Verlag: Heyne Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Königin der Schatten - Verbannt E-Book

Erika Johansen  

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E-Book-Beschreibung Die Königin der Schatten - Verbannt - Erika Johansen

Kelsea Glynn hat sich als wahre Herrscherin erwiesen. Um ihr Land vor einer schrecklichen Invasion durch das Nachbarreich Mortmesne zu schützen, hat sie sich in die Hände ihrer größten Feindin begeben: der Roten Königin. Doch damit nicht genug, die Rote Königin ist inzwischen auch im Besitz von Kelseas wertvollen Saphiren. Sollte es ihr gelingen, sich deren Magie zu bemächtigen, ist ganz Tearling dem Untergang geweiht. Während Mace als Regent auf dem Thron von Tearling fieberhaft an einem Plan arbeitet, um Kelsea aus den Kerkern der Roten Königin zu befreien, kommt es im finsteren Mortmesne zum finalen Showdown zwischen den beiden Königinnen …

Meinungen über das E-Book Die Königin der Schatten - Verbannt - Erika Johansen

E-Book-Leseprobe Die Königin der Schatten - Verbannt - Erika Johansen

Das Buch

Ein Jahr herrschte die junge Königin Kelsea Glynn mit Menschlichkeit und Gerechtigkeit über Tearling – ihr Volk liebte sie dafür, ihre Garde verehrte sie. Doch dann tat sie das Unfassbare: Um einen Krieg mit dem mächtigen Land Mortmesne zu verhindern, lieferte sie sich und ihre magischen Saphire ihrer größten Feindin aus: der Roten Königin. Der Frau, die ihr schon immer nach dem Leben trachtete. Während Mace, Hauptmann der Garde und neuer Regent Tearlings, fieberhaft an einem Plan arbeitet, um Kelsea zu befreien, kommt es in Mortmesne zu einem nervenaufreibenden Machtkampf zwischen den beiden Königinnen. Bis ein dunkler Feind aus der Vergangenheit auftaucht und das Blatt sich wendet: Plötzlich steht nicht nur Kelseas Schicksal, sondern das aller Menschen von Tearling und Mortmesne auf dem Spiel. Wird es Kelsea gelingen, die Macht der Saphire so zu nutzen, dass ihr Traum einer gerechten Welt doch noch Wirklichkeit wird?

Das packende Finale des internationalen Fantasy-Bestsellers, in dem das große Geheimnis um Tearling und seine Königin endlich gelüftet wird.

»Der grandiose Abschluss einer mitreißenden Saga!« Cosmopolitan

»Dieses Buch lebt von seinen herausragenden Helden, die niemals einfach nur schwarz oder weiß sind. Hier sind die Guten genauso faszinierend wie die Bösen.« Library Journal

»Lang lebe Königin Kelsea!« US Weekly

Die Autorin

Erika Johansen lebt in der San Francisco Bay Area, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie besuchte das Swarthmore College und wurde Anwältin. Zusätzlich absolvierte sie den renommierten Iowa Writer’s Workshop. Eine Rede Barack Obamas über die Freiheit inspirierte sie zu ihrer Fantasy-Saga Die Königin der Schatten, mit der sie sich eine riesige Fangemeinde erobert hat.

Erika Johansen

Die Königin der Schatten

Verbannt

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Sabine Thiele

Die Originalausgabe erscheint unter dem TitelTHE FATE OF THE TEARLINGbei HarperCollins Publishers, New YorkDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.Deutsche Erstausgabe 06/2017

Copyright © 2016 by Erika Johansen

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Martina Vogl

Umschlaggestaltung/Artwork: Eisele Grafik-Design, München, nach einer Vorlage von Erwin Serrano

Umschlagfoto: Achim Thomae/Getty Images

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-16528-4V001www.heyne.de

Für Shane, der niemals von mir verlangt, jemand anders zu sein.

PrologDie Waise

ange bevor die Rote Königin von Mortmesne an die Macht kam, war die Gegend, die man Glace-Vert nannte, bereits ein hoffnungsloser Fall. Eine vergessene Steppe im Schatten des Fairwitchgebir­ges, auf deren hartem Boden nur vereinzelt Grasbüschel wuchsen. Einige wenige Dörfer mit ärm­lichen Hütten verteilten sich auf dem Gebiet. Nur wenige zog es hierher, in den Norden von Cite Marche, außer es blieb gar keine andere Möglichkeit, denn das Leben in dieser Einöde war hart. Im Sommer verglühten die Dörfler, im Winter erfroren und verhungerten sie.

Dazu gesellte sich in diesem Jahr eine neue Angst. Die gefrorenen Weiler waren streng abgeriegelt, umgeben von frisch errichteten Zäunen, hinter denen schlaflose Männer saßen, die Jagdmesser über die Knie gelegt, nur wenig mehr als Schattenwachen. Wolken bedeckten den Mond, auch wenn diese noch nicht die Schneefälle des Fairwitchwinters ankündigten. Auf den höher gelegenen Abhängen heulten die Wölfe in ihrer seltsamen Sprache und beklagten den Mangel an Nahrung. Bald schon würde der Hunger die Rudel nach Süden in die Wälder treiben, auf der Jagd nach Eichhörnchen und Hermelinen oder gelegentlich auch nach einem unvorsichtigen Kind, das sich alleine in die winter­lichen Wälder hineinwagte. Doch um zehn nach zwei verstummten die Wölfe schlagartig. Nun war nur noch das einsame Heulen des Windes zu hören.

Etwas bewegte sich im Schatten der Fairwitchausläufer: die schwarze Gestalt eines Mannes, der den steilen Abhang erklomm. Er schritt sicheren Fußes voran, bewegte sich je­­doch vorsichtig, als ob er Gefahren erwartete. Abgesehen von seinen schnellen, leichten Atemzügen war er unsichtbar, nur ein Schatten zwischen den Felsen. Zwei Tage hatte er in Ethan’s Copse Station gemacht, bevor er weiter nach Norden gegangen war. Während seiner Zeit im Dorf hatte er alle Arten von Geschichten über die Plage gehört, die die Bewohner heimsuchte: ein Wesen, das in der Nacht herumstreifte und die Kinder stahl. Im oberen Fairwitchgebirge nannte man es »die Waise«. Glace-Vert hatte sich bisher nie um solche Dinge Gedanken machen müssen, doch jetzt verschwanden auch im Süden Kinder. Nach zwei Tagen hatte der Mann genug gehört. Die Dorfbewohner mochten das Wesen zwar »die Waise« nennen, doch der Mann wusste seinen echten Namen, und auch wenn er schnell wie eine Gazelle rennen konnte, konnte er seinem eigenen Verantwortungsgefühl nicht entkommen.

Er ist frei, dachte der Fetch niedergeschlagen, während er sich durch das dornige Gestrüpp auf dem Abhang kämpfte. Ich habe ihn nicht getötet, als ich die Gelegenheit dazu hatte, und jetzt ist er frei.

Die Vorstellung quälte ihn. Er hatte die Anwesenheit von Row Finn im Fairwitchgebirge lange Zeit ignoriert, weil der Mann gebändigt war. Alle paar Jahre verschwand ein Kind, bedauerlich, aber es gab größere Übel, mit denen man sich auseinandersetzen musste. Tearling, zum Beispiel, wo jeden Monat auf Regierungsbefehl hin beinahe fünfzig Kinder verschwanden. Selbst unter dem unbeschreib­lichen Joch der Lieferung waren die Tear immer wie ein launisches Kind gewesen, um das man sich ständig kümmern musste. Die Raleighs wechselten zwischen Gleichgültigkeit und Plünderungen, und die Adeligen kämpften um jeden noch so kleinen Vorteil, während die Bürger hungerten. Drei lange Jahrhunderte hatte der Fetch zugesehen, wie William Tears Traum immer weiter im Sumpf versank. Keiner in Tearling konnte Tears bessere Welt noch sehen, geschweige denn den Mut aufbringen, sie verwirk­lichen zu wollen. Nur der Fetch und seine Leute wussten es, nur sie erinnerten sich. Sie alterten nicht, sie starben nicht. Der Fetch stahl zum Spaß. Es bereitete ihm ein diebisches Vergnügen, die Schlimmsten der Raleighs zu quälen. Fast schon müßig behielt er die Tearblutlinie im Auge, versuchte sich davon zu überzeugen, dass es wichtig sein könnte. Tearblut war leicht aufzuspüren, da sich bestimmte Eigenschaften irgendwann immer offenbarten: Integrität, Intellektualität und eiserne Entschlossenheit. Im Lauf der Jahre hatte man einige Tear als Verräter gehängt, doch selbst unter der Schlinge hatten sie nie ihre edle Ausstrahlung verloren, die die Familie von allen anderen unterschied. Der Fetch erkannte diese adelige Anmutung: Es war die Aura von William Tear, die Anziehungskraft, die beinahe zweitausend Menschen davon überzeugt hatte, ihm über einen Ozean ins Ungewisse zu folgen. Selbst diese Mortschlampe trug ein wenig dieser Aura in sich, auch wenn sie sonst voller Fehler war. Da die Rote Königin keine Nachkommen hervorbrachte, hatte der Fetch lange Zeit geglaubt, die Linie sei ausgestorben.

Doch dann war da das Mädchen.

Der Fetch holte zischend Luft, als sich ein Dorn in seine Hand bohrte. Er durchstach nicht die Haut; schon seit langer Zeit hatte er nicht mehr geblutet. Oft hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen, bis er es schließlich aufgegeben hatte. Er und Row waren beide bestraft worden, doch jetzt wusste er, dass er blind gewesen war. Rowland Finn hatte niemals auch nur einen Moment aufgehört, Ränke zu schmieden. Auch er hatte auf das Mädchen gewartet.

