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Was wir wagen für die Liebe: ein historischer Roman aus der Zeit des Dritten Reichs – und die wahre Geschichte des Hotelier-Ehepaars, das während des 2. Weltkriegs das Pariser Luxus-Hotel Ritz geführt hat Glanz und Glamour verzaubern die Gäste im Luxus-Hotel Ritz in Paris auch 1940 inmitten des 2. Weltkriegs – während Hakenkreuze im Blumenschmuck stecken und Soldaten der deutschen Besatzer in den Sesseln lungern. Für die Amerikanerin Blanche ist es kaum zu ertragen, dass ihr Mann Claude Auzello als Geschäftsführer des Ritz den Nazis zu Diensten sein muss. Durch eine Freundin kommt sie in Kontakt mit der Résistance und übernimmt immer häufiger waghalsige Aufträge. Mehr als einmal rettet Blanche ihr Leben nur durch ihre Unverfrorenheit und betörende Schönheit. Was sie nicht ahnt: Auch Claude ist längst der Résistance beigetreten und unternimmt alles, um seine geliebte Blanche zu schützen, deren größtes Geheimnis die Nazis auf keinen Fall entdecken dürfen … Aus der wahren Geschichte von Blanche und Claude Auzello hat die »New York Times«-Bestseller-Autorin Melanie Benjamin einen bewegenden historischen Roman gemacht. Zwischen dem Glamour des Pariser Hotel Ritz und den Gefahren des Widerstands entfaltet sich die Geschichte einer ebenso schönen wie tapferen Frau und einer großen Liebe.
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Seitenzahl: 497
Veröffentlichungsjahr: 2020
Melanie Benjamin
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Kreutzer
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Glanz und Glamour verzaubern die Gäste im Luxushotel Ritz in Paris auch 1940 – während Hakenkreuze im Blumenschmuck stecken und deutsche Soldaten in den Sesseln lungern. Für die Amerikanerin Blanche ist es kaum zu ertragen, dass ihr Mann Claude als Geschäftsführer des Ritz den Nazis zu Diensten sein muss. Immer häufiger übernimmt sie Aufträge für die Résistance, schmuggelt falsche Pässe und rettet ihr Leben mehr als einmal nur durch ihre Unverfrorenheit und betörende Schönheit. Was Blanche nicht ahnt: Auch Claude ist längst der Résistance beigetreten und unternimmt alles, um seine Frau zu schützen …
Widmung
LILY
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
Claude
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
BLANCHE
CLAUDE
DAS RITZ
BLANCHE
CLAUDE
LILY
Anmerkung der Verfasserin
Danksagung
Für Ben, der hierauf warten musste.
Blanche ist tot.
Manchmal ist der Tod eine Gnade, und ich glaube, bei Blanche war es so. Gerade weil sie zu Lebzeiten vor Energie und Temperament nur so sprühte – das ist auch die Blanche, deren Andenken ich bewahren werde. Ich habe so viele Erinnerungen an sie: Blanche, wie sie ein Shanty singt und dabei ein Glas Champagner auf dem Handrücken balanciert; Blanche, wie sie einem Straßenmädchen den Charleston beibringt; Blanche, wie sie jemandem, der es eigentlich nicht verdient hat, unaufdringlich ihre Anteilnahme zeigt; Blanche, wie sie dir gleich einem trotzigen Kind den Rücken kehrt und mit dem Fuß aufstampft.
Die vor Mut strotzende Blanche, die törichterweise jene provoziert, denen man besser nicht in die Quere kommt.
Doch am nachhaltigsten ist mir in Erinnerung geblieben, wie ich Blanche zum ersten Mal begegnet bin, in der Umgebung, die ihr wie auf den Leib zugeschnitten war: im Ritz. Ihrem geliebten Ritz.
An dem Tag, an dem 1940 die Nazis auf der Bildfläche erschienen, war Blanche nicht da; sie befand sich auf dem Nachhauseweg aus Südfrankreich. Doch sie hat mir erzählt, wie an jenem Tag die Dinge ihren Lauf nahmen.
Wie die Angestellten und Gäste des Ritz sie zuerst nur hörten: die Panzer und Kübelwagen, die auf den weitläufigen Platz gedonnert kamen und rings um den hohen Obelisken, von dessen Spitze aus Napoleon entsetzt hinunterstarrte, in Stellung gingen. Danach das Klirren der metallbeschlagenen Stiefelabsätze auf dem Kopfsteinpflaster, zuerst leise und von ferne, dann, sowie die Deutschen näher und näher kamen, immer lauter. Sie rangen die Hände, sie tauschten Blicke, einige von ihnen schossen wie der Blitz zum Personaleingang im Untergeschoss. Doch sie kamen nicht weit.
Madame Ritz selbst, klein, elegant in ihrem besten schwarzen Kleid, immer noch im Stil der Zwanzigerjahre, wartete drinnen am Eingang ihres Domizils, des prächtigsten Hotels in ganz Paris. Zitternd hielt sie die juwelengeschmückten Hände vor sich gefaltet; mehr als einmal blickte sie zu dem riesigen Porträt ihres verstorbenen Mannes empor, als könne ihr sein gemaltes Konterfei sagen, was sie jetzt machen sollte.
Einige der Angestellten arbeiteten schon seit der Eröffnung des Hotels im Jahre 1898 bei ihr, bei ihrem Mann und konnten sich noch daran erinnern, wie diese Flügeltür zum allerersten Mal aufflog. Wie die illustre, bunte Schar der Gäste die luxuriös ausgestaltete Eingangshalle mit ihrem Glanz erfüllte und ihrerseits ehrfürchtig staunte. Ein einfaches Foyer hätte Monsieur Ritz bei seinem neuen Hotel nicht genügt; keine gewöhnlichen Sterblichen sollten ihren Schatten auf die vergoldeten Eingangstüren werfen. Prinzen und Herzoginnen und die Reichsten der Reichen: Marcel Proust, Sarah Bernhardt. Und als dann die Musiker aufspielten, die Kandelaber erstrahlten, als die Küche Berge von Tabletts mit Auguste Escoffiers erlesenen Kreationen hinaufschickte – Vanille-Meringues, mit kandierten Lavendel- und Veilchenblättern dekoriert, Tournedos Rossini, üppige Pasteten, sogar Pfirsich Melba zu Ehren von Madame Nellie Melba, die eingewilligt hatte, den Gästen im späteren Verlauf des Abends ein Ständchen zu bringen –, zupften sie sich ein letztes Mal ihre neuen Uniformen zurecht und lächelten, erpicht darauf, ihr Bestes zu geben, etwas zu holen, zu tragen, anzubieten, zu polieren, abzustauben, zu wischen, zu hacken, zu falten, zu trösten, in Ordnung zu bringen. Zu verwöhnen, zu verhätscheln. Sie waren begeistert, daran Anteil zu haben – an der Eröffnung eines neuen Grandhotels, des einzigen auf der Welt, das Zimmer mit Bad und mit Telefon bot und, statt Gaslicht, von oben bis unten mit Kabeln für die neue Stromversorgung ausgestattet war.
Das Hôtel Ritz, am Place Vendôme.
An diesem Tag lächelten sie nicht. Einige weinten vor aller Augen, als die Deutschen zur Eingangstür hereinstürmten und, das Gewehr geschultert, die Pistole im Holster, mit ihren staubigen schwarzen Stiefeln die Teppiche verdreckten. Sie zogen nicht die Mützen, diese gebieterischen Mützen mit dem Adler-Abzeichen. Ihre Uniformen, graugrün, die Farbe von Haricots Verts, von grünen Bohnen, hoben sich hässlich vom schimmernden Gold und Marmor und Kristall der Hallen, den kostbaren Gobelins an den Wänden, dem Königsblau des teppichbelegten herrschaftlichen Treppenaufgangs ab.
Beim Anblick der blutroten Armbinden mit der bedrohlichen schwarzen Spinne des Hakenkreuzes ging ein Zittern durch die Reihen. Die Deutschen waren da. Nachdem die französische Armee wie eine von Monsieur Escoffiers Plundertaschen zerbröselt war, nachdem sich die Maginot-Linie als naive Illusion erwiesen hatte und die britischen Verbündeten sich in Dunkerque über den Ärmelkanal aus Frankreich abgesetzt hatten, war eingetreten, was jeder vorausgesehen hatte. Die Deutschen waren da. In Frankreich, in Paris. Im Hôtel Ritz, am Place Vendôme.
Kapitel 1
Juni 1940
Ihre Schuhe. Die Schuhe machen ihr Sorgen, ist das zu fassen? Als habe diese Frau an diesem schrecklichen Tag nicht gewichtigere Gründe, sich Sorgen zu machen, sind es ausgerechnet ihre Schuhe.
