Die Kinder des Drachen - Luzie Mars - E-Book

Die Kinder des Drachen E-Book

Luzie Mars

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Beschreibung

Merlin, der große Druide, ist in die Anderswelt gegangen. Für seine Glaubensbrüder ist unter der aufkeimenden neuen Religion kein Platz in Britannien. Und als der Drache das Land verlässt, folgen die Baummänner ihm. Hinaus über das weite Meer Richtung Norden auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die Zeit vergeht und über dem Sommerland brauen sich dichte Wolken zusammen. Diese künden von einer neuen Gefahr die die Gemeinschaft bedroht. Freyja (17) und Fiona (10) von Bifrösting werden in die Wirren hineingezogen. Ebenso der Knabe Thrael (12), der ohne es zu ahnen, ein Geheimnis in sich trägt. Freyja und Thrael verlassen das Gut Bifrösting und fliehen vor ihren vermeintlichen Schicksalen. Jedoch der Knabe wird, ohne etwas davon zu ahnen, auf seine Bestimmung zulaufen. Die Druiden stehen nach all den friedvollen Generationen erneut vor der Aufgabe ihren Glauben und ihre Werte verteidigen zu müssen.

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Seitenzahl: 842

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Martina Lange zeichnet und schreibt seit ihrem 10. Lebensjahr Kurzgeschichten. Sie studierte "Literarisches Schreiben" in Frankfurt a.M. und lebt mit ihrer Familie im Weserbergland.

Luzie Mars lebt in ihrem Buchstabengarten in den schattenreichen Ecken.

Die Kinder des Drachen und diverse Kurzgeschichten entstanden hier.

Darunter die Gewinner diverser Literatur-Wettbewerbe.

Für

Anna und Sarah

Prolog

Die Insel des Drachen lag verlassen in den Weiten der bleigrauen See. Wütend brachen Wellen gegen die steil aufragenden Klippen. Mit dem wilden Wind wehte Gischt, wie salziger Atem, über das aschgraue Land.

Eine aufrechte Gestalt, hoch über den ungezügelten Elementen, reckte furchtlos das Kinn in den Wind. Ihre blaue Robe fest um den Leib geschlungen, lauschte sie auf ein Rauschen in der Luft. Weit über den aufgebrachten Wellen, unter dem Sturm.

ER verließ das Land. Seit Menschengedenken war hier sein Hort gewesen, doch nun gab Er die Alte Welt ihrem Untergang preis und entzog ihr seinen Beistand. Dieser, seiner Welt, Ynys Draig. Er hatte ihr über Äonen durch seinen Atem eine Seele geschenkt.

Margian legte schützend die Arme um ihren gewölbten Leib. Ihre blauen Augen verdunkelten sich, färbten sich wie der Himmel. Der nahe Sturm war ein Spiegelbild ihrer Gefühle. Sie war zurückgelassen worden. Zurückgelassen von ihrem Volk, dass nun auf Schiffen die Segel hisste.

Ihr unbändiger Zorn hatte sie aus tiefster Seele hierhergetrieben. Nun wandelte er sich in Hass. Und sie ließ ihn Meile um Meile den geblähten Segeln folgen bis zum Horizont. Bis die Schiffe im weit entfernt aufziehenden Nebel verschwanden, eines nach dem anderen - endgültig.

Margian wusste sie folgten dem Schatten des Drachen. Ließen sie in dieser leeren Welt zurück.

In der Luft glaubte sie noch, den Rauch zu schmecken. Beinah fühlte sie noch die schreckliche Hitze der verheerenden Flammen, in welchen der Hain des ewigen Frühlings untergegangen war. Die Häuser und Gärten. Die Apfelbäume. Die Göttin hatte ihr Nemeton, ihren heiligen Hain, verloren.

Margian kehrte nun als letzte der Schwesternschaft ihrer einstigen Heimat den Rücken zu. Wenn sie und ihr Kind überleben wollten in dieser dunklen Welt, musste sie sich verbergen unter all den anderen Schafen der neuen Herde. Ein letztes Mal hob sie beschwörend die Arme der untergehenden Sonne entgegen und sprach laut die uralte Beschwörung:

Anail Nathrock

Uth vass Bethudd

Dochiel Dienve

Der Wind bemächtigte sich jeder einzelnen Silbe und trug sie den Schiffen nach. Zufrieden senkte Margian die Hände. Das Werk war getan.

Von nun an war es ganz gleich, wohin sie fliehen würden, sie Margian, die Tochter des Modreth, würde Rache üben an jenen, die zu feige waren mit allen Mitteln den alten Pfad zu verteidigen. An jenen, die zugelassen hatten, dass der Hain des ewigen Frühlings zerstört wurde.

Abrupt wandte Margian sich um und folgte dem schmalen Pfad über die steilen Klippen. Sie würde in die Burg ihrer Vorväter zurückkehren, Dintagell, die Stolz und uneinnehmbar über der See emporragte. In der Halle hoch über der verlassenen Höhle des Drachens würde ihr Sohn die Dunkelheit eines für sie seelenlosen Landes erblicken.

INHALTSVERZEICHNIS

Frühling

Vertreibung des Winters

Der silberne Wolf

Das Dorf in den Wäldern

Kalter Rauch

Im Myrkwider

Die Mühle

Arawn von Fenrir

In den Fängen des Wolfes

Zwischen bunten Bändern

Der Preis der Bruderschaft

Durch die Nacht

Das Wesen des Skirnir

Gefangen!

Der Herr über Bifrösting

Bruderschaft

Atemloses Grauen

Suchen und Finden

Durchkreuzte Fäden

Arrest!

Warten

Ein Teppich aus Erinnerung

Durch die Nebel

Geheimnisse

Körbe aus der Schmiede

Die Drachenhöhle

Männer und Frauen

Unter Wölfen

Zurück!

Die schwarze Feste

Belagert

Durch den Myrkwider

Die Giallarhorn-Feste

Die Hüter der Bäume

Hinter schwarzen Mauern

Das Leuchten des Drachen

Die Heerschau

Thrael

Der Rat der Baummänner

Über die Gramwälle

„Verschnürt wie ein Ferkelchen!“

Gratmyr, das Tränenmoor

Zur Skirgel-Furth

Im Quert-Hain

Flammen!

Verschwunden!

Der Schutz des Quert-Hain

An der Skirgel-Furth

Mogusath

Aonghus!

Abschied vom Nemeton

Der Herr des Waldes

Der Kampf um Bifrösting

Die Begegnung

Der Uitspring

Am Ende der Zeit

Erster Teil

Bifrösting

1. Frühling

Das wettergegerbte Tor von Bifrösting öffnete sich langsam. In dem nur wenige Finger breiten Spalt, erschien ein brauner strubbeliger Schopf. Rasch wandte der Knabe den Blick zu beiden Seiten. Er nickte zufrieden. Ein weiteres Paar Hände legte sich auf das graue Holz und gemeinsam stemmten sie das schwere Tor auf. Als endlich die Lücke eine ausreichende Größe erreicht hatte, führte der zweite Knabe einen stattlichen Hengst hindurch. Geschwind wechselten beide auf den schmalen Pfad. Entlang der rechten Seite der Befestigungsmauer führte er hinauf zu den äußeren Weiden.

Die beiden Knaben waren noch nicht sehr weit gekommen, als sie ein splittern vom Tor her zusammenzucken ließ. Sie pressten sich so dicht wie es ihnen möglich war gegen die Mauer und versuchten mit ihr zu verschmelzen. Ein recht zweifelhaftes Unterfangen, denn der Hengst wehrte sich gegen die rüde Behandlung und zerrte an seinem Halfter in die entgegengesetzte Richtung. Auf dem Pfad näherte sich ihnen jemand sehr schnell. Raschelnd und laut atmend. Der größere Knabe drängte nun den Kleineren voran.

„Lauf! Schnell! Sie sucht sicher nach mir.“

Der Knabe mit dem struppigen Haar war um die Nase sehr blass geworden. Jede seiner Sommersprossen trat somit noch deutlicher hervor. Er nickte und begann bereits den grasbewachsenen Pfad entlangzurennen. Er war wirklich schnell. Schon einen Lidschlag später war er um die Ecke der Befestigungsmauer verschwunden.

Der Hengst gebärdete sich noch immer wild und schlug mit den Hufen große Stücke der fetten Erde aus dem schmalen Pfad. Wie sollte das nur enden. Schon im nächsten Augenblick würde der fein ausgefeilte Plan in einem Unwetter aus Vorwürfen untergehen. Gullfax wieherte schrill, als ein großes graues Etwas sich zwischen seine Hufe stürzte. Fiepend und bellend umsprang ein Wolfshund das Ross und den Knaben. Dieser stöhnte mit heller Stimme auf, bevor er die beiden Tiere verärgert anbrüllte.

„Schluss jetzt! Hört sofort auf mit dem Unsinn! Alle beide!“ Die abgewetzte Kappe fiel zu Boden und ein langer goldener Zopf entrollte sich über die schmalen Schultern des vermeintlichen Knaben. Der Wolfshund schnüffelte erwartungsvoll an der Kopfbedeckung. Er setzte sich davor und grinste seine Herrin an. Freyja fühlte ihre Autorität schwinden. Ein resignierendes Lächeln stahl sich in die Grübchen auf ihren Wangen. Bei diesem Blick konnte sie einfach nicht streng bleiben.

„Du alter Gauner.“

Liebevoll kraulte sie ihrem Wolfshund Glass das weiche Fell hinter den Ohren. Erfreut bellte er und der Hengst begann, erneut an den Zügeln zu ziehen. Hoch oben auf der Mauerkrone ertönte eine verärgerte Stimme.

