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Copyright © 2013 by Anke Bütow
Übersetzung der Lyrik von der Autorin
Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München
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Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
TitelImpressumProlog123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445
Prolog
An sommerlichen Tagen kann das Meer blau und heiter sein. Die Sonnenstrahlen glänzen und glitzern über das Wasser hin und locken. Segel tanzen leicht und schwerelos. Delfine spielen an manchen Tagen umeinander, lachen Menschen an, keckern und sind wieder tief in den Fluten. Ist es warm, beglückt das Meer unendlich viele kleine Kinder, die Muscheln finden, den Sand beschaufeln, vor den schaumigen Zungen der Strandwellen weglaufen und den Wettlauf kreischend immer wieder gewinnen.
Laut sind die Nächte. Wenn man auf den Klippen lebt, kommt das Meer mit seinem Rauschen, seinem Sprühen und seiner salzigen Luft und dem Kreischen der Möwen ins Haus und mit dem Meer der Wind und der Sturm. Der Wind hat von Frankreich her freie Bahn, seine Kräfte zu vervielfachen und sie an den Fensterläden des grausteinernen Cottage zuerst auszutoben, dann an den klein gebliebenen krummen Bäumen und dann an den Scheiben des Gewächshauses, die er klirren lässt, einige aussucht und zerbricht. Und in der Nacht holt sich das Meer ein Stück Land, manchmal weniger, manchmal mehr, aber es holt sich das Land. Ob darauf ein Haus steht oder nicht. Was sind Jahrhunderte? Sie zählen nicht. Es holt sich auch Menschen. Das Meer ist kalt, dunkel und gleichgültig und schön.
Wenn die Sonne schien, saßen die Liebenden Kate und Ron vor dem Cottage und genossen die Idylle, die Ron freilich nur an Wochenenden ertrug und beileibe nicht an jedem. Kate hatte nur dieses eine Zuhause, und deshalb waren die Wochenenden für sie etwas weniger idyllisch als für Ron, aber trotzdem das Schönste in ihrem Leben. Ihm zu sagen, er möchte doch immer mit ihr leben, hieße, die Worte dem Wind zu schenken – das wusste sie. Und ihn liebte sie, ihren Jugendfreund und einzigen Mann, den es in ihrem Leben je gab. Wochenlang blieb er von London verschluckt, und dann war er wieder da, jedes Mal in den ersten Stunden ein wenig fremd. Harry war auch ihr Einziger, ihr Sohn, und sie musste es nach dem Wochenende übers Herz bringen, ihn selbst zu seiner Schule zurückzufahren, und dann war sie wieder lange allein am Meer. Und die vielen Nächte hindurch hörte sie auf den Wind und den Sturm.
In diesen Nächten wächst in ihr die Kraft, die Dunkelheit zu lesen, die Stille zu vernehmen, Zukünftiges zu sehen, Vergangenes als bedeutungsvoll zu erkennen. Und immer wieder ist der Wunsch mächtig, den Wind in ihrem Haar zu spüren. Wird sie die Kraft haben, ihren Sohn über dem dunklen Wasser zu halten und nicht untergehen zu lassen?
Und ihr Mann, den sie liebt, seit sie ein Mädchen war … ? Beschützt er ihr Leben – hier im Haus auf den Klippen, dem das Meer nach jedem Sturm ein wenig näher kommt? Oder muss
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Mit der Hand, in der er seinen Gin Tonic hielt, strich er Kate übers Haar. „Eines musst du mir versprechen, Darling.“
„Was soll ich dir denn versprechen?“
„Sieh mich nicht so erschrocken an! – Du sollst mir versprechen, dass du deine Bienenkorbfrisur nie änderst!“
„Und welche Strafe bekomme ich, wenn ich’s tu?“
„Siehst du, so paradox ist das Leben: Wenn du das tust, bin leider ich der Bestrafte.
Unschuldig Bestrafte verlieren ihren Charme. Und das wäre dann deine Strafe. Willst du das?“
„So ist das also bei dir? Ich kann deinen Charme steuern durch meine Haarlänge? Auch deinen Charme, den du in London versprühst? Das gefällt mir. Dann schneide ich doch ein wenig ab, jedenfalls den Teil für London.“
Ron umarmte Kate, und er stellte sein Glas ab und durchkämmte ihr krauses rötliches Haar so mit beiden Händen, dass es fast ein wenig wehtat. Aber sie lachte ihn trotzdem an.
Harry hielt eine Europakarte ausgebreitet auf dem Tisch, faltete sie sorgfältig zusammen und breitete eine größere, eine Weltkarte aus. Er strich sie glatt.
„Daddy, jetzt bist du schon eine halbe Stunde zu Hause und hast noch nichts verraten. Zeig es uns doch endlich! Ich meine, wohin wir fahren. Ich möchte so gern surfen!“
Ron trank sein Glas ziemlich schnell aus und sagte dann: „Ach, es ist schön, wieder hier zu sein. – Also, hört mal zu, ihr beiden. Es ist mir leider …“
„Daddy, sag jetzt nicht, dass wir nicht fahren. Das kannst du nicht bringen. Echt nicht!“
„Harry, hör erst mal zu. Du kannst mir glauben, dass mir das jetzt auch nicht leichtfällt.“ Er legte seine Hand auf Harrys Schulter, der sich aber herauswand.
„Ich verspreche euch: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich muss wegen eines Notfalls leider die nächste Woche in London bleiben. Aber dafür fahren wir in deinen nächsten Ferien ganz bestimmt. Und zwar in das beste Surfgebiet. Versprochen!“
Harry riss mit einer Handbewegung die Karten mit sich und lief ins Haus, die Treppe hinauf in sein Zimmer, und sofort war ohrenbetäubende Technomusik aus dem offenen Fenster zu hören.
Kate wollte ihm hinterherlaufen, aber Ron hielt sie zurück. „Er muss lernen, mit Frustrationen fertigzuwerden“, sagte er und mixte sich noch einen Gin Tonic.
„Er hatte sich doch so gefreut! – Und ich auch, Ron“, sagte Kate.
„Auch für mich ist es eine Enttäuschung, aber manchmal gehen Patienten eben vor. Du weißt, meine Schweigepflicht … Aber so viel darf ich sagen, dass es um eine Suizidgefährdung in einer Ehesache geht. Und da kann ich die junge Frau nicht alleinlassen.“
„Ja – bei mir ist das einfacher“, sagte sie und sah ihn an, „du sagst mir einfach, dass du wieder keine Zeit für uns hast und dass deine Patientin Vorrang hat. Denkst du als Psychotherapeut eigentlich auch einmal an dich oder daran, dass deine Frau vielleicht auch eine Seele hat?“
„Darling, du bist schließlich nicht suizidgefährdet“, lachte er und küsste sie auf die Stirn.
Sie wandte sich ab, damit er nicht sehen konnte, dass sein Lachen nicht ansteckend war. Wie ist das bei Therapeuten eigentlich?, dachte sie. Merken sie Verletzungen ihrer Mitmenschen nur bei ihren Patienten und nicht bei ihrer Familie? Nur wenn sie dafür bezahlt werden?
Eigentlich wäre sie jetzt gern aus ihrem Garten heraus und hinunter zu den Wellen gegangen.
Das Meer zu sehen und den Wellen mit den Augen zu folgen, wie sie kraftvoll auf den Sand zurollten und sich dann wieder ins Meer zurückzogen – das hätte sie beruhigt, wie immer.
Warum konnte sie mit allen Menschen, die zu ihr gehörten, offen sprechen, nur nicht mit ihrem Mann? Und sie liebte ihn doch!
Aber sie ging wenigstens an den Rand der Klippen, um den Tag noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen und sich vielleicht ein wenig zu beruhigen.
