun­den, wo sie kei­ne Über­ra­schung von sei­ner Sei­te zu fürch­ten habe, oft Be­su­che emp­fan­ge, die bis zum an­de­ren Mor­gen dau­er­ten.

Der Her­zog über­zeug­te sich nun, dass ihm Gott nur das leib­li­che Bild sei­ner Toch­ter wie­der­ge­ge­ben, und er frag­te Mar­gue­ri­te mit Trä­nen im Her­zen und in den Au­gen, ob das, was man ihm er­zählt, Wahr­heit oder Ver­leum­dung sei.

Mar­gue­ri­te ge­stand, dass es die Wahr­heit sei, und gab dem al­ten Ka­va­lier ganz auf­rich­tig den Rat, sich fort­an nicht mehr mit ihr zu be­schäf­ti­gen, denn sie füh­le sich zu schwach, ihr Ver­spre­chen zu hal­ten, und wol­le von ei­nem Man­ne, den sie so täu­schen wür­de, kei­ne Wohl­ta­ten mehr an­neh­men.

Eine Wo­che stell­te der Her­zog sei­ne Be­su­che bei Mar­gue­ri­te ein; län­ger aber ver­moch­te er es nicht über sich zu ge­win­nen und am ach­ten Tage ging er zu ihr und ver­sprach ihr, sie so an­zu­neh­men, wie sie sein wür­de, wenn er sie nur se­hen kön­ne und gab ihr das fei­er­li­che Ver­spre­chen, ihr nie einen Vor­wurf zu ma­chen.

So stan­den die Sa­chen drei Mo­na­te nach Mar­gue­ri­tes Rück­kehr, näm­lich im No­vem­ber oder De­zem­ber 1842.

Ge­schlos­se­ne Kut­sche mit vier Rä­dern, mit ei­nem Sitz für zwei oder drei Pas­sa­gie­re. Er­freu­te sich be­son­de­rer Be­liebt­heit in Eng­land des 18 Jahr­hun­derts.  <<<

III.

Am 16. um 1 Uhr be­gab ich mich in die Rue d’An­tin. Schon auf der Trep­pe hör­te man die laut ru­fen­de Stim­me der Schätz­meis­ter. Ich eil­te in das Zim­mer, wo die Ver­stei­ge­rung ab­ge­hal­ten wur­de, denn ich woll­te et­was ha­ben, das Mar­gue­ri­ten ge­hört hat­te.

Das Zim­mer war voll von Kauf­lus­ti­gen und Neu­gie­ri­gen. Alle Ze­le­bri­tä­ten der las­ter­haf­ten Mo­de­welt wa­ren dort ver­sam­melt und wur­den mit fins­te­ren Bli­cken ge­mes­sen von ei­ni­gen vor­neh­men Da­men, wel­che die Ver­stei­ge­rung als Vor­wand ge­nom­men hat­ten, um Per­so­nen, mit de­nen sie sonst nie zu­sam­men­tra­fen, und de­ren Frei­heit und Genüs­se sie viel­leicht im Stil­len be­nei­de­ten, in der Nähe zu se­hen.

Die Her­zo­gin von F… stand ne­ben Ma­de­moi­sel­le M…, ei­nem der be­kla­gens­wer­tes­ten Exem­pla­re un­se­rer mo­der­nen Buh­le­rin­nen; die Mar­qui­se von T… trug ei­ni­ges Be­den­ken, ein Ein­rich­tungs­stück zu kau­fen, des­sen Preis von Ma­da­me D…, der stadt­kun­digs­ten Sün­de­rin un­se­rer Zeit, hin­auf­ge­trie­ben wur­de; der Her­zog von I…, von dem man in Ma­drid glaub­te, er rui­nie­re sich in Pa­ris, und der nicht ein­mal sei­ne Ein­künf­te ver­brauch­te, plau­der­te mit Ma­da­me M…, ei­nem der geist­reichs­ten Blaust­rümp­fe, und wech­sel­te zu­gleich ver­trau­li­che Bli­cke mit Ma­da­me de N…, die eine der ele­gan­tes­ten Equi­pa­gen be­sitzt und ihre bei­den statt­li­chen Rap­pen um zehn­tau­send Franks nicht nur ge­kauft, son­dern auch wirk­lich be­zahlt hat; end­lich war Ma­de­moi­sel­le F…, de­ren Ta­lent dop­pelt so viel ein­trägt als die Mit­gift man­cher vor­neh­men Dame und drei­mal mehr als die Lie­bes­gunst ei­ner ge­fei­er­ten Schön­heit, trotz der Käl­te ge­kom­men, um ei­ni­ge Ein­käu­fe zu ma­chen, und sie war kei­nes­wegs un­ter de­nen, die am we­nigs­ten an­ge­schaut wur­den.

