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Schwerarbeit und Völlerei, Müßiggang und Ausbeutung werden ausgeübt und erduldet von derselben Spezies, den Menschen eines kleinen Herzogtums in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die räumlich nahe beieinander leben. Tatsächlich trennen das einfache Volk und den Adel die Regeln, an denen die Mächtigen immer noch festhalten, um ihre Privilegien nicht zu verlieren. Die Liebe eines Waldhüterjungen zu einer Prinzessin des regierenden Hauses bringt die fest gefügte Ordnung des kleinen Staatswesens gründlich durcheinander. In einem Jahr, das ja auch eine landwirtschaftliche Arbeitsperiode ist, entscheidet sich das Schicksal des ungleichen Paares, das unerwartet Verbündete sowohl aus den einfachen als auch den höher gestellten Schichten der Bevölkerung bekommt.
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Seitenzahl: 861
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Demjenigen,
der seinen eingeborenen Sohn für uns gegeben hat
und
Demjenigen,
der diesen bitteren Kelch nicht
an sich hat vorüber gehen lassen.
Zum Gedenken an
Rosa Margarete Wolfrum,
Johanna Elisabethe und
Johann Wolfrum.
Herzlichen Dank
meinem Grundschullehrer Heinz Strobel
sowie meinen Deutschlehrern Beisbart, Müller und Waha.
Dank an Gerd Kanz für das Titelbild
Aquarell von 1984.
Ebenfalls herzlichen Dank an
Dr. Thomas Grottker und Sven Schorr
für Satz und Korrektur.
Hans-Dieter Krug
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Es war sein Versteck, das er sich eingerichtet hatte, zwischen Kiefern und Weißdornbüschen, eine flache Mulde, an den Seiten mit Steinbrocken erhöht und mit einem Dach aus abgebrochenen Zweigen. Von hier aus hatte er alles im Blick, den rückwärtigen Weg zum Hof und den Weg, der vom Wald herab führte. Beide Wege trafen sich im spitzen Winkel, die Verlängerung führte in die Stadt, von wo er gerade die beiden Milchkannen mit der Handkarre abgeholt hatte.
Der schmale Höhenrücken, auf dem er sich befand – der Steinicht genannt – weil sich an der Südseite ein kleiner Steinbruch befand, war für ihn eine Zuflucht und ein Spielplatz zugleich. Er kletterte auf die große Kiefer, die alles überragte, die Schlehen und den Weißdorn, die Haselnuss und die Heckenrosen. Der Hof lag zu seiner Linken, verschwand jedoch hinter der Wegbiegung. Wenn er sich zurück beugte, konnte er gerade noch die Feldscheune am Bach erblicken. Sie war kaum zu sehen, nur das Schieferdach schimmerte durch das Laubwerk der Weiden und Erlen, die den Haselbach umsäumten, der hinter seinem Rücken im Talgrund dahin plätscherte.
Die Kiefernborke war warm von der Hitze. Es war früher Nachmittag und das Holen der leeren Kannen war für Jonas keine Mühe, obgleich ihm die tägliche Routine, mit der er nach der Schule los musste, um sich mit der leeren Handkarre auf den Weg zu machen, manchmal keine Freude bereitete; besonders, wenn im Winter der Weg gefroren und glatt war, oder auch matschig und nass, je nach dem. Jetzt galt seine Aufmerksamkeit einem Falken, der sich am gegenüber liegenden Berghang in die Höhe rüttelte und im leichten Frühsommerwind segelte – scheinbar mühelos, wie ihm schien.
Im Grund zwischen den beiden Erhebungen lagen einige Wiesen, wo sich jetzt, zur Zeit der großen Hitze eine größere Anzahl von Menschen emsig bewegte. Jonas war froh, dass ihn die übertragene Pflicht des Milchkannenholens von der schweren Arbeit auf den oberen Talwiesen befreite. Er konnte seinen Bruder Jakob, seinen Vater, den Knecht Willi und seinen Großvater beobachten, wie sie sich plagten. Jakob sah oft in Jonas‘ Richtung. Jakobs Aufgabe war es, zusammen mit dem Großvater das heute Morgen geschnittene Gras aufzuwenden. Vater und Willi hatten sich entschlossen, eine weitere Wiese zu mähen. Sie arbeiteten mit ihren Sensen etwas entfernt, so dass die letzte der beiden oberen Talwiesen, soweit das Wetter halten würde, wohl übermorgen Abend zum Einfahren fertig sein sollte. Jakob traute sich nicht, lange in Richtung des Steinichts zu blicken. Sein Auge hatte auch den Falken erfasst. Er konnte in diesem Moment seinen Bruder unbewusst fühlen. Es war wie ein Energieschlag, der beide Brüder verband in der Sommerhitze, die über dem Land lag.
Auch Jonas überfiel beim Gedanken an die geklauten fünf Minuten ein schlechtes Gewissen. Er erwachte schlagartig aus seinen Falken-Wolken-Beobachtungs-Träumen und sah zurück auf den Abhang, den Bach und die Handkarre mit den einsamen Kannen. Hinunter klettern, auf dem Hosenboden den Abhang hinunter rutschen und das Aufnehmen der Deichsel war die nächste und pflichtgemäße Reaktion, die dann folgte. Schnell und kräftig trat er aus, der vierrädrige Karren mit den Kannen holperte hinter ihm her den Weg entlang. Er wusste, wie lange die anderen brauchen würden und seine Pflichten für den Nachmittag waren noch nicht erledigt.
An der Feldscheune angelangt, folgte er dem Abzweig, rumpelte über die Haselbachbrücke und erreichte ziemlich außer Atem den Hof, wo sich in der Mittagshitze nicht viel regte. Die Geräusche im Kuhstall, das leise Muhen der wiederkäuenden Kühe und das Gackern der auf der Miste pickenden Hühner wurde nur unterbrochen vom Gesang seiner Mutter, die unterhalb der Hofwiese am Bach gerade Wäsche auswrang. Ihre Stimme war durchdrungen von Liebe und Wärme und sie berührte jeden, der sie vernahm und jemals vernommen hatte.
Jonas hielt an und sprang unter den Obstbäumen entlang, die Enten und Gänse stoben nur so auseinander in Richtung Bach. Als seine Mutter ihn entdeckte, breitete sie die Arme aus, um ihn aufzufangen, und so flog er in ihre Arme. Auch Großmutter, die zusammen mit ihrer Enkelin Lisa ihrer Schwiegertochter beim Waschtag half, umfing ihn von der anderen Seite, so dass er von beiden Frauen nahezu erdrückt wurde. Sie küssten und herzten ihn, bis er fast keine Luft mehr bekam. Er konnte sich doch losmachen, nachdem ihn Großmutter noch mit einem Apfel aus ihrer unergründlichen Schürze versorgt hatte, und rannte wieder mit einem großen Indianergeheul den Abhang hoch zu seinen Milchkannen, die geduldig darauf warteten, von ihm am Brunnen gewaschen und gesäubert zu werden.
Völlig außer Atem erreichte er ihn, riss sich das Hemd über den Kopf, goss sich das Wasser aus der Pumpe ebenfalls dorthin und trank. Er legte sich vor dem Brunnen auf die trockenen heißen Steine halb unter das Blätterdach der großen Walnuss, die den Brunnen und den Hausvorplatz überragte. Noch war er eingefangen von dem warmen Geruch und der Zärtlichkeit der zwei Frauen, die ihn gerade umarmt hatten, und ließ sich den Apfel aus dem Vorrat seiner Großmutter Katharina schmecken.
Er fiel in einen Taumel von Sonne und Glück, von Geruch und Traum, zu dem der warme Duft des Apfels, seine Süße und Schwere passte, wie die Wärme und die Sonne mit ihrer Mittagshitze. Das Quietschen der Mistkarre, das Schürfen der Gabel auf dem Boden und das leise Rasseln der Ketten aus dem Kuhstall war die Spätnachmittagsmusik im Arbeitsrhythmus. Er hörte, wie Nina, die Magd, die Kühe einzeln leise ansprach, sie oft leicht tätschelte und sie so eher zärtlich als streng zum Aufstehen bewegte, falls die Entfernung der Kuhfladen dies nötig machte. Seine kleine Schwester half mit, sie kam aus der Stalltür, schwitzend hinter der Mistkarre her und warf diese seitlich um, so dass die Ladung auf die Miste purzelte.
Marie rief ihn an und schreckte ihn aus seinen Träumen. Er rappelte sich auf und nahm sich der großen Kannen an, pumpte Wasser aus dem Brunnen hinein bis zum Überlaufen, kippte sie um und begann sie zu schrubben, bis jeder Geruch von Milch aus ihnen verschwunden war.
Er drehte sie zum Austrocknen um, säuberte auch die Deckel mit der großen Wurzelbürste und legte sie neben die auf dem Kopf stehenden Kannen. Mit einem Sprung nahm er die drei Stufen zum Tritt des langen überdachten Laubenganges vor dem Haus und tauchte mit einem Schlag, nachdem er ebenfalls mit einem Satz die Türschwelle überwunden hatte, ein in die schattige, halbdunkle Atmosphäre des Hausflurs.