Sie war die erste Raleigh-Erbin, die nicht in der Festung aufgewachsen war. Der Fetch hatte sie oft beobachtet, hatte im Geheimen das Cottage besucht, wenn er gerade Zeit hatte, und manchmal auch, wenn nicht. Anfangs erfuhr er nicht viel. Kelsea Raleigh war ein ruhiges Kind, introvertiert. Der Großteil ihrer Erziehung schien in den Händen der ewigen Streitaxt Lady Glynn zu liegen, doch der Fetch spürte, dass die Persönlichkeit des Mädchens leise, aber be­­ständig vom ehemaligen Gardisten der Königin, Bartholomew, geformt wurde. Als es älter wurde, umgab sich das Mädchen mit Büchern, was den Fetch mehr als alles andere davon überzeugte, dass er Kelsea besondere Aufmerksamkeit schenken musste. Seine Erinnerungen an die Tear verblassten immer mehr, verloren ihren hellen Schein. Doch an eine Sache erinnerte er sich: Die Tear hatten immer Bücher geliebt. Eines Tages beobachtete er das Mädchen, wie es vor dem Cottage unter einem Baum saß und ein dickes Buch in vier oder fünf Stunden vollständig las. Der Fetch hatte sich in mehr als zehn Metern Entfernung zwischen den Bäumen versteckt, doch er erkannte ihre Versunkenheit sofort. Er hätte sich neben sie setzen können, und sie hätte ihn nicht bemerkt. Sie war tatsächlich wie die Tear, das wusste er jetzt. Sie lebte ebenso sehr in ihrem Kopf wie in der Außenwelt.

Von diesem Tag an hatte immer einer seiner Männer das Cottage bewacht. Wenn ein Reisender etwas zu viel Interesse an den Bewohnern zeigte – einige Male waren Männer Bartholomew vom Markt nach Hause gefolgt –, hörte man nie wieder etwas von ihm. Der Fetch war sich nicht einmal sicher, warum er so viel Aufwand betrieb. Es war ein reines Bauchgefühl, doch William Tear hatte ihnen von Anfang an eingeprägt, dass Instinkt etwas Reales war, dem man vertrauen musste. Der Fetch spürte, dass das Mädchen anders war. Wichtig.

»Sie könnte eine Tear sein«, erklärte er seinen Männern eines Abends am Lagerfeuer. »Sie könnte es tatsächlich sein.«

Es war durchaus möglich. In Elyssas Garde gab es diverse Männer, deren Herkunft er nicht kannte. Tear oder nicht, das Mädchen erforderte eine genaue Überprüfung, und im Lauf der Jahre änderte er seine Strategie behutsam. Wenn Thomas Raleigh Anzeichen zeigte, eine Allianz mit einem der mächtigen Adeligen von Tearling einzugehen, richtete der Fetch seine ganze Aufmerksamkeit auf diesen Adeligen, raubte Lieferwagen und Lagerhäuser aus, stahl die Ernte und verschwand damit in der Nacht. Bei ausreichend großen Verlusten war jedes potenzielle Bündnis rasch erledigt. Gleichzeitig begann der Fetch, hinter dem Rücken der Roten Königin seine eigenen Pläne in Mortmesne zu ver­wirk­lichen. Sollte das Mädchen es auf den Thron schaffen, dann würde es sich als Erstes mit der Lieferung auseinandersetzen müssen. Mortmesnes Tore standen allen weit offen, die wussten, wie man Unzufriedenheit ausnutzte, und nach jahrelanger geduldiger Arbeit existierte eine gesunde Widerstandsbewegung.

Um so viel hatte er sich im Lauf der Jahre kümmern müssen, weshalb Row Finn verständ­licherweise nicht mehr seine oberste Priorität gewesen war.

Ein Umriss erhob sich plötzlich auf dem Felsen vor ihm und brachte ihn zum Stehen. Für jeden anderen wäre es nur eine dunkle Silhouette gewesen, doch der Fetch konnte im Dunkeln sehen und erkannte, dass es sich um ein Kind handelte: einen kleinen Jungen, etwa fünf oder sechs Jahre alt. Seine Kleider waren nur noch Lumpen, seine Haut bleich vor Kälte; die Augen dunkle, undurchdring­liche Punkte. Er war barfuß.

Der Fetch starrte das Kind einen Moment lang an, bis ins Mark erschüttert.

Ich habe ihn nicht getötet, als ich die Gelegenheit dazu hatte.

Der Junge wollte sich auf ihn stürzen, doch der Fetch zischte ihn an wie eine Katze. Die Augen des Jungen, die vor hungriger Erwartung aufgeleuchtet hatten, erloschen abrupt, und er blickte den Fetch verwundert an.

»Ich bin kein Fleisch für dich«, wies er ihn scharf zurecht. »Hol deinen Meister.«

Der Junge starrte ihn noch einen Moment länger an, dann verschwand er zwischen den Felsen. Der Fetch bedeckte die Augen, er hatte das Gefühl, tief im Innern in einen Abgrund gezogen zu werden. Als das Mädchen die Brücke von Neulondon gesprengt hatte, war er sich sicher gewesen, doch seither hatten die Zweifel wieder überhandgenommen. Sie war in Mortgefangenschaft, und Howells letzte Nachricht hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass man sie bald nach Demesne bringen würde. Die Wahrhaftige Königin war endlich gekommen, doch sie war zu spät.

Etwas kam den Abhang hinunter. Nur ein Hauch in der Dunkelheit, doch es hatte sich schon lange niemand mehr an den Fetch anschleichen können. Er wartete angespannt. Wann hatten sie zum letzten Mal ein Gespräch geführt? Vor mehr als zwei Jahrhunderten, als James Raleigh noch auf dem Thron gesessen hatte. Der Fetch hatte sehen wollen, ob Row ihn töten könnte. Das Treffen war zu einem Gemetzel geworden, doch keiner von beiden hatte einen Tropfen Blut vergossen.

Wir waren mal Freunde, erinnerte sich der Fetch plötzlich. Gute Freunde.

Doch das war schon sehr lange her. Als sich der schwarze Umriss vor ihm zu einem Mann formte, wappnete sich der Fetch. Die Siedler des Fairwitchgebirges hatten viele Mythen über die Waise ins Leben gerufen, doch wenigstens eine entsprach der Wahrheit: Man sagte, das Wesen hätte zwei Gesichter, eines hell und eines dunkel. Welches würde er heute zu sehen bekommen?

Das helle. Das Gesicht, das sich ihm zuwandte, war das, das der Fetch schon immer gekannt hatte: blass und aristokratisch. Und hinterlistig. Row hatte die Menschen schon immer einwickeln können; vor langer Zeit hatte er den Fetch zu einer der schlimmsten Entscheidungen seines Lebens überredet. Sie musterten einander schweigend auf dem windigen Abhang. Hinter ihnen erstreckte sich Mortmesne.

»Was willst du?«, fragte Row.

»Ich möchte dich davon abbringen.« Der Fetch umfasste mit einer Geste die Bergausläufer unter ihnen. »Was du da gerade treibst. Nichts Gutes wird daraus entstehen, nicht einmal für dich.«

»Woher willst du wissen, was ich gerade treibe?«

»Du bewegst dich nach Süden, Row. Ich habe gesehen, wie deine Wesen nachts durch die Dörfer von Glace-Vert gestreift sind. Ich weiß nicht, worauf du hinarbeitest, aber die armen Leute dort unten haben damit doch sicher nichts zu tun. Warum lässt du sie nicht in Ruhe?«

»Meine Kinder haben Hunger.«

Der Fetch spürte eine Bewegung zu seiner Rechten – noch einer von Rows Nachkommen, ein kleines, vielleicht zehn Jahre altes Mädchen, das auf einem Felsen kauerte und ihn beobachtete. Ihre Augen blickten starr und ohne zu blinzeln.

»Wie viele Kinder hast du mittlerweile, Row?«

»Bald eine ganze Legion.«

Der Fetch erstarrte, fühlte, wie die dunkle Leere in ihm ein wenig größer wurde. »Und was dann?«

Row lächelte nur breit. Keine Menschlichkeit lag in diesem Lächeln, und der Fetch unterdrückte den Drang zurückzuweichen.

»Du hast Tear schon einmal an den Ab­­grund gebracht, Row. Muss das wirklich noch einmal sein?«

»Damals hatte ich Hilfe, mein Freund. Hast du das wirklich bereits vergessen? Oder hast du dir die Absolution er­­teilt?«

»Ich fühle mich verantwortlich für meine Sünden und versuche, sie wiedergutzumachen.«

»Und wie gut gelingt dir das?« Row breitete die Arme aus, um das Land unter ihnen miteinzubeziehen. »Mortmesne ist nichts als eine offene Gosse. Und Tearling versinkt immer weiter.«

»Nein, das tut es nicht. Es wird gestützt.«

»Das Mädchen?« Row lachte, hohl und freudlos. »Komm schon, Gav. Das Mädchen hat nur einen einzigen loyalen Bediensteten und die Gabe, sich gut in der Öffentlichkeit zu verkaufen.«

»Mir machst du nichts vor, Row. Du fürchtest sie ebenso.«

Row schwieg lange, dann fragte er: »Was machst du hier, Gav?«

»Ich diene dem Mädchen.«

»Ah! Du hast also mal wieder die Seite gewechselt.«

Das tat weh, doch der Fetch ließ sich davon nicht reizen. »Sie hat deinen Saphir, Row. Außerdem hat sie Tears Saphir und sein Blut. Sie war dort.«

Row zögerte, seine dunklen Augen unlesbar. »Wo?«

»In der Vergangenheit. Sie hat Lily gesehen, Tear.«

»Woher weißt du das?«

»Sie hat es mir erzählt, und sie ist keine Lügnerin. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie Jonathan findet. Uns findet.«

Row antwortete nicht. Sein Blick zuckte von Fels zu Fels. Der Fetch spürte, dass er endgültig zu dem anderen Mann durchgedrungen war, und schluckte seinen Ärger hinunter. »Siehst du nicht, Row, wie das alles ändert?«

»Es ändert gar nichts.«

Der Fetch seufzte. Eine letzte Information hatte er bisher zurückgehalten, um sie wenn nötig verwenden zu können. Das hier war ein verzweifelter Schachzug, der Row aufschrecken würde. Doch die Zeiten waren hart. Die Königin war in den Händen der Mort, und ohne sie würde Tearling sich selbst zerreißen, fürchtete der Fetch, mit oder ohne Row.

