Die kleinen Manöver - Julia Wörle - E-Book

Die kleinen Manöver E-Book

Julia Wörle

0,0

Beschreibung

Jede der Figuren manövriert sich durch das, was man Leben nennt. Mal mehr, mal weniger liebenswert, mal mit dem Kopf über oder unter Wasser. Die zwölf Episoden sind inhaltlich und formal miteinander verflochten. Was in einem Text passiert, bewegt den anderen Text, weit voraus in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Oft kommt es zum Schiffbruch, der Kapitulation vor dem gegenwärtigen Augenblick. Und manchmal ist die Rettung auch ganz nah. Figuren wie Orte sind unspektakulär und alltäglich. Alle zwölf Texte können als u. a. Momentaufnahmen normaler kleiner Verrücktheiten unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche gesehen werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



»An den Bruchstellen sieht man, dass es alles einmal zusammengehört hat und noch immer zusammengehört. Es macht mich froh, immer, wenn ich mich daran erinnere. Wunderschön.«

Frau N. beim Betrachten der Weltkarte

»Da denkt man, die Erde sei ein festes Gefüge. Doch die Kontinentalplatten bewegen sich immer in der Geschwindigkeit, in der beim Mensch die Nägel wachsen. Alles in dauernder Veränderung, ein paar Millionen Jahre mehr, und es ist nichts weiter als ein Katzensprung von Traunstein nach Ulan Bator.«

Frau H. über die Bewegung der Erdkruste

Inhaltsverzeichnis

BLINDE FLECKEN

HINTER DEN HÄUSERN DAS MEER

DIESES GELB, SEHR HELL

DEIN ROST ERST

HALB VERBORGEN UNTER DEM NACHWACHSENDEN GRAS

DAS ALTERN IN STUNDENKILOMETERN

DIE KLEINEN MANÖVER

VOM REISESSEN MIT DER HEUGABEL

VERSUCHSANORDNUNG GEGEN DEN WIND

ANMERKUNGEN AUS EINEM ÜBERLEBENSHANDBUCH

BESUCHSTAG

DEM LICHTMACHER BEI SEINER ARBEIT ZUSEHEN

CHRONOLOGISCHE REIHENFOLGE

VERBINDUNGEN UNTEREINANDER - Teil 1

VERBINDUNGEN UNTEREINANDER - Teil 2

VERBINDUNGEN UNTEREINANDER - Teil 3

Eine Ausfallstraße wie ein Stolpern, ein missglückter Tanzschritt. Dahinter, in einiger Entfernung, die Stadt. An der Straße das Hotel, in dem sich Monteure einmieten oder Geschäftsreisende, die kein Zimmer mehr in den Hotels der Innenstadt bekommen haben. Direkt gegenüber die grün beleuchteten Raketentürme einer Moschee und die Lichtreklame der Spedition Schilling, die flackert, als hätte sie Schluckauf.

Allem unterlegt als säumendes Samtband der Straßenlärm – du bist immer einsam, aber dies ist der vollkommene Ort dazu. Es gibt sogar einen kleinen Laubwald hinter dem Hotel. Wunderschön, trotz des Mülls, den die Hotelgäste gelegentlich aus dem Fenster werfen. Dazwischen das Orange einiger Ringelblumen, die entlang der Einfahrt zum Hotel blühen. Hinter der Moschee noch ein kleiner Kanal, verwaiste Einkaufswagen parken im Wasser, Gerda hat ihr erzählt, dass dort im Frühsommer die Frösche quaken. Mit der gleichen kindlichen Freude, mit der sie ihr von den Mottoseifen erzählte: Auf die kleinen abgepackten Gästeseifen sind neuerdings neben dem sperrigen Logo des Hotels Mottosprüche gedruckt. Carpe diem – Pflücke den Tag. Angemessen dosierte Infusionen an Lebensmut, guter Laune und robuster Zuversicht.

