Die Kinder der Schiffbrüchigen - Jonas Nowotny - E-Book

Die Kinder der Schiffbrüchigen E-Book

Jonas Nowotny

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Beschreibung

Christian Thalberg ist glücklich, als sein sehnlichster Wunsch endlich in Erfüllung geht. Er wird zur Familie: Vater, Vater, Kind. Der Weg dahin war steinig und es stehen noch einige Behördengängen an. Aber er hat sein Baby endlich bei sich. Doch der Höhepunkt seines Glücks scheint gleichzeitig der Startschuss für eine Reihe von Problemen zu sein. Noch auf der Namensfeier des Adoptivsohnes wird ein Attentat auf seine Familie verübt, bei dem er die Vermutung nicht los wird, dass seine Schwägerin, evangelikale Christin, ihre Finger im Spiel hat. Und dann taucht auch noch ein Fremder auf und stellt alles, was er über seine Familie zu wissen glaubte in Frage. Das Glück, das er zuvor empfand, währte kurz und der Strudel der Ereignisse zieht ihn immer weiter abwärts.

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Seitenzahl: 543

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jonas Nowotny

Die Kinder der Schiffbrüchigen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Epilog

Haftungsausschluss

Impressum

Kapitel 1

Für

J-N. und L.

Mein Herz schlägt für Euch!

Oliver hatte Glück: Mit blauen Bändern und Heliumballons geschmückt lag die MS Anetta noch am Kai. Über dem einsamen Rettungsboot am Heck wehte eine Flagge in den Regenbogenfarben. Oliver kettete seine Vespa an eine Kastanie und nahm eilig die Treppen hinunter zur Anlegestelle. Er musste aufs Schiff. Nur wie ihm das gelingen sollte, wusste er nicht.

An der Anlegestelle hob er seine Canon und zoomte sich das Gesehen auf der Anetta heran. Festlich gekleidete Menschen amüsierten sich mit Sektgläsern in den Händen und fröhlichen Gesichtern auf den Freidecks. Oliver interessierte sich nur für die Frauen unter den Passagieren. Würde er sie erkennen, wenn er sie sah? Als ein bärtiger Mann in Kapitänsuniform seine Aufmerksamkeit erregte, drückte er den Auslöser. Noch auf dem Steg steckte sich der Bärtige in der hohlen Hand eine Zigarette an. Er inhalierte und blickte nervös auf die Armbanduhr. Schnell stieß er den Rauch wieder aus. Oliver stand keine zehn Meter von ihm entfernt, trotzdem zoomte er näher an ihn heran. Der Fotoapparat klickte, als der Kapitän direkt in die Linse schaute. Ein verärgertes Rucken lief durch das schwarzbärtige Gesicht. An der Zigarette ziehend, schritt er auf den Fotografen zu.

Oliver fühlte sich ertappt und senkte die Kamera.

»Da sind sie ja endlich! Wir warten schon eine halbe Stunde!«

»Äh ...«, machte Oliver. »Ich fürchte, Sie verwechseln ...«

»Sie sind doch der Eventfotograf«, unterbrach ihn der Bärtige, »Ihre Kamera sieht mir jedenfalls ziemlich professionell aus!«

Oliver schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, ich habe das Schiff nur aus Motivgründen fotografiert.«

Der Kapitän zog an der Zigarette und musterte ihn aus den Augenwinkeln. Ein Blick, der Oliver unangenehm wurde.

»Ich geh dann mal weiter«, sagte er und warf einen letzten flüchtigen Blick auf das geschmückte Schiff.

»Warten Sie«, bat der Kapitän, nun stahl sich etwas Freundlichkeit in sein Gesicht, »mit Ihrer Kamera lassen sich doch sicher tolle Fotos schießen?«

Oliver nickte vorsichtig. Er wusste nicht worauf die Frage abzielte. Der Bärtige schnippte die Zigarette weg.

»Wollen Sie nicht an Bord kommen und ein paar Bilder machen?«

»Wie bitte?« Oliver furchte die Stirn.

»Entschuldigen Sie, ich bin immer sehr direkt.« Er streckte Oliver seine Bärentatzen entgegen. »Claus Thalberg. Mir gehört das Schiff.« Kraftvoll drückte er Olivers Hand. »Wir begehen heute die Namensfeier meines Enkels Louis. Leider, so scheint es, ...«, er steckte sich eine neue Zigarette in den Mund, »leider hat uns der Fotograf versetzt. Alle Gäste sind schon an Bord und ich will jetzt ablegen.« Thalberg hielt die Zigarette ans Feuerzeug. »Wollen Sie nicht einfach aufs Schiff kommen und für die Erinnerungsfotos sorgen? Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.«

Oliver zögerte, obwohl er sofort begriff, welche Chance sich ihm gerade bot. Der Kapitän zog aus der Innentasche seiner Uniform ein Portemonnaie. »Sie sollen ja nicht umsonst arbeiten«, sagte er und streckte ihm zwei Fünfzig-Euro-Scheine entgegen. »Die Abzüge bezahle ich dann selbstverständlich extra. Essen und Trinken Sie, soviel Sie wollen.«

Oliver jauchzte innerlich auf. Konnte es wahr sein, dass ihn heute das Glück verfolgte? Dieser unerwartete Job auf dem Schiff würde ihm ermöglichen, sich ihr unauffällig zu nähern. Er konnte sie beobachten, ohne sie gleich, wie es in ihrer Wohnung der Fall gewesen wäre, mit den Tatsachen zu konfrontieren.

»Ich … ich habe heute frei. Warum also nicht.« Er nahm die Geldscheine. »Erwarten Sie aber nicht zu viel von meinen Fotos. Ich bin kein Profifotograf.«

»Ausgezeichnet!«, entgegnete Thalberg lachend und schlang den kräftigen Arm um Olivers Schulter, als sei er ein neuer Matrose. Zufrieden blies er Rauchwölkchen in den Himmel.

Die Stufen zum Freideck nahm Oliver mit einem Schmunzeln um den Mund. Er dachte: Hier bin ich! Ihr habt mich nicht eingeladen, aber hier bin ich!

Thalberg führte ihn zum Anlass des Festes: Louis Thalberg. Mit wachen, neugierigen Augen blickte das Baby aus dem Kinderwagen. Olivers Miene gefror: Der Säugling war schwarz. Das hatte er nicht erwartet.

»Das hier sind Louis‘ Eltern«, stellte der Kapitän seinen Sohn Alexander und einen weiteren jungen Herren vor.

Oliver sortierte seine Gedanken. Sein Blick wechselte von einem Mann zum anderen. Beide steckten in sommerlichen Anzügen. Der im beigen war also dieser Christian, dessen Namen er vorhin beim Hausmeister erfahren hatte, als er um ihren Wohnblock geschlichen war. Alexander trug Dunkelblau und musterte Oliver freundlich.

»Und das ist Herr ...«, fuhr der Kapitän seine Vorstellungsrunde fort und fischte in Olivers Augen nach einem Namen.

»Wagner. Oliver Wagner«, antwortete Oliver. Er wischte die schweißnasse Hand an seiner Stoffhose ab, ehe er sie Alexander entgegenstreckte. »Ich bin hier heute für die Fotos zuständig.«

Alexander nahm die Hand. »Sehr erfreut.«

»Und wo ist … wo ist seine Mama?«, fragte Oliver, während er jetzt Christian die Hand reichte.

»Sie schütteln ihr gerade die Hand«, antwortete Christian. »Wir«, er legte Alexander demonstrativ den Arm um den Hals, »sind Louis' Eltern.«

Oliver nickte. Es war nicht nur die Nachmittagssonne, die ihm weiter den Schweiß auf die Stirn trieb.

»Ach so. Ach so ist das«, stammelte er.

»So ist das«, lachte der Kapitän. »Dann sind wir ja jetzt vollzählig und ich kann endlich ablegen.« Thalberg salutierte und ging.

Oliver bemerkte Christians misstrauisch taxierenden Blick auf sich ruhen. Mit Christian hatte er keinen guten Start, so viel war sicher. Schützend hob er sich die Kamera vor das Gesicht. »Cheese.« Das Kommando wirkte: Die beiden Männer prosteten gestellt lächelnd in die Linse.

»Es tut mir Leid, falls ich eben in ein Fettnäpfchen getreten bin.« Oliver senkte die Kamera. »Ich wusste nicht, dass ...«, er zögerte. Auf keinen Fall sollte er nochmal jemanden brüskieren. Er begann den Satz neu. »Ihr habt das Baby adoptiert?«

Alexander nickte.

»Cool.« Oliver räusperte sich. »Wirklich. Geht das denn heutzutage? Ich meine … äh … zwei Männer und so?«

»Nicht in Deutschland«, erklärte Christian schnippisch, »Louis ist aus den USA. Da funktioniert das«.

»Verstehe«, sagte Oliver, »wie lange musstet ihr in den USA leben, bis die Adoption abgeschlossen war?«

»Gar nicht«, gab Christian zurück. Ihn nervte die Unterhaltung sichtlich. »Wir haben die ganze Zeit in Deutschland gelebt.«

»Wie geht das denn? Musstet ihr nicht überprüft werden, ehe sie euch ein Kind geben?« Oliver war ehrlich an dem Prozedere interessiert, als beträfe ihn das Thema persönlich. Und das tat es auch, das wurde ihm in diesem Moment bewusst.

»Selbstverständlich brauchten wir einen Sozialbericht«, sagte Christian. »Wir wurden insgesamt acht Mal von der amerikanischen Sozialarbeiterin besucht, ehe wir Louis zugesprochen bekamen. Nur das deutsche Jugendamt, das haben wir nicht gefragt.«

»Und das lässt sich das Amt so gefallen?« Oliver war verblüfft. »Eine Adoption quasi durch die Hintertür, da sollte man meinen, das Amt wäre ...« Er unterbrach sich selbst, weil Christians Blick sich verfinsterte.