»Die Krone ist wieder aufgetaucht.«

Rows Kopf zuckte nach oben, wie der Kopf eines Hundes, der etwas im Wind wittert.

»Die Krone?«

»Ja.«

»Wo?«

Der Fetch gab keine Antwort.

»Woher weißt du, dass es sich dabei nicht um die Raleigh-Krone handelt?«

»Weil ich die Raleigh-Krone vor Jahren selbst zerstört habe, um sicherzugehen, dass Thomas sie niemals trägt. Das hier ist die echte Krone, Row.«

»Meine Krone.«

Mutlosigkeit überkam den Fetch. Früher einmal hatte er diesem Mann geholfen, freudig und aus freiem Willen. Sie hatten beide schreck­liche Verbrechen begangen, doch nur der Fetch hatte dafür Buße getan. Row riss alles an sich und blickte nie zurück. Einen Moment lang fragte sich der Fetch, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, hier hochzukommen, doch er verdrängte den Gedanken und versuchte es weiter.

»Wenn wir die Krone in die Finger bekommen, Row, könnten wir sie dem Mädchen geben und alles in Ordnung bringen. Wir könnten Buße für die Vergangenheit tun.«

»Deine Schuldgefühle haben dich all die Jahre gequält, und du glaubst, dass es anderen genauso geht. Beleidige mich nicht mit einem Gewissen. Wenn meine Krone irgendwo da draußen ist, dann werde ich sie mir zurückholen.«

»Und was passiert dann? Alle Königreiche der Welt werden nicht ändern können, was uns zugestoßen ist.«

»Jetzt weiß ich, worauf du hinauswillst. Du glaubst, dass das Mädchen deinem Leben ein Ende bereiten könnte.«

»Möglich.«

»Würde sie es denn tun?« Row verzog die Lippen zu einem hinterhältigen Grinsen. »Sie ist leicht zu durchschauen, und sie ist vernarrt in dich.«

»Sie sieht nur den gutaussehenden jungen Mann.«

»Warum bist du wirklich hierhergekommen?«, fragte Row, und der Fetch sah einen roten Funken in seinen Augen aufglühen, als er näher kam. »Was hofftest du, erreichen zu können?«

»Ich hatte gehofft, wir könnten uns einigen. Hilf mir, die Krone zu finden. Hilf mir, Tearling zu heilen. Es ist niemals zu spät, Row, auch jetzt nicht.«

»Zu spät für was?«

»Um Buße für unsere Verbrechen zu tun.«

»Ich habe kein Verbrechen begangen!«, zischte Row. Der Fetch registrierte zufrieden, dass er offensichtlich einen Nerv getroffen hatte. »Ich wollte nur etwas Besseres.«

»Und Katie?«

»Du gehst jetzt besser.« Rows Augen glühten hell, er war noch blasser als zuvor geworden.

Zumindest kann er noch etwas fühlen, dachte der Fetch und erkannte gleich darauf, wie wenig das bedeutete. Keine Emotion der Welt könnte es mit Rows Hunger aufnehmen.

»Und was, wenn ich nicht gehe?«

»Dann werde ich dich meinen Kindern überlassen.«

Der Fetch warf dem kleinen Mädchen auf dem Felsen einen Blick zu. Ihre Augen glänzten beinahe fiebrig, und plötzlich war ihm unwohl. Die nackten Füße des Kindes, dessen Zehen sich an den eiskalten Felsen krallten, machten ihn betroffen, auch wenn er den Grund dafür nicht artikulieren konnte.

»Was sind sie, Row?«

»Du warst nie ein Leser, Gav. Das hier ist alte Magie, älter als die Überfahrt, sogar älter als Jesus Christus. Es sind uralte Wesen, doch sie sind mir zu Diensten.«

»Und du lässt sie auf Glace-Vert los?«

»Sie haben genauso viel Recht dazu wie die Tiere.«

Diese Aussage passte so sehr zu Row, dass der Fetch beinahe laut aufgelacht hätte. Er und Row könnten genauso gut am Ufer des Caddell stehen, vierzehn und fünfzehn Jahre alt, jeder mit einer Angelrute in der Hand.

»Geh jetzt«, sagte Row leise und voller Bösartigkeit, seine Haut so weiß, dass sie wie gebleicht aussah. »Komm mir nicht in die Quere.«

»Oder was, Row? Ich sehne mich nach dem Tod.«

»Sehnst du dich auch nach dem Tod anderer? Nach dem des Mädchens?«

Der Fetch zögerte, und Row lächelte wissend.

»Sie hat mich freigegeben, Gav, den Fluch gebrochen. Ich brauche sie nicht mehr. Wenn du mir in die Quere kommst oder sie, werde ich sie umbringen. Nichts wird mir je leichter gefallen sein.«

»Row«, bat der Fetch zu seiner eigenen Überraschung. »Bitte tu das nicht. Denk an Jonathan.«

»Jonathan ist tot, Gav. Du hast mir geholfen, ihn zu töten.«

Der Fetch holte aus und schlug zu. Row stürzte gegen einen Felsen, doch der Fetch wusste, wenn sein Gegner sich erhob, wäre er unversehrt.

»Oh, Gav«, flüsterte Row. »Hatten wir das nicht schon?«

»Nicht oft genug.«

»Du erschaffst deine neue Welt und ich meine. Wir werden sehen, wer als Sieger hervorgeht.«

»Und die Krone?«

»Meine Krone. Wenn sie da draußen ist, werde ich sie bekommen.«

Der Fetch drehte sich um und stolperte über den unebenen Abhang davon. Nach zehn Schritten merkte er, dass seine Sicht von Tränen verschleiert war. Der Wind wehte erbarmungslos. Beim Gedanken an Tearling musste er im­­mer weinen, weshalb er sich auf andere Dinge konzentrierte.

Der Priester war seit über einem Monat verschwunden, die Spur war mittlerweile erkaltet. Seine Leute waren im ge­­samten Norden und zentralen Mortmesne stationiert, doch er würde einige zurückholen müssen. Lear und Morgan, vielleicht auch Howell. Der Fetch hatte die Rebellion von langer Hand geplant, die jetzt in Mortmesne tobte, doch die Krone hatte oberste Priorität. Er brauchte jeden Mann, um sie zu finden. Und dann war da noch das Mädchen …

Als er Blicke in seinem Rücken spürte, drehte er sich um, während ihm der eisige Wind noch unerbitt­licher bis ins Mark fuhr. Der Abhang hinter ihm war voller kleiner Kinder mit weißen Gesichtern und dunklen Augen. Und nackten Füßen.

»Gott«, flüsterte er. Die Nacht schien voller Phantome zu sein, und er hörte Jonathan Tears Stimme, Jahrhunderte entfernt und doch sehr nah.

Wir werden nicht scheitern, Gav. Wie könnten wir es?

»Doch, wir sind gescheitert, haben versagt«, flüsterte der Fetch. »Großer Gott, was haben wir nur angerichtet.«

Er drehte sich wieder um und setzte hastig seinen unsicheren Weg den Abhang hinunter fort. Einige Male verlor er beinahe das Gleichgewicht, doch er wurde nicht langsamer. Als er den Fuß des Abhangs erreichte, rannte er los, über die Ausläufer bis zu dem Gehölz, wo er sein Pferd an­­gebunden hatte.

Weit über ihm warteten die Kinder schweigend, ein wahres Meer, das den Abhang bedeckte. Sie atmeten gleich­mäßig, ein heiseres Keuchen, das über die Felsen wehte, doch kein Atemwölkchen war zwischen ihren Lippen zu sehen.

Row Finn führte sie an und beobachtete die kleine Gestalt unter ihnen. Früher einmal hatte man Gavin leicht manipulieren können. Doch diesen Mann gab es nicht mehr, seine wahre Identität war in den Mythos um den Mann eingegangen, den man den Fetch nannte. Dieser Mann bedeutete Ärger, doch Row blieb ruhig, als er seinen Blick über den bleichen Ozean aus Kindern um sich herum schweifen ließ. Sie taten immer, wie ihnen geheißen, und sie verfügten über einen ewigen, unstillbaren Hunger. Sie warteten nur auf seinen Befehl.

»Die Krone«, sagte er leise und spürte, wie Erregung durch ihn pulsierte, ein Gefühl aus der Vergangenheit: Die Jagd war eröffnet, mitsamt ihren blutigen Versprechen. Fast dreihundert Jahre hatte er gewartet.