Das Schließen der Haustür hallte wie ein Knall in die Ruhe des Hauses hinein. Er war gefangen in der Stille des Flurs. Von drinnen aus der guten Stube hörte er das leise Schlagen der Wanduhr. Der Flur selbst lag im Dunkeln, nur durch die farbigen Oberlichter der Tür fielen noch kleine Farbflecken auf die Mosaiksteine des Terazzobodens, in dessen Mitte eine Windrose eingearbeitet war. Die Küchentür war angelehnt, das leise Knacken des Küchenfeuers war zu hören. Hinter der geschlossenen Türe zum Stall hörte er Nina und Marie leise tuscheln und lachen, das Stampfen der Kühe beim Auftreten war zu hören, auch das leise Kettengeklirr. Aus der Küche kam ihm seine Katze entgegen, strich ihm um die Beine und folgte ihm. Leise brodelnd wartete das Wasser im Kessel und im Wasserschiff am Herd darauf, von ihm heraus geschöpft zu werden.
Jonas füllte den Eimer und tappte damit durch den Hausflur zur Stalltür. Dort setzte er ihn ab, um umzudrehen in die Küche.
Dann nahm er den Kücheneimer, pumpte ihn voll Wasser aus dem Brunnen und leerte das kalte Wasser teils in den Eimer an der Stalltür, teils in das Wasserschiff am Herd. Dort füllte er auch den Kessel mit frischem kalten Wasser, nicht ohne die Feuerklappe des Ofens zu öffnen und zwei Scheite Holz aus der Holzkiste nachzulegen.
Er ging zurück in den Flur und prüfte die Temperatur des Wassers, das für das Waschen der Kühe bestimmt war. Er war sehr stolz auf seine Aufgabe und das Vertrauen, das sein Vater ihm entgegen brachte. Es war ihm erlaubt, Holz im Ofen nachzulegen und er durfte die drei Kühe waschen, denen die Flecken am Hintern nicht gut standen, wie sein Vater meinte.
Zuerst mussten aber die Euter gesäubert werden. Er öffnete die Stalltür und trat in den Kuhstall. Er nahm sich einen Melkschemel, band ihn sich um und begann, der rechts von ihm stehenden Kuh das Euter zu waschen, nachdem er den Kuhschwanz mit wenigen Handgriffen an den hierfür vorgesehenen Schnüren an der Stalldecke fest gebunden hatte. Nina war gerade fertig mit dem Ausmisten und begann mit Stroh einzustreuen.
Schnell stand Jonas auf, um ihr Platz zu machen. Nach der Säuberung von zwei weiteren Eutern wusch er noch mit einem Strohwisch und dem immer noch warmen und fast sauberen Wasser den Mist von den Hinterbacken seiner geliebten Kühe. Sie waren seine ganze Freude und die seines Vaters. Nina lobte ihn für seine sorgfältige Arbeit, nicht ohne vorher die Temperatur seines Waschwassers geprüft zu haben.
Seine Schwester neckte ihn und stubste ihn immer wieder spielerisch mit dem Gabelstiel in den Rücken. Sie nutzen beide das Ende ihrer ersten Verpflichtungen zu einer wilden Verfolgungsjagd durch den Stall, die angrenzende Scheune, in den Garten durch die Obstwiese bis zum Bach, kläffend verfolgt von Spitz Ferdinand, genannt Ferdi, dem Hofhund.
Nina hatte sich erschöpft an die Stalltür gelehnt. In der linken Hand hielt sie bereits pflichtbewusst den Melkschemel. Sie gönnte sich die kleine Pause und beobachtete die beiden Kinder mit einer Liebe, die fast der ihrer Mutter gleich kam. Eigene Kinder waren ihr versagt geblieben, beziehungsweise hatte sie es sich jahrzehntelang versagt, welche zu bekommen. Sie hätte sie schlicht und einfach nicht ernähren können, ganz abgesehen von der sozialen Ächtung, die ledigen Müttern niederen Standes in jener Zeit zuteil wurde. Daran änderte auch die zärtliche Beziehung zu Willi nichts, die die beiden mit aller Vorsicht seit einigen Jahren unterhielten.
Eine Heirat hätte nach dem damals gültigen Dienstbotenrecht einer Erlaubnis des Hofherrn bedurft und hätte immer noch die Frage offen gelassen, wo sie beide einen Hausstand für eine Familie hätten gründen sollen.
Die beiden Dienstbotenkammern, wo sie beide nun schon seit Jahrzehnten Tür an Tür wohnten, hatten ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht und taten es noch.
Sie waren über dem Stall gelegen, jedoch nicht beheizbar und daher für das Vorhaben, dort kleine Kinder zu versorgen, ungeeignet.
„Ach, Träume sind Schäume“, flüsterte Nina sich selbst zu, „los, wieder an die Arbeit, alte Kuh.“
Mit diesen Worten befahl sich die Magd Nina wieder an ihre Aufgaben. Eine Frau, deren Pflichtbewusstsein sie veranlasst hatte, selbst während einer überaus kurzen Arbeitspause einen Melkschemel in der Hand zu halten, wie um allen zuzurufen: „Seht her, ich mache nicht lange Pause, ich arbeite gleich weiter.“
So verabschiedete sie sich also von der Nachmittagssonne und kehrte zu ihren geliebten Kühen in den Stall zurück. Sie würde die Euter noch einmal waschen und dann langsam mit dem Melken beginnen.
Weiter unten am Bach stand Großmutter. Sie winkte den beiden Kindern, so dass beide weiter sprangen zum Waschplatz. Die beiden großen Körbe waren voll mit ausgewrungener Wäsche, die zum Trocknen hoch getragen werden musste. So erreichten sie zu fünft den Hof; jedes der drei Kinder half Christine beim Tragen, eine Aufgabe, die sich Katharina gerne ersparte.
„Na ihr drei, habt ihr Hunger?“, war eine Frage, die ihre Großmutter nicht zweimal stellen musste.
Die Geschwister jubelten, sie wussten, dass es heute bis zum abendlichen Mahl noch etwas dauern würde. Also freuten sie sich über die Scheibe Brot und das Stück Speck, das Ihnen die Großmutter aus ihrer unergründlichen Schürze zusteckte.
Jonas und Marie wussten beide ohne Aufforderung, was ihre nächste Aufgabe sein würde. Sie hatten die Feldarbeiter mit einer Kanne Pfefferminztee zu versorgen, die schon auf dem Tritt zum Abkühlen bereit stand. Ein paar kalte Pfannkuchen mit einem Stück Speck wurden von der Großmutter aus dem Vorratsschrank in der Speisekammer geholt und in einem Korb dazu gestellt.
„Los, beeilt euch, euer Vater und Opa sind sicher hungrig und durstig, und gebt Acht, dass ihr nichts verschüttet“, rief sie den beiden noch zu.
Lisa, ihre große Schwester war zusammen mit ihrer Mutter mit dem Aufhängen der Wäsche beschäftigt. Vorsichtig setzten sie sich in Bewegung. Jonas trug den Tee in einer großen Henkelkanne. Er war noch warm und sollte nicht überschwappen. Marie hatte es da leichter mit ihrem Korb.
Sie liefen ein Stück des Weges zurück, den Jonas vor einiger Zeit mit seinen Milchkannen zurück gelegt hatte. An der Gabelung konnte man bereits die Schlote der Porzellanmanufaktur und der Spinnerei sehen. Das interessierte die beiden Eilboten in diesem Moment jedoch nicht sonderlich, sie bogen in den ‘Reitweg‘ genannten Hauptweg zum Schloss ein und liefen schnurstracks weiter.
Die sich hier befindliche Brücke über den Haselbach war natürlich stärker und fester ausgeführt als die Holzbrücke an der Abzweigung zum Hof. Sie war aus Steinen des Vorgebirges kunstvoll nach altbewährter Steinhauer-, Steinmetz- und Baumeisterkunst so gesetzt, dass sie jederzeit die Lasten von schweren Fuhrwerken tragen konnte.
Nachdem sie diese passiert und ein kurzes Stück Weg zurück gelegt hatten, sahen sie schon den kleinen Arbeitstrupp, der sich in Erwartung der Brotzeit unter der Krone einer Esche nieder gelassen hatte. Jakob begrüßte sie mit einem großen Indianergeheul, als er sie entdeckte. Er hatte aus dem Baumwipfel Ausschau nach ihnen gehalten. Jonas musste sich zwingen, nicht zu rennen. Als er aber seine gefüllte Kanne endlich abstellen konnte, fiel er der Reihe nach erst Jakob, dann seinem Papa, gefolgt von Opa um den Hals. Willi, der Knecht, kommentierte das mit einem Lachen. Er goss den noch etwas dampfenden Pfefferminztee in die Becher aus dem Korb und teilte Pfannkuchen und Räucherspeck aus.
Streng genommen – das heißt nach dem Brauch der Bauern – hätte das sein Vater tun müssen, das heißt erst nach dem Zugriff des ‘Hofchefs‘ hätten sich die anderen bedienen dürfen. Aber sein Vater hatte eine eigene Auffassung vom Zusammenleben auf dem Hof. Er hielt nicht viel von dem Ausbeutungssystem, das einer Art von Sklavenhaltung gleich kam, wie er meinte. Diese Meinung wurde natürlich nicht öffentlich geäußert. Sie stand in einem seltsamen Gegensatz zu dem Generationen lang geübten Ergebenheits- und Dankbarkeitsgefühl gegenüber der herzoglichen Familie, da man ja doch zu dem Teil der Bevölkerung zählte, der eindeutig auf der Nutzenseite angesiedelt war, trotz aller Mühe und Plage. Hans ruhte also im Schatten des Eschenbaumes und betrachtete Willi beim Austeilen der Brotzeit. Jonas brachte ihm einen Becher noch warmen Tees und ein Stück Pfannkuchen mit Speck. Jakob und er ließen sich zu ihres Vaters Füßen nieder und schmausten.