Wir könn­ten noch die An­fangs­buch­sta­ben vie­ler in die­sem Sa­lon ver­sam­mel­ten Per­so­nen an­füh­ren, die über ihr Zu­sam­men­tref­fen ver­wun­dert wa­ren, aber wir wür­den fürch­ten, den Le­ser zu er­mü­den. Kurz, es herrsch­te un­ter al­len, vor­neh­men Da­men wie ele­gan­ten Buh­le­rin­nen, eine an Aus­ge­las­sen­heit gren­zen­de Hei­ter­keit; vie­le un­ter den An­we­sen­den hat­ten Mar­gue­ri­te ge­kannt, aber kei­ne schi­en sich des­sen zu er­in­nern.

Man lach­te viel, die Auk­ti­ons­kom­mis­sä­re schri­en aus Lei­bes­kräf­ten: die Han­dels­leu­te, wel­che die vor dem Ver­kaufs­ti­sche auf­ge­stell­ten Bän­ke ein­ge­nom­men hat­ten, ver­such­ten ver­ge­bens, Ruhe zu ge­bie­ten, um un­ge­stört ihre Ge­schäf­te ab­tun zu kön­nen. Kurz, es war eine sehr ge­räusch­vol­le Ver­samm­lung.

Ich schlich mich in al­ler Stil­le un­ter den lär­men­den Hau­fen. Das Geräusch mach­te einen pein­li­chen Ein­druck auf mich, als ich be­dach­te, wie nahe das Ster­be­zim­mer des ar­men Ge­schöp­fes war, des­sen Nach­lass man ver­kauf­te, um die Gläu­bi­ger zu be­frie­di­gen. Ich war im Grun­de we­ni­ger ge­kom­men, um zu kau­fen, als um zu be­ob­ach­ten und be­trach­te­te die Ge­sich­ter der Lie­fe­ran­ten, die den Nach­lass ver­stei­gern lie­ßen und de­ren Züge sich ver­klär­ten, so oft ein Ge­gen­stand zu ei­nem un­er­war­tet ho­hen Prei­se hin­auf­ge­trie­ben wur­de.

Die­se Men­schen hat­ten auf die Sün­den Mar­gue­ri­tes spe­ku­liert, und nach­dem sie hun­dert Pro­zent von ihr ver­dient, hat­ten sie die Un­glück­li­che in ih­ren letz­ten Au­gen­bli­cken ge­richt­lich ver­folgt. Nach ih­rem Tode ern­te­ten sie nun die Früch­te ih­rer Be­rech­nun­gen und be­zo­gen so­gleich die In­ter­es­sen ih­res Kre­dits. Für­wahr, die Al­ten hat­ten recht, dass sie die Kauf­leu­te und die Die­be un­ter die Ob­hut Ei­nes Got­tes stell­ten.

Die Ver­stei­ge­rung wur­de fort­ge­setzt. Klei­der, Schals, Bril­lan­ten wur­den mit un­glaub­li­cher Schnel­lig­keit ver­kauft; mir sag­te nichts von dem al­len zu und ich war­te­te noch im­mer.

Auf ein­mal hör­te ich ru­fen: »Ein schön ein­ge­bun­de­nes Buch, mit Gold­schnitt, be­ti­telt: ›Ma­non Les­caut‹, mit Rand­glos­sen – zwan­zig Franks!«

»Zwei­und­zwan­zig«, sag­te eine Stim­me nach ei­ner ziem­lich lan­gen Pau­se.