Gerda hat die Silhouette eines Panzerkäfers, eine Frisur, die wie der Plastikhelm eines Playmobilmännchens auf ihrem Kopf sitzt, schnurgerade geschnittene Fingernägel. Das Gesicht arglos und offen wie bei einem kleinen Kind, mit den Zähnen eines Nagetiers, klein und spitz.

Erst ist Caro schockiert von der Bedingungslosigkeit, mit der Gerda bereit ist, jeden und alles zu lieben. Es hat etwas von jemandem, der sich mitten im Berufsverkehr die Kleider vom Leib reißt. Befremdend. Sodass Caro sich manchmal ein großes Handtuch wünscht, um es um Gerda zu legen. Gegen die ungläubigen Blicke. Und gegen das bodenlose Staunen, wenn Gerda die Leute mit ihrer Liebe flutet.

Auch Caro muss diese Uniform tragen, ein Bordeauxrot, das auf seltsame Art altklug wirkt. Der Rock geht über die Knie, das Jackett hat den Charme einer Schwimmweste, vielleicht, überlegt Caro, sind wir bei einer spontanen Springflut fein raus mit den Dingern.

Und notfalls können wir uns an die Trockenblumenarrangements aus dem Frühstückssaal klammern, um nicht zu ertrinken.

Ertrinken. Diese Fallbewegung durch die Zeit. Einer der Gründe, warum du hier bist.

Morgens im Frühstückssaal, indirekte Beleuchtung und die Verkleidungen aus Kunstholz. Besagte Trockenblumenarrangements, die wie die Ermahnungen altbackener Tanten herumstehen und langsam in ihrer Autorität abbröckeln. Kleine Plastikbehälter für den Tischabfall. Licht wie Zahnbelag. Das verschämte Frühstücksbüfett: Filterkaffee, Obstsalat aus der Dose, Konfitüre, kleine abgepackte Butterklötze. Hart gekochte Eier.

Nick, der Koch, hat feste Prinzipien. Es darf aufwendig sein und Mühe machen, es darf nur nicht allzu gut schmecken. Keine frischen Früchte, kein Gemüse, kaum Gewürze, höchstens etwas Glutamat. Inzwischen kann Caro seine Konsequenz anerkennen. Es ist seine Art, sich gegen die Bio-Welle, die Ich-koch-mich-glücklich-Sendungen und die Gourmets der breiten Masse abzugrenzen.

Es ist ein prüdes Frühstück, ein deutsches Frühstück der 1950er-Jahre, zurückhaltend in Pastellfarben, die Brötchen züchtig in ihrem Körbchen, Marmelade in den bodenständigen Sorten, die Butter in hochgeschlossener Verpackung. Käsescheiben, arrangiert zu adretten Spiralen. Die bigott aufeinandergepressten Lippen der Servietten. Nur der Aufschnitt liegt schamlos entblättert, fast schon obszön auf den Glasplatten. Die leicht fettige Doppelmoral des Fleisches.

Alles unerträglich, wäre da nicht Gerda. Sie hilft den Gästen beim Wachwerden. Mit einer abgeschabten Thermoskanne kommt sie an den Tisch, schenkt unermüdlich braven Filterkaffee ein, versucht, jeden Wunsch der Gäste zu erfüllen. Caro arbeitet lange nicht so hingebungsvoll. Sie hat Angst vor den Gästen, hat Angst vor Nick in der Küche. Wenn sie ihn nach grünem Tee fragen muss. »Haben wir nich'«, sagt er, »nur schwarz oder Hagebutte.«

Er sagt es leise, aber so, dass sie sich schämt, überhaupt danach gefragt zu haben. Und dann schlurft er zurück und richtet weiteren Aufschnitt auf den Glastellern an.

Ein Büschel Petersilie, das sich erschöpft am Rand krümmt. »Nimm das mal mit raus.«

Heute sind besonders viele Männer hier – Caro merkt es auch daran, dass sie nun schon zweimal Wurst und Aufschnitt nachlegen musste. »Nun mach schon, der Kaffee ist auch schon wieder alle.« Der Kragen der Schwimmweste scheuert.