An diesem Morgen hatte nämlich noch kein schwerer Orkan gewütet. Nur ein kleiner Sturm hatte sich irgendwie angekündigt, von dem Kate nicht wusste, ob er stärker werden oder abziehen würde.
Sie dachte an ihre erste Zeit mit Ron. Immer hatte er die Fensterläden des alten Cottage auf den Klippen geschlossen, sobald vor den Nachrichten eine Warnung durchgegeben wurde.
Wenn der Wind dann zu hören war, hatte er die Läden noch einmal überprüft. Dann hatte sie mit Ron in der Küche gesessen, gemütlich gegessen, und von Zeit zu Zeit hatte Ron nachgesehen, ob das Telefon in Ordnung war. Immer hatte er für eine alte Petroleumlampe auf dem Tisch gesorgt, falls das Licht ausgehen würde.
Und dann hatten sie zusammen auf ihrem geerbten Sofa gesessen, er hatte seinen Arm um sie gelegt und gesagt: „Mach dir keine Sorgen, das wird schon nicht so schlimm werden, das Haus ist aus Stein, und ich bin bei dir.“ Und sie hatten sich gegen den Sturm geliebt. „Der soll uns kennenlernen!“, hatte Ron gesagt. Aber das lag schon lange zurück.
Heute Morgen, als der Sturm sich in ihrem Innern angekündigt hatte, war der Himmel blau, die See ruhig, und sie war mit dem Gedanken an eine Woche Ferien mit Ron und Harry
aufgewacht. Eine Woche mit den beiden Menschen, die ihr die liebsten waren. Endlich! Aber da war diese unerklärliche Spannung, deren Grund sie jetzt kannte.
Sie dachte zurück: Sie war pünktlich und heiter bei Harry gewesen. Das erschien ihr jetzt eine Ewigkeit her. – Die Jungen waren in ihrer Schuluniform aus dem offenen Portal von St. George gestürmt, hatten ihr weißes Hemd aus dem Bund gerissen, ihre Krawatten schräg herunterbaumeln lassen, ihre Manschettenknöpfe in die Hosentaschen gesteckt und waren mit den lang herunterhängenden Schuhbändern ihrer schwarzen Schuhe die Freitreppe hinuntergesprungen. Alle wollen sie Individualisten sein, hatte Kate gedacht, und sie hatte die Jungen gut verstanden.
Trotzdem hatte sie sich wieder zwingen müssen, ihre Angst zu ignorieren, ihre Angst, dass er vornüberfallen könnte, dass er sich den Kopf aufschlug, dass er andere Schüler mit ebenso hängenden Schuhbändern mitreißen könnte und alle ein Schädeltrauma erleiden würden und dass die Vision vom erfolgreichen Fortgang der Familie bei vielen wartenden Eltern dahin wäre.
Natürlich hätte sie gern am Fuß der Treppe gestanden und ihren vierzehnjährigen einzigen Sohn mit offenen Armen empfangen. Aber das ging natürlich nicht.
Dann hatte sie ihn endlich gesehen. Kate kannte die Spielregeln: keine Umarmung und keine Begrüßung. Sie hatte scheinbar beiläufig dagestanden und darauf gewartet, dass er ihren Blick unauffällig auffing und dass sie dann beide, sich langsam annähernd, zum Parkplatz gingen. Im Auto, Kates altem Landrover, durften dann die ersten sparsamen Worte gesprochen werden. Aber Harry stellte ohnehin immer das Autoradio von Klassik auf lauten Pop mit dröhnendem Beat um, und so konnte sich nie ein Gespräch entwickeln. Sie musste warten, bis er zu Hause seine Schuluniform – den schwarzen Anzug, das weiße Hemd und seine emblemverzierte Schulkrawatte – gegen Jeans und Sweatshirt getauscht und nach einem Gang zum Kühlschrank eine Stunde laut Musik gehört hatte – dann erst würde er immer in die Küche herunterkommen und für das ansprechbar sein, was sie ihm sagen wollte. Sie konnte wie immer zwischen einem akustischen Opfer und einer erzieherischen Niederlage frei wählen.
Aber Harry hatte die Musik doch für einen Moment leiser gestellt. Er fragte: „Ist Daddy schon da? Hat er schon gesagt, wohin wir fahren?“
„Nein, aber er kommt ja nachher. Dann sagt er es uns.“
Kate war ja selbst sehr gespannt gewesen. Ron kam ja nur an einigen Wochenenden; wenn er viel zu tun hatte, nur einmal im Monat, leider. Sie hatte sich so sehr auf ihn gefreut, auf sein
Gesicht, und sie hatte sich vorgestellt, wie gespannt er auf ihre Freude wäre, wenn er heute das Urlaubsziel verriete.
Dann hatte sie mit Harry auf dem Bahnhof gewartet, und sie hatten überhaupt nicht daran gezweifelt, dass sie gleich erfahren würden, wohin sie zusammen fliegen. Sie hatte Ron die Überraschung gegönnt. Er plante sie ja gerade im Geheimen, um auch seine eigene Freude zu erhöhen!
Aber irgendwo war in Kate diese Ahnung gewesen. Jetzt musste sie den Sturm allein aushalten. Was sie so sehr wünschte, war, dass sich Ron wie früher mit ihr gegen Bedrohungen verbündete. Immer war Ron ihr stärker erschienen als ein Orkan, überlegener, denn er dachte nach, während ein Sturm draufloswütet.
Das war jetzt alles vorbei, und Kate ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Sie deckte den Tisch für drei, es sollte trotz der Enttäuschung ein angenehmes Essen werden: Ploughman’s Salad mit erfrischenden Apfelscheiben – die sie nicht schälte, weil so das Rot der Äpfel sich so schön vom Grün des Salats abhob –, dann Steak and Kidney Pie ohne Kidneys (mag Harry nicht) und Bread and Butter Pudding, der immer nach zu Hause schmeckte: warm, sahnig, süß, weich und knusprig zugleich. Ron sollte wissen, dass er auf dem Lande ist und nicht in London. Und das waren die Gerichte, die er gern mochte und die ihn an seine Kindheit hier nahe bei Bridwell erinnerten.
Sie zögerte, als sie die silbernen Kerzenhalter vom Sideboard nahm und wie automatisch auf den Tisch stellen wollte. Sie hob sie zurück.
Als das Essen bereitstand, klopfte sie an Harrys Tür. Er konnte sie nicht hören, die Musik war noch immer viel zu laut. Kate wollte die Tür öffnen, aber sie war abgeschlossen. Sie rief – keine Reaktion.
Dann sagte sie Ron Bescheid, der auf der Terrasse rauchte. Bevor er sich an den Tisch setzte, versuchte auch er, Harry zu holen. Er rüttelte an der Tür und rief ihn laut im Befehlston. „Dann eben nicht“, sagte er und setzte sich zu Tisch. Er reichte erst Kate mit freundlicher Geste den Salat, dann die Schüssel mit Kartoffeln und Gemüse. Dann schnitt er stehend die Pastete und reichte sie seiner Frau.
Er sah sich um und stellte die silbernen Kerzenhalter auf den Tisch und entzündete die Kerzen.
„Harry kommt immer noch nicht? – Das machen wir ganz anders!“, sagte er und wählte eine Nummer auf seinem Handy. „Ich rufe ihn an.“ Aber es gab keine Antwort.
Sie aßen schweigend.
„Es schmeckt großartig – wie immer“, sagte er charmant, stand auf und küsste sie.
Sie konnte nicht reagieren.
Die Musik stoppte plötzlich, Harry kam herunter. Er ging nicht zum Esstisch, sondern an den Kühlschrank, und sie sah, dass er Kopfhörerstöpsel in den Ohren hatte. Trotzdem war die Musik, die er hörte, so laut, dass der Beat bis zu seinen Eltern dröhnte. Er nahm sich etwas aus dem Kühlschrank und verschwand wieder in seinem Zimmer, wo die Musik wieder sehr laut wurde.