Hans hatte den Hof als Teil des Erbes seines Vaters erhalten, der als herzoglicher Wildhüter und Holzhauer den Hof in Erbpacht seinerseits von seinem Vater erhalten hatte. Mit dem Gehöft wurden nicht nur das Gebäude und die Flächen von Generation zu Generation an den in der Regel ältesten Sohn in Jonas Familie weiter gegeben, sondern auch das Amt des herzoglichen Holzhauers und Waldhüters. Diese lange Tradition zog sich wie ein beruhigendes Band der Sicherheit und Dankbarkeit durch das Leben der Familie am Rande des herzoglichen Waldes.
Gleichwohl kein ausdrückliches Gehalt mit der Aufgabe verbunden war, so erhielten sie doch den kleinen Waldbauernhof am Bach in einem vererbbaren Wohn- und Nutzungsrecht, mit ein paar kleinen Wiesen, Äckern und Gärten, die ein Auskommen für die kleine Familie und die Altenteiler bot. Auch waren sowohl Deputate an Holz und Wild, als auch die Nutzung der herzoglichen Holzpferde für die Bestellung der kleinen Hausäcker und Wiesen enthalten. Diese Vergünstigungen waren allzeit sehr willkommen.
Die Arbeit für den heutigen Tag blieb überschaubar. Sie würden das restliche Gras nach der Pause schneiden und einmal wenden. Willi erhob sich bereits etwas schwerfällig und begann mit dem Wetzen seiner Sense. Der Vater bedeutete den Brüdern, nach Hause zu gehen und sich um ihre Hausaufgaben zu kümmern. Die drei Kinder erhoben sich, sammelten Kanne, Becher, Messer und Schneidbrett ein und setzten sich in Bewegung. Der Vater warf ihnen noch ein aufmunterndes „Macht's gut und seht zu, dass ihr Heim kommt!“ zu.
Max und der Braune stampften ungeduldig und auffordernd dazu. Sie hätten sich schon gerne bewegt, aber sie hatten noch zu warten bis Willi und Vater fertig sein würden und ihnen einen Teil des gemähten Grases als heutiges Grünfutter zum Heimtransport auf ihren Wagen laden würden. So waren der Korb und die Kanne keine Last für die Kinder. Er hatte auf der Pritsche Platz gefunden, sie setzten sich also artig frei von Lasten in Bewegung, den Steinicht zur Linken noch vor sich, den Berghügel mit dem herzoglichen Schloss im Rücken. Wenn sich die Kinder umgedreht hätten, wäre auch noch ein Stück der Bärenleite zu sehen gewesen, in Richtung Hochwald dem Blick entschwindend.
Das Schloss lag an der Südwestseite des Berghügels. Es waren jetzt nur noch die Turmspitzen der Schlosskapelle und des Turms zu sehen. Die von der Bärenleite abzweigende Einfahrt jedoch war ganz zu erkennen, eingefasst von zwei Steinsäulen mit Abdeckplatten, eine Feldsteinmauer schloss sich an. Sie grenzte den höfischen Garten des Sommerschlosses vom Umland ab. Es gehörte zu Hans‘ und Willis Aufgaben, geeignete Feldsteine dort abzulegen und auch beim Ausbessern der Mauer zu helfen. Der höfische Bereich war nicht sehr groß, jedoch war er eine Tabuzone, die ihresgleichen nur zu Dienstbotenzwecken geöffnet wurde.
Sie liefen also wirklich schnurstracks in Richtung Hof. Sie wussten, dass ihr Vater es ernst meinte mit ihren Hausaufgaben. Die beiden Knaben waren als Söhne des herzoglichen Waldhüters auch unter einem gewissen Erfolgszwang, denn ein herzoglicher Holzmeister, der nicht rechnen und zählen, lesen und schreiben konnte, war undenkbar. Als potenzielle Nachfolger ihres Vaters waren ihnen das Ausrechnen der Festmeter beim Holzeinschlag, das Führen der Listen und die Beaufsichtigung der Waldarbeiter bereits eine bekannte Sache. Sie begaben sich also schnurstracks an ihre Aufgaben.
Auch Marie und Lisa hatten sich im Schatten der großen Walnuss im Hof niedergelassen und aus ihren Ranzen Tafel und Heft heraus geholt. Lisa war zu Hause geblieben und hatte ihre Mutter und Großmutter bei der Hausarbeit unterstützt. Sie saßen zwar alle vier im selben Klassenzimmer, waren aber in den Klassen fünf bis acht vertreten.
Lisa und Jakob waren Zwillinge, Jonas war der Älteste, Marie war die Jüngste der Geschwister. Sie konzentrierten sich auf ihre unterschiedlichen Aufgaben, während in den Ställen der Abendbetrieb begann. Mutter war in der Küche aktiv, während Nina den Ziegen- und den Pferdestall ausmistete. Die Hitze des Tages wandelte sich in eine milde Wärme, die von einem sanften Streichelwind durch die feinen Haarkämme der Hasel- und Erlenbüsche gedrückt wurde, so dass am Ende der Hofhecke ein fein säuselndes Lüftchen austrat, das allen eine sanfte Abkühlung spendete.
Es war nicht die Welt der Kinder, die Rauheit der herzoglichen Knechte und Meldereiter, der Offiziere und Soldaten. Wenn sie auf der Landstraße von der Residenz kommend ihrer Laune freien Lauf ließen und im gestreckten Galopp laut johlend mit Peitschenhieben das Volk, das zu Fuß unterwegs war, auseinander trieben, hatten diese das Sagen im herzoglichen Wald. Jonas fürchtete sich insgeheim vor ihnen. Auch Jakob nahm das Geräusch des einzelnen Reiters, der die Bärenleite im schnellen Galopp passierte, nur im Hintergrund wahr. Es war nur der Hauch eines Gefühls, der in diesem Moment sein Herz streifte, der Flügelschlag einer dunklen Vorahnung, die seine Wahrnehmung in diesem Moment erfasste. Er konnte sie nicht deuten, sie war so schnell vorbei, wie sie gekommen war, verebbte mit dem Geräusch des enteilenden Hufschlages. Seltsam war nur, dass sein großer Bruder diese vage Wahrnehmung zu teilen schien. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment lang, angsterfüllt, wobei keiner der beiden dieses Gefühl zu deuten wusste.
Der schnelle Galoppschlag des Pferdes rappelte am Hof vorbei, wurde lauter hörbar und verebbte auf dem Reitweg zum Schloss. Dies war nichts Ungewöhnliches, sie erhoben ihre Köpfe deswegen normalerweise kaum von ihren Hausaufgaben. Der Platz um den großen Walnussbaum in der Hofmitte war von den Geschwistern besetzt. Das feine Rascheln der Hofbaum- und der Hainbuchenblätter, die Großvater als Laube dazu gesetzt hatte, das leise Plätschern des Hofbrunnens waren die alltäglichen Hintergrundgeräusche dieses geschützten und beschützenden Bereiches, wo sich die Kinder des Haselhofes seit Generationen sicher und geborgen fühlen konnten.
Im krassen Gegensatz dazu stand dieses Gefühl, das nur einen Moment lang zwischen den Brüdern wahrnehmbar gewesen war, der Hauch einer bösen Vorahnung, nicht deutbar und kaum wahrnehmbar und doch existent, vorhanden für einen Moment lang.
Nach der Rückkehr der drei Männer und der Erledigung der Stallarbeit saßen alle um einen kalten Topf Pellkartoffeln und eine Schüssel Quark. Dieser Zwischenimbiss stillte den aktuellen Heißhunger nach der schweren Arbeit.
„Ihr braucht euch nicht zu sorgen, es gibt heute Abend noch was Warmes, wenn die Buben zurück sind. Hebt euch noch ein bisschen Hunger auf, ich bin noch nicht zum Kochen gekommen“, erklärte Christine, die Mutter von Jakob, Jonas, Marie und Lisa.
„Ja“, bestätigte Katharina, die alte Hofchefin und Großmutter, Christines Schwiegermutter. „Wir hatten große Wäsche bei diesem schönen Wetter.“ Jakob und Jonas waren sehr ungeduldig, denn sie hatten vom Vater den Auftrag erhalten, mit Max und dem Braunen wiederum zu den Talwiesen zu reiten, um das frisch geschnittene Gras nochmals aufzuwenden. Kaum hatten sie ihre letzte Kartoffel verdrückt, so rannten sie schon los in den Pferdestall, wo Max und der Braune noch an ihrem Futter kauten. Sie waren beide schon wieder abgeschwitzt und spitzten erstaunt die Ohren, denn ein abendliches Herausholen aus dem Stall war ungewöhnlich; nur bei Anlässen wie Kutsch- oder Schlittenfahrten des herzoglichen Hofstaates, zu Jagd-, Schau- oder Vergnügungszwecken kam es vor, dass die beiden Tiere abends noch benötigt wurden. Daher waren sie eigentlich schon auf ihre wohlverdiente Ruhe eingestellt, ließen sich aber willig aus dem Stall führen.
Jonas und Jakob warfen ihnen nur Trense und Zügel über, schwangen sich auf den Rücken und wollten sofort los. Ihr Vater gebot ihnen jedoch, noch einmal anzuhalten. Er überprüfte sorgfältig, ob Max und der Braune abgetrocknet waren und ermahnte sie nochmals, die beiden Pferde zu schonen. Also unterdrückten beide ihren Vorwärtsdrang und setzten sich im Schritt in Bewegung. Die beiden Pferde ließen sich mit den bekannten Schnalzlauten, dem Hott- und Wüstarufen, die sie vom Wagenziehen und Holzstammrücken bereits kannten, willig lenken.
