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Als die menschliche Zivilisation ihren Anfang nahm, experimentierten verblendete Priester, in der Hoffnung auf Unsterblichkeit, mit Kräften, die sie nicht erfassen konnten. Dabei erschufen Sie unbeabsichtigt ein Geschöpf, das das menschliche Leben für immer auslöschen könnte. Im Laufe der Jahrtausende geriet die Prophezeiung darüber beinahe in Vergessenheit. Staub und Sand legte sich über das Grab und verbargen das dunkle Geheimnis. Doch das, was einst geschaffen wurde, erwachte unbemerkt zu neuem Leben und so begann die Geschichte, an deren Ende sich das Schicksal erfüllen sollte - aber noch war nichts entschieden …
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marc Vogl
Die Königin der Vampire
Roman
Copyright: © 2021 Marc Vogl
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Titelbild: © FlexDreams (depositphotos.com)
Verlag und Druck:tredition GmbH
Halenreie 40-4422359 Hamburg
978-3-347-23909-8 (Paperback)
978-3-347-23910-4 (Hardcover)
978-3-347-23911-1 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Am Anbeginn
Ägypten, 3000 vor Christi
London, 12 Mai 1892
Ägypten 3000 v. Chr
Ägypten, 1249 n. Chr
London, 12 Mai 1892
Ägypten, 1249 n. Chr
London, 13. Mai 1892
London, 1944
Das Buch des Todes
Die Prophezeiung
Sumer 15.300 v. Chr
London 2017
Die neue Ordnung
Nexus
London 1918
Am Anbeginn
Ägypten, 3000 vor Christi
Aschah hatte Angst. Noch niemals zuvor in ihrem Leben war ihr der Gedanke daran, dass sie eines gewaltvollen Todes sterben könnte, so bewusst gewesen wie in diesem Augenblick ...
Die Welt hatte ihr bisher nur wenig geboten. Sie war geboren als eines von vier Kindern eines Hirten. Ihr Vater hatte neben ihr noch drei weitere Töchter und bedauerte es sehr, dass seine Frau ihm keinen einzigen Sohn geschenkt hatte. Daran war er zerbrochen und hatte seine Erstgeborene letztlich an die Priester verkauft. Noch heute Morgen hatten sie alle beisammengesessen, es war ihr neunzehnter Geburtstag. – Und alle waren gekommen, sogar ihr Onkel Rannin. Man hatte sie in feine Kleider gesteckt und gründlich gewaschen, als wäre sie eine Braut auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Sie kannte das von ihren Schwestern, die alle einen Mann hatten – allesamt widerliche Typen, denen ihr Vater jeweils eine Tochter zur Bezahlung seiner Schulden überlassen hatte. Ihre Schwestern waren bildschön, doch Aschah raubte jedem Mann, dem sie begegnete, den Verstand. Sie hatte eine reine und natürliche Schönheit, der man sich einfach nicht entziehen konnte, war sich aber in keiner Weise bewusst, welche Wirkung sie auf andere hatte.
Als die Priester das Zimmer betraten, hatte Aschah sofort das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte: Es waren die tränenverhangenen Blicke ihrer Mutter. Aschah sah weg, als man ihr erklärte, dass ihr Vater sie wie Vieh verkauft hatte. In diesem Moment war sie zerbrochen. Die Priester hatten ihr eine Schale an den Mund gehalten – und ein Messer an die Kehle. Der Trank schmeckte bitter, aber sie schluckte ihn notgedrungen. Dann verschwamm die Welt vor ihren Augen und sie hatte das Gefühl zu schweben ...
Nun lag sie gefesselt auf einem steinernen Altar. Nackt. Wie sie dorthin gekommen war, hatte sie nicht mitbekommen. Um sie herum waren Priester, alle in einen Sprechgesang vertieft. Sie hatte furchtbaren Durst, ihr Mund war trocken, die Lippen fühlten sich aufgeplatzt an und sie hatte Hunger – großen Hunger. Ihr Hintern fühlte sich nass und kalt an und ihr Unterleib schmerzte, sie musste also schon lange hier liegen – in ihrem eigenen Urin. Der Vollmond strahlte über ein Fenster direkt auf sie herab.
Sie versuchte, sich zu bewegen, doch es ging nicht. So sehr sie sich auch bemühte, es passierte nichts, sie war wie gelähmt.
Einige Priester begannen, seltsame Zeichen auf Aschahs nackten Körper zu malen. Als einer von ihnen ihr in den Schritt griff, wurde ihr fast übel. Es war ein unangenehmes Gefühl, gar nicht mal schmerzhaft, doch sie wollte nicht, dass er sie dort anfasste. – Das fühlte sich nicht richtig an!
Der Priester nickte zufrieden und grinste.
Nun wurden Feuer angezündet. Irgendetwas passierte, aber Aschah konnte es nicht sehen, nicht mal den Kopf konnte sie drehen. Aber was sie hörte, war grauenvoll, es klang wie ein Röcheln.
Der Priester kam zu ihr zurück, stand an ihrem Kopfende und hielt eine Schale in seiner Hand. Nun grinste er nicht mehr. Er griff hinein und hielt kurz ein Herz hoch, das vor Blut triefte. Nun erkannte Aschah den Wahnsinn, der in seinen Augen loderte. Das Grinsen kehrte wieder zurück. Vorsichtig stellte er ihr die Schale auf den Bauch und zog seinen Dolch. Aschah wollte sich hin- und herwerfen, aber außer ein paar verzweifelten Tränen bewirkte sie nichts.
Das Gift, das immer noch in ihren Adern pulsierte, lähmte ihren Körper, aber es nahm ihr nicht den Schmerz, als der Priester anfing, Symbole in ihre Stirn und den Hals zu schneiden. Jeder Schnitt tat schrecklich weh. Er schnitt an ihrem Hals entlang über ihre Arme, die Brust, den Bauch bis zu ihren Zehen.
Als er fertig war, befand sich Aschah in einem Zustand der totalen Selbstaufgabe. Sie starrte gebrochen in die Leere, die sie empfand. Was tat man ihr an? Warum passierte das alles? Warum brachte man sie nicht einfach um?