Doch da lächelt Gerda sie an – über die Tische hinweg, über das Gebrodel der Frühstücker, über dieses abgestandene 7.30-Uhr-Licht, das durch das Panoramafenster in den Saal sickert und sich mit der indirekten Beleuchtung zu einem trüben Kleister vermischt. So, als hätte ein Kind ein schmutzig-matschiges Braun aus allen Farben seines Malkastens zusammengerührt – mutwillig erst und schließlich nur noch traurig.

Gerda lächelt Caro an. Sodass Caro durch dieses Lächeln wieder alles ein kleines bisschen besser aushalten kann. Und wenn du es hier nicht aushalten kannst, wo dann?

Hier und jetzt: Die Geschäftsleute in ihren zweitklassigen Anzügen, die ihre Gereiztheit mit einer weiteren Tasse Kaffee befeuern, an ihren Telefonen herumfummeln, manchmal einen verstohlenen Blick auf eine der mitreisenden Kolleginnen werfen, wenn diese in ihrem engen Hosenanzug an ihnen vorbeigeht, um noch ein Glas Orangensaft zu holen.

Monteure, die methodisch ein weiteres Ei abpellen, den Käse in handliche Quadrate schneiden, ehe sie ihre Brote damit belegen, und sich untereinander nur durch ein kleines Nicken, eine angedeutete Handbewegung verständigen.

Sie alle wirken auf Caro manchmal wie Menschen, die sich erst einen Schacht für ihre Worte graben müssen, da es noch so früh ist und die Nacht alles wieder verschüttet hat mit Traumgeröll. Und sie selbst weiß, wie mühsam es ist, dieses Aufstehen und dann das Zurückfinden in die Sprache, und das jeden Morgen von Neuem.

Manchmal zum Verzweifeln. Als hätte sie morgens noch magische Zeichen aus Ruß und getrocknetem Blut auf der Stirn, als hätte sie Amulette aus Federn und Knochen in der Hand, alles aus jenem fernen Land, in das die Nacht sie verschleppt hat, in das es nun aber keinen Weg zurück gibt.

Der Morgen überrollt sie; der Wecker klingelt aus dem Hinterhalt, und sie muss sich in die Passform ihrer bordeauxroten Uniform boxen. Selbst hier, an der Ausfallstraße, in der mitteldeutschen Provinz, selbst hier wird Caro von dem frühmorgendlichen Entsetzen aufgespürt.

Heute gibt es zum Frühstück: Darmträgheit, untermalt mit dem Husten der Lkw, die gegenüber von der Spedition Schilling in den Tag starten, die Kommentare des überdrehten Moderators im Frühstücksfernsehen. Und das Herzstück: Gerdas Lächeln.

Später der Zimmerdienst. Mit dem Rollwagen, auf dem sich Putzsachen, frische Handtücher und Bettwäsche befinden, auf Tour gehen durch die langen Gänge. Im blank polierten Steinfußboden spiegeln sich die grünen Beleuchtungen der Notausgänge, spiegeln sich Caros eigene Fluchtreflexe.

Eine Art Zusammenbruch. Sie ist einfach abgehauen. Von Arne, dem Mann mit dem sie zusammenlebt, von ihrem Job. Es war mitten in einer Pilatesstunde, die sie nach der Arbeit besucht hatte. So fing es an. Dass sie alles nur noch ganz technisch sah. Da war die Wartung ihres Körpers. Da war der unermüdlich fordernde Mechanismus ihrer Arbeit, da war Arne, ebenfalls nichts weiter als ein sich drehendes Schräubchen. Sie stand im Studio, die Musik dröhnte, die Lehrerin sagte die Übungen an, und sie sah sich im Spiegel zu. Ferngesteuert. Ein Apparat, hoch kompliziert. Mit versagenden Triebwerken. Beim nächsten TÜV spätestens würden die vielen blinkenden Warnlämpchen auffallen.

