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Über die Königin Luise von Preußen ist ein Schleier aus Verehrung und Verleumdung gebreitet worden, der ihre wahre Gestalt verhüllt. Während die einen in ihr nichts anderes sehen wollen als ein völlig unirdisches, niemals irrendes Wesen, missbrauchen die andern ihre Phantasie, um aus der Königin ein leichtsinniges, vielen oberflächlichen Liebesbeziehungen zugeneigtes Weib zu machen, dem nur die Verquickung mit der unglücklichen Geschichte Preußens Züge von Größe verlieh.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
DIE KÖNIGIN
ROMAN
VON
EDITH MIKELEITIS
Die Königin zog ihren Pelzumhang enger um die Schultern, denn der beginnende Juniabend strich mit kühlem Wind über das Haff. Das nahe Meer verwandelte selbst glutvolle Tage bei scheidendem Licht in glasklare Frische, darin man gut und leicht atmen konnte. Die Häuser von Memel wurden noch immer nicht sichtbar, obwohl man schon lange in der geschmückten Barke saß, die, ein großer Kurenkahn, für die Königin von Preußen so bequem eingerichtet worden war, wie sich die Bürger der Stadt das Schiff einer Fürstin vorstellen mochten. Es sah beinahe einer Gondel ähnlich, wenn auch aller Reichtum von Blumen und bunten Bändern die plumpe Form nicht verbergen konnte.
Die weite Wasserfläche machte Luise traurig. Aber sie liebte diese unbestimmte Traurigkeit des Herzens, die aus Urgründen aufstieg. Auf dem sanften, schönen Gesicht der Königin, das aus der Umrahmung eines Spitzentuchs sich entspannt und weit aufgetan dem Himmel zuwandte, wuchs mehr und mehr ein Schimmer sehnsüchtiger Schwermut. Ihre großen, blauen Augen unter der hohen Stirn blickten in die Ferne, ohne etwas Bestimmtes zu erfassen. Die schön geschwungenen Lippen zitterten zuweilen wie in einer stummen Zwiesprache mit einem unsichtbaren Gegenüber. Die alte Oberhofmeisterin Gräfin Voß, die Hofdamen und Kavaliere hatten sich im Halbkreis um die Königin gelagert, ungeduldig und müde der Wasserfahrt, die durch die Schweigsamkeit Luises nicht kurzweiliger wurde.
Sie aber bemerkte nicht, was um sie her vorging, so sehr umspülten sie Gefühle und Bilder ihres vergangenen und gegenwärtigen Lebens. Plötzlich schauerte sie zusammen. Es mochte eine kühle Brise sein, die das Wasser kräuselte und sie frösteln ließ – oder war es die Erwartung der morgigen Begegnung mit dem Zaren?
Sie lehnte sich tiefer in den aus vielen Kissen bereiteten Sitz und schloss die Augen. Es tat ihr wohl wie lange nichts mehr, so allein und abgeschlossen in diesem kleinen Schiff zu sitzen, über sich den Himmel und weit und breit nur das geheimnisvolle Element Wasser, dem kein Menschenverstand Gewalt und Freiheit zu binden imstande war. Hier brauchte sie nicht jene milde Heiterkeit zur Schau zu tragen, die der König so liebte und ohne die er leicht unruhig und verzagt wurde.
Bei dem Gedanken an Friedrich Wilhelm straffte sie sich, und ein mütterlicher, erbarmender Zug vertiefte ihr junges Gesicht. Mit bewussterem Blick suchte sie jetzt über die Weite ringsum. Da hoben sich gerade vor ihren Augen die Türme Memels aus dem flachen Landstreifen empor, noch fern, aber schon nahe genug, um auch den geschmückten Hafen erkennen zu lassen, wo eine bewegte Menge sich drängte.
Luise ließ sich willig von ihren Damen die kleinen Handreichungen zur Auffrischung ihres Äußeren gefallen, während doch ihre Seele, befangen von undeutlicher Erwartung, sich nicht bis zum gegenwärtigen Augenblick ermuntern wollte, sondern im Traum und im Dämmer verharrte.
Tiefer noch sank sie in ihre seltsame Traumverlorenheit, als sich plötzlich junge Stimmen erhoben und ein schwermütiges, fremdes Lied sangen, das gleich klingenden Urlauten über das Wasser schwebte. Kurenkähne näherten sich dem Königsschiff, und im Auf und Ab des Ruderschlags bewegten sich viele schlanke Mädchenkörper im bunten Festgewand der Ostpreußinnen. Ihre Königin erkennend, brachen sie in Jubel aus und warfen duftende Blumen hinüber, die glänzenden Gesichter der schönen Frau zugewandt, ungläubig fast vor so viel nie gesehener Anmut.
Luise schreckte auf, und der verlorene Ausdruck ihres Gesichts wechselte zauberhaft zu freundlicher Anteilnahme. Sie rief den Mädchen eine Bitte um Wiederholung ihrer Gesänge hinüber, um noch einmal in den Traum einer weichen Sehnsucht zu finden, ehe sie endgültig von dieser Stunde Abschied nehmen musste.
Willig stimmten die Kinder des Volkes ihre Daina an, und jeder Ton sank ihr wie eine uralte Erinnerung ins Herz. Verborgenes Wissen um Liebe und Liebesleid, um Menschenwerden und Vergehen, um die Allmacht des Lebens und seines Glühens durchströmte ihr Blut und machte es schwer und reif für ein großes Schicksal. Alt wie die Welt bin ich, wurde ihr bewusst, und tausend Schmerzen habe ich erfahren, tausend Wonnen sind in mir verborgen, und sie werden mir wieder bereitet sein, weil sie das Leben sind.
Schon umfasste ihr Blick den König und seine Begleiter am Landungssteg. Er wusste ihre Augen auch in der Ferne auf sich gerichtet und belebte seine Steifheit im Vorgefühl der Sicherheit, die mit ihr ihm wieder zuwuchs.