»Geht.«

ERSTES BUCH

1Der Regent

Bei näherer Betrachtung war die Glynn-Regentschaft eigentlich gar keine. Die Rolle des könig­lichen Regenten ist einfach: den Thron bewachen und während der Abwesenheit des rechtmäßigen Herrschers gegen Eindringlinge verteidigen. Als geborener Krieger war Mace für diese Aufgabe geeignet wie kein anderer, doch das kriegerische Äußere verbarg einen gewieften ­politischen Geist und, was vielleicht noch überraschender war, einen ergebenen Glauben an die Vision der Glynn-Königin. In den Nachwehen der fehlgeschlagenen zweiten Mortinvasion wartete der Regent nicht tatenlos auf die Rückkehr seiner Herrscherin; stattdessen setzte er all seine bemerkenswerten Talente für ihre Vision, ihr ­Tearling, ein.

Die Frühgeschichte Tearlings, wie Merwinian sie erzählt

ür eine kurze Weile hatte Kelsea immer wieder die Augen geöffnet, wenn der Wagen über eine Unebenheit holperte. So konnte sie die Veränderungen in der Umgebung beobachten und sehen, wie die Zeit verging. Doch jetzt hatte es aufgehört zu regnen, und das grelle Sonnenlicht bereitete ihr Kopfschmerzen. Als sie durch das Rütteln des Wagens aus einem endlos erscheinenden Schlaf aufgeschreckt wurde, hielt sie die Augen fest geschlossen und horchte auf die Bewegungen der Pferde um sie herum, das Klirren des Zaumzeugs und das Klappern der Hufe.

»Nicht mal ein Stück Silber«, knurrte der Mann zu ihrer Linken auf Mort.

»Wir bekommen einen Sold«, erwiderte ein anderer.

»Der kaum der Rede wert ist.«

»Das stimmt«, schaltete sich eine dritte Stimme ein. »Mein Haus braucht ein neues Dach. Dieser Hungerlohn wird niemals dafür reichen.«

»Hört auf herumzujammern!«

»Nun, was ist mit dir? Weißt du, warum wir mit leeren Händen wieder abziehen mussten?«

»Ich bin ein Soldat. Es ist nicht meine Aufgabe, etwas zu wissen.«

»Ich habe was gehört«, murmelte die erste Stimme düster. »Ich habe gehört, dass die Generäle und ihre lieben Schoßhündchen, allen voran Ducarte, ihre Anteile sehr wohl bekommen.«

»Was für Anteile? Es gab doch keine Plünderungen!«

»Sie müssen auch nicht plündern. Sie bezahlt sie direkt aus der Staatskasse. Und wir anderen müssen schauen, wie wir zurechtkommen!«

»Das kann nicht sein. Warum sollte sie sie einfach so bezahlen, für nichts?«

»Wer weiß schon, warum die Rote Lady etwas tut?«

»Haltet den Mund! Oder wollt ihr, dass der Lieutenant euch hört?«

»Aber …«

»Seid still!«

Kelsea horchte noch einen Moment länger, doch als das Gespräch nicht wiederaufgenommen wurde, öffnete sie die Augen, legte den Kopf in den Nacken und ließ das Gesicht von der Sonne bescheinen. Trotz der bohrenden Kopfschmerzen war die Wärme auf ihren Verletzungen wohl­tuend, als würde sie die Haut durchdringen und das darunterliegende Gewebe heilen. Ihr letzter Blick in einen Spiegel lag einige Zeit zurück, doch ihre Nase und ihre Wangen waren immer noch geschwollen und empfindlich, weshalb sie sich recht gut vorstellen konnte, welchen Anblick sie abgab.

Der Kreis hat sich geschlossen, dachte sie und unterdrückte ein resigniertes Lachen, als der Wagen erneut über eine Unebenheit in der Straße holperte. Ich sehe Lily, ich werde zu ihr, und jetzt habe ich auch noch ihre blauen Flecken.

Seit zehn Tagen war Kelsea gefangen. Sechs davon hatte sie an eine Stange gefesselt in einem Mortzelt verbracht, die letzten vier in Ketten auf diesem Wagen. Männer in Rüstung auf Pferden bewachten sie und machten jeden Gedanken an Flucht zunichte. Doch ein größeres Problem als die Reiter war der Mann auf der anderen Seite des Wagens, der sie aus gegen das Sonnenlicht zu Schlitzen verengten Augen anstarrte.

Kelsea hatte keine Ahnung, wo ihn die Mort gefunden hatten. Er schien kaum älter als Pen zu sein, mit einem sorgfältig gestutzten Bart, der in einem Streifen unter seinem Kinn verlief. Er wirkte nicht wie ein Kerkermeister; tatsächlich fragte sich Kelsea allmählich, ob er überhaupt eine offizielle Funktion hatte. Hatte ihm mög­licherweise einfach jemand die Schlüssel zu Kelseas Fesseln zugeworfen und ihn mit ihrer Bewachung beauftragt? Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr war sie davon überzeugt, dass es so abgelaufen sein musste. Seit dem Morgen im Zelt hatte sie die Rote Königin nicht mehr gesehen. Ihre Gefangenschaft wirkte völlig improvisiert.

»Wie geht’s dir, Hübsche?«, fragte ihr Aufseher.

Sie ignorierte ihn, auch wenn sich ein ungutes Gefühl in ihrem Magen regte. Er hatte sie »Hübsche« genannt, doch Kelsea wusste nicht, ob das seine persön­liche Meinung war oder nicht. Sie war tatsächlich hübsch geworden, Lilys exaktes Abbild, doch sie würde alles für ihr altes Gesicht geben, auch wenn sie nicht wusste, ob ihr eigenes langweiliges Äußeres ihr geholfen hätte, der Aufmerksamkeit dieses Mannes zu entgehen. Nach drei Tagen im Zelt hatte er gewissenhaft auf ihr Gesicht und ihren Oberkörper eingeprügelt. Kelsea wusste nicht, was ihn aufgebracht hatte und ob er überhaupt verärgert war; sein Gesicht hatte keinerlei Ausdruck gezeigt.

Wenn ich doch nur meine Saphire hätte, dachte sie und erwiderte seinen Blick, weigerte sich, die Augen zu senken, falls er das als Zeichen von Schwäche interpretieren sollte. Schwäche stachelte ihn an. Kelsea hatte bereits viele Stunden auf dieser Reise damit verbracht, sich auszumalen, was sie tun würde, wenn sie erst wieder im Besitz ihrer Saphire wäre. Zu ihrem kurzen Leben als Königin hatten viele Formen von Gewalt gehört, doch die von ihrem Gefängnis­wärter ausgehende Bedrohung war ihr neu: ziellose Gewalt, die aus dem Nichts zu kommen schien. Die schiere Sinn­losigkeit ließ sie verzweifeln, und auch das erinnerte sie an Lily.

Vor etwa einer Woche hatte sie von der anderen Frau ge­­träumt, von der Überfahrt, ein farbenprächtiger Albtraum aus Feuer, einem tobenden Ozean und rosafarbenem Sonnenaufgang. Doch Lilys Leben war irgendwie in den Saphiren eingeschlossen, die Kelsea weggegeben hatte. Sie fragte sich, warum sie all das hatte durchmachen, warum sie hatte so viel sehen müssen. Sie hatte Lilys Gesicht, ihre Haare, ihre Erinnerungen. Doch was war der Sinn dahinter, wenn sie das Ende der Geschichte nicht sehen konnte? Row Finn hatte ihr gesagt, sie sei eine Tear, doch welchen Wert hatte diese Information ohne die Saphire? Selbst Lady Andrews’ Tiara war verloren, im Lager zurückgeblieben. Sie hatte alles aus ihrem alten Leben zurückgelassen.

Aus gutem Grund.

Richtig. Sie durfte Tearling gerade nicht zu sehr an sich heranlassen. Am Ende ihrer Reise wartete sicher der Tod auf sie – warum war sie überhaupt noch am Leben? –, doch sie ließ ein freies Königreich zurück, das von einem guten Mann geführt wurde. Sie sah Mace vor sich, mit seinem typischen grimmigen Gesichtsausdruck, und einen Moment lang vermisste ihn sie so sehr, dass sie die Tränen zurückdrängen musste. Ihr Bewacher durfte nichts von ihrer Verzweiflung merken, da er genau darauf wartete. Wahrscheinlich hatte er sie deshalb so erbarmungslos geschlagen, weil sie sich geweigert hatte zu weinen.

Lazarus, dachte sie und versuchte, wieder Mut zu fassen. Mace saß jetzt auf ihrem Thron, und auch wenn er die Welt nicht genau wie Kelsea sah, würde er ein guter Herrscher sein, gerecht und anständig. Dennoch litt Kelsea mit jeder Meile größeren Schmerz. Sie hatte ihr Königreich noch nie verlassen. Sie wusste nicht, warum sie noch am Leben war, doch man brachte sie sehr wahrscheinlich nach Mortmesne, um sie dort zu töten.

Als etwas ihren Schenkel streifte, zuckte sie zusammen. Ihr Bewacher hatte die Hand ausgestreckt und liebkoste ihr Bein mit einem Finger. Kelsea hätte nicht abgestoßener sein können, wenn sich gerade eine Zecke in ihre Haut gebohrt hätte. Wieder grinste der Mann, die Augenbrauen in die Höhe gezogen, während er auf ihre Reaktion wartete.

Ich bin bereits tot, rief sich Kelsea in Erinnerung. Auf dem Papier war sie bereits seit Monaten tot. In dieser Vorstellung lag eine große Freiheit, die ihr erlaubte, erst die Beine anzuziehen, als wolle sie sich in die Ecke des Wagens drängen, und dann mit voller Wucht ihrem Bewacher ins Gesicht zu treten.

