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Dalila ist eine Xeno, eine Frau, die eine zweite Natur besitzt. In ihrem Fall ist es ein Panther, dessen Fähigkeiten sie abrufen kann, was ihr bei den diversen Tätigkeiten zwecks Beschaffung von Wertgegenständen sehr hilfreich ist. Ein Tipp erweist sich als wahre Goldgrube und sie räumt den Safe des stadtbekannten Kriminellen Joseph Dyson aus. Allerdings erbeutet sie neben einer großen Menge Bargeld auch ein paar Gegenstände, die auf keinen Fall in fremde Hände geraten dürfen. Sie unterschätzt die Gefahr, in der sie nun schwebt, denn es ist nicht nur Dyson, der hinter ihr her ist. Als sie im Park Eldrik, einen faszinierenden Mann, kennenlernt und mit ihm eine heiße Liebesnacht verbringt, ahnt sie nicht, dass er ebenfalls ein Xeno ist. Er arbeitet für die Regierung und wurde beauftragt, das Diebesgut wieder zu beschaffen und den Dieb unschädlich zu machen. Während sie bereits die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft mit Eldrik auslotet, kommt er bei seinen Ermittlungen dem Einbrecher auf die Spur. Beiden steht ein Schock bevor, als sie die Wahrheit über den anderen erfahren, aber dies ist erst der Anfang ihrer Probleme. Sie finden sich auf verschiedenen Seiten wieder. Haben sie trotzdem eine gemeinsame Zukunft?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Katze und der Drache
Impressum:
Shania Cranston c/o AutorenServices.deBirkenallee 2436037 Fulda
Cover: www.magicalcover.de
Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Dalila
»Ihre Cola, Miss.«
Ich dankte dem Barkeeper, nahm das Glas und suchte mir einen Eckplatz in der Bar. Ich hatte es mir zur Angewohnheit gemacht, den Platz grundsätzlich nach bestimmten Kriterien auszusuchen. Er musste abgelegen sein und durfte nicht am Fenster liegen. Außerdem wollte ich immer den Eingang im Blick haben, sodass ich mögliche Gefahren sofort erkennen konnte. Diese Vorgehensweise hatte sich schon das eine oder andere Mal bewährt.
Ich ließ mich auf einen der wackeligen Stühle nieder, stellte das Glas ab und betrachtete das Treiben um mich herum. Es war höllisch laut hier, zumindest für meine Ohren, aber wenigstens war es friedlich. Mein Bedürfnis an Kneipenschlägereien war nicht sehr ausgeprägt, wenn man mich auch bei solchen Gelegenheiten in Ruhe ließ. Selbst der ungebärdigste Kneipenschläger scheute davor zurück, eine gutaussehende Frau in eine Prügelei hineinzuziehen. Außerdem war diese Bar kein Ort, an dem die Gefahr bestand, dass hier jeden Moment eine Schlägerei ausbrechen würde. Wenn ich mich verabredete, dann immer nur an ungefährlichen Orten, wo man als Normalbürger nicht auffiel. Eine weitere Sache, die mir das Leben sehr erleichterte.
In diesem Augenblick sah ich Chris Paxton an der Tür auftauchen. Er blickte sich suchend um, erspähte mich, kam zu meinem Tisch und setzte sich auf einen freien Stuhl, nachdem er sich etwas zu trinken bestellt hatte.
»Hallo Dalila«, begrüßte er mich.
»Chris!« Ich nickte ihm zu. »Was hast du für mich?«
»Einbruch. Schwierig, aber lohnend.«
»Wo?«
»Hier in der Stadt.«
Ich rieb mir das Kinn. Das gefiel mir eigentlich nicht besonders. Normalerweise arbeitete ich nie in der Stadt, in der ich meinen zeitweiligen Wohnsitz hatte.
»Ich weiß, dass es gegen deine Prinzipien verstößt«, sagte er, während er sein bestelltes Getränk in Empfang nahm. »Aber es ist ein dicker Fisch, der mir da an der Angel zappelt. Und es kommt deinen speziellen Fähigkeiten entgegen.«
Ich trank etwas von der Cola und dachte an den Barbestand auf meinem Konto. Es war höchste Zeit, dass ich wieder zu Geld kam. Chris' Tipps waren immer Gold wert und ich arbeitete gern mit ihm zusammen, weil er im Allgemeinen keinen Unsinn erzählte und alles kühl durchkalkulierte. Wenn er mir etwas anbot, dann hatte es Hand und Fuß.
»Zwanzig Prozent?«
Er schüttelte den Kopf und lächelte mich an. »Diesmal will ich fünfundzwanzig.«
Ich stellte das Glas hart auf dem Tisch ab. »Dann wird nichts draus.«
Paxton zuckte mit den Schultern und tat betont gleichgültig. »Wie du meinst.« Er stand auf und ging zur Theke, um sein Getränk zu bezahlen.
Ich sah ihm nach und beschloss, das Pokerspiel anzunehmen. Wenn er mir einen Job anbot, dann hauptsächlich aus dem Grund, dass es keinen anderen in der Stadt gab, der dafür infrage kam. Er wusste, zu was ich fähig war, und dass ich noch nie einen Auftrag versaut hatte. Paxton würde zu mir zurückkommen, wenn er merkte, dass ich auf sein Angebot nicht einging. Schon sah er aus den Augenwinkeln zu mir herüber, doch ich tat so, als würde ich es nicht bemerken und ihn überhaupt nicht mehr beachten. Ich konnte beinahe körperlich spüren, wie er einen inneren Kampf ausfocht, bevor er sich einen Ruck gab und zu mir zurückkam.
