Die Königin der Stäbe - Sabine Dunkel - E-Book

Die Königin der Stäbe E-Book

Sabine Dunkel

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Beschreibung

"Die Tarotkarte zeigte einen toten Mann mit zehn Schwertern im Rücken. Wie sollten wir das nur überleben?" Manchmal ist es richtig nervig, eine Hexe zu sein. Das findet zumindest die sechzehnjährige Nina. Täglich zwingt ihre Großmutter sie, sich mit der Bedeutung der Tarotkarten vertraut zu machen. Doch erst als sie von der Königin der Schwerter verflucht wird, begreift Nina, dass das Wissen über die Karten überlebenswichtig ist. Gemeinsam mit dem Hexer Miro tritt sie der Schwertkönigin in einem scheinbar aussichtslosen Kampf entgegen, denn nicht nur ihr Leben ist in Gefahr …

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Foto © Anna Mardo

Über die Autorin

Sabine Dunkel, Jahrgang 1989, studierte Psychologie in Innsbruck und Erlangen. Aktuell arbeitet sie als Psychologin im Raum Augsburg. »Die Königin der Stäbe« ist ihr Debütroman, zu dem sie von einer Tarotkarte inspiriert wurde. Im Internet ist sie unter www.sabinedunkel.de zu finden, auf Instagram heißt sie @sabine.dunkel.autorin.

WREADERS E-BOOK

Band 214

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book-Ausgabe

Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Druck: epubli - Neopubli GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Julia Dummer & Jasmin Kreilmann (unter Verwendung von Motiven von Adobe Stock: © Ulia Koltyrina und Freepik.de)

Lektorat: Annika Neuhaus, Alina Lindecke

Illustration: Jessica Rose

Satz: Elci J. Sagittarius

www.wreaders.de

ISBN: (NEU)

Das Leben besteht nicht daraus, gute Karten zu haben,

sondern mit denen, die du hast, gut zu spielen.

(Josh Billings)

Playlist

Madeline Juno – New York

Purple Disco Machine & Sophie and the Giants – Hypnotized

Mia – Komm mein Mädchen

Joan Jett & The Blackhearts – Bad Reputation

The Veronicas – Cruel

Ingrid Michaelson – Breakable

Laleh – Colors

Sara Bareilles – Brave

Sia – Hostage

Haim - The Steps

Charli XCX – Warm (Feat. Haim)

Paloma Faith – Only Love Can Hurt Like This

Amanda Palmer – In My Mind

Amanda Palmer – Want It Back

The Wailin´ Jennys – One Voice

Pat Benatar – Hit Me With Your Best Shot

Sheppard – Let Me Down Easy

Regina Spektor – You’ve Got Time

Regina Spektor – Better

Emily Wells – Becomes The Color

Julia Michaels – That’s The Kind Of Woman

Taylor Swift – The Man

Prolog

Es waren einmal vier Schwestern. Zu ihrer Geburt erhielt jede von ihnen ein Königreich, über das sie mithilfe eines magischen Gegenstandes herrschte.

Die erste Schwester bekam eine goldene Münze, die – egal wie oft sie ausgegeben wurde – zu ihr zurückkehrte. Sie sollte ihr ewigen Reichtum bescheren.

Die Zweite erhielt einen sich selbst füllenden Kelch, der ihr Glück und Freude schenkte, wann immer sie daraus trank.

Die Dritte bekam einen Stab, der sie stets auf den rechten Weg führte.

Die vierte Schwester erhielt ein Schwert, um damit kluge Entscheidungen zu treffen.

Doch eines Tages setzte sie ihr Schwert als Waffe ein. Zuerst nahm sie der einen Schwester die Münze ab und wurde dadurch reich. Dann stahl sie der anderen den Kelch, aber Glück und Freude blieben ihr fremd.

Nur der Schwester, die den Stab besaß, gelang es zu fliehen. Der unscheinbare Holzstab führte sie weit weg, in eine Welt, in der Frauen mit magischen Fähigkeiten ›Hexen‹ genannt werden.

Kapitel 1

Ich sammelte die Spucke in meinem Mund. Es war noch früh am Morgen, aber die Sonne brannte bereits vom Himmel herab. Ich lief über die gepflasterten Straßen der Innenstadt und malte mir alle möglichen Gemeinheiten aus, die ich auf die Menschen loslassen könnte. Ein übler Sturz? Eine anhaltende Pechsträhne? Oder lieber eine fiese Magenverstimmung? Die Person, die sich meinen Spuckfluch einfangen würde, erwartete jedenfalls nichts Gutes.

Ich spielte mit dem Speichel in meinem Mund und ließ ihn von einer Backe zur anderen wandern. Die Fußgängerzone war wie leergefegt. Vor dem Blumenladen stand ein einsamer Eimer Schnittblumen und die Tür des Bekleidungsgeschäfts war noch verschlossen. Ich lief an den Geschäften vorbei, wechselte die Straßenseite und traf eine Entscheidung.

Am Ziel angekommen, spuckte ich mitten auf den Gehweg, direkt vor eines der bodentiefen Fenster des Cafés, in dem ich diesen Sommer jobbte. Sicherheitshalber machte ich einen großen Bogen um den nassen Fleck und ging durch die Glastür, als ob nichts geschehen wäre. Mein Kollege wischte bereits fleißig die großen Eichenholztische ab, als wollte er selbst das letzte Staubkörnchen entfernen. Noch saß niemand auf den rustikalen Holzstühlen.

