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Geschichte in Geschichten – in "Die Kompromisse" werden Politik und Privates auf feinste Art verknüpft. Ein ganzes Leben in Stationen – wie lassen sich die große diplomatische Weltpolitik samt neuen, aufkeimenden oder nicht versiegenden Krisen mit dem Familien- und Privatleben vereinbaren? Peter, Jahrgang 1929, lebt ein klassisches Diplomatendasein: er muss regelmäßig seinen Wohnort wechseln, die Welt bereisen und in unterschiedlichen politischen Ämtern Lösungen verhandeln, Strippen im Hintergrund ziehen, im Vordergrund taktvoll sein sowie Familie und Karriere unter einen Hut bringen. Kurzum, er muss viele Kompromisse eingehen. In seinem Debütroman zeichnet Florian Dietmaier in Etappen ein unermüdliches Leben für die Diplomatie, für die Familie mit allen Hochs und Tiefs nach, in dem nicht alle Bedürfnisse ausgelebt wurden. Akribisch recherchiert wirft "Die Kompromisse" Schlaglichter auf unbekanntere Episoden der Weltgeschichte zwischen 1960 und 2020, rückt Klein- und Kleinststaaten in den Fokus, zeigt deren Bedeutung im Getriebe der großen Politbühne und den Wandel der Zeit.
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Florian Dietmaier
Die Kompromisse
Roman
Literaturverlag Droschl
»We live at a great breaking point of history.«
Peter Fabrizius, The Horizontal Society
»The past is a foreign country:they do things differently there.«
L. P. Hartley, The Go-between
»Dieses ›Früher‹ war eine Macht, an die man nicht herankommen konnte.«
Marlen Haushofer, Das fünfte Jahr
woulda, coulda, shoulda
Im Abendrot verliert der Ahorn an Kontur
und löst sich auf in Ahnung und in Dunkelheit.
War dort im Schatten nicht bis eben noch ein Ast
gewesen, dem ein schwacher Wind Bewegung gab?
Ich freue mich der leichten Frage, hoffe, dass
sie möglichst bald mein zögerliches Herz erreicht,
doch folgt es seinem sturen Takt. Ich mache Licht
und sehe mein Gesicht anstatt des dunklen Hofs.
Die Seiten vor mir auf dem Tisch sind wieder les-
bar, ihre schwierigeren Fragen schmerzlich klar.
Was wäre, hätte ich? Was hätte, wäre es?
Sie schienen mir beantwortbar, doch merkte ich,
wie stumpf, ja stumm mein ausgestellter Wortschatz glänzt,
nicht ausreicht, zu beschreiben, was ich sagen will.
Vielleicht, so nagt es auch an mir, rede ich
mir diesen Mangel deshalb ein, damit ich nicht
nach einer Antwort suchen muss; wobei sich doch
schon lange eine in mich eingeschrieben hat:
Aus ungenutzten Chancen wachsen Kompromisse.
Madenfraß – 1960
Die Lehne krachte gegen die Wand. Ich war aus dem Sessel gefahren. Der Schreck, das Adrenalin trieben mich noch schneller aus der Enge des Besprechungszimmers. Ich riss eine Reihe von Türen auf und stürmte aus der österreichischen Handelsdelegation in den frühen Abend Singapurs. Es war heiß, würde heiß bleiben. Das Wetter hier änderte sich nie.
Ziellos lief ich den Collyer Quay entlang, die einzige Straße, deren Namen ich kannte. Bald hatte ich das Ende des Quays erreicht und bog in eine schmale Seitengasse ein. Dort verlangsamte sich mein Schritt. Meine Gedanken nicht. Vor einem Restaurant, das beim Eingang auf englischen Tafeln mit lokaler Küche warb, blieb ich stehen, ging hinein. Den ungewohnten Trotz noch in den Gliedern deutete ich willkürlich im Menü herum. Es war auf Mandarin geschrieben, eine englische Übersetzung der Speisen gab es nicht. Der Kellner, stellte ich mir vor, weil ich den Augenkontakt mied, musste erstaunt seine Augenbrauen hochziehen.
Das Bier kam, als ich schon einen halben Liter Wasser getrunken hatte. Der Trotz war zu einer nervösen Wut geworden. Der Tisch, das Glas und meine Oberschenkel mussten das Klopfen meiner Finger, der Boden jenes meiner lederbesohlten Schuhe und die Decke das Starren meiner geröteten Augen ertragen. Jetlag.