Doch zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass sie tatsächlich ein Problem sind, wenn man bedenkt, wer sie ist und wo sie gerade hinwill. Sie sind schmutzig, lehmverkrustet, die Absätze durchgelaufen. Und so hat sie, als ihr Mann ihr aus dem Zug hilft, nur den einen Gedanken, wie sich wohl Coco Chanel über sie das böse Maul zerreißen wird, wenn sie ihr so unter die Augen tritt. Wie sie wohl alle reagieren werden, wenn sie sich mit schäbigen Schuhen und zerrissenen Strümpfen an den wohlgeformten Waden im Ritz blicken lässt. Gegen ihre Strümpfe kann sie nichts machen, selbst Blanche Auzello würde es im Traum nicht einfallen, in aller Öffentlichkeit die Strümpfe zu wechseln, doch sie hält verzweifelt Ausschau nach einer Bank, um aus einem ihrer Koffer ein anderes Paar Schuhe zu kramen. Bevor sie allerdings den Mund aufmachen kann, um ihrem Mann Bescheid zu sagen, werden sie beide von einer Woge von Menschen mitgerissen – was sind das nun für Leute? Franzosen? Deutsche? Flüchtlinge? –, die panisch, konfus aus dem Gare du Nord strömen, um in banger Erwartung zu begreifen, was in ihrer Abwesenheit aus Paris geworden ist. Blanche und ihr Mann fügen sich in die Masse der Ungewaschenen ein; Dreck und Asche haben sich überall in Hautfalten festgesetzt, in den Kniekehlen, in den Armbeugen, hinter den Ohren, unter dem verschwitzten Kinn. Und dann die rußverschmierten Gesichter. Seit Tagen haben sie die Kleider nicht gewechselt; Claude hat seine Hauptmannsuniform in den Koffer gepackt, bevor sie seine Garnison verlassen haben. »Um sie bald wieder zu tragen«, hat er gesagt, um Blanche zu beruhigen oder wohl eher, wie sie vermutet, sich selbst. »Wenn wir zurückschlagen. Was wir ganz bestimmt tun werden.« Dabei weiß niemand, ob und, wenn überhaupt, wann es dazu kommen wird. Nachdem die Deutschen Frankreich eingenommen haben.
Draußen lösen sich Mme und M. Auzello endlich aus der Menge und ruhen sich einen Moment aus, um all das Gepäck abzustellen, das ihnen aus den Fingern gleitet; als sie vor neun Monaten packten, hatten sie keine Ahnung, wie lange sie weg sein würden. Ohne nachzudenken, sehen sie sich in der üblichen Schlange vor dem Bahnhofseingang nach einem Taxi um, doch es gibt keins. Es sind überhaupt keine Autos auf den Straßen, lediglich ein einsamer Karren und das jämmerlichste Pferd davorgespannt, das Blanche je gesehen hat.
Auch Claudes Blick wandert zu dem dürren Gaul. Mit dem keuchenden Atem, dem Schaum, der ihm vom Maul tropft, und Rippen, die sich so scharf unter der Haut abzeichnen, als habe man das Fleisch herausgeschnitten. Er schüttelt den Kopf. »Das Tier wird es nicht einmal bis zum nächsten Morgen schaffen.«
»Sie da!« Blanche marschiert zu dem Kutscher auf dem Karren hinüber, einem Mann mit kleinen Augen und einem Zahnlückenlächeln.
»Ja, Madame? Zehn Franc. Zehn, und ich bringe Sie überall in Paris hin, wohin Sie wollen! Ich habe den einzigen Pferdekarren im Umkreis von zwanzig Kilometern!«
»Spannen Sie auf der Stelle ab. Sie Mistkerl, dieses Pferd bricht jeden Moment zusammen. Sehen Sie das denn nicht? Es gehört in den Stall und braucht Futter.«
»Dämliche Kuh«, murmelt der Mann, seufzt und deutet auf die Straße, auf der es von Fußgängern wimmelt. »Kapieren Sie denn nicht? Als die Nazis kamen, haben sie jedes gesunde Tier beschlagnahmt. Dieser Klappergaul ist alles, womit ich meinen Lebensunterhalt noch bestreiten kann.«
»Ist mir egal. Ich zahle Ihnen zwanzig Franc, wenn Sie dieses Tier ausspannen, damit es sich einfach eine Weile hinlegen kann.«
»Wenn er sich hinlegt, kommt er nicht wieder hoch.« Der Mann wirft einen Blick auf das arme Geschöpf, das auf seinen krummen Beinen schwankt, und zuckt die Achseln. »Schätze, der bringt noch drei, vielleicht auch vier Fahrten, dann ist er hin. Und ich auch.«
Doch jetzt ist Claude herbeigeeilt und hält seine Frau zurück, als sie mit einem großen Satz auf das armselige Pferd und seinen Besitzer zuspringen will.
»Scht, Blanche, scht. Hör auf. Wir müssen los. Du kannst nicht alles retten, was hin ist in Paris, Schatz. Schon gar nicht jetzt.«
»Versuch ja nicht, mich davon abzuhalten!« Aber dann lässt sie sich doch von ihrem Mann vom Bahnhof wegführen. Denn eines ist nicht zu leugnen: Die Auzellos sind immer noch ein gutes Stück vom Ritz entfernt.
»Ich hätte ja ein Telegramm geschickt, damit uns jemand abholt«, sagt Claude und wischt sich mit seinem schmutzigen Taschentuch über die Stirn; beim Anblick des dreckigen Stück Stoffs verzieht er das Gesicht. Blanches Mann sehnt sich nach einem sauberen Taschentuch wie sie nach sauberen Schuhen. »Aber …«
Blanche nickt. Im Zuge des Einmarschs wurden sämtliche Telegrafen- und Telefonleitungen, die Paris mit der Außenwelt verbinden, gekappt.
»Monsieur! Madame!« Vor ihnen tauchen zwei geschäftstüchtige Jungen auf, die sich erbieten, ihnen für drei Francs das Gepäck zu tragen. Claude schlägt ein, und sie folgen den Gassenkindern durch die gewöhnlich so chaotischen Straßen von Paris. Unwillkürlich muss Blanche daran denken, wie sie zum ersten Mal versucht hat, sich auf der Ringstraße um den Arc de Triomphe zwischen all den Fahrzeugen, die kreuz und quer in alle Richtungen strebten, hindurchzumanövrieren. Heute dagegen verblüfft sie das gänzliche Fehlen von Verkehr.
»Die Deutschen konfiszieren jedes Auto«, sagt einer der Jungen, ein hochgewachsener, blasser Bengel mit blondem Haar und einem abgebrochenen Schneidezahn im kessen Ton eines Jugendlichen, der mehr weiß als die Erwachsenen. »Für ihre Armee.«
»Lieber würde ich ihn in die Luft jagen, als meinen Wagen den Boche zu überlassen«, murmelt Claude, und Blanche liegt schon die Bemerkung auf der Zunge, dass sie keinen eigenen Wagen haben. Doch sie beherrscht sich; sogar Blanche sieht ein, dass ein solcher Hinweis im Moment unpassend wäre.
Während der seltsame kleine Trupp dahintrottet, dringt ihr noch etwas anderes ins Bewusstsein: das Schweigen. Nicht nur seitens der verblüfften Menschen, die aus dem Bahnhof stolpern und sich wie eine verschlammte Regenpfütze durch die Stadt ausbreiten, sondern überall. Wenn es in Paris eine Konstante gibt, dann ist es der rege Austausch von Worten: Cafétische, an denen sich die eng sitzenden Gäste über die Farbe der Sonne streiten. Und die Bürgersteige, auf denen die Pariser mitten im Gedränge stehen bleiben, um ihren Weggefährten mit dem spitzen Finger ein besonders stichhaltiges Argument zu liefern, sei es über Politik, den Schnitt des Anzugs, das beste Käsegeschäft, egal was. Die Pariser, das weiß Blanche nur zu gut, lieben das Palavern.
Heute sind die Cafés menschenleer. Ebenso die Bürgersteige. In den verlassenen Gärten spielen keine lärmenden Schulkinder in Uniform. Es singen keine Straßenverkäufer, während sie ihre Leiterwagen durch die Gassen schieben; nirgends sind Ladenbesitzer zu sehen, die mit ihren Lieferanten feilschen.
Dennoch spürt sie Blicke, die sich auf sie richten, sie täuscht sich nicht. Trotz der Hitze in der unbarmherzigen Sonne läuft ihr ein Schauder herunter, und sie hakt sich bei ihrem Mann ein.
»Sieh mal«, flüstert er und deutet mit dem Kopf nach oben. Blanche folgt seinem Blick. Aus den Fenstern unter den Mansardendächern spähen überall Menschen heimlich hinter Spitzengardinen nach draußen. Ihr Blick wird von etwas weiter oben angezogen, das dort in der Sonne aufblitzt, auf den Firsten der Dächer.
Nazisoldaten mit glänzenden Gewehren spähen von dort oben auf sie herab.
Sie zittert. Bis zu diesem Augenblick sind sie keinen Soldaten begegnet. Die Deutschen waren nicht bis Nîmes vorgedrungen, wo Claude bis zu Beginn des Sitzkriegs stationiert war, nicht einmal auf der Zugfahrt nach Paris, bei der alle solche Angst davor hatten, so wie andere auf ihrer Flucht bombardiert zu werden, auch wenn natürlich an jeder planmäßigen oder unplanmäßigen Station alle Gespräche verstummten und alle Passagiere den Atem anhielten aus Angst, deutsche Wortfetzen, deutsche Stiefel, deutsche Schüsse zu hören. Trotz alledem waren die Auzellos bislang keinem einzigen Nazi begegnet.
Hier daheim jetzt schon. Es ist verflucht noch mal wirklich passiert. Die Nazis haben wirklich und wahrhaftig Paris eingenommen.
Blanche holt tief Luft – ihr tun die Rippen weh, ihr knurrt der Magen, sie weiß nicht einmal mehr, wann sie das letzte Mal gegessen haben – und läuft in ihren ausgetretenen Schuhen weiter. Endlich gelangen sie zu dem riesigen gepflasterten Geviert des Place Vendôme; auch hier sind keine Zivilisten zu sehen. Soldaten ja.
Blanche schnappt nach Luft; Claude auch. Denn auf dem Platz stehen Nazipanzer rings um die Statue von Napoleon. Eine riesige Fahne der Nazis mit ihrem Hakenkreuz, der verdrehten Swastika, hängt über mehreren Eingangstüren – auch am Ritz. Ihres und ihres Mannes ach so geliebtem Ritz.