Der Priester führte nun eine lange spitze hölzerne Stange in ihren Unterleib ein. Der Schmerz explodierte geradezu in Aschah, so heftig, dass ihr Körper sich trotz der Lähmung aufbäumte. Aus ihrem Mund drang aber nicht mehr als ein Wimmern. Aschahs Blick fiel auf den Mond und sie schickte ein Gebet in den Himmel, der Hüter des Totenreiches möge sie doch endlich von ihrem Leid befreien.
Aschah fühlte, dass sie starb. Sie konnte hören, wie ihr Puls immer langsamer wurde. Der Raum verlor an Bedeutung, der Altar ebenso. Ihre Existenz schien sich aufzulösen ...
Der Priester nahm den zeremoniellen Dolch und schnitt Asha die Schlagadern an Armen und Beinen auf. Das Blut floss über Rinnen in eine Schale unter ihrem Körper, denn der Altar besaß mehrere innere Kammern.
Ein weiterer grauenvoller Schmerz riss Aschah in die Welt zurück, als der Priester etwas mit heftigen Hammerschlägen in ihre Brust trieb. Wenn Schmerz auf seelischer und körperlicher Ebene existierte, war dieser über beide Ebenen des Seins hinweg brutal und ohne Gnade.
Der Priester stand mit dem blutüberströmten Pflock in der Hand neben ihr. Während sie ihm am Rande des Bewusstseins, sterbend, in die Augen blickte, hörte sie ihn sagen: »Was hast du gesehen ... hast du irgendwas gesehen auf der anderen Seite?«
Als Aschah nicht reagierte, schüttelte er sie, doch sie schwankte nur träge, wie ein nasser Sack.
Schlagartig wurde ihr eines bewusst: Diese Priester hatten sie nicht getötet, weil es der Wille der Götter gewesen war, nein, diese Männer waren längst vom Glauben abgekommen. Sie verfolgten dunklere Ziele. – Und ihr Tod war eine Sünde! Ihre Seele würde nie an das andere Ufer übersetzen! Unbändige Wut keimte in ihr auf, während ihr Herz ein allerletztes Mal schlug ...
Erstaunlicherweise jedoch blieb sie auch nach dem letzten Herzschlag bei Bewusstsein und bekam mit, wie man ihre Fesseln löste, sich darüber unterhielt, dass die Experimente dieses Mal zu weit gegangen seien. Ihre Gedanken versuchten zu begreifen, was mit ihr passierte – war dies real?
Dann lag sie alleine auf dem Altar. Wütend. Verwirrt. Sich fragend, ob das nun der Tod sei. War es ihre Strafe, bei vollem Bewusstsein langsam zu verfaulen? Doch dann fühlte Aschah einen Durst in sich aufkeimen, der ihr gesamtes Denken eroberte. Ihre Finger knacksten, als sich ihr bleicher toter Körper bewegte und nach einem Halt suchte. Sie fiel unsanft vom Altar, doch es war ihr egal. Sie roch ... roch etwas .... roch das Blut – ihr Blut –, das man in der Schale unter dem Altar vergessen hatte. Noch niemals zuvor hatten ihre Sinne Süßeres wahrgenommen.
Sie streckte sich, auf dem Boden liegend, und spürte diesmal den Erfolg ihrer Bemühungen. Sie bewegte Arme und Beine schlangengleich und bekam schließlich einen Arm frei, mit dem sie die Schale zu sich heranziehen konnte. Sie tauchte die Hand ein, und leckte sie ab, trank ihr eigenes kaltes Blut. Es schmeckte bitter und anders, als sie es sich vorgestellt hatte, aber es tat dennoch gut. Es gab ihr wieder Kraft. Mit einem Ruck befreite sie den anderen Arm von seinen Fesseln und trank nun gierig den Inhalt der Schale aus. Etwas vibrierte in ihr, überall kitzelte und kribbelte es.
Voller Unglaube sah sie, wie die Schnitte in ihrem Körper sich schlossen – jedoch nicht vollständig. Es war zu wenig Blut, um sie vollständig zu heilen, der Durst nach Blut quälte sie schlagartig wie eine Naturgewalt. Reißend. In ihren Adern pulsierend! Ihre Sinne waren so geschärft, dass sie jeden Priester innerhalb des Tempels wahrnehmen konnte. Sie hörte das Pochen ihrer Herzen und das Rauschen in ihren Adern. Dann verlor sie die Kontrolle ...
Die Priester hatten das Geschehen gar nicht mitbekommen, hatten sie alleine auf dem Altar liegen lassen. Sie erhob sich vom Boden wie ein Raubtier und jagte wie von Sinnen durch die Gänge. In einem alles überschattenden Blutrausch arbeitete sie sich durch die steigende Zahl ihrer Opfer und trank Blut – Unmengen! –, bis ihr Rausch sich zu einem einzigartigen Orgasmus steigerte.
Als sie jeden Körper im Tempel ausgesaugt hatte, trat sie ins kühle Mondlicht und sah auf das nahe gelegene Dorf hinunter. Ihr Durst war noch lange nicht gestillt ...
Als die ersten Sonnenstrahlen über die Wüste krochen, gingen die Toten bereits in die Tausende. Immer schneller, immer wilder hatte Aschah getötet und vom Blut ihrer Opfer gekostet, ehe sie die leblosen Leiber fortschleuderte und das nächste Leben nahm. Weder verzweifelt kämpfende Väter noch die Stadtwache konnten sie stoppen, erst die aufgehende Sonne trieb sie zurück in den finsteren Tempel, denn die Strahlen schwächten sie.
Dort, in der kühlen Dunkelheit des leblosen Gemäuers, erkannte sie, was sie getan hatte: Männer, Frauen, Kinder – ganze Familien hatte sie bei lebendigem Leib zerfetzt, ihr Blut getrunken und den Boden damit durchtränkt.
Sie blickte an sich herunter: Ihr Körper war rot von all dem Blut und dennoch unversehrt. Die alten Wunden waren verschwunden. Die Schwerter der Verzweifelten hatten ihr nichts anhaben können. Nicht einen Kratzer hatte sie!