»Du bist ein harter Verhandlungspartner, Dalila. Aber gut, ich komme dir entgegen. Sagen wie zweiundzwanzig Prozent für mich.«
»Zwanzig!«
Er fluchte leise und zog die Augenbrauen zusammen. Ich lächelte ihn nur unschuldig an und schließlich entspannten sich seine Gesichtszüge. »Also gut, du hast gewonnen. Zwanzig.«
Er hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.
»Und um was geht es nun genau?«
Paxton deutete auf mein Glas. »Trink aus, dann zeige ich es dir.«
*****
Schweigend gingen wir durch die Straßenschluchten der Stadt. Bei dieser Gelegenheit fiel mir wieder auf, wie hässlich es hier an manchen Stellen war. Dennoch lebte ich nun schon fast zwei Jahre an dem Ort. Die Einwohnerzahl war groß genug, um in der Anonymität unterzutauchen. Sie war aber auch nicht zu groß, als dass ich mich unwohl gefühlt hätte. Die höchsten Wolkenkratzer hatten nicht mehr als vierzig Stockwerke und es gab Stadtteile, die mit ihren drei- oder vierstöckigen Häusern beinahe pittoresk aussahen. Mir gefiel diese Mischung aus Schönheit und Hässlichkeit. Die Stadt war fast ein getreues Spiegelbild des Lebens.
Paxton hatte mich an den Fuß eines der höchsten Wolkenkratzer geführt, wo er nun stehenblieb.
Ich blickte ihn fragend an. »Hier ist es?«
»Hier ist dein Ziel. Genauer gesagt, im vierzigsten Stockwerk.«
»Ich hoffe, der Aufzug funktioniert.«
Er grinste mich faunisch an. »Oh ja, der ist perfekt in Schuss. Nur wirst du davon leider nichts haben.«
»Du machst Witze, oder?« Mir schwante, was er damit andeuten wollte.
»Oh nein, meine kleine Akrobatin. Du kannst nicht einfach durch das Foyer gehen und mit dem Aufzug nach oben fahren. Du wirst einen Weg von oben her in das Gebäude finden müssen.«
Ich strich mir durch die Haare und blickte nach oben, zum Dach des Hochhauses. »Wie viel ist denn zu holen?«
»Rate mal. Ab welcher Summe würdest du denn das Risiko eingehen, dich von dem Nachbarhaus zum Dach des Zielgebäudes zu begeben?«
»Fünfzigtausend wäre das Minimum.«
Er stieß prustend die Luft aus den Lungen. »Dort oben wartet das Hundertfache auf dich, Kleine!«
»Du scherzt doch!« Ich konnte kaum glauben, was er da behauptete.
»Über so etwas mache ich keine Witze! Ich sage dir, dass dort oben im Safe mindestens fünf Millionen auf dich warten. Bargeld, Wertpapiere, Obligationen.«
Mir wurden fast die Knie weich, als ich die Geldbündel vor mir liegen sah. Ich würde nie wieder risikoreiche Jobs eingehen müssen und könnte mich zur Ruhe setzen. »Von wem hast du denn diesen Tipp? Ist der Kerl auch glaubwürdig?«
»Er ist zuverlässig, dafür garantiere ich.«
Ich war noch nicht ganz überzeugt. Irgendwo musste es einen Haken geben. »Und wer ist der Goldfasan, den ich rupfen soll?«
»Tja, der Mann, der diese Etage gemietet hat, heißt Joseph Dyson. Der Safe befindet sich in seinem Büro, Zimmernummer 40.101«
Da war also der Haken. Ich sollte einen der zwielichtigsten und gefährlichsten Männer der Stadt bestehlen. Ich hätte beinahe gelacht und dankend abgelehnt, aber dann sah ich wieder das Geld vor mir liegen, und mein Entschluss schwankte erneut. »Wie ist denn die Bewachung?«
»Ziemlich heftig, wie du dir denken kannst. Deswegen sollst du ja auch nicht den Haupteingang nehmen. Aber wenn es jemand schafft, dann du.«
»Schmier mir bloß keinen Honig um den nicht vorhandenen Bart.« Ich holte tief Luft. »Ich brauche ein paar Tage, um alles vorzubereiten.«
Er schüttelte den Kopf. »Du hast nur drei Tage. Danach wird der Safe geleert und der Inhalt abgeholt.«
»Sagt dein Tippgeber.«
»Das behauptet mein Informant und der muss es wissen, denn er sitzt direkt an der Quelle.«
Ich horchte auf. »Das heißt, er arbeitet für Dyson? Und hintergeht diesen Mann? Entweder ist er lebensmüde und somit nicht ganz bei Trost oder er führt dich an der Nase herum.«
Er winkte ab. »Für einen sechsstelligen Betrag nimmt man schon etwas Risiko in Kauf, meinst du nicht auch? Er ist jedenfalls ganz scharf auf das Geld. Also: Nimmst du an?«
Nachdenklich betrachtete ich den Wolkenkratzer. Wenn Paxton mir für den Job einen sechsstelligen Betrag angeboten hätte, dann wäre meine Antwort negativ gewesen, aber bei einer vier mit sechs Nullen vor dem Komma sah es anders aus. Außerdem traute ich mir durchaus zu, mit allen Schwierigkeiten fertigzuwerden.
Ich nickte schweigend. Paxtons Miene hellte sich auf.