„Na, das musste ja passieren bei dem Lärm, den ihr beide macht.“, zischte Freyja bestürzt. Einer der Wächter, die seit Beginn des Winters dort ständig patrouillierten, war auf sie aufmerksam geworden.

„Bei allen Eisgnomen und Nebeldruden, was herrscht dort unten für ein Radau?“

Freyja griff hastig nach ihrer Kappe. Doch Glass schien das für ein neues Spiel seiner Herrin zu halten. Er schnappte nach dem anderen Ende, versenkte seine Zähne in das ohnehin schon arg in Mitleidenschaft gezogene Kleidungsstück und schüttelte den struppigen Kopf.

„Glass, lass los“, fauchte Freyja ihn an. Doch erst nach einem heftigen Ruck gelang es ihr, das unförmige Ding aus seinen Fängen zu befreien. Ihr Hengst machte sich - endlich zügellos - mit hoch erhobenem Haupt über den Pfad in Richtung der äußeren Weiden davon. Seinen Sieg auskostend verschwand er, wie ein goldener Blitz genau in dem Augenblick um die Ecke, als der Wachtposten über die Brüstung der überdachten Mauerkrone schaute.

Freyja presste sich die durchnässte Kappe auf das verräterische Haar. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

„He, du da! Was machst du für einen Lärm?“ Freyja verstellte ihre Stimme und brummelte, dass sie den Auftrag hätte das Pferd auf die Weide zu bringen.

„Na, dann mach das auch. Aber ein bisschen hurtig, wenn es recht ist. Zuvor solltest du aber erst einmal den Unterschied zwischen einem Pferd und einem Hund kennenlernen, sonst sind deine Tage als Stallbursche auf Bifrösting gezählt.“

Er lachte und deutete auf Glass, der immer noch grinsend vor Freyja Auf und Ab hopste. Schließlich wischte sich der Wachgänger eine Lachträne aus den Augen und setzte atemlos seinen Rundgang fort. Freyja stand steif da. Die Hände waren zu Fäusten geballt. Ihr Gesicht wurde ganz heiß. Sie wusste besser Bescheid über Pferde und Hunde als mancher Stallmeister. Nur zu gern hätte sie dem Wachposten ihre wahre Identität enthüllt, aber heute musste sie schweigen und den Spott über sich ergehen lassen. Verärgert stapfte sie weiter und folgte ihrem Pferd. Glass sprang übermütig vor ihr her und forderte sie immer wieder zum Spielen auf. „Ach, geh weg.“

Scheuchte sie ihn missmutig davon. Den jungen Hund kümmerte die abweisende Geste seiner finster dreinblickenden Herrin herzlich wenig. Wie ein grauer Blitz flitzte er ihr voraus den Pfad entlang.

Als Freyja um die Ecke bog erwartete sie bereits ihr Mitverschwörer Thrael und hielt den mittlerweile sehr braven Gullfax am Zügel.

„Es ist mir ein Rätsel, wie du das immer wieder schaffst.“

„Ich glaube er mag mich einfach.“

Thrael zuckte gleichmütig mit den mageren Schultern.

Seine blitzenden grünen Augen spiegelten jedoch die Freude wider, die das Lob seiner Freundin ihm bereitete.

Freyja strich ihrem Hengst über die Nüstern, setzte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich ohne Hilfe in den Sattel. Ihrer Amme wäre vor Entrüstung die Luft weggeblieben, hätte sie gesehen, wie undamenhaft ihr Zögling im Sattel saß und dabei die Schenkel fest an den warmen Pferdeleib presste. Freyja hingegen vertrat die Überzeugung, dass ein Pferd nur auf diese Art zu lenken war.

Sie beugte sich weit nach vorn, strich dem Hengst mit der Hand über den Hals und flüsterte ihm ’Verräter’ ins Ohr.

Der schüttelte unwillig den Kopf, da ihr warmer Atem ihn kitzelte. Ungeduldig begann er, mit den großen Hufen zu scharren.

„Ja, ja.“ Freyja klopfte ihm auf den muskulösen Hals. Sie verstand ihn nur zu gut. Er wollte endlich wieder laufen, nicht länger in dem engen Stall eingesperrt sein.

„Ihr solltet jetzt wirklich losreiten. Sonst werden wir doch noch alle erwischt und ich glaube nicht, dass dein Vater sich dieses Mal milde stimmen lässt.“

Thrael strich über die goldene Schulter des Pferdes und sah zu Freyja hinauf.

„Sei nicht traurig Thrael, bei unserem nächsten Ausritt darfst du uns begleiten. Versprochen.“

„Oh, das bin ich nicht." Thrael trat einen Schritt zurück.

"Llurrick will heute mit mir den Falken aussuchen den ich im Frühjahr abrichten soll. Ich muss mich sputen, erwartet sicher schon auf mich.“

Er zwinkerte sie glücklich an.

Freyja nickte. „Danke, dass du Gullfax gesattelt hast.“

Damit wendete sie das goldene Pferd, winkte ihm zum Abschied über die Schulter zu und ritt endlich davon.

Der klammernde Griff des langen Winters hatte sich endlich gelöst. Seit einigen Tagen wehte der Wind mild von Süden und hatte die beißende Kälte vertrieben. In den Senken der Weiden und am Rand des Waldes hielten sich zwar noch vereinzelte Schneenester. Standhaft weigerten sie sich, dem Frühling zu weichen. Aufhalten konnten sie ihn jedoch nicht mehr. Überall spross frisches Grün unter den braunen Grasbüscheln hervor. Unzählige Frühlingsblumen durchbrachen mit ihren bunten Köpfen die nach neuem Leben duftende fette Erde. An den kahlen Ästen der Bäume sammelte sich der aufsteigende Saft in dicken Knospen. Ernmass sei gedankt, jubilierten die Vögel und stiegen in den Himmel empor. Freyjas Blick folgte sehnsüchtig den Gefiederten. In ihren Augen fand der Himmel sein Spiegelbild. So blau, dass man sich in ihren Tiefen verlieren mochte.

Freyja spürte die aufsteigende Energie der erneuerten Welt, die sie umgab. Eine kribbelnde Unruhe, wie schäumendes Wasser, hatte ihren ganzen Körper erfasst. Keine Aufgabe hielt sie. Ihre Gedanken flogen immer wieder davon. Ihr gelang es nicht mehr, still zu sitzen, und jeder Raum schien sie zu zerdrücken. Sehr zum Verdruss ihrer Mutter und ihrer Amme. Wie viel Mühe die Beiden im Winter darauf verwandt hatten sie in alle maßgeblichen Geheimnisse der Wirtschaftsführung eines großen Gutes einzuweihen. Sie wusste, dass sie alles erlernen musste, und sie verabscheute es von ganzem Herzen. Jedoch, eines Tages würde sie auf einem ebenso großen Gut wie Bifrösting leben. Für die vielen Menschen, die dort lebten, würde sie die Verantwortung zu tragen haben. Im Stillen hoffte sie, dass ihr ein guter Verwalter zur Seite stehen würde. Aus ihr würde nie eine gute Wirtschafterin. Freyja seufzte.

Sie folgte dem Pfad, welcher sich um die Weiden schlang und am Waldrand entlangführte. Bäume und Sträucher boten ihr genügend Schutz, um unerkannt zu entwischen. Unbemerkt würde ihr das sicher nicht gelingen, da der Wachgang hoch auf der Mauerkrone entlanglief, wie der geschuppte Rücken eines schwarzen Drachen und Bifrösting gänzlich umschloss. Aber in ihrer Verkleidung eines Stallburschen würde niemand die Tochter des Jarl vermuten und Wachen aussenden, um sie zurückzuholen.

Die weiß verputzten Mauern leuchteten hell im strahlenden Sonnenlicht. Freyja warf noch einen letzten Blick zurück, bevor sie sich unter den tiefhängenden Zweigen hindurch auf den Waldpfad begab. Sie gab Gullfax die Zügel frei. Endlich konnte er seiner Natur nachgeben und verfiel in eine halsbrecherische Gangart. Von Glass gefolgt, jagten sie auf dem federnden Untergrund dahin. Freyja duckte den Kopf tief über Gullfax Schulter, damit keiner der weit hinunter reichenden Äste sie aus dem Sattel hob. Die Zügel locker in den Händen haltend, überließ sie ihm die Führung. Er kannte den Weg ganz genau. Weit hinauf in die Hügel zu ihrem Lieblingsplatz.

An den Stamm einer Buche gelehnt, rekelte sie sich in der Sonne. Neben ihr graste Gullfax genüsslich. Das gleichmäßige Rupfen und Mahlen, schläferte sie allmählich ein. Glass hatte seinen struppigen Kopf auf ihr Knie gebettet und schnarchte bereits leise vor sich hin. Freyja blinzelte träge zum Himmel hinauf. Der Sonnenstand gemahnte sie daran, dass die Zeit zum Aufbruch gekommen war. Sie durfte ihr heutiges Glück nicht überstrapazieren. So schob sie Glass vorsichtig zur Seite, erhob sich steifbeinig und dehnte ihre langen Glieder. Nachlässig schüttelte sie aus ihrer Fellweste die verräterischen Blätter des vergangenen Herbstes und wischte ohne einen Blick über die dunklen Flecken auf ihren wollenen Beinkleidern. Spuren, welche die durchweichte Erde hinterlassen hatte. Als sie ihre Hand ausstreckte, um den immer noch schlafenden Glass wachzurütteln, hielt sie verwundert mitten in der Bewegung inne.

