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Die kleinen Wunder von Mayfair E-Book

Robert Dinsdale

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Beschreibung

Entdecken Sie mit Robert Dinsdales "Die kleinen Wunder von Mayfair" Londons einzigartigen Spielzeug-Laden und einen ergreifenden Liebes- und Familien-Roman zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: »Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium.« Die Worte scheinen Cathy förmlich anzuziehen, als sie nach einer neuen Bleibe sucht. Denn im England des Jahres 1906 ist eine alleinstehende junge Frau wie sie nirgendwo willkommen, zumal nicht, wenn sie schwanger ist – und so macht Cathy sich auf nach Mayfair. In Papa Jacks Emporium, Londons magischem Spielzeug-Laden, gibt es nicht nur Zinnsoldaten, die strammstehen, wenn jemand vorübergeht, riesige Bäume aus Pappmaché und fröhlich umherflatternde Vögel aus Pfeifenreinigern. Hier finden all diejenigen Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben.Doch bald wetteifern Papa Jacks Söhne, die rivalisierenden Brüder Kaspar und Emil, um Cathys Liebe. Und als der 1. Weltkrieg ausbricht und die Familie auseinander reißt, scheint das Emporium langsam aber sicher seinen Zauber zu verlieren … Nostalgisch, rührend und zauberhaft romantisch erzählt Robert Dinsdales "Die kleinen Wunder von Mayfair" von einer jungen Frau, zerrissen in ihrer Liebe zu zwei Männern mit einzigartigen magischen Talenten. Ein Liebes-Roman für alle Leserinnen und Leser von Erin Morgenstern und Jessie Burton und alle, die sich von einem Spielzeug-Laden voller Wunder verzaubern lassen. »Wahrhaft magisch. Diese rundum faszinierende Geschichte wird Sie verzaubern.« Culture Fly

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Seitenzahl: 589

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Robert Dinsdale

Die kleinen Wunder von Mayfair

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Entdecken Sie mit Robert Dinsdales »Die kleinen Wunder von Mayfair« Londons einzigartigen Spielzeug-Laden und einen ergreifenden Liebes- und Familien-Roman zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: »Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium.« Die Worte scheinen Cathy förmlich anzuziehen, als sie nach einer neuen Bleibe sucht. Denn im England des Jahres 1906 ist eine alleinstehende junge Frau wie sie nirgendwo willkommen, zumal nicht, wenn sie schwanger ist – und so macht Cathy sich auf nach Mayfair. In Papa Jacks Emporium, Londons magischem Spielzeug-Laden, gibt es nicht nur Zinnsoldaten, die strammstehen, wenn jemand vorübergeht, riesige Bäume aus Pappmaché und fröhlich umherflatternde Vögel aus Pfeifenreinigern. Hier finden all diejenigen Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben. Doch bald wetteifern Papa Jacks Söhne, die rivalisierenden Brüder Kaspar und Emil, um Cathys Zuneigung. Und als der 1. Weltkrieg ausbricht und die Familie auseinander reißt, scheint das Emporium langsam aber sicher seinen Zauber zu verlieren …

Nostalgisch, rührend und zauberhaft romantisch erzählt Robert Dinsdales »Die kleinen Wunder von Mayfair« von einer jungen Frau, zerrissen in ihrer Liebe zu zwei Männern mit einzigartigen magischen Talenten. Ein Liebes-Roman für alle Leserinnen und Leser von Erin Morgenstern und Jessie Burton und alle, die sich von einem Spielzeug-Laden voller Wunder verzaubern lassen.

Inhaltsübersicht

WAFFENSTILLSTAND!

DER ANFANG …

FREIE STELLEN

DAS MÄDCHEN IM SPIELZEUGLADEN

PAPIERWÄLDER

KRIEGSSPIELE

BLINDE PASSAGIERIN

DIE GODMAN-BRÜDER

DIE WAHRE GESCHICHTE DES SPIELZEUGS

VIELE JAHRE SPÄTER …

THE HOME FIRES BURNING

DER KRIEG DES SPIELZEUGMACHERS

DAS ENDE DER KINDHEIT

DER AUFSTAND

IMAGINARIUM

DER EWIGE KRIEG

DER KURZE AKT ZUM LANGEN ABSCHIED

DER GEIST IM SPIELZEUGLADEN

NOCH EINMAL VIELE JAHRE SPÄTER

DIESE GEWÖHNLICHE WELT

DIE GROSSE EINSAMKEIT

DANKSAGUNG

Acht Fragen an Robert Dinsdale

 

 

 

Für Esther, die dort war – im Spielzeugladen

WAFFENSTILLSTAND!

Papa Jacks Emporium, London

1917

Das Emporium öffnet seine Tore am Tag des ersten Winterfrosts. Jedes Jahr ist es das Gleiche. Sobald die Kinder nach dem Aufwachen weiße Kristallblumen auf den Fensterscheiben sehen und auf dem Schulweg das Eis unter ihren Füßen knirscht, hört man in der ganzen Stadt das Flüstern: Das Emporium hat eröffnet! Weihnachten naht, und die Gans wird immer fetter …

Wer sich zu einer bestimmten Stunde in einer bestimmten Winternacht in das Straßengewirr zwischen der New Bond Street und der Avery Row verirrt, hat es vielleicht schon mit eigenen Augen gesehen. Dort, wo einen Augenblick zuvor nur Dunkelheit, Stille und geschlossene, verbarrikadierte Geschäfte waren, gibt das wirbelnde Schneegestöber plötzlich den Blick auf eine Gasse frei, an deren Ende ein von Lichtern umkränztes Schaufenster sichtbar wird. Die Lichter sind kaum größer als Stecknadelköpfe und so weiß wie die Schneeflocken, und doch kann man den Blick nicht von ihnen wenden. Lichter wie diese können den Bann der Dunkelheit brechen und die zynischsten Menschen verzaubern.

Und hier kommt auch schon einer durch die Nacht geeilt.

Ein Mann wie ein Fass, den man wohlwollend als rundlich oder eben als fett beschreiben könnte. Vor dem Emporium bleibt er stehen und betrachtet die Fassade, aber er hat die Lichter schon mehr als einmal bewundert, und so schreitet er unbeirrt über die Schwelle, hinein in ein Gemisch aus Zimt- und Anisduft. Ein Vorhang aus dunkelblauen Quasten gibt den Weg frei, und das Läuten winziger Glöckchen an der Decke ruft Erinnerungen ihn ihm wach, die er hartnäckig zu unterdrücken versucht: Schlittenfahrten im Park, Singen auf dem Dorfplatz, Weihnachtstage in besseren, unschuldigeren Zeiten, an die zurückzudenken zu schmerzhaft ist.

Er ist nicht der einzige Kunde. Kinder ziehen ihre Eltern hinter sich her; ein junges Paar versucht verstohlen, seine Geschenke füreinander zu verbergen; ein alter Mann nimmt seinen Schal ab, als er in das Geschäft gehumpelt kommt, vielleicht nur, um sich noch einmal wie ein kleiner Junge zu fühlen.

Es gibt viel zu sehen. Was von außen wie ein bescheidenes kleines Geschäft gewirkt hat, entpuppt sich als weitläufiges Labyrinth. Der dicke Mann bahnt sich einen Weg durch die Menge. Auf in den Boden eingelassenen Schienen gleitet eine Miniaturlokomotive an ihm vorbei, gleich dahinter teilen sich die einzelnen Gänge in Dutzende weitere auf, die wild übereinandergestapelten Etagen und Emporen wirken wie die optische Täuschung eines Meistermathematikers. Kunden verschwinden in einem Gang und tauchen verdutzt auf einer der oberen Galerien wieder auf.

Es wäre leicht, sich an einem Ort wie diesem zu verlaufen, doch der Mann kennt sich aus. Er ist der Einzige, der nicht stehen bleibt, um die ausgestellten Waren zu bewundern. Weder von den Bären in den Regalen, die ihm nachzuschauen scheinen, noch von dem Zinnsoldaten, der Haltung annimmt, als er vorbeigeht, lässt er sich ablenken. Er ignoriert das Wiehern der Steckenpferde, die ungeduldig auf einen Ausritt warten, und würdigt auch das Tor keines Blickes, hinter dem ein Winterwäldchen liegt, denn er hat sein Ziel fast erreicht.

Der Mann stellt sich in die Schlange vor der Kasse. Vor ihm sind noch ein paar andere dran: eine Familie, die Arme voller silberner Satinmäuse, und eine Frau, die die Matroschka-Puppen in ihrem Korb festhalten muss, damit sie vor lauter Begeisterung darüber, gekauft zu werden, nicht auseinanderspringen. Als er endlich die Theke erreicht, ist sein Gesicht rot vor Ungeduld.

»Madam«, sagt er, »Sie erinnern sich vielleicht an mich. Ich war schon öfter hier, als ich mich erinnern kann. Zuletzt vor einer Woche, um ein Geschenk für meine Söhne zu kaufen.«

Vielleicht hat sie ihn damals sogar bedient, vielleicht aber auch nicht. Es gibt hier viele Verkäuferinnen und Verkäufer, und jedes Jahr werden es mehr. Denn das Emporium war schon vor Anbruch dieses Jahrhunderts ein Hort der Geschäftigkeit.

Die Verkäuferin erinnert sich nicht, nickt jedoch. In Papa Jacks Emporium ist jeder willkommen, denn jeder war irgendwann einmal ein Kind, ganz gleich, was aus ihm geworden ist.

