Die Köchin von Bob Dylan - Markus Berges - E-Book

Die Köchin von Bob Dylan E-Book

Markus Berges

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Beschreibung

Über Bob Dylan, eine junge Frau und ein unglaubliches Doppelleben. Markus Berges erzählt von der Freiheit zu sein, wer man will. Jasmin Nickenig fängt als Tourköchin bei Bob Dylan an. Ihr erster Einsatz: die Ukraine, woher ein Teil ihrer wie auch Dylans Familie stammt. Alles beginnt mit ruhigen Tagen auf der Krim – für Jasmin auch Tage der Bewährung. Kaum angekommen, erhält sie jedoch einen Anruf: Ein alter Mann aus Odessa behauptet, er heiße in Wahrheit Florentinius Malsam – wie Jasmins 1944 verschollener Großvater. Dieser, Sohn schwarzmeerdeutscher Bauern, erlebte eine gefährliche Kindheit und Jugend zwischen Hitler und Stalin, bevor der Krieg seine junge Familie auseinanderriss. Verwirrt besichtigt Jasmin am selben Tag – allein mit ihrem berühmten Arbeitgeber – die Villa Anton Tschechows in Jalta. Dylan schickt sie los, der Sache auf den Grund zu gehen. Jasmin begibt sich auf eine abenteuerliche Reise nach Odessa und hinein in ganz fremde familiäre und historische Verhältnisse. Schließlich trifft sie auf einen alten Mann und seine unglaubliche Geschichte … Markus Berges erzählt von verschlungenen Lebenswegen und von den Lücken, die der Teufel lässt. Ein wunderbarer Roman über die verschiedenen Arten der Freiheit – und über die Schrullen von Bob Dylan.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Markus Berges

Die Köchin von Bob Dylan

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Über Bob Dylan, eine junge Frau und ein unglaubliches Doppelleben. Markus Berges erzählt von der Freiheit zu sein, wer man will.

 

Jasmin Nickenig fängt als Tourköchin bei Bob Dylan an. Ihr erster Einsatz: die Ukraine, woher ein Teil ihrer wie auch von Dylans Familie stammt. Alles beginnt mit ruhigen Tagen auf der Krim – für Jasmin auch Tage der Bewährung. Kaum angekommen, erhält sie jedoch einen Anruf: Ein alter Mann aus Odessa behauptet, er heiße in Wahrheit Florentinius Malsam – wie Jasmins 1944 verschollener Großvater. Dieser, Sohn schwarzmeerdeutscher Bauern, erlebte eine gefährliche Kindheit und Jugend zwischen Hitler und Stalin, bevor der Krieg seine junge Familie auseinanderriss. Verwirrt besichtigt Jasmin am selben Tag – allein mit ihrem berühmten Arbeitgeber – die Villa Anton Tschechows in Jalta. Dylan schickt sie los, der Sache auf den Grund zu gehen. Jasmin begibt sich auf eine abenteuerliche Reise nach Odessa und hinein in ganz fremde familiäre und historische Verhältnisse. Schließlich trifft sie auf einen alten Mann und seine unglaubliche Geschichte …

Markus Berges erzählt von verschlungenen Lebenswegen und von den Lücken, die der Teufel lässt. Ein wunderbarer Roman über die verschiedenen Arten der Freiheit – und über die Schrullen von Bob Dylan.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2016

Copyright © 2016 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung Anzinger|Wüschner|Rasp, München

Umschlagabbildung Plan der «Weißen Datscha», Anton Tschechow Memorial Museum auf Jalta, ISasha/Wikimedia Commons

ISBN 978-3-644-12371-7

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

[Hauptteil]

Hinke

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Danksagung

[Hauptteil]

Hinke

prolog

Es ging ein Schneewind. Als sie hinaustrat durch das Tor, konnte man für einen Moment noch das Grün ihres Kopftuchs sehen. Niemand war auf der Straße. Um die Ecken heulte es. Der Wind hatte sich auf den Weg gemacht, über Steppen und Felder, und verschwendete sich nun in den Fängen von Helenenfeld. Die weißen Häuser wurden grau, auch die Gartenmauern, der Schnee von gestern auf den Akazien, die Hügel hinter den Höfen. In den Häusern entzündete man die Petroleumlampen.

Sie machte kleine, selbstverständliche Schritte. Die Nachbarin war ihr noch immer das Geld für die Butter schuldig. Auch Rochus’ Fenster leuchteten. Seine Frau hatte im Herbst, als ihnen der Sohn, siebenjährig, ertrunken war, im Kummer auch noch ihr Ungeborenes verloren. Im Haus, wo der neue Lehrer wohnte, stand im Fenster ein Schatten. Er sei ein Roter, hieß es, obwohl er ein Unsriger war.

Sie verschnaufte am Tor ihrer Tante. Auf der Gartenmauer eine Kappe aus Schnee. Sie dachte an Wassermelonen im ewigen Sommer, Melone in großen Stücken. Als sie klein war, hatte die Tante sie immer mit dem Melonenteller auf die Mauer gesetzt, sich selbst daneben, und beide hatten sie die Kerne ausgespuckt, die man eigentlich hinunterschluckte in Helenenfeld.

Vor der Schule war der Altschnee von den Schülern verwüstet. Dann die Kirche, stolz und dunkel. Sie bekreuzigte sich. Als sie endlich das Haus ihres Schwiegersohns erreicht hatte, war es Nacht. Man hätte ohne das Schneelicht die Hand vor Augen nicht gesehen. Sie trat in den Windfang, öffnete die Tür zur Küche, ohne anzuklopfen.

«Mutter!» Ihre Tochter sprang auf. «Ihr tragt den ganzen Schnee herein.» Die Tochter nahm ihr das Kopftuch ab, riss ihr den Mantel von den Schultern und klopfte ihn im Windfang aus.

«Erst mal wünscht man einen guten Abend.»

Alle schauten sie an und grüßten wie aus einem Mund. Sie saßen bei Brot und Speck.

Eher hätte sie sich die Zunge abgebissen als zugegeben, dass der Hunger sie hergetrieben hatte. «Man wird die Enkelchen besuchen dürfen!»

Der Schwiegersohn stand auf. «Setzt Euch.»

Er stellte ihr ein Weinglas hin. Die Kinder rückten zusammen, blieben still. Ihre Tochter deckte Teller und Messer. «Habt Ihr schon gegessen?»

«Schnee, Schnee, Schnee», antwortete sie. «Florentinius! Florelle! Florellele, komm zur Großmutter.»

Sofort krabbelte der Junge los, hinweg über die Schöße seiner älteren Schwestern, der Zwillinge, die stöhnten, als wäre es ihnen unangenehm, gleichzeitig aber strichen sie zärtlich über seinen Rücken.

Sie drückte den Enkel wie einen Schild an sich. Sie griff nach dem Weinglas, und noch einmal, schon war es leer.

Ihre Tochter schnitt eine Scheibe Brot vom Laib.

Florentinius auf ihrem Schoß rumorte.

«Großmutter, kitzelt mich!»

«Regen-Regentropfen», krächzte sie,

«die Buben muss man klopfen,

die Mädchen muss man schonen

wie die Ziteronen.»

