Die Kinder der Sonne - Janine Wurster - E-Book

Die Kinder der Sonne E-Book

Janine Wurster

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Beschreibung

Wir befinden uns im Tawantinsuyu, im Reich der vier Weltgegenden, in dem die Kinder der Sonne, das Volk der Inka, herrschen. Guanca ist ein tief religiöser Mensch, der für Inti, den Sapa Inka und die Gemeinschaft arbeitet und im Übrigen ein autarkes Leben führt. Seine einzige Freude ist seine Tochter Suyana. Sie ist sein Licht, seine Sonne, seine Hoffnung. Und ausgerechnet sie wird auserwählt, den Göttern geopfert zu werden. Für Guanca zerbricht eine Welt. Sein Urvertrauen in die Götter und seine Loyalität dem Sapa Inka gegenüber werden auf eine harte Probe gestellt.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Janine Wurster

Die Kinder der Sonne

Capacochas

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Ayllu

Der Gesandte

Der Vater

Die Tochter

Der Helfer

Die Akllakuna

Die Mutter

Die Göttin

Die Capacochas

Der Freund

Der Erhobene

Der Bote

Die Schwester

Impressum neobooks

Der Ayllu

In den letzten Jahrtausenden hat unsere Erde viele verschiedene Hochkulturen hervorgebracht. Eine sehr vielversprechende erhob sich in einem Land, das Tawantinsuyu, Reich der vier Weltgegenden, genannt wurde. Die größte Ausdehnung hatte dieses Reich etwa um 1530 unserer Zeitrechnung und reichte bis in Gebiete, die heute Ecuador, Chile und Argentinien heißen.

Das Zentrum dieser Hochkultur war Qusqu, der Nabel der Welt. Schon lange vor der Entdeckung Amerikas und der Zerstörung durch die Spanier regierten hier, im heutigen Peru, die Kinder der Sonne. An ihrer Spitze stand der Sapa Inka, der einzige Inka, der Sohn der Sonne, ein Gottkönig für sein Volk.

Jeder einzelne Herrscher dieses einzigartigen Volkes hatte Großes zur Festigung ihrer Macht geleistet. Doch einer von ihnen stach besonders hervor. Nach seinem Sieg über die Chanka auf der Yawarpampa, der Blutebene, wurde Cusi Yupanki zum neunten Sapa Inka und änderte seinen Namen in Pachakutiq Yupanki, der Weltenveränderer. Er hatte wie kein anderer durch die Erweiterung seines Herrschaftsgebietes ein Reich geschaffen, das voller Gegensätze war. Er vereinte nicht nur verschiedene Völker und Stämme, sondern auch unterschiedliche Klimazonen, Höhenlagen und Landstriche. Jede noch so karge Ödnis wurde der Natur abgetrotzt und vom Volk der Inka urbar gemacht, Hunger und Notstand herrschten zu der Zeit nicht.

Doch so gegensätzlich wie ihr Land, waren auch die Menschen. Den größten Anteil bildete das einfache Volk, bestehend aus Bauern und Arbeitern. Dem gegenüber stand die relativ kleine Gruppe der Inka-Elite, die Adelsfamilien, die von Qusqu und den Provinzstädten aus, die Geschicke des Tawantinsuyu lenkten.

Die Bauern lebten damals ausschließlich autark, Handel war vor allem unter der ländlichen Bevölkerung wenig verbreitet. Sie bestellten die Felder und nach den Abgaben für Götter und Adel lebten sie von dem, was sie anbauten. Je nach Region fingen sie Fische und hielten Lamas für die Wolle. Dabei bildete der Ayllu ihren Lebensmittelpunkt und den Grund für ein funktionierendes System.

Ein Bauer bewirtschaftete in der Regel mehrere Felder in verschiedenen Höhenstufen und baute so teilweise mehr als zwanzig unterschiedliche Nutzpflanzen parallel an. Somit hatte er das ganze Jahr zu tun. Es war der Ayllu, also die Familie oder die Sippe, der ihn dabei unterstützte, denn gearbeitet wurde auf den Feldern, auf denen Arbeit nötig war.

Im Monat Aymaray waren alle Bauern mit ihren Söhnen und oftmals auch ihren Frauen auf den Maisfeldern. Es war die Zeit der Maisernte, die traditionell am letzten Tag mit dem Fest der Mama Sara beendet wurde.

Das Volk der Sonne feierte viele Feste. Sie waren eine Einteilung des Jahres und den Bauern und Arbeitern eine Motivation und Belohnung. Sie wurden in Qusqu genauso gefeiert wie im hintersten Winkel des Tawantinsuyu. An den Enden der Sonnenstrahlen vielleicht nicht ganz so groß, pompös und mächtig, aber mit nicht weniger Inbrunst und Heißblütigkeit.

Qusqu war dabei das Zentrum allen Lebens, die Sonne, die sein Volk wärmte. Der Einfluss der Hauptstadt reichte weit über die Landesgrenzen hinaus. Sie war Anziehungspunkt und Pilgerstätte, und selbst der einfachste Bauer hatte sein Leben verschenkt, wenn er nicht ein Mal die Sonne gesehen hatte.

Etwa fünf Tagesreisen südlich von Qusqu lag ein kleiner Gebirgssee. Für die Menschen, die dort lebten, war es der Große See, Hatun Qucha. Die Hänge um den See herum waren terrassiert und für den Anbau von Mais, Kartoffeln und Quinoa kultiviert. Dabei stellten kleine Gebirgsbäche eine natürliche Bewässerungsanlage dar. Zwischen den Feldern gab es immer wieder Siedlungen, die von verschiedenen Ayllus bewohnt wurden.

Am Nordufer des Sees hatten sich die Mitglieder eines Ayllus ihre Häuser auf einem natürlichen Plateau errichtet. Über Treppen, die sie rechts und links zwischen ihrer Siedlung und den Feldern ins Gebirge geschlagen hatten, waren sie sowohl mit dem See, als auch mit dem Qhapaq Ñan, dem Königsweg, verbunden, welcher Reisende durch das gesamte Tawantinsuyu trug.