»Fün­f­und­zwan­zig«, sag­te ich.

»Fün­f­und­zwan­zig«, wie­der­hol­te der Auk­ti­ons­kom­mis­sär.

»Drei­ßig« bot der ers­te.

Ich hat­te »Ma­non Les­caut« so oft ge­le­sen, dass ich das Buch fast aus­wen­dig weiß und wür­de viel­leicht nicht mehr ge­bo­ten ha­ben, wenn nicht der Auk­ti­ons­kom­mis­sär hin­zu­ge­setzt hät­te:

»Ich wie­der­ho­le, dass das Buch mit Blei­stift ge­schrie­be­ne Rand­glos­sen hat.«

Ich war neu­gie­rig, die Rand­glos­sen zu se­hen und rief: »Fün­fund­drei­ßig Franks!« in ei­nem Tone, der die Ein­schüch­te­rung mei­nes Geg­ners bezweck­te.

»Vier­zig«, bot die­ser.

»Fünf­zig!«

»Sech­zig!«

»Hun­dert!« rief ich.

Wenn ich Ef­fekt hät­te ma­chen wol­len, so wür­de ich mei­ne Ab­sicht voll­kom­men er­reicht ha­ben, denn es ent­stand bei die­sem Über­bie­ten eine tie­fe Stil­le, und man sah mich an, um zu wis­sen, wer auf das Buch so er­picht sei.

Der Ton, mit wel­chem ich mein letz­tes Wort sprach, schi­en mei­nen Geg­ner zu über­zeu­gen, dass ich nicht ab­las­sen wür­de, und er stand von ei­nem Wett­kampf ab, der doch nur dazu ge­dient ha­ben wür­de, den Preis des Bu­ches auf den zehn­fa­chen Wert zu trei­ben. Er ver­beug­te sich ge­gen mich und sag­te sehr ar­tig, wenn auch et­was spät:

»Ich tre­te zu­rück.«

Da nie­mand mehr bot, so wur­de mir das Buch zu­ge­schla­gen.

Da ich eine neue, für mei­ne Bör­se sehr nach­tei­li­ge Gril­le fürch­te­te, so gab ich mei­nen Na­men an, ließ das Buch auf die Sei­te stel­len und ent­fern­te mich. Die An­we­sen­den moch­ten sich wohl wun­dern, in wel­cher Ab­sicht ich ein Buch, das man über­all um höchs­tens zehn Franks kau­fen konn­te, mit hun­dert Franks be­zahl­te.

Es wäre in der Tat sehr schwer ge­we­sen, einen trif­ti­gen Grund für die­sen Wunsch an­zu­füh­ren. Ich war be­gie­rig, das Buch zu se­hen, weil es mit Rand­glos­sen von Mar­gue­ri­tes Hand ver­se­hen war und weil ich gern wis­sen woll­te, was die jün­ge­re Schwes­ter zu der Le­bens­be­schrei­bung der äl­te­ren hät­te bei­fü­gen kön­nen.

Eine Stun­de nach­her ließ ich das Buch ho­len. Auf der ers­ten Sei­te stan­den in zier­li­chen Schrift­zü­gen die Wor­te:

»Ma­non à Mar­gue­ri­te. Hu­mi­lité. Ar­mand Du­val.«

Was be­deu­te­te das Wort »hu­mi­lité«? Er­kann­te Ma­non, durch die Mei­nung des Ge­bers, Mar­gue­ri­tes Über­le­gen­heit in den Küns­ten der Galan­te­rie, oder einen Vor­zug des Her­zens an?

Die letz­te­re Deu­tung war die wahr­schein­li­che­re, denn die ers­te­re wäre nur eine un­ge­bühr­li­che Frei­mü­tig­keit ge­we­sen, die nie­mand un­ter­schrie­ben ha­ben wür­de und die auch von Mar­gue­ri­ten, wel­che Mei­nung sie auch von sich selbst hat­te, zu­rück­ge­wie­sen wor­den wäre.