»Und wie hat es Ihren Söhnen gefallen?«

Der Mann ist aufgebracht, mit einem Ruck hievt er seine lederne Aktentasche auf die Theke, öffnet sie und enthüllt einen Trupp Spielzeugsoldaten, sorgfältig in das Seidenpapier eingewickelt, in dem sie gekauft wurden. Er nimmt die glänzenden lackierten Holzfiguren heraus und stellt sie in einer Reihe auf.

»Nun«, beginnt er, hält dann aber kurz inne, als wäre er selbst erstaunt darüber, was er gleich sagen wird. »Stellen Sie sich folgende Szene vor: Am Weihnachtsmorgen reißen zwei Jungen ihre Geschenke auf. Stellen Sie sich vor, wie begeistert sie beim Anblick der kleinen Kerlchen sind. So nobel, so stolz, so lebensecht! Am liebsten würden sie sie gleich gegeneinander antreten lassen – aber es ist Weihnachten, sie müssen vorher noch in die Kirche, danach gibt es Essen, und dann, erst dann dürfen sie endlich damit spielen. Ich erzähle Ihnen das alles, damit Sie die Situation besser verstehen – die beiden haben den ganzen Tag auf ihre Schlacht gewartet. Sie können sich also denken, wie aufgeregt sie waren, als sie die Soldaten endlich im Wohnzimmer aufmarschieren ließen.«

»Und was ist dann passiert?«

»Vielleicht ist es besser, wenn ich es Ihnen demonstriere.«

Vorsichtig stellt der Mann drei der Soldaten auf die eine Seite der Theke und positioniert die gegnerische Partei auf der anderen. »Wären Sie so gut?«, fragt er die Verkäuferin und fängt an, die eine Hälfte der Soldaten aufzuziehen, während sie die andere übernimmt.

Die Soldaten beginnen, aufeinander zuzugehen.

»Sie können sich denken, wie aufgeregt die beiden waren. Noah feuerte seine Armee an, und auch Arthur konnte seine Begeisterung kaum zügeln. Wer würde gewinnen? ›Vater!‹, rief Arthur. ›Schau dir das an!‹ Also tat ich es. Und was, glauben Sie, musste ich da sehen?«

Auf der Theke haben sich die Fronten unterdessen angenähert, ein Spektakel, das Zuschauer anlockt. Eine Frau mit einem Käfig, in dem Vögel aus Pfeifenreinigern sitzen, und ein ziellos umherstreifender Soldat, der kurz zuvor noch die in ihren Körben spielenden Plüschhunde bestaunte. Die verfeindeten Parteien haben sich nun fast erreicht. Noch drei Schritte, und sie treffen aufeinander; nach den Regeln kindlicher Kriegskunst geht der letzte noch stehende Soldat als Sieger vom Schlachtfeld.

Ein weiterer Schritt, die Waffen im Anschlag. Noch zwei, und die schwarzen Augen ihrer Gewehre starren den verfeindeten Truppen geradewegs ins Gesicht. Der Moment, auf den alle warten, ist gekommen.

Doch plötzlich halten die Soldaten inne – und strecken ihre Waffen in die Höhe.

Weiße Fahnen schießen aus den Gewehrläufen.

Jeder Soldat ergreift die Hand seines Gegenübers, des Feindes, den zu töten er geschworen hat.

»Und? Was hat das nun zu bedeuten?«, fragt der Mann.

Die Verkäuferin beugt sich vor, um die Soldaten genauer zu betrachten; sie haben sich derart vermischt, dass nur ein Kind mit sehr genauem Blick die seinen von denen seines Spielkameraden unterscheiden könnte. Der Mann erklärt, das passiere jedes Mal, was ihnen den Weihnachtsmorgen gründlich verdorben habe. Er verlangt eine Entschädigung – doch die Verkäuferin antwortet nicht. Allein ihre Augen verraten das Glück, das sie empfindet, auch wenn sie sich noch so sehr angestrengt, es zu verbergen.

Diese Spielzeugsoldaten, auf denen das Emporium sein Imperium aufgebaut hat, diese lebensechten Figuren, die schon von Beginn an seine Regale bevölkert und Generationen von Kindern Freude bereitet haben, strecken zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Waffen.

»Sie haben Frieden geschlossen«, flüstert die Verkäuferin; die Empörung des Kunden, das Geld, das sie aus der Kasse nehmen und ihm übergeben muss, all das ist ihr gleichgültig. Sie starrt weiter die Soldaten an – täuscht sie sich, oder sehen sie glücklich aus?

DER ANFANG …

FREIE STELLEN

Dovercourt und Leigh-on-Sea

November 1906

Sie wurde nach Dovercourt gebracht, um ihr ungeborenes Kind zu verkaufen.

An der Tür von Mrs Albemarles Heim zur Förderung der Moral hing kein Schild. Einem aufmerksamen Betrachter wäre vielleicht aufgefallen, dass die Vorhänge des Hauses auch tagsüber immer zugezogen waren, und die Nachbarn kamen nicht umhin, den stetigen Strom von Mädchen zu bemerken, die hier ein und aus gingen, aber für zufällig vorbeikommende Passanten war es nicht mehr als eine Strandvilla unter vielen, ein Georgianisches Gebäude mit Doppeltür, weiß getünchter Fassade und Ziererkern. Auf Cathy, die nicht gewusst hatte, was auf sie zukam, als man sie an diesem Morgen in den Omnibus verfrachtete, hatte die Doppeltür eine fast magische Wirkung: Sie jagte ihr solche Angst ein, dass die Übelkeit, unter der sie seit Tagen litt, auf einen Schlag verschwand.

Schweigend standen sie vor der Tür, während über ihnen Seevögel kreisten. Ihre Mutter schnipste mit den Fingern, und Cathy wusste, ohne nachzufragen, dass sie anklopfen sollte. Sie tat es zaghaft, in der Hoffnung, dass es überhört wurde. Aber glückliche Fügungen schienen seit diesem Sommer rar zu sein. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür und enthüllte einen Flur mit Blümchentapete. Die Frau, die auf der Schwelle stand, trug ein helles, kariertes Hauskleid, hatte eckige Schultern, ein markantes Kinn und machte den Eindruck, keinen Müßiggang gewohnt zu sein – und tatsächlich waren ihre Ärmel hochgekrempelt und ihre Unterarme mit Mehl und Teigkrümeln bedeckt.

»Du musst Catherine sein«, sagte sie. Für Cathys Mutter hatte sie nur einen flüchtigen Blick übrig.

»Cathy«, korrigierte Cathy sie. Es war das Rebellischste, was sie den ganzen Tag über gesagt hatte.

»Wenn die Zeit gekommen ist und du bei uns wohnst, werden wir dich Catherine nennen«, entgegnete die Frau. »Wir legen hier großen Wert auf korrekte Umgangsformen.« Sie trat beiseite. »Komm herein, Catherine. Wir werden diese Angelegenheit im Handumdrehen in Ordnung bringen.«

 

Das Heim war früher einmal ein mittelmäßiges Hotel gewesen, und die Einrichtung im Aufenthaltsraum hatte sich seitdem kaum verändert. Cathy saß allein in einem Erker, während ihre Mutter und Mrs Albemarle die Einzelheiten von Cathys zukünftigem Aufenthalt klärten. Währenddessen drangen noch andere Geräusche in den Aufenthaltsraum mit dem kleinen Tisch, auf dem verschiedene zerlesene Zeitschriften lagen. Irgendwo im Haus gluckste ein Baby, es brabbelte glücklich vor sich hin, ganz so, als müsste es sich noch an den Klang der eigenen Stimme gewöhnen. Cathy lauschte so konzentriert, dass sie nicht hörte, wie Mrs Albemarle ihren Namen rief. Erst als ihre Mutter sie scharf zurechtwies, drehte sie den Kopf.

»Komm mit, Catherine.«

Ihr blieb keine Wahl. Mrs Albemarle führte sie durch einen Flur in ein vollgestopftes Büro, wo sie sich hinter einen Tisch mit einer ramponierten Schreibmaschine setzte. Sie nahm ein Formular mit schwarzen Kästchen zur Hand, suchte in einer Schublade vergeblich nach Feder und Tinte und entschied sich schließlich für einen Bleistift, mit dem sie Catherine bedeutete, Platz zu nehmen.

»Wie alt bist du, Catherine?«

Catherine. So hatte ihre Mutter sie heute Morgen auch genannt. Ihr Vater hatte kein Wort gesagt.

»Wenn sie zu Ihnen kommt, ist sie sechzehn«, mischte sich ihre Mutter ein, aber Mrs Albemarle hob streng den Zeigefinger. »Sie muss für sich selbst sprechen, Mrs Wray. Wenn sie alt genug ist, um in diese Lage zu geraten, dann ist sie auch dafür alt genug.« Sie schwieg kurz. »Vielleicht sollten Sie lieber …« Der Bleistift deutete auf die Tür. Mit puterrotem Gesicht zog sich Cathys Mutter in den Flur zurück.

»So ist es besser. Jetzt können wir offen reden, nicht wahr, Catherine?«

»Ich bin fünfzehn«, sagte Cathy. »Und ich heiße Cathy, nicht …«

»Und wann wurdest du geboren?«

»Am 24. Mai 1891.«

Mrs Albemarle machte sich Notizen, zwischendurch hielt sie kurz inne, um die Bleistiftspitze anzulecken. »Und wie weit bist du?«

Zum ersten Mal färbte sich Cathys Gesicht dunkelrot.

»Catherine, Liebes. Das hier ist kein Test. Du weißt nicht, wie weit du bist?«

»Nein.«

»Aber du warst bei einem Arzt?«

Ihre Mutter hatte darauf bestanden. Der Mann hatte knotige, kalte Finger gehabt; sein Ehering, der die Innenseite ihres Schenkels streifte, hatte sich eisig angefühlt.