»Ich denke, das Thema Behörden lassen wir heute lieber«, schlug Alexander ruhig vor, »da liegt das eine oder andere im Argen.«

»Genau«, gab Oliver retour und wich einen Schritt zurück. »Ich mische mich dann mal unter die Leute und mach ein paar Fotos.« Er nickte den beiden Männern freundlich zu und schnappte sich zur Nervenberuhigung ein Glas von den Tablett, das ein Kellner eben an ihm vorbeitrug. Wow, dachte er, nachdem er den Sekt auf Ex geleert hatte, was für eine kaputte Familie: Zwei Homos und ein schwarzes Baby! Außerdem irritierte ihn der Familienname Thalberg. Hatte der Hausmeister nicht von einer Feier der Benschs gesprochen? Oliver ließ Revue passieren, was er bisher wusste: Der Kapitän, Claus Thalberg, war der Großvater des adoptierten Babys Louis und Vater von Alexander Thalberg. Der Christian ... Christian! Oliver schluckte; kalt traf ihn die Erkenntnis. Er zoomte auf Christian. Die Kamera klickte drei Mal. Wenn Christian ihr Sohn war, dann ...

»Na, auch heimlich in den Typen verliebt?«, unterbrach jemand seine Gedanken. Oliver senkte die Kamera. »Wie bitte?«

Er musterte den hochgewachsenen, auffallend schlanken Mann, der sich neben ihn gesellt hatte. Sein Krawattenknopf saß passgenau am ordentlich aufgestellten Hemdkragen. Nur die rote Schleife wollte nicht recht zu dem braunen Anzug passen.

»Leidensgenosse Rüdiger«, stellte sich der Fremde vor.

»Leidensgenosse?«, erwiderte Oliver, »ich glaube nicht, dass ...«

»Ach, zier dich nicht.« Der Schlanke grinste. »So oft, wie du die jetzt fotografiert hast. In welchen der beiden bist du denn verknallt?«

Ein scheues Lächeln huschte Oliver über die Lippen. Hielt Rüdiger ihn für schwul?

»Ich bin der Eventfotograf«, antwortete Oliver schnell. In das Gesicht des Unbekannten stieg ungesunde Röte. Verlegen nippte er am Orangensaft. »Entschuldigen Sie.«

Oliver schmunzelte. »Und zu welchem Teil der Familie gehörst du?«

Rüdiger seufzte. »Der Dunkelblonde ist mein Ex. Schau dir nur die Grübchen an, wenn er lächelt!« Er verschränkte die Arme und seine Stimme wurde ernst. »Zwei Jahre waren wir zusammen, bis ich Idiot dienstlich ein Jahr nach Australien musste und prophylaktisch mit ihm Schluss gemacht hab. Ich wollte ungebunden sein in Down Under.« Wieder nippte er an seinem Orangensaft. »Lass uns Freunde bleiben, hab ich zu ihm gesagt. Und als ich zurückkam, war er mit dem anderen verlobt.« Er deutete auf Alexander. »Freunde sind wir tatsächlich geblieben.« Oliver beobachtete Christian und wartete auf ein grübchendurchzogenes Lächeln, aber es erschien keines. Stattdessen erklang jetzt die Schiffsglocke, ein Dieselmotor röhrte und durch das Schiff zog ein Ruck. Thalberg hatte Fahrt aufgenommen. Die Anetta entfernte sich rasch vom Ufer.

»Achtung!«, raunte Rüdiger ihm zu, »Catrin im Anmarsch! Das kann interessant werden. Vielleicht sollte der Bildberichterstatter näher treten.«

»Who the fuck is Catrin«, murmelte Oliver und beobachtete die ganz in Schwarz gekleidete Frau, die jetzt auf das Elternpaar zuging. Sie trug ein kleines Mädchen im Arm; ein weiteres hatte sich scheu an ihr Kleid geklammert. Am anderen Arm baumelte lässig ein Weidenkorb.

»Alex' Schwester und ihr Mann«, erklärte Rüdiger und deutete mit dem Kinn auf den farblosen Mann, der Catrin folgte. Auch er trug ein Mädchen im Arm. Oliver traf ein Blick aus Catrins nussbraunen Augen. Sie strahlten aus einem blassen, aber porzellanpüppchenschönen Gesicht zu ihm her. Für ein paar Sekunden stockte ihm der Atem.

»Catrin!«, rief Alexander mit sektgelöster Stimme, »mit euch hab ich nicht wirklich gerechnet!«

»Mama und Papa haben drauf bestanden«, antwortete Catrin trocken und stellte den Weidenkorb neben sich auf die Schiffsdielen.

Alexander schien das Gesagte nicht zu enttäuschen. Er wandte sich lächelnd dem Mädchen auf ihrem Arm zu.

»Schön, dass du da bist, Maria.« Speckbäckig sabberte die Kleine auf ihr weißes Kleidchen. Alexander streichelte sie über die Wange und begrüßte die beiden älteren Mädchen. »Gut Euch zu sehen.« Zuletzt reichte er Björn, Catrins Ehemann, die Hand.

»Lasst uns anstoßen!«, sagte Alexander.

»Du weißt, dass wir nicht trinken«, entgegnete Catrin. Die Kälte ihrer Stimme wehte zu Oliver herüber. Er wischte sich eine wohlige Gänsehaut vom Arm.

»Wir haben für den Fall der Fälle auch Kindersekt«, mischte sich nun Christian ein, der sich zuvor, der Begrüßung entziehend, etwas abseits gestellt hatte. Catrin brachte ein steifes Lächeln zustande. »Also gut.« Sie linste in den Kinderwagen. »Der Junge schläft friedlich, als ginge ihn die ganze Chose hier nichts an«, sagte sie.

Alexander überging die Bemerkung. Er schnitt Oliver eine Grimasse, während er sich am Verschluss des alkoholfreien Sekts abmühte. Oliver drückte auf den Auslöser.

Catrin reichte ein Glas an Björn. »Bekomme ich auch einen?«, fragte Rebecca, Catrins Älteste. »Aber natürlich!«, antwortete Alexander und gab der Achtjährigen den nächsten Sekt.

»Du auch einen, Ruth?«, erkundigte sich Christian, während er bereits einen Kinderbecher füllte, »der schmeckt ganz lecker! Den trinke ich auch immer!«

Statt ihrem Onkel zu antworten, vergrub Ruth ihr Gesicht im Baumwollrock der Mutter.

»Sie darf bei mir nippen«, sagte Catrin, nahm den Becher und trank hastig, ohne jemandem zuzuprosten. »Übrigens, Becky«, fuhr sie fort, als sie den Becher absetzte, »magst du Louis nicht unser Geschenk geben?«

Das Mädchen nickte. Entgegen Olivers Erwartung befand sich das Geschenk nicht in Catrins Weidenkorb. Becky nahm einen violetten Rucksack vom Rücken und zerrte ein schmal geschnürtes Päckchen heraus.

»Das Geschenkpapier habe ich selbst bemalt«, erklärte sie stolz und überreichte Alexander das zerknitterte Paket.

»Vielen Dank. Ich bin vorsichtig beim Auspacken.« Mit einem Messer, das auf dem Partytisch lag, schnitt er die bunten Schnüre durch und löste mit spitzen Fingern den Klebestreifen.

»Schau mal, Christian, das Geschenkpapier hat Becky selbst gemalt«, sagte Alexander zu Christian, als habe dieser das Bisherige nicht mitbekommen. Er strich das Papier über seinem Knie sorgfältig glatt. Rote Herzen und gelbe Sterne umrandeten drei Strichmännchen.

»Das bist du, Onkel Chris, und der kleine Louis«, erklärte Rebecca strahlend.

»Habe ich sofort erkannt«, behauptete Alexander und drückte seiner Nichte einen Kuss auf die Stirn. Becky kicherte.

»Wollen wir uns jetzt Louis‘ Geschenk vornehmen?«, fragte Alexander. Becky nickte. »Ich tippe auf Strampler«, sagte Alexander und faltete den weißen Stoff auseinander. Dann hielt er einen Moment inne, suchte Blickkontakt zu Catrin. »Du kannst es wirklich nicht lassen, oder?«, fragte er matt. Oliver sah ihn um Fassung ringen und drückte rasch den Auslöser, als Alexander das Kleidungsstück hochhob, damit auch Christian den roten Schriftzug lesen konnte.

»Jesus loves me«, las Rebecca vor, »Das bedeutet: Jesus liebt mich.«

»Danke für die Übersetzung, mein Schatz«, erwiderte Alexander leise und schaute in Richtung seiner Schwester.

»Der Kleine soll wissen, dass er trotzdem nicht verloren sein muss«, erklärte sie unschuldig. Alexander presste die Lippen aufeinander und nickte langsam, als begreife er endlich, welch schlechter Mensch er war.

»Trotzdem?«, mischte Christian sich ein. Das Wort zuckte wie ein Blitz zwischen ihm und Catrin. »Trotzdem Louis zwei Väter hat, oder was?«, präzisierte er. Catrin versteckte ihr Grinsen hinter einem Nippen am Kindersekt.

»Und ich dachte, ihr seid gekommen, weil ihr unsere Familie endlich akzeptiert!«, fuhr Christian fort.