Es waren beide kaltblütige, starke Arbeitstiere, die sich nun selbst auf den abendlichen Ausritt freuten; Jakob und Jonas beendeten natürlich ihre gemächliche Gangart, sobald der Hof hinter der ersten Biegung des Haselbaches verschwunden war. Zunächst im Trab überquerten sie den Haselbach durch eine Furt, überwanden den Steinicht auf einem nicht für Gespanne nutzbarem Weg wiederum vorsichtig im Schritt und ließen den beiden schließlich ihren freien Lauf im Galopp bis sie die große Esche an den Talwiesen erreicht hatten.
Das seltsame Gefühl, das für einen Moment zwischen beiden aufgetaucht war, lag weit hinter ihnen. Sie waren beide glücklich, jetzt, frei, in ihrem Element, auf den Rücken ihrer geliebten Pferde und selbstverständlich gab es ein Wettrennen, das sich nach der Überquerung des Steinichts wie von selbst entwickelt hatte.
Jakob hatte mit dem Braunen das Rennen gewonnen. Jonas lag direkt hinter ihm, lachend ließen sich beide vom Rücken rutschen. Eigentlich hatten beide vereinbart, ihre Arbeit vom Verlierer des Rennens, also Jonas, alleine erledigen zu lassen, aber es war Jakob klar, dass das für seinen Bruder nicht zu schaffen war.
Jakob holte die beiden Rechen hinter der Esche hervor und beide begannen, das frisch gemähte Gras, das nur an einer Seite schon etwas angetrocknet war, umzuwenden. Sie beeilten sich, denn die Sonne neigte sich schon und sie hatten ja noch etwas vor, das für sie und die beiden geduldig im Baumschatten wartenden Pferde eine Erholung sein sollte. Sie wagten es natürlich nicht, diese Arbeit nachlässig zu erledigen, denn sie wussten, dass Vater die Ausführung morgen kontrollieren würde; außerdem war beiden die Bedeutung des Heus als Winterfutter für ihre Tiere vollkommen bewusst.
Eine Verzögerung der Trocknung, eventuell sogar ein dadurch nicht rechtzeitiges Einbringen der Heuernte oder sogar ein Misslingen konnte für das Überstehen des Winters eine Katastrophe bedeuten, das wussten die beiden Jungs; schweigend arbeiteten sie nebeneinander. Das bereits halb trockene Gras lag jetzt locker und bauschig auf der Wiese, es musste heute Abend nicht noch einmal gewendet werden. Sie legten ihre Rechen hinter der Esche ab, und ritten geradewegs zurück zur Schwemme, einer Aufstauung des Haselbaches. Jedoch trauten sie sich jetzt nicht mehr zu galoppieren, denn Max und der Braune sollten abschwitzen, bevor sie mit den beiden Kindern auf dem Rücken in das Wasser gehen sollten.
Die Schwemme war ein künstlich angelegter Teich am Unterlauf des Haselbaches, Tränke und Badeweiher für das Vieh, wenn es auf der Sommerweide war, aber auch willkommene Abkühlung für die von der schweren Arbeit erhitzten Menschen. Mit temperamentvollem Schnauben stapften Max und der Braune in das brusttiefe Wasser und tranken. Jakob und Jonas rutschten von ihren Rücken und platschten und tollten im Nass herum.
Die Sonne war über den Baumwipfeln gerade noch zu sehen. Die beiden Jungs genossen ihre Pause und die Abkühlung, die ihnen das Bad brachte. Leider konnten sie nicht lange bleiben, denn sie wussten, dass ihr Vater ein Ausbleiben in der Nacht nicht erlauben würde. Das Betreten des herzoglichen Waldes nach Eintritt der Dunkelheit war nicht statthaft. Der Wald um das herzogliche Sommerschloss war für das gemeine Volk, außer zur Arbeit oder auf ausdrückliche Vorladung des Hofes sowieso verboten.
Sie beendeten also ihr Bad, saßen auf und machten sich nun im Schritt auf den Heimweg. Sie trotteten beide ohne Eile auf ihren beiden Pferden den Waldweg entlang, denn sie hatten nur noch ein kurzes Stück Weg nach Hause. Hinter der Wegbiegung überholten sie ein Mädchen mit einer Kuh und einem Kalb. Es war Lene, die Tochter des Holzhauers und Köhlers Anton, der auch im Dienste des Herzogs stand und mit seiner Familie in der Köhlersiedlung weiter drinnen im Wald wohnte. Jakob sprang sofort vom Pferd und begrüßte seine Lene herzlich, er umarmte und küsste sie. Beide waren schon seit Monaten ineinander verliebt, was im Walde ein offenes, ja von beiden Elternteilen akzeptiertes Geheimnis war. Jonas, der etwas neidisch die zärtliche Begegnung des verliebten Paares beobachtete, mahnte zur Fortsetzung ihres Weges.
Lene trieb ihre Kuh zur Eile an, denn sie hatte noch ungefähr drei Kilometer Weg mehr vor sich als die beiden Jungs und das nächtliche Betretungsverbot war einzuhalten. Es wurde von den herzoglichen Soldaten doch recht streng überwacht. Die Kuh war wohl dem Stier der herzoglichen Farm zugeführt worden, die jenseits des Waldes am Dorfrand unterhalb des Schlosses lag.
In der Schule saß Lene drei Bankreihen hinter Jakob. Sie war schon etwas älter und gehörte in die achte Klasse, sie würde die Schule diesen Sommer verlassen, um entweder zu Hause zu bleiben, oder um mit etwas Glück in Stellung als Hausmädchen oder Magd zu gehen. Sie unterhielten sich über dies und das, das Wetter, die Schule und über die herzogliche Ballsaison, die bald beginnen sollte.
Jakob und Lene verabschiedeten sich mit einem Kuss. An der Abzweigung zur Hofbrücke trennten sich ihre Wege, sie winkten sich zu und bald sahen die beiden Brüder nichts mehr von ihr und ihren beiden Tieren. Sie trieben Max und den Braunen noch mal zur Eile an und erreichten den Hof, wo ihr Großvater es sich bereits auf der Bank vor dem Haus bequem gemacht hatte; er ermahnte die beiden Jungs zur Eile, denn alle warteten mit dem Extra-Ernte-Abendessen auf sie. Angesichts der großen Hitze hatte Christine nochmals, wie von ihr versprochen, zur Nacht etwas frisches gekocht.
Sie tischte eine einfache Kohlrabisuppe und Kartoffelbrei auf, die Geschwister ließen es sich schmecken. Alle saßen sie nun um den Tisch versammelt, Vater und Mutter, die vier Geschwister, Großvater und Großmutter, der Knecht Willi und Nina, die Magd. Es gab nach dem Gebet, das der Vater sprach, einen zunächst kurzen Moment der Ruhe, der dann von Geschirrklappern und Stimmengewirr beendet wurde. Nachdem aber alle Wünsche nach Schüsseln oder anderen Zureichungen erledigt waren, wurde es wieder stiller. Nur das Klappern der Löffel war zu hören.
Im Gegensatz zu manch anderer Familie im Wald gab es für jeden einen eigenen Teller, wo man die beiden Bestandteile des Abendessens beliebig miteinander vermischen und „kneten“ konnte, was Jakob ausgiebig tat. Auch war es nicht selbstverständlich, dass es zwei Bestandteile des Essens gab, geschweige denn eine ausreichende, der Arbeitsbelastung entsprechende Verpflegung, ein Luxus, den viele Bewohner des kleinen Landes, wo diese Geschichte spielt, entbehren mussten.
In Lenes Familie war die Suppe lange Zeit aus dem Kessel über dem Feuer in eine Schüssel geschöpft worden. Alle hatten aus dieser Schüssel gegessen, die Suppe war immer dünner als die Suppe zu Hause im Haselhof gewesen. Jakob wusste es von seinen Besuchen, die er schon in seiner frühen Kindheit manchmal im Wald gemacht hatte und bei diesen Gelegenheiten auch schon öfter von Lenes Mutter zum Essen eingeladen worden war. Lenes Vater war immerzu schwer beschäftigt, den angeforderten Nachschub für die herzogliche Verwaltung an Holzkohle herzustellen. Er hatte zwar einen Knecht, aber die Arbeit des Meilerherstellens war schwer. Für den Nachschub an Holz waren auch Jonas und Jakob zuständig. Oft schickte Vater die beiden Brüder mit Max und dem Braunen mit einer Fuhre schwacher Stämme und starker Äste in die Köhlerei mit dem Auftrag für Lenes Vater, daraus Holzkohle für den herzoglichen Hof herzustellen.
Diese diente der Beheizung der oft ofenlosen Räumlichkeiten der Burg und der Schlösser, denn ihre Hoheiten und Mitglieder des Hofes von Rang saßen an kalten Tagen an Fußbecken, die mit den glimmenden Brocken befüllt waren, um sich zu wärmen. Sie fanden auch in den Küchen Verwendung, wo ständig gebraten wurde. Die ganze Waldsiedlung war erfüllt von dem Rauch und dem rußigen Geruch der schwelenden Holzkohlemeiler, die um die bescheidene Behausung der Familie herum errichtet waren.