Mrs Albemarle versuchte es mit einer anderen Frage. »Woher wusstest du, dass du ein Kind erwartest, Cathy?«

Bei Gott, sie hatte es gar nicht gewusst; ihre Mutter hatte es gemerkt, als sie ihr wie jeden Monat frisches Leinen brachte. Cathy hatte sich schon seit Tagen schlecht gefühlt, kaum etwas gegessen, nicht einmal, als ihre Schwester Roggenkuchen gebacken hatte. Doch erst, als ihre Mutter nachts in ihr Zimmer gekommen war, hatte sie begriffen. »Du bist spät dran«, hatte ihre Mutter mit leiser, giftiger Stimme gezischt. Sie sah aus, als hätte sie tagelang darüber gebrütet. Sie hatte sogar abgewartet, bis Cathys Vater das Haus verließ, um in die schmutzige kleine Spelunke unten bei den Cockle Sheds zu gehen – nur für den Fall, dass sie sich irrte. Aber nein: In dem Moment, als ihre Mutter es aussprach, ergab alles plötzlich einen Sinn. Cathy spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren ausbreitete – doch es war keine Leere, im Gegenteil, etwas wuchs in ihr heran, Knospen von Armen und Beinen, dazu vier winzige Herzklappen. Sie spürte den Herzschlag, als sie versuchte, ihre Mutter zu umarmen, doch ihre Mutter wich zurück. Wahrscheinlich hatte sie dabei noch etwas gesagt, doch Cathy konnte sich nicht mehr daran erinnern. Nachdem ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte, hatte sie sich auf das Bettlaken übergeben. Seit sie es wusste, musste sie sich ständig übergeben.

»Und der Vater?«

Mrs Albemarles Worte holten sie in das kalte, nüchterne Büro zurück.

»Du weißt doch, wer der Vater ist?«

»Hören Sie …«

»Darüber müssen wir sprechen, Catherine. Das sind die Dinge, nach denen uns die Leute fragen. Sie wollen sich kein Kuckuckskind ins Nest holen. Sie wollen wissen, woher das Kind stammt, wer die Mutter und wer der Vater ist, ob sie eine gute Herkunft haben.«

»Es ist ein Junge aus der Nachbarschaft«, gab sie zu. »Er ist mein …«

»Ihr habt euch verliebt.«

Sie wollte widersprechen. So war es nicht. Daniel lebte in dem Haus am anderen Ende der Straße, dem mit den großen Giebeln, dem weitläufigen Grundstück und dem schmiedeeisernen Tor, vor dem sie jeden Tag auf dem Schulweg stehen blieb, um es zu bewundern. Eigentlich hätten sie keine Freunde sein dürfen, und doch waren sie es, schon seit sie klein waren und ihre Mutter einmal einen Sommer lang im Garten von Daniels Familie gearbeitet hatte. Es war die reinste Form von Freundschaft – eine Freundschaft, die beginnt, noch ehe man sprechen kann, eine Freundschaft der Gesten und Grunzlaute, der stumm angebotenen und ungeduldig aus der Hand gerissenen Spielsachen. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und zusammen zum ersten Mal Zug gefahren. Sie hatten zusammen Weihnachtslieder gesungen, Löwenzahn gepflückt, auf dem Erntedankfest Kuchen gegessen – und als sie sich dann eines Tages am hinteren Tor getroffen und andere Dinge zusammen getan hatten, fühlte es sich nicht komisch an. Aber verliebt, nein, verliebt waren sie nicht gewesen. Denn als sie danach beschlossen hatte, dass sie es nie wieder tun würden, fühlte sich auch das nicht komisch an. Ihr war bis heute nicht klar, warum so etwas gleich das ganze Leben durcheinanderbringen sollte.

Cathy spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten. Das war eigentlich nicht ihre Art, aber in ihr lebte ja jetzt noch jemand; vielleicht waren das seine Tränen, und Cathy war nur der Kanal.

»Übernimmt er die Verantwortung?«

»Das würde ihm sein Vater nie erlauben, nicht bei einem Mädchen wie mir.«

»Einem Mädchen wie dir?«

»Man heiratet doch nicht unter seinem Stand, Mrs Albemarle.«

»Sicher«, sagte Mrs Albemarle. »Heiraten wollen sie nicht unter ihrem Stand, aber was das Übrige angeht, ist es ihnen gleich, ob es die Küchenmagd oder eine Debütantin ist. Und was ist mit dem Jungen? Deinem … Freund. Ich wette, er hat bis zum bitteren Ende für dich gekämpft? Seine beträchtliche Erbschaft in den Wind geschlagen, um für sein uneheliches Kind zu sorgen?«

»Tja«, sagte Cathy und gestattete sich zum ersten Mal einen Anflug von Verbitterung. »Daniel ist ein guter Sohn. Er tut alles, was sein Vater ihm sagt. Sie schicken ihn nach Derby. Die Familie hat dort eine Fabrik.«

Für einen Moment schwieg Mrs Albemarle. Dann streckte sie den Arm aus, als wollte sie Cathys Hand nehmen, und sagte: »Catherine, du musst verstehen, dass das, was wir hier tun, das Beste für alle ist. Dein Kind wird sich über die Schande seiner Geburt erheben und ein neues, besseres Leben führen.«

Die Art, wie Mrs Albemarle lächelte, brachte die Übelkeit zurück. Cathy blieb keine Zeit, nach dem Bad zu fragen.

 

Ihre Mutter sprach kaum ein Wort, als sie draußen auf den Omnibus warteten. Schande hatte noch mehr Schande hervorgebracht – die Flecken auf Cathys Kleid waren dabei auch nicht gerade hilfreich. Und vielleicht hätte sie sich im Bus nicht einmal neben sie gesetzt, wenn es nicht so voll gewesen wäre.

In Leigh angekommen, wo der Geruch des Seetangs, der am Ufer der Themsemündung angespült wurde, lebhafte Erinnerungen in ihr wachrief, folgte Cathy ihrer Mutter durch die Haustür. Gefangen in diesem Strudel aus Gerüchen und Erinnerungen zog sie ihre Schuhe aus und trat ein. Wie viele Male war sie schwer beladen mit Einkäufen an der Seite ihrer Mutter durch diese Tür gegangen? Wie viele Male war sie diesen Flur entlanggehüpft, voller Freude, weil sie ihren Vater von der Arbeit nach Hause kommen sah? Und jetzt saß er dort, aß sein Abendessen und weigerte sich aufzusehen, als Cathy unsicher an der Schwelle zum Esszimmer stehen blieb.

»Marsch auf dein Zimmer«, sagte ihre Mutter und schloss die Tür; das Letzte, was Cathy sah, war ihr Vater, der beharrlich die Marmorierung des Fleisches auf seinem Teller betrachtete.

Man hätte meinen können, Schwangerschaft sei etwas Ansteckendes, und wäre Cathy noch eine Sekunde länger im Zimmer geblieben, hätte ihre Schwester, die neben ihrem Vater saß, plötzlich ebenfalls ein Kind erwartet. Schweigend folgte Cathy ihrer Mutter nach oben. In ihrem Zimmer, das sie sich mit Lizzy teilte, waren all ihre Bücher aus den Regalen verschwunden, ebenso wie ihre Spielzeugtruhe, das Puppenhaus und die hübschen Hasenfiguren, die auf dem Fenstersims gestanden hatten.

»Kein Wort, Catherine. Dein Vater wollte es so, und er hat recht. Wenn du alt genug bist, um Mutter zu werden, dann bist du auch kein kleines Mädchen mehr.«

»Es tut mir leid, Mama«, sagte Cathy, und sofort wurde ihr wieder schlecht, was immerhin gut zu der Übelkeit passte, die schon den ganzen Tag in ihr gärte. Außerdem machten ihre Worte keinen Unterschied, schafften es nicht, den Panzer der Entschlossenheit ihrer Mutter zu durchdringen, die eine Liste mit Regeln herunterzurasseln begann: Catherine durfte nicht mehr vor die Haustür, ihre Lehrerin würde einen Brief bekommen, in dem stand, dass Cathy eine Stelle angenommen hatte; in den Garten durfte sie nur mit ausdrücklicher Erlaubnis ihrer Mutter; außerdem musste sie Kleider tragen, die ihren anschwellenden Bauch verdeckten. »Es ist ja nur für drei Monate«, schloss ihre Mutter. »Dann gehst du dorthin, wo du hingehen musst, und wenn du zurückkommst, bist du wieder unser liebes kleines Mädchen.«

Nachdem sie gegangen war, sah Cathy sich im Raum um. Wie groß er ohne all die Dinge aus ihrer Kindheit wirkte! Sie versuchte, es sich auf dem Bett bequem zu machen, aber es kam ihr auf einmal zu klein vor, zumindest für zwei. Sie legte sich auf die Seite, eingerollt wie ein Fragezeichen, als die Tür erneut geöffnet wurde. In dem Glauben, es sei ihre Mutter, drehte sie sich zur Wand, sah jedoch aus dem Augenwinkel, wie Lizzy ins Zimmer schlich.

Lizzy war die Größere von ihnen. Sie hatte blondes Haar, Cathy dunkles, aber beide hatten die gleichen grauen Augen, die gleichen hohen Wangenknochen. Die Nachbarn waren der Meinung, dass Lizzy die Hübschere von beiden war, und Lizzy verhielt sich auch so. Sie war nur ein einziges Mal in ihrem Leben auf einen Baum geklettert, und selbst da hatte Cathy hinterherklettern und ihr herunterhelfen müssen.