Luise aber suchte seine Züge im Raume ihres Gedächtnisses nachzuzeichnen, und sie fand darin seinen immer mürrisch verzogenen Mund, seine lange, feine Nase und die ausdruckslosen Augen, von denen abwehrender Hochmut auszugehen schien. Und dahinter schaute sie seine Weichheit und Bedürftigkeit und seine vergebliche Sehnsucht nach Größe.
Während das kleine Schiff sich Ruderschlag für Ruderschlag dem Lande entgegenarbeitete, wartete die Königin gelassen in ihrem Sitz, und ihre Augen wandten sich erneut dem hellen, weißlichen Abendhimmel zu, dem nördliches Licht so eindringlich entfloss, dass in seinem Schein die Landschaft zu einer gläsernen Unwirklichkeit wurde. Eine Ewigkeitssekunde lang entrückte das verhallende Lied und die überirdische Helle den Sinn der Frau. Dann aber störte sie der Empfangsjubel der harrenden Bürger Memels endgültig aus ihrer Gefühlsverlorenheit auf.
Das Schiff scheuerte an der Brücke entlang. Luise strich sich mit einer Hand wie erwachend über die Stirn, während sie die andere winkend ausstreckte. Als sie sich grüßend erhob, fand sie jene warme Anteilnahme und stille Heiterkeit einer vieljährigen Selbsterziehung wieder, der ihr Mann vertraute.
Er war längst vom Pferd gestiegen und schritt ihr nun entgegen. Unbewegt blieb sein Gesicht auch im aufwallenden Entzücken seines Herzens über ihre süße, mädchenhafte Anmut, die sich im Kreise vieler Menschen erst ganz zu entwickeln schien, als strahle die Sonne ihres Gemüts heftiger im Widerspiel bereiter Augen. Ihm bedeutete eine Trennung von nur zwei Tagen, eben erst erlitten um der Manöver in Ostpreußen willen, eine große Verlorenheit im unaufhörlichen Anspruch seines königlichen Amtes.
Als sie ihre Hand in seine legte, spürte sie seine verhaltene Freude gleich einem Vorwurf für ihre eigene Kühle, und sie nahm seinen Arm mit einem guten Lächeln, das um Entschuldigung bat. So trug sie schon seit zehn Jahren die Ehe mit Friedrich Wilhelm tapfer durch alle Sehnsucht, Fülle und Ungeduld ihrer reichen Natur wie eine beständige, tief bewusste Bemühung. Sein Glück aber und das ihrer Kinder gab dieser Verbindung in ihrem Herzen die Berechtigung.
Das Volk von Memel, diese schwerblütigen, verhaltenen Menschen der nördlichen Küste fieberten seit Wochen in einer wachen Unruhe, die ihren Gesichtern Glanz verlieh. Ihnen standen jetzt diese Tage wie ebenso viele Verheißungen auf festliches Gepränge vor den weit aufgetanen Sinnen, denn im schlichten Hause des Bürgermeisters erwartete man das preußische Königspaar und seinen von märchenhaften Vorstellungen umwobenen Gast, den Kaiser Alexander von Russland. Dem eintönigen Ablauf ihres Jahres war plötzlich ein berauschendes Erlebnis eingefügt, dem sie sich mit kindlichem Überschwang öffneten.
So begleiteten sie jetzt das Königspaar auf seinem Wege durch die Stadt mit ungehemmtem Jubel. Zu beiden Seiten des geschmückten Wagens ritten die jungen Männer und Frauen, bunt und hell angetan wie der Sommer dieses Landes. Sie waren arm und schicksalsergeben, aber das legte keine Enge um ihre Herzen, sondern ein Bedürfnis nach Grenzenlosigkeit lebte ihnen tief im Gemüt und drückte sich in der Weite des Stadtbildes, in ihren geräumigen Häusern und in der offenen Freude ihrer Feste aus. Noch gab das weißliche Abendlicht genügend Schein, um dem klaren, sehr leuchtenden Gesicht der Königin jenen Schmelz zu verleihen, der das Volk fast bis zu Tränen entzückte. Sie hatten so viel Anmut noch niemals gesehen, und vielleicht standen nun ihre Märchen und Sagen lebendig in ihnen auf, darin verzauberte Prinzessinnen und mächtige Prinzen und Könige unversehens die Kargheit des Lebens erleuchteten.
Endlich, nach langen, herzlichen Begrüßungen durch die Väter der Stadt, war Luise mit ihrem Mann allein. Das einfache Zimmer belebte sich im Duft der Junirosen, womit die Frauen Memels es überreich geschmückt hatten. Luise, schon im leichten Hausgewand, stand am Fenster und sah auf die still gewordene Straße hinunter. Friedrich Wilhelm saß im Sofa und blickte mit leisem Argwohn zu ihr hin, denn unvermutet hatte ihn die Vorstellung überfallen, als sei sie traurig. Immer aber belastete ihn jede Stimmung seiner Frau mit dem Gefühl der eigenen Unfähigkeit, etwas zu ihrer Freude beizutragen.
Sie spürte sogleich seinen unruhigen Blick in ihrem Rücken und wandte sich langsam um. Obwohl in ihren Zügen noch die Versonnenheit hing, davon sie sich den ganzen Tag über nicht befreien konnte, lächelte sie ihn an. Seine Angst verflog, und ein tiefes Verlangen nach ihr zitterte um seine Lippen. Er erhob sich rasch und stellte sich an ihre Seite. Sein Atem streifte ihren Hals, und mit rauer, bewegter Stimme flüsterte er: „Sehnsucht gehabt! Wollen uns nie wieder trennen!“
Luise verhielt sich ganz still. Sie kannte jede Regung seines Herzens, und seine unbeholfene, abgehackte Sprache, die der Ausdruck seines gehemmten, niemals zur Entwicklung gekommenen Wesens war, rührte ihre Mütterlichkeit an. Sie zog seinen Kopf zu sich herab und küsste ihn auf den Mund.