Ich stell­te die­se Be­trach­tun­gen an, wäh­rend ich das Buch durch­blät­ter­te, das of­fen­bar viel ge­le­sen wor­den war und hie und da ei­ni­ge mit Blei­stift ge­schrie­be­ne, aber fast ganz ver­wisch­te Rand­glos­sen hat­te. Es er­gab sich für mich aus dem Buch nichts an­de­res, als dass Mar­gue­ri­te von ei­nem ih­rer Ver­eh­rer für wür­dig ge­hal­ten wor­den war, Ma­non Les­caut zu ver­ste­hen, und dass sie an der Ge­schich­te ih­rer Vor­gän­ge­rin ge­nug In­ter­es­se ge­fun­den hat­te, um eine Zeit, die sie we­nigs­tens auf eine ein­träg­li­che­re, wenn auch nicht nütz­li­che­re Wei­se hät­te be­nüt­zen kön­nen, zu Rand­glos­sen zu ver­wen­den.

Ich ging wie­der aus und be­schäf­tig­te mich erst am Abend beim Schla­fen­ge­hen mit dem Bu­che.

Die­se rüh­ren­de Ge­schich­te ist mir in ih­ren ge­rings­ten Ein­zel­hei­ten be­kannt, und den­noch wer­de ich durch die­sel­be, so oft mir das Buch in die Hän­de fällt, der­ge­stalt ge­fes­selt, dass ich es auf­schla­ge und zum hun­derts­ten Male der Hel­din des Abbé Prévost in ih­ren Ver­ir­run­gen und auf ih­rer Um­kehr fol­ge. Die­se Hel­din ist so wahr ge­schil­dert, dass es mir scheint, als ob ich sie ge­kannt hät­te und un­ter den oben er­wähn­ten Um­stän­den er­hielt die­se Lek­tü­re einen neu­en Reiz durch den Ver­gleich, den man zwi­schen Ma­non und Mar­gue­ri­te an­ge­stellt hat­te.

»Ma­non Les­caut«1 ist ohne al­len Zwei­fel das schöns­te See­len­ge­mäl­de, das je ein Schrift­stel­ler ent­wor­fen, die gründ­lichs­te Zer­glie­de­rung der Lei­den­schaft, die ein Men­schen­ken­ner ge­macht hat. Die­ses Cha­rak­ter­bild ist durch­aus wahr und tref­fend, und Ma­n­ons Be­leh­rung durch die Lie­be ist nicht min­der poe­tisch schön, als die Be­keh­rung der Mag­da­le­na durch den Glau­ben.

Ich habe oben ge­sagt, dass ich ge­gen Buh­le­rin­nen voll Nach­sicht bin; die­se Nach­sicht ist haupt­säch­lich durch das wie­der­hol­te Le­sen die­ses Bu­ches ent­stan­den. Den Nach­kom­men ist das Ver­dienst der Vor­gän­ge­rin zu­gu­te ge­kom­men, wie gar vie­le wirk­li­che Nach­kom­men aus den Ver­diens­ten ih­rer Vor­fah­ren Nut­zen zie­hen; aber an dem Aben­de, wo ich Ma­n­ons Ge­schich­te noch ein­mal las und da­bei an Mar­gue­ri­te dach­te, wur­de mei­ne Nach­sicht wirk­lich zum Mit­leid und bei­na­he zur Lie­be ge­gen das arme ver­irr­te Mäd­chen, aus de­ren Nach­lass ich die­ses Buch hat­te. Ma­non war frei­lich in ei­ner Wüs­te, aber in den Ar­men ei­nes Man­nes ge­stor­ben, der sie mit al­ler Kraft sei­ner See­le lieb­te und der Verb­li­che­nen ein Grab grub, das er mit sei­nen Trä­nen be­netz­te und in wel­chem er beim Ab­schie­de sein Herz zu­rück­ließ; Mar­gue­ri­te hin­ge­gen, eine Sün­de­rin wie Ma­non, und viel­leicht be­kehrt wie sie, war im Scho­ße ei­nes prun­ken­den Lu­xus und in dem Bet­te ih­rer Ver­gan­gen­heit ge­stor­ben, aber auch mit ver­öde­tem Her­zen – und ein ver­öde­tes Herz ist weit schreck­li­cher und er­bar­mungs­lo­ser als die Wüs­te, in wel­cher Ma­non be­gra­ben wor­den war.