»Hey, Nina«, rief mir Miro zu. Er schob die Blumenvase auf dem Tisch zurecht und kontrollierte, ob die Margeriten ausgetauscht werden mussten.

»Morgen«, nuschelte ich im Vorbeigehen. Es war eindeutig zu früh, um Smalltalk zu betreiben. Okay, das war gelogen. Ich und Smalltalk – das funktionierte nie.

»Claudia hat angerufen. Sie liegt immer noch flach und kommt heute nicht.«

»Habe ich mir schon gedacht«, murmelte ich, obwohl ich nichts mit der Krankheit unserer Chefin zu tun hatte. Hexenehrenwort! »Hat sie gesagt, bis wann sie wieder da sein will?«

Miro zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, sobald sie das Bett verlassen kann. Du weißt doch, wie sie ist. Sie muss wissen, ob der Laden läuft.«

Das wusste ich nur allzu gut. Jedes Mal, wenn ihr Laden ›Café‹ genannt wurde, hob sie mahnend den Zeigefinger und betonte, dass sie ein Spezialitäten-Kaffeehaus führte.

Ich ging zum Tresen und stellte eine Tasse unter die Kaffeemaschine. Den vorgemahlenen Kaffee presste ich gleichmäßig in den Siebträger und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Weit und breit keine Fußgänger zu sehen. Enttäuscht wandte ich mich wieder der Maschine zu, spannte den Siebträger ein und drückte auf den Knopf.

»Es soll heute dreißig Grad geben. Hilfst du mir, die Stühle rauszustellen?«, fragte Miro vorsichtig.

Wann würde er endlich aufhören, so ein verdammter Streber zu sein? Reichte es nicht, dass er mir schon in der Schule auf die Nerven ging? Als Schulsprecher machte er sich ständig wichtig. Und so wie es aussah, wollte er auch in seinem schlecht bezahlten Ferienjob der Beste sein. Wahrscheinlich um unsere Chefin zu beeindrucken, die ihn gestern zu so etwas wie ihrem ›Stellvertreter‹ ernannt hatte.

Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und versuchte Miro zu ignorieren. Solange der Spuckfluch seine Wirkung noch nicht entfaltet hatte, würde ich es vermeiden rauszugehen. Denn ich wusste nicht, wie ich meine Flüche wieder aufheben konnte.

Miro schüttelte genervt den Kopf. »Dann mache ich es eben allein.«

Gerade als ich ihn davon abhalten wollte, einen riesengroßen Fehler zu begehen, passierte es. Ein junger Mann mit Aktentasche lief am Café vorbei. An sein rechtes Ohr hielt er ein Handy gepresst, in das er unentwegt hineinplapperte.

Gebannt umklammerte ich meine Kaffeetasse. Hatte er den Fluch auf sich gezogen?

Der laute Schrei, den ich einen Augenblick später hörte, brachte mich zum Grinsen. Der Mann ließ seine Aktentasche und sein Handy fallen. Er hüpfte panisch über den Boden und riss sich beide Schuhe von den Füßen. Amüsiert beobachtete ich die Szene, während Miro nach draußen stürmte, um zu helfen. Er sah mich ungläubig durch die Fensterscheibe an. Dann bückte er sich, hob etwas vom Boden auf und hielt mir einen Schuh entgegen, dessen Sohle vollständig weggeschmolzen war. Jemandem Feuer unter dem Hintern machen – das konnte ich gut.

Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Miro führte den Mann herein. »Wie peinlich, ich verstehe das einfach nicht«, stammelte er.

Mein Opfer plumpste auf einen Stuhl und rieb sich die schmerzenden Füße. Sein nicht enden wollendes Gewimmer ließ mich bereuen, direkt vor das Café gespuckt zu haben. Denn mit der Magie war das so eine Sache: Egal wie gründlich ich einen Fluch – oder jeden anderen Zauber – plante, ich wusste nie hundertprozentig, was passieren würde.

»Es tut mir unglaublich leid. Sie bekommen natürlich einen Kaffee aufs Haus.« Miro bereitete sogleich eine Tasse zu und stellte sie vor ihn auf den Tisch. Daneben platzierte er eine Schale mit Eiswürfeln, mit denen sich der Anzugträger die Fußsohlen kühlte. Zu guter Letzt schenkte Miro ihm ein Paar alte Badeschlappen, die er irgendwo im Lager gefunden hatte, und rief ihm ein Taxi.

Immer wieder entschuldigte sich Miro. Befürchtete er etwa, der feine Herr im teuren Anzug könnte unsere Chefin verklagen? Wofür genau, wusste er wahrscheinlich selbst nicht. Trotzdem machte es den Anschein, als ob er sich für das, was passiert war, verantwortlich fühlte.

Als wir endlich wieder allein waren, funkelte er mich böse an. »Ich bin nicht bescheuert.«

»Würde ich dem Schulsprecher auch nicht unterstellen«, erwiderte ich.

Miros Augen verengten sich zu Schlitzen. »Du weißt genau, was ich meine.«

Ich stellte mich dumm. »Wovon redest du?«

»Du bist eine Hexe. Und zwar eine ziemlich garstige.«

Ich lachte nervös, wandte mich der Maschine zu und fing an, Kaffeebohnen hineinzufüllen. Meine Großmutter würde mir die Hölle heiß machen, wenn sie erfuhr, dass ich als Hexe entlarvt worden war. Und dann auch noch wegen eines unbedachten Spuckfluchs!