»Du wirst es nicht bereuen. Nach diesem Auftrag bist du ... he, wieso ...«
Ich hatte ihn am Kragen gepackt und zog ihn wie ein Spielzeug zu mir heran. »Wenn du mir etwas verschwiegen hast, dann wirst du mich von einer äußerst unangenehmen Seite kennen lernen. Und deinen Informanten kaufe ich mir dann auch noch, ist das klar?«
»Ich hab dir alles gesagt, was ich weiß, wirklich. Ich bin doch nicht lebensmüde und versuch dich reinzulegen!«
Für einen Moment blickte ich ihm tief in die Augen und sah, wie ihm der Schweiß ausbrach. Schließlich ließ ich ihn los und er wich sofort zwei Schritte von mir zurück.
»Ruf mich in drei Tagen an«, sagte ich. »Dann treffen wir uns und ich gebe dir deinen Anteil - oder grill dir den Arsch über offener Flamme, wenn du mich reingelegt hast.«
Er nickte nur und richtete seinen billigen Anzug. »Ich melde mich«, brabbelte er und ich konnte die Erleichterung beinahe riechen, als er sich umdrehte und die Straße entlang hastete.
Vier Millionen! Die Zahl spukte mir im Kopf herum, während ich mich auf den Weg zu meinem Appartement machte. Es wurde Zeit, einen Plan zu schmieden und die Ausrüstung vorzubereiten.
Dalila
Immer wieder ging mein Blick auf die Skizze, die ich mir angefertigt hatte. Es war reine Routine, um mich abzulenken, denn natürlich hatte ich den Plan längst im Kopf. Normalerweise war ich in den Stunden vor einem Auftrag die Ruhe selbst, doch das, was nun vor mir lag, war etwas knifflig. In den letzten beiden Tagen hatte ich den Plan ausgearbeitet, um in das Gebäude zu gelangen. Es gab da aber ein paar Unwägbarkeiten, denn schließlich hatte ich der vierzigsten Etage keinen Besuch abstatten können. Mir lagen daher nur die allgemeinen Gebäudepläne vor, doch ich nahm wohl nicht zu Unrecht an, dass Dyson ein paar zusätzliche Veränderungen vorgenommen hatte. Dennoch machte ich mir nicht allzu viel Gedanken, denn Improvisation war eine meine großen Stärken.
Schließlich war es an der Zeit. Das Bürogebäude würde nun verlassen sein - hoffte ich zumindest. Das Nebengebäude bereitete mit etwas mehr Sorgen, da dort zum überwiegenden Teil private Mieter wohnten. Aber es würde sich hoffentlich niemand dafür interessieren, was hoch über ihnen geschah. Ich packte das Equipment zusammen und zog mir die Arbeitskleidung an, die in dem Fall aus schwarzem Leder bestand. Nachdem ich mir den Rucksack aufgeschnallt hatte, rief ich mir ein Taxi und war wenige Minuten später zu meiner temporären Arbeitsstelle unterwegs.
*****
Für ein Wohngebäude waren die Sicherheitsvorrichtungen lausig, wie ich fand. Es bereitete mir jedenfalls keine Mühe, in die Tiefgarage einzudringen und durch eine unverschlossene Tür ins Haus zu gelangen. Für einen Moment überlegte ich, ob ich nicht doch den Fahrstuhl benutzen sollte. Der Wachmann im Foyer, den ich nach meiner Ankunft durch die Glasscheibe des Eingangsbereiches beobachtet hatte, war eher einer der schläfrigen Sorte. Aber ich entschied mich dagegen, da ich das Glück nicht herausfordern wollte.
Also machte ich mich an den langen Aufstieg bis in die vierundvierzigste Etage. Das Schloss an der Tür zum Dachbereich war sehr leicht zu knacken und ich stand nach wenigen Sekunden auf der Dachterrasse.
Der Wind pfiff ordentlich hier oben, doch er kam aus einer Richtung und wechselte nicht ständig, was mir bei meinem Vorhaben sehr entgegen kam. Ich schloss die Tür hinter mir, bevor ich mich zum Rand des Daches begab. Etwas über zwanzig Meter von mir entfernt konnte ich mein Ziel erkennen - das Dach des Gebäudes, in dessen vierzigsten Stock ein Safe mit einer Menge Geld auf mich wartete. Sorgfältig suchte ich mit den Augen nach einem Ankerpunkt, wo ich das Ende des Stahlseils mittels des Widerhakens würde anbringen können. Schließlich hatte ich einen guten Platz ausgemacht und holte die kleine Armbrust aus dem Rucksack, die mir schon so viele gute Dienste geliefert hatte. Routiniert bereitete ich alles für den Schuss vor, beruhigte meinen Atem, zielte genau und drückte ab.
Es war ein glatter Volltreffer. Ich zog an dem Sicherungsseil, um die Festigkeit zu überprüfen, straffte es, damit es nicht durchhing, und suchte mir einen Platz, um das Seil auch auf dieser Seite zu befestigen.
Nun galt es. Ich zog die dicken Handschuhe an, um meine Hände zu schützen, packte das Drahtseil, hakte mich mittels eines Karabiners ein und schwang mich in die Nacht hinaus. Nun baumelte ich rund hundert Meter über dem Erdboden. Zum Glück war ich vollkommen schwindelfrei und auch geübt darin, solche Entfernungen an einem Seil zu überbrücken. Dennoch war es kein Spaziergang und der Rückweg würde noch schwieriger werden, da ich dann den Höhenunterschied nach oben überwinden musste.