Dann sickerte eine Erkenntnis in ihr Bewusstsein: Der Tempel war ihr Gefängnis, solange die Sonne schien! Sie wusste nicht woher, aber die Gewissheit war mit einem Mal da: Ra duldete keine Wesen der Nacht am Tage. Sie war von nun an dazu verdammt, in der Dunkelheit zwischen dem Leben und dem Tod zu wandeln!
Langsam sank sie auf die Knie und fing an zu weinen. Der beginnende Verwesungsgestank der Leichen im Tempel stieg ihr mit einem Mal heftig in ihre Nase. Sie hätte fast gewürgt, doch trotz all des Blutes, das sie getrunken hatte, war ihr Magen leer. Es gab nichts zu erbrechen – Sie war nicht tot und auch nicht lebendig. Sie war eine Abscheulichkeit! Dazu verdammt, für alle Zeit unter den Sternen im Dunklen zu wandeln.
London, 12 Mai 1892
Wie so oft regnete es mal wieder. Aschah blickte aus dem Glasfenster hinunter auf die Straße. Es war kurz nach 22 Uhr. Nichts heiterte sie mehr auf, als zu sehen, wie all das Wasser sich aus dem Himmel zu Boden stürzte, wo es große Pfützen bildete. Regen faszinierte sie noch immer, er hatte etwas Heiliges an sich, spendete Leben oder brachte den Tod. Die Nacht jedoch ließ ihn diesmal dreckig und unbequem aussehen. Die Temperaturen machten es auch nicht gerade angenehm, hier in London durch den Regen zu laufen, deshalb gehörten Regenschirme hier zur Grundausstattung.
»Madam. Er empfängt Sie jetzt. Wenn Sie die Güte hätten, mich zu begleiten?«
Der Butler hatte graues Haar, roch nach Seife und Pisse. Er versuchte seine beginnende Inkontinenz durch Parfüm zu überdecken, aber vergebens. Aschah wurde beinahe übel, so widerlich penetrant und süß war der Gestank. Sie folgte ihm bis zu einem Arbeitszimmer.
Dort saß der Anwalt ihres verstorbenen Mannes und blickte mit seiner selbstgerechten Art zu ihr herüber. Er stand noch nicht einmal auf, um sie zu begrüßen, um seine Dominanz als Mann zu unterstreichen. Aschah war schon vielen Männern begegnet, die sich für etwas Besseres hielten, aber mit einer starken Frau vollkommen überfordert waren.
»Nehmen Sie bitte Platz, Mrs. Kraymore. Möchten Sie etwas trinken? Ein Glas Wasser vielleicht?« Seine Augen funkelten giftig, von dem guten Whisky würde er ihr sicher nichts anbieten.
»Mr. Jones, damit wir uns gleich von Anfang an richtig verstehen: Ich bin keine dahergelaufene Dorfpomeranze, also lasse ich mich auch nicht so behandeln. Sie sind der Nachlassverwalter meines Mannes und ich bin hier, um die verbliebenen Werte auf mich übertragen zu lassen. Also bitte.«
Der Butler schloss die Tür und konnte sich das Grinsen nur mit Mühe verkneifen.
Aschah trat vor den Schreibtisch, schenkte sich einen Schluck Whisky ein, gab einen winzigen Schuss Wasser dazu und nahm sich Zeit, den herrlichen Duft zu genießen, während Jones versuchte, die Haltung zu wahren. Sie stürzte den teuren Drink in einem Zug herunter und legte sodann ihre Kopie des Testaments sowie ihre Vollmacht auf den Tisch.
»Wie sie unschwer erkennen können, hat mir mein verstobender Mann noch kurz vor seinem Tode alle Grundstücke«, sie zog weitere Urkunden hervor, »und sein gesamtes Vermögen überschrieben. Ich hätte jetzt gerne Einblick in die Bücher meines Mannes. Und veranlassen Sie auch, dass mein Name als Inhaberin der Rederei eingetragen wird.«
»Was zum Teufel ... fällt Ihnen ein, hier mitten in der Nacht aufzutauchen und so ... so ... Für wen halten Sie sich? Einer Frau ... die Kontrolle über eine der größten Redereien von London zu übertragen ... das ...«
Sie schenkte sich von dem Whisky nach und konnte sehen, wie dem Anwalt beinahe der Kopf platzte vor Wut. »Sie verkennen die Situation, Mr. Jones. Ich kriege alles, was ich will. Immer.« Inzwischen war sie zu ihm hinter den Schreibtisch gegangen und ließ ihre Hand über seine Brust gleiten.
Sein Puls beschleunigte sich. Er wurde so erregt, dass er sich an seinem Stuhl festkrallte. Als sie sich dann auf seinen Schoß setzte und sich an ihm rieb, verlor er die Fassung und riss ihre Bluse auf, um sein Gesicht gegen ihre Brüste zu pressen.
Sie kicherte nachsichtig. »Ich brauche nur noch eine winzige Unterschrift und sie können diesen Körper erforschen. Hier und jetzt. Sie dürfen alles mit mir machen. Und damit meine ich alles, was Sie sich sonst nur in ihren Träumen vorstellen und wozu Ihre Frau niemals bereit wäre.« Aschah gab ihm einen wilden Kuss und griff nach seiner Hand, führte sie zwischen ihre Beine. Als er weitermachen wollte, entzog sie sich ihm.
Er wollte sie mit Gewalt nehmen, aber Aschah presste seine Hände an den Stuhl, als wäre er ein schwaches Kind, und deutete mit dem Kopf zu der Urkunde auf dem Schreibtisch.
Er sah sie an. Wenn das jemals heraus käme !... Aber er wollte sie so sehr! Er wollte ...
Er nahm die Feder und unterschrieb ...
Als er am nächsten Morgen halb nackt, frierend und orientierungslos auf dem Zimmerboden erwachte, wusste er nicht mehr, was geschehen war. Die Whiskyflasche war leer. Sein Hals schmerzte leicht, aber das war egal, angesichts des Dröhnens seines Schädels. Was war nur geschehen? Stöhnend griff er sich an den Hals und stutzte, als er das Blut an seinen Fingern bemerkte. – Aschah hatte von seinem Blut gekostet und darüber sein gesamtes Wissen erlangt, über all seine Depots und schmutzigen Geheimnisse. Ihn zu töten jedoch hätte nur Ärger gebracht. Und so hatte er mehr Glück als Verstand.