Sie versuchte, ihn übers Knie zu legen, aber Florentinius wehrte sich mit Händen und Füßen, und sie griff ihm in die Seiten, in die kleinen Achseln, bis er quiekte.

Jetzt biss sie ab vom frischen Brot, stolz auf ihre Zähne. Die Zwillinge begannen ein kompliziertes Spiel mit den Fingern, klatschten einander die Hände. Speck kam, Wein wurde nachgeschenkt. Die Tochter schnitt wieder Brot, schlug nach den Zwillingen, verbat sich mit Wutaugen solches Klatschen bei Tisch.

«Seid Ihr satt, Mutter?»

Sie aß und trank in aller Ruhe.

Die Tochter und die Enkelinnen erledigten den Abwasch. Der Schwiegersohn war im Stall. Sie blieb sitzen. Florentinius kam mit seinen Zinnsoldaten. Besonders liebte er die Militärkapelle, die er aufbaute in frei phantasierter, dennoch unabänderlicher Reihenfolge. Sie hatte die Namen einiger Instrumente erst lernen müssen. Die Stange mit Horn und Glocke, die hieß Klingelbaum.

«Schellenbaum, Großmutter!»

Als der Vater zurückkam, flatterten die Kinder in Nachthemden umher. Sie bespritzten sich am Becken mit Wasser, während er am Tisch rauchte.

«Gute Nacht, Vater. Gute Nacht, Mutter.»

Alle drei verschwanden in der großen Stube, es rauschte in den Nachttopf, dann kehrte überraschend plötzlich Stille ein. Man hörte nur den Ofen, sein unsichtbares Feuer. Der Schwiegersohn schloss die Augen. Die Tochter lächelte.

Ja, sie war satt. Seufzend erhob sie sich, wie es einer Großmutter zukam, vom Tag zerschlagen. Dabei hatte sie von früh bis spät nur wie ein Huhn in der klammen Kammer gehockt, wie ein Huhn im Sack.

Sie folgte den Kindern in die große Stube, zog dort den Schemel hervor und schleppte ihn vor das Fußende des Bettes. Hier, in der Ofennische, war es warm, dennoch schlurfte sie zum Kanapee und holte die Wolldecke. Schließlich nahm sie auf dem Schemel Platz, ächzend. Jetzt wandte sie sich dem geschlossenen Vorhang zu, seinen Tannen und Zapfen und Zweigen, eingestickt wie Spinnweben, den strahlenäugigen Katzen zwischen gelben Monden, einem Muster, ihr vertraut wie den Kindern, die sich dahinter bemühten, stiller zu sein als die Toten. Als sie den Vorhang beiseitezog, lagen sie mit roten Wangen und offenen Augen da, waren trotz der Ofenhitze unter die Decken gekrochen. Florentinius tauchte zuerst auf, strahlend. Dann strampelten sich auch die Zwillinge frei.

«So brave Kinder hab ich mein Lebtag nicht gesehen», begann sie, «ich dacht schon, euch hätt der Teufel geholt. Habt ihr seinen Huf schleifen gehört?» Sie scharrte mit dem Schuh.

«Großmutter!»

«Aber ab morgen geht’s auf die Stummenschule!»

«Was ist die Stummenschule?», fragte Florentinius.

Sie klappte lautlos den Mund auf und zu, zeigte hierhin und dorthin, ballte die Faust, bekreuzigte sich.

«Dort lernt man Stummensprache», erklärten die Mädchen.

Sie fuhr gestikulierend fort, winkte wie zum Abschied und schickte sich an, den Vorhang wieder zuzuziehen.

«Großmutter!»

Der Junge war sofort am Vorhang, riss ihn wieder auf.

«Wen der Teufel verschonen tut, den verschon ich noch lange nicht.» Sie packte ihn, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

«Erzählt!», verlangten die Zwillinge.

«Böse Wölfe!», rief Florentinius.

«Böse Wölfe, Florelle? Wär denn je einer zu uns lieb gewesen?» Sie heulte wie ein Wolf. «Ich hab lang keinen gesehen und nicht gehört und tu’s nicht missen. Sogar die Wölfe, glaub ich, sind aufgefressen. Aber wo ich Kind war, an so einem Abend, wo statt dem Frühling der Schnee anklopft und noch die Hunde sind zu traurig zum Jaulen, da sind früher die Wölfe gekommen. Huuuuu! So hast du sie gehört. Erst von ganz fern, dann von nebenan, und dann war’s still. Ganz still. Und wir Kinder haben gewusst, dass sie gekommen waren, auf leisen Pfoten, näher und näher, bis vor unsere Tür. Und auf einmal heulten sie. Als täten sie reinkommen wollen auf einen Teller Borschtsch. Ist aber der Vater hinaus mit der Flinte, um die Gäste zu begrüßen, ist nichts zu sehen gewesen und nichts zu hören und nichts zu schießen.»

«Die Muhme!», sagte eines der Mädchen.

«Wieder von der Muhme?», fragte sie.

«Und von den Wölfen!»

«Ist’s nicht zu fürchterlich fürs Fischchen?»

«Bitte!»

«Aber sagt’s nicht dem Vater», begann sie. «Ihr kennt die Muhme. Oft hab ich euch von ihr erzählt. Sie ist gar nicht lang tot. Ich kann nicht sagen wie … aber schon als junge Frau ist sie immer eine von den Ahnen gewesen. Ihre Großeltern, hat die Muhme gesagt, sind selbst noch von Ulm die Donau runtergekommen, in Schachteln, hat sie gesagt. Mich hat die Muhme meine ersten Jahre gehalten wie eine Älteste. Meine Mama war ja gestorben bei meiner Geburt, und da hat mich der Vater hergeben müssen. Ich hab Mutter gesagt zur Muhme. Neun Jahre alt bin ich gewesen, als mein Vater eure Urgroßmutter geheiratet hat und mich zurückgenommen. Die Muhme war noch eine junge Frau, da sind schon Kranke zu ihr gekommen, und sie hat ihre Gichtfinger besprochen oder mit was sie kamen gekrochen.

Der Muhme gab man keine Widerworte. Wenn ich’s getan hab, hat sie mich knien lassen. Auf Erbsen. Keine acht war ich, als sie ihr erstes Kind bekam. Von dieser Nacht erinnere ich mich noch an alles.

Ihr Mann, der Onkel Viktor, ist vielleicht gerade in Geschäften gewesen. Er war nicht da jedenfalls, als man ihn brauchte. Die Muhme ist den ganzen Nachmittag im Bett gelegen. Als es dunkel wurde, musste ich zum Nachbarn. Der russische Knecht sollte kommen mit einem Pferdeschlitten und sie nach Elsass fahren.

Was sie denn wollte in Elsass, in der Nacht, hab ich gefragt.

‹Wirst sehn›, sagte sie. ‹Gleich holst vom Hühnerstall einen Käfig, dann fängst bei den Schweinen das Ferkel und steckst es hinein.› Sie sah es mir gleich an. Es war mein Ferkel.