Und da ist sie einfach aus der Stunde gegangen, hat sich in den verschwitzen Sportklamotten ins Auto gesetzt und ist gefahren. Irgendwohin. Hat beim Fahren mit sich selbst gesprochen, weil ihr die Luft wegzubleiben drohte. Spürte, wie sich ihre Lungenflügel zusammenzogen, wie die Angst ihr dickflüssig den Hals hinunterlief, bis sie sich in ihrem Bauch zu einem Klumpen verhärtete.

Sie ist langsamer gefahren, ist abgebogen irgendwo. Bis sie auf einmal bei dem Hotel landete. Sie ist dort angespült worden wie eine Schiffbrüchige, ist mit letzter Kraft an den Strand gerobbt.

Die erste Nacht in ihrem Hotelzimmer, diese Stille, die nicht einmal von dem spärlichen Verkehr der Ausfallstraße unterbrochen wird. Das Bett weiß bezogen, nichtssagend und anonym, und sie schläft traumlos und tief, als sei genau diese Anonymität, diese papierene weiße Stille, das, wonach sie sich schon lange gesehnt hätte. Manchmal ein Paar Autoscheinwerfer, die die Wand ihres Zimmers mit einem fernen Schimmer streifen, darüber wischen und ihre Lichtspuren wieder mitnehmen auf ihre Fahrt.

Der Geruch nach frisch gesaugtem Teppichboden. Über dem Bett ein Kunstdruck: zwei feiste, pastellgesichtige Engel. Die glänzende Stirn des Röhrenfernsehers. Ein Sessel aus braunem Lederimitat, der verstockt in der Ecke steht. Sie sieht ihn lange an. Denkt, dass dieser Sessel etwas Schmollendes, Beleidigtes hat. Fast hätte sie ihre Kleider dort weggenommen und woanders hingelegt, um ihn nicht noch mehr zu kränken. Bist du ein verzauberter Prinz?, fragt sie. Oh bitte, nicht noch einer.

Am nächsten Morgen sieht sie das Schild an der Rezeption. Personal gesucht. Gerda steht hinter dem Tresen. Lächelt sie an, halbmondförmige Augen, breiter Mund, fahler Teint. Nur wenige Stunden später bekommt sie ihr neues Zimmer, die Arbeitskleidung, und wird bereits am nächsten Tag von Gerda eingewiesen. Frühstücksservice. Zimmerdienst. Eine erste Begegnung mit Nick, dem Koch. Ein Lächeln aus Styropor. Der trockene Druck seiner Hand. In den Augenwinkeln das Misstrauen eines betrogenen Kinds. Nichts ist gut, gar nichts ist, wie du es mir versprochen hast.

Sie ist geborgen in einem toten Winkel. Niemand wird sie hier vermuten, sie kann untertauchen, um in aller Ruhe wieder zu Atem zu kommen.

Beim Zimmerdienst erlaubt sie sich eine einzige Abweichung aus der Rolle des Hotelpersonals: Sie fotografiert die verlassenen, benutzten Zimmer. Es bereitet ihr Frieden. Es ist ein magischer Moment, wenn sie fotografiert, was andere achtlos zurückgelassen haben, als wäre darin eine Botschaft an sie versteckt; in den benutzten Betten, unter den Verwerfungen der Bettdecke, den Abdrücken im Kopfkissen, den zusammengeknäulten Handtüchern, manchmal gleichgültig auf den nassen Boden des Badezimmers geworfen. Verfilzte Haarnester in den Abflüssen von Waschbecken und Dusche. Benutzte Gläser, gelegentlich noch mit einem Hauch von Lippenstift. Die zerknüllten Papierhüllen der kleinen Mottoseifen, deren Reste wie ausgespuckte Lutschbonbons im Waschbecken liegen, oft so, als sei die Wut sehr groß gewesen.

Zu viel Carpe diem am frühen Morgen hält wahrscheinlich selbst der größte Optimist nur schwer aus.

Und dann die vergessenen Sachen wie Schals, Akkus, Kugelschreiber, Schlafbrillen, Haarspangen, Ohrstöpsel.

Wie verlässt ein Mensch ein Zimmer? Es ist unmöglich, dabei keine Aussage zu treffen. Je mehr Fotos sie macht, desto klarer wird es für sie: Es liegt so viel an Poesie und Offenbarung im scheinbar Nebensächlichen.