Es war der Initiative von Hans zu verdanken gewesen, dass vor einigen Jahren diese Hütte durch eine in fester Bauweise mit einem Herd ersetzt worden war. So war die seit Jahrhunderten umher wandernde Köhlerfamilie sesshaft geworden. Das Holz wurde nun größtenteils zugeliefert. Ihre Meiler waren die einzigen, die noch in der Nähe der Residenzstadt brannten. Alle Mitglieder der Köhlerfamilie wussten jedoch nun die Vorteile einer festen Behausung durchaus zu schätzen.
Nun war es Schlafenszeit auf dem Haselhof. Die beiden Brüder erreichten ihren Sommerschlafboden unter dem Dach, wo sie gegenüber dem Taubenschlag ihr eigenes Reich hatten. Ihre Schwestern schliefen in der Kammer, die an das elterliche Schlafzimmer angrenzte. Oma und Opa hatten sich schon in ihr Austragshäuschen zurückgezogen, der Knecht und die Magd schliefen in getrennten Kammern im ersten Stock über dem Kuhstall. Im tiefen Winter des Vorgebirges konnte es aber auch vorkommen, dass Jonas, Jakob und so manch anderes Mitglied der Familie, dem es zu kalt geworden war, auf dem Kachelofen nächtigten, der in der Stube errichtet war. Nun war aber an Kälte nicht zu denken. Eine sommerliche Nacht kündigte sich an, mit lauer Nachtluft, leisem Wind, der ldie Schiefern an der Nordseite des Hauses dezent zum Klappern bringen würde. Ein sanftes Wiegenlied zur Schlafenszeit, welches das Haus seinen Bewohnern oft spielte.
Sie schlummerten leicht, geborgen vom Wind und der sommerlichen Wärme, getragen von dem Wissen, dass es Sommer war und kein Regenschauer das Trocknen des Heus stören würde, so dass die Existenz ihrer Tiere und damit die Existenz ihres kleinen Waldhofes für den nächsten Winter gesichert sein würde. Es war eine leise, warme und glückdurchflutete Nacht in der Stille des herzoglichen Waldes. Glühwürmchen torkelten durch die Buchenhallen und Eibenwedelhaine, die herzoglichen Rosengärten und den Schlossgarten vor der großen Terrasse.
Ein leises Schnauben aus den Pferdeställen, Kaugeräusche, ein leichtes Geräusch, wenn eines der Pferde das Standbein wechselte, waren zu hören. Es waren bekannte und unbekannte Geräusche, die des dunklen Waldes, verursacht durch seine Bewohner, von denen einige besonders nachtaktiv waren. Aber kein menschliches Ohr vernahm diese Laute in dieser Nacht. Alle Bewohner des Anwesens im herzoglichen Wald hatten einen ruhigen Schlaf, eingehüllt von einem nächtlichen Frieden, wie er in manchen Nächten über dem Land liegt, durchflutet von den glücklichen Träumen aller seiner Bewohner.
Die Brüder erwachten vom Klappern des Leiterwagens, den Willi vor die Pferdestalltür schob. Max und der Braune wurden angeschirrt und Vater und Willi setzten sich in Richtung Tal in Bewegung, um Futter zu schneiden. Die ersten Sonnenstrahlen fielen in den Hof und Mutter und Nina gingen im Kuhstall der Morgenarbeit nach. Die Kinder trafen sich in der Küche, wo Großvater und Großmutter sie mit dem Frühstück erwarteten.
Es gab Grießbrei, so wie jeden Morgen, mit frisch gemolkener Milch zubereitet und etwas Kompott von eingelegten Birnen; eine Leckerei, die Großmutters emsiger Einmachtätigkeit zu verdanken war. Ihr Vorrat an getrockneten und eingekochten Früchten oder auch Marmeladen war schier unendlich.
Willi stellte schon die Handkarre mit den beiden Milchkannen bereit, deren Transport zum Bahnhof im Dorf ein kleiner Umweg war, der eingeplant werden musste. Die Kinder verließen den Hof in gleicher Richtung, die das Fuhrwerk mit Vater und Willi eingeschlagen hatte. Sie würden bald mit der Heuernte beginnen. Die Kinder waren – so gesehen – froh über den Gang zur Schule. Das Aufladen des Heus war eine Knochenarbeit. Fast alle ihrer Schulkameraden wurden zu solchen landwirtschaftlichen Arbeiten heran gezogen. Bei der Heu-, Getreide- oder Kartoffelernte waren die Bänke der Dorfschule oft nur spärlich besetzt. Auf den Klein- und Kleinsthöfen der Tagelöhner und Pächter, die sich keinen Knecht oder keine Magd leisten konnten, sah es für die Kinder weitaus schlechter aus als für die Geschwister vom Haselhof. Jene Kinder waren oft billige Arbeitskräfte und die Schulbildung hatte darunter zu leiden.
Manchmal, wenn die Haselhofkinder zeitig dran waren, erwischten sie die Milchfuhre der herzoglichen Farm, die natürlich aus mehreren Kannen bestehend, mit dem Fuhrwerk zum Haltepunkt des Frühzuges gebracht wurde. Glücklicherweise passierte das auch heute. Als sie gerade die Einfahrt zum Schloss passierten, sahen sie den Wagen mit den Kannen aus der Abzweigung zum Gutshof in den Hauptweg zum Dorf einbiegen. So schnell es die holpernde Handkarre ermöglichte – Jonas sprang noch auf, um die beiden „Haselhofkannen“ fest zu halten – rannten sie laut schreiend dem Milchfuhrwerk hinterher. Einige der Kinder der umliegenden Weiler, die sich zu den Haselhofgeschwistern hinzu gesellt und ebenfalls ihre Kannen auf der Handkarre abgestellt hatten, taten dasselbe.
Michael, der alte Fuhrknecht, hatte sie schon bemerkt und sein Gespann gleich nach dem Abbiegen zum Stehen gebracht.
„Guten Morgen Kinder!“, rief er, die kurze Meerschaumpfeife zwischen seinen lückigen braunen Zahnstumpen fest einklemmend. Er grinste dabei über das ganze Gesicht.
Die schweren Lasten waren schnell umgeladen, der Karren genauso flugs im Gebüsch entlang des Hauptweges versteckt. Etwas gemächlicher schlenderten sie nun bergab dem Dorfe zu; eine Verspätung, die unweigerlich eine Bestrafung nach sich ziehen würde, war nun nicht mehr zu befürchten.
Die Schule war eine typische Dorfschule des 19. Jahrhunderts; alles spielte sich in einem Raum ab, der im Winter von einem großen Kachelofen beheizt wurde. Die Kinder waren in zwei Jahrgangsstufen eingeteilt, wobei die kleineren vorne, die größeren hinten saßen. Außerdem saßen die Schüler – wie in der Kirche übrigens auch – nach Geschlechtern getrennt rechts und links des Mittelganges. Lene saß weiter hinten bei den älteren Mädchen, sie drehte den Kopf und ihre Zöpfe drehten sich mit; ja sie wirbelten um ihren Kopf herum. Sie schenkte Jakob ein kurzes Lächeln, das durch das Eintreten des herzoglichen Lehrers, welches ein Aufspringen der Schüler auslöste, jäh unterbrochen wurde.
Es wurden Schiefertafeln ausgepackt zum Vorzeigen der Hausaufgaben, die jedoch auf die Vorder- und Rückseite der Tafeln beschränkt waren. Lehrer Zimmer war gütig in der Beurteilung der häuslichen Arbeiten. Er wusste genau, welcher seiner Schüler daheim hart heran genommen wurde. Manchmal erlaubte er sogar Entschuldigungen, aber oft traute sich keines der armen Tagelöhnerkinder, sich zu melden und zu berichten, warum es zu Hause nichts von dem erledigt hatte, was ihm aufgetragen worden war.
Oft hatten diese Kinder keine eigenen Tafeln; sie behalfen sich dann mit Schieferstücken von verfallenen Häusern, die beschrieben wurden. Der herzogliche Oberlehrer war in allem gerecht und gütig mit seinen Schutzbefohlenen; seinen langen Zeigestock setzte er nur zu Berührungen ein, wenn er es für richtig und unabdingbar hielt, so wie ein guter Reiter sein Pferd niemals mit der Gerte schlägt. Sie diente auch hier nur zur Unterstützung der gegebenen Anweisungen durch leichte Berührung. Er gebrauchte den Stock niemals hart. Er touchierte die betroffenen Kinder nur leicht. Von überharten Bestrafungsorgien, wie sie bei manchen seiner Kollegen üblich waren, distanzierte er sich innerlich. Sein berüchtigter Vorgänger, Oberlehrer Hofmann, der vor kurzem überraschend gestorben war, ein berüchtigter Schläger und Sadist, hatte die Kinder jahrelang gequält und unterdrückt. Niemand hatte ihm Einhalt geboten, warum denn auch.
Die Prügelstrafe war Usus in der Erziehung, die Gründe für ihre Anwendung waren die vermeintlichen Vorteile für Lehrer, Eltern und Erzieher. Die Härte der Anwendung lag allein im Ermessen der Ausführenden. Sie fühlten sich im Recht, aus guten Gründen, wie sie meinten, wie auch der verstorbene Oberlehrer, der sich deswegen nie Gewissensbisse gemacht hatte. Das waren seiner Ansicht nach Gründe, die den Kindern oft nicht so einsichtig waren.
Zimmer jedoch verhinderte durch sein Eingreifen ebenso konsequent die Entstehung einer Rangordnung unter ihnen, die eine Wiedergabe des „Erwachsenensystems“ hätte werden können. Er mischte sich bei Auseinadersetzungen nur ein, wenn offensichtliche Ungerechtigkeit im Spiel war.