‹Keine Angst›, sagte sie, ‹es fährt mit uns, und wir fahren’s auch wieder heim.›

Mein Schweinchen, das hinkende, kleinste, das hatten wir weggesperrt vom Wurf. ‹Schwächling›, sagte die Muhme. Und ich zog’s mit der Flasche auf. Hinke hatte ich’s genannt.

Ich ging hinaus ohne Widerworte. Tagelang hatte es geschneit. Hinke ließ sich ohne Mühe fangen, aber nicht so leicht in den Hühnerkäfig sperren. Als ich zurückkam, stand die Muhme schon vorm Haus, mit Tasche und Decken. Der russische Knecht war vorgefahren. Sie legte mir einen Schal um den Kragen und zog mir die Mütze fest. Hinkes Käfig schob sie unter meine Bank. Es wurde also schnell dunkel um ihn, als wir losfuhren, unter unseren Decken. Und bald war es auch ganz still um uns, im tiefen Schnee hinterm Dorf, still bis auf dem Knecht sein Schnalzen und den Pferdeatem und ihr Getrappel, das leise Schhhhhh vom Schlitten. An den Beinen hab ich gespürt, dass auch im Käfig Stille war, dass mein Ferkel, mein Schweinchen, das sich kaum drehen konnte, endlich hatte Ruhe gegeben, dass Hinke schlief. Seid ihr schon mal ganz im Dunkeln im Schlitten gesessen?»

Alle drei schüttelten den Kopf. Florentinius legte seine kleinen, dreckigen Füße auf die Beine der Schwester.

«Huuuuu, huuuuu», machte sie. «Dann haben wir sie gehört. Die Wölfe. Sofort wusste ich, was es war. Ich hab die Hand der Muhme gesucht und hab trotzdem gefragt: ‹Was ist das, Mutter?› Sie saß ganz krumm neben mir. Sie spürte wohl das Kind, aber die Muhme klagte nicht. ‹Schlaf!›, sagte sie. ‹Schlaf!› Das Geheul kam von fern. Ich hatte Angst. Aber trotzdem bin ich eingeschlafen.

Als ich wieder aufwachte, waren wir auf der Flucht. Vielleicht hatte Hinke mich geweckt. Er keuchte in seinem Käfig. Der russische Knecht trieb die Pferde an, die Muhme stand aufrecht. Wir machten jetzt unseren eigenen Lärm, sonst hörte man nichts. ‹Halt›, schrie die Muhme, ‹halt!› Sie schlug dem Knecht die Faust in den Rücken. Nun zog er die Zügel an, die Pferde folgten und blieben stehen, standen aber ganz unruhig. Still war’s jetzt. Ich traute mich nicht, aus dem Schlitten zu gucken.

‹Kannst schießen?›, fragte die Muhme. Der Knecht blieb stumm. ‹Wo hast die Flint?›, rief sie. Der Knecht kramte etwas Eingewickeltes hervor. ‹Gib!›, zischte die Muhme, riss es ihm aus den Händen, wickelte das Gewehr aus, klappte es auf und wieder zu. Sie legte an. Die Muhme war eine kleine Frau. Sie schoss, kam aus dem Gleichgewicht, die Flinte rauchte. Sie starrte ins Dunkle, horchte.

‹Jesses, Maria und Josef›, sagte die Muhme. Wieder legte sie an und schoss. Sie fluchte. Die Muhme klappte das Gewehr auf. ‹Neue!›, rief sie. ‹Neue!› Sie hielt dem Knecht das Gewehr hin. ‹Patronny!› Er guckte wie begossen. ‹Scheißkerl!›, schrie die Muhme. ‹Scheißkerl! Der Schinder soll dich holen›, schrie sie. ‹Dann fahr, Scheißkerl! Dawai!›

Als die Pferde wieder anzogen, hab ich die Wölfe gespürt. Hören konnte ich sie nicht, aber ich hab sie gespürt. Mein Herz schlug, ich schloss die Augen, und die Pferde jagten.

‹Halt dich fest!›, schrie die Muhme.

Dann hörte ich sie auch. Sie wurden lauter. Nie werd ich das vergessen. Es war nur ein Knurren, ganz leise, aber wie aus tausend Rachen. Ich guckte nicht. Sie mussten schon bei uns sein. Es wurde ein Bellen, ganz anders als von Hunden, das war Wolfsgebell neben mir. Als ich blinzelte, sah ich etwas Rotes und Graues. Von außen polterte es gegen den Schlitten.

‹Das Ferkel!› Die Muhme war jetzt ganz nah an meinem Ohr. Sie brüllte und hauchte gleichzeitig. ‹Du holst das Ferkel raus!›

Erst in diesem Moment erinnerte ich mich an meinen Hinke, obwohl er im Käfig unter meiner Bank natürlich die ganze Zeit schon völlig verrückt spielte.

‹Mutter?›

‹Du holst’s Ferkel!›

‹Was wollt Ihr, Mutter?› Ich verstand sie nicht.

‹Tu’s!› Sie zerrte mich hoch. ‹Tu, was ich sag!›

Der Schlitten schaukelte, und beide verloren wir das Gleichgewicht, ich war vor der Muhme bei Hinke unten und zog den Käfig an mich. Schon kniete aber die Muhme neben mir, hatte ihn aufgerissen und den über und über mit eigenem Dreck beschmierten, quiekenden, beißenden Hinke gepackt und rausgezogen.

‹Schmeiß!›

Ich verstand nicht.

‹Schmeiß den Käfig!›

Ich begriff es einfach nicht.

‹Aas!›, schrie die Muhme, nahm mir den Käfig weg und schleuderte ihn selber hinaus. Für einen Moment war Ruhe.

‹Nimm›, sagte sie und gab mir Hinke.

Sofort brach der Wolfslärm wieder los. Die Tiere rannten und sprangen von neuem gegen den Schlitten an. Hinke war ganz ruhig in meinen Armen. Er hatte sich am Käfigdraht wund gescheuert bis aufs Blut. Vorsichtig drückte ich ihn an mich.

‹Wirf’s!›

Ich hab versucht aufzustehen, mit dem Ferkel auf dem Arm.

‹Wirf’s!›

Ich war keine sieben Jahre alt. Nicht mehr gefragt hab ich, was die Muhme gemeint hat. Die ganze Zeit hatt ich’s ja gewusst, schon im Stall, als ich mein Ferkel eingefangen hab, schon als die Muhme gesagt hat: ‹Jetzt holst vom Hühnerstall einen Käfig.›

‹Wirf’s!›, brüllte sie.

Ich ließ mich zurück auf die Bank fallen.

‹Wirf’s!›

Ich ließ meinen Hinke nicht los.

‹Wirf dein Ferkel oder spring! Spring selbst!›, kreischte sie.

Da hab ich’s losgelassen. Ich hab ihn losgelassen. Dann ist er weg gewesen. Hinke war weg. Der Wolfslärm hat aufgehört. Nicht auf einen Schlag. Ein paar haben uns noch verfolgt. Dann hatten vielleicht auch die Angst, etwas zu verpassen. Am anderen Morgen bekam die Muhme in Elsass ihr Kind. Gott hab sie selig.»

Eins

Chände choch, Chände choch, Cheil Chitler. Dachte sie.