„Du weißt doch, dass ich immer an dich denke“, sagte sie leise. In seine hellen Augen kam ein Strahlen. Seine gezwungene Haltung veränderte sich, und es schien so, als ob ihm wie durch ein Wunder Zuversicht und Mut wieder wuchsen.
Vielleicht ist in ihm ein ganz anderer Mensch verborgen, dachte sie plötzlich und betrachtete den gelösten Ausdruck seines Gesichts. Vielleicht hat nur seine trübe Jugend alle Ansätze in ihm zerstört, und er ist wie ein halb vertrockneter Baum geworden, an dem einige Äste noch mühsam grünen!
Diese Vorstellung überwältigte sie, so dass sie mit wahrhafter Zärtlichkeit seine Umarmung erwiderte und ihren von ihm so geliebten Leib an ihn schmiegte. Dass sie ihm Lebensatem und Wärme gab, durchflutete sie wie Glück, darin ihre eigene Einsamkeit unterging.
In ihr war keine Lüge, ihres Herzens Wille hieß Schenken und Sichverschwenden. Und als sie endlich allein in ihrem Zimmer lag und nicht einschlafen konnte, noch des Mannes Umarmung in ihrem Blute spürend, umfassten ihre Gedanken die Welt und alle nahen Menschen mit Liebe.
Als Luise spät am Morgen erwachte, lag sie noch lange mit geschlossenen Augen, ohne sich zu rühren; wie gern wollte sie den Tag mit seinen Anforderungen noch hinausschieben! Jedes Mal fiel es ihr schwer, ihn zu beginnen. Sie verzögerte das Aufstehen, solange sie durfte, ohne den peinlich genauen König allzu sehr zu erzürnen. Sie sah des Lebens Geheimnis nicht wie er dadurch gelöst, dass man dem Dasein die Zeit abjagte in beständigem Tun der Hände oder des Kopfes. Wahrscheinlich hat auch der große Friedrich viele Stunden seines wachen Lebens nichts getan, dachte sie. Um aus den Gründen emporsteigen zu können, brauchen alle großen Wesensströme die Ruhe der Oberfläche.
Sie sah den alten Einsamen von Sanssouci deutlich vor sich, wie sie sich ihn vorstellte, seitdem sie einmal als Mädchen in einer Gesellschaft bei ihrer Darmstädter Großmutter einem begeisterten Prinzen zugehört hatte, als er von dem Preußenkönig erzählte. Die mächtigen blauen Augen saugten jedem Gegenüberstehenden die Wahrheit aus der Seele, so sagte der Prinz. Es gäbe vor ihnen kein Ausweichen. Wem Kleinlichkeit, Lüge und Bosheit auf dem Gesicht stünden, der vermöchte vor dem Blick des Alten nicht zu bleiben. Wer ihm aber gerade begegnete, dem enthüllte sich plötzlich ein von innerster Lebendigkeit leuchtender Mensch.
Luise seufzte und drückte sich tiefer in die Kissen hinein. Sie wusste um Friedrich Wilhelms unglückliche Sehnsucht, dem überragenden Vorfahren ähnlich zu werden, doch gedieh ihm das Vorbild eher zum Schaden als zum Segen. Wie ein riesiger Schatten lag des großen Friedrich Wirklichkeit über Preußen und lähmte das Vertrauen in die eigenen Kräfte der Gegenwart.
Aber noch trugen die Säulen der Vergangenheit das Gefüge des Staates fest genug, und die Königin drängte alle bedrohenden Gedanken weit weg, denn heiter spielte die Sonne auf ihrer Bettdecke und auf ihren Händen, als sie die Augen öffnete, und ihr Blick traf in den Fenstern den blauen Sommerhimmel und die grünen Kronen hoher Bäume. Und sie selbst war jung, so jung, wie ihre Jahre nicht mehr wahrhaben wollten. Sie hatte sechs Kinder und näherte sich dem dreißigsten Lebensjahr. Dennoch! – Luise streckte und dehnte sich. Ihr Körper hatte durch alle Geburten seine Schönheit und Schlankheit behalten, als wappne ihn ihre ihn ganz erfüllende Seele mit Unversehrbarkeit. Verwunderung diesem Rätsel ihrer Natur gegenüber beherrschte die alternden und verblühenden Frauen ihrer Umgebung. Ihre kluge Großmutter in Darmstadt aber hatte einmal von ihr gesagt: „Sie wird immer schön bleiben, denn sie hat ein opferfähiges und großes Herz!“
An solche ernsten und heiteren Dinge dachte Luise, und nun lag der Tag vor ihrem Blick ausgebreitet, ein Tag voller Erwartungen, die sich erfüllen sollten, ein Tag festlicher Begegnung mit einem ebenbürtigen und jungen Freunde, und ein Tag neuer Schicksalsanbahnung für das Land Preußen ...
Der König trat ein, schon in voller Uniform, da er seit Stunden bei der Aufstellung der Ehrentruppen für den Zaren zugegen gewesen war. Luise sah ihm ein wenig beklommen entgegen. Morgens vertrug sie am schlechtesten die gelangweilte und leblose Art ihres Mannes, dem jeder Tag schwer am Schritt klebte, sodass er ihn übellaunig und trübe hinter sich herzog.
Doch heute war er heiter. Sie streckte ihm ihre beiden Hände hin, als er sich auf dem Bettrand niederließ und ihr von den Vorbereitungen zum Empfang erzählte.
Sie hörte schweigend zu. So nahe schon war die lange erwartete Begegnung mit Alexander, und sie spürte, wie ihr das Blut zum Herzen rann, als stünde ihr eine hohe Prüfung bevor.
Aber nur einen Augenblick dauerte diese seltsame Beklemmung, die ihr Gesicht bleich gemacht und ihren Augen etwas Erschrockenes gegeben hatte. „Was fehlt dir, Liebe?“, fragte Friedrich Wilhelm und fasste nach ihrer kalt gewordenen Hand.
Sie wehrte ab. Sie mühte sich überstürzt um lächelnde Heiterkeit, die alles überdeckte.