Was war geschehen, was hat mich so aufgeregt? An die genauen Gründe wollte ich mich nicht erinnern. Die Wut erfreute mich zu sehr.
Ich leckte mir den Schaumbart von der Oberlippe, sah mich um. Der Gastraum war größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Es erstaunte mich, weil der Platz in der Stadt eng bemessen war. Die Größe hier fiel noch mehr dadurch auf, weil ich der einzige Gast war. Ich musste eine ungewöhnliche Zeit gewählt haben. Außer meinem Tisch war nur ein sehr großer besetzt, an dem Küchenpersonal, Kellner mit einigen Männern und Frauen in Straßenkleidung saßen. Eine Großfamilie, mutmaßte ich, die das Lokal betrieb und zu Abend ihre Verwandten und Bekannten verköstigte.
Der Kellner brachte eine Art Erdäpfelsalat. War es derselbe Kellner, der meine Bestellung aufgenommen hat? Ja. Ryan, las ich auf einem goldenen Namensschild über der rechten Brust, ein schlaksiger junger Mann um die zwanzig.
War es wieder Trotz, der mich den ersten, zu großen Bissen machen ließ? Ich hatte die Gabel in die Schüssel gerammt, mehrere Erdäpfelscheiben und Meeresfrüchte aufgespießt und musste den Mund weit aufreißen. Erdäpfel und Schrimp waren mit einer dickflüssigen Sauce überzogen, die ich nicht untergemischt hatte, wie es vermutlich üblich war, sodass eine konzentrierte, brennende Schärfe den ganzen Mundraum ausfüllte, von dort hinauf zu Augen und Nase stieg und sie feucht werden ließ, die Wangen wärmte. Hastig schluckte ich die kaum gekaute Masse hinunter. Den großen Schluck Wasser danach hätte ich fast hinaus gehustet, da ich von der Schärfe hatte aufstoßen müssen. Im Wasserglas schwammen kleine Stücke Erdäpfel und Schrimp. Ich nahm ein anderes. Mit dem Messer hob ich die oberste Schicht des Salats an und pickte jene Erdäpfelscheiben heraus, die nicht von Sauce bedeckt waren.
Ryan hatte das nicht mitbekommen. Er saß schon am Tisch der Großfamilie, die einen guten Witz gehört haben musste und lachte. Ryan lächelte schmal und trank ein hellbraunes Getränk in kleinen, nervösen Schlucken. War er verwandt mit ihnen, nur ein Angestellter? Er schien mir nicht recht ins Bild zu passen. Als die Gesellschaft erneut in Lachen ausbrach, sprang er hastig auf, als ob er etwas vergessen hätte, und kam auf meinen Tisch zu. Der Salat sah wegen der Grabungen unter seiner Oberfläche nahezu unberührt aus. Das war mir peinlich.
Ich hatte Glück. Ryan ging an mir vorbei. Das Lachen der Familie schien lauter zu werden. Ich wollte herausfinden, wie Ryan und das Lachen zusammenhingen, und musste den Kopf verrenken, um ihn sehen zu können. Er war zur Bar gegangen, blickte zu seiner Familie, wandte sich ab, senkte den Kopf und steckte ein Glas nach dem anderen auf den gurgelnd zischenden Gläserspüler. Dabei konzentrierte er sich vollständig auf diese Aufgabe und schaute kein einziges Mal auf. Seine Züge verhärteten sich, soweit ich das von seinem gesenkten Kopf am Rand meines Blickfeldes ablesen konnte. Ist Trotz ein universelles Gefühl mit einem universellen Satz von Verhaltensmustern? Einige Familienmitglieder sahen immer wieder mal kurz zu Ryan und mir. Meine Versuche, den Blicken standzuhalten, scheiterten. Ich verstand Ryan.
Als er mit dem Spülen fertig war, bemerkte er die nahezu eingetretene Stille, die mir schon ganz unangenehm geworden war. Bemüht unauffällig schaute er hinüber zu seiner Familie. Ich folgte seinem Blick. Wir sahen, hörten, dass die Unterhaltung leiser geworden war, ernster wirkte. Unseren Blicken oder dem Ausweichen ihrer Blicke wegen?