Mit einem lauten Klatschen stürzte er auf die Seite. Die Reiter brüllten vor Lachen, das nicht besonders freundlich klang. Ihr Bewacher war offensichtlich nicht beliebt bei der Infanterie, doch das würde ihr nicht weiterhelfen. Sie zog die Beine wieder unter den Körper und hielt die gefesselten Hände vor sich, bereit, sich nach Kräften zu verteidigen. Der Bewacher setzte sich auf, Blut rann aus einem Nasenloch, doch er schien es nicht zu bemerken, machte sich nicht die Mühe, es abzuwischen.

»Ich habe doch nur gespielt«, sagte er gereizt. »Mag das hübsche Mädchen keine Spiele?«

Kelsea schwieg. Die plötz­lichen Stimmungsschwankungen waren das erste Zeichen gewesen, dass er nicht ganz richtig im Kopf sein konnte. Sein Verhalten war völlig unvor­hersehbar. Wut, Verwirrung, Erheiterung – jedes Mal rea­gierte er anders. Jetzt hatte er seine Verletzung bemerkt und wischte sich das Blut mit der Hand ab, die er am Wagen­boden säuberte.

»Das hübsche Mädchen sollte sich benehmen«, schimpfte er im Ton eines Lehrers, der einen eigensinnigen Schüler tadelt. »Ich bin derjenige, der sich im Moment um sie kümmert.«

Kelsea rollte sich in der Wagenecke zusammen. Wieder dachte sie wehmütig an ihre Saphire, und plötzlich erkannte sie überrascht, dass sie diese Reise überleben sollte. Der Bewacher war nur eine von vielen Hürden, die es zu überwinden galt. Wenn alles überstanden war, würde sie nach Hause gehen.

Die Rote Königin wird das nie zulassen.

Warum nimmt sie mich dann mit zurück nach Demesne?

Um dich zu töten. Wahrscheinlich will sie deinen Kopf auf dem Ehrenplatz auf der Pike Straße ausstellen.

Doch das erschien Kelsea zu einfach. Die Rote Königin war eine Frau mit klaren Zielen. Wenn sie Kelsea tot sehen wollte, dann würde ihre Leiche bereits am Ufer des Caddell verwesen. Irgendetwas musste die Rote Königin von ihr wollen, und wenn ja, bestand auch immer noch die Chance, dass sie nach Hause zurückkehren würde.

Zuhause. Dieses Mal dachte sie nicht an das Land, sondern an die Menschen. Lazarus. Pen. Der Fetch. Andalie. Arliss. Elston. Kibb. Coryn. Dyer. Galen. Wellmer. Pater Tyler. Einen Moment sah Kelsea alle vor sich, als ob sie sich um sie versammelt hätten. Dann war das Bild verschwunden, verdrängt von der gleißenden Sonne in ihren Augen, die ihr weiter Kopfschmerzen bereitete. Keine Vision, nur ihr Geist, der sich zu befreien versuchte. Die Magie war ihr verwehrt, die Realität ein staubiger Wagen, der unaufhaltsam weiterrollte und sie von ihrer Heimat wegbrachte.

Mace saß nie auf dem Thron.

Manchmal dachte Aisa, dass er es doch tat. Die Wache machte sich bereits darüber lustig: Wie Mace energisch auf das Podest stieg … um sich dann auf die oberste Stufe zu setzen und die beeindruckenden Arme auf den Knien aufzustützen. Nach einem langen Tag geruhte er vielleicht sogar, auf einem angeschlagenen Stuhl daneben Platz zu nehmen, doch der Thron selbst blieb unbenutzt, ein leerer Monolith aus glänzendem Silber am Kopf des Raumes, der alle an die Abwesenheit der Königin erinnerte. Aisa war sich sicher, dass Mace genau das bezweckte.

Heute hatte er das Podest völlig ignoriert und sich stattdessen an den Kopf des könig­lichen Esstisches gesetzt. Aisa stand hinter seinem Stuhl. Auch einige andere Anwesende standen; selbst der riesige Tisch bot keinen Platz für alle. Aisa erwartete keine Gewalt, ließ ihre Hand jedoch sicherheitshalber auf dem Messer liegen. Selten legte sie es beiseite, selbst wenn sie schlief. In der ersten Nacht nach der Brücke – für Aisa gab es mittlerweile nur noch ein Leben vor und nach der Brücke – hatte Mace ihr ihr eigenes Zimmer zugeteilt, am Rand der Quartiere der Königinnengarde. Auch wenn Aisa ihre Geschwister liebte, war sie froh, ihr eigenes Reich zu haben. Dieser Teil ihres Lebens, ihre Familie, entfernte sich immer mehr von ihr, seit sie bei der Garde arbeitete. Dafür war kein Platz mehr. Aisa fühlte sich in ihrem neuen Zimmer so sicher wie noch nie zuvor, doch manchmal wachte sie morgens immer noch mit dem Messer in der Hand auf.

Arliss saß neben Mace, eine seiner übel riechenden Zigaretten zwischen den Zähnen, und sortierte einen Stapel Pa­­piere vor sich. Arliss dachte in Zahlen und Fakten, doch Aisa wusste nicht, was ihm seine Unterlagen jetzt nützen sollten. Das Problem der Königin konnte nicht auf dem Papier gelöst werden.

Neben Arliss saß General Hall, der von seinem Gehilfen, Colonel Glaser, begleitet wurde. Beide Männer trugen immer noch Rüstung, denn sie waren gerade erst von der Front zurückgekommen. In der letzten Woche hatten die Überreste der Teararmee den breiten Kriegszug der Mort verfolgt, als dieser den Caddell überquerte und langsam, aber stetig über die Almontebene nach Osten zog. So unvorstellbar es auch war, die Mort hatten die Belagerung tatsächlich abgebrochen und waren auf dem Weg nach Hause.

Doch warum?

Das wusste keiner. Die Teararmee war dezimiert, die Verteidigungslinien von Neulondon hauchdünn. Elston sagte, dass die Mort einfach hätten hindurchmarschieren können. Die Armee behielt die Angreifer im Auge, falls der Rückzug eine Falle sein sollte, doch mittlerweile schien sogar Mace von der Wendung der Ereignisse überzeugt zu sein. Die Mort zogen sich zurück. Es ergab keinen Sinn, doch es geschah tatsächlich. General Hall sagte, die Mortsoldaten würden auf dem Heimweg nicht einmal plündern.

Das waren alles gute Neuigkeiten, doch die Stimmung am Tisch war alles andere als überschwänglich. Man hatte immer noch nichts von der Königin gehört. Ihre Leiche war nach dem Abzug der Mort nicht gefunden worden. Ma­­man sagte, sie sei gefangen genommen worden, und die Vorstellung brachte Aisas Blut zum Kochen. Die oberste Pflicht der Königinnengarde war es, die Herrscherin zu be­­schützen, und wenn die Königin nicht tot war, war sie den Mort auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Selbst Ma­­man konnte nicht sagen, was ihr in dem Mortlager widerfuhr.

Auf Mace’ anderer Seite saß ein bleicher und ausgezehrt wirkender Pen. Aisa und den anderen Wachen machte die Situation schwer zu schaffen, doch keiner litt so wie Pen, der der persön­liche Leibwächter der Königin gewesen war … Und mehr, dachte Aisa. Im Moment war er zu wenig zu gebrauchen, er schien nur fähig, Trübsal zu blasen und zu trinken, und wenn ihn jemand ansprach, blickte er nur verwirrt auf. Ein Teil von Pen war an dem Tag verloren gegangen, an dem die Königin die Brücke zerstört hatte, und auch wenn er neben Mace saß, auf dem Platz der per­sön­lichen Leibwache, blickte er starr und in Gedanken versunken auf die Tischplatte. Coryn, der neben ihm saß, war wie immer aufmerksam, doch Aisa fragte sich, wie lange Elston noch nachsichtig mit ihm sein würde. Wann würde jemand die Wahrheit aussprechen? Nämlich, dass Pen seine Arbeit nicht mehr erfüllen konnte.

»Lasst uns anfangen«, verkündete Mace. »Was gibt es Neues?«

General Hall räusperte sich. »Ich sollte anfangen, Sir, aus gutem Grund.«

»Dann los. Wo sind die Mort?«

»Sie befinden sich gerade auf der zentralen Almontebene, Sir, und nähern sich dem Ende des Crithe. Sie kommen mindestens fünf Meilen pro Tag voran, eher zehn, seit der Regen aufgehört hat.«

»Sie haben nichts zurückgelassen?«

Hall schüttelte den Kopf. »Wir haben nach Fallen gesucht. Ich glaube, der Rückzug ist echt.«

»Nun, das ist immerhin etwas.«

»Ja, aber, Sir …«

»Was ist mit den Flüchtlingen?«, wollte Arliss wissen. »Können wir sie bald wieder nach Hause schicken?«

»Ich weiß nicht, ob es schon sicher genug ist, der Kriegszug der Mort ist noch nicht weit genug entfernt.«

»Im nörd­lichen Reddickwald ist bereits Schnee gefallen, General. Wenn wir die Ernte nicht bald einbringen, wird es nichts mehr zu ernten geben.« Arliss stieß eine Rauchwolke aus. »Wir haben jedes Problem, mit dem sich eine überbevölkerte Stadt je auseinandersetzen musste: eine überforderte Kanalisation, Krankheiten. Je eher wir die Stadt leeren, desto besser. Vielleicht, wenn Ihr …«

»Wir haben die Königin gesehen!«

Der ganze Tisch horchte auf. Selbst Pen schien aufzuwachen.