Er beruhigte sich sogleich. Im Glanze dieses jungen, strahlenden und gesegneten Tages blühte auch er ein wenig auf, und Luise fühlte plötzlich, dass auch er noch jung sei. Verwundert weilte sie bei diesem Gedanken, denn des Königs Art verhüllte sonst jede Spur einer Jugend, als sei er alt geboren, uralt und blütenlos.
Er sah sogar schön aus!
Dieses Bewusstsein erwärmte sie noch beim Ankleiden, dem sie sich mit sorgsamer Geschäftigkeit hingab wie ein sehr junges Mädchen. Die alte Hofmeisterin vergaß über dem Putz ihre sonst streng gewahrte Würde. Sie gab dem weißen, fließenden Kleid reichen Beifall und befestigte, die Kammerfrauen beiseiteschiebend, selbst das schlichte Diadem im hanfblonden Haar der schönen jungen Frau.
In den Augen der Hofdamen spiegelte sich Luises Anmut wider. Ein geheimnisvoller Zauber hob sie über jedes gewöhnliche Maß empor, und mochten auch viele Frauen leuchtendere Farben und ebenmäßigere Formen zeigen – ihr allein gab ein Zusammenklang von Körper, Seele und Geist jene Vollkommenheit, die nicht nur die Sinne, sondern auch die Herzen entzückte.
Dann stand Luise endlich am Fenster des großen Vorzimmers und blickte auf die Straße hinab. Blumen und Fahnen leuchteten in der Mittagssonne. Es war sehr heiß. Die Soldaten, seit den Morgenstunden aufgestellt, atmeten schwer unter den dicken Uniformen. Dennoch ging ein freudiger Ruck durch sie hindurch, als die Fanfaren die Ankunft der beiden Herrscher verkündeten.
Friedrich Wilhelm war dem Zaren entgegengeritten. Im Hintergrund der Straße tauchte der prächtige Reiterzug vor den Augen der Königin auf. Sie stand ganz still. Fast starr waren ihre Augen auf die fremde Gestalt gerichtet, die sie sich oftmals vorgestellt hatte und die dennoch alle ihre Gedankenbilder weit übertraf.
Langsam entwuchs der Umriss des jungen Zaren der Ferne, wurde klarer und erfüllter und gab endlich jede Einzelheit preis. Neben dem steifen Preußenkönig gewann seine ritterliche Haltung eine besondere, kraftvolle Anmut und freimütige Ungezwungenheit. Er trug die gleiche Uniform wie Friedrich Wilhelm, sodass schon darin die Brüderlichkeit ihrer Begegnung sich ausdrückte.
Suchend glitten Alexanders Augen an der Fensterfront des Hauses entlang, vor dem sie hielten. Gerade noch gelang es dem eifernden Zugriff der Oberhofmeisterin, die Königin dem vorauseilenden Blick des Kaisers zu entziehen. Ihr Amt war es, einer solchen geschichtlichen Begegnung die Strenge zu verleihen, darin sich große Ereignisse ankünden.
Luise zuckte zusammen, als erwache sie aus langem Schlaf. Verständnislos betrachtete sie einen Augenblick lang das säuerliche Gesicht der Gräfin, darin hektische Röte der Erregung brannte.
„Ach“, sagte sie leise und traumverloren, „jetzt ist es soweit!“
Sie trug sich sehr aufrecht, als sie kurz darauf dem Zaren entgegenging und ihn an der Tür des Vorzimmers empfing.
Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber. Ihre Blicke trafen sich. Einer erkannte im anderen eine Hoffnung und eine Sehnsucht.
Alexander gewann in der Nähe eine fast frauenhafte Schönheit. Seine jungen Züge strahlten von Gesundheit, und in seinen Augen glomm eine immerwährende Bereitschaft zur feurigen Anteilnahme. Das gab seinem Gesicht jene Lebendigkeit, die wie Gläubigkeit wirkte, und niemand konnte sich dagegen wehren, dass in seiner Gegenwart die Welt plötzlich sich heiter verwandelte, hoffnungsvoll und beschwingt wurde und ihre dunkle Drohung verlor. Sah man den schön gewachsenen, edlen Jüngling an, dem das Mannestum kaum schon schärfere Umrisse gegeben hatte, so vermochte man ihm nur lauterste Gesinnung zuzutrauen und fühlte sich geborgen.
Als er Luises Stimme, diese dunkle, schwingende Stimme zum ersten Mal vernahm, horchte er betroffen auf. Niemals hatte er eine Frau so sprechen hören! Ihre Erscheinung, tausendmal geträumt durch die Erzählungen seiner Schwester, der jungen Helene, die mit dem Erbprinzen von Mecklenburg-Schwerin verheiratet war, überwältigte ihn nicht so sehr wie diese weiche Stimme. Es gab am russischen Hofe Frauen von großer Schönheit. Aber kaum hatte ein sanftes Lächeln Luises Züge erhellt, kaum hatten sich ihre großen, strahlenden Augen auf ihn gerichtet, und kaum klang ihre bezaubernde Stimme in seinem Ohr, als er beglückt wusste: diese Frau ist unvergleichlich!
Das spürte Alexander, während er sich über Luises Hand beugte und den Duft ihrer Haut wie ein neues Wunder in sich aufnahm. Frisch und zart wie ihre Farben war er, und der Kaiser blieb länger über ihre Hand geneigt, als es üblich war. Luise führte ihn mit benommener Sicherheit in den Salon, wo man sich ruhig gegenübersaß und die ersten Höflichkeiten austauschte.
Alexander bat, man möge jede höfische Steifheit aus dieser Begegnung verbannen, um einander den Beweis zu geben, dass Herrscher auch Menschen seien.