Ägypten 3000 v. Chr.
Es dauerte den halben Tag, dann standen sie vor ihr: die Krieger des Pharao. Zuerst hielten sie Aschah noch für eine Überlebende, doch als sie sie weckten und ihre roten Augen erblickten, änderte sich das schlagartig. Sie war schwach; am Tag wach zu sein, war wie ein Dämmerzustand.
Sie konnte das Blut der Elitekrieger riechen ... es lockte sie. Das Adrenalin der Männer ließ ihre Adern wie glühendes Eisen sichtbar werden. Sie konnte sich nicht beherrschen und sprang einem der jungen Soldaten an den Hals, bis zu, trank sein Blut ... Daraufhin gingen die anderen auf sie los. Sie schlugen mit ihren Schwertern auf sie ein, doch ihre Wunden heilten sofort wieder. Ein Speer durchbohrte ihren Bauch und riss sie zu Boden, brachte sie aber nicht um, sondern versetzte sie in rasende Wut. Würde ihr Leben von nun an nur noch aus Schmerz bestehen? Sie stieß einen Schrei aus, der den Männern eisige Schauer über den Rücken jagte.
Der Anführer schickte seinen schnellsten Krieger los, um dem obersten Priester des Pharao Meldung zu erstatten, da löste Aschah sich vor seinen Augen in Rauch auf. Als er bemerkte, dass sie hinter ihm stand, war es schon zu spät: Er starb als Erster, dann folgten seine Männer in einem einzigen wirbelnden Blutrausch. Einzig der Bote entkam, da er einen Vorsprung hatte.
Als er den Ausgang erreichte, erschienen ihm die wärmenden Strahlen der Sonne wie eine Erlösung. Er trat ins Freie und starrte zurück in die Dunkelheit des Tempels, wo er Aschahs Umrisse erkennen konnte – sie hatte das dunkle Gewand eines toten Priesters angelegt. Wie ein Raubtier näherte sie sich ihm, fesselte ihn mit ihren Blicken, lockte ihn, indem sie versuchte, in seine Gedanken einzudringen. Als sie aber auf ihn losstürmte und dabei ins Sonnenlicht trat, entflammte ihre Haut wie Zunder. Heulend warf sie sich zurück in den Schatten und warf dem entsetzten Mann vor dem Eingang durchdringende Blicke zu.
Der Soldat konnte es nicht fassen: Er hatte den Angriff überlebt! Sein Gott beschützte ihn. Wie von Sinnen rannte er los, um seinem Herrn Bericht zu erstatten.
Der Priester hörte sich an, was der Soldat erzählte und wurde bleich vor Angst. Diese Abscheulichkeit war ihm sehr wohl bekannt, ihm war nur nie zu Ohren gekommen, dass jemals jemand so wahnsinnig gewesen war, dieses grausame Ritual durchzuführen. – Bis heute.
Schnell blätterte er die schwarzen Seiten im Buch der Toten durch. In goldener Schrift war darin das Ritual zur Unsterblichkeit beschrieben. Dort stand geschrieben, dass nur das Licht und die Kraft des höchsten Gottes in der Lage seien, die Unsterblichen zu verletzen und ihre Seelen für immer zu vernichten. Auch, dass diese Unsterblichen Blut trinken mussten, um einen unstillbaren Durst zu bändigen, der immer größer wurde, je mehr sie sich dagegen wehren, und mit jedem Tropfen Blut würden ihre Kräfte wachsen. Dann las er die Prophezeiung, dass eine unsterbliche Königin der Nacht geboren würde, deren Kraft so groß wäre, dass sie auch am Tage unter den Menschen wandeln könne und so die Menschheit für alle Zeit aus der Herrlichkeit Ras reißen und in die Dunkelheit verbannen würde.
Der Priester blickte zur Sonne. Möge Ra der Menschheit für ihre Sünde vergeben. Der Abend würde bald aufziehen und mit dem Untergang würde das Verderben über das Land hereinbrechen. Seine Hand fing an zu zittern. »Sorgt dafür, dass dieses Monster den Tempel niemals wieder verlassen kann. Ich will, dass sie darin für alle Zeiten begraben wird«, sagte er tonlos.
Der Soldat nickte und ging, um seinem Vorgesetzten den neuen Auftrag zu übermitteln.
Als die entsandten Truppen am Tempel ankamen, wurde die Sonne bereits schwächer. Eilig machten sie sich daran, die Zugänge mit schweren Steinen zu blockieren, die sie einfach aus den Monumenten herausbrachen, die den Tempel umgaben. Kaum verdeckten sie das Sonnenlicht, schlug Aschah mit unbändiger Kraft von innen dagegen, sodass ein Teil der Männer immer damit beschäftigt war, die bereits errichteten Blockaden an Ort und Stelle zu halten.
Bis die Nacht hereinbrach, hatten sie es in gemeinsamer Anstrengung geschafft die Eingänge so gut zu verschließen, dass auch Aschahs Wüten nichts mehr half. Dennoch war das nur ein kurzer Sieg, denn irgendwann würde Aschah sich ihren Weg in die Freiheit bahnen, wenn die Soldaten nicht permanent die Barrikaden sicherten.
Der Priester rief die besten Baumeister, die obersten Kriegsherren und sogar den Pharao höchst persönlich zu sich. Sie beschlossen, dass es nur einen sicheren Weg gab, dieses Monster für immer von der Menschheit fernzuhalten, und erbauten auf dem alten Tempel ein monumentales Mahnmal. – Eine Pyramide, die selbst den schlimmsten Katastrophen standhalten würde. Sie war Warnung und Siegel zugleich. Dieser Ort sollte für alle Zeiten bestehen bleiben. Man ließ zudem zwölf goldene Tafeln gießen, die vor dem warnten, was unter der Pyramide begraben worden war. Die Prophezeiung darauf besagte dass, sollte Aschah jemals aus ihrem ewigen Grab befreit werden, die Welt dem Untergang geweiht wäre. Des Weiteren vernichtete man alles, was über das Ritual selbst existierte; das Buch der Toten und auch alle seine Abschriften, auf das niemand jemals wieder dieses Ritual vollziehen würde.