Der Busschaffner duftete nach Wodka. Oder war es Rasierwasser? Jedenfalls ging er weiter, obwohl Jasmin nicht auf dem richtigen Platz saß. Die Fahrkarten sahen hier aus wie Kassenbons, darauf vermerkt waren die Sitzplätze. Sie hatte sich einfach nach hinten gesetzt, wo der Bus leer war. Alle Vorhänge waren zugezogen, außer ihrem.

Es war Abend in Jalta. Draußen bellten die Hunde. Eine Frau ging barfuß vorbei. Vielleicht trug sie ihre High Heels in der Handtasche.

«Chände choch!», hatte tatsächlich vorhin jemand zu Jasmin gesagt, sie auf Russisch angesprochen oder auch auf Ukrainisch, sie hatte keine Ahnung. «Russki plocha», war ihre Antwort, «Russisch schlecht», was sie hier fast als Erstes gelernt hatte, und was wohl irgendwie schon eine Art vollständiger Satz war. Der Mann hatte ihr gegenüber auf einer Bank im Busbahnhof von Jalta gesessen, neben ihm seine platinblonde, halbwüchsige Tochter, mit einem rosa Handy beschäftigt. Er redete plötzlich gestikulierend auf Jasmin ein. Dass er wissen wollte, woher sie käme, nahm Jasmin an und sagte «Njemka, Njemka», «Deutsche», das Wort, das sie Minuten zuvor erst in ihrer Russisch-App entdeckt hatte. Es hieß wohl eigentlich «Stumme», «deutsch» bedeutete auf Russisch also «stumm». Da grinste der Mann und sagte: «Chände choch.» Er sah ihr an, dass es ankam, dass sie ihn verstand. Er strahlte. «Chände choch!» Beide Arme streckte er hoch in die Luft: «Chände choch! Chände choch! Cheil Chitler!»

Jetzt, hinten im Bus, fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. «Chände choch!» Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben. Aber das «Cheil Chitler», das hatte er von Jasmin. Das hatte sie sich ausgedacht, hatte Jasmin ihm dazuerfunden.

Ein letzter Fahrgast nahm Platz, zwei Reihen vor ihr. Der Dieselmotor lief seit Minuten. Auf Wiedersehen, Jalta. Auf Wiedersehen, Klofrau im Kassenhäuschen, Doswidanja, Beschreier der Taxis und Kleinbusse. Es ging los. Übrigens würde keine Frau an diesem Busbahnhof ihre Schuhe ausziehen, um barfuß zu laufen. Schon gar keine Ukrainerin ihre haushohen Hacken. Und nicht deshalb, weil sie in kein Handtäschchen passten.

Jasmin trug Sneakers, weiß mit blauroten Streifen, seit Jahren immer das gleiche Modell, was sie für Stil hielt. Andere Frauen bewunderte sie trotzdem manchmal für ihre Absätze, oder verachtete sie, ganz nach Verfassung. Jasmin hatte wie immer Jeans an und unter der Jacke ihr apfelgrünes Lieblings-T-Shirt mit dem Logo der University Of North Dakota. Frisch in Köln, hatte sie es damals in einem ganz neuen, inzwischen längst verflossenen Secondhandshop entdeckt.

«Der Sommer hörte nicht auf, und sie sah aus, als hätte sie sich morgens mit dem Trotz einer Glücklichen das T-Shirt von gestern oder vorgestern übergezogen.» Als die künftige Amerikanistik-Studentin das im kalten Sommer 98 gelesen hatte, hatte Jasmin gemeint, sich darin selbst zu sehen. Die Erinnerung jedoch hatte sich längst von der Kette gerissen, und Jasmin hatte vergessen, wie der Text weiterging, nicht mal beim Autor lag sie noch richtig, sie dachte, es wäre John Irving: «Als sie mit nackten Füßen den Raum betrat und uns begrüßte, hatte sie einen Frosch im Hals. Allein die Vorahnung ihres Dufts nach Tiefschlaf und Zuversicht …»

Jasmin mochte an sich ihre langen glatten Beine, das Augengrün und ihre Wimpernlänge. Sie hasste ihre paar Sommersprossen und ihre schiefen Zähne, letztere aber am Ende nicht heftig genug, um ein, zwei Jahre mit Zahnklammer, wie ein greiser Teen, herumzurennen. Es wäre auch viel zu teuer. Sonst allerdings pflegte Jasmin ihren scheinbar nachlässigen Look mit nicht weniger Geld, Zeit und Trotz einer Glücklichen als konventionellere Frauen. Oft schon hatte sie auf ihren Lieblingsfriseur sparen müssen. Der hatte selbstgefertigte, großformatige Kunstwerke in seinem Laden hängen, die nicht ganz so gut waren wie seine Frisuren. Dennoch trug Jasmin die stets aufs Neue von Rotblond nach Blondrot gefärbten Haare meistens zwei Tage später bereits wieder zum Pferdeschwanz gebunden. Und sie trug Brille, hatte bis vor sieben Jahren, als sie vor ihrem Dreißigsten dann plötzlich wirklich eine gebraucht hatte, sogar zu bestimmten Anlässen Gestelle mit Fensterglas getragen.

 

Der Bus stand. Er fuhr, stand, fuhr, stand, fuhr, stand, hatte zu viele Räder. Dabei setzte er nur über einen Bahnübergang. Die Schienen aber ragten wie Zäune aus dem Asphalt. Sie hatte schon geahnt, wieso man für die sechshundert Kilometer nach Odessa vierzehn Stunden brauchte. Und dieser Bus war ein Mercedes, die Fahrpläne in Jalta hatten nämlich auch die Busmarken angezeigt. Zeit war aber gar nicht ihr vorherrschendes Problem. Ihr vorherrschendes Problem war die Angst vorm Pissen.

Erst auf dem Busbahnhof in Jalta hatte sie an die Unwahrscheinlichkeit einer Toilette in einem ukrainischen Bus gedacht. Nun sah es aus, als gäbe es im Mercedes doch eine. Also berechnete Jasmin die Wahrscheinlichkeit, dass deren Benutzung den Fahrgästen verboten wäre, die Unwahrscheinlichkeit, fragte man dennoch den Busfahrer, verstanden zu werden, den Grad der Gewissheit, nutzte man einen Aufenthalt zur Außenklosuche, in ukrainischer Einöde, dort Njemka – eine Stumme im engeren Sinne –, vergessen zu werden. Ihr kam die «Pisstazie» in den Sinn – die Geschichte hatte sie mal auf einer Party aufgeschnappt –, eine Steh-Urinierhilfe für Frauen, gefertigt aus halbierten Zitronen aus Plastik, in denen man künstlichen Zitronensaft kaufte. Aber Jasmin hatte keine Pisstazie.

Also lenkte sie sich ab mit der Fahrt hinaus aus Jalta, den Manövern der Wolgas und klapprigen Westwagen, den schwarz getönten Siegen panzerbreiter Jeeps, wie sie sie selbst in den vergangenen Tagen über die Krim kutschiert hatten, mit der halben Stunde, in der die maroden Wohnblöcke leuchteten und eine pagodenhafte Pracht entfalteten.