Um die Unterhaltung im Keim zu ersticken, warf ich das Mahlwerk an, das sogleich lautstark seine Arbeit verrichtete. Doch Miro wich nicht von meiner Seite. »Willst du dazu gar nichts sagen?«

Ich füllte die gemahlenen Kaffeebohnen in einen Behälter und nahm mir dafür mehr Zeit als nötig.

»Nein«, sagte ich knapp.

»Wie hast du das gemacht? Seine Schuhsohlen … sie sind so heiß geworden, dass sie geschmolzen sind!«

Aus den Augenwinkeln musterte ich sein glattrasiertes, sauberes Gesicht, das von einem akkuraten Haarschnitt eingerahmt wurde. Zugegeben, er sah nicht schlecht aus. Aber alles in allem war er vollkommen gewöhnlich. Sein Aussehen und sein Verhalten waren so … angepasst. Warum reimte er sich nicht irgendeinen Blödsinn zusammen? Es war Sommer. Der Asphalt hatte sich durch die Sonneneinstrahlung aufgeheizt … solche Dinge passierten. Zumindest behaupteten das die Leute, wenn sich Unerklärliches ereignete.

»Keine Ahnung, was du meinst.« Ich steckte einen Löffel in meinen – mittlerweile kalten – Kaffee, in den ich versehentlich viel zu viel Zucker schüttete.

Doch als ich umrühren wollte, bewegte sich der Löffel in der Tasse plötzlich von selbst im Uhrzeigersinn. Mein Herz fing an, wie verrückt zu schlagen. Ich schaute zu Miro, der mich mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Verlegen strich ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. Konnte es sein, dass er ein Hexer war? Nein, das war unmöglich. In den Hexenbüchern meiner Großmutter wurden sie kaum erwähnt.

Ich atmete tief durch. »Nett. Warst du das?«

»Du bist nicht die Einzige, die sowas kann. Wenn du dich schon nicht zusammenreißen willst, dann zieh den Mist wenigstens woanders ab«, schimpfte er.

Ich ballte die Fäuste und funkelte ihn böse an. Es ärgerte mich, dass er mich enttarnt hatte. Miros belehrende Worte senkten meine Stimmung auf den Nullpunkt.

Als die Glastür aufging und eine Frau das Café betrat, atmete ich erleichtert auf.

»Kundschaft«, sagte ich knapp.

Kapitel 2

Eigentlich war es irrsinnig, dass ich als Hexe einen Ferienjob brauchte, um mir ein paar neue Klamotten kaufen zu können. Es musste einen einfacheren Weg geben, doch bisher gelang es mir nicht, das nötige Kleingeld für einen Shoppingtrip herbeizuzaubern. Genau dafür benötigte ich das Buch der Schatten, das mir meine Großmutter vorenthielt. Denn sie legte großen Wert darauf, dass ich mein Geld mit ›ehrlicher Arbeit‹ verdiente.

Besäße ich das Buch der Schatten, könnte ich mir jeden Wunsch erfüllen. Das stellte ich mir zumindest vor, denn ich wusste nicht genau, welche Zaubersprüche und Geheimnisse darin verborgen waren. Jedenfalls beinhaltete es das gesammelte Wissen meiner Familie. Meine Großmutter schrieb alles in das Buch hinein, was sie über die Hexenkunst wusste. Auch meine Mutter, die kurz nach meiner Geburt bei einem Unfall ums Leben gekommen war, hatte ihre Notizen darin gesammelt. Und eines Tages würde es mir gehören.

Doch bis dahin musste ich mich wohl oder übel an die Regeln meiner Großmutter halten. Denn ich würde es erst erhalten, wenn ich als Hexe erfahren genug war, um verantwortungsvoll damit umzugehen. Das sagte sie zumindest immer, wenn ich ihr mit der Sache in den Ohren lag. Und aus diesem Grund durfte sie nicht wissen, dass ich heute eine ihrer Regeln gebrochen hatte: Verrate niemandem, dass du eine Hexe bist. Niemals. Unter keinen Umständen.

»Nina, hast du das Wasser angestellt?«, rief sie mir aus der Küche zu.

Ich ließ die Haustür ins Schloss fallen. »Ja, ich gehe gleich unter die Dusche«, schrie ich zurück.

Ich streifte mir die Turnschuhe von den Füßen und rannte die schmale Holztreppe in den ersten Stock hinauf. Obwohl Wasser nicht mein Lieblingselement war, hatte ich heute das dringende Bedürfnis, den Tag von mir abzuwaschen. Miros Worte saßen mir noch immer in den Knochen. Der Vorfall machte es mir nicht gerade leichter, meinen Ferienjob durchzuziehen. Ich war es gewohnt, die meisten Handgriffe im Haushalt mit einem Fingerschnipsen zu erledigen. Deshalb nervte es mich umso mehr, jeden Tag acht Stunden lang alles per Hand machen zu müssen.

Als ich im Badezimmer angekommen war, lief das Wasser aus der Duschbrause. Ich hatte es bereits auf dem Heimweg angestellt, da es immer eine Weile dauerte, bis es warm wurde. Dafür würde ich später bestimmt geschimpft werden, denn eine weitere Regel meiner Großmutter lautete: Gehe achtsam mit den Elementen um.

Ich zog mich aus und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser prasselte auf meinen Kopf und spülte den Schweiß von meinem Körper. Trotz der sommerlichen Temperaturen liebte ich es, heiß zu duschen. Hitze machte mir nichts aus. Im Gegenteil, sie zog mich förmlich an.