Im breiten Tal unter ihr glitzerte das schmale Band des Skirgel. Seinem Ufer folgend schlängelte sich der Weg entlang. Als einziger Zugang zum Gut Bifrösting und dem gleichnamigen Dorf. Im Winter machten die ungeheuren Schneemassen ihn immer wieder unpassierbar, bis weit in den Frühling hinein. Und auch in diesem Jahr war er durch die Schneeschmelze so aufgeweicht, dass jeder Mann und jedes Pferd bis zu den Knien im Morast versanken. Der Versuch, ihn zu benutzen, würde in einer schlammspritzenden Katastrophe enden.

Freyjas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Auf dem Weg befanden sich eindeutig Reiter. Sie bewegten sich nicht allzu schnell. Angestrengt fixierte Freyja die Gruppe. Über die große Entfernung gelang es ihr kaum, die Reiter zu zählen. Sie kam auf etwa fünfundzwanzig bis dreißig Berittene. Keine Händler oder fahrendes Volk, denn diese waren immer mit ihren schweren Wagen unterwegs, führten Waren und ihre gesamte Habe darauf mit. Ihnen waren die Unwegsamkeiten zu dieser Jahreszeit vertraut. Sie würden sich davor hüten, ihren kostbaren Besitz in einem Schlammbad zu ruinieren. Ffreyja durchsuchte ergebnislos ihre Erinnerung, hatte ihre Mutter erwähnt, dass sich Gäste auf dem Weg zu ihnen befanden? Nein, Vorbereitungen für diese große Anzahl Berittener wären auch von ihr nicht unbemerkt geblieben, selbst wenn sie wieder einmal nur mit halbem Ohr zugehört hätte. Freyja grübelte vor sich hin und kam doch zu keiner vernünftigen Erklärung. Bifrösting musste das Ziel dieser Gruppe sein. Jedem war bekannt, dass am Ende des Weges keine weitere Siedlung lag.

Der Weg wand sich steil empor, bis er vor dem großen Tor Bifrösting endete. Auf dem äußersten Rand einer Felsnase errichtet, gab es dem Dorf zu seinen Füßen Namen und Schutz. Der düstere Myrkwider umschloss, mit seinen dicht an dicht gewachsenen Bäumen und dem fast undurchdringlichen Unterholz die Viehweiden und das besiedelte Tal. Eine natürliche Barriere, die Bifrösting von allen anderen Siedlung abschirmte. Schließlich stieg das Land an und erhob sich, in graublauer Ferne, bis zu den schneeigen Spitzen der Gram-Wälle. Eine monumentale und unüberwindliche Barriere aus Fels und Eis. Die Grenze des Sommerlandes und sichtbares Zeichen vom Ende der bewohnten Welt im Norden. Freyja nickte und war sich sicher, das Ziel der Reiter musste Bifrösting sein.

Gebannt beobachtete sie wie die schwarze Raupe aus Mensch und Ross dem schlammigen Weg folgte. Im tief stehenden Sonnenlicht blitzte an der Spitze des Zuges Metall auf. Freyja stockte vor Schreck der Atem. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden. Angestrengt zwang sie sich, gegen das Licht zu sehen, bis ihre Augen tränten. Doch es gab keinen Zweifel, die Lichtblitze kamen von den Spitzen der Waffen und Schilde, welche die Reiter mit sich führten. Freyja warf sich augenblicklich zu Boden und kroch unter die Bäume. Mit fliegenden Händen und am ganzen Leib zitternd zerrte sie an Gullfax Zügeln, die sie um den Stamm geschlungen hatte. Mit mühsam gedämpfter Stimme befahl sie Glass an ihre Seite. Sie musste zurück! Auf dem schnellsten Weg und ihren Vater warnen. Die Tiere spürten, dass nun die Torheiten vorüber waren. Sie folgten ihrer Herrin sogleich. Eilig führte Freyja sie unter dem Schutz der Bäume bis zu einer geeigneten Stelle, an welcher sie gefahrlos aufsitzen konnte. Sie musste um jeden Preis verhindern von den Reitern gesehen zu werden.

Alle die schaurigen Geschichten des letzten Winters sprangen, Nachtmahren gleich, aus ihren Verstecken. Von einem umherziehenden Skalden aus den Tönen seiner Harfen gewoben. Wie sie bissen und kratzten, bis Freyja vor Angst das Herz zum Hals hinauswollte.

Natürlich wusste sie, dass vieles davon Dichtung war. Übertreibungen und haarsträubende Details, die nur dazu dienten, ihm die Aufmerksamkeit der Zuhörer an den Feuern zu sichern. Oft brachte es dem Skalden ein warmes Lager für die Nacht oder sogar für den ganzen Winter ein. Doch die Geschichten, dass Dörfer und Siedlungen von Unbekannten heimgesucht worden waren, mehrten sich. Trotzdem hatte Freyja Bifrösting immer für einen sicheren Hort gehalten. Befestigt, und hoch oben auf seinem Felsen gelegen. Hatte sie sich davon in Sicherheit wiegen lassen? Ebenso wie alle anderen Bewohner. Nun, ihr Vater nicht. Nur sie hatte ihm nicht geglaubt. Im vergangenen Herbst hatte es für Freyja noch keine Beschränkungen gegeben. Oft streifte sie vom ersten Sonnenlicht bis in die Dämmerung hinein durch jeden Winkel der Ländereien. Die äußeren Weiden, den Fluss der am Skirnir Wasserfall einen neuen Namen bekam und zum Skirgel wurde, sogar in den Wald hatte sie sich vorgewagt, der fast undurchdringlich Bifrösting umschloss. Jedoch nur ein kleines Stück. Immer dem Pfad zu ihrem Aussichtspunkt folgend. Ihn allein zu erkunden war ein gefährliches Unterfangen. Ihr Vater wusste davon und hatte niemals ihren Freiheitsdrang unterbunden. Selbst im Winter hatte er kein Wort darüber verloren, wahrscheinlich nur, weil im Winter sowieso niemand durch die Wälder streifte, wenn er noch bei klarem Verstand war und an seinem Leben hing. Die Schneestürme waren von einer solchen Gewalt, dass man sein eigenes Haus nicht mehr fand, selbst wenn es nur eine Handbreit entfernt war.

Jedoch mit Beginn der Schneeschmelze, hatte seine Anordnung für sie eine böse Überraschung bedeutet. Seine Stimme war unnachgiebig streng, als er ihr mitteilte, dass sie nicht mehr allein ausreiten dürfe. Wie wütend war sie geworden.

„Ich bin doch kein kleines Kind mehr!“

„Das mag sein, doch im Augenblick sehe ich nichts anderes vor mir. Noch einmal, und das zum letzten Mal: Du wirst das Gut allein nicht mehr verlassen!“

Freyjas Augen sprühten Funken. „Ich bin immer allein gegangen, ich werde es auch weiterhin tun.“

„Du bleibst.“, knurrte Idoc und wandte sich um.

„Wofür haltet Ihr mich, Vater? Ich bin keine von Euren Stuten, die Ihr nach Belieben einsperren könnt.“

Freyja ergriff den Ärmel seines Gewandes. Idoc entwand seinen Arm aus Freyjas festem Griff. Sein gebräuntes Gesicht war bleich vom unterdrückten Zorn. Fast schien es ihr, als wollte er die Hand gegen sie erheben.

„Zu deinem Schutz ist diese Anordnung. Nicht zu meinem Vergnügen, oder als Übungseinheit für meine Männer. Doch nun genug. Wenn du dich weiterhin gegen meine ausdrücklichen Anweisungen stellst, bedeutet es für dich, dass du bis zu deiner Vermählung das Gut nicht mehr verlässt! Hast du mich verstanden? Und jetzt geh zu deiner Mutter in die Küche und widme dich einer sinnvollen Beschäftigung!“

Zornig wies er mit weit ausgestrecktem Arm zum Küchentrakt hinüber. Inzwischen waren einige der Knechte und Mägde auf den immer lauter werdenden Disput zwischen Vater und Tochter aufmerksam geworden. Neugierig verfolgten sie aus sicherer Entfernung, wer wohl als Sieger daraus hervorgehen würde.

Freyja stemmte die Arme in die Seiten und schrie ihrem Vater mit hochrotem Kopf entgegen. "Ich bin nicht Eure Dienstmagd! Außerdem brauche ich keinen von Euren Männern als Amme. Ich habe bereits eine. Außerdem kann ich sehr gut selbst auf mich Acht geben und jetzt gehe ich in den Stall und sattele Gullfax. Wenn Ihr mich entschuldigen wollt.“

Sie schwang auf dem Absatz herum und wollte in Richtung der Ställe davon stürmen, jedoch ihr Vater war schneller. Er ergriff ihren Arm und zerrte sie grob an seine Seite, so dass Freyja seine heftig pulsierende Ader genau im Blick hatte. An die immer größer werdende Menge von Beobachtern dieser unwürdigen Szene gerichtet, brüllte er über den ganzen Hof.

„Hier gibt es nichts zu begaffen. Seht zu das ihr an eure Arbeit kommt. Erwische ich auch nur einen von euch beim Müßiggang, so jage ich ihn vom Gut!“

Niemand hatte Idoc, den Jarl von Bifrösting, jemals so zornig gesehen, und alle Anwesenden verfielen augenblicklich in hektische Betriebsamkeit. Idoc verfolgte mit finsterer Miene, wie sich der Hof leerte. Erst als niemand mehr anwesend war, der ihren Streit hätte weiterverfolgen können, zog Idoc seine Tochter zu sich heran, sodass sich ihre Nasen fast berührten. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Freyja wirklich Angst vor diesem Mann, dem Herrn von Bifrösting, der ihr Vater war. Er hielt sie noch immer sehr grob um den Oberarm gefasst. In seiner zu einem Flüstern gesenkten Stimme schwangen all seine unterdrückte Wut und Überlegenheit mit.