Der Bus machte Tempo, begann, seine Insassen heftig durchzuschütteln. Köpfe tauchten über den Sitzlehnen auf und ab. Jasmin überschlug die Anzahl der Erschütterungen bis Odessa, grob sechzehntausend, aber die Straßenverhältnisse waren länger schlecht, als sie es fertigbrachte, sich zu sorgen. Die Lage war längst entspannt, als sie es bemerkte: Der Bus fuhr eine Art Schnellstraße. Dörfer wischten vorbei. Wohin man sah, war alles durchzogen von armdicken, signalgelben Rohren. Später waren auch diese Rohre verschwunden.

 

Von Odessa wusste Jasmin nicht viel. Doch sie hatte Bilder im Kopf. Ihre Oma hatte dort gelebt und stets die immer gleiche Geschichte erzählt, wie sie als Mädchen, angekommen in Odessa, schreckliches Heimweh gehabt hatte. Jasmin hatte als Kind immer wieder danach gefragt. Die Geschichte vom Heimweh, erinnerte sie sich, hatte bei ihr eine Art Heimweh nach dieser Geschichte ausgelöst.

Oma Malsam hatte eigentlich immer Oma Malsam geheißen. Erst als die Urenkel da waren, hatte Jasmins Schwester Petra diesen «Oma Erna» eingetrichtert. Irgendwann war sogar Jasmin der alte Name seltsam vorgekommen. Sie hatte Oma Erna vor zwei Wochen erst besucht, sich in Boppard im Altenheim bis zu der Station durchgefragt, wo sie neuerdings untergebracht war.

Dort hatte man Jasmin unterrichtet, dass ihre Oma draußen anzutreffen sei, an der Bushaltestelle. Keine Sorge, hieß es, ein Bus käme nie.

Das Bushäuschen stand im Innenhof. Es sah täuschend echt aus. Davor schob ein Greis seinen Rollator auf und ab. Oma Erna saß aufrecht in ihrem blauen Mantel zwischen kleineren Frauen in Beige.

«Oma?», fragte Jasmin.

Oma Erna guckte an ihr vorbei.

«Ich bin’s, Jasmin.»

«Ach, Jasmin.»

«Deine Enkelin.»

«Hab ich’s nicht gesagt? Meine Enkelin Jasmin!», verkündete sie den Nachbarinnen.

«Was machst du?»

«Was mach ich hier denn wohl? Wir warten auf den Zug.»

«Guck doch mal, hier sind gar keine Gleise.»

«Hier fährt der Elfer nach Pfaffenheck», sagte eine der Frauen.

«Komm, ich bring dich zum Bahnhof», probierte es Jasmin.

Oma Erna stand sofort auf, strich sich den Mantel glatt, nahm den Arm ihrer Enkelin.

«Du bist doch früher auch nie Bus gefahren», sagte Jasmin.

«Alles Schlangen», sagte sie, «Giftschlangen!»

«Wen meinst du?»

«Selbst die Männer. Siehst du ihre bescheuerten Hüte? Giftschlangen!»

Auf der Station erkundigte sich Jasmin, ob ein Spaziergang erlaubt sei. Ein netter, bärtiger Pfleger, der an Bud Spencer erinnerte, erklärte ihr, man sage nicht Station, sondern Wohngruppe, auch nicht Patientin, sondern Bewohnerin. Er versuchte, mit Erna zu flirten, die ihn aber geflissentlich ignorierte und darauf bestand, ihren Knirps zu holen, obwohl sie ihren Stockschirm bereits mit sich führte. Bud Spencer öffnete der Bewohnerin dann die Wohngruppentür und zeigte Jasmin dabei augenzwinkernd, dass diese gar nicht verschlossen war, sondern dass der ganz gewöhnliche Drehknauf nur nach links gedreht werden musste, in die falsche Richtung.

«Wie geht’s dir, Oma?», fragte Jasmin draußen.

«Gut, gut, gut, gut, gut, gut …» Sie ließ es wie ein Echo ausklingen und lächelte fremd. «Man gibt sich Mühe.»

«Schmeckt denn das Essen?»

«Lachs mit Kaviar.»

Jasmin lachte. «So schlecht?»

«Ach … ach, ach, ach, ach, ach.»

Ein halbes Jahr hatten sie sich nicht gesehen.

Ernas Echos und das fremde Lächeln waren vielleicht ein Ergebnis der Medikamente. Beim letzten Mal hatte sie noch herzlich lachen können. Und sie war auch nicht annähernd so einsilbig gewesen, war noch halbwegs «Das Parlament», wie ihre Tochter, Jasmins Mutter, sie immer genannt hatte. Und sie tat es bis heute. Andererseits hatte Erna damals stundenlang ihre alte Station umkreist, die in Form einer Null angelegt war, unglücklich und getrieben. Immerhin hatte Jasmin sich beim letzten Besuch viel eindeutiger von ihr erkannt gefühlt.

Sie steuerten ein Café an. Schon öfter waren sie dort gewesen. Ambiente und Kaffee waren klassisch fürchterlich, die Konditorwaren dafür klassisch wundervoll. Erna, aufrecht und still, sah sich um wie ein junges Mädchen. Als die Torte kam, stürzte sie sich darauf. Auch Jasmin aß ihr Stück restlos auf.

«Ruben», erzählte Jasmin von ihrem kleinen Neffen, «ist vom Fahrrad gestürzt. Der Arme hat jetzt ein Gipsbein.»

«Pech», meinte Erna, pickte Krümel vom Teller.

«Oma, erzähl du doch mal was.»

«Nun.»

«Komm.»

«Nun … nun, nun, nun, nun …»

«Hör mal mit diesem Echo auf.»

Oma Erna schaute sie an, verärgert.

«Los, Oma!»

Jasmin konnte sich nicht erinnern, dass man «Das Parlament» je hatte derart auffordern müssen.

«Dass du so ein kleinliches, geiziges Stück werden konntest!»

«Bitte?», fragte Jasmin.

«So ein geiziges Stück. Herr Ober!»

«Oma.»

«Herr Ober. Bitte noch einmal von dieser Torte, und dann die Rechnung.»

«Oma, ich zahl das doch.»

«Hach. Wovon denn?»

«Aber die Torte ist gut, nicht?»

«Ich hätte immer gern ein Konditoreicafé am Rhein gehabt.»

«Echt? Ein Café?»

«Ein Konditoreicafé am Rhein! – War mir nicht vergönnt.»

Das zweite Stück kam, und Erna machte sich darüber her.

Jasmin sah ihr zu. Ihr verging die Lust, sie weiter zu bedrängen. Jasmin zahlte und führte die grimmige Dame wieder zurück zur Wohngruppe. Dort, auf ihrem Zimmer, lag Oma Erna dann seltsam schräg und steifhalsig im vollen Ornat einer Sonntagsdame auf dem Bett. Jasmin konnte vom Fenster aus die Bushaltestelle sehen.

«Ich fahre bald nach Odessa», sagte sie.

«Odessa», Erna krächzte es, vielleicht wegen ihrer unbequemen Lage.

«Erzählst du mir noch einmal von Odessa, Oma?»