»Cathy, ich bin’s. Ich …«

Cathy verlor alle Zurückhaltung. Sie breitete die Arme aus, Lizzy ließ sich auf das Bett sinken, und sie klammerten sich aneinander wie früher als Kinder, wenn sie nachts aufwachten und hörten, wie das Meer tosend ans Ufer brandete.

Eine Zeit lang schwiegen sie; es genügte, dass sie zusammen waren. Lizzy sah neugierig, fast gespannt aus. Ihr Blick wanderte immer wieder zu Cathys Bauch, als könnte sie dort ein kleines Gesicht erkennen, das sich durch den Baumwollstoff der Bluse abzeichnete.

»Und, wie … wie fühlt es sich an, Cathy? Wie etwas ganz Besonderes?«

Das tat es, und wie. Es war ein hitziges Gefühl des Im-Recht-Seins, als würden all die Scham und Verachtung keine Rolle spielen, als hätte niemand auf der Welt vor ihr je etwas Ähnliches durchgemacht. Doch Cathy sagte nur: »Du solltest nicht hier sein. Mutter bekommt einen Anfall, wenn sie dich erwischt.«

Schüchtern flüsterte Lizzy: »Ich wollte dir das hier geben.«

Sie hielt ihr eine Zeitung vom Vortag hin – das Lokalblatt, das ihr Vater jeden Abend las. Damit konnte man sich schlaflose Stunden vertreiben, dachte Cathy zuerst, oder man konnte sie als Spucktüte benutzen, wenn es wieder einmal so weit war. Aber als sie sie entgegennahm, spürte sie, dass etwas darin eingewickelt war. Sie legte das Bündel aufs Bett und packte es aus. Es enthielt eine verschlissene und mit Eselsohren versehene Ausgabe von Gullivers Reisen, die eine halbe Ewigkeit auf dem Schränkchen zwischen ihren Betten gestanden hatte.

»Erinnerst du dich?«

Cathy nahm Lizzys Hände.

»Versteck es und nimm es mit, wenn du fortgehst. Wir haben es so geliebt früher, weißt du noch, Cathy? Vielleicht kannst du es dem Kleinen vorlesen, bevor sie es …«

Lizzy brachte es nicht über sich, den Satz zu beenden. Sie küsste Cathy auf den Mund und verschwand durch die Tür.

Als sie weg war, nahm Cathy das Buch in die Hand und schnupperte daran, und es war, als wäre sie wieder fünf, sechs, sieben Jahre alt. Seltsam, wie ein Buch einen in eine andere Zeit entführen konnte. Eine Zeit lang las sie hier und dort ein paar Sätze, schwelgte in der alten Geschichte, bis die Freude sich in Verbitterung verwandelte und sie das Buch unter ihr Kopfkissen schob.

Als sie sich die Tränen getrocknet hatte und das Zimmer wieder klar sehen konnte, fiel ihr Blick auf die Zeitung, die immer noch auf dem Bett lag. Sie war auf der Seite mit den Stellenangeboten aufgeschlagen – Anzeigen, in denen Kesselflicker und Tischler gesucht wurden, Schiffszimmermänner und Verkäufer. Es war die übliche Kost, die ihr Vater sich allabendlich zu Gemüte führte und anschließend entsorgte. Während sie noch die Angebote überflog, bemerkte sie einen schwarzen Kreis auf der gegenüberliegenden Seite. Zwischen der Werbung für ein Umzugsunternehmen und der Ankündigung einer Veranstaltung anlässlich der Bonfire Night war eine Annonce mit Tinte eingekreist.

Aushilfe gesucht

 

Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben?

Dann sind Sie bei uns richtig.

Das Emporium öffnet beim ersten Winterfrost seine Tore.

Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen.

 

Willkommen bei Londons führendem Spielwarenhändler

Papa Jacks Emporium

Iron Duke Mews, London W1K

Die Schrift sah merkwürdig aus, als würden die Buchstaben ein paar Millimeter über dem Papier schweben. Wie hatte sie die Anzeige vorher bloß übersehen können?

Sie strich über ihren Bauch und tat, als könnte sie die Tritte, die eines Tages kommen würden, schon spüren. Und auch wenn da im Moment noch nichts war, konnte sie sich immerhin vorstellen, wie es – das Mädchen, der Junge, das formlose Versprechen der kommenden Tage und Jahre – voll unbändiger Freude in ihrem Inneren Purzelbäume schlug. Wie konnte etwas so Wunderbares eine Schande sein?

Ihr Blick wanderte immer wieder zu dem Stellenangebot zurück, als weigerten sich ihre Augen, woanders hinzuschauen. Eine Idee reifte in ihr. Die Anzeige musste aus einem bestimmten Grund markiert worden sein. Ihr Vater hatte es ganz sicher nicht getan. War es eine Botschaft von Lizzy, die sie davon überzeugen wollte, davonzulaufen?

Ja, dachte sie, davonlaufen.

Sie schaute wie gebannt auf die Zeitung, während sich herbstliche Dunkelheit über den Raum legte. Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Das Haus kam zur Ruhe. Früher hätte jetzt ihre Mutter an die Tür geklopft und den Kopf ins Zimmer gesteckt, um ihr eine Gute Nacht zu wünschen. Doch auch als nun die Lampe im Flur zischend erlosch, blieb Cathy allein und starrte im silbernen Licht der Sterne weiterhin die Stellenanzeige an.

Keine Erfahrung erforderlich – das schien fast zu gut, um wahr zu sein. Und in London, dachte sie, ja, an einem solchen Ort konnte man verschwinden. Dort verschwanden Menschen jeden Tag.

DAS MÄDCHEN IM SPIELZEUGLADEN

Leigh-on-Sea und London

November 1906

Davonlaufen war ganz anders als in Büchern. Niemand versuchte, einen aufzuhalten. Niemand jagte einem hinterher. Was die Leute nicht verstanden, war, dass man wissen musste, wovor man davonlief. Meist floh man nicht vor Müttern, Vätern, Ungeheuern oder Bösewichtern, sondern vor der Stimme im Kopf, die einem sagte: Bleib, wo du bist. Alles wird wieder gut.

Diese Stimme hielt Cathy fast die ganze Nacht wach. In der dunkelsten Stunde saß sie am Fenster, hatte eine Hand auf ihren Bauch gelegt und hielt mit der anderen die Zeitung ins Licht der Sterne, das durch das Fenster fiel. »Und, was meinst du? Was sollen wir tun?«, flüsterte sie. »Es geht ja nicht nur um mich, Kleines. Du müsstest mit mir davonlaufen.«

Die Antwort kam in Form einer Flut von Gefühlen, die sie überschwemmten; Liebe, Übelkeit und imaginäre Tritte.

Nachdem sie einen Entschluss gefasst hatte, schlief sie ein und erwachte noch vor dem Morgengrauen. Sie hörte, wie das Haus zum Leben erwachte, das Feuer im Kamin angefacht wurde, beobachtete vom Fenster aus, wie ihr Vater von der Dunkelheit verschluckt wurde. Einige Zeit später sah sie Lizzy zur Schule gehen; nur ein weiterer, ganz normaler Tag unter vielen. Kurz darauf brachte ihr ihre Mutter einen Teller mit Toast, den sie wortlos hinstellte. Die Stimme in Cathys Kopf war da noch immer nicht verstummt. Bleib, wo du bist, flüsterte sie. Alles wird wieder gut.

Aber nichts würde wieder gut werden. Sie wusste es, mit demselben bangen Gefühl der Unausweichlichkeit, wie sie wusste, dass sie den Toast unweigerlich wieder von sich geben würde. Selbst ihr Magen rebellierte gegen sie.

Es gab nur wenig, was sie mitnehmen konnte: drei saubere Kleider, die sie immer in der Schule getragen hatte, Socken aus der Schublade, die Ausgabe von Gullivers Reisen, die ihre Schwester ins Zimmer geschmuggelt hatte. Ansonsten besaß sie nur ein paar Pennys, die sie für Weihnachtsgeschenke gespart hatte, aber sie nahm sie trotzdem mit.

Sie wollte sich nicht von ihrem Zimmer verabschieden – das würde nur Tränen geben, und Tränen würden sie hier festhalten –, und so verließ sie es ohne einen letzten Blick zurück. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen. Unten klapperte ihre Mutter mit Eimern, Töpfen und Pfannen.

Am Fuß der Treppe blieb Cathy erneut stehen, aber nicht, weil ihr Zweifel kamen, sondern weil sie erkannte, dass der Ort, an dem sie aufgewachsen war, sich gestritten, geweint und in den Armen ihrer Mutter Trost gesucht hatte, nicht mehr ihr gehörte. Er hatte sich unwiderruflich verändert – und so trat sie, ohne einen Anflug von Bedauern, in die belebende Novemberluft hinaus.

Danach brauchte sie nur noch weiterzugehen.

 

Der Bahnhof lag am Meer, nicht weit vom Ufer entfernt. Die Leute, denen sie auf dem Weg dorthin begegnete, sahen nur eine unschuldig lächelnde Cathy Wray. Und falls jemandem auffiel, dass sie ständig über ihre Schulter blickte, aus Angst, einen Fischer zu treffen, der ihren Vater kannte, so hielt er sie zumindest nicht auf. Und als sie schließlich mit der Fahrkarte in der Hand am Bahnsteig stand, begriff sie, warum: Der Welt war es egal, ob eine Tochter mehr oder weniger von zu Hause weglief. Sie hatte diese Geschichte schon zu oft erlebt.