Es war ein sehr kleiner Ort, der von einer einzigen Familie bewohnt wurde. Vier Gebäude waren um eine Art Dorfplatz herum gruppiert. Ein weiteres befand sich noch im Bau. Durch die Ortsmitte floss einer der Gebirgsbäche, die in den See mündeten, und versorgte Menschen und Tiere mit Wasser. Außerdem war hier auch der Platz, an dem der ganze Ayllu jeden Abend zusammenkam.

Die Anlagen der einzelnen Familienmitglieder bestanden aus einem Wohnhaus, einem Lagerhaus und einem Innenhof, welcher mit einer niedrigen Mauer eingefasst war. Hier gab es ein Gehege für Quwis, also Meerschweinchen, und eine kleine Feuerstelle. Während sich abends der ganze Ayllu zusammenfand, wurde die Morgenmahlzeit im Kreis der engsten Familie eingenommen und der Innenhof als Zentrum alltäglicher Rituale genutzt. Und hier in diesem kleinen Dorf, inmitten des einfachen Volkes, beginnt unsere Geschichte.

Es war dunkel als aus dem Haus, das dem Ufer am nächsten lag, ein Mann herauskam. Er trat über die Türschwelle, streckte sich und wirkte in diesem Moment gleich doppelt so groß wie ein normaler Mann.

Guanca sog die feuchte Nachtluft tief in sich auf. Früh morgens in der Zeit zwischen Nacht und Tag, in der alles dieselbe Farbe hatte, fühlte er sich von der Welt und den Göttern verstanden. Mit wenigen Schritten durchquerte er den Hof und ging auf die Rückseite seines Hauses zu. Er kniete sich an den Rand des Wasserlaufes und schöpfte sich das eiskalte Wasser über sein Haupt. Dann wusch er sich Hände und Füße und ging barfuß und mit nacktem Oberkörper zurück in die Mitte seines Innenhofes. Er setzte sich in die Asche des vergangenen Tages und ließ eine Hand voll über seinen Scheitel rieseln.

„Oh Viracocha, Schöpfer der Erde, Dank sei dir, der du uns so fruchtbaren Boden bescherst. Oh Viracocha, Erbauer der Welt, unser Lob gilt dir, der du uns mit Nahrung und Wasser versorgst. Wache über uns, auf dass wir nicht müde werden in unserem Streben, dir zu dienen.“

Guanca verharrte in seiner andächtigen Haltung mitten im Aschekreis, und der heller werdende Himmel ließ seinen Scheitel glänzen.

Als die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkämme traten, war auch der Rest seiner Familie im Innenhof und gemeinsam begrüßten sie den Tag.

„Oh Inti, Sonnenvater, Herr über Licht, Wärme und Leben, lass die Schatten weichen und die Trauer verschwinden. Erhelle unseren Tag und segne unsere Ernte.“

Sie erhoben sich, wandten mit geschlossenen Augen ihre Gesichter der Sonne zu und genossen einen Moment lang die wärmenden Strahlen. Dann löste sich, wie auf ein lautloses Signal hin, der Familienverband auf. Guanca holte seinen Poncho und zog ihn sich über den Kopf. Er schnürte sich seine Sandalen, ging ins Lagerhaus, schulterte Kiepe und Werkzeug und machte sich mit seinen Söhnen auf den Weg zu den Maisfeldern. Kein Laut durchdrang dabei die morgendliche Stille. Alles verlief routiniert und stillschweigend. Es hätte keiner Worte bedurft. Jeder kannte seine Aufgaben. Alle Männer des Ayllus waren auf den Feldern, alle Knaben ebenfalls. Nach der Morgenmahlzeit halfen sogar einige der Frauen mit. In dieser Zeit packte jeder mit an, denn zur Belohnung wartete auf jeden die Zeit der Rast.

Guancas Weib hieß Tamaya. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit einem ebenso runden Gesicht, aus dem zwei große, ungewöhnliche Augen herausblitzten, deren grünlicher Schimmer wie ein Licht aus der Dunkelheit heraustrat. In ihrer Jugend besaß Tamaya feine, weiche Züge, die jetzt, nach Jahren der Mühsal von Furchen durchzogen waren wie die Felder vom Pflug.

Verstohlen sah sie ihren Söhnen hinterher, kleine, zierliche Welpen hinter einem Fels, der Guancas Rücken war. Selbstbewusst trugen sie ihre Köpfe hoch. Trotz der harten Arbeit halfen sie den Männern gern, denn damit galten sie in deren Kreis als gleichwertige Mitglieder.

Tamaya seufzte. Sie wusste nicht, was überwog, der Stolz auf ihre drei Jungen oder die Wehmut, sie so schnell dem Knabenalter entwachsen zu sehen. Dabei waren sie doch erst geboren. Sie hatte ihre kleinen Leiber im Arm gehalten, sie an ihrer Brust gesäugt und sie bei der Arbeit noch lange mit sich herumgetragen. Tamaya sah ihren beiden Jüngsten auch heute noch gerne dabei zu, wie sie, kleinen Chikus gleich, über die Wiesen und Felder sprangen und durch die Felsen kraxelten. Doch schneller als ihr lieb war, hatte sie sie nicht mehr für sich alleine gehabt. Und nun waren sie auf dem besten Wege, auch den Rest ihres Lebens selbstständig zu bestreiten. Nur mit stechenden Bauchschmerzen dachte sie daran, dass ihr ältester Sohn bald ein eigenes Heim gründete. Er arbeitete schon jetzt mindestens genauso hart wie alle anderen Männer ihres Ayllus, auch wenn er nie Guancas Statur und Kraft erlangen würde.