Die Feuchtigkeit hing in der Luft, klebte an den Badezimmerfliesen und beschlug den Spiegel. Ich öffnete das Fenster, trocknete mich ab und wischte das Wasser mit dem Handtuch vom Badezimmerspiegel, in dessen linke obere Ecke ein schwarzes Pentagramm gemalt war. Und nein, das hatte nichts mit Satanismus zu tun.

Man könnte mich jetzt für paranoid halten, aber meine Großmutter hatte mir als Kind einfach zu viele Geschichten über magische Wesen erzählt, die aus Spiegeln kletterten. Und das war eine Erfahrung, die ich mir unbedingt ersparen wollte.

Ich betrachtete mich für einen kurzen Augenblick. Meine Haut war mit Aknenarben übersät. Trotz unzähliger Besuche beim Hautarzt und allerlei Salben, die meine Großmutter mir ins Gesicht geschmiert hatte, waren die Pickel nicht ausgeblieben. Ich berührte die kleinen Eiterblasen auf meinen Wangen. Sie fühlten sich an, als ob darunter Lava brodelte und es schien nichts zu geben, was sie zum Erlöschen brachte.

Immerhin gefiel mir mein rotes, lockiges Haar. Wie immer ließ ich es an der Luft trocknen. Ich zog mir ein extra weites T-Shirt an, stieg in ein Paar verwaschene Jeansshorts und lief barfuß die Treppe hinunter.

In der Küche stand meine Großmutter über einen Berg getrockneter Kräuter gebeugt. Rosmarin, Thymian, Salbei, Lavendel, Melisse, Brennnessel – alles, was in diesem Sommer in unserem Garten gewachsen war, lag nun büschelweise auf dem Esstisch.

»Du solltest das Wasser nicht unnötig laufen lassen, Nina«, sagte sie. »Ein achtsamer Umgang …«

»… mit den Elementen ist wichtig. Ich weiß, Oma.« Genervt ließ ich mich auf den Stuhl neben ihr fallen.

Meine Großmutter knöpfte die ärmellose braune Lederweste auf, die sie über einem roten T-Shirt trug. »Hast du die Karten heute schon angeschaut?«

Ach ja, das war eine weitere ihrer Regeln: Schau dir täglich die Tarotkarten an.

»Ich bin gerade erst nach Hause gekommen«, antwortete ich.

Sie lief um den großen Holztisch herum und griff nach einer Handvoll Kräuter. Dabei schwang ihr rostroter bodenlanger Rock bei jedem Schritt. »Du kennst meine Regeln.«

Ich stellte meine Füße auf den Stuhl und schlang die Arme um meine Knie. »Wenn du mir verraten würdest, wie ich an Geld komme, ohne dafür den ganzen Tag in einem blöden Café rumzustehen, hätte ich mehr Zeit für die Karten.«

Meine Großmutter legte einen Büschel Rosmarin beiseite. »Die Arbeit im Café ist eine wertvolle Erfahrung. Fühlt es sich nicht gut an zu wissen, dass du dir das Geld in deinem Geldbeutel selbst verdient hast?«

Ich reagierte nicht.

»Du bekommst doch ein gutes Trinkgeld?«, fragte sie.

Verlegen sah ich weg. Um Trinkgeld zu bekommen, müsste man freundlich zu den Gästen sein und das war nicht gerade meine Stärke. »Wenn du mir endlich dein Buch der Schatten geben würdest, könnte ich mir mein Geld auf andere Weise verdienen.«

Wie immer erwiderte sie darauf nichts. Stattdessen befreite sie den Tisch nach und nach von den Kräutern, die sie zusammenband, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Ich fragte mich oft, warum sie für solche Dinge nicht ihre Magie zu Hilfe nahm.

Als sie endlich damit fertig war, setzte sie sich zu mir und hielt mir eine Karte hin, die aus dem Nichts in ihrer Hand erschien. »Was bedeutet diese hier?«

Ich betrachtete die Tarotkarte. Manche Hexen nutzten diese Wahrsagekarten, um damit in die Zukunft zu schauen. Auf der Karte war ›Das Rad des Schicksals‹ zu sehen. Das wusste ich nicht, weil ich besonders fleißig war und alle Karten auswendig kannte, sondern weil es dort in großen Buchstaben geschrieben stand.

Ich bekam eine Gänsehaut. Manchmal reichten bereits nasse Haare aus, um mich selbst im Hochsommer frösteln zu lassen. Meiner Großmutter, die mich immer noch erwartungsvoll anschaute, entging das nicht.

»Soll ich ein Feuer machen?«, fragte sie.

Ich nickte, woraufhin sie zu unserem offenen Kamin hinüberging. Er war aus roten Ziegeln gemauert und durch den ständigen Gebrauch ordentlich verrußt. Sie bückte sich und pustete die Holzscheite an, die bereits darin lagen. Kurz darauf loderte ein prächtiges Feuer.

Immerhin hatte es mir ein bisschen Zeit verschafft, um über die Tarotkarte nachzudenken. Ich betrachtete angestrengt das Bild. Darauf zu sehen war ein Rad, mit hebräischen und arabischen Buchstaben auf dem Rand. Im Inneren befanden sich vier Symbole und in jeder Ecke der Karte saß eine geflügelte Gestalt.

Was bedeutete dieses Rad bloß?

»Und?« Meine Großmutter sah mich geduldig an.