Der Wind ließ das Seil hin und her schaukeln, aber ich hangelte mich daran unbeirrt weiter, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Der erste Teil war geschafft und ich gönnte mir eine kurze Erholungspause, während der ich meine Finger lockerte und die Handschuhe auszog.
Das Schloss an dieser Dachtür war noch leichter zu knacken als jenes beim anderen Gebäude. Aber es rechnete ja wohl auch niemand mit Einbrechern, die über das Dach einstiegen - was mir sehr zugutekam. Das gesamte Treppenhaus im Inneren lag in vollkommener Stille. Wie sehr ich auch lauschte, ich vernahm nicht das geringste Geräusch. Dennoch blieb ich auf der Hut. Ich nahm an, dass sich zumindest in den Etagen, die zu Dysons Firma gehörten, Wachen herumtrieben. Paxton hatte von seinem Informanten nur rudimentäre Informationen erhalten, was die Sicherungssysteme anging, aber ich war ja kein Anfänger und daher zuversichtlich, mögliche Alarmanlagen leicht aufspüren zu können.
An der Tür, die zum vierzigsten Stockwerk führte, legte ich ein Ohr an den Stahl und lauschte erneut. Nichts zu hören. Also öffnete ich beinahe lautlos die Tür und schlüpfte in den dunklen Gang. Die Notbeleuchtung erleichterte mir die Orientierung ungemein und ich fand Zimmer 101 ohne Probleme. Auch an der Bürotür fand ich keinerlei Anzeichen für eine Alarmanlage und das Türschloss war auch außerordentlich simpel zu öffnen. Für einen Moment zögerte ich, weil es mir einfach zu leicht ging, bevor ich mittels eines Dietrichs die Tür öffnete. Erneut hielt ich den Atem an, während ich die Tür aufdrückte. Kein Alarm, kein Bewegungsmelder und ... halt! Beinahe hätte Dyson mich doch noch erwischt. Auf dem Fußboden erkannte ich die untrüglichen Anzeichen für Drucksensoren. Wenn ich das Büro betreten hätte, wäre der Alarm ausgelöst worden.
Ein gewöhnlicher Dieb hätte jetzt vor großen Problemen gestanden, wenn er kein Spezialgerät mitgebracht hätte, aber ich war alles andere als der normale Prototyp eines Einbrechers. Ich trat von der Türöffnung zurück, nutzte die Breite des Ganges aus, um etwas mehr Anlauf zu nehmen und fixierte meinen Blick auf den ausladenden Schreibtisch. Drei kurze Schritte, ein kräftiger Absprung und Sekundenbruchteile später landete ich federnd auf der Oberfläche des Tisches. Laut des Informanten sollte sich der Safe hinter der rechten Tür des Schreibtisches befinden und ich hoffte, dass der Kerl sich nicht getäuscht hatte. Ich legte mich flach auf die Tischplatte und öffnete die Schreibtischtür.
Volltreffer! Meine tastenden Finger strichen über das kühle Metall einer Stahltür. Vorsichtig glitt ich mit dem Oberkörper von der Schreibtischplatte und achtete sorgfältig darauf, nicht den Halt zu verlieren, bis ich einen Blick auf den Safe werfen konnte. Bei dem Schloss handelte es sich um eine simple elektronische Sicherung. Da hatte ich meinen kleinen Freund also nicht umsonst mitgeschleppt. Ich entnahm das Gerät dem Rucksack, setzte es auf das Eingabefeld des Zahlenschlosses und wartete ab. Meine Geduld wurde auf keine harte Probe gestellt, denn nach nicht einmal fünf Minuten war der Zahlencode geknackt und ich öffnete die Safetür.
Ich lehnte mich noch etwas weiter nach vorne und warf einen Blick in den Safe. Er war mit allen möglichen Papieren vollgestopft, zwischen denen ich auch einige dicke Geldbündel erkennen konnte. Jetzt hoffte ich nur, dass es sich bei den Unterlagen auch um die versprochenen Obligationen handeln würde. Vorsichtig zog ich ein Bündel nach dem anderen aus dem Tresor, stopfte alles in den Rucksack und achtete darauf, dass ja keins von ihnen den Boden berührte. Um an das hinterste Fach zu kommen, musste ich mich so waghalsig in die Tiefe hangeln, dass ich fast den Halt verlor. Doch schließlich zog ich auch das letzte Paket aus dem Safe.
War es Unachtsamkeit oder war ich nur erschöpft von den endlos langen Minuten, die ich in wackeliger Lage auf dem Tisch zugebracht hatte? Jedenfalls bemerkte ich nicht, dass der letzte Umschlag im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht verschlossen war. Fast wie in Zeitlupe sah ich mit an, wie ein dicker Packen herausrutschte und auf dem Boden aufschlug.
Im Raum flackerte eine Lampe auf und irgendwo weiter unten im Gebäude ertönte ein Alarmsignal. Ich war aufgeflogen. Hastig griff ich mir das Päckchen vom Boden, stopfte es achtlos in den Rucksack und verließ das Büro, ohne mich um die Drucksensoren auf dem Fußboden zu kümmern. Der Schaden war ohnehin schon angerichtet.