Abgerissene Sätze. Manchmal streift sie Nick mit einem Blick mehr als nötig. Sie spürt die Nähte an ihrem Herz schmerzen. Es sind die Nähte, die ihre Herzkammern verschließen, sie hat in nächtelanger Feinarbeit daran gesessen, um manche Bereiche luftdicht mit Hexenstich zu versiegeln. Zum ersten Mal schmerzen die Stiche. Als ob ihre Herzkammern sich bewegen würden. Psst. Nicht so heftig. Ihr bringt mich noch um.

Nachts liegt sie wach. Hört dem Rumoren in ihrem Körper zu. Sie hört das Rauschen der Sekunden in ihrem Blut. Eine leise Stimme in ihrem Kopf zählt bis jenseits des Nullpunkts. Am nächsten Morgen entdeckt sie halb hinter ihr Bett gerutschte Traumbilder.

Nick, der ihr eines Morgens über die Wange streicht. »So blass heute.« Und sie kann kaum die Tränen zurückhalten. »Ja, schlecht geschlafen.« Am liebsten möchtest du dich quer über die Wurstplatte legen und dich in den Aufschnitt kuscheln, noch eine Runde schlafen. Dir das Petersilienbüschel über die Augen ziehen. Gute Nacht. Und Träume, harmlos wie Filterkaffee und Erdbeermarmelade.

Den ganzen Vormittag spürt sie das leichte Glühen in ihrem Gesicht. Gerda kommt zu ihr herüber und schenkt ihr einen Hustenbonbon, er schmeckt nach Plastiktannenbaum, und Caro spuckt ihn heimlich wieder aus. Ist aber umso gerührter von Gerdas Anteilnahme. Ein anderes Hustenbonbon würde auch niemals zu Gerda passen. Würde nicht zu ihrem Plastikhelm von Haaren, zu ihrer tantenhaften Figur unter der Uniform passen, würde auch niemals zu den Unmengen an bedingungsloser Liebe passen, die sie den Frühstücksgästen in ihre wartenden Kaffeetassen gießt.

Fluchtpunkte versammelt zwischen den Putzsachen, den benutzten Laken der Gäste, den Raketentürmen der Moschee. Aus dem Destillat der Zeit entsteht etwas, aber nur, wenn du das Glück hast, dass sich deine Grenzen nach außen verschieben, wenn du deine blinden Flecken annimmst, trotz deiner vernähten Herzkammern.

Und dann die Mail von Arne: Liebe Caro. Ich verstehe noch immer nicht, warum dir nichts anderes übrig geblieben ist, als abzuhauen. Ich wünsche mir sehr, dass wir uns treffen, miteinander reden. Du fehlst mir sehr.

Caro antwortet: Aber es ist zu spät, Arne. Je länger ich hier bin, desto klarer wird es mir. Es war schon vor Jahren zu spät. Schon als wir uns kennenlernten, war es wahrscheinlich zu spät. Es tut mir so leid.

Es hat etwas Heilsames, ein Zimmer zu putzen, ein Bett zu machen, Kaffee einzuschenken, die Böden der Flure zu wischen. Auch wenn die Zimmer von Autolärm getränkt sind, der Kaffee so bieder und die Böden der Flure aus scheußlich gemustertem Marmor, bei dem du immer an knorpelig durchwachsenes Fleisch denken musst.

Abends überziehen die schräg einfallenden Sonnenstrahlen den Fußboden mit einem Lack aus Licht. Langsam treffen die ersten Gäste ein, das Geräusch von Rollkoffern, die sich öffnenden und schließenden Lifttüren, Morsezeichen der Schritte auf dem Steinboden. Das Piepen eines Mobiltelefons. Ein Paar, das an seinem halb erstickten Streit würgt. Hinter der Rezeption Gerda und Caro. Sie geben die Schlüssel für die Zimmer aus, drucken Rechnungen für die Gäste, lächeln, das Kartenlesegerät surrt, die Kreditkarten der Gäste rutschen über den Tresen. Im Restaurant neben dem Hotel leuchten die roten Lampen auf den Tischen.