«Nun.»

«Erzählst du mir von Odessa, Oma?»

«Nie hab ich gern von Odessa erzählt.»

«Früher hast du mir erzählt, wie du als Mädchen in Odessa angekommen bist. Dass du vorher im Kinderheim warst. Und dann haben dich die Onkel aufgenommen, und die Tante. Du hast erzählt vom Bolschoi, vom Bolschoi-Theater.»

«Nun.»

Jasmin wandte sich um. Ihre Oma sah sie aus den Augenwinkeln an.

«Nun.»

Sie war bald achtundneunzig Jahre alt und immer noch eine lange, schmale Frau. Ihre Hände hatte sie über dem Bauch gefaltet.

«Nun.»

Aber Oma Erna schwieg. Jasmin sah wieder zum Fenster hinaus. An der Bushaltestelle war noch Betrieb.

Was Jasmin nicht hörte, war, dass das Bolschoi-Theater eines der größten überhaupt war. Oma Erna erzählte nicht, dass das Bolschoi von Odessa eines der größten war. Von der ganzen Sowjetunion. Dass sie später noch oft im Bolschoi gewesen war, erzählte sie nicht.

 

Jenes erste Mal war ein Erlebnis fürs Leben. Ihre Onkel hatten sie mitgenommen. Und am Tag vorher hatte sie sich dürfen ein Kleid kaufen. Eine Rolltreppe? Sie hatte in ihrem Leben doch nie eine Rolltreppe gesehen. Einer der Onkel hat sie müssen an die Hand nehmen. Aber darauf gefahren ist sie, und ihr Kleid ist weiß gewesen mit roten Punkten. Mit eigenem Geld hatte sie sich noch ein passendes Kopftuch gekauft. Nur Schuhe hatte sie keine. Erna durfte sich welche von der Tante nehmen, die aber viel zu groß gewesen sind, und auf dem Weg zum Bolschoi hat sie dann solche Angst bekommen, sie zu verlieren. Leider hatte ihr Onkel gesagt, ganz kurz bevor sie los sind: «Im Theater brauchst kein Kopftuch.» Und da hat sie ihr schönes, passend gekauftes Kopftuch in der Wohnung lassen müssen.

An der Garderobe im Bolschoi gab’s für Erna ein Opernglas. Und dann im Saal wusste sie gar nicht, wo hinschauen. Schon vor der Vorstellung. Sie hatten Plätze ganz weit oben. «Guck dich nicht blind», hat der Onkel gesagt. Dann ging es schon los. Erst nur Musik und dann der Vorhang und dahinter eine bunte Hochzeit, oder war es eine Brautschau? Erna fand es schön, einfach wunderschön. Und schon als die Schwäne kamen, zuerst hinter einem durchsichtigen Vorhang, hat sie geweint. Schwanensee. Natürlich. Was sonst? Lebedinoje osero. Natürlich. Ein tanzender Teufel hat mitgespielt. Von dem hat Erna dann immer träumen müssen. Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren –, weiße Schwäne, die Tänzerinnen, die durchs Fernglas ausgesehen haben wie ein Ei neben dem anderen, leicht, wie ausgeblasen, da hat sie so müssen auflachen, dass ihr der Onkel, dem es peinlich war, sie hat ins Bein gekniffen, dass sie hinterher einen blauen Fleck hatte. Dann war Pause. Und einer ihrer Onkel, eigentlich sind die jungen Onkel ja ihre Vettern gewesen, hat sie aus seinem Sektglas trinken lassen.

Nach der Pause war Böses im Spiel. Schließlich aber ist alles noch gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen, und alle haben jubiliert. Als die Schwäne gekommen sind, sind alle aufgestanden und haben ‹Bravo!› gerufen, auch Erna hat geschrien: ‹Bravo, Bravo, Bravo!›, vor allem für den Hauptschwan, Schwänin – Schwänin der Schwäne.

Nach der Vorstellung haben Erna und die Onkel dann eine andere Treppe genommen als die, die sie raufgestiegen waren. Jene zweite Treppe war vollkommen rot und golden, das ganze Treppenhaus, rot und golden. Es ist sogar ein Fotograf da gewesen. Und die schönsten Frauen haben sich von ihm fotografieren lassen.

Aber für das Bolschoi war Erna nicht nach Odessa gekommen. Sie war gekommen, um den Onkeln den Haushalt zu führen, hat gekocht und geputzt, sie hat eingekauft. Nicht dass sie davon etwas verstanden hätte. Sie kam aus dem Heim. Dort war man morgens zur Schule gegangen, und nachmittags hatte man in der Fabrik Stühle gebaut.

Aber jetzt hatten sie sie herausgeholt. Denn die Tante war im Krankenhaus. Nicht sie selber war krank, aber sie hatte einen Nachzügler bekommen, und bei dem ging es auf Leben und Tod. Die Mütter gingen mit, wenn die Säuglinge ins Krankenhaus mussten, das war normal in der Sowjetunion. Und Erna war zwölf. Mit Pferd und Wagen wurde sie an ein Gleis gefahren und in den Zug gesetzt. Allein bis Odessa, Stunde um Stunde. In Odessa haben dann die Onkel am Bahnsteig gestanden. Heiß war es gewesen. Der Bahnhof von Odessa war innen dunkler und gewaltiger als alles, was sie je gesehen hatte, und draußen vor der Halle hat es sie dann fast erschlagen, das Licht und das Treiben der Menschen, Droschken und Autos, alles im Kreis. Erna mit den fremden Onkeln. Sie haben ihr ein Eis gekauft. Früher hatte sie wohl mal gefrorenes Wasser geleckt. Man schlug ja die Eisblöcke im Winter und bewahrte sie in Kellern und Höhlen auf für den Sommer. Aber ein Speiseeis hatte sie noch nie gegessen. Sie wusste die Sorte nicht mehr, aber es war himmlisch gewesen, himmlisch.

Erna hatte Angst vor Odessa. Die Onkel waren von morgens bis abends außer Haus. Ganz selten tauchte die Tante auf. Immer war sie kalt zu Erna, zeigte ihr nur das Nötigste, was sie wissen musste. Erna stellte sich ja nicht dumm an. Schon früh hatte ihr die Tante auch den Priwos gezeigt, Odessas großen Markt.

Aber dieser Priwos war so groß und der Weg so weit und schwierig. Und allein traute Erna sich nicht in die Straßenbahn. Nach ein paar Tagen flog es auf: Nämlich dass sie immer nur nah bei der Wohnung, in den teuren Läden und bei den Eckständen eingekauft hatte. Anderntags musste sie sich ein Herz fassen und einsteigen in die Tramwai. Gleich bei dieser ersten Fahrt, das weiß sie heute noch, passierte es, dass zwei Betrunkene den Fahrpreis nicht zahlen konnten. Die Schaffnerin schrie, und mit einem Ruck stand die Bahn. Vorne die Fahrerin stand auf, eine untersetzte Frau, ganz gemächlich. Die Tramwai war voll, aber sie musste sich keineswegs durchboxen, alle machten ihr Platz. Dann schmissen die zwei Frauen die beiden Kerle hinaus. Die wurden dann draußen schrecklich vulgär, und darauf stieg dann eine der Frauen aus, und die Männer rannten davon, und sie trat mit dem Fuß in die Luft, als trete sie ihnen in ihre Hinterteile.