Und oben auf der Eingangstreppe stehen zwei Nazisoldaten. Mit Gewehren.
Es klappert und poltert zu ihren Füßen. Die Jungen haben ihr Gepäck aufs Pflaster fallen lassen und flitzen in Windeseile davon. Claude blickt ihnen hinterher.
»Vielleicht sollten wir besser zur Wohnung gehen«, sagt er und zieht erneut sein schmutziges Taschentuch heraus. Zum ersten Mal an diesem Tag – zum allerersten Mal, seit Blanche ihn kennt – sieht sie ihren Mann ratlos. Und in diesem Moment begreift sie, dass nichts mehr so ist wie früher.
»Unsinn«, erwidert Blanche und spürt einen heißen Blutstrom durch ihre Adern pulsieren – das Blut einer anderen, einer mutigen Frau, so scheint es, die vor den Nazis nichts zu verbergen hat. Zu ihrer eigenen Überraschung und erst recht zu Claudes greift sie zum Gepäck und marschiert zielstrebig auf die beiden Soldaten zu. »Wir gehen jetzt da rein, Claude Auzello. Denn du bist der Direktor des Ritz.«
Claude will ihr widersprechen, doch ausnahmsweise einmal schluckt er seinen Protest herunter. Schweigend nähern sie sich den beiden Wachposten, die zwei Schritte auf sie zukommen, jedoch gottlob nicht die Waffen gegen sie richten.
»Das ist Herr Claude Auzello, Direktor des Ritz«, erklärt Blanche in ihrem besten Deutsch, einem so fließenden, von Selbstbewusstsein strotzenden Deutsch, dass es nicht nur ihren Mann, sondern auch sie selbst überrascht. Schließlich spricht, glaubt man Claude, seine in Amerika geborene Frau Französisch mit dem fürchterlichsten Akzent, den man je gehört hat, und so vernimmt er mit ungläubigem Staunen dieses makellose Deutsch.
Andererseits haben die Auzellos sich seit ihrer ersten Begegnung wechselseitig immer wieder in Erstaunen versetzt.
»Ich bin Frau Auzello. Wir wüschen mit einem Offizier zu sprechen. Sofort!«
Den Soldaten hat sie offenbar einen gehörigen Schrecken eingejagt, einer von ihnen eilt prompt ins Hotel. Claude flüstert: »Mon Dieu, Blanche«, und an der Art, wie er die Finger um seine Gepäckstücke krallt, sieht sie, dass es ihn äußerste Beherrschung kostet, sich nicht auf diese hochnotpeinliche Art der französischen Katholiken zu bekreuzigen.
Auch wenn sie am ganzen Leib zittert, steht Blanche kerzengerade, ja, fast gebieterisch da, und als der Offizier, ein kleinwüchsiger Mann mit rotem Gesicht, erscheint, hat sie sich genau zurechtgelegt, was sie sagen wird.
Denn sie ist Blanche Ross Auzello. Amerikanerin. Pariserin und vieles andere mehr in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das sie von jetzt an für sich behalten wird. Aber hat sie nicht andererseits das meiste davon in diesen letzten zwanzig Jahren für sich behalten? Sie ist also sehr gut in der Kunst der Verschleierung. Und, wie sie zugeben muss, ihr Ehemann auch.
Vielleicht schweißt dies diese beiden noch stärker zusammen, als dass es sie trennt.
»Herr Auzello! Frau Auzello! Es freut mich, Sie kennenzulernen!« Der befehlshabende Offizier, der zur Tür herausstürzt, begrüßt sie aalglatt in fehlerfreiem Französisch, sein harter, gutturaler Akzent verrät jedoch die deutsche Herkunft. Er verbeugt sich vor Claude und macht Anstalten, Blanche die Hand zu küssen, die sie gerade noch rechtzeitig hinter dem Rücken versteckt.
Denn auch sie zittert plötzlich.
»Willkommen zurück im Ritz. Wir haben so viel über Sie gehört. Ich wollte Sie persönlich davon in Kenntnis setzen, dass die Hotelleitung in den hinteren Teil verlegt wurde.« Der Nazi deutet mit dem Kopf Richtung Rue Cambon an der rückwärtigen Gebäudefront. »Wir, wir Deutschen, haben uns dank der Gastfreundschaft Ihres Personals hier auf der Seite zum Place Vendôme häuslich eingerichtet. Ihre anderen Gäste verteilen sich über die Räumlichkeiten nach hinten hinaus. Und wir haben uns erlaubt, Ihre persönlichen Sachen aus Ihrem Büro in ein anderes zu schaffen, einen Raum auf der Galerie über dem rückwärtigen Foyer. Im Übrigen ist ein großer Teil Ihres Personals geblieben und erwartet Ihre Anweisungen.«
»Bestens, bestens«, hört sich Blanche erwidern, so als habe sie jeden Tag mit Nazioffizieren zu tun, und sie wundert sich selbst über ihren Auftritt. Wäre doch gelacht, wenn ein deutscher Einmarsch nicht die Schauspielerin aus ihr machte, die sie immer werden wollte. »Nichts weniger habe ich erwartet. Und wenn dann jetzt bitte Ihre Männer unser Gepäck für uns rübertragen würden?«
Mit einem ermunternden Lächeln dreht sie sich zu Claude um, der, wie sie erschrocken sieht, unter seiner frischen Sonnenbräune aus Südfrankreich bleich geworden ist. Als die beiden Soldaten ihre Gepäckstücke aufheben, entgeht ihr nicht, wie Claude die Finger fester um seinen Aktenkoffer krallt und ihm dabei die Nackenmuskeln zucken. Sie wirft ihm einen fragenden Blick zu, doch sein Gesichtsausdruck bleibt sorglos und ungerührt.
Sie folgen den zwei Soldaten über den Platz und wenden sich dann nach links zur schmalen, aber unglaublich schicken Rue Cambon. Und auch jetzt wieder spürt sie unsichtbare Augen auf sich gerichtet. Sie greift nach Claudes freier Hand; er hält sie fest in seinem Griff. So fest miteinander verbunden, werden sie beide nicht wanken, da ist sie sich vollkommen sicher. Es ist das Einzige, worin sie sich sicher ist in diesem unglaublichen Wunderland-Moment, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.
In dem sie von Nazisoldaten zum Hintereingang des Ritz geleitet werden.
Sie folgen den Soldaten durch den kleineren Eingang, und augenblicklich füllt sich das Foyer im Taschenformat mit vertrauten Gesichtern, niedergeschlagen und blass, doch mit einem erleichterten Lächeln beim Anblick der heimgekehrten Auzellos. Auch Blanche lächelt und nickt in die Runde, doch die Leute kommen nicht herüber, um mit ihnen zu plaudern. Blanche spürt, dass ihr Mann vom Ansturm der Gefühle überwältigt ist, als ihn die Mitarbeiter willkommen heißen, die er vor fast einem Jahr verlassen hat, seine Familie, seine Kinder im wahrsten Sinne des Wortes. Normalerweise hätte ihr Mann Blanche jetzt stehen gelassen, um sich nach so langer Zeit mit ihnen auszutauschen, in seinem Büro eine Flasche Portwein zu köpfen, sich all die Geschichten anzuhören, die sie sich für seine Rückkehr aufgehoben haben: Die junge Floristin ist gegangen und hat ihren Liebhaber geheiratet; wir haben jetzt einen neuen Butterlieferanten, nachdem der alte gestorben ist und seine Kinder die Molkerei verkauft haben.
Doch heute, vermutet Blanche, weiß er ganz genau, dass die Geschichten weder harmlos noch alltäglich sind. In diesen Geschichten verschwinden Mitarbeiter im Chaos des Einmarschs, sterben junge Pagen in der Schlacht und heiratet diese hübsche junge Floristin mit dem Nachnamen Shabat nun doch nicht, sondern versucht verzweifelt, ein Visum für England zu bekommen. In diesen Geschichten geht es darum, wie die Nazis hier in seinem Hotel die Führung übernehmen wollen – und ja, in den Augen ihres Mannes ist das Ritz sein Hotel, auch wenn es eigentlich der Familie von César Ritz gehört. In dieser Hinsicht ist er arrogant, ihr Claude. Und wenn Blanche ehrlich ist, was sie sich mindestens einmal am Tag zugesteht, dann gehört das zu den Dingen, die sie an ihm am meisten bewundert.
Claude hat es schrecklich eilig, in ihre Suite zu kommen. Blanche muss in den Laufschritt verfallen, um mit ihm und den Soldaten in ihren schwarzen, mit Stahlkappen verstärkten Stiefeln auf den luxuriösen Teppichen mitzuhalten. Und sie ertappt sich bei dem besorgten Gedanken, dass diese Behandlung den Teppichen nicht gut bekommt. Diese Teppiche sind geschmeidige Lederabsätze gewohnt. Was sie wieder an ihre eigenen Schuhe erinnert, mit denen sie den Straßenschmutz abtritt, und zum ersten Mal seit Langem fühlt sie sich in ihrer Umgebung deplatziert.
Im Lauf der Jahre hat Blanche gelernt, sich dem Standard des Ritz gemäß zu kleiden. Das Haus hat etwas, das einen anspornt, nur das Beste zu tragen, aufrechter zu sitzen, leiser zu reden, den besten Schmuck anzulegen und einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen, bevor man sich in die Marmorhallen begibt, in denen alles blitzblank strahlt und glänzt. Diejenigen, die dies alles auf Hochglanz bringen, treten in dem Moment, in dem sie einen Gast erblicken, in versteckte Kammern und Ecken zurück, sodass der Eindruck eines Zauberschlosses entsteht, von dienstbaren Geistern liebevoll gehegt und gepflegt, die nur bei Nacht aus ihren Verstecken kommen.