Müdigkeit gleitet wie eine sanfte Infusion durch Caros Arterien. Sie wartet auf das Flackern der Lichtreklame der Spedition Schilling. Und ist erstaunt, als das Licht ganz ruhig brennt.

Da ist wieder einer, der es geschafft hat. Einer der verwunschenen Prinzen, einer der blinden Flecken ist zu Hause angekommen.

Sie ist nicht erstaunt, als sie Nicks Hand spürt, und alles, was sie in diesem Augenblick tun muss, ist, den Druck seiner Hand – ganz leicht nur – zu erwidern.

Eric schläft noch. Mit offenem Mund. Das Leben, das Mann-Frau-Ding, das atemlose Mithalten mit den anderen und sich selbst, die Überholmanöver, es strengt auch ihn mehr an, als er es selbst zugeben will. Er: gut aussehend, charakterfest, sympathisch, naturverbunden, bindungsfähig, attraktiv, sportlich, erfolgreich in seinem Beruf als Berater. Berater für … Solarenergie? Human Ressources? Datenverarbeitung? Nur ein kleiner Bauchansatz, es sind die langen Arbeitszeiten, die sich da in seiner Körpermitte ansammeln und verfestigen, aber insgesamt hat er seinen Körper gut im Griff. Sein Körper hat eckige, klare Formen, diese beruhigend geraden Linien, die sie sehr gern an ihm hat.

Jetzt ist sie endgültig aufgewacht, spürt noch, wie die Nachtschatten in ihren Körpernischen sitzen. Sie streckt sich, atmet tief, aber noch ist sie nicht bereit, das Bett zu verlassen, in dem sie so gut aufgehoben ist. Dieses gut gepolsterte, schlafwarme Nest. Nebenan das leise Schnorcheln von Eric, es klingt kindlich, es rührt sie an, und sie streichelt kurz seine Stirn, die ein bisschen erhitzt ist und feucht. Wer weiß, welche Dämmerbilder gerade hinter seinen Augen köcheln.

Ein Blick hinaus: Da liegt es, dieses feiste, vollgesogene, selbstzufriedene Land, der Himmel klinisch blau, das Licht eine rasiermesserscharfe Klinge, unglaublich hell, ein glatter Schnitt durch die Augen. Der Baum vor dem Fenster ein einziger Triumph: Frühsommer, Blätter in Überfülle, ein Grün voller Hingabe und Verschwendung, rein und voll von Selbstvergessen. Ein Grün, das sie mit den Blicken isst. Sie taucht ein, stellt sich den saftigen Geschmack in ihrem Mund vor, das satte Platzen des Chlorophylls auf ihrer Zunge, ein Beißen, ein Schlucken und Schlingen, bis es sich mehr und mehr in ihr ausbreitet, bis das Licht, das darin steckt, in jede ihrer Zellen vorgedrungen ist und sie endlich satt ist und zufrieden.

Aber dann muss sie aufstehen, die Zahnräder ihres Verlangens, ihrer Gier nach Süßem, setzen sich in Bewegung, bis nichts weiter bleibt als nagender Hunger, der seinen Ursprung nicht in ihrem Körper hat. Er scheint unter der Schädeldecke zu sitzen. Und zugleich in der Gegend, in der sie ihr Herz vermutet. Und doch ist ihr Körper der einzige Kanal, den sie hat, um diesem Hunger beizukommen.

Sie spürt das Ziehen ihrer überdehnten Bauchdecke – gestern war es ein ganzer Kuchen auf einmal. Heute früh ist sie wieder in die Küche geschlichen und hat das gemacht, was die gierige kleine Stimme in ihrem Kopf sagt: Süß muss es sein. Schnell. Ich dreh sonst durch. Mehr davon. Ah, so ist es besser, jetzt noch einen Löffel Honig, dann stimmt die Dämpfung wieder, dann ist es wieder für eine Weile auszuhalten.