»Worauf wartet Ihr noch?«, bellte Mace. »Berichtet.«

»Wir haben sie gestern Morgen gesehen, draußen im Crithe-Delta. Sie ist am Leben, aber mit Ketten an einen Wagen gefesselt. Sie kann nicht flüchten.«

»Sie hat die verdammte Brücke von Neulondon zerstört«, meinte Arliss scharf. »Welche Ketten könnten sie dann an einen Wagen fesseln?«

Hall antwortete kühl: »Wir konnten sie nicht klar und deutlich sehen, es war zu viel Mortkavallerie um sie herum. Doch einer meiner Männer, Llew, hat Adleraugen, und er ist sich ziemlich sicher, dass die Königin die Tearsaphire nicht mehr trägt.«

»Wie ist ihr Zustand?«, schaltete Pen sich ein.

Halls Wangen röteten sich, und er wandte sich an Mace. »Vielleicht sollten wir das nicht jetzt besprechen …«

»Ihr besprecht das hier und jetzt.« Pens Stimme war ge­­fährlich leise. »Ist sie verletzt?«

Hall sah hilflos zu Mace, der auffordernd nickte.

»Ja. Ihr Gesicht ist geschwollen und verfärbt, das konnte ich sogar durch das Fernglas sehen. Man hat sie geschlagen.«

Pen ließ sich zurück gegen die Stuhllehne sinken. Aisa konnte sein Gesicht nicht sehen, aber das musste sie auch nicht. Seine eingesunkenen Schultern sagten alles. Der ganze Tisch schwieg einen Moment.

»Immerhin stand sie auf dem Wagen«, versuchte Hall alle aufzumuntern. »Es ging ihr gut genug, um zu stehen. Ich denke, sie hat keine gebrochenen Knochen.«

»Wo befindet sich der Wagen?«, fragte Mace.

»Mitten in der Mortkavallerie.«

»Keine Möglichkeit für einen direkten Angriff?«

»Nein. Selbst wenn meine Armee nicht auf einen Bruchteil ihrer früheren Stärke reduziert wäre, riskieren die Mort nichts. Mindestens hundert Fuß schwer bewaffneter Reiter umgeben sie an allen Seiten. Man zieht sie über die Mortstraße, weit vor der Infanterie. Ich schätze, sie halten direkt auf Demesne zu.«

»Die Kerker des Palasts.« Pen stützte die Stirn in eine Hand. »Wie sollen wir sie da nur rausholen?«

»Die Mortrebellion ist bereit, sich auf Demesne auszubreiten«, erinnerte ihn Mace. »Levieux’ Leute werden uns nützlich sein.«

»Woher wisst Ihr, dass Ihr ihm trauen könnt?«

»Ich weiß es einfach.«

Aisa zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte nicht viele Gedanken an Le­­vieux verschwendet, der die Festung vor einer Woche verlassen hatte. Er sah gut aus, aber das war in einem Kampf nichts wert. Sein Mann Alain beherrschte einige gute Kartentricks, doch mit Bradshaw konnte er es nicht aufnehmen. Ein Magier könnte vielleicht in die Kerker des Mortpalasts gelangen, doch Mace traute Magiern nicht.

»Die Rote Königin wird sicher ein Problem an ihrer rechten Flanke haben«, überlegte Arliss. »Es gibt keine Plünderungen … kein Gold, keine Frauen. Ich weiß nicht, wie sie ihre Armee zum Abzug bewegt hat, aber die Männer werden alles andere als glücklich sein.«

»Das vermutet Le­­vieux auch. Unbezahlte Soldaten geben hervorragende Rebellen ab. Er glaubt, viele von ihnen nach ihrer Rückkehr nach Mortmesne rekrutieren zu können.«

»Und was bringt uns das?«, fragte Pen, »wenn wir die Königin nicht zurückholen können?«

»Das besprechen wir später, Pen«, bestimmte Mace. »Sei jetzt ruhig.«

Aisa runzelte die Stirn. Mace ging ihrer Meinung nach viel zu nachsichtig mit Pen um, versuchte, ihn aufzumuntern, und ignorierte, wenn der jüngere Mann sich ungebührlich benahm. Aisa hätte Pen auf unbestimmte Zeit freigestellt und ihm, sollte das keine Wirkung zeigen, eine scharfe Ohrfeige verpasst.

»Schickt mir weiterhin Berichte über den Rückzug«, trug Mace Hall auf, »aber konzentriert Euch auf die Königin. Zwei Eurer besten Männer sollten ihr nach Mortmesne folgen. Sorgt dafür, dass wir sie nicht aus den Augen verlieren. Ihr seid entlassen.«

Hall und Blaser standen auf, verbeugten sich und steuerten auf die Saaltüren zu.

»Wir müssen über den Arvath sprechen«, sagte Arliss.

»Warum?«

Arliss legte seine Unterlagen zur Seite. »Ein Mob hat heute Morgen Schaden in der Stadt angerichtet. Sie scheinen sich auf dem Hauptplatz versammelt zu haben und von dort den ganzen Weg bis zu Bethyn’s Close gegangen zu sein.«

»Mobs gibt es immer.«

»Dieser hier war anders. Ihr Hauptärgernis schien der Mangel an Moral in der Regierung der Königin gewesen zu sein.«

Mace runzelte die Stirn; Aisa tat es ihm nach. Gerade schien mit dem Abzug der Mort ein großes Problem gelöst, da tat sich schon das nächste auf: der Heilige Vater. Am selben Tag, an dem die Königin die Stadt verlassen hatte, hatte der Arvath öffentlich seine Weigerung verkündet, Eigentumssteuern zu zahlen, ebenso wie die Absicht, jedem Bürger die Absolution zu erteilen, der seinem Beispiel folgte.

»Was verbindet diesen Mob mit dem Arvath?«, fragte Coryn.

»Nichts«, erwiderte Arliss. »Der Mob hat sich aufgelöst, lange bevor die Stadtpolizei sich ihm nähern konnte, und es gibt keine Armee mehr, die sich um zivile Unruhen kümmern könnte. Doch sie sind in ein Haus am Rand von Bethyn’s Close eingedrungen und haben zwei Frauen geschändet. Wegen unmoralischen Lebenswandels.«

Ein Muskel zuckte in Mace’ Wange. »Der Heilige Vater glaubt, wenn er mich nur hart genug bedrängt, werde ich die könig­lichen Steuern nicht eintreiben. Da hat er sich geirrt.«

»Die Adeligen weigern sich immer noch, Steuern zu zahlen, mit Ausnahme von Meadows und Gillon. Die Sache mit der Krippe wird ein großes Loch in die Schatzkammer reißen. Wir haben die Einnahmen aus dem Wegzoll an der Brücke verloren. In einigen Monaten werden wir in ernsthaften Schwierigkeiten sein.«

»Sie werden bezahlen.« Mace grinste so fröhlich und gleichzeitig mörderisch, dass Aisa zurückzuckte, doch einen Moment später wurde er wieder ernst. »Gibt es etwas Neues über die beiden Priester?«

»Nichts. Sie sind wie vom Erdboden verschwunden. Doch der Arvath hat gehört, dass wir mittlerweile dasselbe Kopfgeld wie sie ausgesetzt haben.« Arliss suchte etwas in seinem Papierstapel. »Die gestrige Nachricht vom Heiligen Vater besagte, wir sollten unsere Belohnung für das Auffinden von Pater Tyler zurückziehen, damit wir unsere Hoffnung auf den Himmel nicht verwirken.«

»Die Hoffnung auf den Himmel«, wiederholte Mace. »Eines Tages schicke ich den Kerl persönlich zu einem Treffen mit Jesus.«

»Noch ein besorgniserregender Bericht: Vor zwei Tagen hat einer meiner Kundschafter einige Priester gesehen, die gerade Neulondon über die hintere Straße verließen.«

»Wohin gingen sie?«

»Sehr wahrscheinlich nach Demesne. Mein Mann hat sie ein ganzes Stück die Mortstraße entlang verfolgt.«

Mace’ Gesicht verdunkelte sich.

»Sollen wir dem nachgehen?«, fragte Elston.

»Nein«, erwiderte Mace nach kurzem Nachdenken. »Wenn er mit der Roten Königin Kontakt aufnimmt, wird meine Quelle im Palast uns das mitteilen. Was noch?«

Arliss blickte auf seine Liste. »Wir müssen die Ernte einbringen, bevor es schneit. Das ganze Königreich hungert nach frischem Obst und Gemüse. Ich könnte mir vorstellen, dass die ersten Bauern, die zurückkehren und ihre Ernte einbringen, auch ihre eigenen Preise festsetzen dürfen.«

»Das ist aber kein Anreiz für diejenigen, die das Land von Adeligen bewirtschaften.«

»Ja, aber die Adeligen sind alle noch in Neulondon.« Arliss lächelte so verschlagen, dass er Aisa in diesem Moment zu­­tiefst sympathisch war, trotz seiner wider­lichen Zigaretten. »Wenn Lord Soundso es versäumt, sich um sein eigenes Land zu kümmern, während die Mort darübertrampeln, wer weiß dann schon, wohin die Erträge gehen?«

»Und was, wenn die Mort auf dem Weg nach Hause doch noch plündern?«, wollte Elston wissen.

»Das tun sie nicht. Ich habe Halls Stellvertreter gefragt. Sie vergreifen sich nicht an dem Land, warum auch immer.« Arliss zuckte mit den Schultern. »Lassen wir die Bauern gehen und sich die Kirschen herauspicken. Selbst die Ernte von ein paar Tagen wird ihnen über den Winter helfen, wenn sie sie als Erste auf den Markt bringen können. Und ihr Erfolg wird den Rest anlocken.«

Mace nickte langsam. »Ihr kümmert Euch darum.«

»Merritt ist noch draußen, Sir«, rief Elston in Erinnerung.