Kate fühlte sich elend.
„Wenn er taub werden will – bitte“, sagte Ron.
Kate dachte, es musste Harry wie Verrat vorkommen, dass seine Mutter hier mit seinem Vater, der ihn gerade so enttäuscht hatte, bei Kerzenschein am Tisch saß und genüsslich aß. Sie legte ihr Besteck zur Seite.
Nach dem Essen zündete Ron sich eine Zigarette an und las die „Times“.
„Ron“, sagte sie, „du leitest in London doch Management-Trainingsprogramme zur Raucherentwöhnung. Ich dachte, du hättest es auch aufgegeben.“
„Liebe Kate, der Erfolg dieser Kurse bemisst sich doch nicht an dem, was ich selbst tue! Das ist irrelevant und privat. Der Erfolg des Trainings bemisst sich – das ist klar definiert – lediglich an dem Prozentsatz von Klienten, die nach meinem Kurs mit dem Rauchen aufhören wollen und können und das mindestens ein Jahr durchhalten. Und da habe ich gute Zahlen vorzuweisen. – Aber zu deiner Beruhigung: Ich rauche wirklich nicht viel, nur ab und zu. Mach dir keine Sorgen.“
Kate konnte Harry nicht mehr Gute Nacht sagen, seine Tür blieb verschlossen.
Als sie zu Bett gingen, war Ron sehr liebevoll, und sie klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn.
Am nächsten Morgen war Harry schon früh mit dem Fahrrad weggefahren. Kate wünschte sich, mit Ron den Klippenweg entlangzugehen oder bei Ebbe unten direkt am Wasser. Dort würde sie am besten mit ihm reden können. Sie nahm sich immer vor, einmal ohne Zeitdruck mit ihm über ihrer beider Lebenssituation zu reden, und nie ergab es sich. Sie wollte den Alltag mit ihm teilen, eine andere Vertrautheit aufbauen, die nicht nur auf wenigen Wochenenden basierte. Aber dann sagte sie sich, dass er ja ähnliche Partnerschaftskonflikte den ganzen Tag in London behandelte und sogar dafür bezahlt wurde. Da wollte er sicher zu Hause damit verschont werden. Auch jetzt blieb wieder keine Zeit, um einmal wirklich mit
ihm zu reden und ihm ihre Gedanken zu sagen, und sie fuhr mit Ron schon mittags zum Bahnhof nach Axminster.
„Sprich mit Harry“, sagte er auf dem Bahnsteig. „Bleib mit ihm im Gespräch, das ist immer das Wichtigste. Er bekommt seine Reise, es geht eben nur jetzt nicht. Übrigens hat er mir noch nicht das letzte Zeugnis gezeigt. Er soll es mir in die Praxis faxen. – Lass es dir gut gehen, Darling. Bei dir auf dem Land ist es doch immer am schönsten. London ist hektisch und laut. Aber da ist nun mal meine Arbeit. In zwei Wochen komme ich wieder, denke ich. Macht euch beiden zu Hause eine schöne Zeit.“ Er küsste sie flüchtig zum Abschied.
Als der ankommende Zug schon von Weitem zu sehen war, zwang sich Kate, mutig zu sein: „Ron, Darling, sollten wir nicht vielleicht doch zu dir nach London ziehen, damit wir nicht immer getrennt sind?“
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Irgendetwas kochte in ihr hoch, als der Zug ihren Blicken entschwunden war. Immer wurden die wichtigsten Themen zwischen ihnen gerade mal erwähnt, wenn der Zug in den Bahnhof einfuhr. Sie fühlte sich elend und wusste nicht, ob es nur der Abschiedsschmerz oder auch ein wenig Wut war. Wie soll ich auf mich aufpassen? Wie es mir wirklich geht, ist doch nicht wirklich wichtig für dich! Dass du es hier gemütlich hast und ich mein Haar nicht abschneide – ist das alles? Aber auf der anderen Seite hatte er recht: Sie war schon lange nicht mehr bei ihm in London gewesen, vielleicht sollte sie es wirklich bald wieder tun.
Sie fuhr eilig zurück. Hoffentlich war Harry wieder da, und hoffentlich würde er nicht auch ihr gegenüber abgewandt bleiben. Sie fuhr schneller. Am Haus angekommen, sah sie, dass Harrys Fahrrad da war. Ein Glück.
Sie ging in die Küche und bereitete Shepherd’s Pie zu und schob ihn in den Ofen, das mochte Harry gern. Die oberste Schicht, das Kartoffelpüree, musste knusprig und goldgelb sein, die Fleischsoße darunter würzig und alles reichlich. So mochte er es.
Harry aß, aber sprach kein Wort.
Am späten Vormittag – Harry schlief noch – fuhr Kate nach Bridwell, eigentlich ohne triftigen Grund, aber es gab natürlich immer etwas zu besorgen. Sie liebte Bridwell mit seinen strohgedeckten Natursteinhäusern und altmodischen Lädchen. Die Einkäufe waren schnell getan, und sie fuhr durch das kleine Waldstück zurück, wo sich die Straße in zwei schmalere Straßen verzweigte. Die kleinere Straße führte zu ihrem Cottage am Meer. Die von hohen Hecken gesäumte Straße war zwar geteert, aber so schmal, dass Autos nicht aneinander vorbeifahren konnten. Früher wurden hier Schafe von den Weiden oberhalb der Klippen in weiter landeinwärts gelegene Gehege getrieben. Einige Schafe gab es auch noch auf den Klippen, um die sich Kate manchmal kümmerte, wenn sie sich mit ihrem dicken Vlies am Zaun verfangen hatten.
Die Hecke ging in eine Natursteinmauer über, die sie besonders mochte. Zwar von Menschen gemacht, aber doch auch Natur und die schöne wellige Landschaft nicht störend. Und John, ihr guter alter Freund John, hatte sie gebaut oder jedenfalls wieder aufgebaut, denn sicher war sie schon vor Jahrhunderten angelegt worden.
Sie bog in ihre kleine Einfahrt ein und hielt vor ihrem Gewächshaus an. Der Kies knirschte. Kate setzte erst einmal Teewasser für sich auf. Süßer Tee aus ihrem Teebecher, den sie immer nahm, würde ihr guttun und sie ruhiger werden lassen.
Jemand klopfte an die Fensterscheibe. Sie schreckte hoch. John. Seine kräftige Gestalt war unverkennbar – Harry nannte ihn manchmal „Obelix“, wenn er es nicht hörte, aber Johns gutmütiges Naturell hätte diesen Namen nicht übel genommen.
„Komm rein, John“, winkte sie ihm zu. „Du kommst gerade recht, um eine Tasse Tee mit mir zu trinken.“
„Was ist mit dir, Kate, alles in Ordnung?“
„Ja, eigentlich schon, nur dass unsere Reise nicht stattfindet. Ron hat Verpflichtungen und muss hierbleiben. Aber das werden wir nachholen. Du brauchst mich also nicht im Gewächshaus zu vertreten.“
„Schade“, sagte John und fuhr sich durch sein wuscheliges, grau werdendes Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, „ich bin ja freischaffender Künstler – ich hätte Zeit gehabt, das diese Woche zu tun, und ich habe mich darauf eingestellt.“
Künstler!, dachte sie. Wenn sich ein Trockenmauerbauer Künstler nennt – das gefällt mir, aber sie sagte nichts.
„Außerdem habe ich schon mit Emma darüber gesprochen“, sagte John.