Tamaya ging ins Haus und machte sich an die Arbeit. Sie sammelte die Felle und Decken der Nachtlager ein und brachte sie hinaus in den Hof. Dort breitete sie eine nach der anderen über einen Ast des Ollantas aus, der am Rande des Innenhofes stand, und klopfte den Staub aus ihnen heraus. Zwei der Decken mussten ausgebessert werden. Sie holte ihr Nähzeug aus dem Haus und stopfte die Löcher, während die anderen auslüfteten. Dann legte sie alles penibel genau zusammen, brachte die Decken ins Haus und legte sie ins Vorratsregal, aus dem sie sie am Abend wieder holen würde, wenn man sie für die Nacht benötigte.

„Suyana?“

Sie sah sich um. Das Haus war leer. Im Hof quiekten ihr die Quwis aus ihrem Gehege entgegen.

„Suyana“, rief sie erneut.

Das Kind war nirgends zu sehen. Wie immer, wenn man sie brauchte.

Tamaya schleppte den großen Bronzekessel nach draußen und polierte ihn mit einem groben Stück Stoff und der Seifenlauge, die sie zu Beginn des Monats aufgesetzt hatte. Dann spülte sie ihn mit dem letzten Rest Wasser, das noch im Fass war, ab und er strahlte wieder wie neu.

Aus dem Lagerschuppen holte sie einen Eimer mit getrocknetem Lamadung und schichtete ihn zusammen mit altem Heu in der Mitte des Innenhofes über der Asche des vergangenen Tages auf. Sie entzündete ein Feuer und stellte den Kessel hinein. Aus dem Gebirgsbach hinter ihrem Haus schöpfte sie mit einem Krug frisches Wasser und goss es in den Kessel. Dann holte sie aus dem Lagerschuppen das letzte Maismehl. Nach der Ernte stellten sie wieder Unmengen davon her. Tamaya verzog angewidert das Gesicht. Bevor sie das Lager verließ, nahm sie ein paar Kartoffeln mit. Sie hatte den immer gleichen Maisbrei so satt. Wenn die Erntezeit vorbei war und die Festtage begannen, würden ihre Geschmacksnerven wieder etwas zu tun bekommen. Doch so lange musste sie sich mit Resten begnügen.

Als sie in den Innenhof trat, sah sie Suyana die Treppen heraufbalancieren. Ihre Kleider waren ihr schon wieder zu klein geworden. Wenn sie in dem Tempo weiterwuchs, hatte sie Samín bald eingeholt. Sie hatte, völlig ungehörig für ein Mädchen, definitiv Guancas Statur geerbt. Aber sie konnte sich jetzt selbst behelfen. Tamaya hatte ihr alles gezeigt, was sie benötigte. Sie war nicht mehr dafür verantwortlich.

„Du brauchst einen neuen Anacu“, sagte Tamaya und zeigte auf die Ärmel ihrer Tochter.

„Ja Mutter“, antwortete sie und senkte betreten ihre Augen.

Tamaya hatte gesehen, dass Suyana momentan an einer größeren Webarbeit saß. Sie würde sich an schnelleres Arbeiten gewöhnen müssen.

Suyana brachte verschiedene Kräuter herauf und Tamaya stieg ein Aroma in die Nase, das sie plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzte.

„Woher hast du die?“, fragte sie Suyana, die noch immer versuchte, an ihren Ärmeln herumzuziehen.

„Vom Seeufer.“

Tamaya frohlockte. „Wächst dort noch mehr davon?“

„Ich denke schon.“

„Was heißt, du denkst schon?“

„Ich meine ja, Mutter.“

„Gut, dann geh nach dem Essen noch mal hinunter und hole, soviel du finden kannst.“

„Ja, Mutter.“

Heute würde Tamaya das Essen nach langer Zeit mal wieder schmecken.

Suyana wurde warm, ja beinahe schon schwindelig. Ihre Mutter war selten zufrieden mit ihr. Aber als sie jetzt lächelnd an den duftenden Kräutern roch, durchflutete Zuneigung Suyanas Herz. Diesmal hatte sie alles richtig gemacht.

„Suyana“, sagte ihre Mutter. Ihr Lächeln war verschwunden und auch Suyanas Hochgefühl rutschte etwas in die Tiefe. Tamaya drückte ihr eine Schale in die Hand. „Hole uns noch Beeren.“

„Ja Mutter.“

„Die oberen Sträucher müssten noch welche tragen.“

„Ja Mutter.“

„Und beeile dich.“

„Ja Mutter.“

Diesmal stieg Suyana die Treppenstufen hinauf, schlängelte sich durch die Qiwuña-Bäume und wagte sich ins Dickicht der Gewächse, die wie eine natürliche Begrenzung um die Siedlung herum wuchsen. Die meisten waren schon abgesammelt. Die Ernteperiode war bald vorbei. Nur noch wenige Bäume und Sträucher trugen Früchte, und die, die noch dranhingen, wurden immer kleiner.

Suyana drang durch den Sträuchergürtel, lauschte dem Wind im Geäst, summte eine leise Melodie und kam schon fast auf der Hochebene heraus, als Inti ihr hold war. Seine leitenden Strahlen zeigten ihr eine geschützte Stelle, die ihr bisher verborgen geblieben war, und einen vollen, tragenden Beerenstrauch beherbergte. Was für ein Geburtstagsgeschenk, dachte sie und kämpfte sich zu den saftigen Früchten durch.

Kein Geräusch war hier zu hören, außer ihrer eigenen Schritte. Kein Luftzug bewegte die Äste und Zweige. Suyanas Herz hüpfte wild in ihrer Brust, als der Schrei eines Kondors die Stille urplötzlich zerschnitt. Schnell machte sie sich daran, die Beeren zu pflücken, um rechtzeitig zur Morgenmahlzeit im Hof zu sein. Vielleicht würde sie ihrer Mutter auch diesmal ein Lächeln entlocken können. Frohen Herzens summte sie ihre kleine Melodie weiter und füllte ihre Schale.