Auch unterband er jegliche Versuche der Kinder der Hofbauern und der höher gestellten landwirtschaftlichen Bediensteten des herzoglichen Gutshofes oder des Forstbetriebes, deren Kinder auch in die kleine Dorfschule gingen, Kinder von sozial niedriger stehenden Eltern zu unterdrücken oder zu Dienst- oder Botenzwecken zu missbrauchen.
Er hatte bei der Unterrichtung der beiden Jahrgangsstufen eins bis vier und fünf bis acht keine Unterstützung; das heißt, er musste jedes Mal, wenn er den Kleinen etwas beibringen wollte, den Großen eine Beschäftigung geben oder umgekehrt. Hierbei duldete er keine Unterbrechung, Störungen wurden, wenn sie unberechtigt waren, geahndet. Die Schülerzahl von mehr als 50 Schülern in der kleinen Schule ließ keine andere Handhabung der Disziplin zu. Die Kinder akzeptierten diesen Unterrichtsstil und waren bemüht, ihrem sehr beliebten Lehrer zu folgen, zumal es ihnen auch nicht entgangen war, dass gute Schreib- und Rechenk-ünste durchaus hilfreich, ja unerlässlich waren, bei allen Ein- und Verkaufsgeschäften, die sich im täglichen Leben ihrer Eltern zutrugen.
Die glühende Wärme des nun folgenden Tages zog auf. Dem Morgen war erstaunlich schnell eine Hitze gefolgt, die kein Lufthauch störte. Sie breitete sich durch alle Reihen des Gebäudes aus und brachte die Luft im Schulhaus zum Kochen. Der herzogliche Oberlehrer mühte sich redlich gegen die Temperatur, die Mücken und die stehende Luft im Klassenzimmer an; schließlich entließ er seine Schützlinge in die Pause. Er hatte eigentlich beide Klassen im Deutschen, im Lesen und Schreiben, sowie nach der Pause im Rechnen unterrichteten wollen, wie es sein Stundenplan vorsah, aber er wusste, zahlreiche Kinder wurden dringend zu Hause erwartet. Alle Kleinbauern, Pächter und Tropfhäusler, von den großen Bauern ganz zu schweigen, hatten gemäht und gewendet. Sie würden ihre Sprösslinge und die ihrer Bediensteten zum Heu einfahren dringend brauchen. Er sah also den Kindern bei ihren Pausenspielen zu und beschloss, ihnen noch eine kleine Ruhepause und Erholung zu gönnen. Er rief Lene, Lisa und Marie zu sich, schickte sie in den Schulgarten, um ein paar seiner heiß geliebten Beeren und Kirschen zu pflücken, die schon reif waren.
Zum Ende der Pause ließ er läuten, lief aber den Kindern auf dem Hof entgegen und hieß sie unter dem großen Hofbaum, einer großen Linde, Platz zu nehmen. Dort stand zwar eine Bank, die jedoch nicht für alle ausreichte. Er setzte sich also, schickte Jakob noch nach seiner Geige und Jonas nach den Liederbüchern. Die Mädchen durften ein paar seiner ersten Kirschen und Erdbeeren unter den Kindern aufteilen. Er stimmte sein Instrument, erzeugte einige widerwillige Töne, die sich bald in flotte Melodien wandelten, welche die Kinder auch ohne Bücher kannten.
Die Atmosphäre im Schulhof war heiß, unterbrochen von einem leisen Lüftchen. Die große Linde bewegte anmutig die Blätter zu den Liedern der Kinder, die ihre Wirkung auf die Stimmung dieses Vormittages nicht verfehlten. Der Pädagoge kehrte zurück zu einigen ernsten Angelegenheiten, wie Rechenkönig und anderen Spielen, die den Kindern Spaß machten und gleichzeitig geeignet waren, ihnen beim Lernen zu helfen. Insgeheim dachte natürlich auch er an seine Heuernte bescheidenen Umfanges, die bereits im Schulhausgarten zum letzten mittäglichen Wenden und zum abendlichen Schwaden und Einfahren bereit lag. So entließ er die Kinder eine Stunde früher als vorgesehen, genau mit dem Mittagsläuten der Uhr der Schlosskapelle auf ihren Nachhauseweg.
Als die Kinder den Schlossberg überquerten, sahen sie schon von weitem alle Bewohner des Haselhofes mit Ausnahme von Christine und Großmutter Katharina auf den oberen Talwiesen ihrer Arbeit nachgehen. Opa war mit Willi schon fast mit dem Wenden der gemähten Stücke fertig, während Hans und Nina schon auf dem ersten Wiesenstück begannen, luftige Schwaden zusammen zu rechen. Als die Kinder die beiden sahen, begannen sie zu laufen und zu rufen. Ihr Vater entdeckte sie als erster und schwenkte seinen Hut. Er legte seinen Rechen weg, pfiff nach Großvater und Willi und lief auf den Waldrand zu, wo Max und der Braune geduldig auf ihre Fuhre Heu warteten, die sie nach Hause bringen sollten. Man setzte sich also in den Schatten des Leiterwagens und in die Baumschatten am Waldrand, aß, trank und genoss eine weitere halbe Stunde Ruhe, im Gras liegend, die Wolken betrachtend oder einfach dösend.
Willi und Nina begannen ein wenig zu schäkern. Dies erweckte die Neugier der beiden Mädchen, was die beiden wohl im hohen Gras sich leise lachend und sprechend mitzuteilen hätten. Die Jungen taten so, als würde sie das Ganze in keiner Weise interessieren. Sie drehten den beiden Verliebten und den Mädchen, die auffällig unauffällig an das Liebespaar herangerückt waren, um nichts zu verpassen, demonstrativ den Rücken zu.
Opa und Vater betrachteten das Ganze vom Waldrand aus, wo sie sich beide nieder gelassen hatten, und darüber amüsierten. Hans gönnte allen noch eine halbe Stunde länger zum Ausruhen, dann rief er alle zurück zur Arbeit. Das Einfahren des Heus begann; das Wetter war stabil und alle waren bester Stimmung, denn eine gelungene Heuernte, ein voller Heuschober duftenden trockenen Heus war neben der Getreide- und Kartoffelernte ihre Lebensgrundlage für den kommenden Winter. Es sollte gelingen und es gelang auch. Mehrere Fuhren wurden bis abends nach Hause gefahren und eingebracht. Beim Hochgabeln auf den Heuboden der Scheune griffen auch Mutter und Oma mit zu. Vater entschied jedoch, die eine Wiese, die zuletzt gemäht worden war, noch eine Nacht liegen zu lassen. Das Wetter erschien dauerhaft, alle Mitarbeiter einschließlich Max und dem Braunen waren erschöpft und die Versorgung der Tiere auf dem Hof musste des abends auch noch erledigt werden.
Jonas und Jakob bekamen die Erlaubnis, mit den beiden Pferden noch vor dem Abendessen nach der Schwemme zu reiten. Max und der Braune waren so erschöpft, dass ihnen ein Gang dorthin zum Abkühlen, Regenerieren und Trinken – ebenfalls vor ihrem Abendbrot – nur nutzen konnte.
Die Schwemme war der bereits bekannte Bade- und Tränkeplatz für Mensch und Tier, nach dem sie eilig, ohne das Abendessen der restlichen Familie abzuwarten, aufgebrochen waren, nicht ohne von ihrer Großmutter das Versprechen zu erhalten, dass sie ihnen vom Essen etwas übrig behalten würde. Das Vieh wurde auf dem Weg zur Weide hindurch getrieben und getränkt. Der kleine angestaute Weiher wurde von den Kindern oft heimlich zum Schwimmen genutzt und auch nachts oft von Liebespaaren besucht, wobei man sich nicht erwischen lassen durfte. Das Tränken von Vieh war erlaubt, auch das darin Herumwaten oder auch Baden mit Unterbekleidung wurde von der Obrigkeit toleriert – vor allem, wenn man Vieh zu hüten hatte. Die Art und Weise, wie die beiden Jungs jetzt nackt darin herum tollten, hätte ihnen jedoch mit jedem Vertreter der im Schloss ein- und ausgehenden Oberschicht einen gehörigen Ärger eingebracht.
Sie hatten sich aber vergewissert, dass keiner daher kam, außerdem waren sie früh dran. Weitere Badegäste waren erst nach der Erledigung der abendlichen Arbeiten in zwei, drei Stunden zu erwarten.
Sie hatten sich aus Ruten Schwerter geschnitten und ritten mit den beiden Pferden Attacken gegen einander, deren Ausgang zwar ungewiss war, aber nicht hart erkämpft wurde. Sie wussten auch, dass ihr Vater keine mutwillige oder im Streit verursachte Verletzung – ob bei Mensch oder Tier – akzeptieren würde und so fochten sie ihr friedliches Turnier zu Pferde aus, ritten ihre Attacken im Bachbett, Durchgang für Durchgang, bis ein leichter Vorsprung für Jakob durch Jonas nicht mehr aufzuholen war. Jede erste Berührung des Gegners führte zu einem Punkt, Jakob führte mit drei Punkten.