Ägypten, 1249 n. Chr.
Ahmet und sein Bruder Nadjd hatten ihr ganzes Leben in der Nähe der alten Pyramiden verbracht. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wer ihre Erbauer gewesen waren oder warum man sich solch eine Mühe gemacht hatte. Die goldenen Tafeln waren zu dieser Zeit schon lange verloren und von fremden Soldaten, die die Worte nicht verstanden, als Kriegsbeute eingeschmolzen worden. Wäre es nicht so ein lukratives Unterfangen, in den alten Ruinen nach Schätzen zu suchen, wären die Brüder nie in die Versuchung gekommen, in diese alte Höhle vorzustoßen. Ahmet hatte den Eingang zufällig entdeckt, als er abseits der großen Pyramide von Gizeh einen Riss im Boden bemerkte, der groß genug war, um ihn aufzubrechen und sich abzuseilen.
Jeder kannte die Geschichten über Funde aus purem Gold – Schmuck, Figuren ... manchmal auch mehr. Manches, so erzählte man sich, sei mit kostbaren Edelsteinen verziert. Einer ihrer Nachbarn aus dem Dorf auf der anderen Seite des Nils hatte vor nicht einmal zwei Jahren eine goldene Kette gefunden, lebte jetzt im besten Viertel der Stadt und erzählte den reichen Reisenden aus fernen Ländern irgendwelche Geschichten über die Pyramiden, obwohl letztlich keiner wusste, wer die Erbauer waren oder was dahinter steckte. Sie hatte schon immer hier gestanden und sorgte stets für volle Taschen; so war das schon zu ihres Vaters, dessen Vaters und dessen Urgroßvaters Urgroßvater Zeiten.
Die Brüder hatten den Schutz der Nacht abgewartet, um ihr Unterfangen in die Tat umzusetzen. Der Abstieg war nicht schwer, ihre Hoffnung auf einen großen Fund sank allerdings etwas, als sie erkannten, dass sie durch eine natürliche Höhle liefen. Nirgendwo gab es hier unten Mauerwerk oder etwas, das danach aussah, als wäre je zuvor ein Mensch an diesem Ort gewesen.
Es dauerte lange, dann öffnete sich der schmale Durchgang in eine geräumige Höhle. An deren Ende zierte eine goldene Sonne einen künstlich geschaffenen Durchgang – nicht mehr als ein Loch, durch das man krabbeln musste. Die Brüder sahen sich an; ihr Puls raste. Die Position des Ganges deutete darauf hin, dass sie womöglich einen geheimen Zugang zur Pyramide gefunden hatten, der sie zu noch unentdeckten Schätzen führen konnte.
Vorsichtig krochen sie hinein. Die Luft wurde immer stickiger, je weiter sie kamen, aber ihre Mühen wurden belohnt: Am Ende befand sich eine kurze Treppe, die in einer Wand verschwand. – Es war offensichtlich, dass es sich hier um einen geheimen Eingang handelte.
Gemeinsam hoben sie die Steinplatte hoch, die den Zugang tarnte. Sie lehnten sie gegen die Wand und betraten, wie es ihnen schien, einen sehr, sehr alten Tempel, dessen Eingang von herabgestürzten Felsen verschüttet worden war. Das Licht der Fackeln flackerte und es roch modrig, muffig und alt. Die Brüder husteten von dem Staub, den sie mit jeder Bewegung aufwirbelten.
Zuerst fanden sie nur verlassene Gänge, dann aber stolperten sie über brüchige alte Knochen und Mumien, die zu Staub zerfielen, wenn man sie berührte. Diese Mumien machten die Brüder nervös, denn sie lagen nicht wie üblich in Sarkophagen oder sonstigen Behältnissen, waren auch nicht mit Stoff umbunden, sondern auf dem Boden verteilt. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass es sich offenbar um ein Massaker handelte, nicht um ein Grab. Manche der Gebeine wiesen sichtbare Spuren eines gewaltsamen Todes auf.
»Was auch immer hier passiert ist, es ist schon lange her«, sagte Ahmet beruhigend.
Sein Bruder starrte wie hypnotisiert auf eine Mumie, deren Fratze ihn wie ein stiller Schrei anblickte. Die Worte vermochten es nicht, seine Nervosität zu lindern.
Sie erneuerten ihre Fackeln und setzten die Suche fort, dabei fanden sie kleinere Schmuckstücke bei den Toten – goldene Amulette oder Ringe – und standen plötzlich in einem Altarraum. Jubelnd fielen sie sich in die Arme. Dort lagen keine Gerippe mehr auf dem Boden, dafür aber eine Mumie auf dem Altar. Sie vermuteten, dass diese reich geschmückt war, und traten näher. Verwundert stellten sie fest, dass diese Mumie, im Gegensatz zu den anderen, alles andere als ausgetrocknet war, vielmehr wirkte sie frisch, als wäre sie erst vor wenigen Monaten verstorben. Sie schien noch im Verwesungsprozess zu sein. Nadjd rümpfte die Nase und fing an zu würgen.
Ahmet sah sich etwas genauer in dem Raum um. Er fand ein paar zeremonielle Utensilien sowie einige Werkzeuge, die wie Gold aussahen. Dann beugte er sich über die Mumie, um zu sehen, was man ihr mit auf die Reise gegeben hatte. Er tastete die Binden ab; es fühlte sich widerlich an, weil der Körper noch fleischig und fast lebendig wirkte. Im flackernden Schein der Fackel drückte er auf eine kleine Ausbeulung, unter der er ein Schmuckstück vermutete, und keuchte erst erschrocken, als er beim Daraufdrücken erkannte, dass es eine aufgeplatzte Eiterbeule war, dann erbrach er sich neben dem Altar. Kleine Staubwölkchen stieben auf, als sein Mageninhalt auf die Stufen klatschte.