»Um Himmelswillen! Wie naiv du doch bist!« Catrin lachte abschätzig und wiegte Maria im Arm. »Ich bin hier, weil mein Vater es wünscht und ich ihn nicht vergrämen will. Ich werde nie akzeptieren können, was vor Gott eine Sünde ist.« Sie schüttelte den Kopf, als käme sie nicht über die Blauäugigkeit ihres Schwagers hinweg. »Wenn jemand bei einem Manne liegt«, fuhr sie fort, »wie bei einer Frau, haben sie getan, was ein Gräuel ist. Drittes ...«

»Drittes Buch Mose, Vers 20, 13«, unterbrach Christian ihren Vortrag, »und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen. Ich hab den Scheiß auch gelesen, Catrin.« Er nahm das Messer vom Partytischchen. »Und? Was schlägst du jetzt vor?«, forderte er Catrin heraus, »soll ich mir gleich hier die Pulsadern aufschneiden oder mich lieber später vor einen Zug legen? Was verlangt die Bibel? Steinigen?« Christian drückte sich die Klinge an den Unterarm, Oliver den Auslöser seiner Kamera.

»Lästere du nur!«, raunte Catrin. Verstohlen schaute sie sich um, als würde ihr die Unterhaltung unangenehm. Als sie jedoch bemerkte, dass sich die übrigen Partygäste nur füreinander interessierten, setzte sie nach: »Du wirst deine Strafe bekommen, wenn ihr Euer Leben zum Zorn Gottes fortführt. Und jetzt zieht ihr noch ein unschuldiges Kind in das Ganze hinein.«

Christian lachte. »Vielleicht sollte ich mir besser die Kehle durchschneiden?« Er ließ die Klinge vor seinem Hals tanzen.

»Du bist peinlich«, zischte Alexander und wand Christian das Messer aus der Hand.

»Peinlich? Ich?« Christian stemmte die Hände in die Hüften. »Deine Schwester ist es doch, die ...«

Alexander zog Christian an sich und schloss ihm mit einem Kuss den Mund.

»Isch do... wa...«, versuchte Christian weiterzusprechen. Für alle sichtbar schob Alexander ihm seine Zunge in den Mund.

»Ekelhaft!« Catrin drehte sich weg. »Lasst uns Oma suchen«, schlug sie den Kindern vor, Björn trottete stumm seiner Familie hinterher.

»Ein richtig kleiner Drache!«, lachte Rüdiger. Oliver erwiderte nichts. Stumm blickte er Catrin nach, bis sie verschwunden war. Er glaubte nicht an das Märchen von der Liebe auf den ersten Blick, denn nie zuvor hatte ihm der bloße Anblick einer Frau ein wohliges Bauchkribbeln beschert. Gern wäre er jetzt Catrin gefolgt, doch er erinnerte sich, warum er hier war. Er lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf die beiden Väter. Gerade schwankte ein Herr, dessen zotteliger Schopf schon länger keine Friseurschere begegnet war, auf die beiden zu. Sein weißes Hemd trug Schwitzflecken und ragte im Schritt aus der Hose heraus.

»Was hat Catrin denn wieder gebissen?«, lallte er, während er an einem Partytischchen Halt suchte.

Christian bedachte den Betrunkenen mit einem verächtlichen Blick und löste sich aus Alexanders Umarmung. Oliver rückte näher ans Geschehen. Eine unbestimmte Ahnung verriet ihm, er würde gleich weitere Familieninterna lernen.

Und dann sah er sie. Mit einem dunkelblauen Blazer gekleidet, bahnte sie sich vorsichtig einen Weg durch die Trauben aus Gästen.

»Da bist du, Horst!« sagte sie und stellte sich neben den schwankenden Mann. Oliver schätzte sie auf Mitte fünfzig, obwohl der Dutt, zu dem ihr graublondes Haar geknotet war, sie älter wirken ließ.

»Ihr habt doch nicht etwa wieder gestritten?« Ihre besorgten Augen sprangen zwischen Horst und Christian hin und her.

»Streit? Wer streitet sich denn?« Horst gab sich empört. »Sohn, sag deiner Mutter, dass ich nicht zoffen wollte.«

Christian blies die Backen auf und blickte hilfesuchend auf die Frau hinab.

»Ich hab nur wissen wolln«, lallte Horst weiter, »was deine Freundin wieder zu stänkern hatte.«

»Catrin ist hier?« Die Miene der Frau erhellte sich. »Dann will ich sie suchen und ihr hallo sagen.«

»Mama.« Christians Stimme klang flehend.

Ein warmes Ziehen durchwanderte Olivers Magen. Wenn Christian die Frau im Blazer, dessen Kragen phantasievoll mit Pailletten bestickt war, Mama nannte, bedeutete dies, dass sie die Gesuchte war: Renate Bensch.

»Kommst du, Horst?« Renate zog ihn am Ärmel. Horst riss sich von ihr los. »Lass mich und geh!«

Renate blickte ihren Sohn an und zog entschuldigend die gepolsterten Schultern hoch. Dann wandte sie sich ab und ging. Oliver klickte ihr zweimal mit der Kamera hinterher, als könne er damit die Versuchung unterdrücken, ihr zu folgen. Versonnen befühlte er das Pfand in seiner Hosentasche; warm und leicht lag es in seiner Hand. Der Betrunkene stänkerte unterdessen weiter. War er der, für den Oliver ihn halten durfte? Der Gedanke ernüchterte ihn.

»Catrin hat wohl nicht gepasst, dass ihr euren kleinen Wadenbeißer nicht ordentlich taufen lasst, was?«, riet Horst und sog an seiner Bierflasche. Schwankend linste er in den Kinderwagen, ehe er die Flasche absetzte und rülpste. »Und soll ich euch was sagen?«

»Nein, Papa«, fuhr Christian ihn an.

Horst sprach weiter: »Ich kapier‘s auch nicht. Was soll dieses bunte Treiben hier?« Horst wedelte mit der Flasche, dabei schwappte Bier heraus. Die Aufmerksamkeit der Gäste galt jetzt ungeteilt ihm. Amüsiert steckten sie die Köpfe zusammen.

»Warum gibt es keine richtige Taufe, mit Pfarrer und Weihwasser?«

Christian drückte sich die Hände vor das Gesicht, als perlten Horsts gelallte Fragen an ihm ab wie der verschüttete Alkohol.

»Papa, du machst dich hier zum Affen!«, raunte er seinem Vater zu. Horst fasste sich ans Herz, als sei Christians Vorwurf ein vergifteter Pfeil. »Ich hab nur was gefragt. Ist es nicht mehr erlaubt, seinen Sohn was zu fragen? Ein Kind gehört getauft. In einer Kirche. Frag Mutter!« Horst setzte die Flasche an.

»Im Gegensatz zu dir scheint Mutter kapiert zu haben, dass Louis nicht in unserer Familie wäre, wenn es nach dem Willen ihrer Kirche ginge, in die euer Enkel getauft werden soll!«, antwortete Christian. »Eure verlogene Kirche bekämpft das Adoptionsrecht für Schwule, als wäre es das schlimmste Übel auf dem Planeten.« Den Wutschaum um Christians Mund hielt Oliver fotografisch fest. Das Bild jedoch, das sich auf dem Bildschirm der Kamera zeigte, war verschwommen: Christian hatte sich mit den Worten »Louis braucht seine Flasche« abgewandt und war gegangen.

»Jetzt spielt er wieder die beleidigte Leberwurst«, jammerte Horst, die Flasche nur kurz von den Lippen nehmend. Alexander legte den Arm um die Schulter seines Schwiegervaters. Gerade noch für Oliver vernehmbar, raunte er ihm zu: »Wenn du uns hier die Party versaust, werfe ich dich höchstpersönlich von Bord!«

Oliver wandte sich ab. Das Beobachtete hinterließ in ihm ein unbestimmtes Gefühl. Plötzlich erfasste ihn der Gedanke, seine Pläne zu verwerfen, es einfach sein zu lassen und von Bord zu gehen. Vielleicht würde es ihm nicht gut bekommen, im Leben von Renate Bensch herumzuschnüffeln.

Kapitel 2

Oliver stellte sich abseits des Trubels an die Reling und holte Luft. Über seinem Kopf segelten drei Möwen und motzten. Er fotografierte sie, ehe er den Rucksack neben sich stellte und das schwarze Sakko auszog. Eine Brise kühlte ihm den nassen Rücken. Er hielt sich mit beiden Händen an der Balustrade fest und zog die Luft tief durch die Nase ein. Dann seufzte er. Was tat er hier? Er gehörte nicht hierher. Wie naiv war es gewesen zu glauben, ihr Leben habe sich ab dem Moment, als sie ihm das Pfand zusteckte, jeder weiteren Entwicklung entzogen. Nein, selbstverständlich war sie verheiratet, und selbstverständlich hatte sie einen Sohn. Das Kreischen eines Mädchens schreckte ihn aus seinen Gedanken …

»Mein Bild! Mein Bild!« Rebecca rannte über das Deck. Sie verfolgte ein Blatt Papier, das von eine Böe erfasst worden war. Flatternd kam es auf Oliver zu. Dann wurde es von den Eisenstangen der Reling aufgehalten. Oliver versuchte es zu ergreifen, doch ehe seine Hand es erreichte, wurde es von der nächsten Böe erfasst und landete im Fluss. Rebecca weinte.

»Ich hab so ein schönes Pferd gemalt!«

Oliver ging in die Hocke. »Dann mal einfach ein neues.« Er blickte sie mitleidsvoll an. Eine Träne kullerte ihr über ihre Wange. »Ich habe aber kein Papier mehr!«

»Ich hab dir gesagt, du sollst aufpassen, Becky!«

Oliver sah in die Richtung, aus der die weibliche Stimme gekommen war. Catrin hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Das schwarzes Kleid und die dunklen Haare flatterten kontrastvoll zu ihrem elfenbeinblassen Gesicht im Wind. Becky hörte augenblicklich auf zu weinen. Mit verdrücktem Schluchzen wischte sie den Ärmel durch das Gesicht.