»Wie viele Caden sind bei ihm?«

»Drei.«

»Nur?«

»Ja, Sir. Doch nicht irgendwelche drei, sondern die Miller-Brüder.«

»Oh.« Mace überdachte diese Information für einen Mo­­­ment. Aisa wusste nicht, wer die Miller-Brüder waren, doch es hatte erbitterte Diskussionen gegeben, ob man überhaupt einem Caden Zutritt zum Königinnen-Trakt gewähren sollte. Elston war dagegen, ebenso wie die meisten an­­deren Wachen der Königin, doch Mace bestand auf ihrer Anwesenheit. Aisa hoffte, er könnte sich durchsetzen. Sie wollte unbedingt echte Caden aus der Nähe sehen.

»Nun, bringt sie her.«

Mace stieg auf das Podest, und Aisa hielt den Atem an. Doch wie üblich ignorierte er den Thron und setzte sich auf die oberste Stufe, während Devin die Caden in den Thronsaal rief.

Ihr Anführer, Merritt, war bestimmt über einen Meter neunzig groß, doch er bewegte sich wie Mace mit der Ge­­schmeidigkeit eines großen Mannes, der, wenn nötig, sehr schnell sein konnte. Eine häss­liche Narbe verunstaltete seine Stirn. Aisa, die im Lauf ihrer Ausbildung einige Schnittwunden an Händen und Armen davongetragen hatte, fand, dass die Narbe nicht glatt genug aussah, um von einer Klinge verursacht worden zu sein. Ihrer Meinung nach stammte sie eher von mensch­lichen Fingernägeln. Sie hatte schon von Merritt gehört, das hatte jeder. Denn selbst unter den elitären Caden war er noch etwas Besonderes. Doch die drei Männer hinter ihm waren ihr ein Rätsel.

Sie betraten den Saal als Dreieck, einer an der Spitze, die anderen beiden hinter ihm, eine Verteidigungsformation, die Aisa aus ihrer Ausbildung kannte. Die blutroten Umhänge hoben sich unpassend grell von den grauen Steinwänden der Festung ab. Körperlich unterschieden sich die drei Männer voneinander: Einer war groß, der andere von mittlerer Größe, der dritte klein. Ihre Haarfarben changierten von blond zu dunkel. Und doch ähnelten sie sich auf seltsame Weise, die Aisa nicht in Worte fassen konnte. Wenn einer sich bewegte, taten es ihm die anderen beiden nach. Sie agierten als Dreiergruppe, ohne sich durch Worte oder andere Signale abzustimmen, und Aisa spürte, dass sie schon sehr lange miteinander arbeiteten. Elston hatte in seiner Funktion als provisorischer Captain entschieden, dass kein Caden sich Mace weiter als bis auf drei Meter nähern durfte, und Aisa war froh um diese Vorsichtsmaßnahmen. Diese drei Männer rochen geradezu nach Ärger.

Merritt deutete nacheinander auf seine drei Begleiter. »Die Miller-Brüder. Christopher, Daniel, James.«

Mace musterte sie einen Moment und sagte dann: »Ich habe gehört, man hat Euch drei ausgestoßen.«

»Die Gilde hat es sich anders überlegt«, erwiderte Christopher, der größte, sanft.

»Warum?«

»Wir sind nützlich, Lord Regent.«

»Vor sechs Jahren wart Ihr nützlich. Seither habe ich nichts mehr von Euch gehört.«

»Und doch waren wir nicht untätig«, antwortete James.

»Natürlich nicht.« Mace’ Stimme wurde schärfer. »Ihr habt die Königin gejagt.«

Die drei Männer erwiderten seinen Blick trotzig, bis Mace schließlich nachgab.

»Das liegt in der Vergangenheit. Ich habe einen Auftrag für Euch und für so viele Mitglieder Eurer Gilde, wie Ihr miteinbeziehen wollt.«

»Unsere Gilde ist sehr beschäftigt«, entgegnete James, doch für Aisa klang die Antwort sehr automatisch. Sie fragte sich, ob die Caden bei der ersten Anfrage immer ablehnten.

»Ja, und wie beschäftigt Ihr seid«, antwortete Mace mit einem leicht spöttischen Unterton. »Wir haben von Euren Aufträgen gehört. Die Caden als Wegelagerer, die Caden als Stricher, die Caden als Veranstalter von Hundekämpfen und Schlimmerem.«

»Wir tun, was wir tun müssen. Na und?«

»Diese Tätigkeiten sind weit unter Eurer Würde, nicht das, was Ihr eigentlich tun solltet. Sie schaden dem Ansehen Eurer Gilde. Ich habe einen besseren Auftrag, der allerdings schwierig und gefährlich ist sowie einiges an Gewandtheit erfordert. Selbst wenn ich noch eine intakte Armee hätte, würde ich Soldaten nicht mit dieser Aufgabe betrauen.«

Daniel, der dritte Miller, ergriff zum ersten Mal das Wort. »Um was für einen Auftrag handelt es sich?«

»Die Krippe zu säubern.«

James lachte. »Das ist leicht. Man braucht nur einen Wassertank.«

»Nein, es ist überhaupt nicht leicht«, sagte Mace, ohne das Gesicht zu verziehen. »Es ist eng da unten, Frauen und Kinder sind in beträcht­licher Gefahr. Auch viele Männer, wie die Königin mich bitten würde zu betonen. Ich will, dass die Unschuldigen sicher herausgeschafft, die Zuhälter und Anwerber lebendig festgenommen werden.«

»Was ist unser Lohn dafür?«

»Eine Pauschale von zehntausend Pfund pro Monat für insgesamt drei Monate. Wenn Eure Gilde den Auftrag in diesem Zeitraum nicht erledigen kann, kann er wahrscheinlich überhaupt nicht bewältigt werden.«

»Gibt es einen Bonus für vorzeitige Erledigung?«

Mace sah zu Arliss, der missmutig nickte und sagte: »Erledigt alles – ich betone, alles – innerhalb von zwei Monaten, und wir bezahlen Euch für drei.«

Die Millers berieten sich flüsternd, während die übrigen Anwesenden warteten. Merritt stand unbewegt daneben. Er hatte bereits zugestimmt, ihnen ohne Entlohnung zu helfen; Mace sagte, der Mann schulde der Königin etwas. Doch Aisa hegte Zweifel. Welche Schuld würde einen Caden dazu bewegen, ohne Bezahlung zu arbeiten?

Mace beobachtete die drei Brüder mit unlesbarem Ge­­sichtsausdruck, doch Aisa ließ sich davon nicht mehr täuschen. Irgendetwas arbeitete in ihm. Sie hatte vor der Brückenzerstörung noch nie von dieser Krippe gehört, und niemand wollte ihr genau erklären, um was es sich dabei handelte, doch mittlerweile hatte sie genug erfahren, um sich ein recht deut­liches Bild davon machen zu können: ein Tunnellabyrinth unter der Stadt, in dem die schlimmsten Verbrechen geduldet wurden, wo Kinder, die jünger waren als Aisa, verkauft wurden. Aisa wurde übel bei dem Gedanken an diesen Ort. Dad war schlimm gewesen, aber er war nur ein Mann. Die Vorstellung, dass es viele solcher Menschen gab, die alle Unaussprech­liches taten, dass es eine ganze Welt im Untergrund gab, in der Kinder denselben Albtraum durchlebten … es raubte Aisa den Schlaf. Auch Mace belastete es offenbar, denn er und Arliss widmeten einen Großteil ihrer Energie der Krippe, auch wenn Arliss wegen der Ausgaben verstimmt war. Doch niemand legte sich in dieser Sache mit Mace an, dem nichts schnell genug gehen konnte. Aisa war beinahe davon überzeugt, den Schatten der Königin über seiner Schulter schweben zu sehen, der ihn antrieb.

Die Caden hatten sich geeinigt und wandten sich wieder an Mace. Christopher teilte ihm ihre Entscheidung mit.

»Wir werden Euer Angebot bei der nächsten Gildenvollversammlung vorlegen. In der Zwischenzeit werden wir drei uns den Auftrag näher anschauen, ohne Lohn, aber auch ohne Verpflichtung.«

»Dagegen ist nichts zu sagen«, erwiderte Mace. »Da Ihr ohne Lohn arbeiten wollt, gebe ich euch keinen Zeitrahmen vor. Doch es ist mir wichtig, diese Sache erledigt zu haben, bevor die Königin zurückkehrt.«

Die drei Caden sahen alarmiert auf.

»Wieso denkt Ihr, sie würde nach Hause kommen?«, fragte James.

»Weil sie das tun wird«, entgegnete Mace in einem Ton, der sich jede weitere Diskussion verbat.

»Wenn Ihr den Auftrag annehmt, besprecht Ihr mit mir die Bezahlung«, fügte Arliss hinzu. »Es wird keinen Vorschuss oder irgendeinen anderen Unsinn geben, also versucht es nicht einmal.«

»Ich werde dennoch um einen kleinen Vorschuss bitten«, antwortete Daniel ungerührt. »Das Mädchen da.«

Er deutete auf Aisa.

»Wir haben von ihr gehört«, fuhr Daniel fort. »Man sagt, sie hätte eine Messerhand, aber so etwas haben wir noch nie gesehen. Bevor wir aufbrechen, möchte ich um eine Vorführung bitten.«

Mace runzelte die Stirn. »Ihr wollt mit einem Kind kämpfen?«

Aisa warf ihm einen bösen Blick zu. Sie hasste es, wenn man sie an ihr Alter erinnerte.