Als sie zurückkam, waren ihr Vater und ihre Brüder von der ersten Feldarbeit wieder da. Sie verteilten sich um das Feuer herum und nahmen dankbar ihre Schalen voller Maisbrei entgegen. Suyana wusch die Beeren und setzte sich dazu.

„Irgendwas schmeckt heute anders“, bemerkte ihr Vater.

Suyana füllte ihre Schale und ein neuer würziger Duft stieg ihr in die Nase. Sie lächelte.

„Weiter unten am See wachsen diese Kräuter. Sie riechen ganz zart und haben hübsche Blüten. Ich hole nachher noch mehr und wir könnten sie trocknen.“ Fragend schaute sie ihre Mutter an.

„Das ist eine gute Idee, denn sie schmecken hervorragend in unserem Maisbrei.“ Ihr Vater sah zufrieden aus und nahm sich sogar eine weitere Portion.

Doch der Anblick Tamayas zerschnitt die wohlige Wärme, die ihr Vater immer wieder in ihr säte, wie spitze Eiskristalle. Bekümmert senkte Suyana die Augen. Sie wollte die Mutter nicht gegen sich aufbringen, indem sie sich im Lob ihres Vaters sonnte. Schweigend aß sie ihren Maisbrei und sammelte hinterher die leeren Schalen wieder ein.

Dann verteilte sie die Beeren und ihre Brüder staunten, wie viel sie doch noch gefunden hatte. Sie waren ohnehin selten und nur in der Zeit der Maisernte wirklich genießbar. Aber wenn sie welche hatten, erfreuten sie sich an jeder einzelnen dieser saftigen Früchte.

Ohne dass ihre Mutter sie dazu anhalten musste, nahm Suyana nach dem Essen das schmutzige Geschirr und spülte es im Bach aus.

Unter den prüfenden Blicken Tamayas verstaute sie alles ordentlich im Haus. Und als sie in den Innenhof trat, waren ihr Vater und ihre Brüder schon wieder auf den Feldern. Suyana holte sich einen Korb aus dem Lager und stieg abermals die Treppen zum See hinunter, um der Mutter so viele Kräuter zu holen, wie sie fand. Doch erst als sie weit genug vom Haus entfernt war und die Blicke ihrer Mutter nicht mehr auf sich spürte, gestattete sie sich, die Treppenstufen hinunterzuhüpfen statt zu gehen.

Die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche und stimmte Suyana versöhnlich. Sie liebte den Weg zum See. Sie hatte das Gefühl, Inti lachte sie dabei immer doppelt an, einmal vom Himmel herab und einmal aus dem Wasser heraus.

Die Kräuter wuchsen in einer kleinen Bucht nahe der Stelle, an welcher der Gebirgsbach in den See mündete. Sie lag so versteckt, dass weder Sonnenstrahlen noch der eisige Wind sie trafen. Andere Pflanzen gab es dort nicht. Die meisten brauchten Intis Segen und Intis Wärme. Diese Kräuter jedoch schienen nichts davon nötig zu haben.

Suyana pflückte soviel, wie in ihren Korb passten, und entfloh den kalten Schatten. Anders als die Kräuter brauchte auch sie Intis Wärme.

Sie brachte die Pflanzen ins Vorratslager und breitete sie auf einem Tisch aus, auf dem sie trockneten. Dann holte sie sich ihre Webarbeit aus dem Haus und setzte sich damit hinaus in die Sonne.

Seit die Mutter ihr das Weben beigebracht hatte, stellte sie sich ihre Kleidung selbst her. Und von diesem Tage an waren ihre Webstücke bunt. Das Leben an sich war seither so viel farbenfroher und lustiger. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Warum sie jahrelang diese tristen, formlosen, braunen und grauen Sachen tragen musste, die ihr ihre Mutter immer gewebt hatte, war ihr nicht klar, denn die anderen Kinder trugen auch bunte Anacus oder Ponchos. Suyana selbst benutzte jetzt gern helle Farben, Farben, die das Licht Intis und den Glanz Mama Killas einfingen. Von einer Tante hatte sie sich zeigen lassen, wie sich das Garn bleichen und einfärben ließ.

Der Poncho, an dem sie zur Zeit arbeitete, war ihre erste größere Arbeit. Sie hatte ihn in einem hellen, eierschalenfarbenen Grundton mit vielen qanturoten und moosgrünen Mustern gewebt. Suyana saß schon eine Weile an dieser Arbeit und wäre vermutlich längst fertig, wenn sie sich nicht zwischendurch in den Kopf gesetzt hätte, ihrem Vater ebenfalls einen neuen Poncho zu weben.

Sie war zutiefst erschrocken, als er eines Tages leise vor sich hin fluchend zum Haus zurückgekehrt war. Flüche und andere böse Worte kannte sie gar nicht von ihrem Vater. Es war lange vor der Essenszeit und er schien es eilig zu haben, sodass er sie gar nicht bemerkte. Er verschwand im Vorratslager und kam wenig später vollbepackt mit allerlei Werkzeugen wieder heraus.

Suyana hatte sich gefragt, wieso er nicht eine große Kiepe genommen hatte. Doch wahrscheinlich waren alle verfügbaren Körbe bereits draußen auf den Feldern.

An diesem Abend hatte die Idee für den Arbeitsmantel Gestalt angenommen und sie hatte gleich am folgenden Tag begonnen, daran zu arbeiten. Alles, was sie bisher an ihrem eigenen Poncho probiert hatte, gelang ihr hier um ein Vielfaches besser. Muster, Taschen, Ösen, alles saß perfekt.

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, als sie beide Ponchos heute beendete. Sie lehnte sich an den Ollanta und betrachtete fröhlich ihr Werk.