Ich räusperte mich nervös. Über diese Karte hatten wir schon oft gesprochen. Es gab einfach zu viele davon! Wie konnte man sich nur die Bedeutung aller achtundsiebzig Karten merken? Das erschien mir unmöglich.

»Das Rad des Schicksals …«, stammelte ich, »ist eine der wenigen Karten, auf der keine menschliche Gestalt abgebildet ist.«

Meine Großmutter durchschaute sofort, dass ich blank war. »Ich gebe dir einen Tipp. Fang mit den vier geflügelten Wesen in den Ecken an.«

Vier! Mit dieser Zahl meinte meine Großmutter sicher die Elemente.

»Der Engel links oben steht für das Element Luft. Der Adler repräsentiert das Wasser, dem Stier ist das Element Erde zugeordnet. Und rechts unten liegt ein Löwe. Er bedeutet Feuer.«

Meine Großmutter nickte zufrieden. »Was ist mit der Sphinx, die auf dem Rad sitzt?«

»Keine Ahnung«, murrte ich.

»Die Karten sind wichtig, Nina.«

Ich rollte mit den Augen. »Warum können wir nicht mal einen Tag Pause machen? Ich werde mein Geld nicht damit verdienen, unglücklich verliebten Frauen die Karten zu legen.«

Meine Großmutter lachte. »Natürlich wirst du das nicht.«

Sie deutete unmissverständlich auf das Rad des Schicksals und wartete auf meine Antwort. Mir blieb keine andere Wahl, als mir diese blöde Karte genauer anzusehen. Also nahm ich sie in die Hand und betrachtete sie. Eine Sphinx … was bedeutete das?

In dem Moment bemerkte ich, dass die Sphinx das Gesicht des Engels hatte, der links oben auf der Karte zu sehen war. Beide Figuren teilten sich die gleichen Gesichtszüge. Als Nächstes betrachtete ich den Stier, dessen Körper dem der Sphinx ähnelte. Ich riss die Augen weit auf. »Die Sphinx setzt sich aus den vier Wesen zusammen, die die Elemente repräsentieren.«

»Sehr gut«, lobte mich meine Großmutter. »Das Gesicht eines Engels, der Körper eines Stieres, die Pranken eines Löwen und die Flügel eines Adlers, hier durch das Schwert dargestellt. Was bedeutet das?«

»Alle für einen und einer für alle?«, scherzte ich.

Ihr Blick verriet, dass meine Antwort nicht gut genug war. Sie senkte ihre Stimme und fixierte mich mit ihren wasserblauen Augen. »Wer alle vier Elemente beherrscht und miteinander vereint, wird das Rad des Schicksals drehen können.«

Ich rieb mir über die Gänsehaut, die sich auf meinen Armen gebildet hatte, und atmete hörbar aus. »Das klingt echt anstrengend. Wo ist eigentlich Salami?«

Meine Großmutter zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihn zuletzt oben in deinem Zimmer gesehen.«

Das nutzte ich als Stichwort, um aufzustehen und aus ihrer Schusslinie zu kommen. Auch ohne abendliche Tarot-Fragerunde war mein Tag anstrengend genug gewesen.

Ich ging nach oben, um nach meinem vierbeinigen Freund zu suchen. In meinem Zimmer war es wieder einmal so unordentlich, dass ich ihn nicht auf Anhieb fand. Ich musste über mehrere Bücher, Kerzen und Kleidungsstücke am Boden steigen, um ihn zu entdecken.

»Da bist du ja!«, rief ich schließlich.

Salami saß sichtlich zufrieden in meinem Wäschekorb.

Vor etwa zwölf Jahren hatte meine Großmutter ihn in unserem Garten entdeckt. Er war schwach und unterernährt gewesen. Wir hatten ihn mit Spinnen und Käfern aufgepäppelt. Aufgrund seiner schwarz-gelben Maserung dachten wir zuerst, er sei ein Salamander. Weil ich das Wort nicht aussprechen konnte, nannte ich ihn ›Salami‹ und irgendwie war der Name hängen geblieben. Mittlerweile wussten wir, dass Salami ein Leopardgecko war.

Sein Terrarium mochte er nicht besonders. Aber das war halb so schlimm, denn er durfte sich überall frei bewegen. Nur einmal im Monat kam es vor, dass er für einen ganzen Tag verschwand, und zwar immer dann, wenn er sich häutete. Wenn seine Haut milchweiß wurde, wusste ich, dass er sich bald zurückziehen würde. Doch bisher war er jedes Mal wieder aufgetaucht.

So wie jetzt saß er am liebsten in einem Berg ungewaschener Kleidung, was mir einen Grund gab, meine Schmutzwäsche herumliegen zu lassen. Nur einmal hätte ich ihn beinahe mitgewaschen, wenn meine Großmutter das nicht in letzter Minute verhindert hätte.

Ich nahm Salami aus dem Korb und streichelte über seine gelbe Haut, die von einem Muster aus schwarzbraunen Tupfen durchzogen war. Wie so oft ließ er seine Zunge aus dem Maul hängen.

»Hallo Salami«, flüsterte ich ihm zu. »Ehrlich, da stellt man sich acht Stunden lang in ein Café, um sein eigenes Geld zu verdienen, und dann wird man zu Hause weiter gequält. Sei froh, dass du keine Hexe bist.«

Wenn es etwas gab, das Salami konnte, dann war es Zuhören. Niemand kannte so viele meiner Geheimnisse wie er. Und weil er immer für mich da war, fütterte ich ihn täglich mit den besten Käfern, Fliegen, Maden und Spinnen, die ich finden konnte.