»Geh zu deinem Vater und hol dir ein Taschentuch. Putz dir damit die Nase!« Rebecca nickte, warf Oliver einen flinken Blick zu und huschte davon.

»Kindern kann man alles tausendmal sagen, sie tun es doch nicht«, sagte Catrin.

»Hmm«, gab Oliver zurück. Er lächelte verlegen, »Da kann ich nicht mitreden, ich habe keine Kinder.«

»Das geht manchmal schneller, als man denkt.«

»Na, dafür bräuchte es eine Frau.« Oliver merkte, dass ihm Röte in die Wangen stieg.

Catrin lachte. Olivers Unsicherheit schien ihr zu gefallen. »Wir wurden uns vorhin gar nicht vorgestellt«, sagte sie.

»Ähm, ja.« Oliver war aus dem Konzept. »Ich bin... äh ... Oliver Wagner. Und Sie sind?«

»Catrin, Alexanders Schwester.« Sie lächelte und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Oliver fiel ein erbsenfeiner Perlenohrring auf.

»In welchem Zusammenhang stehen Sie zu Christian?«, forschte Catrin.

»Genaugenommen in keinem.« Oliver bemerkte, wie ihm die Stirn unter feinen Schweißperlen kribbelte. »Ihr Vater hat mich mit dem Fotografieren beauftragt.« Er deutete auf die Kamera.

»Ach, verstehe. Dabei hätte ich schwören können, dass Sie zu seiner Familie gehören.«

»Nein, tut mir Leid, da täuschen Sie sich.«

Catrin zuckte mit den Schultern. »Macht ja nichts.«

Die Verlegenheit lächelte aus Olivers Gesicht. Catrins Haare wehten im Wind, während sie ihn offen musterte. Er konnte ihren Augen nicht standhalten und wich aus. Alexanders Schwester hatte etwas an sich, das ihm gleichermaßen gefiel und abschreckte. Ein scheuer Seitenblick zeigte ihm, dass sie ihren Blick abgewandt und auf den Neckar gerichtet hatte. Sie sortierte ihr schwarzes Haar. Wieder sprangen Oliver die blassrosafarbenen Perlen ins Auge. »Schöne Ohrringe haben Sie. Flussperlen?«

»Was für ein guter Beobachter!« Catrin lächelte anerkennend. »Ja, das sind Süßwasserperlen. Sie wurden angeblich vor hundert Jahren aus dem Neckar gefischt. Mein Mann hat sie auf dem Flohmarkt gefunden. Ich finde Sie wunderschön.«

»Ja, das sind sie«, antwortete Oliver leise. Sein Blick spazierte über das glitzernde Wasser.

»Darf ich Sie was Persönliches fragen?«, sagte Catrin gegen das Rauschen des Stimmengewirrs. Oliver nickte auf den Neckar hinaus.

»Wonach suchen Sie? Weshalb sind Sie hier?«

Oliver wandte sich Catrin zu, versuchte ihren Blick zu deuten, doch ihr Gesicht war verschlossen. Noch nie hatte ihm jemand eine so sonderbare Frage gestellt.

»Ich verstehe Sie nicht. Ich sagte Ihnen bereits, dass Ihr Vater ...«

»Oliver, keine Ausflüchte«, lachte Catrin, »Sie sind ein Suchender!«

»Ein Suchender«, fragte Oliver heiser.

»Ich merke es sofort, wenn Menschen etwas auf dem Herzen haben. Sie haben einen leeren Blick und es ist, als schauten sie durch einem hindurch.«

Oliver runzelte die schweißnasse Stirn. »Und bei mir haben Sie das Gefühl, ich schaue durch Sie hindurch?« Er war sich unsicher, ob Catrin etwas wusste oder nur im Trüben stocherte. »Und was suche ich, Ihrer Meinung nach?« Oliver sah sie hart an; nicht noch einmal wollte er hören, er blicke durch Menschen hindurch.

»Oh, ich bin Ihnen zu nahe getreten«, stellte Catrin fest.

»Nein, so ist es nicht. Ich kann nur nicht verstehen, was Sie ...«

»Oliver, es hat nichts Anrüchiges, ein Suchender zu sein. Alle suchen wir. Nach Wahrheiten. Nach Antworten. Nach einer Frau. Vielleicht nach Gott.« Sie hatte sich ihm zugewandt und schien auf eine Reaktion zu warten. Doch mehr als ein kehliges »ähm« brachte er nicht zustande. Er konnte es nicht fassen: Baggerte ihn gerade die Schwester des Gastgebers an? Oliver konnte sich nicht empören. Im Gegenteil. Er fühlte sich geschmeichelt. Catrin gefiel ihm, und dass Frauen ihm offen Interesse bekundeten, geschah nicht oft.

»Sie müssen mir nicht antworten. Entschuldigen Sie. Es war unhöflich, Sie anzusprechen.« Catrin senkte den Blick.

»Ihnen muss nichts leid tun. Ich war nur irritiert. Ich finde es schön, dass Sie sich für mich interessieren.« Wieder schwappte Oliver Röte ins Gesicht. Seit wann ließ er sich von Frauen derartig aus der Fassung bringen? Wieder diese Schweißperlen.

Catrin hob den Kopf und lächelte erleichtert.

»Also. Wonach suchen Sie?«

Ehe Oliver sich darüber klar werden konnte, ob er ihr antworten wollte, unterbrach Catrins Mann die Unterhaltung.

»Da bist du ja!«, sagte Björn und musterte Oliver.

Catrin schien sich in keiner Weise ertappt zu fühlen und stellte die beiden Männer einander vor.

»Wo sind die Kinder?«, fragte sie anschließend.

»Bei Oma am Bug. Becky übt die Kate-Winslet-Pose. Wir sollten Oma nicht zu lange mit den Wirbelwinden allein lassen.« Björns Heiterkeit wirkte gezwungen.

»Ach!«, meinte Catrin, »ich habe mich gerade so schön mit Oliver unterhalten. Und es wäre unhöflich, das Gespräch so angebrochen zurückzulassen.«

Björn hob misstrauisch die Augenbrauen.

Oliver stotterte: »Schon gut, Frau äh ... Thalberg?«

»Wulf«, half Björn, der sichtlich ungeduldig wurde.

»Es war schön, mit Ihnen zu plaudern. Aber ich müsste ohnehin mal für … ähm … kleine Fotografen.«

Catrin zwirbelte neckisch an einer Haarsträhne. »Verstehe. Dann setzen wir das Gespräch gern ein andermal fort.« Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, dennoch entging Oliver nicht das vorwurfsvolle Glimmen in ihren Augen, mit dem sie ihren Gatten bedachte. Oliver lächelte dem Ehepaar verbindlich zu. Welch bizarre Familie!

Kapitel 3

Die Lounge der MS Anetta befand sich im vorderen Teil des Hauptdecks, zwischen der Treppe zum Oberdeck, der Toilette und dem Salon. Eine schwere Mahagonitür führte in den mit bequemen Sitzmöbeln und einer Bar ausgestatteten Raum. Christian stand am Tresen, schüttete einhändig Milchpulver aus dem Dosierer in Louis' Milchflasche und goss heißes Wasser aus der Thermoskanne darüber. Louis weinte schrill vor Hunger.

»Gleich ist es so weit, mein Herz. Es ist noch zu heiß«, tröstete Christian und wiegte seinen Sohn im Arm. Mit der freien Hand schüttelte er die Flasche, damit die Milch rascher abkühlte.

Die schwere Holztür öffnete sich leise. Renate steckte den Kopf herein. »Den habe ich dem Kellner abgenommen.« Sie hielt einen mit Eiswasser gefüllten Sektkühler. »Ich dachte mir, der Kleine hat Hunger. Und so geht es schneller.«

Christian rang sich ein Schmunzeln ab. Er konnte ihr noch nicht ganz verzeihen, dass sie ihn eben allein mit seinem Vater hatte stehen lassen, um die unsägliche Catrin zu begrüßen. Aber Renate dachte mit, das musste er ihr lassen und, das war am wichtigsten, sie vergötterte ihren Enkel. Von dem ersten Tag an, als sei Louis ihr Fleisch und Blut. Sie gab eine großartige Oma ab. Ebenso wie sie eine großartige Mutter sein konnte, wenn sein Vater nicht in der Nähe war. Sie verteidigte ihren Sohn gegen alles und jeden. Diese Tatsache hatte ihm schon im Kindergarten den Ruf eines Muttersöhnchen eingebracht. Das Image ließ ihn auch auf der Realschule nicht los, wo Renate für ihn manchen Kampf mit den Lehrern ausfocht. Allein gegen einen Menschen musste er sich selbst behaupten: Horst. Seinen Vater. Ihm gegenüber war auch Renate machtlos.

»Danke!« Christian lächelte und gab ihr die heiße Milchflasche. »Gleich ist es so weit, Süßer!« Er drückte Louis einen Kuss auf die Stirn. Das Wiegen beruhigte ihn.

»Was wollte dein Vater denn?«, fragte Renate. Sie hatte den Blick fest im Sektkühler, rührte das Eis mit der Flasche.

»Das Übliche. Er kippt wieder mal im Akkord Biere. Er wurde redselig und laut. Er wollte wissen, warum wir Louis nicht taufen lassen.«

»Hm«, machte Renate. »Hat er's verstanden?« Sie hielt die Flasche prüfend an ihre Hand und packte sie dann zurück ins Eis.