Luise lächelte. Was er sagte, klang wie das Schwärmen eines jungen Abenteurers, und sie dachte, dass es für ihn, den selbstherrlich erzogenen, mächtigen Kaiser, vor dem aller Glanz der Welt ausgebreitet lag, ein Abenteuer bedeuten mochte, hier in einer sehr kleinen preußischen Stadt in einem einfachen Bürgerhause mit einem Königspaar zusammenzutreffen, gleichsam den Kaiser im Bürgerrock zu spielen und dabei dennoch festlicher Freude gewiss zu sein.
Dieser Gedanke stimmte sie heiter. Und sie fühlte sich jung und noch aller Zukunft sicher, als sie sich nun ganz dem freien Gedankenaustausch mit Alexander hingab und so schon nach einer kurzen Stunde mehr um ihn wusste als in Jahren des Hinhorchens um Friedrich Wilhelm. Des Kaisers Art teilte sich ihr mühelos mit, als seien sie seit Urtagen vertraut, während das fremde Wesen ihres Mannes beständig als schwere Aufgabe auf ihrem Leben lag.
Endlich aber trennte man sich, um sich für das festliche Essen umzukleiden.
Luise lag auf ihrem Ruhebett und verfolgte mit den Augen die langen Schritte ihres Mannes, der im Zimmer auf und ab ging. Obwohl er sich kaum in die Gespräche der beiden eingemischt hatte, erfüllte ihn mehr als er zu zeigen vermochte die freimütig-offene Zugeneigtheit Alexanders mit ungewohnten Gefühlen. Er war freudig bewegt und murmelte abgehackte Sätze vor sich hin. „Müssen Bündnis schließen für alle Zeiten! Haben Zutrauen!“, sagte er immer wieder, und sie wusste, wieviel bei seiner schwer in Begeisterung geratenden Natur solche Worte bedeuteten.
Sie aber fühlte sich seltsam verwandelt, als sei nur die eine soeben verflossene Stunde ein voller Klang in ihrem bisherigen Dasein gewesen, und als läge nun weit hinter ihr, was jemals war. So heiter sie in Gegenwart des Kaisers auch gewesen – jetzt liefen Schauer wie von einer beginnenden Krankheit über ihren Leib.
Luise seufzte erleichtert auf, als Friedrich Wilhelm sie verließ. Sie lag ganz still. Immer noch klang ihr die junge und begeisterte Stimme im Ohr, die soviel längst Vergessenes geweckt hatte. Einst gingen auch ihre Hoffnungen auf große Erfüllungen hoch über alles gewöhnliche Maß, und sie hatte als Braut davon geträumt, ihren Mann zu Taten zu begeistern, die seinem Volk zum Glück gedeihen sollten; was aber bisher erfüllt worden war, sah einem friedvollen, bürgerlichen Wohlleben gleich, dem sie, die Frau, das schöne Äußere und den Gleichklang verlieh, der die Schwunglosigkeit des gemeinsamen Daseins in einen freundlichen Alltag verwandelte.
Endlich besann sie sich wieder auf den Augenblick und kleidete sich um, aber sie achtete kaum auf ihren Anzug. Und immer noch träumend durchschritt sie am Arm Friedrich Wilhelms die Zimmer bis zum Esssaal.
Im selben Augenblick wie das Königspaar betrat Alexander den Saal. Auch er zeigte sich verwandelt. Luise spürte es sogleich. In seinem strahlend jungen Gesicht lag ein verlorener Ernst, den es vorher nicht gezeigt hatte. Sein Blick suchte den ihren mit beinahe ängstlicher Frage, aber er wandte sich sogleich Friedrich Wilhelm zu, als müsse er eine Unruhe verbergen.
Während Luise stumm bei Tisch saß, einer Rose mit zusammengefalteten Blättern gleich, gelangte Friedrich Wilhelm zu einer für ihn seltenen Lebhaftigkeit, vergaß seine Beklemmung und redete mehr als sonst in zusammenhängenden Sätzen. Der Kaiser erwiderte höflich, aber ein Schleier hatte sich über seine Stimmung gebreitet.
Nur Luise fühlte es. Mehr und mehr verwirrten sie die starrenden Blicke der russischen Herren, die ihr gegenübersaßen und sie mit ihren kindlich-grausamen Tatarenaugen in sich einzusaugen schienen. Aber es lag in ihrem Blick kein Begehren, eher staunende Ehrfurcht wie vor einem sehr entfernten Bild. Doch brachten diese Blicke die Königin allmählich in eine gereizte unnatürliche Beredsamkeit, die zu ihrem bisherigen Schweigen in schroffem Gegensatz stand.
Alexander sah ihr aufmerksam ins Gesicht. Ihre Züge spannten sich wie unter einer Anstrengung, und ihre Augen glänzten in verhaltener Unruhe. Das schöne Wesensmaß, der Zauber eines immerwährenden Gleichgewichts schienen sie verlassen zu haben.
Die Königin nahm das Gespräch über Bonaparte auf, den ein russischer General im Tone anbetender Bewunderung nannte, da Europa von seinen ersten Siegen in Ägypten und in Italien widerklang. Dass dieser selbe Napoleon dem Preußenkönig soeben Gebiete am Rhein weggenommen und ihn dafür mit Münster und Paderborn entschädigt hatte, war dem begeisterten Russen nicht eingefallen.
„Die Welt kann nur durch die Siege der Guten besser werden, nicht durch die Siege der Bösen! Von Napoleon ist darum nichts zu erwarten als Zerstörung!“ Ihre Stimme klang einsam im Raum.
Die Generäle und die Brüder des Königs, Heinrich und Wilhelm, richteten sich steif auf, denn auch in den jungen Prinzen glühte eine unbenannte Begeisterung für den kühnen Korsen, der der Welt neue Gesetze zu geben schien. Der König zog die Brauen hoch und sah seine Frau vorwurfsvoll an, denn es bestand eine geheime Abmachung zwischen ihnen, die ihr die Beteiligung an politischen Gesprächen vor anderen verbot; nichts auf der Welt fürchtete Friedrich Wilhelm mehr als das Urteil der Menschen und einen Vergleich seines Verstandes und seiner Einsicht mit den reichen, natürlichen Geisteskräften seiner Frau. Nur im Alleinsein mit ihr teilte er sich manchmal mit und horchte erleichtert auf ihren gesunden Rat.