Dann kam Erna am Priwos an. Erst mal war sie nur am Rand, später hat sie sich dann immer tiefer hineingetraut. Da gab es lauter Stände mit fremden Waren, komischem Obst und Seetang und hässlichen Fischen. Für sich selbst hat sie manchmal Nüsse gekauft. Neger sind da gewesen, die kannte sie nur von Bildern. Und einer von diesen Negern hat sie gemocht. Ab und zu hat er ihr was geschenkt. Sein Stand war bunt wie ein Teppich, getrocknete Früchte und Zuckerstangen in allen Farben, solche hat sie später nie wieder gesehen, und türkischer Honig mit Pfirsichen, und alles was ein Herz begehrt. Vom Neger hat sie die erste schokoladierte Frucht bekommen. Einen Ananasring. Sie hat ja auch keine Ananas gekannt damals. Als sie den Ring gegessen hat, ganz vorsichtig, hat’s geregnet, das weiß sie noch, es hat heftig geprasselt aufs Priwosdach, und Männer haben Musik gespielt, ein Schifferklavier und zwei Trompeten. Und das hat ihr gefallen, die Musik, der Regen und das, was geschehen ist in ihrem Mund.

Nur jenes Ziehen ist sie nicht losgeworden. Ein Ziehen im Unterleib. Ein Ziehen im Herzen. Jeden Morgen stand sie damit auf, und wenn sie abends wieder ins Bett ist, war es noch schlimmer geworden. Tagein, tagaus. Von Heimweh konnte sie ja nichts wissen. Sie wollte auch nicht wissen, dass es Heimweh war. Schließlich kam sie aus dem Heim, danach hat kein Mensch Heimweh. Und sie war bei einer Familie, bei ihrer Familie, zumindest beim Rest davon. Überhaupt war sie zum allerersten Mal in ihrem Leben irgendwo zu Gast. Dieser undankbare Gast aber dachte die ganze Zeit daran, wo er herkam, aus dem Dserschinski-Heim für verwahrloste und elternlose Kinder.

Der Gast fragte sich, wo sein Heim wohl liegen mochte, in welcher Himmelsrichtung. Bald bildete er sich auch ein, es zu spüren. Beim Abspülen hat sein Heim in seinem Rücken gelegen. Bei der Wäsche im dunklen Keller – schlimmer, als Stühle zu bauen – lag es links. Wenn Erna mit den Onkeln zu Abend aß, lag das Dserschinski-Heim zwischen Anrichte und Sekretär, genau dort, wohin die Kragenspitze ihrer Bluse zeigte. Sie wurde verrückt. Wenn es besonders schlimm wurde, ging sie runter in den Hinterhof. Von da aus konnte man zwischen den Häusern ein wenig Wiese erspähen. Das hat so ausgesehen wie die Wiese, die sie allabendlich vom Bett aus hatte erblicken können, durchs Fenster im Schlafsaal. In den Häusern von Odessa waren die Zimmer eng. Heim und Fabrik erschienen Erna als Paläste. Immerhin, das bildete sie sich ein, der Himmel über Odessa und der über dem Dserschinski-Heim war derselbe.

Irgendwann ist es den Onkeln aufgefallen. Einer ist ihr eines Abends hinterher. «Erna» hat er plötzlich hinter ihr gesagt. «Erna» hat der Onkel gesagt, nicht «Ernale», wie sonst immer. «Erna, da ist doch nichts, wo du immerzu hinschaust», hat er gesagt. «Hast du denn Heimweh?», hat er sie gefragt. «Hast du denn solch ein Heimweh?»

Da hat Erna angefangen, bitterlich zu weinen. Auch weil sie sich so geschämt hat. Und der Onkel hat Erna, stocksteif wie sie war, fest in den Arm genommen.

Ein paar Tage später hat ihr dann die Tante verkündet, sie müsse nicht ins Waisenhaus zurück, sondern dürfe bei ihnen bleiben, in Odessa bleiben. Kurz darauf hatte sich Ernas Heimweh, ein vermaledeites Heimweh nach einem vermaledeiten Kinderheim, in Luft aufgelöst.

 

Man hätte glauben können, es wäre doch noch ein Bus gekommen. Jasmin sah jetzt draußen an der Haltestelle niemanden mehr. Sie konnte sich dort am Fenster noch halbwegs gut in Erinnerung rufen, wie Oma Malsam ihre Odessa-Geschichte erzählt hatte, wusste, dass sie bei Ernas Tränen im Hinterhof jedes Mal selbst mit den Tränen gekämpft hatte, als wären sie ansteckend wie Gähnen. Ähnlich automatisch hatte Jasmin auch immer das abrupte Ende akzeptiert. Oma Malsam hatte kein Heimweh mehr nach ihrem vermaledeiten Kinderheim, und Punkt.

Zu dieser Geschichte hatte sie sich gelegentlich verlocken lassen, ansonsten aber aus ihrer Vergangenheit wenig erzählt. Oder Jasmin hatte nie eindringlich genug gefragt. Später hatte Oma Malsam geheiratet und mit ihrem Mann nicht weit von Odessa in einem deutschen Dorf gelebt.

Von diesem Mann, Jasmins Großvater, hatte sie vor kurzem zum ersten Mal ein Bild gesehen. Sie war von einer Cousine angerufen und für deren Stammbaum-Homepage eingespannt worden. Jasmin kannte diese Cousine Inga kaum, «eigentlich Großcousine», betonte Inga auch immer wieder am Telefon. Zuvor war Inga schon am höflichen Desinteresse von Jasmins Mutter gescheitert. Sie hatte den Stammbaum der Familie Malsam breit ausrecherchiert und präsentierte das Ergebnis überraschend annehmbar im Netz. Verwandtschaft gab es vor allem in Westdeutschland, ein wenig auch in Berlin. Überrascht war Jasmin vor allem von den Dutzenden von Malsams in Nordamerika, auch diese kamen ursprünglich, erklärte Inga ihr, aus dem Elsass oder aus Baden, und all diesen Malsams gemein sei «das russische Intermezzo».

Sogar Jasmin war schon verzeichnet – an einem dürren Zweig ein trockenes Blatt. Mangels Fotos fand sie ihre eigene Familie komplett nur von Smileys symbolisiert. Jasmins Schwester mit Mann und Kindern, ihre Mutter Dolores und ihren verstorbenen Vater, darüber Oma Erna und ihren Ehemann, den Stammvater. Nur dessen Namen hatte Jasmin vage gekannt: Malsam Florentinius, verschollen 1944.