Die Pferde wurden langsam müde, obwohl sie das Bad nach dem langen Arbeitstag natürlich erfrischt hatte. Das Spiel im Wasser machte beiden sichtlich Spaß. Die hoch spritzende Gischt erschreckte sie nicht, sie waren voll Vertrauen zu ihren beiden Reitern, die ihnen gleichzeitig auch Freunde waren. Oft kamen die Kinder zu ihnen, steckten ihnen Leckereien zu, vergruben sich mit ihren Tränen in ihren Mähnen und flüsterten ihnen die Ängste und Sorgen ihres jungen Kinderlebens zu, wenn sie nicht schlafen konnten, oder wenn sie in der Schule oder im Alltag gestraft wurden.
Ihre Eltern waren beide zu gut, um sie zu züchtigen, wie es in anderen Familien gang und gäbe war, also täglich und regelmäßig mit aller Härte und Konsequenz, ja sogar mit der Suche nach Verfehlungen, um eine Rechtfertigung zum Schlagen, zum Einsperren, um nur einige der Möglichkeiten zu nennen, zu haben. Diese Art der Erziehung war also nicht notwendig im menschlichen Sinne. Sie stand auch im Gegensatz zu dem oft idyllischen Bild, das sich den an den Höfen der einfachen Leute vorbei fahrenden Betrachtern, wie zum Beispiel Mitgliedern des herzoglichen Hofes oder anderer Personen der im Schloss verkehrenden Oberschicht bot, war aber durchaus nützlich für die Erhaltung des Systems von Untertanen und Herren.
Bei der oft erbärmlichen Lebenssituation der Menschen war die Prügelstrafe oft das vermeintlich einzige Ventil, das die Menschen hatten. Sie war auch für manche Familien wichtig, deren Eltern es nicht für nötig hielten, ihre Kinder mit Liebe und Respekt zu erziehen und sich so deren Unterstützung und Mithilfe zu sichern. Viele Familienoberhäupter wählten den vermeintlich einfacheren Weg der gewalttätigen Erziehung, deren Prinzipien sie dann meist mit aller Härte auch bei der Behandlung ihrer Untergebenen anwendeten. So unterschied sich die Stimmung der Bewohner einzelner Höfe oft grundlegend, je nachdem, wie diese geführt wurden.
Die Kinder waren für die armen Wanderarbeiter, Holzhauer, Köhler und Tagelöhner oft die einzigen Arbeitskräfte auf ihren kleinen Hofstellen, sofern sie eigene hatten. Waren sie als Mägde und Knechte verdingt, so war es ihnen ohne Erlaubnis selbstverständlich nicht gestattet, ein Verhältnis zu beginnen oder zu heiraten, geschweige denn, eigene Nachkommen zu haben.
Von dieser Fortsetzung der Hierarchie der feudalistischen Ordnung und Herrschaft waren die Geschwister des Haselhofes nicht in dem Maße betroffen, wie die Kinder manch anderer Leute. Sie hatten eine glückliche Kindheit und wenn ihnen eine Backe brannte, was selten genug oder eigentlich nie vorgekommen war, dann wussten sie warum.
Ihre schmerzhaftesten Erlebnisse mit Bestrafungen hatten beide Buben jedoch außerhalb der Familie gemacht. Jakob hatte einmal die Peitsche des Meldereiters zu spüren bekommen, als er vor Jahren auf dem Nachhauseweg von der Schule nicht schnell genug zur Seite gewichen war. Sein Bruder hatte sich oft den Zorn des verstorbenen Oberlehrers zugezogen, weil seine Aufmerksamkeit durch seine Träumereien häufig zu wünschen übrig gelassen hatte.
Jonas war mit fünfzehn Jahren im Vergleich zu seinen Mitschülern eigentlich schon viel zu alt. Seine schweren, fiebrigen Erkrankungen in der frühen Kindheit hatten zu einer verspäteten Einschulung geführt. Diese Entscheidung, die der herzogliche Oberlehrer auf Katharinas und Christines Bitten getroffen hatte, hatte sich im Laufe der Jahre als richtig erwiesen.
Die Pferde waren nun erschöpft und die immer länger werdenden Schatten ließen die beiden Jünglinge innehalten, sie dachten auch an die noch am Bahndamm liegenden leeren Kannen, die der Zugführer in der Kurve zwischen der Stadt und dem Dorf hinaus geworfen hatte. Das war freilich eine interne Abmachung zwischen ihm und den Kindern. Sie ersparte ihnen den extra Weg zum Haltepunkt des Dörfchens, der weitaus länger war, als der Abstecher an die Bahnlinie. Jakob setzte sich also auf Max und galoppierte ihn nochmal an; bald war er für seinen Bruder nicht mehr sichtbar, verschwunden hinter der nächsten Wegbiegung. Nur das Hufschlaggeräusch des Pferdes im Arbeitsgalopp war noch zu hören, dann verstummte dies auch und Jonas und der Braune waren allein an der Schwemme.
Vom Schloss war eine Glocke der Kapelle zu hören; dünn klang sie herüber über die herzoglichen Gärten und den Wald, leise zum Rauschen des Haselbaches und zum Geräusch der wogenden Baumwipfel. Jetzt zeigte sie mit einzelnen Schlägen die volle Stunde an. Bald würden alle Glocken zum Abendgebet rufen. Es mischte sich aber nun etwas Anderes darunter, das Geräusch zweier sich in schneller Gangart bewegender Pferde vom Reitweg her, nicht von Bauern- oder Waldarbeitspferden, die geritten wurden, nein, es waren die Hufe von Reitpferden, die galoppierten, gleich würden sie hinter der Biegung des Weges auftauchen.
Jonas rutschte blitzschnell vom Rücken des Braunen, glitt ins Wasser und versteckte sich im Weidengebüsch. Da sah er sie, die beiden Pferde des herzoglichen Stalls, besetzt von einem Jäger und von ihr, Amelie, der jüngsten Prinzessin des herzoglichen Hauses. Sie konnten ihn beide in seinem Weidenversteck nicht sehen, wie er annahm. Jonas war sofort fasziniert von ihr, ihrer Anmut in dem braunen Jagdanzug, den sie trug, in braunen Lederreithosen, mit ihrem wehenden brünett-blonden Haar. Eine junge Frau, die jenseits aller Konventionen im Herrensitz und Hosen den Weg lang galoppierte. Sie war in einen Disput mit Georg, dem jungen Jäger verstrickt und bemerkte ihn anscheinend nicht.
„Aber gnädiges Fräulein, wir müssen zurück zur Abendandacht, wenn Euer Vater etwas über den Ausritt erfährt, bin ich meine Stellung bei Hofe los“, hörte Jonas Georg noch rufen, dann waren sie hinter der Weggabelung verschwunden und das Geräusch der beiden Pferde wurde leiser.
Dieses junge Mädchen, das ihm schon oft von weitem bei Empfängen oder Veranstaltungen aufgefallen war, weckte jetzt, da er sie von seinem Versteck aus in ihrer ganzen natürlichen Schönheit gesehen hatte, Empfindungen, die ihn in seiner kindlichen Jungenhaftigkeit ahnen ließen, was eine Frau für einen Mann bedeuten kann.
Wie betäubt von der Schwere seines Eindruckes saß er noch in seinem Versteck, als Jakob ihn anrief: „He, was machst du Trottel im Gebüsch? Hast du mich nicht kommen hören?“
Jonas stammelte irgend etwas, was nicht genau zu bezeichnen war, und glitt blitzschnell ins Wasser, schwamm zum Braunen und zog sich an seinem Hals hoch auf den Rücken.
„Hast du sie gesehen?“, fragte er, immer noch außer Atem, seinen Bruder.
„Wen?“, fragte Jakob.
„Na, Amelie, Prinzessin Amelie und den Jäger. Sie sind im Galopp den Weg lang“, antwortete Jonas erregt.
„Na, und da hat es dir so die Sprache verschlagen, dass du fast vor Schreck vom Ast gefallen bist, als ich dich angesprochen habe? Ja sie ist wohl die Schönste im ganzen Land, aber du bist nicht ihr Bräutigam und du wirst es nie sein“, war Jakobs weitaus kühlere und distanzierte Antwort.
Jonas wusste das auch, er kam zurück auf den Boden der Tatsachen. Beide stiegen von ihren Tieren ab und begaben sich ans Ufer.
Freundschaftlich rauften die beiden dort noch eine Weile herum; Jakob neckte Jonas mit seiner Verliebtheit, aber bald hatte er keinen Spaß mehr daran. Er war kein Streithammel, beide Brüder waren die besten Freunde. Sie besannen sich ihrer Aufgaben und holten beide Pferde aus dem Wasser, wo sie noch immer standen. Max und der Braune wälzten sich noch an ihren Halftern, die von den Kindern gehalten wurden, auf der Böschung im noch warmen Gras. Sie schnaubten zufrieden und senkten sogar ihre mächtigen, zotteligen Hälse, um die Kinder aufsitzen zu lassen.
Mit einem Lederriemen verband Jakob abermals die Kannen und legte sie über Max‘ Widerrist. Sie schnalzten und johlten, trieben die beiden Pferde im Trab den Haselbachweg hinauf in Richtung auf ihren heimatlichen Stall zu. Es bedurfte keiner weiteren Ermunterung. Die beiden Pferde kannten den Weg. Es war ihr Nachhauseweg. Die Kinder mussten sie bremsen, denn Vater und Opa sahen es nicht gerne, wenn die Pferde noch nass vor der Stalltür stehen würden.