Ich trank einen Schluck Bier. Nein. Der Ernst, die Stille galten meinem Kellner. Ich war der Kunde und konnte es mir erlauben, konnte mir die Blicke und das viele Essen leisten, das andere Kellner nun in kurzen Abständen vor mir aufstellten.
Blut, Bratensaft und Fett eines Steaks verrannen am Weiß des Tellers zu einem Muster. Das Fleisch war gut, aber gewöhnlich. Im Sinne von gewohnt. Es schmeckte wie Steak, war auf keine mir unbekannte Art gewürzt. Trotzdem würde ich nicht alles schaffen.
Ich kaute ein zu groß geschnittenes Stück, blickte zu Ryan, der Bilder an der Wand hinter der Bar vom Staub befreite, und erinnerte mich an meine erste Zeit im Außenministerium. Die aufsteigenden Erinnerungen konnte ich nicht wie das Fleisch hinunterschlucken.
Meine Kollegen, allesamt älter, beeindruckten mich mit ihrem Wissen, das sich nicht nur auf ihr Fach beschränkte. Ihre amtlichen Schreiben beschwerten sie mit griechischen und römischen Zitaten, privat unterhielten sie sich über Literatur und Musik. Mir blieb zu nicken und Ja zu sagen, um mein Unverständnis zu überspielen. Meine schulische Ausbildung war vom Krieg zwar nicht ganz verhindert, aber eingeschränkt worden. Und nach Kriegsende schien mir auch mein Studium der Geschichtswissenschaften im zerbombten Wiener Universitätsgebäude auf mein Fach eingegrenzt. Das redete ich mir später im Ministerium zumindest ein, was die Scham aber nicht verringerte. Ihretwegen las ich meine Groschenromane am Klo. Ein Kollege erwischte mich einmal mit Tom Grey’s Abenteuer oder Kapitän Grant’s Weltabenteuer. Mein Gesicht muss so rot wie der Einband dieser Hefte gewesen sein.
Vielleicht trug ich dieses Rot noch auf dem Gesicht, als mein Vater mir mangelnden Antrieb vorwarf. Das Rot wäre dann von einer anderen Scham dunkler geworden, hatte mir doch sein Name den Posten verschafft. Nach dem Krieg, so hörte ich die älteren Kollegen hinter meinem Rücken sagen, hätte das Außenministerium aus Personalmangel sowieso alles genommen, was am Papier halbwegs unbefleckt gewesen war. Noch dazu, wenn es von solch einem Stamm gefallen war. Ich machte mir in dieser Hinsicht mittlerweile nichts mehr vor. Damals überlegte ich aber, wie ich mich verbessern könnte. Sollte ich mein Latein auffrischen, Altgriechisch im Selbststudium lernen, ins Konzerthaus gehen? Sobald ich sie gefasst hatte, verwarf ich diese Ideen aber wieder. Schließlich war ich das Aufschieben leid und kaufte einige Bücher. Dabei achtete ich weder auf Titel noch auf Namen, weil mir peinlich war, weder das eine noch das andere zu kennen. Noch peinlicher war es mir, als ich zu Hause herausfand, dass ich moderne Literatur und keinen einzigen Klassiker gekauft hatte. War es Trotz, der mich die Bücher dennoch lesen ließ? Und warum lese ich alles in dieser Erinnerung als Widerstand, schreibe mir dieses Verhalten zu? Ich weiß es nicht, und egal, was es damals war, ich war froh, sie gelesen zu haben, fand ich mit ihnen doch etwas, das meine Kollegen nicht kannten und von dem ich selbst nicht gewusst hatte, dass ich es brauchte.
Ein Bild aus den ersten Seiten von Ilse Aichingers Die größere Hoffnung hatte sich mir etwa sofort eingebrannt. Ellen, die junge Protagonistin, reißt am Gang eines Konsulats eine Weltkarte von der Wand und breitet sie auf dem Boden aus. Mit einem Papierschiff, gefaltet aus einem Fahrschein, fährt sie die Meere auf der Karte ab, schläft dabei auf ihr ein und hat einen Albtraum. Um Mitternacht stolpert der Konsul auf seinem Nachhauseweg über Ellen. Sie schläft weiter. Später wird er Ellen ein Visum verwehren.