„Du wagst es, Tochter? Hast du vergessen, wem du gegenüberstehst. Mäßige deine Stimme und wähle deine Worte wohl, wenn du ein Anliegen vortragen möchtest. Jedoch in dieser Angelegenheit ist nichts mehr zu sagen. Du wirst mir gehorchen, sonst sperre ich dich persönlich in den Turm!“ Abrupt ließ Idoc ihren Arm los. Freyja stolperte zurück. Nur mit Mühe gelang es ihr, das Gleichgewicht zu halten. Zitternd rieb sie sich den schmerzenden Oberarm. Tränen sammelten sich in ihren Augen und ließen nur noch einen verschwommenen Blick auf ihren Vater zu, der sich abgewandt hatte und nun ohne ein weiteres Wort den Hof überquerte.

Freyja wurde das Herz schwer bei dem Gedanken an den darauffolgenden Monat. Noch nie zuvor hatte sich ihr Vater so sonderbar verhalten. Nach diesem Vorfall auf dem Hof hatte er mehr als sechs Tage nicht mit ihr gesprochen. Nicht einmal die Möglichkeit sich für ihre, zugegebenermaßen sehr ungebührlichen, Worte zu entschuldigen, hatte er ihr gegeben. Er wirkte in sich gekehrt, geradezu verschlossen und nicht einmal ihre Mutter Frywenn hatte eine Erklärung dafür. Oft sah man ihn allein auf den Turm steigen, dort stand er dann fast den ganzen Tag und starrte mit finsterer Miene nach Norden. Ob eine Vorahnung ihn nicht hatte zur Ruhe kommen lassen? Beschämt von diesen Gedanken hatte Freyja nur noch den einen Wunsch, ihren Fehler, um jeden Preis wieder gut zu machen. So jagte sie dahin bis Gullfax keuchte und Freyja die Augen tränten. Jede ihrer Muskelfasern schmerzte, und dennoch trieb sie den Hengst unbarmherzig vorwärts.

Ihre Angst und die ungewohnte körperliche Anstrengung nach dem langen Winter, trieben ihr den Schweiß aus allen Poren. Schreckensbilder von brennenden Gehöften und gemeuchelten Bewohnern schossen ihr wie Feuerpfeile durch den Sinn, während sie mit Gullfax und Glass am Waldrand entlang flog. Endlich kamen die äußeren Weiden in Sichtweite. Sie überquerte die freie Fläche und erst, als sie die Falknerei erreicht hatte, zügelte sie Gullfax. Mit einem Klaps auf die Kruppe entließ sie ihn. Er würde sich selbst, in Sicherheit zu bringen wissen.

„Glass!“ Aufmerksam spitzte der Rüde die Ohren.

„Du bleibst hier!“ Freyja deutete auf die Weide. Glass ließ sich nieder und bedachte seine Herrin mit einem verständnislosen Blick. Diese hatte sich bereits abgewandt und lief um die großen Volieren. Wenn er keinen Ärger bekommen wollte, ergab er sich besser in sein Schicksal und wartete hier auf ihre Rückkehr, oder zumindest eine angemessene Zeit, die es ihm ermöglichte ungestraft zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zurückzukehren. Er ließ seine Schnauze mit einem tiefen Seufzer auf die Pfoten sinken.

Freyja rannte so schnell es der unebene Untergrund zuließ an der äußeren Schutzmauer entlang. Dichte Sträucher zerkratzten ihr die Hände. Der Schweiß brannte ihr in den Augen. Ärgerlich wischte sie ihn mit dem Handrücken fort und presste die andere auf ihre stechende linke Seite. Weiter, sie musste weiter. Tief einatmend zwang sie sich dazu, sich dem Schmerz entgegen aufzurichten. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu der kleinen Pforte. Versteckt hinter dichten Weißdornsträuchern und so niedrig, dass ausgewachsene Menschen sie nur gebückt passieren konnten. Freyja ließ sich auf Hände und Knie nieder. Eilig kroch sie unter dem nahezu undurchdringlichen Bewuchs aus dornigen Zweigen zur Pforte. Ihre Kappe hatte sie längst verloren. Die verschlungenen Zweige, mit ihren gemeinen Dornenfingern zerrten an allem, dessen sie habhaft werden konnten, nur um sie am Vorwärtskommen zu hindern.

Ein einzelner Mann war hier in der Lage das ganze Gut vor anstürmenden Angreifern zu verteidigen. Zum ersten Mal bekam Freyja eine Vorstellung davon, wie umsichtig ihre Vorväter ihr zu Hause entworfen hatten. Und sollten herannahende Krieger das Haupttor überwinden, so konnten die Bewohner Bifröstings von hier aus ungesehen in die Wälder fliehen. Nah an der Klippe gelegen war die Pforte von der Vorderseite des Gutes nicht zu sehen.

Heftig schnaufend erreichte sie die Tür. Seit dem Streit mit ihrem Vater trug sie den Schlüssel immer bei sich. Jetzt zerrte sie das Lederband, an dem er hing, unter ihrem Hemd hervor. Ihre Hände zitterten so sehr, dass es ihr erst nach einigen Fehlversuchen gelang, ihn in das Schloss zu zwingen. Die Pforte widersetzte sich immer noch, Freyja hindurchzulassen. Wie sehr sie sich auch dagegen stemmte, das Holz gab nicht nach. Für den Bruchteil eines Herzschlages fielen Zweifel über sie her wie eine Horde von Eisgnomen, sollte sie vergessen haben den Riegel auf der gegenüberliegenden Seite zu entfernen? Nein, nein sie hatte es mit Thrael gemeinsam getan. Die Pforte war nur sehr lange nicht mehr benutzt worden und hatte sich verzogen. Noch einmal warf sie sich mit der Gewalt grenzenloser Verzweiflung gegen das widerspenstige Holz. Stöhnend gab es dem Ansturm dieser rohen Kraft nach und einen winzigen Spalt frei. Freyja bearbeitete ihn so lange, bis es ihr schließlich gelang, sich durch die kleine Öffnung zu zwängen. Dann schob sie ihn wieder zu und den Riegel vor. Zwischen den schützenden Bäumen im Garten richtete sie sich auf.

2. Vertreibung des Winters

Kreuz und quer durch den Garten waren Leinen gezogen worden, auf denen die Wäsche in der Frühlingssonne trocknete. Fiona stellte ihren Korb ab und reckte ihr Gesicht blinzelnd den wärmenden Strahlen entgegen. Der sanfte Wind zupfte einzelne Strähnen ihres honigblonden Haares aus dem langen Zopf und wehte sie ihr ins Gesicht. Seufzend strich sie sie hinter ihr Ohr. Wie wunderbar alles rings umher duftete. Ganz frisch und voller Leben. Nicht mehr nach Winter und Schnee. Schnee hatte einen ganz besonderen Geruch. Er kündete von Stille und ewigem Schlaf. Jetzt roch man den Frühling. Am liebsten hätte sie ihn in jedem Raum des Gutes verteilt. Rasch hängte sie die feuchte Wäsche auf die Leine und schob diese anschließend mit der Holzgabel hoch in die sanfte Brise. Das war schwer und eigentlich sollte sie das auch noch nicht allein tun. Aber sie betrachtete stolz ihr Werk, da es ihr dennoch gelungen war, ohne dass die Arbeit von einem Morgen im feuchten Gras zwischen den Obstbäumen lag. Sie klemmte sich den leeren Korb unter den Arm, als ein Rascheln hinter ihr ertönte. Sollten sich die Hunde wieder einmal Zutritt verschafft haben? Die Bande ließ keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, nah an die Küche heranzukommen, um dort einen leckeren Happen zu erbetteln. Als Fiona sich abrupt umwandte, bereit die Übeltäter zu stellen, sah sie jedoch lediglich das verschwitzte Gesicht ihrer Schwester hinter einem der Bäume auftauchen und auch sofort wieder verschwinden. „Was hat das jetzt wieder zu bedeuten? Freyja warum versteckst du dich?“

„Scht, sei still und komm hierher zu mir.“

Freyjas drängendes Flüstern war Antwort genug für Fiona. Ihre Schwester steckte wieder einmal bis zu den Ohren in Schwierigkeiten. Warum war sie nur immer derart eigensinnig. Sicherlich sollte sie Freyja nun helfen die ganze Angelegenheit zu vertuschen. Fiona verdrehte die Augen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete, durchquerte sie den Küchengarten. Als sie fast bei Freyja angelangt war und schon Luft holte, um sie mit Vorwürfen zu überhäufen, zerrte ihre Schwester sie grob zu sich heran und verschloss ihr den protestierenden Mund mit der schmutzigen zerkratzten Hand. Erst als Freyja sicher war das ihre Schwester still sein würde, nahm sie die Hand wieder fort.

„Was ist geschehen? Wenn Mutter dich in dieser Gewandung sieht. Du warst draußen, mit Gullfax. Bist du heruntergefallen? Hat Vater dich gesehen? Diesmal sperrt er dich ganz sicher ein. Wie konntest du nur? Er fing gerade wieder an, mit dir zu sprechen. Wo hast du dein Kleid versteckt?“

Fionas Redeschwall endete erst, als sie fast keine Luft mehr bekam.

„Bitte, sei still. Hör mir zu. Wir haben jetzt keine Zeit.“ Fuhr Freyja dazwischen, bevor ihre Schwester weitere Fragen stellen konnte.