Schmerz durchzuckte sie kurz und holte Aschah aus ihrem tiefen, tiefen Schlaf. Der süße Duft des lockenden Blutes holte sie vollends aus der ewigen Dunkelheit und weckte ihre schon fast vergessenen Lebensgeister. Die Augen wollten sich nicht öffnen, waren vertrocknet und verklebt, aber schließlich gaben sie doch den Blick auf die schwach beschienene Tempeldecke frei.
Mit einem Ruck richtete sich Aschah auf. Sie sah die pulsierenden Adern wie Leuchtfeuer in der Nacht vor sich und stürzte sich in ihrer seit Jahrtausenden gewachsenen Gier auf Nadjd. Trotzdem sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt hatte, ihr Fleisch vertrocknet und ihre Sehnen rissig waren, hatte der junge Ägypter keine Chance gegen die übermächtige Untote ...
Doch Aschah wollte ihn nicht töten. Die Jahrtausende der Gefangenschaft waren eine grausame Strafe gewesen. – Sie wollte nie wieder töten! Sie erwachte wie aus einem schrecklichen Albtraum, hatte einen widerlichen Geschmack im Mund und schreckliche Kopfschmerzen ...
Als sie wieder klar denken konnte, hatte sie Ahmet und Nadjd dennoch bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Gegen dieses übermächtige Bedürfnis war sie nicht angekommen, der Überlebenstrieb hatte ihr Bewusstsein geradezu ausgesperrt. Sie regenerierte sich bereits, wenn gleich sie noch aussah, als wäre sie eine sicher 90 Jahre alte Frau. Das Leben war auf jeden Fall in ihren Körper zurückgekehrt und es floss wieder frisches Blut in ihren Adern. – Und sie wusste, wie sie aus ihrem Gefängnis entkommen konnte!
Aber noch war sie schwach. Es dauerte mehrere Tage, bis Aschah es geschafft hatte, den Tempel zu verlassen, die Höhle zu durchqueren und an dem geknoteten Seil der Brüder emporzuklettern.
Als sie dann nach all der Zeit die Sterne über sich erblickte und ihre Hände in den Wüstensand grub, fiel eine Last von ihren Schultern. Sie lag einfach nur da und starrte in die Sterne, weinte vor Glück ob dieses wunderschönen Anblicks. Die Sternbilder über ihr waren jedoch längst nicht mehr dieselben wie einst, sie ahnte, dass sie eine sehr lange Zeit begraben gewesen war. Wie lange, das konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfassen.
Glücklich kauerte sie sich zusammen. Das Schicksal hatte endlich beschlossen, gnädig zu sein. Sie wünschte sich, dass dieser Augenblick ewig dauern würde.
Doch sie wusste es besser: Ra würde über Anubis siegen und die Welt wieder mit seinem Licht der Wahrheit erhellen. Sie musste aus der Wüste verschwinden, sonst würde das Licht sie zurück zwingen. Solange sie keine weitere Nahrung bekam, würde sie es kein weiteres Mal schaffen, das Seil empor zu klettern.
Sie wandelte auf alten Wegen am Rand der Wüste entlang, suchte am Tag Schutz in Höhlen und nährte sich von kleinen Tieren, die ihr über den Weg liefen und ihren Befehlen gehorchten. Es war ein mühseliges Vorwärtskommen, denn so schwach wie sie war, konnte sie nur diejenigen Tiere unter ihre geistige Kontrolle bringen, die nahe genug waren. So schaffte sie jede Nacht nur kurze Etappen.
Als sie endlich den Nil erreichte, war sie zwar noch immer schwach, aber sie fühlte sich lebendig. Sie war endlich frei, wenn auch hilflos. Die Sprache der Menschen, die sie von Ferne beobachtete, verstand sie allerdings nur bruchstückhaft.
Sie musste erkennen, dass Tiere ihr nicht als Nahrung taugten; sie hielten sie zwar am Leben, zu Kräften kam sie jedoch nicht. Nachdem sie lange mit sich gerungen hatte, überwand sie eines Nachts ihre Hemmungen und überfiel einen jungen Mann, der alleine unterwegs war. Von allen Menschen, die sie bisher getötet hatte, war er der erste, dessen Blick sie niemals vergessen würde. – Sein Leben lebte in ihr weiter. Er war ein gerechter Mann gewesen, ehrlich und bewundernswert. Sie hasste sich dafür, ihn getötet zu haben. Doch er hatte mehrere Sprachen beherrscht und war vergleichsweise gebildet, was ihr nun zugutekam. Doch all das Wissen in sich aufzunehmen, machte es nur umso schwerer weiter zu leben, fühlte es sich doch an wie eine Lüge. Doch sie war nun endlich wieder jung und stark; ihr Körper schmerzte nicht mehr, ihre Augen waren wieder klar und sahen scharf. Sie beschloss, nur noch zu töten, wenn es absolut unvermeidlich war.
London, 12 Mai 1892
Als Aschah über den Anwalt herfiel, wandelte sie bereits seit Jahrhunderten wieder auf der Erde, und doch gab es Augenblicke, in denen sie sich noch daran erinnerte, wie es sich anfühlte, in der Sonne zu leben. Die Jahrtausende in der Gefangenschaft des Tempels waren nichts im Vergleich zu den Qualen, die sie nun in sich vereinte: All das Leid der Leben, die sie genommen hatte, um sich zu nähren. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte sie das Haus des Anwalts nur ein kleines bisschen früher verlassen ...
Sie lief die Stufen hinunter; es regnete noch immer. Die unterschriebenen Dokumente in ihrer Tasche gaben ihr die Möglichkeit, ein ganzes Handelsimperium zu gründen. Von jetzt an standen ihr Reichtum und Macht zur Verfügung, die sie so lange vermisst hatte.
Bisher hatte Aschah es vermieden, sich in die Leben der Menschen einzumischen, aber ewiges Leben bedeutet auch ewige Langeweile und so brauchte sie etwas, das sie beschäftigen und über die Jahrhunderte bei Laune halten würde. Es hatte lange gedauert, bis sie einsehen musste, dass das Einzige, das sie wirklich erfüllen würde, Macht war.