Sie goss die losen Teeblätter in einer Kanne auf, nahm ihren geblümten Becher für sich selbst vom Haken des alten Küchenbuffets und einen großen kräftigen Steingutbecher für John. Er hatte so robuste Hände, dass seine Finger sich kaum um einen Henkel schließen konnten. John brauchte seinen eigenen Becher, und er hatte die Gewohnheit, sich erst Milch einzugießen. Das wusste Kate und goss ihm erst Milch in den Becher, dann seinen Tee darauf. Bei ihr selbst musste es umgekehrt sein: erst Tee, dann Milch.
Einen Augenblick schwiegen sie.
John sah sie an, seufzte und sagte: „Gott hat Euch ein Gesicht gegeben, und Ihr macht Euch ein anderes.“
„Oh, lieber John“, versuchte sie zu lächeln, „wahrscheinlich schon wieder Shakespeare! Was meinst du denn damit?“
John erhob sich schwer, gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: „Du bist so hübsch, Mädchen, und dein Mann war am Wochenende bei dir – wo leuchtet denn deine Freude? Ich kann sie nicht entdecken. – Und wenn Ron keine Zeit hat – warum fährst du denn nicht mit Harry weg? – Ich mach meinen Job bei deinen geliebten Buchsbaumbabys – keine Sorge!“ „Wirklich, John? – Ich weiß nicht. So etwas habe ich noch nie allein getan. Aber das ist gut zu wissen, danke. Du brauchst sie ja nicht zu schneiden. Sieh nur zu, dass die Stecklinge feucht gehalten werden, das ist alles. Nicht zu feucht natürlich. Und die großen kannst du alle verkaufen – das wär schön! – Aber ich werde wohl hierbleiben.“
Kate wartete das sich entfernende Geräusch, das John und sein Fahrrad auf dem Kies machten, ab und lief dann schnell die Treppe nach oben und fing an zu packen. Das war in wenigen Minuten geschehen, und sie trug zwei Koffer in den Rover. Und ein paar Decken, Platzprobleme gab es ja nicht.
Packen ist ja noch keine Entscheidung, dachte Kate. Und der Tag verging mit Routinearbeiten im Gewächshaus, Harry war kaum ansprechbar und blieb in seinem Zimmer
Am Abend kam er aus seinem Zimmer hinunter in die Küche, redete aber nicht. Da wuchs Kates Entschluss plötzlich. Sie dachte, Vorreden seien im Augenblick nichts für ihn, deshalb musste sie direkt sein. „Morgen früh fahren wir los“, wollte sie gerade sagen, aber sie besann sich: Der Entschluss wurde mächtig. Nein! Sofort!
„Harry, nimm alles mit, was du für Wassersport in deinem Zimmer findest. Und warme Sachen! In einer Stunde fahren wir los. Gleich nach dem Essen.“
„Wieso?“, fragte Harry. „Wohin denn, es wird doch gleich dunkel!“
„Das ist mir völlig egal, Harry. Also, wir fahren! Ich rufe nur noch Emma an, damit sie sich hier um alles kümmert, denn ich will nicht erst die Küche aufräumen. John weiß sowieso Bescheid. Wir beide fahren los, fertig. Du sollst deine Ferien haben.“
Während des Essens taute Harry langsam auf.
„Und wohin willst du? Gibt es hier in der Nähe so etwas wie Klein-Hawaii mit hohen Wellen und 30 Grad Wassertemperatur?“
„Das vielleicht nicht. Aber wir machen das Beste aus dieser Woche für uns beide, weil Daddy leider nicht abkömmlich ist. Wir fahren einfach ins Blaue und bleiben, wo es uns gefällt.“
„Also Hawaii für Arme! – Na ja – besser als nichts“, sagte Harry.
Eine Stunde später ließen sie das Dorf hinter sich. Die Feldmauern warfen breite Schatten. Die Sonne ging blutrot unter. Wenn die Straße über eine Hügelkuppe führte, konnte sie noch einige Male die untergehende Sonne sehen. Dann wurde es dunkel. Ohne Plan fuhr Kate weiter, einfach weiter nach Norden, erst Landstraßen, dann auf die Autobahn. Harry hörte keine Musik mehr, er war schon auf seinem Sitz, den er in die Liegeposition gekurbelt hatte, eingeschlafen. Der Vollmond stieg auf.
3
Es war später Vormittag, als sich ihnen von einer Bergkuppe aus ein weites Tal auftat und Harry laut rief: „Da ist Wasser!“
„Möchtest du dahin, Harry?“
„Ich glaube, da sind Segelboote auf dem Wasser. Fahr da bitte hin, Mummy.“
Und weit unter ihnen im sonnenweichen blauen Licht glitzerte ein lang gezogener See. Kate war einfach ihrem Gefühl gefolgt, die M6 nach Norden gefahren – bis zum ersten Schild: Lake District. Diese Landschaft, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, war in ihrer Seele gewesen und hatte sie hergeführt. Es war einfach wunderschön hier: grüne Hänge, mit vereinzelten Bäumen belebt oder kleinen Laubwäldchen. Sanft neigten sie sich zum blau glitzernden Wasser eines Sees. Hin und wieder karge Felsen an den Hängen und weiter entfernt die graublauen, unbewaldeten steinernen Gipfel. Die Luft war klar und absolut sauber, das Wasser ebenso klar und blau. Der Himmel und die Berge spiegelten sich im Wasser. In der Ferne verschwammen die Berge zu einer weichen, blauen Silhouette.
Trockenmauern durchzogen die Hänge gegenüber auf der anderen Seite des Sees in unregelmäßigen Linien, und verstreute weiße Schafe sprenkelten das Grün der Matten. „Komm, Harry!“
Sie setzten sich beide ans Ufer, und Kate wollte einfach nur atmen und schauen und atmen, weiter nichts.
Die Straße führte gewunden zum Tal hinunter und zum See, und Kate hielt an, als sie wenige Schritte vom Ufer entfernt waren. Dann fuhren sie nach Glenton am See, um sich davon zu überzeugen, dass es dort eine Art Wassersportschule gab. Ja, und jetzt die Unterkunft. Im Ort gab es kleine moderne Pensionen, aber Kate wünschte sich ein schönes altes Haus mit einem Blick auf den See. Die Landstraße führte weiter nach Norden, und auf einem schon etwas verwitterten Schild stand „Dale House“ und „Accommodation“. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie fühlte sich angezogen. Das Haus war von der Straße aus nicht zu sehen, doch sie schlug den Weg nach Dale House ein … Gut, dass sie ein geländegängiges Auto hatte, denn der Weg war nicht asphaltiert, und kräftige Baumwurzeln zwangen sie, ganz langsam zu fahren. Schließlich mündete der Weg in einen gepflegten Parkplatz. Das Haus war immer noch nicht zu sehen, es musste hinter den Bäumen verborgen sein.
Kate und Harry gingen durch ein aus der Hecke ausgeschnittenes Tor. Ein dunkles gewaltiges Haus lag vor ihnen, mehrere Stockwerke hoch, mit vielen Türmchen und Schornsteinen, aus
Naturstein gebaut, mit hohen Fenstern und auffälligen, aus der Fassade herausragenden Fensterstürzen. Das Haus war zwar grau, aber die Fenster waren weiß und wirkten einladend. Ein herrliches Anwesen, doch sah sie nirgends einen Menschen, keine offene Tür und kein offenes Fenster. Sollten sie überhaupt weitergehen?
Ein Kiesweg, von einer verwitterten Backsteinmauer gesäumt, vor der Kletterrosen ihr erstes Grün entfalteten, führte zum Portal. Sie erkannte bei den Rosen schon einen winzigen Knospenansatz, und Lavendel wuchs noch unscheinbar aus dem Boden. In ein paar Wochen würde hier alles blühen; das sah sie sofort. Und diese Pflanzen flößten ihr Vertrauen ein.