Vor dem und während des Krieges hatte mein Vater eine stattliche Weltkartensammlung. Sein liebstes Stück, hörte ich ihn beim Besuch eines befreundeten Offiziers auf Fronturlaub sagen, sei ein Globus, den er kürzlich gefunden habe. Ein englisches Fabrikat aus der Blütezeit. Zwar nur eine Kopie, aber sofort hätte er sich in ihn verliebt. Tags zuvor hatte ich meinen Vater den Globus mit einer Feile bearbeiten sehen. Ein neuer fransiger Fleck durch das Feilen von Papier und dem darunterliegenden Holz war entstanden. Um den Namen des Herstellers zu entfernen? Oder um einen Makel auszubessern, wie mein Vater mir versicherte, als er mich in der Tür zum Salon bemerkte? Nach dem Krieg war der Globus im Stadthaus unauffindbar. War er von der Fliegerbombe auf den Ostflügel des Landhauses vernichtet worden? Dort hatte mein Vater seine Sammlungen deponiert, als das Ende sich abzuzeichnen begann.
Das Restaurant füllte sich allmählich. An den Erinnerungen kauend hatte ich es nicht bemerkt. Ich schreckte auf, als am Nebentisch ein Mann laut lachte und davon husten musste.
Auf meinem Tisch türmte sich das Essen. Ich könnte es an die anderen Gäste, an die Obdachlosen verteilen, die es auch in Singapur geben musste. Ich verlangte die Rechnung. Da ich kein Bargeld bei mir hatte, schrieb ich einen Travellerscheck mit fünfzehnprozentigem Trinkgeld. Galt das hier als unschicklich? Ich wusste es nicht und legte den Scheck verkehrt auf den Teller, auf dem die Rechnung gekommen war. Ich verließ das Lokal. Ryan telefonierte. Er lehnte an der Wand hinter dem Empfangstisch, hörte zu. Immer noch war sein Lächeln schmal. In diesem Moment, im Zwielicht des Eingangsbereichs sah es aber schön aus, ungezwungen. Der Anblick schmerzte. Ich wich ihm aus.
Er musste dumm sein, dachte ich, seine Scham so schnell vergessen zu können. Woher konnte ich aber wissen, was Ryan fühlte? Warum sollte ich zur Einsicht in die Gründe für die Gefühle anderer fähig sein, wo ich doch nicht wissen wollte, was mich aus dem Besprechungszimmer getrieben hatte? Ich fand keine Antworten. Die Fragen, der Jetlag und der leichte Schwips verwirrten mich. Vor dem Lokal konnte ich nicht aufhören, mein Sakko zurechtzuziehen. Die Sonne ging im Neonlicht unter.
Gerne hätte ich jetzt eine Epiphanie gehabt, eine Verbindung zwischen Ryan und mir gespürt, um darin eine Erkenntnis zu finden. Ryan war von der äußeren Welt seiner lauten Familie in die innere, private Welt seines geflüsterten Telefongesprächs geflüchtet, ich von einer vergangenen kleinen in die neue große Welt. Doch so funktionierte das nicht. Nirgends. Nie.
Ein Tourist bat mich um Feuer. Ich funktionierte, zückte lässig mein Zippo. Wir unterhielten uns eine Weile über die Industrialisierung der Stadt, die Maschinen aus Österreich brauchte. Zum Abschied empfahl ich ihm das Lokal. Das Essen sei gut. Grinsend ging ich in Richtung Collyer Quay. Kollegen wie Interessenten würden in der Delegation auf mich warten.
Ich dachte an das unberührte Essen. Ohne Nachgeschmack, ohne Sodbrennen. Wut und Scham waren verflogen. Ich stellte mir vor, niemand räumte das Essen ab. Es stünde auf dem Tisch, verrottete, zöge mit unsäglichem Gestank Fliegen, Mücken, Mäuse, Ratten, Katzen und Mader an. Schließlich, wenn nichts Essbares mehr auffindbar wäre, würde es ruhig werden und nur der Tisch, Besteck und Geschirr übrig bleiben, das Tischtuch. Zu große Erwartungen.
Auf den langen Reisen für das Handels- und Wiederaufbauministerium fand ich Zeit für die Klassiker.