Doch jetzt fällt ihr Blick auf die Naziflaggen, die in den riesigen Kübeln mit den Palmen aufgepflanzt sind. Sie bemerkt die Stille, die über den opulenten Hallen, Fluren und Sitzecken liegt; sie hat das Gefühl, dass sich hinter jeder Tür ein Ohr an das schimmernde Holz drückt und horcht. Und sie vergisst ihre Schuhe wieder.
Die Auzellos werden zu ihrer alten Suite geleitet, die praktischerweise ohnehin an der Rue Cambon liegt. Die Gepäckstücke werden ordentlich für sie abgestellt, aber Blanche wird einen Teufel tun, einem Nazi ein Trinkgeld zu geben; sie nickt den Soldaten nur stumm zu, als sie gehen. Claude und Blanche kehren einander den Rücken – zu schmerzlich, sich gegenseitig diesen Albtraum einer Heimkehr einzugestehen. Stattdessen wandern sie wie Touristen von Raum zu Raum und schauen sich um. Ungläubig registriert Blanche die Staubschicht, die alle Flächen bedeckt, früher undenkbar. In der vergoldeten Tapete macht sie ein paar feine Risse aus. Ob hier vor der Besatzung irgendwo in der Nähe Bomben niedergegangen sind? Die Luft ist abgestanden, als ob die kleine Suite, zumindest für die Verhältnisse des Ritz, bis zu ihrer Rückkehr den Atem angehalten hätte. Sie öffnet ein Fenster. Unten stehen Nazisoldaten in einer Traube zusammen; sie schwatzen und lachen vergnügt miteinander wie Schuljungen auf einer Ferienreise.
»Wieso hast du dich da draußen wie ein schuldbewusstes Kind benommen?« Mit einem Schauder tritt sie vom Fenster zurück und dreht sich endlich zu Claude um, der immer noch seinen Aktenkoffer in der Hand hält.
»Ich habe …« Er bricht in ein nervöses Lachen aus, unter dem sein gepflegtes kleines Lippenbärtchen zuckt, und blinzelt wiederholt mit den leicht vorstehenden Augen. »Ach, Blanchette, wie töricht du manchmal sein kannst. Ich habe Papiere dabei.« Er pocht auf das Köfferchen. »Illegale Papiere. Blanko-Reisepässe und Demobilisierungspapiere. Ich habe sie aus unserer Garnison gestohlen, um sie hier in Paris Menschen zu geben, die … die sie vielleicht brauchen können. Hätten die Nazis sie entdeckt, wäre ich dafür wohl ins Gefängnis gekommen.«
»Um Gottes willen, Claude!« Diesmal wird Blanche kreidebleich. Bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können, lässt sie sich in einen Sessel sinken. »Ach, Claude, du hättest es mir bei der Abreise in Nîmes sagen sollen.«
»Nein.« Claude schüttelt den Kopf, fährt mit den Fingern unter seinen Kragen. »Nein, Blanche. Es gibt Dinge, die du besser nicht weißt. Zu deinem eigenen Besten.« Und da ist er wieder der Alte, Blanches Mann; ihr ach so schrecklich französischer Mann mit seinen Prinzipien und Proklamationen. Seit siebzehn Jahren sind sie nun schon ein Ehepaar, und immer noch versucht er, aus einem rebellischen amerikanischen Flapper eine fügsame französische Mademoiselle zu machen.
»Ach, Claude, nicht wieder diese alte Leier, ja? Nach allem, was wir dieses Jahr durchgemacht haben? Nach allem, was wir heute gesehen haben?«
»Ich habe keine Ahnung, was du meinst, Blanche«, sagt ihr Mann in diesem hochnäsigen Ton, der sie normalerweise wie ein rotes Tuch in Rage bringt. Und mit einem Anflug von Schuldbewusstsein fällt ihr wieder ein, dass ein paar dieser Risse in der Tapete schon lange vor ihrer Abreise da waren und an die Wand geschleuderten Vasen oder Kerzenleuchtern geschuldet sind, die das Ergebnis einer ihrer zahllosen Auseinandersetzungen mit ihm über das Wesen der Ehe waren. Insbesondere ihrer Ehe.
Doch heute ist Blanche zu erschöpft und zu verwirrt, um sich zu streiten. Mit einem Mal auch zu durstig. Wann hat sie das letzte Mal etwas getrunken? Das muss Tage her sein. Sie lacht, auch wenn es ihr hohl in den Ohren klingt. Ein deutscher Einmarsch ist eine tolle Art, auszutrocknen.
»Nun ja, so weit, so gut«, sagt sie und merkt zu ihrer eigenen Verwunderung, dass sie sich eine Träne aus dem Auge wischen muss. »Es war wohl zu schön, um wahr zu sein.«
»Wie meinst du das?« Claude, der sich in der Suite nach einem geeigneten Versteck für seine geschmuggelten Papiere umblickt, sieht sie verständnislos an.
»Ich meine, dass sich letztlich nichts geändert hat. Nach dieser Zeit in Nîmes, als wir – als wir beinahe ein Eheleben hatten. Auch wenn Paris unter deutscher Besatzung ist, lügst du mich immer noch an.«
»Nein, nein, du verstehst das völlig falsch«, sagt Claude – zu Blanches Überraschung klingt er traurig. Er lässt das Köfferchen auf einen Tisch fallen, als habe er nicht länger die Kraft, diese Bürde zu tragen. Sein Gesicht glättet sich und wirkt wieder fast so jung und geschmeidig, jederzeit zu einem Lächeln aufgelegt, wie bei ihrer ersten Begegnung. Einen Moment lang sieht er reuig aus, und Blanche beugt sich, die Hände wie ein junges Mädchen ans Herz gedrückt, zu ihm vor. Ein törichtes, aber hoffnungsvolles junges Mädchen.
Doch Claude äußert sich nicht weiter dazu, was sie falsch verstanden hat, und so zuckt Blanche die Achseln, das Einzige, was sie in Claudes Augen genauso gut wie jede Französin, wenn nicht sogar besser macht, und fängt an auszupacken.
»Also.« Claude streckt die Glieder, beugt sich weit zurück, sodass es alarmierend knackt, und sein sonst so unerschütterliches Gesicht wirkt dermaßen erschöpft, dass sie ihm, trotz ihrer Enttäuschung, am liebsten ein Bad einlassen und ihn ins Bett stecken möchte. »Ich muss zu Madame Ritz rüber und sehen, was auf der anderen Seite vor sich geht, da, wo die Deutschen residieren. Nazis in César Ritz’ Palast – mon Dieu! Er würde sich im Grab umdrehen.«
»Geh nur, geh. Du bist sowieso nicht zu gebrauchen, bis du jeden Zentimeter deines geliebten Ritz abgeschritten bist. Ich kenne dich, Claude Auzello. Aber was meinst du? Sollen wir später noch zur Wohnung rübergehen? Um nach dem Rechten zu sehen?« Zum ersten Mal denkt Blanche wieder an ihre geräumige Wohnung an der Avenue Montaigne im Schatten des Eiffelturms. Von Anfang an, von dem Moment an, als sie im Chaos des Rückzugs Nîmes verlassen haben, hatte es die Auzellos nur zum Ritz gezogen. Dorthin zeigte ihre Kompassnadel. Dabei haben sie noch ein anderes Domizil, eine Wohnung, in die sich die Nazis nicht eingenistet haben. Und bei dem Gedanken an die Soldaten, die hier im Hotel hinter jeder Ecke lauern, sehnt sich Blanche mit jeder Faser nach einem Zufluchtsort. Die furchtlose Blenderin, die vor der Eingangstür stand und die Nazis wie Bauern herumkommandiert hat, hat sich verflüchtigt. Geblieben ist von ihr – eine Frau.
Eine verängstigte Frau ohne ein echtes Zuhause, eine Fremde in einem Land, das ein furchterregender Feind besetzt hat, sodass sie in frustrierendem Maße von ihrem Mann abhängig ist, der sie immer und immer wieder enttäuscht.
Fast so oft wie sie ihn.
»Ich glaube nicht«, sagt Claude noch mehr von oben herab als gewöhnlich, und Blanche hört es in ihrer momentanen Verfassung mit Erleichterung. »Falls es Rationierungen oder Versorgungsengpässe gibt, sind wir hier im Ritz am besten aufgehoben. Die Deutschen werden sicherstellen, dass sie von allem das Beste bekommen, und vielleicht kriegen wir ein paar Krumen davon ab.« Nach kurzem Zögern geht Claude zu seiner Frau. Er nimmt sie in die Arme und flüstert ihr ins Ohr.
»Das war heute mutig von dir, meine Blanchette«, raunt er, und Blanche zittert unwillkürlich ein wenig und schmiegt sich fester an seine Brust. »Überaus mutig. Aber vielleicht wäre es das Beste für dich, wenn du es stattdessen mal mit ein wenig Feigheit versuchst? Bis wir …? Bis wir weitersehen.«
Sie nickt. Das klingt vernünftig. Ach ja, er klingt immer vernünftig, ihr Claude, außer in einer Hinsicht. Einer überaus wichtigen Hinsicht. Trotzdem kuschelt sie sich ein wenig enger an ihn. Er ist nicht groß, er ist nicht breit oder muskulös, ihr Mann. Trotzdem gibt er ihr das Gefühl, dass er sie beschützt. So war es von Anfang an gewesen. Ein Mann von seiner Selbstgewissheit, egal wie nervtötend ehrenwert und korrekt, kann einem das vermitteln. Trotz seiner kleinen Hände und seiner schlanken, fast grazilen Finger. Also klammert sie sich an ihn, schließlich ist er das Einzige, was sie noch hat. Als dieser Höllenritt anfing, hätte sie nach Amerika zurückkehren können. Sie hätte bei einem alten Liebhaber in einem anderen Land Zuflucht suchen können, einem Land, das in diesen grotesken Zirkus höchstwahrscheinlich nicht hineingezogen werden würde. Aber nein, sie ist hier in Frankreich geblieben, bei diesem Mann, diesem Ehemann.