Noch hoffte ich, dass die Wachposten mehrere Stockwerke unter mir ihren Warteraum hätten. Leider war dem nicht so. Ich hatte gerade die Tür zum Treppenhaus geöffnet, um nach oben zur Dachterrasse zu eilen, als ich nur eine Etage unter mir das angestrengte Keuchen eines Mannes hörte. Trotz der Dunkelheit sah ich ihn die Stufen nach oben stürmen. Wenn ich jetzt über das Dach zu fliehen versuchte, könnte er mich ohne Probleme erschießen. Ich brauchte einen neuen Plan. In diesem Moment sah er mich, stutzte kurz und hob seine Waffe an. Gedankenschnell sprang ich über das Geländer, und noch bevor er reagieren konnte, trat ich ihm mit dem rechten Fuß genau an das Kinn. Noch während er groggy gegen die Wand prallte, sah ich zwei weitere Kerle in das Treppenhaus stürmen. Ich benutzte meinen Schwung, wirbelte den bewusstlosen Wachmann um die eigene Achse und schleuderte ihn den neuen Gegnern entgegen. Sie stürzten zu Boden und ich nutzte die Gelegenheit, um auf sie zu springen und sie mit jeweils einer schnellen Links-rechts-Kombination ins Land der Träume zu schicken.
»Da! Am Treppenhaus!«
Jemand brüllte durch den Flur, dass es mir fast in den Ohren schmerzte. Zwei weitere Kerle eilten auf mich zu und ich wartete nicht erst ab, bis ich im Zwielicht der Notbeleuchtung ein gutes Ziel abgab. Mit rasender Geschwindigkeit stürmte ich auf sie zu und sprang ab. Während sie sich noch fragten, was da auf sie zu kam, trat ich dem vorderen Wächter ins Gesicht und schlug seinem Kollegen meine Faust auf die Nase.
Bis auf das Geräusch des Alarms war es nun ruhig, doch ich nahm nicht an, dass es lange so bleiben würde. Ohne Zeit zu verlieren, sprintete ich zurück ins Treppenhaus, eilte wieder nach oben ... und lief in einen Nachzügler hinein. Er war überraschter als ich und ich gab ihm nicht die Gelegenheit, den Schrecken abzuschütteln. Stattdessen deckte ich ihn mit einem wahren Schlaghagel ein und warf ihn zum Abschluss noch über das Geländer auf den Treppenabsatz, wo er bewusstlos liegenblieb.
Ich riskierte einen flüchtigen Blick in den Flur, doch ich sah nichts weiter als das einsam blinkende Alarmlicht im Büro, wo ich soeben den Safe leergeräumt hatte. Hastig stieg ich die Stufen hinauf, bis ich wieder auf der Dachterrasse stand. Noch während ich hochgeeilt war, hatte ich die Handschuhe angezogen. Nun hing ich den Karabiner ins Drahtseil und machte mich auf den Rückweg. Das Adrenalin pumpte durch meine Adern, sodass ich die Strecke wohl in Rekordzeit zurücklegte. Auf dem gegenüberliegenden Dach angekommen, löste ich die Verankerung, fierte das Seil zurück und verstaute es, bevor ich das Gebäude auf dem gleichen Weg verließ, auf dem ich gekommen war.
Es war nicht gerade meine beste Arbeit gewesen, aber wenigstens hatte ich alles erreicht, weswegen ich eingebrochen war.
Joseph Dyson hatte eine unruhige Nacht und dies lag nicht an dem schweren Abendessen, das ihm im Magen rumorte - zumindest nicht ausschließlich. Irgendetwas suchte ihn in seinen Träumen heim und ließ ihn sich hin- und herwälzen.
Das schrille Klingeln des Telefons riss ihn endgültig aus dem Schlaf. Dennoch benötigte er eine ganze Weile, bis er sich aus dem Bett bequemt hatte.
»Was ist denn?«, hörte er eine weibliche Stimme von der anderen Bettseite her. »Nun schalt diese Höllenmaschine endlich ab!«
»Ach, halt die Klappe!«, brummte Dyson, der sich schließlich doch noch von der Bettkante erhob und zum Telefon ging.
»Dyson! Gnade euch Gott, wenn es nicht wichtig ist!«, knurrte er in den Hörer. Doch schon nach dem ersten Satz seines Gesprächspartners war er hellwach. »Was? Wann? Und der Safe?« Ihm blieb fast das Herz stehen. »Ist das Gebäude abgeriegelt? ... Natürlich, wofür bezahl ich euch Versager eigentlich? ... Ich komme sofort!«
Er stürmte zurück in das Schlafzimmer, schaltete die Deckenbeleuchtung ein und begann sich in aller Eile anzuziehen.
»Was ist denn?«, fragte die Frau erneut.
»Das geht dich nichts an!« Er verzichtete auf Socken und Unterhemd und eilte halb angezogen aus dem Haus. Sein Chauffeur war natürlich noch nicht im Dienst, sodass er sich selbst hinter das Steuer setzte und mit durchdrehenden Reifen vom Grundstück schoss.
*****
Er machte sich nicht die Mühe, den Wagen in die Tiefgarage zu fahren, sondern parkte ihn direkt vor dem Eingang des Gebäudes.
Erschrocken sprang der Portier von seinem Sitzplatz hoch, als Dyson durch die Drehtür eilte.