Cathy bestieg den Zug, und nachdem er losgefahren war, beobachtete sie, wie die Küste an ihr vorbeizog. Es war nicht ihre erste Zugfahrt, aber sie hatte sich dabei noch nie so frei gefühlt. Gab es ein Wort dafür, wenn man etwas Falsches tat, das sich gleichzeitig so schrecklich richtig anfühlte? Wenn nicht, musste sie eins erfinden, ein Wort, das nur ihr und ihrem Kind gehörte. Sie presste das Gesicht an die Scheibe, während die Landschaft an ihr vorbeiflog. London schlich sich fast unbemerkt an, die Vororte schienen sich unvermittelt zu einer Großstadt verdichtet zu haben, als sie gerade nicht hingeschaut hatte. Im einen Moment war sie noch durch das schattenhafte Upminster gefahren, da tauchte bereits der Bahnsteig von Stepney East auf. Als sie schließlich ausstieg und sich die anderen Passagiere in alle Himmelsrichtungen zerstreuten, hatte sie das Hochgefühl ihrer Flucht schon fast wieder vergessen. Dennoch war es eine Erleichterung, nach den sechs Wochen der strengen Blicke wieder ein Niemand zu sein.

Sie war vorher nur einmal in London gewesen, aber das war lange her, und alles, woran sie sich erinnern konnte, waren eine Imbissstube, eine karierte Tischdecke, Würstchen, Pommes frites und Eiscreme. Ein Festmahl, falls es je eins gegeben hatte. Jetzt fand sie sich auf einer Treppe wieder, die in eine Stadt führte, von der sie sich hoffnungslos überfordert fühlte. Ein von Pferden gezogener Omnibus stand vor dem Bahnhof, auf dem Gehsteig drängten sich Büroangestellte. Am besten, sie senkte den Blick und marschierte einfach los, obwohl sie nur eine vage Vorstellung hatte, welche Richtung sie einschlagen musste. Instinktiv nahm sie den Weg zur Straßenbahn und sah zu, wie eine, zwei, drei an ihr vorbeirollten. Erst bei der vierten nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte den Fahrer nach Iron Duke Mews. Das sei im Westen, erklärte er, und sagte ihr, sie könne einsteigen.

Kurze Zeit später setzte er sie an der nächsten Haltestelle ab. Die Regent Street war schwindelerregend, kein Ort für ein Mädchen, dessen Übelkeit von Minute zu Minute schlimmer wurde; sie konnte nur weitergehen und darauf vertrauen, dass sie am Ende des Weges ihr Ziel finden würde.

Wie sich herausstellte, war Iron Duke Mews gar nicht weit entfernt, obwohl sie Stunden brauchte und mehr als einmal kehrtmachen musste, um es zu finden. Sie war schon drei Mal an der überwältigenden Pracht des Claridge Hotel vorbeigekommen, als sie ein paar Kinder bemerkte, die ihre Nanny traktierten. Die Nanny warf ihr einen gehetzten Blick zu, doch ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Bald fielen Cathy noch weitere Menschen auf: ein Junge, der seinen Vater an der Hand hinter sich herzog; ein vornehmes Paar, das alle Mühe hatte, seine drei wilden Töchter zu bändigen. Und alle gingen in dieselbe Richtung. Aber erst, als ihr andere entgegenkamen, wusste sie, dass sie auf dem richtigen Weg war. Aus einer Gasse kam eine Großmutter, die wie für die Oper gekleidet war, mit ihrem Enkel, der einen kleinen Holzschlitten in den Händen hielt, vor den winzige wollige Hunde gespannt waren. Es sah aus, als würden sie über seine Handflächen krabbeln, während der Schlitten dahinter in der Luft schwebte.

Vor ihr lag Iron Duke Mews – und ganz am Ende davon, in einem Kaleidoskop aus Lichtern, erblickte sie zum ersten Mal Papa Jacks Emporium.

Es war ein Gebäude mit symmetrischer Fassade, die das Ende der Sackgasse dominierte; Papa Jacks Emporium, so schien es ihr, war ein Ort, den man gezielt aufsuchte, und nicht etwas, auf das man rein zufällig stieß. Der Eingang bestand aus einem gotischen Torbogen, um den herum blutrote, herzförmige Blätter wuchsen. Auf beiden Seiten des Tors verbargen Milchglasfenster den Farbenrausch im Inneren vor neugierigen Blicken. Das Gebäude war mit Lichtflecken übersät, die aussahen wie feurige Schneeflocken. Cathy hatte noch nie einen so wirkungsvollen Einsatz von Elektrizität erlebt und hätte nie gedacht, dass sie einen so faszinierenden, bezaubernden Effekt haben könnte. Auch der Geruch von Lebkuchen und Zimt lockte sie herbei, entführte sie aus dieser Novembernacht und ließ sie an einen Weihnachtstag denken, der zehn Jahre zurücklag.

Sie bestaunte immer noch die Fassade, als eine Familie mit einem Ballon in Form eines Luftschiffs aus dem Geschäft kam. Er war etwa so lang wie ein Motorrad und schwebte auf Kopfhöhe neben ihnen her; in der Gondel darunter schauten sich zwei Kleinkinder mit offenem Mund um. Eines von ihnen sah Cathy im Vorbeifliegen an.

»Ich muss mit dir reden, Kleines«, flüsterte sie, die Hand auf ihren Bauch gelegt. »Wenn ich nicht mit irgendjemandem rede, verliere ich den Verstand, und außer dir habe ich ja niemanden. Also … was hältst du davon?«

Das Baby dachte: Zimt! Lebkuchen! Und fragte: Wo schlafen wir heute Nacht, Mama?

Der Eingang zu Papa Jacks Emporium war schmal; sie trat durch einen Vorhang aus dunkelblauen Quasten in die prickelnde Wärme der Verkaufshalle. Sie war weit größer, als sie von außen gewirkt hatte – unmöglich groß, wie Cathy vielleicht bemerkt hätte, wenn sie nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Ihr Blick wurde sofort von den Girlanden aus Stoff und Spitze angezogen, die die gewölbte Decke zierten. Eine Schaufensterpuppe im Holzfällerkostüm verbeugte sich theatralisch vor ihr. In einer pyramidenförmigen Vitrine drehten sich Porzellanballerinen auf Zehenspitzen, um sich ihr von ihrer besten Seite zu präsentieren.

In den Gängen tobte das Leben. Fast wäre sie über eine vorbeituckernde Dampflokomotive gestolpert. Als sie auswich, kamen aus der entgegengesetzten Richtung Holzpferde mit eckigen Bewegungen auf sie zugaloppiert, deren Kosakenreiter die Arme hoben, als wollten sie der Lok drohen.

Der nächste Gang war von belagerten Burgen gesäumt. Einige der Belagerungstürme standen auf der Stelle, andere erwachten beim Geräusch ihrer Schritte zum Leben. Ritter wagten den Ausfall, Lanzenträger verteidigten sich gegen eine Horde barbarischer Krieger, die aus einer skandinavischen Saga entlehnt zu sein schienen.

Um die Ecke eines der Regale, an dem mehrere Lenkballons angebunden waren, hatte sich vor einer Theke eine Schlange gebildet. Cathy stellte sich an und wartete, während die Kunden vor ihr sich von geübten Händen Mammuts einpacken oder Piratengaleonen zusammenbauen ließen. Schließlich war sie an der Reihe. Hinter der Kasse bemühte sich ein Junge, der kaum älter aussah als sie, den Deckel einer Schachtel mit der Aufschrift EMPORIUM-FERTIGBÄUME zuzudrücken und sich gleichzeitig um die Brummkreisel zu kümmern, die auf dem Regal hinter ihm eine Symphonie spielten.

»Bin gleich bei Ihnen«, sagte er. Er war gutaussehend, hatte azurblaue Augen, wirres schwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, und buschige Augenbrauen. Sein Gesicht war noch etwas pausbäckig, und der Versuch, sich einen Kinnbart wachsen zu lassen, hatte lediglich in Flaum geendet.

»Verzeihen Sie, aber ich bin wegen der Stelle hier«, sagte Cathy.

Die azurblauen Augen des Jungen hatten sich zu Spalten verengt, die noch schmaler wurden, als er Cathy die Zeitung mit der Anzeige aus der Hand nahm. »Woher haben Sie die?«

Während Cathy noch nach einer Erklärung suchte, blätterte der Junge bereits hektisch in der Zeitung, dass die Seiten nur so flogen, bis er die Titelseite gefunden hatte. »Leigh-on-Sea? Natürlich, von dort beziehen wir unsere Muscheln, aber … Hören Sie«, sagte er, verstummte kurz und fuhr dann fort: »Sie haben uns in einem ungünstigen Moment erwischt. Heute Morgen gab es den ersten Winterfrost, wie Sie vermutlich bemerkt haben. Große Eröffnungsfeier! Das bedeutet Chaos, Plünderung, Ausnahmezustand! Wenn Sie so dringend eine Stelle brauchen, warum sind Sie dann nicht früher …« Der Junge schien einen inneren Kampf mit sich auszufechten. Welche Seite gewann, konnte Cathy nicht sagen. Er trat einen Schritt zurück, zog an einem Hebel, und die Theke teilte sich ächzend. Die einzelnen Bretter ihrer Verkleidung drehten sich nach außen und bildeten, den Befehlen von verborgenen Zahnrädern und Getrieben gehorchend, für den Bruchteil einer Sekunde das Bild eines perfekten Eiskristalls, das sich gleich wieder auflöste und den Weg freigab. »Bleiben Sie in meiner Nähe. Sonst kann es sein, dass ich Sie nicht wiederfinde.«

»Wie bitte?«

»Na, Sie wollen doch die Stelle, oder? Dann müssen Sie auch zum Vorstellungsgespräch. Er ist da, wo er immer ist: in der Werkstatt. Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Cathy beobachtete, wie er durch eine Tür verschwand, und presste sich die Hand auf den Bauch. »Tut mir leid, Kleines. Aber jetzt ist es nicht mehr weit.«

 

Hinter der Tür führte eine Wendeltreppe zu den oberen Stockwerken hinauf. Als Cathy sie erreichte, hatte der Junge schon die unterste Kurve genommen. Hastig folgte sie ihm.