Die Glocken der herzoglichen Schlosskapelle begleiteten die Reiter noch eine Weile während ihres nun verlangsamten Ritts. Jonas konnte Amelie nicht vergessen. Ihre unnahbare Schönheit erfüllte ihn mit Sehnsucht. Ein Sehnen nach einer Frau, das er bis jetzt noch nie gefühlt hatte. Er konnte nicht damit umgehen. In seiner Magengrube und in seinem Herzen bewegte sich alles, was er bis jetzt noch nie gefühlt hatte. Er musste sich festhalten, um nicht die Konzentration während des Ritts zu verlieren. Jakob ritt auf Max voraus und bemerkte das Wechselbad der Gefühle nicht, in dem sein Bruder steckte. Dieser hatte nur die dünn herüber klingenden Glocken in den Ohren, die über dem Wald zu hören waren.
Er dachte an Amelie. Er wünschte ihr so sehr, sie hätten den herzoglichen Marstall rechtzeitig erreicht. Er sah sie, wie sie die Treppen hinauf rannte, wie sie vom Jäger durch die Gesindezugänge im Schloss geleitet wurde, begleitet von Kathrin, einem Küchenmädchen, das dem Jäger zugetan war. Sie half den beiden Entflohenen ohne Arg und Hintergedanken. Jeder wusste, dass es nur Amelies Starrsinn war, der den Jäger dazu gezwungen hatte, sie zu begleiten.
Amelies Stolz, ihre Schönheit und ihre List führten dazu, dass keiner ihr widerstehen konnte. Sie drohte Georg offen mit der Weitergabe vertraulicher Informationen, z. B. nächtlicher Ausritte mit Kathrin auf geliehenen Pferden der herzoglichen Hofhaltung, dem Verteilen von Rotwildresten oder auch Wildschweinstücken an die hungrigen Ziegelhüttenkinder, von denen ihr Georg erzählt hatte. Das war eigentlich ein schweres Vergehen. Aber Georg hatte es schon zusammen mit dem alten Oberförster getan, als er von diesem seine Ausbildung erhalten hatte.
Die hungrigen Kinder der Waldarbeiter und anderer Geringer begleiteten die Jäger oft bei ihren Pirschgängen. Sie trugen ihnen Lasten nach, das Gewehr (natürlich nur in Ausnahmefällen, bei besonderem Vertrauen), oder auch Teile der Beute des erlegten Wildes. Das gab manchmal ein paar fleischbesetzte Knochen, Innereien, oder auch den Kopf eines Tieres, sofern er nicht abzuliefern war. Die Kinder trugen ihre Beute stolz heim. In den Ziegel- und Waldarbeiterhütten war dies eine willkommene Bereicherung des Speisezettels. Die Kinder genossen die Anerkennung, die ihnen zuteil wurde. Ihre Eltern, die ja mehr als genug mit der täglichen Arbeit zu tun hatten, gaben ihren Sprösslingen alle Bewegungsfreiheit, die sie brauchten, um aus dem Wald zum Lebensunterhalt beizutragen. So genossen die Kinder der „Wäldler“ eine größere Bewegungsfreiheit als andere Kinder. Sie konnten des öfteren vermeintlich frei ohne Begleitung unterwegs sein, was Sprösslingen höher gestellter Eltern natürlich untersagt war.
Amelie wollte Georg nicht wirklich anschwärzen, sie war eine gute Seele, aber auch hochherzig und stolz und sie wusste ihren Kopf durchzusetzen. Jonas sah sie immer noch wie sie eilig ihr Jagdkleid auszog, um in das Gewand zum Kirchgang zu schlüpfen, als er nur noch erstaunt registrieren konnte, wie er über den Hals des Braunen hinweg kopfüber in die Miste vor dem elterlichen Haus flog.
Der Braune hatte natürlich gebremst, als sie den heimatlichen Stall erreichten. Jakob und Großvater hielten sich den Bauch vor Lachen. Die betörenden Bilder seiner kleinen Prinzessin waren in Sekundenbruchteilen geplatzt wie Seifenblasen. Er lag kopfüber im Mist. Seine Schulter war ein einziger Schmerz. Zähne knirschend stand er auf.
Großvater, der sich mittlerweile vor Lachen krümmte, konnte diesen Sturz nicht begreifen. Jonas war ein guter Reiter. Er hatte wohl automatisch das Tempo hinter Jakob und Max gehalten. Aber er war so in seine Träumereien vertieft gewesen, dass er einen schweren Unfall erlitten hatte.
Jakob sah Jonas' Enttäuschung, ja Verzweiflung in dessen Blick, als dieser sich aus der Rinne vor der Miste hoch rappelte, und aufheulend vor Schmerz zu dem Braunen hin humpelte, um ihn schnell in den Stall zu führen. Jonas tat seinem Bruder leid; er sah keinen Grund, ihn weiter durch das Lachen zu verletzen. Schnell sprang Jakob von Max‘ Rücken und rannte zu Großvater, der vor lauter Lachen den Tadel über die noch nassen Pferde vergaß.
„Er ist verliebt, Großvater, lach ihn bitte nicht aus. Ich geh jetzt auch rein und wir machen die Pferde trocken“, raunte er seinem Opa ins Ohr.
Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen. Er zwang sich sofort zu einer Unterdrückung seines Lachens, nein er zwang sich nicht, er hörte sofort auf. Seine Enkel waren ihm lieb, und da er jetzt den Grund kannte, war ihm seine Heiterkeit sofort vergangen.
„Kommt rein, wenn ihr fertig seid, das Essen wartet auf euch!“, rief er noch, dann verdrückte er sich schnell, verlegen in die Küche zu Katharina, die am Herd hantierte.
„Nimm Jonas mal in den Arm, wenn er rein kommt, er ist gerade schwer vom Braunen gestürzt. Aber lass ihn in Ruhe. Ich erzähl dir nachher im Bett, was ich weiß“, sagte er leise zu seiner Frau.
Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu und sie verstand ihn. Sie antwortete mit einem Augenaufschlag, der all ihre Liebe für ihn zum Ausdruck brachte, und fragte nicht weiter nach. Von draußen hörte sie schon das Klappern der Haustüre, die beiden Knaben kamen in die Küche. Jonas war zwar etwas durcheinander nach all den Ereignissen, aber auch er hatte Hunger und das Essen, das Großmutter bereitete, roch zu verlockend. Sie sah natürlich seine Schrammen im Gesicht und das angeschwollene Handgelenk, versorgte ihn, umarmte ihn und tröstete ihn, aber sie drang nicht in ihn. Sie hielt sich mit Fragen zurück, obwohl ihr weiter die fiebrige, heiße Abwesenheit des Jungen auffiel. Sie konnte aber warten. Sie wusste, ihr Enkel würde ihr, ihrem Mann, oder seinen Eltern alles erzählen, wenn er das wollte. Sie konnte auch auf Johannes‘ Erklärungen zur Nachtzeit warten. Jetzt hatte sie erst mal zu tun, ihre Mehlsuppe zu rühren und aufzutragen.
Aus dem Kuhstall hörte man schon die Stimmen von Willi und Nina. Sie hatten gefüttert und rumorten im Hausflur herum. Schuhe und Kleidung wurden gewechselt. Willi nutzte die Gelegenheit, um Nina beim Wechseln der Schuhe und der Schürze zu kneifen und zu ärgern.
„Hört auf ihr zwei mit dem Gequietsche und Gerede!“, rief die alte Hofchefin im Befehlston durch die geschlossene Tür. „Holt lieber meinen Sohn und meine Schwiegertochter zum Essen, falls sie auch noch Hunger haben!“, fuhr sie fort.
Die auf dem Hof Verbliebenen hatten sich, als die beiden Buben den Hof mit den Pferden verlassen hatten, doch nur mit einem Stück Brot und Äpfeln als Zwischenmahlzeit beholfen, so dass Katharina sie alle nicht zweimal auffordern musste, zum Essen zu kommen, so hungrig waren sie.
Vater und Mutter waren noch mit dem Abladen von Stangenholz beschäftigt. Aber auch sie folgten schnell den Rufen von Willi und Nina. Lisa und Marie kamen ebenfalls ins Haus zum Essen.
Alle Geschwister wurden früh zu Bett geschickt, das heißt sofort nach dem Abendessen, das ja doch erst um halb zehn beim Dunkelwerden eingenommen worden war. Jonas' Stimmung besserte sich schnell, die Prinzessin war für ihn unerreichbar, aus einer anderen Welt, ihre Wildheit und Frische jedoch hatte sein Herz erreicht, ein tiefer Eindruck, den der Junge noch bei keinem Mädchen aus dem Wald oder aus dem Dorf erlebt hatte.
Sein Bruder zog ihn deshalb nochmal scherzhaft auf, verband dies aber mit dem Hinweis, dass er sich gar nicht einzubilden brauche, eine Prinzessin aus dem herzoglichen Hause würde jemals Notiz von ihm nehmen. Sie redeten sich beide noch heiß über die Ereignisse des Tages, über die Mädchen aus dem Dorf, über Lene, die Tochter des Köhlers. Das leidige Handgelenk hinderte Jonas nicht, sich noch eine kleine Kissenschlacht zu liefern, bis der Vater durch ein energisches „Ruhe“, das durch das ganze Haus tönte, Einhalt gebot.
Die Nacht brachte etwas Kühle und einen Hauch von Wind, der allem Heu, das noch draußen lag, auch während der Schlafenszeit der Menschen beim Trocknen half. Alle Bauern, die noch am Abend unruhig vor dem Haus standen, weil ihr Wintervorrat an Heu nur noch eine Nacht und einen halben Tag zum Trocknen brauchen würde, kehrten mit einem ruhigen Gefühl in ihr Haus zurück und schliefen gut und tief.