»Gu ... guten Morgen, Sir. Wollen Sie ...«
»Lassen Sie mich in Ruhe!«, blaffte Dyson, besann sich aber eines Besseren. »Wer hat diese Nacht das Gebäude betreten oder verlassen?«
»Was ... niemand, Sir!«
»Es war aber jemand in meinem Büro!«, schrie er den verschüchterten Nachtportier an. »Sie haben eine einzige verschissene Aufgabe zu erfüllen und sind anscheinend zu dämlich, die Augen offenzuhalten!«
»Aber ... Sir ...«
Dyson winkte nur voller Zorn ab, eilte zu den Aufzügen, stieg ein und fuhr hinauf in den vierzigsten Stock. Wie ein Racheengel stürmte er über den Flur, weißglühend vor Wut. Die elenden Figuren, die sich vor seinem Büro versammelt hatten, verbesserten seine Laune auch nicht. Fassungslos starrte er auf die verbeulten Gesichter seiner Wachleute, von denen zwei immer noch ohne Bewusstsein waren.
»Was ist hier passiert? Hat euch eine Armee überfallen?«
»Ich ... wir wissen nicht ...«, stammelte der Diensthabende verwirrt.
Dyson achtete nicht weiter auf den Mann, sondern riss die Tür zu seinem Büro auf und ging zum Schreibtisch. Beim Anblick des geöffneten Safes wurden ihm die Knie weich. Panisch bückte er sich zum Tresor hinunter und hoffte auf ein Wunder. Vielleicht hatte der Dieb ja nur das Geld und die Wertpapiere mitgenommen. Aber die Hoffnung erfüllte sich nicht. Der gesamte Safe war ausgeräumt. Er ließ sich auf den Chefsessel fallen und wischte sich mit einem Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn.
»Sollen wir die Polizei rufen?«
Dyson sah seinen zerschrammten und von harten Schlägen gezeichneten Mitarbeiter nur mit glasigen Augen an.
»Sir?«, fragte der Mann noch einmal und endlich kehrte das Leben in Dyson zurück.
»Nein, das sollen Sie nicht! Geben Sie mir lieber eine genaue Beschreibung von den Arschlöchern, die hier eingebrochen sind.«
»Ich ... es war nur einer, Sir! Und es ging alles so schnell, keiner hat sein Gesicht gesehen. Es war wie ... tut mir leid, Sir.«
Dyson brauchte ein bisschen Zeit, um das Gehörte zu verdauen. »Was erzählen Sie mir da, Simmons? Ein einziger Mann hat ein halbes Dutzend meiner Wachen außer Gefecht gesetzt?«
Der Mann nickte stumm. »Soll ich die Polizei benachrichtigen?«, wagte der Wachmann es schließlich, seine Frage zu wiederholen.
»Unterstehen Sie sich! Das fehlte mir gerade noch, dass hier die Cops herumschnüffeln. Scheren Sie sich aus meinem Büro, ich habe ein paar Gespräche zu führen. Und nehmen Sie diesen armseligen Haufen da mit, der vor der Tür herumlungert. Da kann ich mir auch gleich das Geld sparen und ein paar Schaufensterpuppen auf den Flur stellen.«
Simmons zog den Kopf ein, verließ das Büro und zog die Tür ins Schloss.
Dyson betrachtete noch einmal den Safe, als ob er hoffen würde, dass durch ein magisches Wunder der Inhalt wieder aufgetaucht wäre. Aber natürlich war der Tresor genauso leer wie ein paar Minuten zuvor. Er griff nach dem Telefon, doch seine Hand zuckte zurück, als ob der Hörer plötzlich glühend heiß geworden wäre. Schließlich gab er sich einen Ruck, nahm den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer. Während er darauf wartete, dass sich sein Gesprächspartner meldete, fuhr er sich noch einmal mit dem Taschentuch durch das Gesicht.
»Ha ... Hallo, hier ist Dyson ... Ja, ich weiß, dass es bei Ihnen mitten in der Nacht ist und ich bitte auch vielmals um Verzeihung ... Ich wollte ... muss Ihnen leider sagen, dass bei mir diese Nacht eingebrochen wurde ... Mein Safe wurde ausgeräumt ... Ich fürchte, der Chip ist fort ... ja, auch der Datenträger ... einfach alles ... Ich weiß ... Hören Sie, ich ...«
Dyson Gesichtsfarbe wechselte zwischen Knallrot und Leichenblass hin und her, während ihn der Mann am anderen Ende der Telefonleitung anschrie.
»Ich weiß es zu schätzen«, sagte er schließlich. »Natürlich werde ich Ihren Mann mit all meinen Mitteln unterstützen ... Nein, ich habe die Polizei nicht verständigt ... Danke ... Ich erwarte dann Ihren Mitarbeiter heute Mittag. Auf Wiederhören.«
Dyson legte erleichtert den Hörer auf die Gabel und zündete sich mit zittrigen Fingern eine Zigarette an. Noch war nicht alles verloren. Er musste die Unterlagen zurückbekommen, koste es, was es wolle. Hoffentlich taugte der Kerl auch was, den man ihm schickte. Dyson wollte gar nicht daran denken, was ihm blühte, wenn er die Sachen nicht wiederbeschaffte. Seufzend drückte er die kaum angerauchte Zigarette aus. Wenn er sich doch nur nicht mit den Kerlen eingelassen hätte. Andererseits hatte er kaum eine Wahl gehabt.
Er stand auf, um sich aus dem Haufen der Versager den am wenigsten verbeulten Kerl auszusuchen und ihm zu befehlen, später am Tag den Neuankömmling abzuholen.