Also hatte sie sich bereiterklärt, Fotos herauszusuchen, hatte sie gescannt, bearbeitet und der Großcousine gemailt. Von Oma Malsam hätte sie gerne ein Bild als junge Frau gehabt, sie fuhr unter anderem deshalb sogar zum Albenwälzen nach Hause zu ihrer Mutter, aber dann wälzte doch nur sie, Jasmin, denn ihre Mutter war mit Freundinnen zum Kartenspielen verabredet. Immerhin fand sie ein hübsches Foto von Erna im Schnee. Darauf war ihre Oma selbst zwar nicht mehr ganz jung, aber doch ihr Lächeln, und der Abzug war groß und scharf genug, das Lächeln auszuschneiden. Von ihrem Großvater fand sie kein Foto. Als sie am Abend ihre Mutter fragte, kramte die in irgendeiner Schublade und kam zurück mit den Worten: «Das hier, das kennst du doch. Hier, der in der Mitte.» Jasmin hatte dieses Bild nie gesehen. Ihre Mutter zeigte auf einen jungen, schlaksigen Kerl. Er saß auf dem Boden. Mit Helm, im Arm ein Gewehr, posierte er in einer Gruppe von zehn, zwölf anderen Soldaten.

Erst vergrößert am Computer, tags darauf, fielen ihr an seinem Kragen die Runen auf. Es war eine SS-Gruppe. Etwas erschrocken musterte sie die jungen, ernsten Gesichter, sah sich jeden Einzelnen nun noch einmal genauer an. Sie guckten nicht anders als junge Männer heute, auf irgendeinem Bandfoto zum Beispiel. Dennoch hätte sie gern ein anderes Foto gehabt, das war ihr gestern schon so gegangen, vom ersten Moment an. Aber ohnehin musste sie Florentinius für sein Stammbaumporträt am Hals abschneiden. Und auf Ingas Homepage wäre er auch nicht der Einzige mit Helm auf dem Kopf.

Oma Erna schlug plötzlich heftig mit dem Handrücken gegen ihr Nachttischchen. Beinahe hätte sie ein Wasserglas zu Boden gefegt. Jasmin ging schnell ans Bett. Etwas unbeholfen schob sie die eine Hand unter ihren Kopf und balancierte mit der anderen das volle Wasserglas an ihre Lippen. Erna sah sie feindselig an. Gierig trank sie. Wasser lief ihr aus den Mundwinkeln.

Jasmin versuchte, Oma Erna etwas bequemer zu betten, dann setzte sie sich zu ihr in einen Sessel.

«In der Nähe von Odessa hast du dann ja auf einem Dorf gelebt», sagte sie, «mit deinem Mann und mit Mama. Sie ist ja 1939 geboren … da warst du … vierundzwanzig. Hast du denn deinen Mann in Odessa kennengelernt?»

«Helenenfeld», krächzte Erna.

«Helenenfeld. Genau. Steht auch in Mamas Ausweis.»

«Lass gut sein.»

«Also hast du ihn dort kennengelernt?»

«Lass gut sein, Dolores!»

«Ich bin Jasmin, Oma.»

Erna reagierte nicht, lag nach wie vor seltsam schräg, mit offenen Augen. Plötzlich aber krächzte sie: «In der Straßenbahn nach Lustdorf.»

«Bitte?», fragte Jasmin.

Keine Antwort.

«In einer Straßenbahn?»

«Odessa», sagte Oma Erna.

«Genau», sagte Jasmin, «Odessa am Schwarzen Meer. Da fahr ich hin.»

«Odessa am Schwarzen Meer», bestätigte Erna.

«Wie ist es denn so?»

«Was?»

«Das Schwarze Meer.»

«Wie ich’s sag.»

«Aber du hast noch gar nichts gesagt.»

Erna machte Anstalten, sich aufzurichten, und Jasmin half ihr hoch. Sie schien aber nicht aus dem Bett zu wollen.

«Man hat’s nicht gesehen», sagte sie.

«Was?»

«Man hat’s nicht gesehen damals.»

«Was meinst du?»

Keine Antwort.

«Meinst du das Meer?»

«Ja.»

«Aber Odessa liegt doch am Meer, Oma, Odessa ist doch eine Hafenstadt.» Sie konnte sich einen spöttischen Unterton nicht verkneifen.

«Man hat’s nicht gesehen damals.»

 

Jetzt im Bus, zwei Wochen später, bei Pionerierke oder so ähnlich, Jasmin konnte auf die Schnelle das Ortsschild nicht lesen, ging ein stampfender Beat los. Stumm stöhnte sie auf. Sound of Jalta. Jasmin nannte es so. Zum Beispiel das Riesenrad, das an der Promenade von Jalta stand. Es war eher klein, und stets fehlte der Chipverkäufer, folglich blieb es auch ohne Fahrgäste. Aber es blitzte und blinkte vor sich hin und posaunte den Sound seiner Sinnlosigkeit aufs Meer hinaus, rund um die Uhr, stellte Jasmin sich zumindest vor, kein Mensch mehr auf der Leninskaja, nur Sound of Jalta von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Selbst am Palast. Jasmins Zimmer ging direkt hinaus zu dem berühmten Liwadija-Palast, wahrhaftig so schön wie sein Name, Liwadija-Palast, schneeweiß, und am Horizont das Meer. Jasmin hatte ihren Balkon am Morgen betreten wie eine Zarin. Doch statt Meeresrauschen und Wind in Trilliarden frisch entrollten Blättern: Sound of Jalta! Gebumste Melodien aus allen Wagen der Fahrer und Securityleute, die unter Jasmins Balkon parkten. Und zudem Sound of Jalta aus dem Schlosspark und aus sieben Souvenirshops mindestens.

Jetzt brach die Musik im Bus wieder ab. Jasmin beobachtete den Kontrolleur, er hantierte am Kasten über dem Eingang und produzierte ein unangenehmes Pfeifen. Dann begann eine Männerstimme zu leiser Gitarre. «La, la, la, la.» Sie dachte an Joao Gilberto. Ein Flirt hatte ihr mal eine CD von ihm gebrannt. Die hatte sie eine Zeitlang sehr viel gehört, sogar beim Kochen, wo sie sonst eigentlich nie Musik hörte, hatte sich sogar für die Texte zu interessieren begonnen und es schließlich zu einem Phantasieportugiesisch gebracht, sich von Versen wie «Die Traurigkeit hört niemals auf, aber das Glück» irgendwie froh stimmen lassen.

Die Musik blieb leise, der Klang übel. Jasmin war sich unsicher, ob nicht doch eine Frau sang. Inmitten der stoischen Reisegesellschaft lauschte sie, fuhr durch blaue Täler, aus denen sich die Sonne verzogen hatte. An den Berggipfeln blendete Schnee. Erst war sie überzeugt, dass Portugiesisch, dann, dass Französisch gesungen wurde, dann schien es ihr wie russischer oder ukrainischer Bossanova. Inzwischen waren die gelben Rohre wieder da und hörten auch nicht mehr auf. Bäume blühten in der Dämmerung, klebten an den Felsen wie Briefmarken. Jasmin hörte nicht mehr zu, mit den Gedanken woanders. Eigentlich interessierte Musik sie auch nicht besonders. Das war im Übrigen sogar ein Einstellungskriterium gewesen. Ohne gesundes musikalisches Desinteresse bekam man ihren Job nicht. Sie war die Köchin von Bob Dylan.

Zwei

«Ich hab Angst. Ich hab solche Angst vor dem Wasser.»