Es war wohl Schicksal, dass die Pferdekutsche bereits einen Gast hatte und an ihr vorbeifuhr. Aschah musste trotz des schlechten Wetters zu Fuß durch die Stadt laufen. Sie nahm den Weg runter zur Themse. Es regnete in Strömen, doch das machte ihr nichts aus. Durch das beständige Rauschen hörte sie etwas ... Ein Baby schrie, als würde sein Leben davon abhängen. Neugierig näherte sich Aschah und erkannte einen Räuber, der die Mutter des Kindes überfiel. Er entriss ihr das kleine Bündel mit dem Kind und wollte es gerade gegen die Mauer schlagen, um es zum Schweigen zu bringen, doch da war Aschah schon heran. Sie stieß dem Mann die Faust durch die Rippen, packte sein Herz und riss es mit einem Ruck heraus. Statt gelähmt auf den noch pulsierenden Klumpen in Aschahs Faust zu starren, nahm die Mutter ihr Baby wieder an sich und presste es sich an die Brust. Das arme kleine Ding war völlig durchnässt. Die Frau sah Aschah mit großen Augen an, dann sank sie auf die Knie und kippte nach hinten. Erst jetzt bemerkte Aschah das viele Blut an ihr, konnte riechen, dass das Leben aus der Frau wich. Der Mann hatte sie wohl mit einem Messer schwer erwischt, als er auf sie eingestochen hatte.
Mit letzter Kraft hielt sie Aschah ihr Kind hin und röchelte: »Bitte passen Sie auf ...«
Aschah war wie gelähmt. Während die Arme der Frau kraftlos wurden und sie starb, rang sie mit sich. Sie konnte selber keine Kinder mehr kriegen, doch sie hatte sich immer eins gewünscht ...
»Was ich deinem Kind mitgeben kann, werde ich es lehren, als wäre es mein eigenes. Das schwöre ich vor den alten und den neuen Göttern.«
Die Frau lächelte dankbar, dann erlosch sie.
Aschah erwachte wie aus einer Trance. Das Baby schrie, dass es selbst Anubis den Schlaf rauben musste. Was war da gerade geschehen? Sie hatte ein Versprechen gegeben. Auch wenn sich ein Teil von ihr über diese Fügung des Schicksals freute, so war das doch etwas überraschend. Sie sollte dem Balg die Kehle durchbeißen und ihrer Wege gehen, doch stattdessen hob sie das schreiende Bündel hoch und gurrte: »Sch-sch… Ich bin für dich da. Hab keine Angst, ich werde dich beschützen.«
Der Kleine sah sie an, als hätte er jedes Wort verstanden, und hörte auf zu weinen.
Aschah schaute sich um. Niemand war zu sehen; Regen und Dunkelheit hatten sie vor neugierigen Augen verborgen. Von einem Augenblick auf den anderen war nun alles anders. All ihre Pläne hatten an Bedeutung verloren und zum ersten Mal in ihrem langen Leben hatte sie etwas, das es wirklich Wert war zu leben.
Als sie an ihrem Anwesen ankam, war sie total durchgefroren. Ihre Angestellten öffneten ihr die Tür und kümmerten sich sofort um den Kleinen, ohne Fragen zu stellen.
Aschah schaute auf den kleinen Jungen hinab, als er getrocknet und in eine warme Decke gewickelt schlief, während der Morgen bereits graute. Er schlummerte mit dem Daumen im Mund, als wäre nichts passiert. Sie würde sehen, wie er aufwuchs, wie er alt wurde, und irgendwann würde sie ihm die Wahrheit sagen ...
»... Madame, verzeihen Sie, dass ich störe. Ich habe ein Fläschchen besorgt. Der Kleine muss etwas trinken.« Die Zofe sah mit der üblichen Distanz sowie einer Mischung aus Sorge und Verwunderung zu dem Baby.
Aschah sah sie an. »Ihr irrt, wenn ihr annehmt, dass ich meinen Mann nicht geliebt habe«, sagte sie langsam. Sie könnte ihre Gabe benutzen, aber sie wollte, dass sie ihr glaubte. Sie holte tief Luft und streichelte dem Kind dabei über den Kopf. »Es gibt Dinge, die ihr nicht versteht, dazu seid ihr zu jung. Ihr alle. Es sind Dinge, die selbst ich nicht begreife. Dazu gehört leider auch, warum ich bin wie ich bin. Und was ich bin. Doch glaub mir bitte, dir und allen anderen hier droht durch mich keine Gefahr. Ich würde für jeden von euch töten, wenn es notwendig wäre. Ich werde euch immer beschützen, so wie meinen geliebten Mann. So wie dieses Kind, das man mir heute Nacht anvertraute.«
Der Blick der Kammerzofe wanderte zu dem Säugling. »Ich verstehe nicht, was Ihr mir damit sagen wollt.«
Aschah nickte. Bisher hatte sie geheim gehalten, was sie war, doch sie würde es ohne die Hilfe der Angestellten nicht schaffen, den Jungen großzuziehen. Und wenn sie es gemeinsam taten, dann würden sie es über kurz oder lang herausfinden. »Würdest du mir glauben, dass ich unsterblich bin und seit Jahrtausenden lebe, indem ich mich vom Blut anderer Menschen ernähre?«
Die Kammerzofe schluckte, dann wandte sie sich ab. Sie sah aus wie jemand, der gerade mit einem üblen Scherz gedemütigt worden war.
Aschah legte sich zu dem Kind und fing an, eine Melodie zu summen, die ihre Mutter vor langer Zeit für sie gesummt hatte, um sie in den Schlaf zu wiegen. »Ich wünschte, es wäre nur ein Scherz«, murmelte Aschah leise, als die Tür sich schloss. Sie würde es ein anderes Mal erneut probieren.
Ägypten, 1249 n. Chr.