Eldrik
Ich habe nie verstanden, warum das Fliegen so vielen Menschen Unbehagen bereitet. Ich genoss jede einzelne Sekunde davon. Sogar das Auspacken der Gummibrötchen aus dem Zellophanpapier war eine lieb gewonnene Zeremonie für mich. Während des Fluges konnte man außerdem wunderbar über alles nachdenken - zum Beispiel über den Auftrag, den man mir erteilt hatte. Allzu viel Informationen hatte mir mein Auftraggeber nicht mit auf den Weg geben können, aber alles Notwendige würde ich nach der Landung erfahren. Jedenfalls musste es wichtig sein, weil man mich so kurzfristig hinzugezogen hatte.
Ich streckte noch einmal meine Glieder und rekelte mich, als wir uns dem Zielflughafen näherten. Mit etwas Glück würde ich den Job schnell erledigen und mir anschließend die Stadt ansehen können, und zwar mit viel Geld in der Tasche. Die Sekretärin lächelte scheu und fast ein bisschen ängstlich, als sie mich bat, den Tisch hochzuklappen und den Sitz für die Landung vorzubereiten. Ich konnte ihr Unbehagen beinahe körperlich spüren, denn natürlich wusste sie nur zu genau, wer - oder besser gesagt - was ich war. Mit Sicherheit hatte man sie informiert, dass auf diesem Platz ein registrierter Xeno der höchsten Klasse mitfliegen würde.
Ich lächelte sie freundlich an, um sie zu beruhigen. Manchmal fragte ich mich, was sich normale Menschen unter einem Xeno vorstellten. Als ob wir uns nichts Schöneres vorstellen konnten, als unserer zweiten Natur freien Lauf zu lassen und ein Blutbad zu veranstalten.
*****
Mit der Reisetasche in der Hand sah ich mich in der Ankunftshalle des Flughafens um. Ich brauchte nicht lange zu suchen, bis ich einen Mann sah, der ein großes Schild mit meinem Namen darauf trug und in der Nähe der Ausgangstür stand.
»Sind Sie Eldrik Smith?«, fragte er, nachdem ich zu ihm hingetreten war.
Ich konnte nicht anders und musste sein Gesicht länger betrachten, als es höflich war. Zu malerisch sah er mit der bepflasterten Nase und den zwei blauen Augen aus. Er hatte entweder einen Zusammenstoß mit einem Bus gehabt oder den Schwergewichtsweltmeister im Boxen zu einem Wettkampf herausgefordert. Jedenfalls war es ihm nicht gut bekommen.
»Der bin ich«, beantwortete ich schließlich seine Frage.
»Ich soll Sie zu Mr. Dyson bringen.« Erst jetzt fiel mir auch seine undeutliche Aussprache auf. Vermutlich hatten nicht nur seine Augen und Nase etwas abbekommen. Ich bedeutete ihm, dass er vorgehen und mich zum Wagen führen solle.
Während der gesamten Fahrt sprach er von sich aus kein Wort und beantwortete meine Fragen reichlich einsilbig. Das lag aber wahrscheinlich an den Kopfschmerzen, an denen er ganz sicher litt. Nach einer halbstündigen Fahrt steuerte er den Wagen in eine Tiefgarage, von der aus wir mit dem Aufzug bis in den vierzigsten Stock hinauffuhren. Auf dem Weg zum Büro seines Vorgesetzten begegneten wir zwei weiteren Männern, die ebenso gezeichnet waren wie mein bedauernswerter Chauffeur.
»Ich bringe Ihnen Mr. Smith, Sir!«, sagte er noch, nachdem wir das Büro erreicht hatten, bevor er grußlos verschwand.
Dyson stand in Gedanken versunken am Fenster und starrte auf das Gewimmel weit unter sich.
»Ich hoffe, Sie wollen nicht runterspringen, Mr. Dyson«, sagte ich, nachdem er mir zunächst kaum Beachtung geschenkt hatte.
»Wenn Sie den Chip nicht wiederbesorgen können, wäre dies eine Alternative«, erwiderte er dumpf.
»Ich habe noch nie versagt und ich habe nicht vor, ausgerechnet jetzt damit zu beginnen.«
Immerhin drehte sich Dyson nun um und betrachtete mich nachdenklich. Es machte mir nichts aus, denn ich war diese neugierigen Blicke gewohnt.
»Sie fragen sich bestimmt, warum man es mir nicht ansieht, habe ich recht?«
Dyson nickte. »Verzeihen Sie bitte, Mr. Smith, aber ich bin noch nie wissentlich einem Xeno begegnet. Fangen wir besser an, damit wir keine Zeit verlieren.«
Ich war damit einverstanden. »Sagen Sie mir doch zunächst einmal, was Sie wissen.«
Er hob hilflos die Arme. »Ich weiß kaum etwas, außer, dass jemand hier bei mir eingebrochen ist und meine Wachen ausgeschaltet hat. Er hat den Code vom Safe geknackt und komplett ausgeräumt, bevor er wieder verschwunden ist.«
»Hat der Portier niemanden gesehen?«
Dyson lachte spöttisch. »Der hat wahrscheinlich selig vor sich hin geschnarcht. Nein, der hat nichts bemerkt.«
»Überwachungskameras?«
»Die gibt es nur im Eingangsbereich vor den Aufzügen und dem Haupttreppenhaus.« Er massierte sich die Schläfen, bevor er weitersprach. »Der Dieb ist aber über das kleine Treppenhaus gekommen, das nur vom Dach bis zum fünfunddreißigsten Stock geht.«
»Wieso verbindet es nur diese Etagen?«
»Weil diese Stockwerke als Einheit vermietet werden. Der Einbrecher muss es irgendwie in den fünfunddreißigsten Stock geschafft haben und ist dann von dort aus hierher vorgedrungen. Meine Leute haben bereits jeden Raum in dieser und den darunterliegenden Etagen abgesucht, aber keinerlei Spuren gefunden.«
»Was ist mit dem Dach?«
»Glauben Sie an einen Seiltänzer?«
Ich stand auf und ging zur Zimmertür. »Irgendwie muss der Kerl ja ins Gebäude gelangt sein.«
*****
Dyson hatte mir einen seiner Mitarbeiter mit dem Schlüssel für das Dach zur Begleitung mitgegeben und der Mann staunte nicht schlecht, als sich die Tür zum Dach als unverschlossen entpuppte. Für mich war das bereits der Beweis, dass der Eindringling tatsächlich den Weg gewählt hatte.