„Nein, ich bin nicht vom Pferd gestürzt. Ja, ja es geht mir gut. Wir müssen zu Vater. Jetzt! Schnell.“

Fiona sah ihre Schwester verständnislos an.

„Doch nicht so? Er wird dir den Kopf abreißen.“

„Es geht aber nicht anders. Uns bleibt nur noch wenig Zeit.“

„Würdest du mir nun endlich sagen, was geschehen ist? Haben sich die Felsenbären zusammengerottet, um unsere Honigvorräte zu plündern?“ Fiona kicherte.

„Nein und jetzt lass diesen Unsinn. Ich muss zu Vater ...“

„Ganz gleich, was du ihm sagen willst, wenn er sieht, dass du dich wieder einmal gegen seinen Willen hinausgeschlichen hast, dann hört er dich gar nicht an.“

„Deshalb wirst du dich jetzt in die Vorratskammer neben der Küche schleichen und mir mein Kleid holen. Es liegt in dem alten Fass, ganz hinten unter den Schinken. Und beeile dich. Und lass dich von niemandem aufhalten. Rasch!"

Bevor Fiona noch eine Frage stellen konnte, hatte ihre Schwester sie wieder aus dem Schutz der Bäume in Richtung der flatternden Wäsche geschoben. Fiona stolperte die ersten Schritte, bis sie sich wieder fing und leise vor sich hin schimpfend zur Küchentür hinüberlief. In der großen Küche herrschte geschäftiges Treiben. Melusine stand am Feuer und schwang einen Rührlöffel, der beinahe so groß wie Fiona war. Dem dampfenden Kessel entstieg ein herrlicher Duft. Melusines Miene hingegen war so finster wie der Kaminabzug. Immer wieder schüttelte sie den Kopf. Murmelnd beschwor sie die Anwesenheit von allen ihr bekannten Göttern.

Die Küchenmägde wirbelten eilig kreuz und quer durch den großen Raum. Jede von ihnen bemühte sich, den Befehlen der Hüterin der Kessel und Pfannen augenblicklich nachzukommen. Nicht eine wagte, den Blick von ihrer Aufgabe abzuwenden, dazu jederzeit über ihnen der enorme Kochlöffel kreiste.

Melusine duldete in ihrem Reich keine Form von Nachlässigkeit und Schlamperei. Fiona blickte zu Thyra hinüber, die am Spülstein stand und oft die Ursache zu einem solchen Ausbruch lieferte. Sie rieb sich die flammende Wange. Fiona hätte ihr gern Trost zugesprochen, denn ganz gleich was geschah sie tat es nicht mit Absicht. Sie war oft zerstreut und ungeschickt, und brachte damit Melusines temperamentvolles Blut zum Überkochen.

Fiona unterdrückte ein Seufzen und wandte sich um. Die ebenerdige Tür zur Vorratskammer war nur wenig mehr als zwei Schritte entfernt. Fiona klemmte sich den leeren Wäschekorb unter den Arm und bewegte sich das kurze Stück zur Tür hinüber ohne einen Laut. Sie beneidete die Steinlinge, denen es gelang, sich durch dicke Felswände zu schieben, um von den Vorräten der Bewohner zu stehlen. Eine solche Gabe hätte ihr ihre Aufgabe um vieles erleichtert, nun blieb ihr nur der Weg durch die angelehnte Tür. Ganz still wie ein Geist schlüpfte sie hinein in die Vorratskammer. Auf dem Absatz, bevor die wenigen Stufen hinab führten, zögerte Fiona kurz. Der gewölbeartige Raum reichte einige Ellen tief in die Erde hinab. Die Wände aus grauen Bruchsteinen strahlten eine durchdringende Kälte aus. Ein schmales Fenster unterhalb der Decke spendete nur wenig Licht. Ihr schauderte immer ein wenig, wenn sie dieses Gewölbe betreten musste. Huschten dort zwischen den Fässern und an den Säcken nicht kleine Schatten. Drang aus den Körben mit Pilzen ein leises Rascheln? Sie schüttelte den Kopf. Noch nie hatte sie eines der kleinen Wesen zu Gesicht bekommen, die hier ihr diebisches Unwesen treiben sollten. Trotzdem blieb das beklemmende Gefühl in ihrem Nacken. Abrupt wandte sie sich um. War dort nicht ein verdächtiges Glühen zweier grüner Lichtpunkte in der Obststeige? Unsinn. Sie wollte fest daran glauben, dass niemand außer ihr anwesend war. Fiona holte tief Luft und war mit wenigen Schritten die Stufen hinunter. Vorüber an Fässern mit Äpfeln, Säcke mit Mehl und Nüssen. An der gegenüberliegenden Seite befand sich das, von Freyja angegebene, Versteck. Mit einem Ruck riss sie den Deckel vom Fass. Statt des erwarteten pelzigen Schreckens kam eine Lage schmutziger Lumpen zum Vorschein. Fiona ergriff sie mit spitzen Fingern und ließ sie achtlos zur Seite fallen. Die Gewänder ihrer Schwester lagen zu einem unordentlichen Knäuel verdreht am Boden des Fasses. Unsanft zerrte sie sie heraus und warf sie in den Wäschekorb. Viel zu verderben gab es hier nicht mehr. Freyja würde in ihnen aussehen, als hätte sie mehrere Nächte darin geschlafen. Die zuvor so achtlos beiseite geworfenen Lumpen breitet Fiona zur Tarnung über das Knäuel.

Mit wenigen Schritten sprang sie die Stufen hinauf. Erleichtert hielt sie an der Tür inne. Noch immer waren alle Anwesenden in ihre Arbeit vertieft. Niemand hob den Kopf und Melusine brummelte verärgert vor sich hin. Fiona freute sich über die Gunst, die ihr gewährt wurde und schlüpfte hinaus. Gerade als sie versuchte, sich den Korb unter einen Arm zu klemmen, um mit der anderen Hand die Tür zum Garten aufzustoßen, ertönte laut die Stimme der Köchin hinter ihr.

„Nun sagt mal mein Mädchen, was treibt Ihr da?“ Fiona erstarrte und blickte über die Schulter zu Melusine hinüber. Diese stand immer noch am lodernden Feuer, hatte aber die Fäuste in die wohl gerundeten Hüften gestemmt und schüttelte voller Unverständnis den Kopf. Fiona presste den Korb nun wieder mit beiden Händen fest an sich.

„Ich sollte die restliche Wäsche einsammeln.“

„Sieht ganz danach aus. Jedoch wolltet Ihr sie wohl kaum auf meinem Fußboden verteilen, nicht wahr? Linnéa, hilf Fiona. Und gib ihr noch die Tücher mit denen Thyra ihr Missgeschick beseitigt hat, die müssen auch dringend gewaschen werden!“

Melusines kritischer Blick ruhte auf Fiona. Jetzt durfte sie sich keinen Fehler erlauben. Im Stillen hoffte sie das ihr Gesicht so aussah wie immer und keine verräterische Röte über ihre Wangen flammte.

Linnéa häufte ein feuchtes übelriechendes Bündel oben auf den Korb. Lächelnd öffnete sie Fiona die Tür.

„Fiona“, rief Melusine erneut, „richtet den Frauen im Waschhaus aus, dass sie sich hier in der Küche einfinden sollen, wenn sie mit der Wäsche fertig sind. Eine wohlverdiente Stärkung erwartet sie hier.“ Ein kleines Lächeln teilte das gerötete Apfelgesicht der Köchin und Fiona nickte ihr zu.

„Ja, ich werde es ausrichten.“

Dazu setzte sie ihr liebstes Lächeln auf und schlüpfte an Linnéa vorbei in den Garten hinaus. Nur fort von hier und nicht noch einmal umdrehen. Sie streckte den Rücken durch. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, presste sie den Korb fest an sich. Wenn sie jetzt stolperte und den Korb fallen ließ, war alles umsonst. Mit gespitzten Ohren lauschte sie, denn aus der Küche ertönte bereits wieder die lautstark kommandierende Stimme der Köchin. Erleichtert stieß Fiona den angehaltenen Atem aus, als hinter ihr die Tür mit einem Knall zuflog und den Redeschwall dämpfte.

„Wo warst du nur so lange? Rasch gib mir mein Untergewand.“ Freyja schlang sich zitternd die Arme um den Leib. Fiona stellte den Korb neben dem Apfelbaum nieder und wühlte darin herum, bis sie endlich das gewünschte Kleidungsstück daraus hervorbrachte.

„Da, bitte schön. Ich konnte nicht schneller. Schließlich soll doch niemand etwas von deinem Versteck wissen, oder? Aber nun sag mir endlich, was geschehen ist.“

„Da waren viele Reiter. Ich glaube sie sind auf dem Weg zu uns. Es waren fast dreißig an der Zahl.“

„So viele? Konntest du erkennen, wer uns besucht?“

„Nein, Banner führten sie nicht mit. Wappen konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen. Aber sie sind nicht mehr weit vom Dorf entfernt, obwohl der schlammige Weg ihr Vorwärtskommen erschwert. Und sie tragen Waffen bei sich. Vater erwähnte nicht, dass wir Gäste erwarten. Ich kann es nicht erklären. Gäste sind doch nicht so schwer gerüstet. Ach, ich habe immer wieder an die Geschichten denken müssen, die Gael uns vortrug.“

Freyja fuhr mit den Armen in das Obergewand, welches Fiona ihr bereithielt. Auf dem Weg zur Küche zog sie den dicken Wollstoff zurecht, bis er züchtig um ihre Knöchel schwang. Wenn man von den Schmutzspuren im Gesicht und den zerkratzten Händen absah, so sah ihre große Schwester beinah präsentabel aus. Fiona reichte ihr den breiten bestickten Gürtel.