Aschah irrte mit neuen Kräften durch das Land. Sie war wieder jung und stark, doch bar jeder Erkenntnis. Was war mit ihr geschehen? Was würde mit ihr geschehen? Was war ihr Schicksal? Sie wusste es nicht und es gab auch niemanden mehr, der es ihr sagen konnte, es hatte womöglich nie jemanden gegeben, der es wusste.
Was war mit der Welt geschehen? Sie erinnerte sich an Gärten und Grünanlagen. All das, was sie gelegentlich wiedererkannte, war einst grün und fruchtbar gewesen. Doch jetzt war alles eine einzige Wüste. Hatte sie das ausgelöst? War sie schuld daran? Dieser Gedanke ließ sie lange Zeit nicht los.
Nach Monaten des Herumirrens konnte sie eines schließlich mit Bestimmtheit sagen: Keiner hatte je etwas von ihr gehört. Die Menschen hatten neue Götter, sprachen andere Sprachen und dienten neuen Herren. Keiner betete mehr zu Amun oder Ra und niemand hatte jemals etwas von einem Ungeheuer gehört, das im Schatten der Nacht Blut trank. Hohe Priester und Pharaonen gab es schon lange nicht mehr.
Wie lange war sie eingesperrt gewesen? Sie war ein ungebildetes Mädchen gewesen, das von den Priestern geholt wurde, von Astronomie und der Zeitrechnung hatte sie keine Ahnung. Nie hatte sie gehört, in welchem Jahr sie geboren wurde. Wie sollte sie also herausfinden, wie lange sie schon lebte? Einige Hundert Jahre bestimmt. – Ihr Verstand weigerte sich, daran zu denken, dass es womöglich weitaus länger gewesen sein könnte.
Leider war es immer noch schwer, sich als Frau alleine durchzuschlagen. Gelegentlich versuchte der eine oder andere Kerl, die vermeintlich wehrlose Wanderin in der Nacht zu vergewaltigen. Das waren dann Gelegenheiten, bei denen sie keine Scheu verspürte, sich zu nehmen, wozu ihr Durst sie trieb. Beinahe schien es sogar ein Segen, dass sie auf diese Weise ihrem Drang nachgeben konnte, ohne ein schlechtes Gewissen zu verspüren. Sie kam auf diesem Weg unter anderem zu Geld und war dadurch in der Lage, sich auf eine etwas höhere gesellschaftliche Stufe aufzuschwingen als die einer Landstreicherin.
Irgendwann gewöhnte sie sich an ihren neuen Lebenszyklus. Die Nacht war nun ihr Zuhause. Sie folgte dem Nil bis zum Meer, mal zu Fuß, mal zu Pferde, mal zu Wasser, bis sie vor den Toren Alexandrias stand, der Stadt, in der die weißen Menschen mit ihren Schiffen anlegten. Sie wollte diese neue Welt sehen, aus der sie kamen. Vielleicht hatte man dort ja eine Antwort darauf, was mit ihr und der Welt passiert war.
Die Tore der Stadt waren offen, doch man musste einen Wegzoll bezahlen, eigentlich mehr ein Schmiergeld: Die Stadtwachen drückten ein Auge für Schmuggler und Fremde zu, vorausgesetzt die Bezahlung stimmte. Gleichzeitig gab die Stadtwache die Information, wer welche illegalen Geschäfte unterhielt, an die Händler weiter, die schon seit Generationen in der Stadt ansässig waren. Manchmal führte das dazu, dass der eine oder andere Neuling spurlos verschwand, weil er die falschen Geschäfte tätigte. Aber es kam auch vor, dass ein armer Mann das Tor durchschritt und reich wieder heraustrat.
Als Aschah die Stadt betreten wollte, hatte sie schon wochenlang kein Blut mehr getrunken und konnte weder als Rauchfahne durch die Luft gleiten noch die Gedanken der Wachen manipulieren. Sie hätte sie lediglich abschlachten können, doch sie blieb ihrem Schwur treu, sich nicht an Unschuldigen zu vergreifen.
Schließlich sprach sie ein reicher Händler an, der sich erbot, sie auf seinem Wagen mit in die Stadt zu nehmen. Aschah nahm dankend an.
Keine vier Wochen, nachdem sie als arme Frau die Stadt betreten hatte, feierte sie eine prunkvolle Hochzeit. Sie war bereit für ein neues Leben an der Seite eines Mannes, dessen Liebe sie in seinem Geist spüren konnte. Sie sollte ihn allerdings unglücklich machen, denn es war ihr nicht mehr vergönnt, Kinder zu bekommen, auch wenn sie es noch bis ins hohe Alter versuchten. Dennoch hatten sie ein schönes Leben, bis ihn das Alter dahinraffte. Sie hatte während ihrer gesamten Ehe nicht ein Mal Blut getrunken und war an seiner Seite ebenfalls gealtert, wenn auch etwas moderater.
Doch die Jahre vergingen und die Hoffnung schwand. Ihr Mann wurde älter und starb. Es war eine tolle Zeit. Noch viele Jahre später erinnerte sich Aschah gerne daran zurück. Sie alterte auch, aber nur ein kleines bisschen. Und auch nur, weil sie während all der Jahre kein Blut trank.
Ihr Durst war schrecklich. Es hatte während ihrer Ehe Momente der Leidenschaft und Lust gegeben, in denen sie beinahe die Kontrolle verloren hätte und über ihren Mann wie ein wildes Tier hergefallen wäre. Doch die Liebe zu ihr, die sie stets spüren konnte, aber auch ihre eigene Liebe zu ihm hielt sie im Zaum.
***
Das Vermögen und Ansehen ihres Mannes hatten zu jener längst vergangenen Zeit Aschah eine Zeit lang eine gewisse Stellung gesichert, aber als Frau hatte man leider damals nichts zu sagen. Bald schon kamen die Geier und fielen über die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes her, beraubten sie, da sie sich aus derlei Dingen stets herausgehalten hatte. Sie war machtlos und musste mit ansehen, wie man ihr Haus und Hof nahm. Die klägliche Summe, die ihr blieb, reichte gerade mal für eine Überfahrt nach Griechenland, von dem sie schon so vieles gehört hatte und das sie nun endlich besuchen wollte. Dort würde sie neu anfangen können.