Betroffen blickte Alexander von einem zum anderen. Wie durch einen Blitz erhellte sich für ihn diese Ehe, darin das Seltsame geschah, dass der Mann von den quellhaften Kräften der Frau lebte, aber es kleinlich vor den Augen der Welt verbergen wollte, eigensinnig auf die eigene Geltung bedacht, die ihm überall gefährdet schien. Für ihn, den Russen, lag Frankreich weit, und der Name Napoleon erregte ihn noch nicht. Jedoch sprang ihn aus Luises Worten plötzlich eine feurige Empörung an, die ihm das Blut in die Schläfen trieb und ihn aufhorchen ließ. Bisher hatte er den ehrgeizigen Franzosengeneral noch nicht mehr beachtet als jede andere seltsame Erscheinung. Durch die lohende Anteilnahme dieser Frau jedoch gewann Napoleon für ihn den Umriss einer gefährlichen Gestalt.
Der Zar suchte Luises Augen und sah sie beruhigend an. Er fühlte ihre Vereinsamung unter diesen Menschen, die sie alle zu lieben vorgaben, aber er, jugendlichen Einsichten noch zugänglich, die immer weise sind, wenn sie aus den Gründen angeborener Erfahrung aufsteigen, er allein erkannte dieses glühende Frauenherz zwischen den aschgrauen Herzen ihrer Umgebung, und diese Erkenntnis schuf eine geheime Zusammengehörigkeit zwischen ihnen.
„Macht will immer sich selbst, wenn sie nicht vom Volke verliehen und im Volke verwurzelt ist. Darum wird dieser Napoleon ein sengender Sturm, aber kein fruchtbarer Atem über Europa sein!“ Alexander sprach bestimmt, vom eigenen Willen hingerissen, dieser Frau zu helfen. Entflammt leuchtete sein Gesicht.
Luise erbebte vor Freude. Sie war nicht mehr allein. Es gab einen Mächtigen, einen Gewaltigen, der ihr beistehen würde gegen den eigensinnigen Kleinmut der Schwachen! Er sieht Louis Ferdinand ähnlich, dachte sie plötzlich, aber zugleich hob sich die Gestalt des kühnen und geistreichen Preußenprinzen in ihrer Erinnerung entscheidend von dem jungen Kaiser ab, denn wohl loderte Louis Ferdinands Herz in stürmischer Tatenlust und Heldenkraft, doch versagte die Bändigung seines ungezügelten Charakters so sehr, dass jeder schwachsinnige Nörgler Recht gegen ihn behielt und er auf der einen Seite immer verdarb, was sein hoher Geist auf der anderen begann.
An der Tafel herrschte nach Alexanders Worten tiefes Schweigen. Friedrich Wilhelm hob verstimmt einen Bissen nach dem anderen zum Mund, wieder verschlossen und hochmütig, ganz unzugänglich, wie Luise ihn nach solchen Zwischenfällen kannte. Erfahren in allen Gedankengängen ihres Mannes, verfolgte sie Zug um Zug seine quälerische Zerrissenheit, denn für ihn bedeutete die plötzlich auftauchende Erscheinung Napoleons ein unübersehbares Feld von lauter unbestimmten Prüfungen, denen er sich nicht gewachsen wusste, und es schien ihm ein ungerechtes Schicksal, dass gerade in seiner Regierungszeit die ungeheuerliche Gestalt des Korsen drohend über Europa aufgestanden war. Darum vermied er, diesen Namen auszusprechen, als vermöchte Schweigen die Gefahr zu bannen.
Der Zar hatte inzwischen das Gespräch mit viel Leichtigkeit auf andere, gefahrlose Gebiete gelenkt. Aber als man sich dann für einige Stunden trennte, fühlte sich Luise elend und matt. Ängstlich suchte sie des Königs missgelaunte Nähe zu umgehen und legte sich zum Schlafen nieder.
Niemals vorher bewegte sie der Wunsch nach einem Gefährten des Geistes und des Blutes heftiger als jetzt, nachdem der Einbruch des Ungewöhnlichen geschehen war. Solange noch über ihrem Leben der Schleier aus Täuschung und Traum gehangen hatte, hielt sie für Glück und Frauenlos, was ihr beschieden gewesen war. Jetzt aber zerriss dieser Schleier vor dem strahlenden Bild eines Herrschers, der, jung und edel, der Welt zum Heil aufgegangen zu sein schien und in dessen Nähe sich die Gespenster der Unzulänglichkeit verkrochen.
War sie krank? Noch am Morgen hatte sich ihr Leib wie eine junge Frucht dem Tag entgegengespannt. Nun aber welkte er müde hin, und kein ruhiger Schlaf wollte ihn erquicken.
Sie sah verändert und elend aus, als sie nach Stunden dem Kaiser den Tee reichte, auf dem Sofa liegend und im zwanglosen Hauskleid, das ihre schönen Formen verhüllend und zeichnend zugleich umspannte.
Alexander streifte ihre Gestalt mit einem behutsamen Blick und spürte zärtliche Wärme für diese von seelischen Stürmen durchschüttelte Frau, deren Augen, anders als die Augen aller Frauen, einen Schimmer unergründlicher Tiefe hatten, wie der Wasserspiegel über dem Meer. Ihm, dem mit so vielen Gaben der Natur ausgestatteten Kaiser, boten sich die Frauen fast schrankenlos an, Fürstinnen und Mädchen aus dem Volke gleich leidenschaftlich, zudringlich und ohne Scham. Aber diese Frau hier blieb fern auch in der bestrickendsten Nähe, um sie webte ein besonderer Liebreiz voller Spröde, den er verwundert und betroffen als etwas Neues empfand.