»Na, hast du Hunger, mein Kleiner?«, fragte ich ihn.

Ich lief zum Schreibtisch, um die Schachtel mit Insekten zu holen, als mir etwas ins Auge fiel.

»Bei meinem Element!«, rief ich.

Meine Gebete waren erhört worden. Auf dem Schreibtisch lag ein dickes Buch mit braunem Ledereinband, auf dessen Buchdeckel ein Pentagramm eingeprägt war.

Es war das Buch der Schatten.

Kapitel 3

Ich las die halbe Nacht lang. Trotzdem erhaschte ich nur einen flüchtigen Blick auf die Geheimnisse, die im Buch der Schatten verborgen lagen. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich müsste eine Seite bereits kennen, stand auf dem Papier etwas vollkommen Neues. Aber selbst das änderte sich nach einigen Stunden. Denn je müder ich wurde, desto häufiger las ich dieselben Worte, egal welche Stelle ich aufschlug. Wollte mich das Buch etwa an der Nase herumführen? Konnte es sein, dass es für mich entschied, was ich sehen sollte?

Als mein Wecker am nächsten Morgen klingelte, fühlte ich mich wie gerädert. Ich umklammerte das Buch der Schatten und stapfte verschlafen in die Küche hinunter. Meine Großmutter war bereits wach und saß beim Frühstück.

»Hast du gut geschlafen?« Sie musterte mein zerknautschtes Gesicht.

Ich gähnte herzhaft, legte das Buch auf den Tisch und setzte mich zu ihr. »Zu wenig. Sag mal, Oma, wäre es ok, wenn ich heute … also nur ausnahmsweise …«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nina, du wirst zur Arbeit gehen. Dein Kollege braucht dich.«

»Aber Oma, ich könnte meine Zeit viel besser nutzen!« Ich zeigte auf das Buch der Schatten.

Warum sollte ich acht Stunden lang einer stumpfsinnigen Tätigkeit nachgehen, wenn ich in derselben Zeit wertvolles Hexenwissen in mich aufsaugen könnte?

Meine Großmutter holte eine Tasse aus der Schublade, schüttete mir heißen Tee ein und schaute mich eindringlich an. »Ich habe dir das Buch nicht gegeben, damit du deine Arbeit vernachlässigst, sondern weil ich stolz darauf bin, dass du dein eigenes Geld verdienst. Das Buch soll dich dazu motivieren, deinen Ferienjob und das Tarot-Studium ernst zu nehmen. Falls du deine Verpflichtungen vernachlässigen solltest, kann ich es mir auch wieder anders überlegen.«

Ich seufzte. »Aber Oma …«

Doch mein Jammern war zwecklos. Meine Großmutter murmelte etwas von Disziplin und Durchhaltevermögen. Wenig später schob sie mich durch die Haustür und wünschte mir viel Spaß bei der Arbeit.

Ein weiterer heißer Sommertag stand bevor. Der Himmel leuchtete strahlend blau, die Vögel zwitscherten und die Sonne wärmte meine Haut. Aber das war nicht der Grund für meine gute Laune, sondern einzig und allein das Buch der Schatten in meinem Rucksack.

Selbst Miro fiel auf, dass ich mich anders verhielt. »Was ist denn mit dir los? Du wirkst wie ausgewechselt.«

Ich konnte nicht aufhören zu grinsen und zuckte nur mit den Achseln. Sorgfältig verstaute ich meinen Rucksack im Regal unter der Kasse und half Miro ungefragt mit der Außenbestuhlung.

Ich genehmigte mir nur eine außerplanmäßige Pause, in der ich mit meinem Rucksack für fünfzehn Minuten auf der Toilette verschwand. Ich klappte den Klodeckel zu, setzte mich und legte das Buch der Schatten auf meinen Schoß. Gebannt studierte ich die Seiten und entdeckte dabei einen Zaubertrank, der zu ›größter Wachsamkeit bei noch so langweiligen Aufgaben‹ verhalf. Ich musste schmunzeln. Die Handschrift gehörte nicht meiner Großmutter. Der Zauber musste von meiner Mutter stammen.

Den restlichen Vormittag verhielt ich mich kooperativ. Es konnte nicht schaden, Miro milde zu stimmen, nach allem, was gestern geschehen war.

Doch als nachmittags Caro und Isabell – die zwei beliebtesten Mädchen aus meiner Klasse – auftauchten, war ich kurz davor, meinen guten Vorsatz über Bord zu werfen. Die beiden setzten sich ausgerechnet an einen kleinen gelben Klapptisch direkt unter die Markise, was bedeutete, dass ich sie bedienen musste.

»Hey, Nina. Und, wie verbringst du die Sommerferien so?«, fragte Caro, während Isabell hinter ihrer Sonnenbrille kicherte.

»Siehst du doch«, murmelte ich.

»Na, na!«, sagte Caro. »Du willst dich doch nicht um dein Trinkgeld bringen?«

Ich atmete tief durch und setzte den Stift auf meinem Notizblock an. »Eure Bestellung?«

Caro studierte die Karte. »Ich hätte gerne einen Eiskaffee mit Hafermilch und Sahne. Das bekommst du doch hin?«

»Natürlich.« Ich zwang mich zu einem Lächeln, obwohl ich mir nicht sicher war, ob wir dafür alle Zutaten im Lager hatten. Doch das hätte ich vor Caro niemals zugegeben.