Das nächstgelegene Hochhaus war nur wenig mehr als zwanzig Meter entfernt. Ich kalkulierte die Entfernung und den besten Winkel, um vom Dach des anderen Hauses auf dieses hier zu gelangen. Als Transportmittel kamen Gleitschirm und Ähnliches meiner Meinung nach nicht in Betracht. Ich suchte daher nach einem Widerhaken, einem kleinen Anker, und wurde auch schon nach kurzer Zeit an einem Mauervorsprung fündig.
»Glauben Sie wirklich, dass jemand an einem Seil hier herübergeklettert ist?«, fragte Dysons Mitarbeiter ungläubig, nachdem ich ihm meinen Fund gezeigt und erklärt hatte. »Wir sind bestimmt hundert Meter über der Erde. Das ist doch viel zu risikoreich ... in der Dunkelheit und bei dem Wind.« Vorsichtig näherte er sich dem Dachrand und spähte hinunter. »Keine zehn Pferde brächten mich dazu, so etwas zu riskieren«, sagte er, bevor er sich bleich zurückzog.
Ich warf noch einen letzten Blick auf das Gebäude nebenan, bevor ich in das Treppenhaus zurückging.
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»Wie viele Ihrer Mitarbeiter wussten, was Sie im Safe aufbewahren?«, fragte ich Dyson, als ich wieder in seinem Büro stand.
Er versuchte sich an einem Lächeln, was aber mehr an ein Zähnefletschen erinnerte. »Das hier ist keine ganz normale Firma.«
»Ich weiß, womit Sie hier ... handeln. Dennoch werden Sie ja wohl nicht jedem auf die Nase binden, was Sie im Tresor herumliegen haben.«
»Von dem Chip und dem USB-Stick wusste niemand, das schwöre ich Ihnen!«, erwiderte er energisch.
»Und vom Geld?«
»Nur die engsten Mitarbeiter ... manch einer wird vielleicht etwas geahnt haben, da wir in letzter Zeit eine Menge ... Geschäfte getätigt haben. Und einfach auf die Bank bringen kann ich das viele Bargeld ja auch nicht ... Sie verstehen ...«
Natürlich verstand ich. Leider erweiterte das den Kreis der Verdächtigen. Zudem erklärte es noch nicht, warum ausgerechnet jemand von außerhalb hier einbrechen musste. Eine Person mit Zugang zu diesen Stockwerken hätte es doch wesentlich einfacher gehabt.
»Haben Sie schon eine Vermutung?«, riss mich Dyson aus meinen Gedanken.
»Wer der nächtliche Besucher war? Ich denke, ein Xeno hat Sie beraubt. Zumindest deutet die Art, wie er hier eingedrungen ist und Ihre Wachen ausgeschaltet hat, darauf hin.«
Dyson wurde blass. »Das ist ... sind Sie sicher?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Erst dann, wenn ich Ihren Gast zu fassen bekommen habe, wissen wir es. Ich werde mich im Nebengebäude umsehen. Vielleicht gibt es dort Überwachungskameras, damit unser Unbekannter wenigstens ein Gesicht bekommt. Sie stellen bitte einstweilen eine Liste mit den Namen auf, die von dem Geld im Safe gewusst haben könnten.«
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Wieder ein Fehlschlag! Eine Stunde lang hatte ich mir die Bänder der Überwachungskameras aus dem Nachbarhaus angesehen und dafür auch noch einen Hunderter als Bestechungsgeld geopfert. Aber zu dem fraglichen Zeitpunkt hatte niemand Unbekanntes das Gebäude betreten oder verlassen.
»Was ist mit der Tiefgarage?«, hatte ich noch wissen wollen.
»Keine Kameras im Außen- oder Schrankenbereich«, war die Antwort des Portiers gewesen.
Nun stand ich vor dem Gebäude, die Hände in den Taschen und genauso schlau wie zuvor. Der mysteriöse Unbekannte wollte sich nicht zu erkennen geben. Für einen Moment überlegte ich, ob vielleicht die sechs verbeulten Wachen diesen Coup durchgezogen und sich als Alibi selber so zugerichtet hatten. Aber ich verwarf den Gedanken direkt wieder. Dagegen sprachen auch die Hinweise, die ich auf dem Dach gefunden hatte.Sei’s drum. Dann musste ich eben ganz von vorn beginnen. Wenn meine Vermutung zutraf, dann würde der Kerl in dieser Stadt bestimmt einige Spuren hinterlassen haben. Vielleicht fand ich auf Dysons Liste einen Fingerzeig, oder aber ich schnappte in irgendeiner Kneipe etwas auf. Außerdem sollte ich mal nachhören, welche registrierten Xenoi sich in den letzten Tagen in der Umgebung aufgehalten hatten.
---ENDE DER LESEPROBE---