Ihr eigener Poncho war ihr ein wenig zu groß, ein wenig zu schief und an manchen Stellen etwas schräg zusammengenäht aber es war ihr liebstes Stück und mit einem glückseligen Seufzen streifte sie ihn über. Der ihres Vaters allerdings wurde ihr Meisterwerk. Voller Stolz und mit akribischer Sorgfalt legte sie das Kleidungsstück zusammen und band es mit einem Stück Hanf zu einem Paket. Dann brachte sie es ins Haus und versteckte es in der Nähe ihres Nachtlagers.

Da sie die Mutter nirgends sah, stahl sie sich aus dem Haus und im Schutz der Qiwuña-Bäume aus der Siedlung. Sie sprang die zwischen den Feldern eingelassenen Stufen hinab, ausgelassen, glücklich und stolz auf ihre eigene Arbeit.

Unten am See zog sie ihre Sandalen aus und watete durch das eisige Wasser, am Ufer entlang der Sonne entgegen.

„Suyana!“

Ihr jüngster Bruder stand, den Speer hoch erhoben, mit blanken Beinen im Wasser. Suyana stoppte abrupt. Blitzschnell ließ Choque den Speer sausen, der sich etwa fünf Fuß von ihr entfernt ins Wasser bohrte.

„Was hast du erwischt?“

„Ich glaube, ich habe ihn diesmal.“ Auf Choques Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.

„Challwa Karachi?“

Er nickte. Suyana lief schon jetzt das Wasser im Mund zusammen. In diesem See tummelten sich eine Menge Kärpflinge und Welse, doch diesen Besonderen bekamen sie nicht oft zu sehen. Sie beobachtete, wie Choque seinen Speer holte, an dessen spitzem Ende sich ein großer zappelnder Fisch wand.

„Vater wird sich freuen“, sagte er mit leuchtenden Augen und leckte sich die Lippen. „Wohin bist du unterwegs?“, fragte er sie dann.

„Ich weiß noch nicht. Meine Arbeit ist getan. Ich schaue, ob ich vielleicht noch einige dieser Kräuter finde. Oder ein paar Beeren oben.“ Suyana wollte selbst vor ihrem Bruder nicht tatenlos dastehen. „Viel Erfolg bei deinem weiteren Fang.“

„Wo der hier war, da sind noch viele andere.“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu. „Die entkommen mir heute nicht.“

Sie winkte ihrem Bruder und als Choque seinen Speer wieder erhob, sprang sie über die Steine weiter.

Als Suyana am nächsten Aufstieg aus dem Wasser kam und in ihre Sandalen schlüpfte, waren ihre Füße rot und fühlten sich wohlig leicht an.

Sie stieg die steilen Treppenstufen hinauf, umrundete die Häuser ihres Dorfes, durchquerte den Wald und schlug sich durch die Büsche, bis sie zur großen Grasebene kam, auf der sie die Lamas weiden ließen. Hier oben standen verwitterte Gemäuer, Ruinen alter Gebäude, die von vergangenen Zeiten und längst vergessenen Kulturen erzählten. Hier war Suyanas ganz persönliches Reich und hierher zog sie sich zurück, wenn sie alleine sein wollte.

Sie setzte sich in den Schatten einer alten Treppe, die jetzt ins Nirgendwo führte, wo sich vormals ein Aufbau auf dem Plateau befunden hatte. Sie löste ihre Zöpfe und fuhr erleichtert durch die weichen Wellen ihrer Haare. Die Spannung auf ihrer Kopfhaut lies nach. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl von Leichtigkeit.

Suyana zog einen losen Stein aus der Wand zu ihrer Rechten und holte ihren liebsten Schatz heraus. Es war eine kleine Okarina, eine Tonflöte in Form eines Vogels. Sie hatte sechs Löcher an der oberen und zwei an der unteren Seite und gab sanfte, dumpfe Töne von sich. Ihr Vater hatte die Okarina selbst gefertigt und ihr zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt. Das war jetzt genau fünf Jahre her. Seitdem hielt sie sie in Ehren und übte jeden Tag, so sie denn Zeit fand.

Sie setzte den Schnabel an die Lippen und fing an zu spielen, eine Melodie voller Ruhe und Wärme, die Zufriedenheit und Leichtigkeit ausdrückte. Nach einer Weile vermischten sich die Töne mit dem Kreischen des Kondors in der Luft und mit dem leisen Pfeifen des Windes, der trotz der Wärme der Sonnenstrahlen an jeder Häuserwand zerrte. Von den Mauern der Ruinen wurde die Musik zurückgeworfen und hüllte Suyana bald ein wie dichter Nebel. Friede und Geborgenheit umgaben sie und machten sie schläfrig.

Tamaya überquerte die Brücke und versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen.

Aufrecht bleiben. Einen Schritt nach dem anderen machen.

Sie spürte noch immer Nairas Blicke auf sich. Doch würde sie sich von ihr nicht in die Knie zwingen lassen.

Tamaya betrat ihr Haus, ließ den Vorhang hinter sich zu fallen und gab ihren zitternden Beinen nach. Sie setzte sich auf die Steinbank und Tränen brannten sich einen Weg ihre Wangen hinab. Als diese versiegt waren, blieb nur noch Wut übrig. Mit trockenen Augen und ruhigen Händen holte sie Webrahmen und Wolle hervor. Mit Wut im Bauch konnte sie arbeiten, das war sie gewohnt. Es war die Angst, die sie lähmte. Doch sie hatte sich wieder im Griff.

Tamaya nahm ihre Webarbeit und setzte sich raus in die Sonne. Die Segen der Götter hatte sie schon fertig. Doch würden sie diese Ehe überhaupt gutheißen?