Sie ging mit Harry einige Stufen zum Portal hinauf, zögernd, denn die übergroße schwarze Tür wirkte doch etwas unheimlich. Aber Harry hatte schon den Türklopfer ergriffen, der die Gestalt eines Adlers hatte, und hatte ihn laut gegen das Messingschild fallen lassen. Minuten verstrichen. Kate wandte sich schon zum Gehen, als ein junges Mädchen öffnete und sie bat zu warten, sie würde Sir Gordon rufen.
Ein älterer Herr, hochgewachsen und grauhaarig, in robuster Kleidung, begrüßte sie sachlich und korrekt. Eigentlich möchte man ein wenig warmherziger begrüßt werden, dachte Kate, aber das konnte sie verkraften. Sie fühlte sich von diesem Haus irgendwie angezogen.
Erklären konnte sie sich das nicht. Aber sie wollte wissen, welche Bedeutung dieses Haus hatte. Oder sollte sie doch lieber weiterfahren?
„Wir können Ihnen ein hübsches Appartement in unseren neu hergerichteten ‚Stables‘ anbieten. Jane wird es Ihnen zeigen, und Sie können sich dann entscheiden“, sagte Sir Gordon.
Jane nahm mehrere Schlüssel und bat Kate und Harry, ihr zu folgen. Ställe also, dachte Kate, mal sehen, ob sie uns gefallen. Sie gingen um das große Haus herum, und es eröffnete sich ihnen ein weitläufiger Rasen, der von Narzissen gesäumt war und abschüssig in einen Wald mündete. Über die Wipfel der Bäume hinweg glitzerte unten der See. Schöner hätte der Blick nicht sein können, und Kate überkam ein warmes Glücksgefühl.
Das niedrige steinerne Nebengebäude mit neuem Ziegeldach gefiel ihr, auch das Appartement, das aus einer Wohnküche, einem Bad und zwei kleinen Schlafzimmern bestand. Als Harry den modernen Plasmabildschirm vor dem gemütlichen Sofa sah, sagte er: „Mummy, das ist genau richtig.“ Das größere Schlafzimmer hatte durch ein schmales Fenster einen Blick auf ein Wäldchen. Alles war hell und appetitlich eingerichtet, obwohl die dunklen, unregelmäßig bearbeiteten Deckenbalken zeigten, dass es ein sehr altes Gebäude sein musste.
Jane half, die wichtigsten Gepäckstücke ins Appartement zu tragen, Kate erledigte die Formalitäten und fuhr mit Harry nach Glenton zurück, um ihn zu einem Segelkurs anzumelden, der am nächsten Morgen beginnen sollte. Dann kauften sie alle Lebensmittel ein, die Harry sich für die nächsten Tage wünschte: Cola, Chips, Eis, Pizza, alles, was im Internat als ungesund galt und nicht angeboten wurde.
Am Abend las Harry in seinem Segelbuch, das er bei der Anmeldung bekommen hatte, dann genossen sie beide das Essen vor dem Fernsehapparat – auch ein Kontrastprogramm zum Internat, das Kate ihrem Sohn von Herzen gönnte.
Kate hatte es sich gemütlich gemacht. Sie war in einen behäbigen Sessel gekuschelt, zugedeckt mit einer Wolldecke. Die Stehlampe warf einen warmen Lichtkegel auf ihr Buch. Sie hatte einen kleinen Band über den schottischen Dichter Robert Burns aus dem Regal genommen. Und darin waren auch Gedichte: Liebesgedichte, lange Strophenfolgen über schauerliche Erscheinungen und liebevoll in Versen erzählte kleine Begebenheiten. Kate wurde müde. Sie sah sich um, ob hier vielleicht noch eine moderne Zeitschrift zu finden war, aber da war nichts. Sie sah nach Harry: Er schlief schon eine Weile tief und fest. Sie wollte jetzt auch zu Bett gehen, denn es war schon Mitternacht, und in der vorigen Nacht hatte sie ja kaum geschlafen, nur ein paar Stunden im Auto.
Sie legte sich in das angenehm kühle Bett, das mit einem freundlichen Blumenmusterstoff bezogen war. Über ihr war die niedrige Decke, die dunklen alten Balken. Früher stand hier, wo sie schlief, das Vieh. Was mochte hier geschehen sein? Wie sind die Menschen mit den Tieren umgegangen? Aber jetzt war es hier sauber, frisch und neu, nur die Deckenbalken sahen vielleicht noch so aus wie früher, jahrhundertealte grob behauene gedunkelte Eichenbalken.
Was würde diese Woche bringen? Sie war so einfach spontan aufgebrochen, ohne zu wissen, wohin sie fuhr, zum ersten Mal in ihrem Leben. Würde es Ron recht sein, dass sie so selbstständig handelte? Vielleicht fand er es ja sogar sehr gut, dass sie versuchte, Harry ein wenig Feriengefühl zu bieten, denn er konnte es ja leider nicht. Oder würde er diese Unternehmung als Alleingang kritisch sehen? Aber jetzt war sie hier. Sie würde Harry eine möglichst schöne Zeit bieten. Er sollte es gut haben. Wie sehr hätte sie gewünscht, dass ihre Mutter so hätte handeln können. Aber so war es eben, sie konnte es eben nicht haben. Umso wichtiger war es für sie, es Harry zu gönnen. Sie kuschelte sich ein und schloss die Augen, schlief schon halb.
Schritte, schwere Schritte über ihr. Dumpf und langsam. Sie bewegte sich nicht. Jemand musste auf dem Dachboden sein. Um diese Zeit? War da überhaupt Platz genug – sie hatte nicht auf die Höhe des Firsts geachtet. Sie setzte sich aufrecht hin und war hellwach.
Stille. Vielleicht war alles nur Einbildung. Aber da – da war es wieder! Vielleicht war es jemand, der ausgerechnet jetzt dringend etwas vom Dachboden holen musste. Das war nicht unmöglich. Sie rührte sich nicht.
Kate sah sich um. Es gab eine Luke zum Boden oben an der Küchendecke. Das war ihr vorhin aufgefallen. War die Luke richtig verschlossen? Sie stand auf und zog ihren Morgenmantel an. Sie konnte es nicht erkennen. – Wo sind noch Türen außer der verschlossenen Eingangstür? Ihres war das mittlere von drei Appartements. An den Zwischenwänden zu beiden Seiten sah sie jetzt Türen, die ihr am Tag nicht aufgefallen waren, weil sie sich durch die gemusterte Tapete nicht deutlich von der Wand unterschieden. Sollte sie probieren, ob sie sicher verschlossen waren?
Nein, das wagte sie nicht. Sollte sie Harry wecken? Nein, es würde ihn nur beunruhigen – vielleicht würde er sie für verrückt halten oder ohnehin nicht richtig wach werden.
Sie blieb stehen, ohne sich zu rühren. Wieder schwere Schritte.
Kate ging leise in Harrys Schlafzimmer, ließ die Tür zum matt erleuchteten Flur offen. Sie setzte sich vorsichtig auf seine weiche Matratze an das Fußende seines Bettes.
Die Schritte kamen wieder. Kate blieb bei Harry sitzen, eine Stunde und noch eine Stunde. Die Schritte waren nicht mehr zu hören. Kate war nicht mehr müde, sie wollte einfach bei Harry sitzen bleiben und über ihn wachen. Was geschah hier? War das ein Zeichen dafür, dass sie etwas falsch gemacht hatte? Sollte sie telefonieren? In dem Prospekt, der auf dem Küchentisch lag, gab es ja eine Telefonnummer. Aber sie würde sich vielleicht lächerlich machen. Warum hatte sie gestern nicht auf ihre innere Stimme gehört – war ihr das Haus nicht gleich zu dunkel erschienen?