„Glaubst du wirklich die Männer, die du gesehen hast, gehören zu jenen Mordbrennern?“

„Fiona ich weiß es nicht, darüber kann nur Vater urteilen. Er muss sie selbst sehen, bevor sie hier sind. Du bleibst hier bei der Pforte, bis ich dich holen komme. Ganz gleich was geschieht, bleibe bei der Pforte.“

„Ja.“ Fiona sah ihrer Schwester nach. Freyja verschwand rasch durch die Küchentür. Kein verschwörerisches Lächeln brachte dabei ihre Augen zum Funkeln. Fionas Bauch füllte sich mit einem üblen Kloß.

Was mochten das nur für Reiter sein, die sich auf dem Weg hierher befanden. Die Geschichten von Gael waren so farbenprächtig gewesen. Vor dem lodernden Kamin hatten sie ihr ein wohliges Schaudern beschert. Ihre Mutter hatte ihm schließlich angedroht, dass er, sollte er noch eine weitere Geschichte dieser Art vortragen, für sich eine andere Unterkunft würde finden müssen. Der junge Skalde war, ein wenig in seiner Ehre gekränkt, schon am nächsten Tag aufgebrochen. Da seine Kunst in dieser Halle keine entsprechende Würdigung erfuhr, wie er verkündete. Sein Abschied wurde von dem Vorwurf begleitet, dass er lediglich die Tatsachen und Augenzeugenberichte wiedergab, welche ihm auf seinen Wanderungen zu Gehör gebracht wurden. So schwang er sich seinen Umhang über die Schulter, klemmte sich seine Harfe unter den Arm und durchschritt hocherhobenen Hauptes das Tor. Fiona bedauerte sein Weggehen sehr. Die Winter erschienen ihr fast endlos lang. Einen Skalden im Haus zu haben, verkürzte die Zeit bis zum Frühling ungemein.

Fiona sammelte die verstreuten Lumpen ein und legte sie zurück in den Korb. Ihre Hände wurden von Stück zu Stück immer langsamer und hielten schließlich ganz inne. Wieso sollte sie sich diese sonderbaren Reiter nicht ansehen? Wenn es sich tatsächlich um einen Überfall handelte, so konnte sie immer noch an die Pforte zurückkehren. Vielleicht gelang es ihr, ein Banner zu erkennen, wenn die Gruppe nicht mehr allzu weit entfernt war. Entschlossen warf sie den letzten der Lumpen zu seinen Geschwistern, raffte ihre Röcke und lief quer durch den Garten zur Küche hinüber. Unter den Fenstern duckte sie sich hindurch und schlich dicht an der Wand entlang, bis sie den Durchgang in der Mauer erreichte der zu den Stallungen führte. Dahinter lag die Rückseite des lang gestreckten Gebäudes, ohne dass nicht ein Tier den Winter überstehen könnte. Direkt über den Tieren wurden die Heuvorräte gelagert. Die Luke zum Heuboden stand offen und die Leiter lehnte daran.

Dort befand sich ihr Lieblingsplatz auf Bifrösting. Hierher zog sie sich immer zurück, wenn sie einmal genug hatte von der allgegenwärtigen Betriebsamkeit. Hier verwahrte sie ihre Schätze. Bunte Federn und schimmernde Steine, die Freyja ihr von den Ausritten mitbrachte. Wunderbar duftende Blumen und Kräuter, die hier trockneten. Und von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht weit über das Sommerland.

Flink wie die Pelzlinge, die sich manchmal zum Winterschlaf hier oben einnisteten, kletterte Fiona die hölzernen Sprossen empor und verschwand durch die offene Luke. Auf dem Heuboden schlug sie nun wieder die entgegengesetzte Richtung ein und arbeitete sich durch die Heuhaufen bis zu einer Bretterwand vor. Als sie das duftende Heu zur Seite schob, kam eine halb hohe Tür zum Vorschein. Eine jener vergessenen Türen hinter denen immer etwas ganz besonders Geheimnisvolles zu erwarten war. Diese Neugier hatte Fiona bei einem ihrer Erkundungsgänge nicht ruhen lassen, bis sie endlich den Riegel zurückgezogen bekam. Er war alt und wenig benutzt. Wie er sich gesträubt hatte, das Geheimnis, hinter der Tür, die er hielt, preiszugeben. Thrael hatte ihr ein paar Unzen von dem Waffenöl besorgt, die sein Ziehvater Llurrick immer zur Pflege seines Schwertes verwendete. Da hatte der verstockte Riegel endlich nachgegeben. Jetzt ließ er sich ganz leicht beiseiteziehen. Fiona schlüpfte durch den niedrigen Durchlass. Ein wunderbarer Duft umfing sie. Viel intensiver als von dem Heu durch das sie sich gearbeitet hatte. Hier überwinterte der Sommer und Fiona hütete diesen als ihren kostbarsten Schatz.

3. Der silberne Wolf

Die Küche war verlassen. Niemand putzte Gemüse oder schwenkte die Pfannen. Verwundert sah Freyja sich um. Wo waren nur alle? Über dem offenen Feuer hing, ein dampfender Kessel und der Geruch, den er dabei verbreitete, verhieß durchaus nichts Gutes. Ffreyja umrundete den ellenlangen Holztisch, ergriff den Schürhaken und schwang den schweren Kessel an seinem eisernen Haken aus den lodernden Flammen. Sein Inhalt war bereits zu einer braunschwarzen Masse verdampft. Etwas Derartiges sah Melusine gar nicht ähnlich. War sie doch so stolz auf ihre weithin gerühmten Kochkünste. Freyja ließ ihren Blick misstrauisch durch den Raum schweifen. Abwesend drehte sie den verrußten Haken in den Händen und legte ihn schließlich auf dem schweren Holztisch ab. Das Klappern von beschlagenen Hufen drang durch die verschlossene Tür. Im Innenhof halte eine zunehmende Anzahl lauter Stimmen wieder. Geschirre klirrten und Pferde schnaubten, in so großer Zahl, dass Freyja das Herz bis zum Hals schlug. Der Hof war sicherlich angefüllt von Pferden und Menschen. Sie war zu spät gekommen. Die Reiter hatten sich bereits Zutritt verschafft. Jede Warnung kam jetzt vergeblich.

Sie bewegte sich auf die Tür zu. Trotz der Angst, die wie zäher Brei jede Bewegung ihrer Glieder lähmte. Die äußeren Ränder ihres Blickfelds schmolzen ineinander. Wie ein Träumender, von unsichtbaren Bändern gezogen, streckte Freyja ihre Hand nach dem Riegel aus. Obwohl die Stimme in ihrem Inneren laut protestierte. Geh weg! Lauf fort so schnell du kannst! Gelang es ihr nicht. Sie konnte diesem Rat nicht folgen. Den Untergang klar vor Augen erreichte sie den Riegel, schob ihn mit zittrigen Fingern beiseite und zog die Tür einen Spalt weit auf.

Zuerst vernahm sie nichts als das pulsierende Rauschen ihres eigenen Blutes. Darüber erhob sich die vertraute Stimme ihres Vaters. Freundlich und einladend klang sie. Freyja hatte Geschrei und Kampfgetümmel erwartet, Waffen die aneinanderschlugen und Feuer das sich hungrig durch die Holzkonstruktion der Gebäude fraß.

Stattdessen waren nur die höflichen Begrüßungsworte ihres Vaters zu hören. Eine ihr unbekannte Stimme antwortete mit der gleichen ausgesuchten Höflichkeit. Was ging dort vor?

Die Verwunderung trieb ihr die Starre aus dem Leib. Freyja öffnete die Tür. Der Innenhof war angefüllt mit schlammbedeckten Reitern, die sich anschickten abzusitzen. Ihr Vater Idoc geleitete den stattlichsten der Männer zur großen Halle, gefolgt von ihrer Mutter Frywenn. Alle Knechte und Mägde, sowie Stallburschen, waren in einer tiefen Verbeugung versunken, als der beeindruckende Mann an ihnen vorüber schritt.

Ein Stoß in die Magengrube warf Freyja rücklings gegen das Türblatt. Sie konnte den Schwung nicht abfangen, stolperte rückwärts in die Küche und landete unsanft auf ihrem Hinterteil. Mit einer Hand stieß sie den, bis oben hin gefüllten Korb mit Äpfeln zur Seite. Der verteilte im Umfallen seinen rotbackigen Inhalt kullernd und hopsend um Freyja. Ein Schnaufen der Entrüstung presste sich aus ihren Lungen. Tränen sammelten sich in ihren Augen, so heftig war jeder der beiden Stöße gewesen. Was war das? Als sie wieder Luft bekam, wischte sie sich die Tränen fort, um dem Übeltäter auf die Spur zu kommen. In der hintersten Ecke der Küche, unter einem der langen Anrichtetische, hockte Thrael. Die Knie angezogen verbarg er seine Nasenspitze dahinter und versuchte sich unsichtbar zu machen.

Bevor Freyja sich bei ihm nach dem Grund für sein sonderbares Verhalten erkundigen konnte, stürmten, angeführt von Melusine, alle Küchenmägde und Gehilfen in den Raum zurück.

„Was treibt Ihr dort auf dem Boden, Freyja?“ Melusine rauschte auf die Verdutzte zu, wie eine aufgeplusterte Gans. Gackernd streckte sie Freyja die fleischige Hand entgegen und beförderte sie mit einem energischen Schwung zurück auf die Füße.