»Ich bin gegangen. Mir war's peinlich. All meine Freunde sind hier, und er führt sich so auf.«

»Ärgere dich nicht über ihn. Er meint es nicht so.« Renate bedeutete ihm, sich auf die Ledercouch zu setzen. Die Milch hatte Trinktemperatur erreicht. Sie setzte sich neben ihn.

»Wie hältst du das nur aus?«, fragte Christian. »Diese Sauferei, diese Demütigungen!« Er tauschte Louis‘ Schnuller gegen die Milchflasche. Sofort saugte Louis gierig daran.

»Dein Vater ist krank«, sagte sie leise, »aber tief im Herzen ist er ein guter Mensch.«

Christian blickte sie verständnislos an.

»Er ist krank«, schob sie seufzend nach, »und genau deshalb darf ich nicht gehen.« Renate kramte in der Innentasche des Blazers. Sie fand ihr Handy, legte es beiseite und suchte weiter. Dann zog sie ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen.

»Alkoholiker können sich helfen lassen, Mama. Aber das tut er nicht! Er macht dich kaputt, er macht unsere Familie kaputt!« Christian flüsterte – nicht wegen Louis, sondern des Themas wegen, das große Familientabu. Dabei wusste alle Welt von Horsts Problemen. Dass er seine Frau schlug und seinen Sohn geprügelt hatte, bis dieser endlich ausgezogen war.

Die Tür öffnete sich erneut. Oliver stolperte in den Raum. »Oh ... Verzeihung«, stotterte er, »ich suche die Toiletten.«

Christian verdrehte die Augen und konzentrierte sich auf Louis, gierig saugte er am Milchfläschchen.

»Sie müssen daran vorbeigegangen sein: Gleich links neben der Treppe«, erklärte Renate.

»Danke, danke«, sagte Oliver und behielt ein paar Sekunden Blickkontakt mit Renate. Erst als sie sich abwandte und Louis über das krause Haar strich, zog Oliver den Kopf aus der Tür.

»Wie der dich angegafft hat«, bemerkte Christian unwirsch.

Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Was du immer siehst!«

»Also, mir kommt er komisch vor«, beharrte Christian. Renate winkte ab. Eine Stille, nur ab und an von Louis' Schmatzen unterbrochen, breitete sich aus. Renate und Christian hatten ihre Augen auf das trinkende Baby gerichtet.

»Ich frag mich immer wieder«, sagte Renate nach einer Weile, »wer sie ist und wie es ihr jetzt geht.«

Sie streichelte ihrem Enkel das Ärmchen.

»Wem?« Christian konnte dem abrupten Themawechsel nicht folgen.

»Seiner Mutter.«

»Louis hat keine Mutter. Er hat zwei Väter.« Christians Ton wurde scharf. »Ich denke mal, sie ist froh, dass sie ihr Problem los ist«, sagte er und betonte das Wort Problem. Säuerlich nahm er Louis den Sauger aus dem Mund, hievte ihn über die Schulter und klopfte ihm vorsichtig den Rücken. »Er schluckt immer zu viel Luft, gierig, wie er ist.« Er wusste nicht, warum Renates Frage ihn ärgerte. Vielleicht, weil sie ihn daran erinnerte, dass zwei Menschen in Amerika seinem Sohn die Hautfarbe, die Form der Nase und alles andere, was sich vererben ließ, mitgegeben hatten. Nicht er und Alex.

»Habt ihr sie denn getroffen?«, fragte Renate.

»Wen?«

»Seine Mutter«, sagte Renate ungeduldig. Christian schnaufte unwillig. Warum jetzt dieses Thema? Warum ihn an einen Menschen erinnern, den er so lange wie möglich zu verdrängen beabsichtigte? Sein Sohn würde früh genug Fragen nach seiner Mutter stellen. Aber heute, an Louis' Feier, wollte er nicht über sie reden.

»Nein. Sie verließ kurz nach seiner Geburt das Krankenhaus. Drei Tage später hat sie die Adoptionspapiere unterschrieben. Das Thema ist für sie erledigt.« Christian setzte Louis die Flasche neu an, betrachtete ihn verliebt. »Wie man ein wundervolles Geschöpf wie ihn einfach weggeben kann!«

»Meinst du nicht, sie hatte ihre Gründe?«, fragte Renate vorsichtig.

»Ihr ist Louis einfach passiert«, sagte Christian und dachte: Und für Alexander und mich ist er das Beste, das uns passieren konnte.

»Wir sollen nicht schlecht über die Herkunftseltern reden, ich weiß. Aber ich versteh es nicht, Mama! Es will einfach nicht in meinen Kopf! Wie kann man in einem Land wie den USA nur in eine Lage kommen, in der man keine andere Möglichkeit sieht, als ein so wunderschönes Baby einfach wegzugeben? Es gibt die Pille, Kondome, Spiralen.« Christian war aufgestanden und tigerte mit Louis im Arm durch den Salon.

Renate schluckte.

»So kenne ich dich gar nicht. Ihr schuldet seiner Mutter viel.«

»Wir schulden ihr …?« Christian schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt ein Scherz, oder?« Er blickte auf Renate herab. »Und nenn sie nicht immer seine Mutter! Man wird nicht automatisch Mama, nur weil man ein Kind gebärt. Dazu gehört ein wenig mehr.«

»Vielleicht hast du Recht.« Renate stand auf. »Eine Mutter sollte alles versuchen, um ihr Kind zu behalten.« Sie hob den Sektkühler, lächelte. »Aber wer sagt dir, dass sie es nicht getan hat?«

»Sie ist sofort gegangen«, sagte Christian. Abwartend blickte er seiner Mutter in die Augen. Sie fasste ihn am Kinn.

»Ihre Not ist euer Glück. Vergiss das nicht. Versuche, ihr etwas Achtung entgegenzubringen.«

Christian schluckte. Er wusste, dass sie Recht hatte. Beschämt senkte er die Augen. Renate ließ sein Kinn los.

»Ich bring das Ding zurück.« Sie schwenkte den Sektkühler.

Louis war über dem Trinken eingeschlafen. Christian nahm ihm den Sauger aus dem Mund und stellte die Flasche auf einem Tischchen ab.

»Es wird dir an nichts fehlen, mein Sohn, das verspreche ich dir.« Bilder sprangen in ihm hoch, als blättere er in einem Popup-Buch. Das erste zeigt ihn, wie er in Philadelphia auf dem Sofa der Adoptionsagentur sitzt, nervös, gejetlagged, neben sich. Alexander sitzt bei ihm und ist trotzdem fern. Er sagt nichts, sitzt nur stumm da, mit einem Bein wippend, immer schneller, bis Christian es nicht mehr erträgt und die Hand auf sein Knie legt. Dann ist es so weit. Langsam geht die Tür auf. Eine schwarze Frau kommt herein. Sie trägt eine Babyschale, über der als Schutz ein dünnes Tuch liegt. Sie stellt die Trage auf das Tischchen und faltet den Stoff zurück. Da liegt er, die Augen geschlossen. Friedlich. Christian rückt näher an Alexander, schaut abwechselnd zum Baby, zu seinem Mann. Er kann die Situation nicht greifen. Alexanders Gesicht ist ein gefrorenes Lächeln. Wie oft hat Christian sich diesen Moment ausgemalt? Wie oft sich den Funken Liebe vorgestellt, der in diesem Augenblick überspringen würde? Unzählige Male der Wärme im Herzen nachgefühlt, die er empfinden würde, wenn er sein Baby zum ersten Mal sah.

»That's your son. You are parents now!«, sagte die Frau und lachte. »Hold him, if you want.«

Will er, besser: kann er das, dieses fremde Kind halten wie seinen Sohn? Christian fühlt Leere. Er blickt auf den Säugling und fröstelt. Da ist kein Funke. Alle Eltern finden ihr Baby wunderschön, schießt es ihm durch den Kopf. Aber Christian findet Louis mit dem zerknautschten Gesicht, dem riesigen Näschen und der schwarzen Haut einfach nur hässlich. Er soll der Vater sein? Von nun an? Von diesem Baby?

»Darf ich?«, hört er Alexander fragen, der aufsteht und an der Babyschale nestelt. Louis öffnet die Augen, doch Müdigkeit übermannt ihn. Alexander schiebt seine riesige Hand hinter den behaarten Kopf, beobachtet die Adoptionsvermittlerin.

»You make it great!«, bestätigt sie ihm.

Ja, Alexander stellt sich vorbildlich an. Nur er, Christian, ist gefühllos wie ein Stein. Tränen kullern Alexander die Wangen herab. Eine tropft dem Baby auf die Stirn. Um den Mundwinkel des Säuglings zuckt ein Lächeln. Sicher, es ist ein unkontrolliertes Babylächeln, aber trotzdem glaubt Christian ein Band zu spüren, das sich in diesem Augenblick zwischen Alexander und Louis knüpft. Bonding sagen die Profis dazu. Und er ist außen vor. Er sitzt wie ein Unbeteiligter daneben.