Sie warf mir einen abschätzigen Blick zu. »Deiner Haut würde es auch nicht schaden, wenn du ein bisschen mehr Hafermilch trinken würdest. Soll gegen Pickel helfen.«

Ich biss die Zähne zusammen und schaute zu Isabell, um ihre Bestellung zu notieren. Es war schlimm genug, in den Sommerferien zu arbeiten, aber obendrein Caros Seitenhiebe einstecken zu müssen, machte es unerträglich.

»Für mich das Gleiche«, sagte Isabell.

Das wunderte mich kein bisschen, denn nach allem, was ich über Isabell wusste, imitierte sie ihre beste Freundin, wann immer sie konnte. Die beiden trugen sogar die gleiche Handtasche spazieren.

Ich ging rein und suchte hinter der Theke nach der Sahne.

»Mist!«, fluchte ich, sie war uns tatsächlich ausgegangen.

Natürlich kam Miro genau in dem Moment vorbei. »Gibt es ein Problem?«, fragte er, während er zwei Tassen unter die Kaffeemaschine stellte.

Ich zeigte mit dem Finger nach draußen. »Caro und Isabell sind da. Sie wollen zwei Eiskaffee mit Hafermilch und Sahne. Das Problem ist nur: Die Sahne ist aus.«

»Aber Hafermilch ist da, oder?«, fragte er.

»Schon, aber man müsste zaubern können, um …«

Miro zwinkerte mir zu. »Lass mich mal machen.«

Er holte zwei Gläser aus dem Regal, in die er kalten Kaffee, Vanilleeis und Hafermilch füllte.

»Wie willst du denn daraus Sahne machen?«, fragte ich.

Miro hob seinen Zeigefinger, um mich zum Schweigen zu bringen. Normalerweise hätte ich mir das nicht gefallen lassen. Doch ich hatte das Gefühl, dass ich ihn das Ruder übernehmen lassen sollte, wenn ich mich nicht vor Caro und Isabell blamieren wollte.

Er nahm einen Eiskaffee in die Hand und schlug sachte von unten auf den Boden des Glases. Tatsächlich erhob sich eine ansehnliche Sahnehaube aus dem Kaffee. Ich war beeindruckt.

»Soll ich sie rausbringen?«, fragte er, nachdem er auch den zweiten Eiskaffee verwandelt hatte. »Ich komme mit den beiden gut klar.«

Das glaubte ich ihm sofort. Denn Miro war ein Jahr älter als wir und ein regelrechter Frauenschwarm an unserer Schule.

»Nein, danke. Das ist mein Tisch.« Ich stellte die Gläser auf das Tablett und machte mich auf den Weg.

»Das hat ja ewig gedauert. Ist das bei dir immer so?«, fragte Caro, als ich die Bestellung servierte.

»Die Sahne wurde frisch für euch geschlagen«, erklärte ich.

Doch kaum hatte Caro einen Löffel davon genommen, schüttelte sie angeekelt den Kopf. »Ich habe es mir anders überlegt. Wir nehmen zwei Eiskaffee ohne Sahne.«

Auch ihre Freundin schob das Glas beiseite.

»Du hast ihn nicht einmal angerührt«, sagte ich zu Isabell, die nichts darauf erwiderte.

Caro nahm ihre Sonnenbrille ab. »Worauf wartest du? Willst du etwa, dass wir uns über dich beschweren?«

Zähneknirschend stellte ich beide Gläser auf das Tablett zurück. Ich hatte eine Abmachung mit meiner Großmutter. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, meinen Job und vor allem das Buch der Schatten zu verlieren.

»Zwei Eiskaffee ohne Sahne kommen sofort«, versprach ich und stürmte wutentbrannt zur Kaffeemaschine.

»War die Kundschaft unzufrieden?«, fragte Miro mit dem Blick auf die zwei vollen Gläser.

»Ja, aber ich befürchte es lag nicht am Getränk, sondern an mir«, sagte ich, während ich kalten Kaffee in frische Gläser füllte.

»Wenn du willst, übernehme ich den Tisch.«

»Ich komme schon zurecht«, sagte ich etwas zu laut.

»Wie du meinst.« Miro schaute sich nach Arbeit um und ich war erleichtert, als er zu einem Gast lief, der zahlen wollte.

Ich starrte das Glas in meiner Hand an. Sollte ich Caro mit ihrem frechen Verhalten davonkommen lassen? Nein. Den Vorfall konnte ich unmöglich auf mir sitzen lassen. Spucke sammelte sich in meinem Mund. Doch ich wusste, dass ich mir etwas überlegen musste, das nicht zu offensichtlich war. Schließlich hatte mich Miro erst gestern als Hexe enttarnt. Das durfte unter keinen Umständen nochmal passieren.

Plötzlich kam mir eine Idee. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft auf den Fluch, den ich gleich ausspucken würde. Ein letztes Mal drehte ich mich um, um sicherzugehen, dass niemand dabei zusah, wie ich einem Gast in den Kaffee spuckte. Dann tat ich es. Et voilà! Ich hatte ein ganz besonderes Erfrischungsgetränk für Caro zubereitet.

»Zwei Eiskaffee ohne Sahne«, verkündete ich überschwänglich, als ich vor ihrem Tisch zum Stehen kam. Doch beim Anblick des Tabletts erstarrte ich.

»Und kriegen wir den jetzt auch?«, fragte Caro ungeduldig, während sich Isabell köstlich über ihre Bemerkung amüsierte.