„Für einen solchen Unfug haben wir jetzt wahrlich keine Zeit. Sammelt die Äpfel wieder ein, bevor noch jemand darüber stürzt. Wir brauchen nun jede Hand. Und dann geht und sucht nach Eurer Schwester. Ihr werdet von Eurer Mutter gebraucht! Ein ganzer Haufen außerordentlich bedeutender Gäste ist angekommen und das wiederum bedeutet sehr viel Arbeit. Also los, alle an ihre Plätze!“ Damit war sie auch schon weiter geeilt und scheuchte ihre Untergebenen wild mit den Armen wedelnd durch die Küche. Gleich dem Feldherrn, dem eine große Schlacht bevorsteht, entwickelte sie in Windeseile eine beeindruckende Strategie. Jeder Magd und jeder Küchenhilfe wurden entsprechende Aufgaben zugeteilt. Mit ihren Adleraugen, denen fast nichts entging, überwachte sie deren Ausführung bis in die letzte Einzelheit. Sie kostete vom Teig, zog Thyra an den Ohren, wenn sie den Spieß, auf dem der Braten steckte, nicht gleichmäßig über dem Feuer drehte und orderte Met- und Bierfässer herbeizuholen, zur Erfrischung der Gäste.

Freyja sammelte also hurtig die Äpfel auf. Ihr letzter Blick galt Thrael. Noch immer zitternd und verstört hockte dieser unter dem Tisch. Sie musste unwillkürlich an den Tag denken, als er vor dem großen Tor gefunden wurde. Schmutzig, in zerrissenen Gewändern und mit zerrissenem Blick. Das lag um wenig mehr als zwei Sonnenwenden zurück und sie hatte ihn seitdem nie mehr in einem solchen Gemütszustand gesehen.

„Thrael?“ Als flüsternder Hauch glitt sein Name von ihren Lippen, mehr nicht. Und dennoch zuckte er zusammen, als hätte sie ihn heftig geschlagen. Für den Bruchteil eines Lidschlags schien er sie zu erkennen, presste aber die Lippen zusammen und schüttelte unmerklich den Kopf. Ihn jetzt vor allen anderen in der Küche bloßzustellen, indem sie ihn gegen seinen Willen aus seinem Versteck zerrte, kam einem Verrat an ihrer Freundschaft gleich. So ließ sie ihn schweren Herzens zurück. Gemeinsam mit Fiona würde es ihr sicher gelingen Thrael zu einem späteren Zeitpunkt unbemerkt, aus der Küche zu bringen.

Im Garten fand Freyja nur den einsamen Wäschekorb. Von ihrer Schwester fehlte jede Spur. Wo konnte sie nur stecken? Freyja umrundete die Bäume, nichts. Wieso kann sie nie auf mich hören? Da sich Thrael in der Küche befand, schied er für dieses Mal als Anstifter zum Ungehorsam aus. Freyja stapfte bereits zurück, als ihr Blick auf die nur angelehnte Pforte im Durchgang zu den Stallungen fiel. Das war eine Möglichkeit. Ihre Schwester war ganz vernarrt in die neugeborenen Lämmer, vielleicht hatte sie nach einem ihrer Lieblinge sehen wollen. Freyja fand zwar ein paar wollige Neuankömmlinge, aber Fiona nicht.

„Beim Bart von Cranus, wo steckt dieses kleine Weib? Fiona!“ Die Schäfchen sprangen verschreckt zur Seite und stießen ein verängstigtes Blöken aus.

„Fiona? Fi, wo bist du?“

„Warum schreist du hier so herum? Du machst meinen Tieren Angst.“ Ihr Kopf erschien in der Heuluke. Verängstigt sah sie aus. Einige Halme hatten sich zwischen ihre halbgelösten Haare gemischt. Eine Heuschlacht wäre bei diesem Anblick die einzig logische Erklärung, wenn da nicht die Tatsache bestände, dass Ihr Lieblingsgegner, zurzeit außer Gefecht gesetzt war.

„Komm herunter, wir sollen in der Küche helfen.“

„Und die Männer? Sind sie nun doch keine Räuber? Ich sah sie in den Hof reiten. Sie sehen so finster aus. Was hat Vater dazu gesagt?“

„Komm erst einmal herunter, dann muss ich nicht so schreien.“ Freyja hielt ihrer Schwester die Leiter. Flink wie ein Baumling kletterte Fiona daran herunter.

„So, warum bist du dort hinaufgestiegen?“

„Ich wollte sie sehen.“ Gab Fiona recht kleinlaut zurück.

„Wenn die Männer uns tatsächlich überfallen hätten, so wäre der Boden für dich zu einer Falle geworden. Warum hörst du nie auf mich.“

Sie sah Fiona mit dem gestrengen Blick der großen Schwester an, bis diese sich schließlich unwohl darunter wand wie ein Regenwurm in der Mittagssonne.

„Ich dachte dort finden sie mich nicht. Ich hatte so fürchterliche Angst, als ich sie durch unser Tor reiten sah.“

„Das brauchst du nun nicht mehr. Vater hat diese Waffenträger begrüßt. Sie sind nun unzweifelhaft unsere Gäste. Der Kommandant scheint für unseren Vater kein Unbekannter zu sein. Und Mutter hat sogar einen tiefen Knicks vor ihm gemacht.“

„Hast du auf ihren Bannern ein Wappen erkennen können?“ „Nein, sie führten keine mit sich und die Umhänge und Schilde waren so mit Schlamm bespritzt, dass auch darauf nichts zu erkennen war.“

„Vielleicht taten sie es mit Absicht, Schlamm auf die Wappen streichen. Damit sie niemand erkennen kann, meine ich.“ Gab Fyona zu Bedenken. Daran hatte Freyja noch gar nicht gedacht. Der Skalde Gael hatte jedoch davon berichtet. Nie war ein Wappen zu erkennen gewesen. Immer blieben die Krieger unerkannt. Nachdenklich legte sie den Finger an die Lippe.

„Ich weiß nicht, vielleicht haben wir uns so sehr von den schaurigen Geschichten schrecken lassen, dass wir nun überall Verrat vermuten. Vater schien sie durchaus zu kennen. Aber eines ist gewisslich seltsam, als Gast erscheine ich nicht in voller Rüstung, oder?“

„Also habe ich mich nicht getäuscht. Sie trugen Schwerter und Schilde.“

„Ja, und auch Lanzen. Dafür keine Banner und sie sahen alle sehr finster aus. Ihr Kommandant ist größer als unser Vater und trägt einen Umhang aus Wolfsfell.“

Als Freyja sah, wie ihre Schwester erschauerte, rieb sie ihr beruhigend über den Rücken.

„Ich wollte dir nicht noch mehr Angst machen. Mutter hatte sicher recht, als sie Gael fortschickte, denn hätte er uns den ganzen Winter über mit seinen Schauergeschichten gefüttert, so würden wir nun vor unseren eigenen Schatten erschrecken. Es ist alles gut. Jetzt lass uns in die Küche gehen, sonst sind die Schatten der schwarzen Reiter eine unserer geringsten Unannehmlichkeiten.“

Sie versuchte mit einem Zauberlächeln die dunkel drückende Angst zu vertreiben. Fiona nickte ihr zu. Bei ihr schien der Zauber zu wirken. Die Schatten über ihr verschwanden. Fionas Blick hellte sich auf. Aber Freyja spürte noch immer, wie die kalten Finger des Zweifels nach ihr tasteten. ‚Wenn ich mir nur selbst glauben könnte’ Sie seufzte leise und folgte ihrer Schwester durch die Pforte.

„Warte auf mich.“

Mit wenigen schnellen Schritten holte sie Fiona ein.

„Ich muss dir noch etwas sagen. Thrael sitzt in der Küche unter dem Tisch und traut sich nicht hinaus.“

„Wieso sitzt er unter dem Tisch? Hat er etwas angestellt?“

„Ich weiß nicht, aber er sieht furchtbar aus. Wir müssen ihn dort irgendwie herausholen.“

„Natürlich, horch nur drinnen summt es wie in einem Bienenstock.“ Fiona deutete auf die noch geschlossene Tür. „Ja“, Freyja kicherte, „und Melusine ist die dicke Königin.“ Fiona presste sich die Hand vor den Mund, um ihr lautes Lachen einzufangen.

„Also, wirklich, summ, summ, an die Arbeit mit euch.“ Sie imitierte mit erhobenem Zeigefinger sehr genau die gestrenge Herrscherin der Töpfe und Pfannen. Freyja lachte hellauf. Sie liebte die komödiantische Seite an ihrer kleinen Schwester und wäre sie als Knabe geboren, sie hätte sicherlich die Ausbildung zu einem Skalden begonnen. So unterhielt sie mit ihren Talenten die Kinder auf dem Gut und im Dorf.

„So kannst du dich nicht bei Melusine sehen lassen.“ Freyja ergriff den Saum ihres Gewandes und schrubbte Schmutzspuren von Fionas Wangen.

„Au, lass das! Du tust mir weh! Sei doch nicht so grob!“ Lautstark protestierte Fiona und hob abwehrend die Hände.

„Ich mache das lieber selbst und du schaust, ob ich alle Flecken erwischt habe.“

„Ja, soll mir recht sein.“ Freyja ließ die Hände sinken, nachdem sie noch einige vereinzelte Halme aus Fionas Haar gezupft hatte. „Aber du musst dich sputen. Melusine wartet nicht gern.“

„Wieso wartet Melusine?“

„Sie sagt wir sollen bei den Vorbereitungen helfen.“

„Vorbereitungen? Das bedeutet sicher, dass sie ein Festmahl ausrichten soll.“

Mit großen Augen blickte Fiona ihre Schwester erwartungsvoll an. Freyja zuckte vergeblich mit den Schultern. Offensichtlich genügte diese Geste ihrer Schwester nicht als Antwort auf ihre wild wuchernden Spekulationen. Augenblicklich wuchsen neue Fragen wie Ranken empor.