»Schau nur, unser Sohn«, flüstert Alexander. Christian begreift die Bedeutung der Worte, aber die Vatergefühle fehlen. Hass steigt in ihm auf. Ist er denn wirklich ein gefühlskalter Mensch? Er, der bei Liebesschnulzen Tonnen von Taschentüchern vollrotzt und seit Jahren an keinem Kinderwagen vorbeikommt, ohne den schmerzhaften Wunsch zu spüren, selbst Vater zu sein? Es ist ungerecht. Er hat das Thema Adoption angesprochen und vorangetrieben. Alexander hat sich lange gegen eine Adoption gesträubt. Er konnte dieses Bohei, das die Heterosexuellen um das Kinderkriegen machen, nicht nachvollziehen. Christian und er sind schwul. Sie dürfen sich ohne schlechtes Gewissen dem Fortpflanzungswahn ihrer Umgebung entziehen. Alexander findet das großartig. Und doch ist es jetzt Alexander, der im entscheidenden Moment jenes Gefühl zu haben scheint, von dem er, Christian, träumt und von dem so viele Adoptiveltern berichten: Sie fühlen im ersten Moment, dass es genau das richtige Kind ist. Sie hätten nie ein anderes gewählt. Christian versucht Louis aus den Augen eines Vaters zu betrachten. Doch er sieht in ihm einen Fremden. Er hasst sich dafür. Und als er Alexander verliebt auf Louis lächeln sieht, gesellt sich zu seinem Hass Neid. Alexander scheint vor Glück zu platzen und ihn, seinen Mann, völlig vergessen zu haben.

»It's time for a little paperwork«, unterbricht die Adoptionsagentin die Familienzusammenführung und packt einen Stoß Papier auf das Tischchen. Christian schießt von der Couch hoch, nimmt seine Jacke.

»Tut mir Leid. Ich kann das nicht! Das hier sollte sich anders anfühlen, besser, tiefer, richtiger. Vielleicht hab ich mich geirrt. Vielleicht sollte ich gar nicht hier sein. Ich kann nicht sein Vater sein.«

Regungslosigkeit. Stille. Alexander scheint ihn nicht gehört zu haben, er lächelt abwechselnd Louis und der Agentin zu, in dessen Rücken Christian steht. In ihrer ausgestreckten Hand steckt ein Kugelschreiber.

»Das ist dein Part – du musst unterschreiben«, sagt Alexander.

Doch das Gesagte geht nicht in seine Richtung, sondern an den Typen, der neben Alexander auf dem Sofa sitzt. Christian sieht ihn den Stift nehmen, sich auf die Kante des Sofas vorschieben und begreift erst jetzt, dass er es ist. Nur in Gedanken ist er geflüchtet.

»Shall I sign here?« Christian zwingt sich zur Ruhe. Das kannst du! Ist wie auf Arbeit in der Bank. Papier zum Anfassen, Unterschriften, Geld. Krakelig unterzeichnet er das Papier.

Christians Vatergefühle wollen sich auch in den kommenden Tagen nicht einstellen. Deshalb übernimmt er bald die Logistik. Während Alexander Louis die Flasche gibt, die Windel wechselt und Wärme schenkt, hetzt er durch die überfüllten Straßen Philadelphias. Er besorgt Nahrung, Kleidung und alles, was sie für einen Alltag im Hotel brauchen. Die Rollen sind verteilt. Automatisch. Und anders als geplant.

Kapitel 4

»Alexander schickt mich. Du sollst das Kuchenbuffet eröffnen.« Rüdiger hatte den Kopf durch die schwere Mahagonitür der Lounge gesteckt.

»Louis ist erst vor einer Minute eingeschlafen. Ich kann jetzt nicht«, flüsterte Christian.

»Wenn ich ohne dich nach oben komme, schimpft Alex mich aus. Er sagt, er hat das Babyphone eingesteckt«, gab Rüdiger zurück.

»Echt?«, murmelte Christian, »das ist mir nicht aufgefallen.« Er nahm den Babyzeugrucksack und fand das Babyphone tatsächlich im vorderen Fach. Er stellte den Sender unweit von Louis' Wagen ab. Plötzlich klingelte ein Handy. Christian fand es auf der Couch. Es war das Gerät seiner Mutter. »Marquart« stand auf dem Display. Nicht einmal am Wochenende lässt die alte Dame einen in Ruhe, schoss es Christian durch den Kopf. Er konnte nicht verstehen, warum Renate bei ihr im Haushalt schuftete, neben ihrem Hauptberuf in der Bäckerei. So schlecht konnte es seinen Eltern finanziell doch nicht gehen. Christian drückte den Anruf weg und küsste seinen Sohn auf die Stirn.

»Bis später.« Er folgte Rüdiger aus der Lounge, die Mahagonitür schloss er nur halb.

***

Christian war kein großer Redner und deshalb erleichtert, dass Alexander diesen Part übernahm. Die Gäste versammelten sich auf dem Freideck. Sein Mann prostete in die Runde. Die etwa fünfzig Gäste grüßten zurück. Oliver stand am Rand und knipste Bilder.

»Blut ist dicker als Wasser, warnten uns die Leute, als wir von unseren Adoptionswünschen zu erzählen anfingen«, begann Alexander, während er seinen Blick auf den Boden gerichtet hielt, »wir haben uns aber keine Angst einjagen lassen. Es braucht mehr als einen gemeinsamen Genpool. Davon sind wir überzeugt. Geteilte Erfahrungen, Erlebnisse, zum Beispiel dieses Fest heute, und Liebe – das ist es, was eine Familie wirklich ausmacht. Nicht das Blut.« Alexander biss sich auf die Unterlippe und streifte mit einem Blick die Gesichter der Gäste.

»Lasst uns auf die erste gemeinsame Feier anstoßen!« Er hob das Glas. »Prost!«

»Prost!«, grüßten die Anwesenden zurück.

»Das Buffet ist eröffnet!«, rief Christian fröhlich, um nicht völlig unbeteiligt zu bleiben.

»Endlich! Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen«, kommentierte Rüdiger. Verfressen wie eh und je, dachte Christian unwillkürlich. Und doch: Die Furchen um Rüdigers Mund waren tiefer geworden. Die Krankheit hatte begonnen, sein Äußeres zu zeichnen, unauswischbar, wie ein Tattoo. Christian beobachtete Rüdiger, wie er sich in den Oberdecksalon begab. Durch die Glasfront sah er ihn einen Kuchenteller vom Stapel nehmen und ihn mit Kuchenstücken beladen.

Der Salon füllte sich.

»Willst du nicht mit reinkommen?«, fragte Alexander und küsste Christian auf die Stirn.

Christian seufzte. »Nein. Ich mag's nicht, wenn so viele Leute aufeinander sind. Ich glaube, ich warte, bis der Trubel sich gelegt hat.«

Alexander nickte. »Ich kann dir aber nicht versprechen, dass dann noch was von der Käsesahne da ist.« Alexander lachte und umarmte seinen Mann. Eine Möwe zog kreischend über das Paar hinweg, im Babyphone knackte es. Christian sog Alexanders Duft ein und hielt ihn fest. Er liebte die Momente, in denen er sich an seinen Mann stützen konnte.

Plötzlich schrie jemand auf. »Raus hier!«

Die Gastgeber blickten sich fragend an.

»Feuer!«, brüllte Rüdiger. Die Menschen, die sich eben noch in den Salon gedrängt hatten, drängten zurück aufs Freideck. Blitzschnell füllte der Saal sich mit weißgrauem Rauch.

»Louis!« Christian geriet sofort in Panik. »Ich muss runter zu Louis!« Er schob sich an den Gästen vorbei in den verrauchten Salon. Es vergingen nur Sekunden, ehe er hustend zurück auf Deck stürzte. »Da kommen wir nicht durch«, keuchte er. Auf der Anetta wurde das Treiben panisch. Die Partygäste schrien durcheinander.

»Feuerwehr, ruft doch jemand die Feuerwehr!«, schrie Renate. Horst schwankte neben ihr; seine Pupillen hetzten durch die Augenhöhlen, als suchten sie einen Fluchtweg. Christian blickte über die Reling. Der schmale Sims oberhalb der Fenster des Unterdecks schien ihm die einzige Möglichkeit.

»Ich geh da drüber«, erklärte er knapp. Alexander schüttelte den Kopf. »Das ist viel zu schmal, du kannst dich nirgends halten! Du fällst ins Wasser!«

Christian kniff die Augen zusammen. »Ich muss es wenigstens versuchen. Louis erstickt!«

»Die Lounge ist abgeschlossen. Vielleicht ist noch gar kein Rauch drin!«

Das Babyphone knarzte und übertrug Louis' Weinen. Christian warf Alexander einen eindringlichen Blick zu.

»Nein, ich hab die Tür nur angelehnt«, erklärte er. Dann überkletterte er die Reling. Sofort rutschten seine Lackschuhe auf dem schmalen Vorsprung ab.

»Komm sofort wieder rüber«, befahl Alexander. »Selbst wenn du nicht im Neckar landest – was bringt es dir, wenn du es auf das Vordeck schaffst? Die Fenster sind sicherungsverglast! Da kommst du von außen nicht rein! Wir müssen Louis von innen retten!«

Christian spürte, dass er Recht hatte. Er ließ sich von Alexander und Rüdiger zurück an Bord ziehen.

»Was war das denn für eine Aktion? Wolltest wohl aufs Rettungsboot flitzen?«, fragte Rüdiger.

»Louis ist noch unten in der Lounge«, keuchte Christian.

»Scheiße!«

»Hat dein Vater mitbekommen, dass es brennt?«, fragte er Alex. »Wir sind noch immer mitten auf dem Fluss! Er muss anlegen, damit wir von Bord kommen!«

Alexander wählte die Nummer seines Vaters auf dem Handy. Louis' Schreien klang herzzerreißend durch das Babyphone. Wie Nebel stand der weiße Rauch auf dem Freideck. Hustend zog Christian sein Sakko aus und ließ es zu Boden fallen. Dann knöpfte er sein Hemd auf.

»Was hast du vor?«, fragte Alexander.

»Ich muss zu ihm runter!«, sagte Christian und schlüpfte zurück in sein Sakko. Das Hemd band er sich um Nase und Mund. Wie ein Soldat robbte er durch den Salon. Trotz des Babyphone in seiner Hand kam er schneller voran als vermutet. Louis' Klagen im Babyphone war verstummt.