Ich starrte die beiden Gläser an und wusste nicht mehr, welcher Eiskaffee für Caro bestimmt war.

Verflucht nochmal! Wie konnte ich nur vergessen, das Glas zu markieren?

Caro fuchtelte mit den Händen vor meinem Gesicht herum. »Hallo? Wird das heute noch was?«

Ohne hinzusehen, nahm ich irgendein Glas vom Tablett und stellte es vor ihr ab. Den anderen Eiskaffee servierte ich Isabell. Gespannt beobachtete ich Caro und wartete auf eine Reaktion.

Sie nahm einen Schluck. »Was ist denn?«, keifte sie.

So wie es aussah, wollte sie ihr Getränk nicht zurückgeben. Doch die Auswirkungen des Fluches hatte ich mir irgendwie spektakulärer vorgestellt.

Während ich drinnen die Spülmaschine ausräumte, lief mir der Schweiß den Rücken herunter. Es war so heiß, dass die meisten Menschen lieber am See oder im Freibad lagen, anstatt sich in ein Café zu setzen. Wegen der Hitze waren Caro und Isabell im Moment unsere einzigen Gäste. Und wahrscheinlich war das der Grund, weshalb Miro zu ihnen rüberging. Er brauchte immer etwas zu tun und sobald es keinen Tisch mehr gab, den er abwischen konnte, wurde er nervös.

Durch die Scheibe sah ich, wie Isabell ihm plötzlich um den Hals fiel. Miro machte einen Schritt zurück und löste ihre Hände von ihm. Sie umarmte ihn erneut, aber auch diesmal schaffte es Miro, sich aus ihren Fängen zu befreien. Es folgte eine längere Diskussion und ich wunderte mich darüber, dass die sonst stets zurückhaltende Isabell so aus sich herausging. Bis ich endlich begriff, was passiert war.

Kapitel 4

Miro stand mit feuerrotem Kopf vor mir. »Warum hat mir Isabell gerade ihre Liebe gestanden und gesagt, dass sie alles für mich tun würde?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Weil du ein klasse Typ bist?«

»So etwas Nettes hast du noch nie zu mir gesagt. Damit hast du dich verraten!«

»Nur weil du auf einmal eine Verehrerin hast?«, fragte ich mit unschuldigem Blick.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist nicht nur das. Isabell hat Caro gerade die Freundschaft gekündigt. Sie meinte, dass sie nur mit ihr abhängen würde, weil sie Angst davor habe allein zu sein. Außerdem hat sie uns erzählt, dass sie einmal pro Woche zu einer Psychologin geht, die ihr schon lange rät, ihre toxische Freundschaft zu beenden. Welcher Mensch lüftet plötzlich all seine Geheimnisse?«

Ich kannte die Antwort: Jemand, der einen Fluch auf sich gezogen hatte, der einen dazu zwang, ungefragt alle Schwächen preiszugeben. Ich ärgerte mich darüber, dass Isabell so heftig auf den Zauber reagierte und Miro ihre Schwäche für ihn gestanden hatte. Schließlich war es meine Absicht gewesen, Caro dazu zu bringen, ihrer Freundin die ein oder andere peinliche Geschichte zu erzählen, um zur Abwechslung sich selbst bloßzustellen.

Während ich über die Konsequenzen meines misslungenen Spuckfluchs nachdachte, räumte ich das saubere Geschirr ein. Ich hoffte, Miro würde das Thema fallen lassen. Doch so leicht machte er es mir nicht.

»Entweder du bringst mir bei, wie du das gemacht hast, oder ich verpetze dich!«, rief er.

Ich lachte nervös. »Und bei wem? Der Hexenpolizei?«

Miro kam näher, sodass es mir unmöglich war, ihn zu ignorieren. Er stand so eng bei mir, dass mir der Atem stockte.

»Ich werde es deiner Oma erzählen«, drohte er.

Meine Augen weiteten sich. »Das wagst du nicht. Sie würde dich lynchen, wenn sie wüsste, dass du unser Geheimnis kennst.«

Miro lachte. »Vielleicht hat mir meine Mutter deshalb immer gesagt, dass ich mich von eurem Haus fernhalten soll. Sie muss schon länger wissen, dass ihr Hexen seid.«

Na toll. Es war nicht das erste Mal, dass man mir sagte, ich sei kein guter Umgang. Trotzdem war es ernüchternd, dass selbst die Mutter eines Hexers diese Meinung teilte.

»Deine Eltern haben also auch magische Fähigkeiten?«, fragte ich.

»Nur meine Mutter, aber sie will nichts mit Magie zu tun haben. Sie ist keine praktizierende Hexe und hat definitiv kein Buch der Schatten … im Gegensatz zu dir.«

Panik machte sich in mir breit. »Warst du etwa an meinem Rucksack?«

»Das Ding hat mich magisch angezogen, ich kann nichts dafür«, rechtfertigte er sich.

Hektisch griff ich nach meinem Rucksack, der unverändert unter der Kasse lag. Doch als ich den Reißverschluss aufriss, fand ich darin nicht, was ich suchte.

»Wenn du nicht willst, dass ich dir ins Gesicht spucke, gibst du mir das Buch sofort zurück«, forderte ich.

Miro öffnete eine Schublade unter dem Tresen und holte das Buch der Schatten heraus, ohne es mir zu geben. »Unter einer Bedingung – du zeigst mir, was da drinsteht.«