Heißer Tee mit Milch, um die letzten Ritzen zu füllen. Dann versinken in örtliche Betäubung, sanft, hausgemacht, während die Zuckermoleküle geschäftig durch die Blutbahnen rauschen.

Jetzt. Die süße Lüge erreicht ihren Kopf, brandet durch ihr Gehirn, sanft, skrupellos, lindernd. Eric schläft, der Sonntagmorgen schleicht strumpfsockig durch die Küche. Nur noch einen von diesen kleinen Keksen. Mund, nichts als Mund, kaum gekaut, schnelles Schlucken, und bevor sie sich wieder nackt fühlt, gleich den nächsten dieser Verbündeten in den Mund geschoben. Ihre Zähne als Liebesbeweis mitten hineinhacken, die Geschmacksknospen auf der Zunge in einem Taumel von zuckrig-rund, von trügerischer Geborgenheit.

Sie haben dieses Vorstadtglück zu zweit, sind beide in guten Jobs, beide leidlich erhalten, attraktiv. Gut situiert. Ein interessanter Freundeskreis, ein Garten, der genau im richtigen Grad verwildert ist: ästhetisch, aber doch so sehr, dass man das Statement dahinter, das Aufbegehren gegen die gleichförmigen Rasenstücke der Spießer nicht übersehen kann. Urlaube, die es ermöglichen, in andere Kulturkreise einzutauchen, Biofleisch, weil man das Massenmorden an den Tieren nicht gutheißt. Es gibt Pläne für ein erstes Kind. Eric will sich ein paar Monate Elternzeit nehmen, »Hanna, dann bekomme ich von Anfang an alles mit und kann dir helfen.«

Eric ist immer wieder ihr Joker. Den sie oft ausspielt, um die anderen zu verblüffen. Denn die trauen ihr einen wie Eric nicht zu. Er ist so redlich. So bemüht. Manchmal sieht sie ihn an, am besten dann, wenn er es nicht bemerkt. Und sie kann nicht genug davon bekommen, wie arglos und unschuldig er einerseits ist, und wie gut informiert und erfolgreich er sie andererseits alle angeht, die großen Dinge des Lebens. Auch das Ding mit ihr. Sie hat wirklich Glück gehabt, sagen die anderen Frauen zu ihr, die Freundinnen, die Mütter, die Bekannten. Und darin blinkt etwas auf, scharf, metallisch, mitunter auch Neid, aber vor allem die Frage, wie eine wie sie zu ihm kommt. Diese Frage wie ein Widerhaken, an dem sie sich oft genug verschluckt, an dem sie manchmal auch beinahe schon erstickt wäre.

Sie steht auf dem kühlen Küchenfußboden, Fett und Zucker als unentbehrliche Fluchthelfer. Käme Eric durch die Tür, lauwarm und leicht süß riechend wie eine frisch gebackene Semmel, den Schlaf noch halb in seinem Gesicht, er würde sagen, »Komm, nimm deine Sonnen, Liebste. Dann geht’s leichter.«

Womit er leider zweifellos unrecht hat, diese verdammten Sonnen wirken nicht mehr so wie zu Beginn. Der Arzt hat auf ihre Fragen hin etwas von Gewöhnung gesagt. »Aber Sie arbeiten ja auch auf anderen Ebenen an sich. Und ein Wundermittel gibt’s leider nicht.«