Sie hatte absolut nichts gegen Amancaya, ganz im Gegenteil. Sie war ein reizendes Mädchen, schön, fleißig und pflichtbewusst. Doch war sie die falsche Braut für Samín. Eine Hitzewelle durchfuhr Tamaya. Die Götter wussten alles. Sie schluckte die wieder aufkeimende Angst hinunter und begann mit dem Ornament für ein langes Leben. Sie ließ sich Zeit. Vielleicht konnte sie die Hochzeit hinauszögern, bis ihr eingefallen war, wie sie sie verhindern konnte. Morgen. Morgen würde ihr bestimmt etwas einfallen.

Während der Ayllu mit den großen und kleinen Problemen des Alltags kämpfte, streiften Gesandtschaften des großen Pachakutiq Yupanki durch das Land der Sonne, und eine von ihnen kam dem Gebirgssee immer näher. Dieser Gruppe stand ein junger Mann vor, ein hoher Spross aus altem Inkaadel. Im Gegensatz zu allen anderen Herren ließ er sich nicht in einer Sänfte durch das Land tragen. Er schritt zu Fuß den Königsweg ab. Und im Moment war es das Beste, was er machen konnte, denn der Qhapaq Ñan war eine einzige Baustelle.

Rimaq mochte im Allgemeinen seine Aufgaben als Gesandter des Ersten und Einzigen. Doch zur Zeit konnte er sich angenehmere Dinge vorstellen, als durch das Tawantinsuyu zu reisen. Sie kamen langsamer voran, als ihm lieb war. Den ganzen Weg aus der Hauptstadt heraus und den ganzen Weg zurück. Rimaq war gemeinsam mit den anderen aufgebrochen. Ob sie die gleichen Schwierigkeiten hatten, denen er sich ausgesetzt sah?

Der Qhapaq Ñan wurde an vielen Stellen ausgebessert und erweitert. Doch statt das Reisen einfacher und schneller zu gestalten, behinderte es ihn nur. Und nachdem sie nach zehn Sonnen den Titicacasee noch immer nicht erreicht hatten, verfluchte er sogar die Größe seiner Gesandtschaft. Wenn es so weiter ging, konnte er froh sein, überhaupt rechtzeitig wieder in Qusqu einzutreffen. Doch sollte er dann wenigstens vier Kinder bei sich haben. Obwohl er vier Kinder auch alleine hätte holen können. Dazu hätte es nicht dieser großen Gruppe bedurft. Die Frauen wurden langsam mürrisch. Wahrscheinlich fragten sie sich, wofür man sie quer durch das Land schleppte.

Sie hatten bisher nur ein Mädchen gefunden. Und es blieben noch genau zehn Tage bis zur Zeremonie. Sie durften keine Zeit mehr verlieren.

Als sie an diesem Tag ihre erste Rast hielten, sahen sie in der Ferne einen See in der Sonne glitzern.

„Unser heutiges Ziel, Herr?“, fragte der Wak‘arimachiq, der Rimaqs Blick gefolgt war. Dem alten Gottesmann waren die Strapazen der Reise noch deutlicher anzusehen als den anderen, auch wenn er wahrscheinlich der Einzige war, der sich nicht beschwerte.

„Ja.“ Rimaq nickte. „Wenn wir uns beeilen, erreichen wir ihn noch vor Sonnenuntergang.“

Die Hänge um den See herum waren terrassiert. Es würde sich bestimmt ein Ort finden, in dem sie ihr Nachtlager aufschlagen konnten.

„Suyana!“

Die Stimme ihrer Mutter war, trotz der Entfernung zu ihrem Versteck, wie ein tosender Orkan, der ihre wohlige Wärme durchschnitt. Widerwillig verstaute Suyana die Okarina wieder hinter dem kleinen lockeren Stein und kehrte auf direkten Weg durch den Wald und über die Treppen heim.

Sie sah ihre Mutter schon von weitem, ihr rotes Gesicht mit den hellen Flecken und die dick pulsierende Ader an der Schläfe. Suyana überlegte, was sie verärgert hatte, ob sie vielleicht etwas vergessen hatte? Aber noch bevor sie sich eine Entschuldigung für irgendetwas überlegen konnte, streckte ihr die Mutter einen großen Tonkrug entgegen.

„Wir brauchen Wasser aus dem See. Und dass du mir keinen Tropfen verschüttest.“

Suyana hätte sie am liebsten gefragt, wieso nicht auch das Wasser des Baches ging. Doch Tamayas Blick ließ sie ihre Frage hinunterschlucken.

„Ja Mutter“, sagte sie nur, lud sich den Krug auf die Schulter und balancierte damit die in den Fels eingelassenen Stufen zum Ufer hinab.

In der Nähe sah sie die Männer auf einem der Felder arbeiten. Der Mais lichtete sich langsam. Sie kamen gut voran. Suyana winkte ihrem Vater zu.

„Habe ich dich nicht vorhin schon einmal hier runterspringen gesehen?“

„Ja, Papa.“

„Wohin willst du denn diesmal?“

„Ich muss der Mutter Wasser holen.“

Ihr Vater runzelte die Stirn.

„Soll Choque dir beim Aufstieg helfen?“

„Nein, Papa, ich schaff das schon.“

„Also gut, Su, aber pass auf deine Füße auf.“

„Ja, Papa.“

Fröhlich hüpfte sie weiter hinab. Ihr Vater war der Einzige, der sie Su nannte. Sie mochte diesen Kosenamen. Er klang liebevoll und lustig.

Unten am See suchte sie sich eine seichte Stelle, an der sie den Krug füllte. Sie wäre am liebsten noch eine Weile dortgeblieben. Die Sonne sank tiefer und verbreitete warmes Licht auf der Wasseroberfläche. Doch sie dachte an ihre Mutter und die Stimmung, in der sie sich befand. Also kehrte sie sofort um.

Der Rückweg war tückisch. Die Stufen waren steil und die untergehende Sonne hinterließ tiefe Schatten in ihrem Tal.

Als die letzten Sonnenstrahlen die hohen Berggipfel krönten, hatte sie den Aufstieg erst zur Hälfte hinter sich. Sie setzte ihren Krug ab, warf sich vor Inti zu Boden und betete mit Inbrunst.