Mar­gue­ri­te hat­te in der Tat nach der Ver­si­che­rung ei­ni­ger Freun­de in den zwei Mo­na­ten ih­res lang­sa­men Schmer­zens­kamp­fes kei­nen wah­ren Trost ge­fun­den.

Von Ma­non und Mar­gue­ri­te wen­de­ten sich mei­ne Ge­dan­ken auf an­de­re in der ele­gan­ten Welt be­kann­te Sün­de­rin­nen, die sin­gend und tän­delnd ei­nem fast im­mer glei­chen Ende ent­ge­gen­gin­gen. Die Un­glück­li­chen! Wenn es un­recht ist, sie zu lie­ben, so kann man sie doch we­nigs­tens be­kla­gen. Man be­dau­ert den Blin­den, der nie das Ta­ges­licht ge­se­hen, den Tau­ben, der nie die Ak­kor­de der Na­tur ge­hört hat, den Stum­men, der nie im­stan­de war, sei­nen Ge­füh­len eine Spra­che zu ver­lei­hen – und un­ter dem Vor­wan­de falscher Scham trägt man Be­den­ken, die­se Blind­heit des Her­zens, die­se Taub­heit der See­le, die­ses Ver­stum­men des Ge­wis­sens zu be­kla­gen, wo­durch eine Ver­irr­te jede Er­kennt­nis des Gu­ten und Bö­sen ver­liert und un­fä­hig wird, den Weg des Rech­tes zu se­hen, die Stim­me des Herrn zu ver­neh­men und die rei­ne Spra­che der Lie­be und des Glau­bens zu spre­chen.

Von Zeit zu Zeit aber hat die Welt das er­bau­li­che Schau­spiel der Be­keh­rung ei­ner Ver­irr­ten. Gott scheint da­durch die Feh­ler der an­de­ren süh­nen zu wol­len, gleich­wie durch den Tod des Er­lö­sers die Ver­ge­hen al­ler Men­schen ge­sühnt wur­den; und au­ßer den Be­kehr­ten, die ih­nen als Bei­spiel leuch­ten, sen­det er ih­nen noch den Pries­ter, der sie ab­sol­viert, und den Dich­ter, der sie ver­tei­digt.

Man fra­ge die Geist­li­chen in den Städ­ten, und man wird hö­ren, dass sie oft Sün­de­rin­nen, wel­che sie für den Him­mel ver­lo­ren ge­glaubt, als wah­re Chris­tin­nen ster­ben sa­hen.

Un­ser großer Dich­ter Vic­tor Hugo hat »Ma­ri­on De­lor­me«, Al­fred de Mus­set hat »Ber­ne­ret­te«, Alex­an­der Du­mas hat »Fer­n­an­de« ge­schrie­ben; die Den­ker und Dich­ter al­ler Zei­ten ha­ben den Sün­de­rin­nen ihr Mit­leid ge­zollt und zu­wei­len hat sie ein großer Mann durch sei­ne Lie­be und so­gar durch sei­nen Na­men wie­der zu Ehren ge­bracht. Ich ver­wei­le ab­sicht­lich so lan­ge bei die­sem Ge­gen­stan­de, denn un­ter mei­nen Le­sern sind viel­leicht schon vie­le im Be­griff, die­ses Buch weg­zu­wer­fen, in wel­chem sie nur eine Ver­tei­di­gung des glän­zen­den Las­ters zu fin­den fürch­ten, und das ju­gend­li­che Al­ter des Ver­fas­sers wird ohne Zwei­fel zur Be­grün­dung die­ser Be­sorg­nis bei­tra­gen. Wer aber bloß durch die­se Be­sorg­nis zu­rück­ge­hal­ten wird, möge nur ge­trost wei­ter le­sen, die­se Be­sorg­nis wird bald ver­schwin­den.