Im ersten Stock führte er sie über eine Galerie mit Blick auf die geschäftige Verkaufshalle, dann durch eine Tür und einen Korridor mit Lagerräumen zu beiden Seiten zu einer weiteren Treppe. Eine Galerie folgte der nächsten – und dann, obwohl Cathy hätte schwören können, dass sie noch gar nicht so viele Treppen hinaufgestiegen waren, betraten sie einen Balkon ganz oben in der Kuppel. Das Emporium musste in die benachbarten Geschäfte hineingewuchert sein, aber vielleicht war das auch nur eine optische Täuschung – denn von hier oben kam es Cathy so vor, als wäre das Geschäft so groß wie die St.-Pauls-Kathedrale.

Der junge Mann erwartete sie vor einer schweren Eichentür mit Nieten aus grauschwarzem Stahl. Er hatte schon angeklopft, als Cathy ihn keuchend einholte. Die Wände waren mit Haken gespickt, an denen Hunderte unfertige Spielzeuge hingen. Ein entwurzelter Springteufel, seiner Schachtel beraubt, starrte sie mit toten Augen an.

Jemand hinter der Tür befahl dem Jungen, der Cathy einen fast entschuldigenden Blick zuwarf, einzutreten. Er öffnete die Tür und ging hinein. Cathy lugte vom Gang aus ins Innere des Raumes. Die Werkstatt wurde vom Orangerot eines Kaminfeuers erhellt, und an den Wänden standen Regale und Aquarien, aus denen die Spielzeuge vergangener Winter blickten.

Nervös wartete sie; die Schritte des Jungen waren das Einzige, das die Stille durchbrach. Schließlich blieb er stehen. Sie hörte etwas, das klang, als würde eine Zeitung hingeworfen, und der Junge sagte: »Ich wusste gar nicht, dass die immer noch erscheinen.«

Eine barsche Stimme, träge wie die eines Bären kurz nach dem Winterschlaf, antwortete: »Sie erscheinen immer dann, wenn wir sie brauchen, Emil. Das weißt du doch. Oder glaubst du etwa, wir können keine Hilfe gebrauchen?«

»Wir können immer Hilfe gebrauchen.«

»Dann ruf sie herein. Wollen wir doch mal sehen, ob sie aus Emporiumsholz geschnitzt ist.«

Gleich darauf tauchte der Junge, der anscheinend Emil hieß, wieder auf. In seinem Blick lag etwas, das entweder Verzweiflung oder Gereiztheit war. »Es tut mir leid, aber ich werde unten gebraucht. Es ist ja nicht so, als würde Kaspar ans Ruder eilen, wenn die Flut kommt. Nein, der zieht sich vornehm in seinen Elfenbeinturm zurück und kommandiert alle herum – und das am Eröffnungsabend!« Er fuhr sich durch die Haare, die struppig waren wie Dornensträucher. »Ich heiße übrigens Emil.«

Er verharrte vor ihr, sodass ihr keine andere Wahl blieb als zu sagen: »Und ich bin … Cathy.«

Er legte ihr eine schwere Pranke auf die Schulter. »Viel Glück, Cathy. Und glaub mir, er ist nicht so furchterregend, wie er klingt. Er ist nur … mein Vater.«

Cathy trat über die Schwelle, ließ den Blick über die Blasebälge und Werkzeuge schweifen und betrachtete die Stoffbahnen, die über den Deckenbalken hingen wie die zum Trocknen aufgehängten Kräuter beim Apotheker. Erst jetzt, als sie durch Holzspäne und Filzfetzen watete und dabei aus Versehen eine Familie von Aufziehmäusen in Panik versetzte, fragte sie sich, ob sie das Richtige getan hatte. Davonlaufen war einfach. Aber jemand, der davonlief, musste auch irgendwo ankommen, was ihr im Moment so gut wie unmöglich erschien.

Die Werkstatt war ein schmaler, lang gezogener Raum mit runden Ausbuchtungen an beiden Seiten, die ihm das Aussehen eines Stundenglases verliehen. Hinten an der Wand saß ein Mann auf einem Stuhl, dessen Armlehnen abgesägt worden waren, damit er darauf Platz hatte – er war ein Berg von einem Mann. Sein kantiges Gesicht, das von weißen und grauen Locken eingerahmt wurde, glich einer Landkarte aus Falten und Runzeln. An seinen Augen erkannte man ihn untrüglich als Emils Vater. Sie waren mit dem Alter verblasst, aber selbst aus dieser Entfernung konnte Cathy sehen, dass sie früher ebenso leuchtend blau gewesen sein mussten wie Emils. Alles in allem wirkte er eher wie ein Großvater, weniger wie ein Vater. Alt genug war er jedenfalls – oder sah zumindest so aus. Das Einzige an ihm, das von Jugend zeugte, waren seine Hände. Geschickt nähte er gerade rubinrote Federn an etwas, was Cathy im ersten Moment für einen Vogelkadaver hielt, sich jedoch bei näherem Hinsehen als Spielzeug entpuppte, dessen übriger sackleinener Körper bereits von einem dichten Federkleid bedeckt war.

Je näher sie ihm kam, desto nervöser wurde sie. Mit einem Mal kam ihr die Werkstatt unnatürlich lang vor: Der Spielzeugmacher am anderen Ende schrumpfte in immer weitere Ferne. Sie hatte den zweiten Kamin erreicht, als sich etwas auf den Holzdielen regte. Ein Gestell aus Zweigen und Draht mit Innereien aus Nockenwellen und hölzernen Kolben erhob sich mit ruckartigen Bewegungen. Die eine Hälfte des Körpers war schon mit fellbesetztem Musselin überzogen, sodass Cathy erkennen konnte, dass es sich um einen Hirsch handelte; doch unvollständig, wie er war, kam er nicht auf die Beine. Er wandte ihr sein augenloses Gesicht zu wie ein blindes Fohlen auf der Suche nach seiner Mutter.

Endlich stand sie vor dem Spielzeugmacher.

»Bitte entschuldigen Sie, Sir, dass ich Sie am Eröffnungstag störe. Es tut mir leid, dass ich so spät komme. Ich wollte wirklich nicht …«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Es ist nie zu spät.« Seine Stimme war geisterhaft leise, wie fallender Schnee, und seine Augen waren schmal geworden, als enthielten seine Worte noch eine zweite, verborgene Bedeutung. »Hat Emil Ihnen schon die Fragen gestellt?«

»Welche Fragen?«

Irritiert deutete der Mann auf die Zeitung, die vor seinen Füßen auf dem Boden lag. »Die in der Stellenanzeige.« Er sagte sie noch einmal langsam auf, und sein Bart bewegte sich im Rhythmus seiner Worte. »Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich?« Er fixierte sie, als könnte er in ihrem Schweigen die Antwort lesen. »Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben?«

»Ja«, hörte Cathy sich sagen und widerstand der Versuchung, ihm ihrerseits eine Frage zu stellen.

»Das genügt mir. Ich habe ein Ohr für Lügen. Wissen Sie noch, als Sie noch klein waren, haben Sie genau gewusst, ob Ihre Mama oder Ihr Papa Sie anschwindelt? Etwas in ihrer Stimme hat sie jedes Mal verraten. Tja, ich habe es nicht verlernt.« Der Mann erhob sich von seinem Stuhl, und es war, als würde ein umgestürzter Baum wieder auf seine Wurzeln gestellt. Er legte eine Hand auf seinen Rücken und reichte Cathy die andere. »Mein Name ist Jekabs. Aber Sie können mich … Papa Jack nennen.« Seine Finger waren nicht knotig, wie sie erwartet hatte, sondern glatt und weich – wie die eines Künstlers oder eines Kindes.

»Jemand muss Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Darf ich?«

Auf der Drehbank stand eine kleine Glocke, die er mit seiner übergroßen Hand anhob und schüttelte. Ihr Klingeln hallte im ganzen Raum wider. Auf den Balken über ihren Köpfen fingen die Pfeifenreinigervögel an zu zwitschern.

»Mein Zimmer?«

»Kost und Logis inbegriffen, schon vergessen?«

»Sie meinen, ich bekomme die Stelle?«

»Heute ist der Tag des ersten Winterfrosts. Wir schicken niemanden fort, nicht am Tag des ersten Frosts.«

Mit diesen Worten ließ sich Papa Jack zurück auf den Stuhl sinken. Gleich darauf lag der Phönix wieder auf seinem Schoß, und seine Finger pflanzten tänzelnd neue purpur-, zinnober- und weinrote Federn in das Sackleinen.

»Komm mit mir, Liebes.«

Cathy drehte sich um. Von Papa Jacks Glocke herbeigerufen, stand eine Frau in der Werkstatttür; Cathy ging auf sie zu, wobei sie darauf achtete, nicht auf die Aufziehmäuse zu treten, die immer noch um sie herumschwirrten. Auf halbem Weg wagte sie es, sich noch einmal umzudrehen. »Sir«, brachte sie heraus, »wollen Sie denn gar nicht wissen, wie ich heiße?«

Papa Jack sah auf; die weißen Locken fielen ihm in die Stirn wie eine Lawine, was ihr vorher gar nicht aufgefallen war. Sein Blick war in die Ferne gerichtet wie der eines Fischers, der in Kriegen in weit entfernten Ländern gekämpft hatte, nach Hause zurückgekehrt war und jetzt nur noch fischen wollte. Wortlos öffnete er die Hände, und der Phönix schwang sich in die Lüfte.