Irgendwann einmal sollte sie sich wirklich dazu durchringen und sich fragen, wieso. Aber nicht heute; dafür hat sie schon zu viel hinter sich. Und sie braucht dringendst etwas zu trinken.
Kaum ist Claude mit dem Versprechen gegangen, nicht lange wegzubleiben – einem Versprechen, das er natürlich nicht halten wird –, beschließt Blanche, sich einmal in Ruhe im Spiegel zu betrachten. Seit Tagen hat sie in keinen Spiegel mehr gesehen. Das blonde Haar: nicht Natur. Der Rubinring an der rechten Hand: nicht echt. Den echten Ring hat sie vor Jahren verpfändet und ihn durch eine Nachbildung ersetzt. Claude hat sie es nie erzählt, er hätte ihre Gründe nicht gutgeheißen. Das zarte Goldkreuz, das sie um den Hals trägt, ein Hochzeitsgeschenk von ihrem Mann, ein Witz, wie sie anfänglich dachte, in Wahrheit aber todernst gemeint. Der Pass in ihrer Handtasche, zerknittert und verformt, nachdem sie ihn so lange Tag und Nacht mit sich herumgetragen hat. Nun ja, bei Lichte betrachtet, waren auch sie ein Witz, das hat sie schon manches Mal gedacht.
Jetzt ist alles ein Witz. Eine Farce. Ein einziger Schwindel.
Diese neue Realität, dieser neue Albtraum, in dem sie sich wiederfindet … ist Lichtjahre von dem Paris, dem Ritz, dem Mann entfernt, dem sie damals begegnet ist, als sie mit dem Schiff von Amerika herüberkam. Das war vor siebzehn Jahren. Vor einer Ewigkeit.
Vor einem Traum. Genauer gesagt vor mehreren Träumen. Die meisten davon unerfüllt.
So wie es Träume nun mal an sich haben. Und wie Blanche Auzello allzu gut weiß.
Kapitel 2
1923
Es war einmal, bevor die Nazis kamen …
»Hey, hör sich das einer an! Hey, Mister, hey!«
Der junge Mann sah mit gerunzelter Stirn von seinem Gästeregister auf. Selbstredend kam der Ruf quer durchs Foyer des Hôtel Claridge von einer Amerikanerin. Die Stimme war laut, aufdringlich, insistierend. Amerikaner redeten, als glaubten sie, die ganze Welt warte nur darauf zu hören, was sie zu sagen hatten; sie kannten keine Diskretion.
Doch Amerikaner zahlten sein Gehalt, und so gab er sich einen Ruck und glättete seine Stirn.
Paris, sein Paris, wurde von diesen lärmenden Neuankömmlingen überrannt. Natürlich verdankten sie das dem Großen Krieg. Diese vorlauten amerikanischen Soldaten, die sich rühmten, die Retter in der Not zu sein – Retter vielleicht, doch erst in letzter Minute –, diese großspurigen Amerikaner verspürten den Drang, vom »Gay Parie«, auf das sie vor ihrem Abzug nur einen verlockenden Blick erhascht hatten, mehr zu sehen. Und so kamen sie in Heerscharen wieder, brachten ihre Frauen mit, fielen über die Cafés her, bestellten sich einen Mokka zum Essen – wie absurd! – und tranken bis zur Besinnungslosigkeit Absinth. Und sie redeten, unablässig, sogar mit Fremden. »Hallo«, hatte den jungen Mann erst gestern in einem Café einer von ihnen angesprochen, sich im selben Atemzug neben ihn gesetzt und darüber lustig gemacht, wie klein der Stuhl sei. »Bud. Und wie heißen Sie?«
Natürlich dachte der junge Mann nicht daran, es ihm zu sagen. Was ging das diesen Amerikaner an? Dieses unbändige Bedürfnis, ihre Anwesenheit hinauszuposaunen, würde er nie begreifen. Wem lag schon daran?
Vor allem aber wollten die Pariser einfach nur in Ruhe gelassen werden, nicht zuletzt mit ihrer Trauer, denn sie hatten Verlust und Tod zu beklagen. Besonders störten sie die jungen amerikanischen Männer, denn 1923 gab es in Frankreich kaum noch Männer unter sechzig Jahren.
Den Amerikanern war das von Herzen egal. Mit ihrem allzu breiten Lächeln zeigten sie ihnen die allzu weißen Zähne, warfen mit Francs nur so um sich und schwärmten davon, wie billig doch alles sei. Im Klartext sagten sie den Franzosen eigentlich: Wir sind nicht eure Verbündeten. Wir sind was Besseres als ihr.
Doch der junge Mann, Claude Auzello mit Namen, schluckte seinen Ärger und seine Abneigung herunter, denn sein Lebensunterhalt hing von diesen vergnügten Ausländern ab, die in unverminderter Zahl in Calais von den Schiffen strömten und die es auf der Seine nach Paris trieb.
»Kann ich Ihnen helfen?« Er ging zu der lauten Amerikanerin hinüber, die ihn vom anderen Ende des Foyers aus zu sich winkte.
»Und ob Sie das können, danke, Mr –?«
»Auzello. Monsieur Auzello. Ich bin hier, um mich um Ihre Wünsche zu kümmern.« Mit einer angedeuteten Verbeugung und einem unauffälligen Griff an das Messingschild mit seinem Namen am Jackett signalisierte er ihr seine gehobene Stellung im Hôtel Claridge: Direktionsassistent.
»Ach, so weit schon gekommen?« Dabei klimperte sie mit den Wimpern, diese ordinäre Frau, die Claude mit geübtem Auge in ihren Dreißigern schätzte. Ende dreißig, genauer gesagt. Der Puder setzte sich in den Falten ab, und der Lippenstift auf ihrem Schmollmund war viel zu rot für ihren Teint. Sie war blond, naturblond, wenn er sich nicht täuschte, groß, von kräftiger Statur, in Pelze gewickelt und mit so viel Schmuck behängt, dass sie ihn an einen überladenen Weihnachtsbaum erinnerte.
»Ach, Pearl, du hattest recht. Das ist das Letzte, das Allerletzte!«
Noch so eine penetrante Amerikanerin! Claude unterdrückte einen Seufzer, wandte sich schon zu einem höflichen Gruß um, zu dem ein verhaltenes, professionelles Lächeln seine Mundwinkel umspielte. Doch beim Anblick dieser Frau gefror es ihm auf den Lippen. Ihm wurde ganz weich in der Brust, und zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich Claude Auzello, ob ihn gerade Amors Pfeil getroffen hatte.
Denn die Amerikanerin, die da auf ihn zukam und ihm auf diese unnachahmlich selbstbewusste Art ihrer Landsleute die Hand entgegenstreckte, war die schönste Frau, die ihm je unter die Augen gekommen war. Auch sie war blond, wenngleich, wie Claude vermutete, eher aus der Flasche, doch wieso nicht, wenn es ihr so vorzüglich stand? Sie hatte große, funkelnde braune Augen, und bei dieser Kombination – blond, mit braunen Augen – war Claude schon immer schwach geworden.
Doch nicht nur von der Farbgebung schmolz sein Herz dahin; es war ihr Lächeln, so umwerfend, so natürlich. Sie war mindestens zehn Jahre jünger als ihre Reisegefährtin; der Tau war noch frisch auf dieser American-Beauty-Rose. Auch sie war hochgewachsen – alle Amerikanerinnen waren so groß –, sodass Claude ein klitzekleines bisschen das Kinn heben musste, um ihren tänzelnden Blick zu erwidern.
»Ist das Ihr erster Besuch hier bei uns, Mademoiselle?«
»Es ist das erste Mal, dass ich aus New York herauskomme. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich hier bin!« Wie charmant! Keine Allüren, kein Versuch, sich weltgewandt zu geben, so wie er es bei Neulingen so oft erlebte. Diese junge Frau war einfach vor Freude aus dem Häuschen, und das durften alle wissen.
»Dann werde ich es mir nicht nehmen lassen, Ihnen Paris zu zeigen«, erwiderte er einer spontanen Eingebung folgend.
Als Direktionsassistent des Hôtel Claridge war es Claude Auzello nicht fremd, schöne Frauen durch Paris zu geleiten. Er betrachtete das als angenehme Begleiterscheinung seiner Position. Wenn er ganz und gar ehrlich wäre, müsste er sich sogar eingestehen, dass es erst letzten Monat ein kleines … Missverständnis … zwischen ihm und einer schönen Frau gegeben hatte, ein Missverständnis, aufgrund dessen die schöne Frau bei ihrer Abreise jedem im Hotel versicherte, Claude werde für ihre Kosten aufkommen. Ein geschäftliches Arrangement gleichwohl, das bei den mitternächtlichen Soupers im Restaurant Maxim’s, bei denen sich besagte schöne Frau für den Champagner und Claudes Sperrfeuer an Schmeicheleien überaus empfänglich gezeigt hatte, nie ausdrücklich zur Sprache gekommen war.
Natürlich und vollkommen zu Recht hatte ihn der Hoteldirektor zu sich bestellt und ermahnt, in Zukunft diskreter zu sein.