„Was sie wohl zubereiten wird? Oh, vielleicht macht sie die kleinen Nusskuchen. Die macht sie ganz bestimmt. Und gibt es einen Braten? Natürlich übergossen mit frisch gebrautem Bier. Oh, und von den weißen Rübchen. Ob unsere Gäste das auch mögen. Vielleicht sind sie von soweit her das sie unseren Braten gar nicht mögen. Woher sie nur kommen? Warum sind sie hier? Ob sie Vaters Pferde kaufen wollen? Vielleicht kommen sie von ganz weit her und sehen deshalb so sonderbar aus. Aus einem fernen Land. Vielleicht tragen sie deshalb keine Wappen? Ob sie lange hierbleiben, was denkst du? Freyja sag schon und ...“

„HALT! Sofort aufhören!“ Freyja hielt sich die Ohren zu. „Fiona, mir wird ganz schwindlig. Bei deinen vielen Fragen fühle ich mich, als wäre ich in ein schwärmendes Bienenvolk geraten.“

„Wieso ...?", setzte Fiona erneut an, doch Freyja legte ihr einfach die Hand auf den Mund.

„Ich weiß genauso wenig wie du darüber. Also komm jetzt rasch, lass uns hineingehen, bevor wir keine Ohren mehr haben, um die Antworten auf deine Fragen zu hören.“

Fiona kicherte. „Glaubst du Melusine wird sie uns abreißen?“

„Ganz sicher! Und anschließend kocht sie Suppe davon!“ Freyja ergriff spielerisch das Ohr ihrer Schwester und zupfte ein wenig daran. Fiona kreischte vor Vergnügen und beide wandten sich lachend der Tür zu. Beinah stießen sie dort mit ihrer Mutter zusammen.

„Meine verschwundenen Töchter!“ Anklagend stemmte Frywenn die Hände in die Seiten und bedachte ihre Töchter mit einem missbilligenden Blick. „Husch, husch in die Küche mit euch! Wir haben Gäste und die bedürfen dringend einer Stärkung.“

Das verdächtige Zucken in den Mundwinkeln strafte ihre gestrengen Worte Lügen. Fiona ergriff die Hand ihrer Mutter und zog sie mit sich in die Küche.

„Mutter, wer sind diese Männer? Woher kommen sie? Bleiben sie lange? Darf ich auch am Festmahl teilnehmen und was ...?“ Freyja verdrehte die Augen, während sie den Beiden folgte. Fiona war nicht aufzuhalten. Frywenn hörte mit blitzenden Augen alle Fragen an, mit denen ihre Tochter sie überhäufte und fuhr schließlich lachend dazwischen.

„Oh, du geschwätziger Midir, alles zu seiner Zeit, mein Schatz. Unser Gast ist der höchste Kriegsherr des Sommerlandes, Arawn von Fenrir. Er ist hier, um mit eurem Vater zu sprechen.“

Freyja und Fyona warfen sich hinter dem Rücken ihrer Mutter bedeutungsvolle Blicke zu. Über diesen Mann sangen die umherziehenden Skalden wilde Lieder. Und die fahrenden Händler berichteten von seltsamen Begebenheiten, wo immer er erschien. Arawn galt als sehr mächtiger Mann. Bezwinger der Unaussprechlichen, die hinter den Gramwällen gehaust hatten. Nie hatte Freyja die Möglichkeit in Betracht gezogen ausgerechnet einer so sagenhaften Gestalt leibhaftig zu begegnen. Fyona riss die Augen weit auf. Die Verwunderung war ihr, für einen jeden deutlich sichtbar, auf das liebliche Gesicht gemalt.

Die Festung, welche der Clan Arawns bewohnte, war benannt nach jenem grausigen Fenris, der zuvor in den Wäldern die sie umgaben sein Unwesen getrieben hatte. Über dicht bewaldete Berghänge und verwunschene Moore hinweg lag sie mehrere Tagesritte entfernt von Bifrösting.

Der schwarze Berg, aus dem die Fenrisfeste wuchs, wurde in den Liedern der Skalden besungen. Herausgerissen aus dem Leib der großen Erdmutter. Stumpf gefroren wie schwarzes Glas. Ein Monolith, glatt und uneinnehmbar. Die Riesen, Frevler aus den frühen Tagen der Weltenzeit, wurden in Stein verwandelt für ihre unaussprechliche Tat. Bormia, die Hüterin, ließ sie zu beiden Seiten des tiefen Loches niedersinken. Dort mussten sie von nun an wachen, als mahnendes Zeichen für all diejenigen, die an der Macht der großen Erdmutter zweifelten. Die Wunde in der Erdkruste blieb als tiefer Schlund geöffnet. Bis hinunter in den Dumnon reichte er. Der riesige Monolith schwebte fortan über dem feurigen Schlund, lediglich gehalten von einem gläsernen Steg, welcher als einziger Zugang hinauf in die Festung führte.

Einen Mann, der an einem derart unheimlichen Ort lebte, mussten sie in Augenschein nehmen. Auf dem Innenhof herrschte rege Betriebsamkeit. Bedienstete, Stallburschen und Waffenträger, versorgten die Pferde und errichteten ein Lager. Feuerkörbe verbreiteten ihre durchdringende Wärme. An den umlaufenden Holzstangen waren die erschöpften Streitrösser angebunden. Das weitausladende Gestänge des Brunnens in der Mitte des Hofes stand nicht still, hob und senkte sich unermüdlich, befüllte die Tröge mit frischem Wasser. Heu und Hafer wurde säckeweise herbeigeschafft. Daneben lehnten die Waffen und Schilde. Von Arawn und dem Jarl war nichts mehr zu sehen, sein Wappen der silberne Wolf über schwarzem Abgrund, sprang den Mädchen von allen Seiten entgegen.

Unvermittelt spürte Freyja wie sich ein schwerer Klumpen Eis in ihrem Magen bildete. Rasch wandte sie sich ab. Fiona betrachtete das rätselhafte Verhalten ihrer Schwester mit leichtem Stirnrunzeln, folgte ihr jedoch ohne sie erneut mit den vielen Fragen die hinter ihrer Stirn hin und her sprangen zu behelligen.

Freyja kehrte mit düsterer Ahnung in die Küche zurück. Ihre Mutter mochte sagen, was immer ihr beliebte, dieser Arawn war nicht zu einem einfachen Höflichkeitsbesuch hier auf Bifrösting. Etwas anderes würde sie erst glauben, wenn sie es mit eigenen Augen sah. Wieder regten sich die geisterhaften Nachtmahre in ihren Ecken, meisterlich gesponnen von Gael dem Skalden. In ihren kalten Schatten richteten sich alle Härchen auf Freyjas Armen auf. Schaudernd strich sie darüber. Der silberne Wolf hatte Einzug gehalten und sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken.

4. Das Dorf in den Wäldern

In der Küche gab Frywenn Anweisung zur Verpflegung der Gäste. Die Tür zur Speisekammer stand offen und die Mägde schafften herbei so viel sie tragen konnten. Säcke mit Getreide und Mehl, Honig und getrocknete Beeren, Pilze und Eier. Kessel und Pfannen wurden von den Haken an den Gestellen über den Tischen herabgelassen. Krüge für Bier und Met reihten sich dicht aneinander, warteten darauf, mit den aromatischen Getränken befüllt zu werden. Die Kammer barg all die von Melusine so wohl gehüteten Schätze des Sommers. Um ihres Rufes gerecht zu werden, öffnete sie diesen Vorrat. Obwohl nicht viel Zeit blieb, ein Festmahl zuzubereiten, welches dem Gaumen eines so hoch angesehenen Gastes schmeicheln würde, entfaltete Melusine ihre Fähigkeiten und zauberte wahre Köstlichkeiten.

Während Frywenn mit der Köchin sprach, wanderte Freyjas Blick unauffällig unter den breiten Tisch, wohin sich Thrael geflüchtet hatte. Die langen Röcke der Mägde, die davor Hin und Her wischten, verbargen den Knaben gut. Aber tatsächlich saß er noch immer dort, ganz an die Wand gepresst und hatte sich nicht einen Fuß breit von der Stelle bewegt. Freyja machte ihrer Schwester ein Zeichen. Beide ergriffen den nächstbesten Gegenstand und wandten sich geschäftig dem Anrichtetisch zu. Freyja stellte ihre Schale mit Äpfeln vor sich hin und tat als müssten diese neu geordnet werden. Fiona rückte ganz dicht an ihre Seite und stellte die silbernen Becher zusammen.

„Was ist geschehen?“, flüsterte Fiona, als sie Thrael unter dem Tisch sitzen sah.

„Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, aber er muss hier heraus!“

„Das wird nicht so leicht. Vielleicht hast du bemerkt, was um uns herum los ist?“

„Natürlich, aber genau deshalb will ich ihn nicht vor allen bloßstellen. Sieh ihn doch an! Er sieht aus, als wäre er in die Fänge der Eisalbe geraten.“

Fiona folgte dem Blick ihrer Schwester und musste ihr Recht geben. Thrael war bleich wie Schnee im Mondlicht und auch genauso durchscheinend. Sie nickte.

„Gut. Ich werde Mutter ablenken. Dir wird er sicher folgen.“ Freyja nickte.

„Wir treffen uns später hinter dem Stall. Ich bringe ihn erst einmal zum Heuboden, dann sehen wir weiter.“