Die Frau, die an der Tür auf sie wartete, war nicht so alt, wie Cathy zunächst vermutet hatte, vielleicht war sie sogar jünger als ihre Mutter, ihre Miene jedoch war genauso streng. Ihr Hauskleid war aus schlichter, gestärkter Baumwolle, darüber trug sie eine Kittelschürze. »Darf ich dir die Tasche abnehmen?«, fragte sie.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, trage ich sie lieber selbst.«

Die Frau führte sie durch den Flur zurück zu den Galerien über der Verkaufshalle.

»Der gnädige Herr mag deinen Namen nicht wissen wollen, aber ich schon.«

»Ich heiße … Cathy«, erwiderte sie.

»Und du bist wegen einer dieser Anzeigen hier?«

»Ja.«

»Ich ebenfalls, aber das ist schon zwölf Jahre her, als die Jungs noch klein waren. Nenn mich Mrs Hornung. Mein Vorname ist Eva.«

Sie gingen durch einen verwinkelten Dienstbotenflur bis zum Fuß einer krummen Dienstbotentreppe. Auf dem Weg summte Mrs Hornung leise vor sich hin.

Die Treppe war steil, die Stufen schief, aber an ihrem oberen Ende konnte man Licht ausmachen. Auf dem Treppenabsatz war kaum genug Platz für zwei. Die Türen zu beiden Seiten standen offen. Hinter einer davon lag ein einfaches Badezimmer mit einer Toilette und einer Wanne. Cathy wollte schon durch die andere treten, als Mrs Hornung ihre Hand berührte und dabei flüsterte: »Bist du dir auch ganz sicher, Kind?«

Die Frage traf sie unvorbereitet.

»Es ist noch nicht zu spät, dorthin zurückzukehren … wo auch immer du herkommst. Du könntest dir irgendeine Geschichte ausdenken. Wer auch immer zu Hause auf dich wartet, würde es bestimmt verstehen.«

Cathy erstarrte. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Hier sind doch noch viele andere, oder? Ich kann genauso hart arbeiten wie sie.«

Einen Augenblick lang sah Mrs Hornung sie merkwürdig an, dann straffte sich ihre Haltung, als würde sie sich einem stummen Befehl fügen. »Melde dich morgen früh bei Sonnenaufgang bei Sally-Anne. Sie arbeitet schon seit mehr Wintern im Emporium, als zu erwähnen schicklich wäre. Sie wird dir alles zeigen. Ruh dich gut aus, Cathy. Du hast viel zu lernen.«

Erst als Mrs Hornung gegangen war, begann sich Cathys Herzschlag wieder zu beruhigen, und sie fragte sich, ob das andere Herz in ihrem Körper ebenso schnell klopfte wie ihr eigenes. Rasch verschloss sie die Tür und tastete nach dem Riegel. Erst als sie sich sicher eingeschlossen wusste, schaute sie sich im Raum um. In der Ecke, wo die Dachschräge in die Mauer überging, stand ein Bett, ansonsten war das Zimmer leer. Ein gotisches Spitzbogenfenster gab den Blick frei auf Straßenlaternen und schwarze Dächer; in der Ferne, am anderen Ende der Stadt, stand ein Halbmond im Nachthimmel zwischen zwei Türmen.

»Hörst du noch zu?«, flüsterte sie, legte sich die Hand auf den Bauch und trat ans Fenster. Es war seltsam, nicht mehr das Meer riechen zu können. »Wie schlimm kann es hier schon sein? Wir hätten auch bei einer Diebesbande landen können. Sie hätten uns schon längst umbringen können, wenn sie gewollt hätten. Es gibt keinen Grund, warum sie damit warten sollten, bis es Nacht ist. Es gibt keinen Grund, warum sie ins Zimmer schleichen sollten, um uns mit einem Kissen zu ersticken …« Sie sah sich um, bis ihr Blick an der Tür hängen blieb. »Überhaupt keinen Grund.«

Sie schob das Bett vor die Tür, aber dadurch wurden Spalten zwischen den Bodendielen sichtbar, die die pechschwarze Leere darunter enthüllten. Also rückte sie das Bett wieder zurück an seinen Platz. Es war besser, sich vor dem Bekannten zu fürchten als vor dem Unbekannten. Sie legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Sie sah Lizzy vor sich, die von ihrem Vater einem strengen Verhör unterzogen wurde, sie sah ihre Mutter, die zu Daniels Familie eilte und darauf bestand, das Haus bis auf den letzten Winkel zu durchsuchen.

»Wie lange noch, bis sie die Polizei rufen?«, flüsterte sie. Das Baby zuckte, und Cathy meinte zu wissen, was es ihr damit sagen wollte: Sie würden die Polizei nicht rufen, nie; die Schande wäre einfach zu groß. »Bleiben nur noch du und ich. Sollen sie doch zum Teufel gehen«, murmelte sie. »Denen wäre es lieber, wenn es dich gar nicht gäbe.«

Da solche Gedanken dazu angetan waren, Selbstgerechtigkeit in Selbstmitleid umschlagen zu lassen, versuchte sie, sich abzulenken, indem sie dem Kind all die Dinge zuflüsterte, die sie in ihrem neuen Zuhause unternehmen würden. Als sie heute Nachmittag geflüchtet war, hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, aber jetzt wurde es ihr erschreckend klar: Es ging hier nicht nur um eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, sondern um ein ganz neues Leben. »Vielleicht bleiben wir für immer hier. Gibt es einen besseren Ort, um ein Kind großzuziehen, als einen Spielzeugladen? Du hättest hier alles, was du brauchst …«

Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten ausgepackt hatte, kletterte sie auf die Fensterbank und warf einen Blick nach draußen. Was für eine seltsame, Furcht einflößende Sache das Leben doch war! Stunden später saß sie noch immer dort und sah dabei zu, wie die letzten Kunden in die Winterkälte hinausströmten. Ein Hirsch aus Sackleinen und Filz, unverkennbar ein Verwandter der halbfertigen Kreatur aus Papa Jacks Werkstatt, trottete hinter ihnen her, bis ein paar Verkäufer ihn wieder einfingen und ins Emporium zurückbrachten.

Cathy schlang die Arme um ihren Bauch. »Komisch, wir sind nur eine Stunde entfernt.« Und doch war es eine andere Welt. »Nicht gerade das, was man unter einem Zuhause versteht, nicht wahr, Kleines?«

Nein, es fühlte sich kein bisschen an wie ein Zuhause – aber als sie sich später mit Wiegenliedern in den Schlaf zu singen versuchte, meldete sich wieder und wieder ein Gedanke, als sei er fest entschlossen, sich Gehör zu verschaffen: Ob Papa Jacks Emporium sich nun so anfühlte oder nicht, es würde fürs Erste ihr Zuhause sein müssen.

PAPIERWÄLDER

Papa Jacks Emporium

Dezember 1906

Es gibt Hunderte verschiedener Uhren im Emporium. Einige sind im Einklang mit der Londoner Zeit, andere zeigen die Stunde jenes fernen Küstenstreifens an, den die Godman-Brüder früher ihre Heimat nannten. Wieder andere messen die Zeit auf eine sprunghafte, unberechenbare Weise: Eine zählt jede dritte Sekunde rückwärts, um die Zeit zwischen den ungeliebten Pflichten zu verlängern; eine andere dehnt die Abendstunden aus, um das Schlafengehen hinauszuzögern. Sie alle messen die Zeit, so wie Kinder es tun – etwas, das die Erwachsenen verlernt haben. Nur Kinder wissen, warum der eine Tag eine Ewigkeit dauern kann, während der andere in einem Wimpernschlag vergeht.

Ja, in Papa Jacks Emporium ticken die Uhren anders. Ganz egal, ob man tagsüber kommt oder abends, hier findet man einen Ort, der ganz nach seinem eigenen Rhythmus lebt, und wer genau hinhört, kann ihn vielleicht sogar hören …

 

Emil Godman war schon seit dem baltischen Tagesanbruch auf den Beinen, so hatte es sein Vater sein Leben lang gehalten, und Emil wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Vater zu beeindrucken. Deshalb war er schon vor drei Stunden aufgestanden, als die Sonne noch weit entfernt war von Iron Duke Mews und gerade erst die eisigen Länder des Ostens in ihr bleiches Winterlicht tauchte, um in seiner Werkstatt zu arbeiten, einer kleineren Ausgabe der Werkstatt seines Vaters. Die Werkbänke waren mit mehr oder minder fertigen Holzsoldaten übersät. Emil schlenderte von einem zum anderen, ließ hier und dort die Finger über unvollendete Gesichter oder Holzquader gleiten, die auf die Drehbank warteten. Den Geschäftsbüchern zufolge hatten seit der Eröffnung vor zwei Wochen schon ganze drei Legionen das Emporium verlassen; Regale, die über achtzehntausend Mann gefasst hatten, waren leer geräumt, was ihm eins der größten Hochgefühle seines Lebens verschaffte. Die meisten hatte er im Sommer selbst hergestellt, die übrigen die Handwerker im letzten Winter, aber die Entwürfe stammten alle von Emil. Er setzte sich auf einen Stuhl, krempelte die Ärmel bis über die kräftigen Unterarme hoch und machte sich ans Werk. Die Herstellung und Bemalung der einfachen Infanteristen und Kavalleristen überließ er den Handwerkern, die wertvolleren Figuren übernahm er selbst.