»Halte durch, Louis! Halte durch!« Christian erlaubte sich nicht zu atmen. Nur alle paar Sekunden schnappte er Luft. Er erreichte die Treppe aufs Hauptdeck. Seine Augen brannten und tränten. Er schloss sie und tastete sich, die Beine voran, die zehn Stufen hinunter. Christian erwartete Hitze, doch das Feuer schien kalt zu brennen. Wie war das möglich? Vielleicht hatte er neben dem Zeitgefühl auch sein Schmerzempfinden verloren.

»Louis? ... Louis?« Christian kniete auf dem Flur des Vorraums. Durch die herabgelassenen Rollläden an den Ausgängen herrschte Dunkelheit. Wenn er sie öffnete, konnte der Rauch abziehen. Doch er wusste, dass es ohne Schlüssel nicht ging.

»So eine Scheiße!«, hustete Christian. Aus der Toilette sprühten Funken und es zischte, als brenne jemand Feuerwerkskörper ab. Wer zündet Toiletten an? Warum? Christian kniff die tränenden Augen zu und tastete sich in Richtung WC. Er fühlte nach dem Türgriff, fand ihn und schloss die Tür. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Rauch sich über das Oberdeck verzogen hatte. Von oben drangen panische Schreie. Christian sank auf die Knie und robbte weiter. Endlich erreichte er die Bar. Beißender Qualm ließ ihn Louis nicht klar erkennen. Atmete er noch? Vorsichtig richtete Christian sich auf, nahm das Hemd vom Gesicht und wickelte das Kind damit ein … Jetzt lief rumpelnd ein Ruck durch das Schiff und warf ihn zu Boden. Er knallte mit dem Kopf gegen einen Tisch. Benommen vergewisserte er sich, dass Louis unversehrt war. Sein Sohn atmete flach.

»Alles von Bord! Schnell!« Christian konnte die Richtung der panischen Stimmen nur ungefähr ausmachen. Sie schienen überall zu sein. Er kroch in die Richtung, wo er den Ausgang vermutete. Der Schlag gegen den Kopf hatte ihm die Orientierung genommen – oder war es der Rauch, der ihm die Besinnung raubte? Louis hustete schwach; dann ging sein Husten in ein klägliches Weinen über.

»Nur ruhig, Louis, Daddy bringt dich heil hier raus!«

Christians Stimme vermochte Louis nicht zu trösten. Das Baby begann zu schreien. »Nicht so tief einatmen, Schatz!«, flüsterte Christian. Er robbte so flach am Boden, wie es ihm mit einem Säugling im Arm möglich war. Wo war nur der verfluchte Ausgang? Ein flacher Atemzug zwang ihn wieder zum Husten. Tränen und Staub klebten ihm im Gesicht, und der Qualm verbarg den Fluchtweg. Panik überkam ihn.

»Hilfe ...«, versuchte er sich bemerkbar zu machen.

Louis' Klagen war verstummt. Der Raum drehte sich vor Christians Augen. Schwindel übermannte ihn. Wo war er? Christian taumelte. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen.

»Chris? Seid ihr hier?«, schrie Alexander.

»Hier unten«, keuchte Christian. Sofort brandete ein schmerzhafter Husten los, und Angst, ersticken zu müssen, übermannte ihn. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Erst, als Alexander ihn am Arm nach oben zerrte, begriff er wieder, wo er war. Louis lag wie tot in seinem Arm.

»Er atmet nicht mehr!«, keuchte Christian und sackte auf die Knie.

»Gib ihn mir!«, forderte Alexander. Christian begriff nicht sofort; in seinen Schläfen pochte Schmerz.

»Gib mir Louis!«, wiederholte Alexander und nahm ihm das Baby ab.

»Er atmet nicht … er atmet nicht«, stöhnte Christian.

»Komm!«, sagte Alexander und zog ihn auf die Beine. Er schleppte beide mit sich. Ein Schwall frischer Luft schlug ihnen befreiend ins Gesicht, als sie das Oberdeck erreichten. Christian hustete sich den Qualm aus den Lungen, seine Augen brannten.

»Atmet er? Alex, atmet er?«

Alexander zog ihn weiter. »Wir müssen runter vom Schiff, Schatz!«

Tränen trübten Christian den Blick. Wie lange war Louis dem Rauch ausgesetzt gewesen? Es mussten ein paar Minuten gewesen sein. Das Schiff legte jetzt an; die Gäste flüchteten über einen Notsteg, der wie eine Rutsche vom Oberdeck ans Ufer führte, von Bord. In der Ferne hörte er ein Martinshorn.

»Geh von Bord!«, befahl Alexander. Christian gehorchte. Wie benommen rutschte er den Steg hinunter und wurde von Rüdiger abgefangen. Der Freund führte ihn ein paar Schritte weg und setzte sich mit ihm an den Wegrand. Christian sah, wie jetzt auch Alexander mit Louis von Bord rutschte. Sofort bettete er ihn auf die Erde und legte das Ohr über seinen Mund. »Atme!«, beschwor Alexander das Baby. Ein neuer Schwall Panik stieg in Christian empor. Wie in Trance sah er, wie sein Mann die Lippen über Louis‘ Näslein und Mund legte und Luft hineinpustete, ganz so, wie sie es in den Erste-Hilfe-Kursen für Babys gelernt hatten. Nein! Nein! Lähmende Angst kroch in ihm hoch. Sie durften Louis nicht verlieren! Er liebte ihn! Er konnte nicht mehr ohne dieses kleine Geschöpf leben! Ein neuer Hustenanfall ergriff ihn, und er spürte einen stechenden Schmerz in den Lungen. Flüchtig nahm er die Anetta wahr, wie sie auf den Wellen schwankte, in einem ruhigen Schleier von Rauch stehend. Die Heliumballons ragten wie bunte Köpfe aus dem Nebel.

»Komm schon, atme, verdammt!«, fluchte Alexander leise, senkte den Mund und blies erneut Luft in die winzigen Lungen des Kindes. Das Heulen von Sirenen gellte schmerzhaft in Christians Ohr. Ein Feuerwehrauto bremste so heftig vor seinen Augen, dass der Splitt aufspritzte. Sofort sprangen drei Männer heraus und machten sich an dem Wagen zu schaffen. Hinter dem Löschwagen folgte jetzt ein Krankentransporter mit kreisendem Blaulicht. Christian stolperte auf ihn zu.

»Kommen Sie! Kommen Sie, mein Sohn erstickt!« Er zog den Arzt am Kittel aus dem Wagen und schleppte ihn zu Alexander, der noch immer versuchte, Louis frische Luft in die Lungen zu pumpen.

»Wie lange atmet er schon nicht mehr?«, fragte der Arzt.

»Fünf … vielleicht sieben Minuten«, stotterte Alexander. Christian starb beinahe an Alexanders besorgten Blick. Dann sprach Alexander jene Worte, die Christian noch lange begleiten sollten: »Wie konntest du ihn nur allein lassen.«

Jeder einzelne Buchstabe des Satzes versetzte Christian einen schmerzhaften Stich. Er wollte protestieren; schließlich hatte doch Alexander darauf bestanden, das Babyphone zu nehmen, um das Kuchenbuffet zu eröffnen. Doch er schwieg, ließ sich auf den Weg sinken und verbarg den Kopf zwischen den angewinkelten Knien. Atme, Louis, atme!, flehte er stumm.

***

Die Feuerwehrmänner kamen schon wieder von Bord, zogen sich die Gasmasken vom Gesicht.

»Da ist nur ein kleines Feuer auf dem Schiff«, erklärte der Brandmeister Richtung Thalberg gewandt.

»Aber der viele Rauch?«, antwortete dieser verdattert.

»Eine Rauchbombe. Da hat sich einer Ihrer Gäste offenbar einen schlechten Scherz erlaubt.«

»Ein Scherz?«, schrie Christian und sprang auf. Ich kann mir schon denken, wer dahinter steckt, dachte er und blickte sich suchend um. Doch er entdeckte kaum ein bekanntes Gesicht. Die zahllosen Menschen, die sich um das Geschehen versammelt hatten, waren Schaulustige.

»Er atmet!«, rief der Arzt, über Louis gebeugt.

Um Christians Herz wurde es leichter. Er ging zu Alexander.

»Machen Sie weiter!«, wies der Arzt ihn an, »ganz langsam und gleichmäßig pumpen!« Er übergab Alexander die Beatmungshilfe, die einem Blasebalg ähnelte. Christian sah den Schlauch, den sie Louis in das dünne Ärmchen gesteckt hatten …

»Er darf nicht sterben!«, keuchte Christian. Ihm wurde schwarz vor Augen. Taumelnd sackte er zu Boden. Von weit her hörte er Alexander sagen: »Er hat ordentlich Rauch abbekommen.«

Dann verdichteten die Worte sich zu einem unverständlichen Klumpen. Um Christian wurde es still.

Kapitel 5

Oliver konnte die Erlebnisse des gestrigen Tages noch immer nicht fassen. Mit dem Wunsch, ein Gesicht zu seinen Vorstellungen zu erhalten, war er losgezogen. Gewonnen hatte er ein Heer von Eindrücken, die er noch nicht einzuordnen vermochte. Er hatte die halbe Nacht in seiner neuen Wohnung wachgelegen, den silbernen Talisman in der Hand. Immer wieder drängte es ihn an den Computer, um sich die Photographien anzusehen. Wie es Louis wohl ging? Ob er gestorben war? Gleich nachher würde er Erkundigungen einholen; die Kollegen im Krankenhaus wussten gewiss Bescheid.