Zukunft in der Ankunft – 1962
Der geringe Anflugwinkel bewirkte, dass sich Nauru im Orange-Rot der untergehenden Sonne kaum vom Meer abhob. Auf der Abbildung im aufgeschlagenen Magazin am Nebensitz schien der Inselstaat eine nahezu perfekte Form zu haben. Ein Oval, vollständig von Sand- und Korallenstränden umgeben, das Inselinnere dicht bewachsen. Die Perfektion störten lediglich eine Delle in einer der Längsseiten und die Landebahn an einem der Enden der Insel, die, wie unser Gastgeber über den Lärm des zweimotorigen Flugzeugs schrie, ein Geschenk der Japaner gewesen sei.
Die ehemalige Militärmaschine aus britischem Bestand setzte sanft auf. Ich sah, wie sich Johann andeutungsweise bekreuzigte, als er seinen Oberkörper, soweit es die Sicherheitsgurte zuließen, zu den Knien senkte, mit der rechten Hand kaum merklich die vertrauten Bewegungen ausführte, die allerdings nur mich zu interessieren schienen. Unser Gastgeber, der nauruische Präsident, saß uns gegenüber und blickte über die Schulter auf sein kleines Land, das in den Bullaugen der Maschine unwirklich schnell vorbeizog. Stolz lag in diesem Blick.
Wie wir es von anderen Flughäfen in selbstbewussten, weil aufstrebenden Kolonien, Satellitenstaaten oder Übersee-Départements gewohnt waren, war der Empfang von einer spartanischen Opulenz. Der Flughafen bestand aus nichts anderem als dem Tower und der Piste, auf der für uns ein roter Teppich ausgerollt worden war. Als wir ausstiegen, hörten wir ein kleines Blasorchester die österreichische Bundeshymne spielen. Durch das Rauschen der nahen Brandung klang sie wie aus einem Radio mit schlechtem Empfang, obwohl sie aus den mit einer Patina überzogenen Instrumenten kam. Johann und ich kannten das, dennoch war es uns beiden peinlich, wie mir der Gesichtsausdruck meines Kollegen, den ich aus dem Augenwinkel sah, bestätigte. Wir dankten dem Orchester, winkten und lächelten in die Kameras, die von uniformierten Männern bedient wurden. Der Teppich endete bei einem großen schwarzen Mercedes. Wir stiegen ohne Passkontrollen ein und vertrauten darauf, dass man sich um unser Gepäck kümmern würde.
»Die Limousine«, sagte der Präsident vom Beifahrersitz zu uns nach hinten gewandt, »ist noch in Reparatur. Ich habe deshalb einen meiner Wägen für den Staatsdienst bereitgestellt.« Wir wussten nicht, ob sein Lachen bedeutete, dass er einen Witz gemacht hatte oder ob er protzen wollte, und lächelten weiter. Eine bekanntermaßen wirksame diplomatische Methode.
Auf der Rückbank konnte ich Johann zum ersten Mal seit dem Abflug aus Brisbane etwas fragen, ohne schreien zu müssen.
»Was hältst du von ihm?«
Ich achtete darauf, von unserem Gastgeber weder gesehen noch gehört zu werden, da Flüstern in einer unbekannten Sprache wenig vertrauenerweckend wirkt.
»Er ist enthusiastisch«, flüsterte Johann. »Das auf jeden Fall.«
Ich nickte. Wir reisten im Auftrag des österreichischen Aufbauministeriums mit wechselnden Delegationen von Wirtschaftstreibenden durch die Welt, suchten Investitionsmöglichkeiten und priesen Österreich als guten Investitionsstandort an. Vor unserer Rückreise nach einer längeren Tour durch Neuseeland und Australien hatten Johann, ich und die sechs anderen Kollegen eine Delegation österreichischer Maschinenbauer in Brisbane getroffen, um die dortige Landwirtschaftsmesse zu besuchen. Am Stand eines Düngemittelherstellers waren Johann und ich von einer nauruischen Delegation angesprochen worden, die nach Gesprächen in Canberra ebenfalls noch Zeit für die Messe gefunden hatte.