Sie waren allein. Friedrich Wilhelm hatte sich für eine kleine Stunde entschuldigen lassen. Luise, sonst mit meisterhafter Sicherheit jede Lage beherrschend, befand sich immer noch im Bann einer traumhaften Stimmung, die sie nicht abzuschütteln vermochte, soviel sie sich auch innerlich zum Wachsein ermunterte.
So füllte sie des Kaisers Tasse schweigend und wich seinen Augen aus. In den letzten Stunden ihres Alleinseins waren zu viele unbekannte und zwiespältige Gefühle in ihr erwacht, als dass sie so schnell in die gewöhnliche Bahn gesellschaftlicher Gespräche zurückfinden konnte.
Was sie für schöne Hände hat, sann Alexander und folgte jeder ihrer Bewegungen mit dem Blick. Zart und kraftvoll, ebenmäßig und groß – ganz wie sie selbst ist!
Und dann beugte er sich plötzlich über eine dieser weißen Hände und küsste sie.
Luise erschrak. Wie ein Schlag erschütterte dieser scheue Kuss ihren Körper. Empfindsam und bloß lag ihre Seele vor Alexander. Dennoch umgab sie eine Unberührbarkeit, die er wie eine Warnung spürte.
Doch schon hatte sich Luise gefasst. Sie lächelte. Ein mildes, gleichsam verzeihendes Lächeln, das ihr Gesicht ihm weit entrückte. Dann aber begann sie zu sprechen, und allmählich gewann sie sich selbst so sehr wieder, dass sie ihn führte, wohin sie ihn haben wollte: zu Bekenntnissen seines eigenen Lebens, das nun farbenprächtig, glühend, tollkühn und schwermütig sich vor ihrem erkennenden Bewusstsein entrollte.
Alexander fühlte ihre Anteilnahme. Das lockerte ihn auf. Er schilderte seine Kindheit im Banne eines grausamen und kalten Vaters. Anfälle von Umnachtung hatten diesem Züge jenes tatarischen Teufeltums gegeben, dem niemand aus seiner Umgebung entrinnen konnte. Und er selbst, das gefühlvolle Kind einer zarten Mutter, hin und her gerissen zwischen Machtrausch und weicher Hingabesehnsucht, spürte von Jahr zu Jahr mehr die ungeheure Aufgabe, der er entgegenwuchs und die es zu meistern galt.
Hier verhielt der Kaiser einen Augenblick. Sein entflammtes Gesicht verdüsterte sich zu einer Maske des Willens. Niemals hatte Luise eine solche jähe Veränderung in einem Menschenantlitz erlebt. Fremd, feindlich, kalt, unsagbar selbstwissend blickte er an ihr vorbei in eine Ferne, die auch sie nicht mit ihm teilen konnte.
Luise erschauerte. Aus seinen Zügen wehte ihr der unendliche Steppenwind Russlands entgegen, des unbezwinglichen Reiches eines langsam erwachenden, aus Millionen Keimen hervorwachsenden Volkes. Und dieser glänzende Mann vor ihr war sein Herrscher. In ihm trafen sich alle Zuflüsse des Volksblutes wie in einem Strom und machten ihn mächtig und geheimnisvoll wie sein Land.
Ihr, die bisher allein im kühnen Gesicht des Prinzen Louis Ferdinand das sinnvolle Bild eines zum Heldentum Berufenen gesehen hatte, tat sich blitzgleich die ungeheure Möglichkeit menschlichen Seins im Tatarengesicht des Russenkaisers auf, und sie wusste plötzlich um die Berechtigung alles Lebens, wie es sich auch verkörpern mochte. Die kleine mecklenburgische Prinzessin, jetzt Königin von Preußen, begriff, weit aus sich selbst hinausschreitend, in diesem Augenblick mehr vom göttlichen Schöpferwillen als in Jahren der Belehrung durch Väter und Lehrer. Das unverhüllte Leben selbst griff tief in ihr Sein und machte sie ehrfürchtig und stumm. Es war nicht dieser Russe, dieser Alexander, der das in ihr bewirkte, es war vielmehr eine jener tiefen Anrührungen eigensten Ewigkeitwissens, dazu er nur den Anlass gab.
Sie sprach nicht. Sie schaute in sein Gesicht, und sie sog jeden Zug daraus in sich ein, als wolle sie es für immer bewahren.
Und jetzt erstieg Alexander schwärmend jene Gipfel heiliger Vorsätze, die der Zeit Überschwang waren. Die Menschheitsideen, vorbereitet durch viele ringende und leidende Geister, erfassten ihn, den europäisch Erzogenen, mit der Gewalt seiner leidenschaftlichen slawischen Seele. Was wollte er an Segen und Taten für sein Volk vollbringen! Seine durch Jahrhunderte geknechteten Untertanen, unter den schonungslosen Fußtritten der Mächtigen verkümmert und verkommen, sollten zu aufrechten Menschen erzogen und geleitet werden, und er, der Zar, oberster Diener seines Staates wie der große preußische Friedrich, wollte sich demütig unter seine Aufgabe beugen.
Luise hörte zu. Langsam entzündete sich ihr Herz an seinen Gedanken. Zuerst fast ungläubig, mehr und mehr aber mit schwingendem Entzücken vernahm sie aus diesem Munde, was sie heimlich als niemals zu verwirklichenden Traum in sich getragen hatte. Immer bisher enttäuschte sich ihre Opferbereitschaft als Königin am lauen Vernunftglauben des Königs und seiner Umgebung. Darum lebte schon lange zurückgedrängt, was einmal kühnes Wollen gewesen. Dass sie jetzt hier, im wirklichen Licht des Tages, ausgesprochen von einem der mächtigsten Herrscher der Erde, alle jene Gedanken wiederfand, die sie schon als jugendliche Schwärmereien aufgegeben hatte, beglückte sie.
Der müde Ausdruck ihrer Züge wechselte zu einer feurigen Belebtheit.