Emil arbeitete fast wie in Trance, unter seinen Händen entstanden immer wieder Gesichter, die ihn später selbst überraschten, wenn er die Soldaten zum Trocknen aufstellte. Der erste Soldat hatte eine noble Haltung; der zweite sah aus, als hätte er schon zu viele Kriege erlebt; der dritte trug die Narben früherer Schlachten, und sein Gesichtsausdruck verriet seinen innigsten Wunsch: zur Liebe seines Lebens zurückzukehren, die zu Hause auf ihn wartete. So vergingen eine, zwei und schließlich drei Stunden. Seine Werkstatt hatte keine Fenster, doch er hörte am Klopfen der Rohre und am Echo ferner Schritte, dass auch die anderen Mitarbeiter mittlerweile auf den Beinen waren und das Geschäft auf den täglichen Ansturm vorbereiteten.

Das hieß, dass Emil mit diesem Soldaten sein morgendliches Werk abschließen musste. Er bemalte und glasierte das Gesicht, tauchte seine Beine in Lack, um ihm grün glänzende, hohe Stiefel zu verleihen, und verzierte ihn mit winzigen Blechmedaillen und einer scharlachroten Schärpe. Doch erst als er den Soldaten zu den anderen stellte, erkannte er, was er da vor sich hatte – eine Figur mit einer solchen Ausstrahlung hatte er noch nie zuvor erschaffen. Dieser Soldat hatte unzählige Schlachten geschlagen, hatte Sieg wie Niederlage kennengelernt und trug sie beide, wie die Narbe über seinem linken Auge, die ihm ein Säbel beigebracht hatte, mit derselben stillen Würde. Er war außergewöhnlich, entschied Emil; jeder Junge wäre stolz, ihn in seiner Sammlung zu haben.

Er spürte ein Prickeln am ganzen Körper, ein Gefühl, das er seit Monaten nicht mehr empfunden hatte. Er würde die Handwerker anweisen, die Figur in Serie zu produzieren. Ihre Kopien mochten unvollkommen sein, doch es wären immer noch Spielzeuge, die die Kunden begeistern würden. Er dachte an eine Geschichte, die sein Vater ihm einmal erzählt hatte, und beschloss, diesem Soldaten einen Rang zu verleihen, den er bisher noch nie verliehen hatte: Kaiserlicher Rittmeister.

 

Als die große Glocke in der Kuppel des Emporiums läutete, verließen die Angestellten rasch ihre Quartiere, und auch Emil eilte aus der Werkstatt in die Verkaufshalle. Nachts, wenn alles schlief, gestaltete die Nachtschicht die Auslagen neu, eine Aufgabe, um die sie viele beneideten: Sie kam erst nach Einbruch der Dunkelheit und vollbrachte kleine Wunder in den Galerien und auf den Gängen. An diesem Morgen ringelte sich ein chinesischer Drache quer durch das Geschäft. Das Atrium im Herzen des Emporiums hatte sich in den Bau zweier riesiger Schwarzbären verwandelt.

Das Geschäft würde zwar erst in zwei Stunden öffnen, aber die Tagesschicht war schon fleißig bei der Arbeit. Emil ging von einem Angestellten zum nächsten, begierig, allen den Kaiserlichen Rittmeister zu zeigen. Doch die meisten waren zu beschäftigt. Kesey und Dunmore, die zunächst als staunende Kunden ins Emporium gekommen waren und sich, als sie die Volljährigkeit erreicht hatten, sofort hatten einstellen lassen, trieben eine Herde kufenloser Schaukelpferde, die direkt aus der sibirischen Steppe zu kommen schienen, in einen Pferch. Sally-Anne stockte die Prinzessinnen-Abteilung auf, die von der gestrigen Kundenflut dezimiert worden war, während John Horwood, der Hausmeister, Schäden an den Holzdielen reparierte, die von einer nachgestellten Schlacht stammten. Selbst das neue Mädchen, das am Tag der Eröffnung aufgetaucht war und seitdem kaum ein Wort gesagt hatte, zog einen vor Neuware überquellenden Schlitten aus dem Lager.

Emil betastete den Kaiserlichen Rittmeister in seiner Tasche. Er erkannte, dass es eigentlich nur einen Menschen gab, dem er ihn wirklich zeigen wollte, und dieser Mensch hatte sich anscheinend noch nicht dazu bequemt, aufzustehen.

Kaspar.

Emil nahm die Abkürzung zur Wohnung der Godmans im Dachgeschoss des Emporiums. Mrs Hornung servierte Papa Jack gerade Stockfisch zum Frühstück, doch Emils Bruder Kaspar war nirgends zu sehen. Sein Bett sah aus, als hätte er seit Tagen nicht mehr darin geschlafen. Kaspars Notizbuch lag aufgeschlagen neben seinem Bett, doch Emil hatte genug Stolz, um keinen Blick hineinzuwerfen; die hastig hingekritzelten Entwürfe darin gehörten allein Kaspar, und Emil hatte nicht vor, ihn zu hintergehen. Wenn das Emporium eines Tages ihm zufiele, sollte es aufgrund eines fairen Sieges sein.

Es gab nur noch einen Ort, wo sein Bruder sich aufhalten konnte – und tatsächlich, er war in seiner Werkstatt unter dem Dach. Der Boden war mit unzähligen Überresten gescheiterter Experimente übersät. Eine chaotische Werkstatt ließ auf einen chaotischen Geist schließen, wie Emil wusste. Er gestattete sich ein kleines Lächeln.

Kaspar stand in einer der Ausbuchtungen des sanduhrförmigen Raums vor einem Kamin, in dem jedoch kein Feuer brannte. Er war ein Jahr älter als Emil und hatte den Babyspeck schon verloren, den abzulegen sich Emils Körper hartnäckig weigerte. Er beugte sich mit demselben Feuereifer über den Arbeitstisch, mit dem Emil an seinen Soldaten gearbeitet hatte. Er hatte sich seine spektakuläre Mähne aus dem Gesicht gekämmt, sodass sie Augen enthüllte, die noch strahlender waren als Emils, und eine Nase, die auch einem römischen Legionär gut zu Gesicht gestanden hätte. Verstimmt bemerkte Emil, dass Kaspars Züge denen des Kaiserlichen Rittmeisters fast bis aufs Haar glichen, was ihm einen empfindlichen Dämpfer versetzte.

Egal. »Kaspar«, rief er. »Ich habe hier etwas … Warte, bis du das hier …«

»Einen Augenblick, kleiner Bruder. Zuerst will ich dir etwas zeigen.«

Vor Kaspar stand ein Glas auf dem Tisch, das mit eingeritzten Zeichen und Hieroglyphen verziert war. Er nahm eine kleine Kerze vom Kaminsims, zündete sie an, stellte sie in das Glas, schraubte einen Deckel darauf – und lehnte sich zurück, als sich die Werkstatt in ein Theater aus Licht und Schatten verwandelte.

Ein Kaleidoskop aus Tieren und Menschen tanzte über die Wände, drehte sich synchron in einer Art Arabesque. Eine Prinzessin erschien, warf Emil eine Kusshand zu und verschwand in einem Wirbelwind aus tanzenden Mädchen. Eine Armada von Galeonen erschien, dann tauchte ein riesiger Wal auf und verschlang ein Schiff nach dem anderen. Strichmännchen-Matrosen stürzten über Bord und ertranken im Schattenmeer.

»Ein Nachtlicht!«, rief Kaspar. »Für Kinder, die nicht einschlafen können. Stell dir das nur mal vor, Emil: Dein Kindermädchen liest dir irgendeine öde Geschichte vor, wahrscheinlich mit einer hübschen Moral am Ende – und erwartet, dass du dich umdrehst und einschläfst. Dann schließt sie die Tür, und – zack! – du zündest dein Licht an und …«

Mehr bekam Emil nicht mit. An der Wand tanzten Elfen im Kreis, bis sie plötzlich von einem gigantischen Feuer speienden Lindwurm verjagt wurden. Ein Ritter kam auf seinem wackeren Streitross angaloppiert und erschlug das grässliche Ungeheuer; im selben Moment entpuppte sich sein Pferd als Pegasus, spreizte die Schwingen und flog davon.

Die Kerze im Glas erlosch flackernd, der Schattenzauber verschwand und ließ nur die nackten Wände zurück – und ein allzu vertrautes, nagendes Gefühl in Emils Magengrube. Er ließ den Kaiserlichen Rittmeister, den er die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte, wieder in die Tasche gleiten.

»Und, was wolltest du mir zeigen, kleiner Bruder?«

Kaspar, jetzt sichtlich entspannter, grinste zufrieden.

»Meine Faust, falls du nicht pünktlich in der Verkaufshalle bist. Kaspar, du hattest den ganzen Sommer über Zeit, um herumzuexperimentieren. Es ist nicht fair, dich vor der ganzen harten Arbeit zu drücken …«

Kaspar hüpfte über den Müll auf dem Werkstattboden hinweg und legte seinem Bruder einen Arm um die Schulter. »Jetzt sei doch nicht so ein Miesepeter. Glaubst du etwa, in meinem Nachtlicht steckt keine harte Arbeit?«

Emil wollte gerade etwas erwidern, da flog die Tür auf, als hätte ein wütender Schneesturm sie aufgestoßen, und ihr Vater stand auf der Schwelle. Der große Bär musste sich bücken, um die Werkstatt betreten zu können, die für einen Zwölfjährigen entworfen worden war.

»Papa«, rief Kaspar, stets bereit, zum Angriff überzugehen, »darf ich dir …«