„Oh Inti, Sonnenvater, Herr über Licht, Wärme und Leben, ich danke dir für diesen Tag voller Licht. Lass Mama Killa über uns wachen in einer Welt voller Schatten und Dunkelheit. Erhelle uns die Nacht und segne unsere Träume.“

Suyana nahm den Krug wieder auf und setzte ihren Weg nach Hause fort. Sie sah das große Feuer, das vom Dorfplatz aus hoch loderte, und der Duft von brodelndem Locro drang bis zu ihr hinab. Ihr Magen knurrte und sie beeilte sich, nach Hause zu kommen. Doch als sie in den Innenhof trat, war die Mutter fort und mit ihr der Kessel. Sie ging zurück und den Rest der Strecke über die Treppen hinauf. Die Last des Wasserkruges wuchs mit jeder weiteren Stufe. Suyana überquerte die kleine Brücke, die den Bach überspannte, der ihr Dorf in zwei Hälften teilte. Die Frauen waren eifrig mit der Zubereitung des Essens beschäftigt. Sie brachte der Mutter den Krug mit Wasser.

„Ohne einen Tropfen zu verschütten“, sagte sie stolz, stellte den Krug ab und streckte sich. Ihre Arme waren taub und jeder Knochen ihres Rückens schmerzte.

„Den kannst du nach Hause bringen. Hier brauchen wir ihn im Moment nicht.“

Ihre Mutter wandte sich wieder ab und Suyana gelang es nur mit Mühe, ihre Enttäuschung hinunterzuschlucken. Ihre Beine zitterten bereits, doch ohne weiterhin einen Tropfen zu verschütten, balancierte sie den Wasserkrug nach Hause. Den Tränen nahe holte sie kurz Luft und kehrte zum großen Feuer zurück. Die Mutter hasste Unpünktlichkeit.

Guanca genoss die Tage der Ernte. Sie waren angefüllt mit körperlich schwerer Arbeit, genau das, was er brauchte, um nicht mit seinen Gedanken alleine zu sein. Er war wohl der Einzige, der die Zeit der Rast nicht herbeisehnte, denn dann fielen seine Dämonen wieder gnadenlos über ihn her. Mit Arbeit konnte er sie recht gut in der Unterwelt halten. Nach einem harten Erntetag wie diesem schwiegen sie, und erschöpft, aber dankbar, ließ er sich auf einem Platz am Feuer nieder.

Die Flammen loderten hoch und vertrieben die Schatten des Abends. In der Luft lag der Duft von gebratenem Fisch und T‘anta, frischem Brot, das die Frauen soeben aus dem großen Steinofen holten.

Seine Schwäger hatten sich ebenfalls mit ihren Familien am Feuer eingefunden und erwarteten mit hungrigen Mienen ihre Abendmahlzeit. Die Zeit der Maisernte war doppelt schwer, da sie, um die hellen Stunden des Tages auszunutzen, die zweite Mahlzeit auf den dunklen Abend legten. Doch dafür konnten sie diese Zeit dann genießen. Nach dem Essen spielten die Kinder in der Nähe des Feuers und die Erwachsenen beschäftigten sich mit den unterschiedlichsten Dingen, oft auch mit Gesang und Tanz.

Guanca hörte Kinderlachen und noch ehe er sie sah, spürte er, wie sich dünne Arme um ihn schlangen.

„Papa, ich habe etwas für dich.“ Suyanas Stimme klang geheimnisvoll und freudig erregt.

Guanca lächelte seine Tochter an.

„Aber du bist doch das Geburtstagskind.“

Suyana wirkte betreten. Normale Geburtstage feierten sie nicht. Doch Guanca würde diesen Tag nie vergessen.

„Na gut. Muss ich raten?“

„Ja.“

„Hmm... Ist es vielleicht ein neuer weicher Poncho?“

Jetzt wurde aus seinem Lächeln ein breites Grinsen, als er Suyanas überraschtes Gesicht sah.

„Aber woher weißt du das?“

„Su, mein Schatz, du trägst dein Herz auf deiner Zunge. Ich habe gehört, dass du daran gearbeitet hast.“

„Verflixt, jetzt ist die ganze Überraschung dahin.“ Suyanas Mundwinkel zogen sich nach unten.

„Bestimmt nicht. Ich habe ihn ja noch nicht gesehen.“

Ihre Miene hellte sich wieder auf und sie sprang mit einem Jauchzer auf ihre Füße.

„Dann gehe ich ihn jetzt holen.“

„Wie wäre es, wenn du deinem Vater und deinen Brüdern erstmal eine Schale mit Locro bringst.“

Die schneidend kalte Stimme von Tamaya ließ seine Tochter zusammenzucken.

„Ja, Mutter.“

Mit gesenktem Blick ging sie zum Kessel hinüber, in dem der Locro kochte, ein deftiger Eintopf bestehend aus Mais, Fleisch und Gemüse. Das war eine andere Suyana, unsicher, unterwürfig und ängstlich. Es versetzte ihm einen tiefen Stich, sie so zu sehen. Sie füllte die Schalen, die Tamaya ihr gab, mit dem Eintopf und verteilte sie an die Männer und Jungen ihres Ayllus. Dann erst nahmen sich die Frauen und Mädchen etwas zu essen.

Guanca nickte seiner Tochter aufmunternd zu und löffelte mit großem Appetit seinen Locro. Er würde seine Frau nicht vor dem gesamten Ayllu zurechtweisen, auch wenn Suyana ein ständiger Streitpunkt zwischen ihnen war.

Der Eintopf wärmte von innen und doch fröstelte er. Schatten zogen sich um ihn zusammen und obwohl das Feuer mit unverminderter Kraft brannte, wurde es dunkler und kälter um ihn herum.