***

Andächtig drehte er den Schlüssel im Schloss der massiven Tür zu der Villa, die einmal sein Zuhause gewesen war.

»Machen Sie die Fotos für das Exposé selbst?«, fragte der Makler und deutete auf die Kamera. Oliver schüttelte den Kopf.

»Nein, mit dem Verkauf möchte ich nichts zu tun haben. Die Canon ist nur eine Macke von mir.«

Im Mundwinkel des Maklers zuckte ein Lächeln. »Verstehe. Dabei lassen Erinnerungen sich schlecht fotografieren«, stellte er fest.

»Stimmt«, gab Oliver zurück.

»Führen Sie mich herum?« Der Makler setzte eine geschäftige Miene auf.

Oliver nickte. »Am besten, wir beginnen oben, im Speicher.«

Wieder ein nervöses Zucken, bevor er Oliver die ausladende Treppe hinauf folgte. Die Stufen knarzten.

»Die Villa wurde 1895 fertiggestellt. Mein Ururgroßvater ...« Oliver stockte, als würde er sich eines Fehlers bewusst. »Das Haus ist seit seiner Erbauung in Familienbesitz«, fuhr er fort. »Mein Ururgroßvater hat die Pläne damals selbst entworfen.« Olivers Stimme war bar jeden Stolzes. Sie waren auf dem Speicher angelangt. Zwei Tauben flatterten auf, zogen an den geduckten Köpfen der Männer vorbei und gelangten durch die zerbrochene Scheibe nach draußen.

»Das Glas sollten Sie vielleicht ersetzen lassen«, empfahl Oliver dem Makler. »Ziehen Sie mir es vom Verkaufserlös ab.« Der untersetzte Mann nickte und kritzelte auf seinen Block eine Notiz. Er drehte sich um die eigene Achse. Der große Speicher wirkte trotz der vielen Gegenstände aufgeräumt.

»Was ist mit all den Truhen und den Schränken? Nehmen Sie die noch mit?«, fragte der Makler.

»Da sind nur alte Bücher und Familienfotos drin. In dem Schrank da hängt noch das Hochzeitskleid von meiner Urgroßmutter.« Oliver nahm einen tiefen Atemzug. »Setzen Sie mir die Entrümplungskosten ebenfalls auf die Rechnung.«

»Herr Wagner, wenn Sie die Sachen nicht brauchen, dann lassen wir sie einfach stehen. Sie glauben nicht, wie die Leute sich auf solche alten Dinge stürzen. Der Käufer wird eine wahre Freude an den Schätzen hier haben.« Er gab sich entzückt.

»Gut, soll er seinen Spaß haben, ich brauche die Sachen nicht. Gehen wir weiter.« Oliver stieg die Treppe hinunter.

»Die Möbel hier würde ich ebenfalls gern stehen lassen«, sagte Oliver und der Makler schrieb mit zuckendem Mundwinkel. »Kein Problem. Wenn Sie sich sicher sind.«

»Das obere Stockwerk habe ich die letzten zwanzig Jahre bewohnt. Ich habe keinen Bedarf, mich weitere Jahrzehnte mit den Möbeln zu umgeben.« Oliver sprach zu sich selbst, als müsse er sich dieser Tatsache noch einmal bewusst werden. »Meine Eltern haben ihre letzten Jahre im unteren Stockwerk verbracht. In der Beletage.«

Der Makler schoss Fotos. Seinem zuckenden Mund entglitt bei jedem Foto ein »Sehr schön, sehr schön.«

Sie waren im Erkerzimmer angelangt.

»Donnerwetter! Ein Ausblick ist das hier!«

»Ja, über die ganze Stadt. Aber es ist wie mit allem: Man gewöhnt sich schnell daran. Mein Ururgroßvater hat im hohen Alter hier immer gesessen und dem Rauch seiner Fabrik am Stadtrand nachgeblickt. Das Zepter hatte er da längst an seinen ältesten Sohn abgegeben. An meinen Großvater.« Oliver hielt einen Moment inne und beobachtete das nervöse Mundwinkelzucken des Maklers. Er fragte sich, ob der Druck, Immobilien vermitteln zu müssen, in dem sonderbaren Zucken ein Ventil gefunden hatte.

»In der wievielten Generation, sagten Sie, ist das Haus in Familienbesitz?«

»Ich sagte es noch nicht. Ich bin die vierte.«

»Darf ich Sie fragen, warum Sie mit der Familientradition brechen? Vier Generationen! Das findet man heute selten. Ihnen muss doch das Herz bluten!«

Oliver zog die Stirn in Falten.

»Ich musste feststellen, dass dieses Haus in Wirklichkeit ein Kartenhaus ist. Ein Kartenhaus, das kurz vor dem Einsturz steht.« Der Makler riss die Augen auf. »Das war natürlich nur bildlich gesprochen.« Er lächelte. »Sagen wir, ich möchte den alten Muff hier loswerden. Mir etwas eigenes aufbauen.«

Der Makler nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Sie gingen die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Vom Knarzen der Stufen begleitet, erzählte Oliver, dass die Firma, welche die Familie Wagner einst reich gemacht hatte, bereits von seinem Vater verkauft worden war.

»Er wollte nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er steckte stattdessen all sein Geld in seine Idee … und damit in den Sand.« Oliver lächelte. »Außer dem Haus und ein paar Aktien ist uns nicht viel geblieben. Meine Eltern haben mehr oder weniger bescheiden gelebt.« Seine Worte klangen angesichts der antiken Möbel und der hochherrschaftlichen Räume leicht zynisch.

»Dann war ihr Vater ein mutiger Mann«, bemerkte der Makler.

Ein bitteres Lächeln huschte über Olivers Gesicht. »Vielleicht. In manchen Dingen allerdings war er … war er feige bis zur Bahre.« Wenn der Makler ihn in diesem Moment angesehen hätte, wären ihm Olivers feuchte Augen aufgefallen. Stattdessen fotografierte er die Zimmerdecken.

»Der alte Stuck ist wundervoll«, entfuhr es ihm entzückt.

»Was, meinen Sie, wird das Haus bringen«, erkundigte sich Oliver.

»Ich werde das mit meinem Kollegen besprechen. Der kennt sich damit aus, wie sich der Denkmalschutz auf den Wert auswirkt. Trotzdem greife ich mit 1,4 Millionen Euro wohl nicht zu hoch. Es gibt 100 Ar Park um das Gebäude herum. Und es liegt im Herzen der Stadt, wie man so sagt. Also beste Lage.

»Gut«, gab Oliver zurück, »den Maklervertrag haben Sie dabei?«

Der Makler klopfte mit der flachen Hand auf eine Ledermappe. »Ich müsste noch ein paar Daten ergänzen.« Oliver zog sein Handy aus seiner Hemdtasche. »Gut, bereiten Sie bitte alles vor. Ich rufe derweil ein Taxi.«

Die Unterschrift unter den Kontrakt fiel Oliver schwerer als erwartet. Der Schriftzug war lange nicht so schwungvoll und lässig wie gewöhnlich. Er rief sich ins Bewusstsein, dass er hier nicht den Verkauf der Villa, sondern lediglich die Suche nach einem Käufer genehmigte. Noch gab es ein Zurück. Vergilbte Bilder erschienen in seinen Kopf: Er spielt unten in der Halle Ball, bis er einen Porzellanteller von der Wand schießt. Mutter versetzt ihm wütend eine Ohrfeige. Wenige Minuten später sitzen Mutter und Sohn mit einer Tube Klebstoff verschwörerisch am Küchentisch und lösten das Porzellanscherbenrätsel. Oliver, sagt sie, du bist ein Lausejunge, aber ich hab dich lieb …

Die Türglocke schellte. »Ihr Taxi, vermute ich.«

»Das ging ja schnell«, sagte Oliver mit belegter Stimme und öffnete die doppelflügelige Tür. Vor der Villa standen zwei Polizeibeamten.

»Herr Oliver Wagner?«, fragte ein langer hagerer Polizist, dem die Uniform nicht recht passen wollte. Oliver nickte. Sein Magen wurde flau.

»Wir hätten ein paar Fragen an Sie. Würden Sie uns bitte auf das Präsidium begleiten?«

Oliver gab sich ahnungslos. »Vielleicht könnten Sie mich vorher aufklären, worum es geht?«

»Wir hörten, Sie waren gestern auf der MS Anetta und haben deshalb ein paar Fragen an Sie.«

»Wer sagt, dass ich dort war?« Oliver merkte, wie einfältig seine Frage klang.

»Was wollten Sie auf dem Schiff?«, überging der Beamte seine Frage.

»Fotos machen.«

»Fotos machen«, wiederholte der Fahnenmast mit ironischer Färbung. Oliver wusste, dass er den Beamten nicht die volle Wahrheit erzählen konnte. Sie war zu unglaubwürdig. Außer den Notizen seiner Mutter hatte er keinerlei Beweise. Und diese bewiesen nur eins: Sie war eine Betrügerin. Er befühlte das metallene Pfand in seiner Hosentasche.

»Müssen wir das hier besprechen?«, fragte er schließlich.

Die Polizisten beobachteten inzwischen den Makler, der nervös von einem Bein aufs andere tänzelte.

»Ich höre dann von Ihnen«, verabschiedete Oliver ihn.

»Äh, ja. Sicher.«

Der Makler zuckte mit seiner Kaninchennase und ging. In den Augen des Polizisten spiegelte sich der graue Himmel. Der Wind frischte auf. Bald würde es Gewitter geben. Oliver stieg fröstelnd in den Polizeiwagen. Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand. Gar nichts.

Kapitel 6