In zwei Stunden kommen Arne und Caro zum Frühstücken. Und diese beiden sind noch lange nicht am Übelsten. Arne ist ein guter Freund von Eric. Und mit Caro hat sie sich arrangiert, so wie man sich mit wechselhaft-launischem Sommerwetter arrangiert, man lackiert sich die Nägel in fröhlichen Farben, hat aber immer noch ein langärmliges Hemd, ein Paar Socken dabei, die Sonne kann sich ja jederzeit hinter einer schnell wachsenden Wolkenbank verstecken. Beide werden sich gegenseitig taxieren, nicht ohne Sympathie, aber es wird hinauslaufen auf ein unterschwelliges Kräftemessen. Feine Zuckungen, kaum wahrnehmbar, die Unterlegene jedoch wird stillliegen, wird sich weit weg wünschen. Es gibt unsichtbare Skalen, die sich nach unten oder oben ausdehnen. Es gibt immaterielle Punkte, die in den Köpfen verteilt oder abgezogen werden, all das in Sekundenschnelle. Das Aufblitzen eines Lächelns im Gesicht der Siegerin, verschwunden im nächsten Augenblick, denn die Umstände können sich abrupt ändern. Die Wertsteigerung kann auf einmal ins Gegenteil umschlagen, und die Aktienkurve ist im Sinken, kaum aufzuhalten. Auch Arne und Eric werden sich in einen freundschaftlichen Zweikampf begeben. Bei Caro und ihr geht es in der ersten Runde darum: Wer wird besser aussehen, wobei es wichtig ist, dass ihr gutes Aussehen jugendlich und ungezwungen erscheint, dass niemand die vielen Handgriffe merkt, niemand die leisen Rituale und Beschwörungen hört, die sie lautlos in ihre Puderdosen, in die Selbstbräunungs- und Straffungscremes mischen, bevor sie ihre Haut gegen die Zeit imprägnieren.

Sie weint, ist überrascht von ihren Tränen. Dieser behelfsmäßige Container, genannt Körper, taugt eben nur bedingt. Ist immer wieder undicht. Tränen, Schweiß, Rotz, und nun eben Wundflüssigkeit, die da aus ihr heraussickert.

Und alles Wasser findet zurück ins Meer. Plötzlich ist er da, dieser Satz, ganz unerwartet. Auf sie zutreibend wie ein Rettungsring.

Schnell noch mal mit dem Löffel ins Honigglas fahren, die süße Invasion auf der Zunge. Und Milch. Ein Mantel aus Milch. Sie weiß, dass sie die unsichtbaren Tränen der Kühe trinkt, die von ihren Kindern getrennt wurden. So viel Leid. Einmal den Kühlschrank öffnen, und all das Leid stürzt sich auf sie. Und sie kaut es, sie schluckt es.

Immer wieder diese Tage mit Leberkäs-Semmeln und doppelstöckiger Schokotorte, um den unausweichlichen Aufprall abzumildern. Dämmungen, Filteranlagen und Stoßdämpfer: Schichten aus Brot, weißem, trügerischem Brot, das sie halb zerkaut schluckt, das ihrer Gier eine Linderung verspricht, die es nie hält. Eric, der sie in der Küche auf dem Boden kniend findet. »Warum kann es nicht aufhören, warum lässt es mich nicht einmal in Ruhe?« Eric, der sie an seinen breiten, gutartigen Brustkorb drückt, sie ins Bett bringt, zudeckt, als wäre sie ein sehr kleines Mädchen. Meist fällt sie in einen bewusstlosen Schlaf unter den Ablagerungen aus heruntergeschlungenem Essen, aus Milch, aus Tränen und Rotz.

Noch einen weiteren Keks, das Aroma von Vanille, das sich als Sprungtuch in ihr ausbreitet, sie auf eine sanfte Landung hoffen lässt.

Die Frauenärztin hatte gesagt, »Kinderwunsch? Na ja, dazu sind Sie im besten Alter. Und mit Ihrem Partner haben Sie auch eine stabile Beziehung. Das ist doch wunderbar.« Aber als sie ihr von den Sonnen erzählte, die sie nehmen muss, um für den Tag zu funktionieren, wurde sie nachdenklich. Nichtsdestotrotz ermunterte die Ärztin sie zu einem Kind. »Aber passen Sie gut auf sich auf! Und nicht zu viel Stress!«

Doch der Stress sitzt in ihren Körperzellen, kommt manchmal von außen, aber oft ist die Welt in bester Ordnung, und trotzdem tobt er durch ihren Körper, scheucht ihren Puls auf, jagt säuerlichen Angstschweiß aus ihren Poren, versetzt ihren emsigen und sonst rechtschaffenen Verstand