So schnell, wie sie kamen, verzogen sich die Schatten wieder in dem Moment, als Suyana sich neben ihm niederließ und die Wärme ihres Körpers sich auf ihn übertrug. Sie reichte ihm eine zweite Schale, die mit Brot gefüllt war. Langsam sog er den würzigen Duft in sich auf, der sich auf seinem Weg zur Nase mit dem Wiesenduft vermischte, den seine Tochter versprühte.

„Was möchtest du dafür haben?“

Suyana sah ihn verständnislos an.

„Für den Poncho.“

„Ich darf dafür etwas haben?“

„Natürlich. Wer so fleißig eine Arbeit erledigt, die er nicht machen muss, soll auch eine Belohnung erhalten. Lass uns einen Tauschhandel abschließen. Welches ist dein Preis?“

Er sah, dass seine Tochter nicht recht wusste, was er meinte. Also zog er ein kleines Stück Treibholz aus der Tasche seines Umhangs, das er heute am Ufer des Sees entdeckt hatte.

„Was kannst du dir vorstellen, könnte ich hieraus machen?“

Jetzt sah er wieder das Strahlen in Suyanas dunklen Augen, das er so sehr liebte.

„Vielleicht einen Kondor, Papa. Ich finde, es hat schon leicht seine Form.“

„Also gut, mein Schatz, dann also einen Kondor.“

Als Guanca seine Mahlzeit beendet hatte, nahm er ein Messer zur Hand und fing an, das Stück Holz zu bearbeiten. Suyana sammelte die Schalen ein und brachte sie fort.

Als sie wenig später aus der Richtung ihres Hauses wiederkehrte, hatte sie ein zusammengeschnürtes Päckchen unter dem Arm. Das Treibholz in Guancas Hand jedoch glich immer mehr einem Vogel.

„Darf ich dir dabei zusehen?“, fragte Suyana und schmiegte sich an ihn.

„Willst du denn nicht mit den anderen spielen?“

„Heute nicht. Ich bin müde.“

Das war eine Ausrede. Das merkte er ihr an. Sie drehte den Kopf so, dass er ihre Augen nicht sah. Irgendetwas beschäftigte sie und sie wollte nicht darüber reden, also fragte er nicht weiter.

„Sing mir ein Lied vor, Su“, bat er seine Tochter. Und Suyana sang.

Viracocha, Erschaffer der Welt,

Dies Feld ist allein für dich bestellt.

Du gibst uns den Boden,

Wir geben dir Mais,

Du willst uns belohnen,

Hier schließt sich der Kreis.

Inti, Sonnenvater, Licht der Welt,

Dies Feld ist allein für dich bestellt.

Du sendest uns Licht,

Du spendest uns Wärme.

Wir werden nicht

Verschränken die Arme.

Mama Killa, Licht der Nacht,

Die, die über unsere Träume wacht,

Ein ganzes Feld soll sein für dich.

Segne unsere Ernte.

Mein Lied lobpreist dein Angesicht,

Das ich vor langem lernte.

„Mama Killa wird entzückt sein.“

Guanca reichte seiner Tochter den fertigen Kondor.

„Oh Papa, ist der schön.“

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Suyana betrachtete begeistert die feine Schnitzerei.

„Und wo ist mein Poncho?“

Suyana gab ihm das Bündel, das sie die ganze Zeit über auf ihrem Schoß hielt. Guanca befühlte den Stoff.

„Alpaka?“

Suyana nickte.

Guanca faltete das Bündel auseinander und sah die Muster in den unterschiedlichen Farben.

„Wer hat dir gezeigt, wie man die Wolle einfärbt?“

„Naira.“

„Das ist eine wundervolle Arbeit, Su. Ich danke dir.“

Er zog seinen Umhang aus und den neuen Poncho über.

„Da sind ja Taschen innen angebracht“, bemerkte er und befühlte sie neugierig.

„Ja, für deine Werkzeuge.“ Suyana sah ihn nachdenklich an. „Ich hoffe, sie sind groß genug.“

„Sie sind perfekt.“

Guanca war stolz auf seine Tochter. Dieser Poncho war etwas Besonderes und er glaubte, dass nicht viele Zehnjährige so ein feines Stück Stoff zustande brachten. Die missmutigen Blicke seiner Frau hatte er wohl bemerkt, versuchte jedoch, Suyana so gut es ging, dagegen abzuschotten. Die Freude würde sie ihnen heute Abend nicht nehmen.

Über dem Feuer hingen immer noch Kessel mit dampfendem Locro und zwei riesige Fische brutzelten an langen Stecken.

„Choque, wieviele hast du denn noch von denen gefangen?“, fragte Suyana, überrascht, dass es ihr jetzt erst auffiel.

„Die haben es mir heute ziemlich leicht gemacht.“ Choque zuckte mit den Schultern.

Der Duft ließ Suyana das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ihr Magen rumorte. Obwohl ihre Schale bereits leer war, hatte sie gefühlt seit einer Woche nichts mehr gegessen und wusste nicht, woher dieses Gefühl kam. In letzter Zeit veränderte sich so vieles an ihrem Äußeren und in ihrem Inneren, dass es ihr angst machte. Außerdem sah die Mutter sie häufig mit einem merkwürdig durchdringenden Blick an, den Suyana nicht zu deuten vermochte. Sie hatte keine Ahnung, was los war, was sich verändert hatte. Und das ließ wiederum eine Wut in ihr aufsteigen, die sie bisher auch nicht kannte und die sie unmöglich unterdrücken konnte.

Sie holte sich erneut eine Schale und füllte sie mit Locro. Ihre Mutter runzelte die Stirn und spitzte den Mund, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Doch Suyana stockte. War das jetzt die zweite oder dritte Schale? Verdammt, sie wusste es nicht. Sie fühlte sich schuldig, und beschämt setzte sie sich weit fort von Tamaya und verschlang beinahe ihre Mahlzeit.