Sie hörte nichts mehr. Wie spät? Es musste gegen drei Uhr sein. Im Halbdunkel konnte sie ihre Armbanduhr nicht genau entziffern. Also gab sie ihre angespannte Stellung auf und lehnte sich an das gepolsterte Fußende seines Bettes. Vielleicht schlief sie auch kurz ein. Langsam wurde es hell. Kate schreckte hoch und besann sich wieder auf die Nacht. Sollte sie bleiben, alles vergessen? Denn natürlich war alles nur eine Überreizung ihrer Nerven – wahrscheinlich war die Fahrt ohne richtigen Schlaf nicht vernünftig gewesen. Aber hier bleiben? Nein. Sie wartete bis halb acht Uhr, weckte Harry, machte ihm ein gutes Frühstück und ließ über die vergangene Nacht kein Wort verlauten. Gegen neun brachte sie ihn zur Segelschule und trank in einem kleinen Tearoom ein Kännchen wohltuenden Tee mit mehr
Zucker als sonst. Sie las die hiesige Zeitung und sah einen ausgelegten Bildband über den Naturschutzpark Lake District durch. Jetzt fühlte sie sich einigermaßen entspannt. Ohnehin konnte sie ihre eigenen Wahrnehmungen nicht ernst nehmen. Trotzdem: Sie würde alle ihre Sachen aus dem Appartement holen und sich dann ein neues Quartier suchen.
Bei hellem Sonnenlicht fiel es ihr leichter, nach Dale House zurückzufahren. Sie packte ihre und Harrys Sachen ins Auto, schloss ab und fragte dann Jane an der dunklen Haupttür nach Sir Gordon. Er war in seinem Büro in einem Nebengebäude. Jane nahm den Schlüssel in Empfang und begleitete sie wortlos zu einem Raum, wo der Hausherr mit einer Sekretärin in einem modern ausgestatteten Büro arbeitete. Sir Gordon hörte sich ihre Abreiseabsicht und die zögernd vorgebrachte Frage an, ob jemand vielleicht in der vergangenen Nacht auf dem Dachboden über ihrem Appartement zu tun gehabt habe.
„Ausgeschlossen!“, sagte Sir Gordon, ohne sie anzusehen. „Wir haben den Stall erst im letzten Herbst ausgebaut. Der Boden unterm Dach besteht über den Deckenbalken nur aus Rigipsplatten – wenn Sie wissen, was das ist. Die sind nicht begehbar. Vielleicht haben Sie gehört, wie irgendwo Zweige gegen das Fenster geschlagen haben. Es war ein wenig windig.“ Kate fiel auf, dass die Sekretärin aufgehört hatte, in die Tastatur ihres Computers zu tippen. Sie saß mit geradem Rücken da, drehte sich aber nicht zu Kate um.
„Also, ich gehe dann“, sagte Kate. „Ich hatte für eine Woche gebucht. Da es wahrscheinlich irrational ist, dass ich gehe, brauchen Sie mir das Geld nicht zurückzuerstatten.“
Sie war erleichtert, als sie die lange Auffahrt im Schritttempo herunterfuhr und in Glenton wieder unter modernen, durchschnittlichen Menschen war.
Am späten Nachmittag holte sie Harry von der Segelschule ab. Sie hatte sich vorgenommen, Harrys Segellehrer nach einem Quartier zu fragen.
Harry saß mit ihm und den anderen jungen Kursteilnehmern auf den Bohlen des Anlegers in der Sonne. Der Lehrer, ein sportlich aussehender Mann, dunkelblond, um die vierzig, auf den ersten Blick sympathisch, sprang mit einer einzigen Bewegung hoch und stellte sich vor: „Ich bin Edward. Nett, Sie kennenzulernen.“
Sie gab ihm die Hand: „Kate.“
„Welchen wollen Sie mitnehmen?“
„Welchen würden Sie mir denn empfehlen?“
„Oh, eigentlich gebe ich keinen gern her, denn wir vertragen uns ganz gut. Ich könnte noch ein paar Minuten mit allen brauchen.“
Aber Harry hatte sich schon erhoben.
„Gut, nehmen Sie den. Aber morgen wiederbringen!“
Kate zögerte: „Ich hätte noch eine Bitte. Können Sie uns ein gutes Quartier für den Rest der Woche empfehlen?“
Edward sah sie an und sagte dann sonderbar ernst: „Das kann ich. Ich weiß etwas sehr Gutes für Sie. Warten Sie kurz, bis ich hier fertig bin, dann bringe ich Sie hin.“
Harry warf seiner Mutter einen fragenden und auch ärgerlichen Blick zu, wollte aber vor seinen neuen Freunden nicht darüber diskutieren. Am Auto sagte er: „Warum willst du denn nun schon wieder woandershin? Das war doch ganz okay.“
„Vielleicht sollten wir doch näher am Ort wohnen“, sagte Kate. Etwas anderes fiel ihr nicht ein. Harry würde sie für hysterisch halten.
Edward kam und musterte anerkennend Kates schweren, etwas ramponierten Wagen. „Der schafft das leicht“, sagte er. Er ließ seinen BMW an und sagte zu Kate, sie solle einfach hinter ihm herfahren.
Er fuhr aus dem Ort heraus, die Straße, die sie schon kannte. Eigentlich wollte sie doch in Glenton bleiben! Aber vielleicht hatte er ja etwas Einfaches, ein neues Haus, das er ihr zeigen wollte, schließlich machte er ja selbst einen frischen, modernen Eindruck. Aber dann bog er tatsächlich bei dem Schild „Dale House“ von der Straße ab. Sie wollte ihm ein Zeichen geben, dass ihr dieser Weg nicht recht sei, aber sie konnte keinen Sichtkontakt aufnehmen.
Sie fand es höflicher, ihm erst mal zu folgen und dann abzulehnen. Jetzt fuhr sie schon zum dritten Mal durch dieses dunkle Waldstück. Edward fuhr ziemlich schnell, er schien jede einzelne Baumwurzel auf dem Weg zu kennen.
Dann fuhr Edward nicht zum Parkplatz, sondern einen anderen Weg und hielt direkt vorm Portal.
„Hier sind wir, ich sage drinnen Bescheid, dass Sie das schönste Zimmer bekommen.“
Kate wollte protestieren, aber er hatte die Tür schon geöffnet und verschwand im Haus.
Als sie nicht nachkam, war Edward gleich wieder bei ihr. „Was ist?“, fragte er. „Ist Ihnen das Haus nicht groß genug?“
„Doch, natürlich, aber irgendwie … wir wollten doch lieber in Glenton bleiben.“
„Ich nicht“, sagte Harry „ich find’s schön hier.“
„Edward“, sagte Kate, „wir haben die letzte Nacht schon hier verbracht, in den Stables …“
„Wirklich? – Oh – vielleicht gefällt Ihnen das Haus besser, Kate“, unterbrach Edward sie.
„Hier ist es schöner. Kommen Sie herein. Es ist übrigens mein Elternhaus. Meinen Vater haben Sie dann wohl schon kennengelernt.“
„Gibt es denn hier auch … ?“
„Harry, du meinst TV und dergleichen? – Lass ich dir bringen.“
4
Emma nahm den dampfenden Apfelkuchen aus dem Herd und stellte ihn auf den Küchentisch. Sie war stolz auf ihr Werk: Die Äpfel waren aus ihrem Garten, vom letzten Sommer, aber von ihr eingeweckt, und die tagesfrischen Eier für den Kuchen stammten von ihren eigenen Hühnern. Sie wusch sich die Hände, sah prüfend in den Spiegel: Na ja, abnehmen würde sie in den nächsten fünf Minuten nicht, sie konnte John ruhig rufen, aber sie band sich ihre Schürze ab. Das ist das Wunderbare an übergewichtigen Freunden, dachte sie, sie geben einem so ein herrlich schlankes Gefühl. Dann rief sie John, der im Gewächshaus alles stehen und liegen ließ, sich die Hände abspülte, Emma in die Küche folgte und dem Stuhl ein wenig mehr Abstand vom Tisch verschaffte. Er nahm am Tisch Platz.