Auf Nauru befanden sich große Ablagerungen von phosphathaltigem Guano. Die Nauruer bauten es im Auftrag einer britisch-australisch-neuseeländischen Treuhandgesellschaft für wenig Lohn ab. In Canberra sei man Besuche der Nauruer gewohnt, meinte ein australischer Vertreter des Düngermittelherstellers. Sie wollten die Unabhängigkeit oder wenigstens eine höhere Gewinnbeteiligung, um ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können. Der Vertreter verstehe das einerseits, aber andererseits profitiere sein Unternehmen vom geringen Lohn der Nauruer und dem sich daraus ergebenden günstigen Rohstoffpreis.
Am Brisbaner Flughafen fand ich in vielen Zeitungen Berichte über die Verhandlungen der Nauruer. Die Treuhänder hatten andere Pläne für die gesicherte Zukunft ihrer Treugeber. Eine Unabhängigkeit wäre sinnlos für die Nauruer. Experten verkündeten nämlich, dass das Phosphat noch dreißig, höchstens vierzig Jahre reiche. Da es das einzige Exportgut der Insel sei und sich die Nauruer an die moderne Lebensweise gewöhnt hätten, wäre ohne Phosphat jede weitere ökonomisch autonome Existenz auf der Insel nach dem vollständigen Rohstoffabbau undenkbar, waren die Treugeber sich sicher. Das australische Modell sah deshalb vor, alle Nauruer in eine Planstadt am australischen Festland zu übersiedeln. Von Neuseeland kam ein ähnlicher Vorschlag. Die Briten stahlen sich mit dem Argument der großen Ferne aus der Verantwortung.
In einem dieser Artikel wurde UN-Generalsekretär U Thant zitiert. Er begrüße die Unabhängigkeitsbestrebungen der Mikrostaaten, wolle ihnen aber keine Hoffnung auf Vollmitgliedschaft in der UN machen. Er versprach Nauru eine Beobachtermission in Genf, Teilnahme an Entwicklungsprogrammen und die Wahrung der Sicherheit und Integrität seiner Grenzen.
In dem Magazin, das ich aus der Lounge des Flughafens gestohlen und im Flugzeug gelesen hatte, fand ich einen längeren Artikel über die Geschichte der Insel. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte ein Brite im Dienste Neuseelands die großen Phosphatvorräte auf der Insel entdeckt. Im Ersten Weltkrieg wurde sie von den Briten annektiert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von den Japanern erobert, die den Guano von den Nauruern zur Herstellung von Phosphormunition abbauen ließen. Nun, stand im letzten Absatz, wurde aus dem nauruischen Phosphat der weltbeste Dünger hergestellt. In Australien.
Wir hatten auf der Messe kein Interesse für einen Besuch bekundet. Da aber der Anschlussflug nach Bombay wegen eines Wirbelsturms gestrichen worden war und der TWA-Flug Bombay–Rom nur wöchentlich geflogen wurde, hatten Johann und ich die Einladung doch noch angenommen. Unsere Kollegen würden derweil in Brisbane auf uns warten.
»Peter?«
»Ja?«, fragte ich erschrocken, richtete mich auf. Am glatten Leder des Sitzes war ich im Nachdenken, ohne es zu merken, in eine bequemere Position abgeglitten.
»Glaubst du«, fragte Johann, »dass man eine Nation … nein … einen Staat, einen Nationalstaat … nein, das ist es auch nicht … dass man ein Land verstehen kann?«
»Wie bitte?«
»Du kommst aus Baden, ich bin aus Innsbruck und war noch nie in Baden. Trotzdem weiß ich, dass ich Österreicher bin. Aber verstehen kann ich das Land nicht, eben weil ich Österreicher bin und noch nie in Baden war. Hier ist das einfacher. Ich verstehe Nauru, weil es klein ist und vor allem weil ich kein Nauruer bin. Weißt du, was ich meine?«
»Dir fällt der Blick von außen leichter als der Blick von innen, die Fernsicht scheint dir besser als die Nahsicht, meinst du das?«
»Nein, Luxemburg ist mir auch ein Rätsel. Obwohl … ja … die Fernsicht … Wenn man etwas Großes nur als kleinen verschwommenen Punkt wahrnimmt, sich die genauen Konturen bloß vorstellen kann … Aber ein Land ist ja eine vorgestellte Kontur …«
»Das Meer lässt dich Nauru verstehen«, fragte ich, ohne viel nachzudenken, »oder andersrum: die Abgeschlossenheit der Insel?«
»Ja … nein … vielleicht … Ich weiß nicht mehr, was ich sagen wollte. Der Flug … er muss mich doch stärker mitgenommen haben.«
Johann wandte sich ab, starrte aus dem Fenster, gähnte in die Hand, mit der er sich zuvor bekreuzigt hatte.