Diskretion – fürwahr eine nützliche Kunst für einen Franzosen, besonders für all jene, die unversehrt durch den Krieg gekommen waren. Claude war dank einer drangvollen Blase mit heiler Haut davongekommen, ein Umstand, den er lieber für sich behielt. Er hatte seinen Wachposten verlassen, um sich im nahen Gebüsch zu erleichtern, genau in dem Moment, als die Baracke von einem Artilleriegeschoss getroffen wurde. Dafür hatte er auch noch einen Orden bekommen – wie das Leben manchmal so spielte! Und so war er im Unterschied zu vielen seiner Freunde aus Kindertagen immer noch am Leben und genoss ein Paris, in dem auf jeden tauglichen jungen Mann fünf schöne Frauen kamen. »Claude«, hatte sein Vater bei ihrer ersten tränenreichen Umarmung nach seiner Demobilisierung gesagt, »Claude, mein Sohn. Frankreich liegt dir zu Füßen, eine dankbare Nation. Lass dir diese Chance nicht entgehen!«
Hat er nicht, cher papa. Hat er nicht.
»Dürfte ich wohl erfahren, unter welchem Namen Sie reserviert haben?«, fragte Claude geschmeidig.
»Pearl White«, antwortete die ältere der beiden Amerikanerinnen.
»Und ich bin Blanche. Das heißt, Ross, Blanche Ross«, sagte die jüngere Frau mit einem scheuen Lächeln und nach kurzem Zögern, als probiere sie ihren Namen zum ersten Mal aus.
Sie folgten ihm zum Empfang, wo sie ihm ihre Pässe reichten. Er überprüfte sie und gab sie ihnen zurück.
»Ah. Alles in bester Ordnung«, erklärte Claude der charmanten Mademoiselle Ross mit einem Lächeln. Er ließ sie die Anmeldung unterschreiben – Mademoiselle Ross’ Namenszug war recht schwungvoll und nahm gleich zwei Zeilen ein – und nahm zwei Schlüssel vom Bord. Als er ihr den einen reichte, berührte er dabei die Spitzen ihrer Handschuhe und ließ seine Finger einen Moment lang darauf ruhen, bevor er ihr, er konnte einfach nicht anders, einen Handkuss gab und genoss, wie sie erstaunt nach Luft schnappte.
»So begrüßen wir in Frankreich schöne Frauen.« Dabei zupfte sich Claude am gepflegten kleinen Lippenbart, einem praktischen Accessoire, denn sein Gesicht war nicht ganz so schnell gereift wie seine Persönlichkeit.
»Na, ist das nicht ein wenig fresh?« Mademoiselle Ross lächelte ihn an, und ihre Wangen bekamen einen rosigen Hauch. Sie hatte das übliche Make-up der Amerikanerinnen aufgelegt: die Lippen wie eine Schleife geschminkt, ein falscher Schönheitsfleck an einer Wange. Ihr goldenes Haar trug sie als Pagenfrisur, passend zum modisch locker fallenden Kleid mit flacher Brust und tiefer Taille im sogenannten flapper style, wenngleich in Mademoiselle Ross’ Fall die üppige Oberweite den Stoff auf betörende Weise spannte.
»Fresh?« Diesmal war das Staunen auf Claudes Seite, schließlich hielt er sich auf sein Englisch einiges zugute. Doch in diesem Sprachgebrauch kannte er das Wort nicht. »Wie ein Pfirsich?«
»Wie ein masher.«
Claude schüttelte ratlos den Kopf. Von der Neckerei der jungen Frau stieg ihm die Röte ins Gesicht.
»Ein Schürzenjäger?«, sprang sie ihm bei.
»Wie die Küchenschürze?«, hakte er verständnislos nach.
»Wie Valentino – haben Sie schon mal von dem gehört?«
Ah – Claudes Gesicht hellte sich auf. Ja, natürlich hatte er Rudolph Valentino schon in mehreren Filmen gesehen. Monsieur Valentino war ein komischer Kauz mit einem breiten Lächeln. Ein Schauspieler, der nicht nur die Augen verdrehte, sondern offenbar auch jeder Menge schöner Frauen den Kopf. Das war also ein Kompliment!
»Rudy ist kein masher«, warf die andere Frau, Pearl, abschätzig ein. »Er ist schwul. Das weiß doch jeder in Hollywood.«
Claude zuckte zusammen: Was für eine Sprache!
»Pearl muss es wissen«, versicherte ihm Blanche und legte ihm eine warme Hand auf den Bizeps, den Claude in seinem grauen Nadelstreifen-Cutaway spannte. »Pearl ist ebenfalls ein Filmstar. Sie haben sie bestimmt schon mal gesehen, oder? The Perils of Pauline? Das ist Pauline! In Fleisch und Blut!«
Er hatte weder von Pearl White noch von Pauline je gehört, doch natürlich tat er so, als ob. Aber wie konnte diese unfeine Frau, die in diesem Moment wahrhaftig in ihren Ausschnitt griff, um eine ihrer Brüste zurechtzurücken, ein Filmstar sein? Claude Auzello hatte da so seine Zweifel.
»Aber natürlich«, bescheinigte er der zauberhaften Mademoiselle Ross. »Ich sehe mir viele amerikanische Filme an, sie sind in Frankreich sehr beliebt. Mademoiselle Gloria Swanson hat schon oft hier im Hôtel Claridge logiert.« Dabei schwoll ihm vor Stolz die Brust. Das war eine großartige Erfahrung gewesen, denn Mademoiselle Swanson war recht glamourös, und in vielen Zeitungen waren danach Fotos von ihr im Foyer des Claridge erschienen.
»Gloria?«, schnaubte Pearl verächtlich. »Diese kleine Schnepfe. Nichts weiter als ein Modepüppchen, wenn Sie mich fragen.«
»Ich werde auch einmal Filmstar«, gestand Blanche mit verlegen gesenktem Kopf. Dabei wurde sie so rot, als könne sie es selbst nicht ganz glauben. »Dazu sind wir nach Paris gekommen. Um Filme zu machen!«
»Ah.« Claude konnte sich nicht helfen, die Vorstellung schmeckte ihm nicht. Ein Filmstar? Nein, das ginge niemals gut. Auch wenn sich das Claridge natürlich gerne mit einem Filmstar oder auch zwei davon in seinem Foyer schmückte, erst recht, solange sie noch ein Geheimtipp waren, aber solche, die es erst noch werden wollten, waren praktisch gesprochen unter der Würde des Direktionsassistenten am Hôtel Claridge, der nach Höherem strebte. Filmstars waren süchtig nach Publicity und taten alle möglichen verrückten Dinge – wie zum Beispiel in Brunnen zu baden und in Nachtklubs die Hüllen fallen zu lassen –, für Claude ein ziemlich vulgäres Benehmen.
Doch Mademoiselle Ross’ Herz schien bei dem Gedanken höherzuschlagen, denn ihre Brüste hoben und senkten sich verlockend, und ihre seidigen Wimpern berührten leicht die Wangen, so lang waren sie.
»Allerdings muss ich nicht sofort anfangen. Eigentlich sollte ich mich hier mit jemandem treffen, aber mein … mein Freund … verspätet sich um eine Woche.« Dabei hielt Mademoiselle Ross ein zerknülltes, tränenbenetztes Telegramm hoch und steckte es gleich wieder in ihre Tasche, als schäme sie sich dafür.
Eine Woche? Also, das war eine gute Nachricht. Eine Woche war perfekt – eine klar begrenzte Frist. Sie ließ keinen Raum für Zweideutigkeiten, keine letztminütlichen Seufzer der Unschlüssigkeit, kein »Vielleicht könnte ich ja ein wenig länger bleiben …«. »Dann erlauben Sie mir, Ihnen Paris zu zeigen«, kam Claude auf sein Angebot zurück, nachdem er seine Abneigung gegen die Filmindustrie oder vielmehr gegen deren fragliche Vertreterin überwunden hatte. »Das ist Ihr erster Besuch, und es gibt nichts, was ich lieber täte.«
»Also, ich weiß nicht …«
»Ach, Blanche, wieso nicht! Genieße die Zeit, bis er kommt!«
Oje! Es gab einen »Er«. Der eine Woche auf sich warten ließ.
Claude lächelte wieder.
»Also gut, puh, ja, das wäre wunderbar.« Mademoiselle nickte und schenkte ihm noch so ein strahlendes Lächeln. »Ich kann es kaum erwarten, Paris zu sehen.«
»Dann sollten wir keine Zeit verlieren.« Claude schnippte nach einem Pagen – eine theatralische Geste, die sonst nicht seine Art war –, damit der sich um die diversen Schrankkoffer und das Handgepäck der Damen kümmerte. Er würde nie begreifen, wozu Amerikaner so viel Gepäck mitschleppten. Ihr Kleidungsstil war abscheulich, und hier in Paris konnten sie sich, noch dazu sehr preiswert, ungleich exquisitere Kreationen kaufen.
Ungemein stolz darauf, dass just an diesem Morgen sämtliche Kandelaber geputzt worden waren, dass die Abfalleimer stündlich geleert und die Lichtschalter aus Messing alle zwei Stunden nachpoliert wurden, rückte sich Claude die Krawatte zurecht und machte den Frauen Zeichen, ihm durchs Foyer des Hôtel Claridge zu folgen. Er zeigte ihnen, wo der Waschraum der Damen war. Einen Moment lang verharrte er an der amerikanischen Bar mit ihren lärmenden Gästen, die gerade dem albernen Song lauschten, den eine Sängerin ins Mikrofon säuselte, etwas über den Abschied von einer Person unbestimmten Geschlechts, »Toutsie« mit Namen. Er drückte den Klingelknopf für den vergoldeten Fahrstuhl und wies den Liftboy an, sie ins oberste Stockwerk zu fahren.