„Gesegnet, die auf Erden Frieden stiften“, sagte John und strahlte über das breite Gesicht.
„Ja, ja“, sagte Emma. „Hat Shakespeare das über Apfelkuchen gesagt? Mir soll’s recht sein.“
„Hier fehlt noch etwas, Emma. Du verlangst doch nicht etwa, dass ich den Apfelkuchen ohne was esse?“
„Sieh nach, ob noch etwas da ist. Aber denk an die Kalorien!“
„Emma, auch das wusste Shakespeare besser: ‚Enthaltsamkeit erzeuget Krankheit nur!‘ Jetzt, da Kate und Harry nicht da sind, hätte ich gar nicht mit etwas so Schönem gerechnet.“
John füllte sich genüsslich Clotted Cream auf.
Das Telefon läutete. Emma nahm ab. Es war Ron.
„Nein, Kate ist nicht hier. – Nein, tut mir leid, das geht nicht, ich weiß es auch nicht. Sie wollte ein paar Tage mit Harry wegfahren, damit er noch ein bisschen was von seinen Ferien hat. Das hat sie Ihnen ja bestimmt gesagt. – Nein, keine Ahnung, sie hat sich noch nicht gemeldet. – Oh, das klappt schon, John macht das. – Und geht alles gut bei Ihnen? – Ja, ich richte es ihr aus, wenn sie anruft. Auf Wiederhören.“
„Nachricht für Kate: Er muss für zwei Tage zu einer Patientin nach Bath. – Was machen die Buchsbäume, John?“
„Die tun alles, was man ihnen sagt. Man muss nur darauf achten, dass die kleinen genug Wasser haben, das ist alles. Da brauchen meine Mauern schon eine stärkere Hand. – Was bist du, Emma, Buchsbaum oder Mauer?“
„Komm du mir mit ’ner Schere zu nahe – dann wirst du’s schon rausfinden!“
Harry folgte Edward durch das weite, dunkle Treppenhaus. Kate ging zögernd hinter ihnen her. Edward schloss eine Tür auf, und Harry und Kate traten ein. Kate ging gleich durch das
Zimmer hindurch, trat an ein helles großes Erkerfenster und sah hinaus: ein wunderschöner Blick über den Rasen und die seitlichen Tulpenbeete, das Wäldchen bis hin zum See. Ein noch viel schönerer Blick als von den Stables! Wie herrlich! Und Rhododendren, so weit das Auge reichte. Wie märchenhaft würde es hier später im Jahr sein! Und dann die Rosen überall!
Hinter dem Rasen eine lang gezogene Stützmauer, und auf dem wilden Teil des Rasens weiter unten Schafe mit vielen entzückenden Lämmern. Und dann am Haus: kleine Buchsbaumhecken, die müsste sie sich morgen eigentlich mal genauer ansehen …
Sie wandte sich um und betrachtete das Innere des Zimmers. Ein großes Four-Poster Bed – es schien ihr neu zu sein –, hell geblümte Bettwäsche, bequeme Sessel, ein Frisiertisch, Bücher, ein Kamin aus weißem Marmor, schöne Bilder – alles großzügig und hell.
Edward war mit Harry in das angrenzende Zimmer gegangen, das sowohl eine Zwischentür zu ihrem Zimmer hatte als auch eine Tür zum Treppenhaus. Edward kam zu Kate zurück.
„Mir gefällt es hier. Sehr sogar. – Aber es ist sicher teurer als in den Stables!“, sagte Kate.
„Sie haben doch schon für die ganze Woche bezahlt. Das ist also erledigt“, sagte Edward, „bitte fühlen Sie sich wie zu Hause. Und machen Sie mir bitte die Freude, mit mir und meinem Vater später ein Glas Wein zu trinken. – Harry, magst du Ginger Ale?“
Es wurde wieder spät, als Kate sich in ihrem neuen Zimmer in das breite Bett legte. Zwei unruhige, fast schlaflose Nächte lagen hinter ihr, und sie freute sich auf eine wirklich entspannende Nacht. Sie dachte an den zurückliegenden, sehr besonderen Tag. Es war eine harmonische Stunde mit dem wortkargen, aber nicht unfreundlichen Sir Gordon und mit Edward gewesen. Eigenartig, als Fremde, noch dazu nach einem Konflikt, eingeladen zu werden. Die Gesprächsthemen waren sehr unverbindlich gewesen, sie hatte von ihrer Gärtnerei erzählt, Edward von der Segelschule, Sir Gordon hatte sich zynisch zur Steuerpolitik geäußert, und Harry hatte sich angesichts des Fernsehers und einiger dazugehöriger DVDs in seinem Zimmer schon bald verabschiedet.
Kate hatte das Fenster offen gelassen; das machte es ihr leichter, mit diesem schönen Blick über den Rasen zum See einzuschlafen. Sie wollte heute Nacht dieses Haus, diesen Garten und die weite Landschaft mit dem dunklen Wasser in ihre Seele aufnehmen.
Als sie aufwachte, war es schon hell. Sie besann sich einen Augenblick, und ihr wurde bewusst, wo sie war. Sie sprang aus dem Bett und sah sofort nach Harry; sie hätte sich schon längst um ihn kümmern müssen! Als sie ihn nicht fand, ging sie so schnell wie möglich nach unten. Von Jane erfuhr sie, er habe seine Angelegenheiten schon selbst geregelt, gefrühstückt,
und Edward hatte ihn gleich am Morgen nach Glenton mitgenommen, sie brauchte ihn also nicht einmal zur Segelschule zu fahren.
Also ein kaum vorstellbarer Morgen! Ohne Verpflichtungen! Den Vormittag verbrachte sie einfach so, ohne etwas zu tun, im Park von Dale House, setzte sich mit einem Band von Wordsworth-Gedichten, den sie in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, auf ein Mäuerchen und las, zupfte hier und da – sie konnte einfach nicht anders – Wegerich und Löwenzahn aus dem Rasen – und sah weiter unten, schon nahe dem See, den Schafen mit ihren springenden und stupsenden Lämmern zu. Aber wenn sie an den kleinen Buchsbaumhecken entlangging, hielt sie ihre Hände bewusst hinter dem Rücken zusammen.
Gegen Mittag wollte sie nach Glenton fahren, um in dem gemütlichen Tearoom von gestern einen kleinen Lunch zu sich zu nehmen. Edward kam ihr auf der Auffahrt entgegen und setzte bis zu einer Ausweichstelle zurück. Er stieg aus.
„Heute haben die Kids Wetterkunde, da werde ich nicht gebraucht. – Wie steht es mit Ihren Kenntnissen in der Abteilung Salatsoßen?“, fragte er.
Sie sah ihn etwas verwirrt an.
„Also weiter unten bitte wenden, zurückfahren, ich richte den Salat, und Sie machen die Soße? Ich bin ein hervorragender Salatkompositeur.“
Sie gingen in die riesige Küche. Gehörte sie nach einem Tag schon irgendwie zur Familie? Bei jemandem in der Küche zu sein, das fühlt sich wie Freundschaft an, dachte Kate. Was für eine Küche! Sie war renoviert – zuletzt wahrscheinlich vor zweihundert Jahren, dachte sie –, aber sie mochte die traditionellen Küchen gern mit ihren schwarz-weißen Fliesen, den gemauerten Herden und den gusseisernen Geräten darüber. Die alten Teller, blau und weiß, standen auf den Borden, und die vielen bunten Becher hingen an Haken. Immerhin war auch ein elektrischer Herd da. Eine Katze mit rötlichem Fell lag auf einem Sessel mit weinrotem Samtbezug, der schon bessere Tage gesehen hatte. Eigenartig, dachte Kate, Katzen legen sich immer so hin, als seien sie bereit, sich sofort für einen Katzenkalender fotografieren zu lassen. Aber gleichzeitig demonstrieren sie, dass es ihnen vollkommen gleichgültig ist, wie jemand sie bewertet.