»Kein echter Kampf, Lord Regent«, erwiderte Daniel. »Nur eine Demonstration ihres Könnens.«

Mace sah fragend zu Aisa, die eifrig nickte. Mit einem der Caden einen Übungskampf zu absolvieren! Selbst ein Unentschieden wäre unglaublich.

»Wenn du dir eine Verletzung einfängst, Raubkatze«, knurrte Mace leise, als er sich zu ihr beugte, »wirst du das deiner Mutter erklären.«

Aisa entledigte sich bereits ihres Brustpanzers und zog ihr Messer aus der Scheide. Fell hatte es speziell für Aisa anfertigen lassen. Es hatte dieselbe Form und war aus demselben Material wie die Exemplare der Königinnengarde: im Stil des alten Belland-Modells, mit einer flachen und einer gezackten Klinge. Doch Aisa hatte kleine Hände, und Venner fand, sie bräuchte einen schmaleren Griff und eine dünnere Klinge. Fell hatte seinem bevorzugten Waffenschmied den Auftrag erteilt, und das Ergebnis war ein solides Messer, das wie angegossen in Aisas Hand lag. Venner sagte immer, dass ein guter Messerkämpfer die Waffe zu einem Teil seiner Hand machte, doch Aisa hatte manchmal das Gefühl, dass das Messer sogar Teil ihrer selbst war und ihre Dämonen in Schach hielt. Dad verblasste in der Ferne, wenn sie bewaffnet war.

Daniel hatte inzwischen auch seine Waffen ab­­gelegt, nur das Messer schimmerte halb verborgen in seiner Hand, eine längere Klinge als ihre. Venner hatte es auch ge­­sehen, denn er deutete auf Daniels Waffe und rief: »Das ist kein fairer Kampf!«

»Nachteil ist ein natür­licher Teil des Kampfes«, antwortete Daniel ungerührt an Mace gewandt. »Außerdem bin ich mehr als dreißig Zentimeter größer als sie. Doch da sie noch ein Kind ist, werde ich das Messer höher am Griff halten als sonst. Einverstanden?«

Mace blickte zu Aisa, die zustimmend nickte. Sie hätte sich dem Mann auch bei einer für sie noch ungünstigeren Ausgangssituation entgegengestellt; so gab es mehr Ruhm zu erlangen.

»Pass auf dich auf, Mädchen!«, rief Venner. »Vergiss nicht, was du kannst!«

Aisa schloss die Finger fest um den Messergriff und hielt die Klinge nach unten. Venner hatte ihr schon oft gesagt, dass ihre Größe immer ein Nachteil im Kampf sein würde, doch mit Schnelligkeit und Geschick könnte sie diesen ausgleichen. Die Königinnengarde hatte einen Kreis mit etwa sechs Metern Durchmesser gebildet, um den beiden genug Raum zu geben. Wie aus weiter Ferne hörte Aisa, wie um sie herum Wetten abgeschlossen wurden.

»Ich habe nicht vor, dich zu verletzen«, erklärte Daniel und brachte sich in etwa drei Metern Entfernung in Position. »Ich will nur sehen, was du kannst.«

Diese Aussage war völlig wertlos. Venner und Fell hatten auch nie vor, sie zu verletzen, doch Aisas Hände und Arme wiesen diverse verheilte Messerwunden auf. Ein Kampf war ein Kampf.

»Greif mich an«, befahl Daniel, doch sie gehorchte nicht. Venner hatte sie gelehrt, dass ein früher Ausfall ein Fehler war. Ein Angriff ohne Vorteil verspielte den Schutz ihrer Rippen und ihrer Kehle.

»Vorsichtig, hm?«, fragte Daniel.

Aisa antwortete nicht, sondern musterte ihn eingehend. Er behielt die Arme eng am Oberkörper und sparte so Kraft. Seine Reichweite war größer als ihre. Wenn sie nahe an ihn herankommen wollte, würde sie mindestens einen Schlag gegen ihren Unterarm einstecken müssen. Sie begann mit einer Reihe kontrollierter Ausfälle, alle langsamer, als es ihr möglich wäre, und von geringer Reichweite. Das Blut pulsierte in ihren Adern; Venner würde sagen, das sei das Adrenalin, doch Aisa nannte es das Lied des Kampfes. Allein in eine Ecke gedrängt mit nichts außer sich selbst und ihrer Klinge als Hilfe. Sie schmeckte Metall.

Der Caden machte plötzlich einen Ausfall auf sie zu, schwang einen Arm, um sie abzulenken, während er mit dem anderen zustach. Doch Aisa hatte gelernt, die Messerhand nicht aus den Augen zu lassen, und rollte sich ge­­schmei­dig unter dem Stoß hinweg, um wieder auf den Füßen zu landen.

»Schnell«, bemerkte Daniel.

Aisa schwieg weiter beharrlich, denn sie hatte etwas be­­merkt, als der Caden sich umdrehte, um ihr zu folgen: Sein linkes Bein war schwach. Entweder humpelte er schon länger, oder es handelte sich um eine frische Verletzung, was ihr wahrschein­licher vorkam. Er schützte das Bein unauffällig und hielt es aus der Kampfzone. Aisa täuschte einen halbherzigen Angriff auf seine Kehle vor und zischte, als sein Messer ihren Unterarm traf. Gleichzeitig trat sie mit voller Kraft gegen seine linke Kniescheibe, mit gestrecktem Zeh, wie Mace es sie gelehrt hatte. Der Caden stöhnte unterdrückt vor Schmerzen, als er stolpernd zu Boden stürzte.

»Ha! Gut so!«, brüllte Venner. »Du bist nah dran, Mädchen! Ran an ihn, solange er am Boden ist!«

Sie sprang dem Caden auf den Rücken, wollte ihr Messer auf seine Kehle richten, doch er war bereits in Abwehrhaltung und warf sie über die Schulter ab. Diesmal stöhnte Aisa, als sie auf dem Rücken landete und mit dem Kopf auf den Steinboden prallte.

»Alles in Ordnung, Aisa?«, rief Mace.

Sie ignorierte ihn und rappelte sich rasch auf, wobei sie den Caden nicht aus den Augen ließ, der sie langsam umkreiste. Sie hatte ihn mit ihrem Angriff auf sein Knie verletzt, doch sie hatte auch Schaden davongetragen; der Schnitt an ihrem Unterarm war tief, ihre freie Hand glitschig vor Blut. Venner hatte mit ihr ihr Durchhaltevermögen trainiert, doch sie spürte bereits, wie sie müde wurde, ihre Muskeln langsamer. Sie packte das Messer fester, suchte nach einer neuen Lücke in der Deckung. Der Caden würde sie nicht mehr in die Nähe seines verwundeten Beins kommen lassen, ihre früheren ungeschickten Täuschungen könnten aber Wirkung gezeigt haben; er schützte seine Rippen nicht mehr so sorgfältig wie vorher. Mit einem guten Stoß hätte sie eine Chance, doch sie würde nicht ungeschoren davonkommen.

»Pass auf deine Füße auf«, empfahl ihr Daniel. »Da ist Blut auf dem Boden.«

»Ihr wollt, dass ich nach unten schaue, nicht wahr?«

Grinsend wechselte er das Messer in seine rechte Hand. Die Wachen um ihn herum nahmen dies knurrend zur Kenntnis, doch Aisa ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen; Venner kämpfte auch immer mit beiden Händen. Sie achtete darauf, nicht auf die von ihr anvisierte Stelle zu sehen, den Rippenbogen hinter seinem linken Unterarm, wo der Brustpanzer eine Lücke bildete. Sie hatte hier einen überlegenen Gegner vor sich, der größer, schneller und besser ausgebildet war. In einem echten Kampf auf Leben und Tod hätte sie keine Chance. Hier musste sie nur einen Treffer landen.

Sie erkannte den Moment, in dem er sie angreifen würde, denn er holte tief Luft, bevor er sich auf sie stürzte, in einem weiten Bogen mit dem Messer ausholte und auf ihre Schulter zielte. Aisa duckte sich und zog ihre Klinge über seine Rippen. Der Schnitt war nicht sauber, riss ihr beinahe das Messer aus der Hand, und gleichzeitig spürte sie, wie etwas in ihrem Bizeps zerriss. Doch sie hörte auch, wie er vor Schmerz zischend die Luft einsog, bevor er sie packte und herumwirbelte. Aisa verlor das Gleichgewicht und hatte einen Moment später sein Messer an ihrer Kehle. Keuchend zwang sie sich, ruhig zu bleiben. Der Caden atmete nicht einmal schneller.

»Lasst sie gehen«, befahl Mace.

Daniel gab sie frei, und Aisa drehte sich zu ihm um. Einen Moment starrten sie einander an, während die Wachen um sie herum lautstark ihre Wettgewinne einforderten.

»Wie gut kannst du mit einem Schwert umgehen?«, fragte Daniel.

»Nur durchschnittlich«, gab Aisa zu. Ihr langsamer Fortschritt in der Schwertkampfkunst war ein wunder Punkt.

»Ich habe dich geschont, Mädchen, aber auch nicht zu sehr, und ich bin der beste Messerkämpfer der Gilde.« Er be­­trachtete sie nachdenklich. »Äußerst begabt mit der Klinge, durchschnittlich gut mit dem Schwert … du bist keine Wache der Königin, Mädchen, sondern eine Assassine. Wenn du ausgewachsen bist, solltest du dieses Mausoleum hinter dir lassen und dich bei uns vorstellen.«

Er berührte die Wunde an seinen Rippen und zeigte Mace dann seine blutverschmierten Finger.

»Ich danke Euch, Lord Regent. Das war eine gute Vorführung.«