Dort angekommen, geleitete er die Frauen durch den mit Teppich ausgelegten Flur – zweimal täglich gesaugt, zu seiner Freude waren noch die frischen Bahnen zu sehen – und hielt vor ihrer Suite. Er öffnete die Tür mit seinem goldenen Passepartout, trat zur Seite und ließ die Mademoiselles zuerst eintreten.
»Heiliger Strohsack, Pearl!« Blanche klatschte in die Hände und hüpfte vor Freude – so mitreißend und charmant, dass Claude sie am liebsten auf der Stelle in die Arme geschlossen hätte. Solchen Überschwang hätte er gar zu gerne festgehalten und an sich gedrückt. Er musste ein paarmal schlucken, dann knipste er das Licht an, um ihnen die Suite in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit zu zeigen. Mit professioneller Distanz öffnete er die Tür zum Bad und erklärte ihnen den Gebrauch der Wasserhähne, überging dabei nur das Bidet, dessen Erwähnung für einen Gentleman nicht schicklich gewesen wäre. Auch machte Claude die beiden Damen – Pearl White war viel blasierter als ihre Freundin, die in ansteckender Begeisterung ein Oh und Ah nach dem anderen ausstieß – mit sämtlichen beleuchteten Knöpfen neben jedem Bett vertraut, über die sie den gewünschten Service rufen konnten: Schuhputzen, Waschen und Bügeln, Zimmerservice.
»Und – violà!« Mit einer schwungvollen Geste zog er die elegant drapierten Vorhänge auf und offenbarte ihnen den Blick auf die breiten Champs-Élysées.
Die Prachtstraße war mit den hupenden Autos und lärmenden Touristen, die mit ihren unhandlichen Box-Kameras Fotos machten, so laut und chaotisch wie immer. Man sah auf Straßencafés mit ihren winzigen Tischen, besetzt bis auf den letzten Stuhl; Souvenirstände mit Eiffeltürmen im Miniaturformat, winzigen rot-weiß-blauen französischen Fähnchen sowie billigen Baskenmützen, bellende Hunde und Restaurantbesitzer, die den Touristen im Vorübergehen ihre Speisekarten unter die Nase hielten. Wegen alledem schätzte Claude die Champs nicht sonderlich und wollte sich schon für ihre schäbigeren Seiten entschuldigen, hätte nicht Blanche Ross vor Vergnügen gekreischt.
»Oh! Oh, wie wundervoll! Wie der Times Square, nicht wahr, Pearl? Nur zehn Mal schöner! Sieh mal! Ist das da nicht der Eiffelturm?«
»Oui, Mademoiselle.«
»Und das da drüben, was ist das?«
»Der Arc de Triomphe, zur Feier von Napoleons Sieg bei Austerlitz errichtet.«
»Und das?« Der bezaubernde amerikanische flapper hatte das Fenster geöffnet und lehnte sich gefährlich weit hinaus. Claude eilte hinüber und hielt sie an der Taille fest – aus Sorge um ihre Sicherheit, rechtfertigte er sein Eingreifen im Stillen, während er ihren schlanken Leib umschlang und, von so viel kindlichem Enthusiasmus befeuert, die Wärme ihres jungen Körpers spürte. In diesem Moment geschah mit seinem Herzen etwas Bemerkenswertes.
Claude Auzellos Herz, diese robuste Maschine, bis dato nicht aus dem Takt zu bringen und somit nicht weiter bemerkenswert, machte ein seltsames, kurzes Geräusch, fast wie das Pop eines Champagnerkorkens. Es war so leise, dass nur er es hören konnte, dennoch brannten ihm die Ohrenspitzen vor Verlegenheit. Wenig feinfühlig zog Claude daher Mademoiselle Ross ins Zimmer zurück und ließ sie ohne Umschweife los. Ziemlich mitgenommen schnappte er nach Luft und hätte um ein Haar sein Taschentuch gezückt, um sich damit die feuchte Stirn abzutupfen, rief sich jedoch ins Gedächtnis, dass er im Dienst war, und rückte stattdessen seine Krawatte zurecht. Unnötigerweise, denn natürlich saß sie perfekt. Auf seine Krawatte war, wie sich zeigte, mehr Verlass als auf sein Herz.
»Das war der Place de la Concorde, Mademoiselle Ross.«
»Ach, nennen Sie mich ruhig Blanche. Wenn Sie diese erste Woche mit mir verbringen wollen, sollten wir uns beim Vornamen nennen, meinen Sie nicht?«
»Wie Sie wünschen.« Er nickte und war sich dessen bewusst, dass es strenger und förmlicher als beabsichtigt klang, nur dass er im Moment seiner Stimme nicht trauen konnte. »Ich heiße Claude, Madame … Blanche.«
»Perfekt.«
»Dann lasse ich Sie um sieben Uhr abholen, wenn Sie mögen? Auf dem Montmartre gibt es ein reizendes kleines Restaurant, das Ihnen, denke ich, gefallen wird. Wir könnten zu Fuß hingehen, bei diesem prächtigen warmen Wetter.«
»Fantastisch, Claude, einfach fantastisch!«
»Und was mache ich solange?« Pearl White schmollte, wie albern für eine Frau, die allem Anschein nach die besten Jahre hinter sich hatte.
»Du liebe Güte, Pearl, das hätte ich fast vergessen!« Blanche drehte sich zu Claude um und sah ihn mit ihren großen braunen Augen flehentlich an.
»Ach, kein Problem.« Pearl brach in amüsiertes Gelächter aus. »Ich mache nur Spaß, Blanche. Ich habe bereits ein Rendezvous in Aussicht.«
Die Erleichterung in Blanches Gesicht bildete Claude sich ganz bestimmt nicht ein, und so konnte er sich, als er ihnen Adieu sagte, ein zartes Grinsen nicht verkneifen. Er küsste Mademoiselle Ross noch einmal die Hand, zog die Tür hinter sich zu und widmete sich wieder seinen dienstlichen Pflichten. Auch wenn er noch die geschmeidige Taille der bezaubernden Miss in den Armen spürte, hatte er noch andere Gäste zu versorgen. Danach musste er noch den Kollegen, der den Nachtdienst versah, über die zahlreichen kleinen Probleme ins Bild setzen, die wie auf Befehl im Lauf des Tages aufgetaucht waren. Die Wäscherei hatte eine defekte Mangel gemeldet, der Händler einen Stapel Bettwäsche geliefert, die niemand bestellt hatte. Der Chefkoch drohte, weil die Seezunge fehlte, mit seiner Kündigung, zum dritten Mal allein in dieser Woche. Im Speisesaal waren zwei Kellner nicht aufgetaucht, folglich mussten zwei Lehrlinge zu höheren Aufgaben herangezogen werden. Mrs Carter in der Präsidentensuite hatte laute Schritte über ihr moniert und sich von dem wiederholten Hinweis nicht beschwichtigen lassen, sie selbst logiere im obersten Stock.
Mit gewohnter Effizienz arbeitete Claude seine Aufgaben ab – mit derselben Effizienz, mit der er seinen Kriegsdienst versehen hatte. Ungeachtet der peinlichen Umstände seines Überlebens hatte er in bewundernswerter Weise gedient. Claude hielt nichts von falscher Bescheidenheit; er wusste, dass er zum Führen und nicht zum Gehorchen geboren war. Als Hauptmann hatte er ein Bataillon angeführt. Und einige seiner Männer sterben gesehen, ein paar davon in seinen Armen. Er hatte die Hände – mit Staunen sah er, wie weiß sie jetzt waren und erst gestern manikürt –, diese makellosen Hände hatte er in Blut und Exkremente und Eingeweide gesteckt. Er hatte die scharfen Knochensplitter ertastet, die aus dem rohen Fleisch herausragten.
Und dafür, dass er überlebt hatte – so ganz ohne Sinn und Verstand, denn letztendlich atmete man selbst einfach weiter und die anderen nicht –, ausgerechnet dafür war ihm der Légion d’Honneur verliehen worden. Für die bloße Pflichterfüllung erwartete er keine Ehrung. Seine Ambition war es, einmal sein eigenes Hotel zu haben, doch er war noch jung, gerade einmal fünfundzwanzig, und er übte sich in Geduld. Vorerst begnügte er sich also mit der Funktion des Direktionsassistenten im Hôtel Claridge, einem respektablen Hotel, in dem viele amerikanische Filmstars logierten und sogar königliche Gäste aus der zweiten Reihe. Vielleicht war es für seinen Geschmack ein wenig zu geschäftig, direkt an den Champs-Élysées mit allzu viel Fußpublikum und mit einer schmalen Straße an der Rückfront, an der sich die Jazzklubs aneinanderreihten, mit einer ihm verhassten plärrenden, nervösen Musik. Trotzdem, fürs Erste war das Claridge ein guter Arbeitsplatz.
Später einmal … Doch bis es so weit war, musste er sich hocharbeiten, den Beruf von der Pike auf erlernen, bevor er auch nur daran denken konnte, ein eigenes Hotel zu führen. Und zu diesem Zweck hatte Claude ein Auge auf ein anderes Hotel geworfen.
Eine Klasse für sich: das Ritz – allein schon beim Klang des Namens rieselte ihm ein kleiner Schauder den Rücken herunter. Ein Gefühl nicht ganz unähnlich der Erregung, die eine schöne Blondine namens Blanche Ross bei ihm ausgelöst hatte.