„Darf ich Ihnen Ginger vorstellen? Bei ihr dürfen Sie sich über nichts wundern, sie ist etwas exzentrisch.“
„Hallo, Ginger“, sagte Kate, „nett, dich kennenzulernen.“
Die Katze ließ sich nicht stören.
„Tut mir leid“, sagte Edward, „höflich war sie noch nie. Sie tut immer exakt das, was sie will, ohne den kleinsten Kompromiss. Das hat sie uns voraus. Und sie zeigt immer, was sie denkt, aber behält es trotzdem für sich.“
„Bei Ihrem Vater ist es auch ein bisschen so, oder?“ „Kann schon sein.“
Warum lädt er mich ein?, fragte Kate sich und setzte sich an den gescheuerten Holztisch, den Edward in der Zwischenzeit gedeckt hatte. Er schenkte ihr und sich selbst einen trockenen Sherry ein, dann suchte er in der Speisekammer nach frischen Salaten: Blattsalaten, Avocado, Frühlingszwiebeln, Radieschen und kaltem Huhn. Er stellte ihr verschiedene Öle, Kräuter und Zitronen hin, und sie bereitete die Soße aus Olivenöl, Zitrone, Basilikum und frisch gemahlenem Pfeffer zu. Dazu aßen sie einfaches helles Brot und tranken einen fruchtigen italienischen Weißwein. Es schmeckte ihr gut. Sie freute sich an dieser Situation, denn sie war so unbelastet. Im Grunde – das wurde ihr in diesem Augenblick klar – waren die Mahlzeiten mit Ron immer unter Spannung. Und sie wusste, dass sie bestimmte Themen nicht ansprechen durfte: Planungen, seine Arbeit, Termine – und die Frage, wann sie ihn wiedersehen würde.
Dieser Augenblick jetzt war so freundlich! Sie hatte das Gefühl, sie könne heiter sein, viel heiterer, als es in Rons Gegenwart möglich war.
Edward legte sein Besteck gegen den Teller und sah sie an: „Ich freue mich, dass Sie mir Gesellschaft leisten.“
Kate brauchte eine Weile, um ihn ansehen zu können. „Sie meinen, wegen der Soße?“
„Nein, natürlich nicht, die ist schon sehr gut, könnte aber noch ein wenig Chili vertragen.“
„Warum denn dann?“
„Wegen Ihrer Sommersprossen natürlich!“, sagte Edward.
„Lassen Sie mich kurz überschlagen“, sagte Kate. „Unter Ihren Sommergästen sind jedes Jahr circa fünfzig Frauen zwischen zwanzig und vierzig. Ein Drittel hat vielleicht Sommersprossen, großzügig gerechnet. Sagen wir, ein Viertel – das ist leichter: Wenn Sie jede am zweiten Tag Ihrer Bekanntschaft eine Salatsoße machen lassen, dann hätten Sie, sagen wir, in fünf Jahren … oh, ich bin schlecht im Kopfrechnen mit großen Zahlen – schon einige Soßenvarianten.“
„Bitte schön – hier sind viele Varianten möglich, wir haben nämlich sehr verschiedene Kräuter. Wollen Sie unser Gewächshaus sehen? Ich bin selbst gespannt, wie weit alles ist. Ich zeig es Ihnen gern. – Aber, ehrlich gesagt, so oft zeige ich es nicht. Sie sind durchaus eine Ausnahme.“
Als sie gegessen und mit wenigen Handgriffen aufgeräumt hatten, führte Edward sie durch das Gartenzimmer auf die rückwärtige Terrasse.
Edward rief Fellow, den Border Collie, der sofort von irgendwo angelaufen kam und seinem Herrn nicht von der Seite wich. Er führte sie durch mehrere schöne alte Nebengebäude, die wie das Haus aus grauem Granit gebaut waren. Sie dienten der Vorratshaltung. Weitere Nebengebäude waren ein Kutschenstall und eine Scheune mit duftendem Heu und Stroh. Dann gingen sie ins Gewächshaus. Es war hier wärmer als draußen und die Luftfeuchtigkeit hoch. Wie herrlich! Kate sah unterschiedliche Tomatensorten – das erkannte sie an den Blättern –, ein Hochbeet mit vielen verschiedenen Küchenkräutern, sogar Ananas, Avocados, Champignonkulturen, Rosenpflanzen und viele Stauden. Kate konnte sich nicht sattsehen.
„Wann kommen Ihre Rosen nach draußen, Edward?“
„Schon bald. Der Frühling ist voraussichtlich milde. Ich nehme an, in zwei Wochen.“
„Das denke ich auch. Ihre sehen gesund aus. – Müssen Sie sie spritzen?“
„Das versuche ich zu vermeiden. Ich habe da meine eigenen Mittel. Familienrezept.“
„Geheimnis? – Brennnesselsud?“
„Das ist auch kein schlechtes Mittel. Nein, Ihnen sage ich es sogar. Ich nehme zum Pflanzen alten Pferdemist, das ist immer gut, und das machen ja auch die meisten Leute auf dem Land, aber ich lege auch einige Knoblauchzehen ins Pflanzloch. – Also, was man gewöhnlich gegen Vampire nimmt.“
„Weil Blattläuse so ähnlich vorgehen?“
„Genau. Hilft immer.“
„Die armen edlen Rosen! Ob die wohl damit einverstanden sind? Und stört das die Duftnote?“ „Nur meine eigene beim Pflanzen. Aber kommen Sie wieder, wenn sie blühen, und prüfen Sie das nach, Kate! Ich finde, sie duften bezaubernd.“
Edward legte er ihr wie beiläufig seinen Arm um die Schulter, um sie zu seiner eigenen Züchtung zu führen.
„Wie heißt sie?“ Kate löste sich und bückte sich zum Namensschild. „Edward, ich bin übrigens verheiratet, glücklich verheiratet.“
5
Bevor es Zeit wurde, Harry abzuholen, setzte Kate sich noch ans Erkerfenster und sah in den Garten. Sie hatte sich eine Tasse Tee gemacht, denn ein kleiner Wasserkocher mit allem Notwendigen stand auf einem Tablett bereit. Die Sonne schien ins Fenster, und ihr war warm. Sie zog ihre Wolljacke aus und genoss einfach den schönen Blick über den Rasen bis in die Ferne zum See.
Die Sonne schien noch ins Fenster, doch plötzlich wurde ihr kalt. Sie strich sich prüfend über ihr Haar: Es fühlte sich ganz warm an. Die Kälte kroch in ihren rechten Arm. Sie betrachtete ihren Arm und sah, dass sie eine Gänsehaut hatte. Woher kam diese Kälte? Sie stand auf und schüttelte ihn – vielleicht war er irgendwie „eingeschlafen“.
Es klopfte, und Jane kam herein mit frischen Handtüchern.
„Ist Ihnen nicht gut, Madam?“, fragte sie.
„Doch, Jane, es ist nichts. – Mir war nur plötzlich irgendwie kalt“, sagte Kate und zog sich ihre Wolljacke wieder an.
Jane wartete in der Tür. „Ist es jetzt besser, Madam?“
„Ehrlich gesagt, noch nicht ganz. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass ich so ein Kältegefühl habe. Sehen Sie meine Haut! Es ist ganz eigenartig.“