Ich erwischte den Blick des nauruischen Präsidenten im Rückspiegel. Wir hatten zu laut gesprochen. Strenge war in seinen Zügen zu lesen, die sofort umschlug, als er meinen Blick bemerkte. Er lächelte. Ich erwiderte es, hoffte, er würde unser Gespräch vergessen.
Diese Sorge beschäftigte mich nicht lange. Johanns Frage erinnerte mich an einen Urlaub. Nach dem bestandenen Rigorosum fuhr ich allein nach Triest, um ein letztes Mal zu versuchen, mich im Leben zu verlieren und danach selbst zu finden. Anfangs war es aber mehr Verlieren als Finden. Mein Italienisch war schlechter als erwartet. Ich sprach kaum. Am dritten Tag traf ich endlich Österreicher. Ich glaubte, mich in eine Salzburgerin verliebt zu haben. Mit einem Grazer habe ich um sie gekämpft und verloren. Dann haben wir uns versöhnt und sind nachts alle ins Strandbad eingebrochen. Man lernte einander kennen, vorsichtig, oberflächlich, durch einen Alkoholschleier weichgezeichnet, sprach mehr über die Zukunft. Die Vergangenheit war vorbei. Zumindest empfand ich es so.
Ein Jahr später war ich im Außenministerium, tat es meinem Vater, meinem Großvater gleich. Gemeinsam mit dem Innenministerium bereiteten wir uns auf den Besuch des australischen Arbeitsministers vor, der auf der Suche nach Einwanderern für sein Land war, vor allem Landwirte, um Australiens Lebensmittelproduktion zu steigern. Ich bebte innerlich, war ebenso nervös wie motiviert, wollte alles richtig machen und lernte wichtige Lektionen. Zum Beispiel, dass man sich immer zufrieden über den Ausgang von Gesprächen zeigte. Auch wenn einem der Glauben daran fehlte, mussten die eigenen Worte nach außen plausibel und überzeugend wirken. Helmer etwa war skeptisch gegenüber Holts Plänen, wollte gesicherte Arbeitsplätze für alle auswanderungswilligen Österreicher, sagte den Zeitungen bei einem Pressetermin aber, er halte viel vom australischen Vorschlag.
Ich verlor die Sache bereits kurze Zeit später aus dem Blick, sie fiel nicht mehr in meine Zuständigkeit.
Das Bremsen riss mich aus der Erinnerung. Wir hielten an. Der Fahrer öffnete zuerst dem Präsidenten, dann Johann und schließlich mir die Tür. Wir hatten ein Hotel erwartet, doch befanden wir uns vor dem Gebäude der Treuhandgesellschaft, wie es eine Plakette am Zaun vor dem penibel getrimmten Rasen auswies.
Der Präsident bedankte sich für unseren Besuch. »Morgen früh beginnt das offizielle Programm. Um zehn Uhr werden Sie abgeholt. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«
Wir folgten dem Fahrer, der unsere Koffer zum Haus trug. Auf sein Klingeln wurde die Tür geöffnet. Ein nauruischer Mitarbeiter der Gesellschaft trat heraus, begrüßte uns. Es war dunkel geworden. Bald würden Delle und Flughafen in der Nacht verschwinden. Da fluchte Johann laut. Ich wusste warum, als er seinen Hut abnahm.
Ein Witz nahm Gestalt an. Der beschissene Hut hätte den Nauruern in vierzig Jahren eine Mikrosekunde mehr Zeit gegeben. Etwas in der Art. Ich schwieg, hielt Johann ein Taschentuch hin. Dankend nahm er es an.
Verstehen fällt leichter, wenn man das Ende kennt, dachte ich müde, ohne zu wissen, was das bedeuten sollte.
Sibbolet – 1971
»War Scholl-Latour schon dort?«, scherzte ich, um die Stimmung zu heben. Zum Glück hatte niemand meine Bemerkung gehört oder meine Kollegen hatten sie gehört und keines Kommentars für würdig befunden. Verdientermaßen.