Ein Blick auf den Dienstplan in seinem Büro zeigte ihm zu seiner Freude, dass der Eigentümer des Claridge, Monsieur Marquet, für zwei Wochen auf Geschäftsreise war. Claude konnte demnach seinen eigenen Dienstplan mühelos auf die Pläne von Mademoiselle Blanche abstimmen. Eine stürmische Romanze – Abendessen in Montmartre, der übliche Spaziergang die Seine entlang, Mittagessen im Garten des Palais-Royal, Picknick im Bois. Er würde ihr an einem der Stände in der Nähe von Notre-Dame ein kleines Gemälde kaufen; das verfehlte nie seine Wirkung.
Jeden Tag einen Strauß auf ihr Zimmer, frisch vom Blumenmarkt auf der Île de la Cité, wo Claude Stammkunde war. Und berüchtigt.
Und dann am Ende dieser Woche: Au revoir, Mademoiselle Ross.
Und wieder gab sein Herz diesen seltsamen kleinen Laut von sich. Was war das nur? Claude legte die Finger an sein Handgelenk, atmete langsam ein und aus und fühlte seinen Puls. Sollte er einen Säureblocker für den Magen einnehmen? Hatte er etwas Unbekömmliches zu Mittag gegessen?
Achselzuckend griff er zum Telefon, um in dem charmanten kleinen Restaurant in Montmartre anzurufen.
Ein Restaurant, das alle im Gastgewerbe wegen seiner Diskretion zu schätzen wussten.
Kapitel 3
Juni 1940
Blanche wendet sich angewidert von ihrem Spiegelbild ab – dem dreckverschmierten Gesicht, dem glanzlosen, staubigen Haar mit dem drei Zentimeter langen dunklen Ansatz, den vom Aschenflug im Zug geröteten Augen, den Flecken an ihren Kleidern, den Laufmaschen in ihren Strümpfen, dem angeknacksten Absatz ihres Schuhs. So durstig sie auch ist, lässt sie sich zuallererst ein Bad ein, holt ein Tageskleid von Schiaparelli aus ihrem Koffer und hängt es dicht neben das dampfende Wasser, damit sich die Knitterfalten ein wenig glätten. Natürlich könnte sie jemanden holen, um es bügeln zu lassen – sie ist schließlich im Ritz, sie könnte sogar jemanden losschicken, der ihr ein neues kauft, doch sie hat nur den einen Wunsch, ihre schmutzige Flüchtlingshaut abzuwerfen und wieder sie selbst zu sein, hier im Ritz.
Sie holt ihr gesamtes Make-up aus dem Kosmetikköfferchen und reiht die verschiedenen Tiegel und Töpfchen, nach monatelanger Abwesenheit alle fast leer, säuberlich auf. Sie sollte nach unten gehen und nachsehen, ob etwas von ihrem echten Schmuck noch gut verschlossen in dem kleinen Safe in Claudes Büro ist, doch dann fällt ihr wieder ein, dass es nicht mehr sein Büro ist. Höchstwahrscheinlich sind demnach auch ihre Schmuckstücke nicht mehr da.
C’est la vie.
Nach dem Bad, nicht so ausgiebig, wie sie es gerne genommen hätte, doch genug, um die ersten paar Schichten Dreck zu lösen, zieht sie sich an, sprüht sich den letzten Rest Parfüm hinter die Ohren und kramt ein Paar Schuhe hervor.
Ein Paar maßgefertigte, edelmattierte Schuhe von Hellstern & Sons; sie sind makellos, in der ganzen Zeit in Nîmes nicht ein Mal getragen. (Gütiger Himmel, was hat sie sich nur dabei gedacht, Sachen zu packen, als ginge es auf die Grand Tour und nicht einfach nur darum, ihren Soldaten-Ehemann zu einem kleinen Truppenstützpunkt irgendwo in der Pampa zu begleiten?) Sie haben einen wunderschönen apfelgrünen Farbton, und seufzend schlüpft sie mit den müden, geschwollenen Füßen hinein. Sie muss daran denken, wie Claude sie das erste Mal in diesen kleinen Laden mitgenommen hat, um sich an den Füßen Maß nehmen zu lassen, wie aufregend sie es fand, wenige Tage später ihre Schuhformen in Holz zu sehen, mit ihrem Namen darauf – Madame Auzello.
Sie waren das erste Objekt mit ihrem neuen französischen Ehenamen darauf. Es war ihr erster Kauf, bei dem sie so stolz an der Theke sagte: »Setzen Sie es auf Monsieur Auzellos Rechnung.« Sie hatte sich so europäisch gefühlt, so mondän, ja, sogar emanzipiert – wie sie schon bald herausfinden sollte, ein fataler Irrtum. Sei’s drum, in dem Moment war es ein Triumph, ein Akt der Selbstbehauptung, der Rebellion, sich über das Konto ihres Pariser Ehemanns ein Paar Maßschuhe anfertigen zu lassen. Zu Hause hatte sie sich als die jüngste, unverheiratete Tochter mit einer jährlichen Einkaufsfahrt zu Lord & Taylor begnügen müssen, um sich dort ihre züchtige Garderobe zu besorgen. So lange, bis ihre Filmkarriere in Schwung käme …
Was sie im Grunde nie tat. Immerhin verdankte sie dem Versuch die Reise nach Paris und zu Claude und ein Kundenkonto bei Hellstern & Sons, und nachdem sie zum ersten Mal den Fuß in einen maßgefertigten Schuh gesteckt hatte, überredete sie Claude, sie in Montmartre zum Tanz auszuführen, und dabei fühlte sie sich so ganz und gar als Pariserin, wie neugeboren. So ganz und gar Madame Auzello. Damals, als für sie mit der Rolle der Madame Auzello noch ein Traum in Erfüllung ging.
Manchmal fragt sich Blanche, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, hätte sie nicht einem gewissen, von sich eingenommenen kleinen Franzosen erlaubt, sie eine Woche lang kreuz und quer durch Paris zu führen, bis sie sich die Füße wund gelaufen hatte, während er ihr Vorträge hielt und ihr alles erklärte und in den überraschendsten Momenten nach ihrer Hand griff und sie mit größerer Leidenschaft küsste, als sein penibel gestutztes Lippenbärtchen hätte ahnen lassen. Bei Straßenhändlern kaufte er ihr Rosensträuße, bei halb verhungerten Künstlern an der Seine romantische Gemälde. Er zeigte ihr Kleinodien, die sich in keinem Reiseführer fanden, wie etwa dieses Herz, von einem Maurer vor Jahrhunderten zu Ehren seiner Geliebten auf der Straße zum Invalidendom ins Pflaster gemeißelt. Wie wäre es mit ihr weitergegangen, hätte er ihr nicht diese verborgenen, unscheinbaren Denkmäler gezeigt und dabei sein eigenes erstaunlich zärtliches Herz offenbart?
Einen Claude Auzello hatte sie nicht eingeplant, als sie ihre Schrankkoffer packte, ihren betrübten Eltern unbekümmert Lebewohl sagte und im Hafen von New York die Landungsbrücke des nach Frankreich auslaufenden Schiffs hinaufstapfte. Nein, sie hatte ja sogar für einen ganz anderen Mann gepackt, und nichtfür einen Claude Auzello.
Und schon gar nicht für das Ritz.
Jetzt begutachtet sie ihren nunmehr in frischen Satin gehüllten Fuß und denkt: Ich bin sauber, ich bin modisch angezogen, ich bin daheim. Das Ritz und Blanche haben einen Pakt; sie haben ihn vor langer Zeit geschlossen.
Innerhalb dieser vergoldeten Wände würde sie sich gut benehmen, sich wie eine echte Dame aufführen und ihrem Mann alle Ehre machen. Und im Gegenzug?
Diese goldenen Wände würden sie beschützen, auch und vielleicht ganz besonders vor sich selbst. Denn im Ritz konnte einem nichts Schlimmes passieren. Es war dazu gemacht, einem jeden launischen Wunsch zu erfüllen, wie lächerlich er auch sei. Würdest du vielleicht gerne an einem frischen Biedermeiersträußchen schnuppern, während du in einer riesigen Badewanne mit goldenen Wasserhähnen in der Form von Schwänen sitzt? Das Ritz kümmert sich darum. Möchtest du deinen Hund ausführen lassen, während du deinen Tee zwischen den Palmen im Innenhof einnimmst und seine Mahlzeit, vom selben Koch wie deine zubereitet, auf einem Satinkissen zu deinen Füßen auf ihn wartet? Das Ritz sorgt dafür. Hat dich dein Ehemann gestern betrogen und du möchtest dich heute gerne an ihm rächen, kennst jedoch keine geeigneten jungen Männer?
Das Ritz besorgt sie dir. Und beschützt dich vor den Konsequenzen. Auch wenn nicht nur die Reichen Geheimnisse haben und das ärmste Zimmermädchen am meisten zu verlieren hat – macht nichts, denn kaum betritt man das Ritz, atmet man ein wenig freier und schwelgt, wie man es sich nirgends sonst erlauben würde. Denn im Ritz ist man sicher aufgehoben, man muss es einfach glauben. Und jetzt? Immer noch? Jetzt, da an seinem berühmten Eingangsportal nicht mehr ein Türsteher im schwarzen Uniformmantel mit Zylinder steht, sondern ein Nazisoldat?
Blanche schaudert, greift zu ihrer Handtasche und geht hinaus, um sich von einem Mann einen Drink einschenken zu lassen.
Auch den kann einem das Ritz besorgen.
Kapitel 4
1923
Der strahlende Prinz weckte die schöne Maid mit einem Kuss …
»Nimm mich mit in dieses Ritz, von dem du immer schwärmst, Claude«, neckte sie ihn und kitzelte ihn dabei im Nacken. Dann wurde sie ernst. »Stell mir diese Frage, die du mir eben stellen wolltest.«