Alexander hielt in seiner Rede inne und sah sie an. Aus ihren bisher so sanft verhangenen Augen blitzte ihm der Mut einer lange zurückgehaltenen Begeisterung entgegen. Ihre Lippen bebten, als wollte sie Unaussprechbares sagen, und ihre Gestalt unter dem leichten Kleid spannte sich.
„Sie werden schöner, je länger man Sie ansieht, Luise“, sagte er leise und mit dem vertrauten Ton eines Verwandten. Es war nichts in seinen Worten, was sie verletzen konnte. Schwebend hing über ihnen das Geheimnis innerster Begegnung, darin alle Wünsche noch schwiegen. Niemals hatte Alexander einer Frau so gegenübergesessen, bewegt von großen Gedanken und rein im Wollen, unfassbar durchdrungen von Güte und der Sehnsucht nach Höhe und Wirklichkeit des Lebens.
Luise wurde ruhiger. Soeben noch fiebernd vor Verlangen nach kühnen Taten, wie sie ritterliche Menschen aller Zeiten zur Auferbauung der Welt opfermutig planen, besänftigte sich ihr Gemüt im Bewusstsein einer traumhaften Gegenwart, die ihr früheres Dasein weit überstieg. Sie sah den Kaiser an, lange, still und wie prüfend. Dabei dachte sie plötzlich daran, dass er sehr weiche Lippen und einen fraulichen Mund hatte, einen schwachen Mund, der gern küssen und sprechen mochte, der sich aber nur schwer im eisernen Willen des Geistes zusammenpressen konnte.
Doch sie scheuchte diese Gedanken sogleich weit weg, als hätte sie damit ein Unrecht an einem keimenden Vertrauen begangen. Noch glühte in ihr der Glaube an das Wunder im Menschen so stark, dass sie diesem auserwählten Manne neben sich die volle Kraft zur Erfüllung seiner Pläne zusprach. Noch wehten über ihr nicht die kühlen Erfahrungen von enttäuschter Erwartung, gedemütigter Hoffnung und gekränkter Liebe, noch wölbte sich heiter der Himmel über einer gefahrlosen Welt, darin ihr selbst der Rang zuerteilt war, Freude und Anmut für ein Volk zu bedeuten.
„Wir wollen uns niemals schmeicheln“, sagte sie leise. „Es gibt so wenig Wahrheit auf dieser Erde, dass sich ebenbürtige Gefährten nur durch sie auszeichnen können, durch nichts anderes ... Und“, fügte sie noch leiser hinzu, „Wahrheit ist überall dort, wo auch Gott ist.“
Er horchte auf. Wie eine Beschwörung sprach sie die wenigen Worte, und verwundert spürte er darin Angst vor dem Schicksal, vor ihrem gemeinsamen Schicksal.
Er nahm ihre Hand, die ein wenig verkrampft auf der Sofalehne lag, und zog sie wieder an seine Lippen. Dieses Mal aber brachte sein Kuss keine Verwirrung über sie. Schon hatte sie das Erlebnis dieser Stunde einander so nahe geführt, dass sie sich ihm vertraute. Ihn aber überwältigte die Erkenntnis, vor einem neuen Abschnitt seines Lebens zu stehen. Er kämpfte mit dem erregenden Wunsch, diese köstliche Blüte schönen Frauentums an sich zu reißen. Ihm hatte sich Gegenliebe noch niemals verwehrt, und auch hier fühlte er Neigung. Dennoch griff ihm zu gleicher Zeit eine unsichtbare Faust hart an die Brust und hielt ihn zurück. Das, was er in sich erlebte, war kein Abenteuer mehr, beschwingend und beglückend, rasch vorübergehend wie ein Traum, an den man sich mit einem herrlichen Wohlgefühl erinnert.
Dieses hier war Ernst. Wirklichkeit des Lebens. Verpflichtend, ins Tiefe treffend und gefahrvoll wie eine Entscheidung des Schicksals selbst.
Sie sahen sich stumm an. In seinem Blick erkannte sie die erwachte Leidenschaft seines Blutes, und sie erschrak. Seitdem sie ihn zum ersten Mal auf dem Pferd die breite Straße Memels hatte heranreiten sehen, stand ihr Herz im Aufruhr. Wünschte sie etwa diese grausame Beunruhigung ihres im abgeklärten Dämmer verlaufenden Daseins?
Unsicher wandte sie den Blick ab. Sie erhob sich, trat ans Fenster und schob die Vorhänge etwas zur Seite, um ihr Gesicht in den Falten zu verbergen. Das einströmende Licht zeichnete den Umriss ihrer Gestalt. Sie hatte die Formen eines Mädchens, aber es lag ein Zauber reifer Fülle darüber, ein seltsamer Gegensatz, so, als sei dieser Frau ein zweifaches Bestehen aufgetragen, das des Mädchens und das der Frau.
Sie bewegte sich nicht, und der Kaiser dachte, wie sie wohl jetzt ihre Begleitung herbeiwünschen mochte, um diesem Alleinsein auszuweichen. Eine brüderliche Hilfsbereitschaft überkam ihn. Langsam trat er zu ihr und sah mit ihr zusammen auf die Straße hinunter. Ihm erschien diese Umgebung wie ein Märchen. Die unvorstellbare Pracht seiner Schlösser und Gärten, die unaufhörliche Bewegung der tausend Höflinge, Bittsteller, Lakaien und Verwandten war hier versunken und wie nie gewesen. Sein Blick streifte fast verwundert über die Bürgerhäuser der kleinen Stadt und durch den schlichten Wohnraum mit seinen steifen Möbeln und weiß gescheuerten Dielen, darauf bunte, ehrwürdige Fischerteppiche aus Masuren ausgebreitet waren. Er konnte sich nicht besinnen, jemals in einer solchen armseligen Umgebung gelebt zu haben.
Er lächelte. Es lag in der Zeit, dass man solche Verkleidungen liebte, und da er als russischer Graf hier Aufenthalt genommen hatte, durfte er sich frei und ohne das kaiserliche Zeremoniell bewegen. Das entzückte ihn. In Gegenwart einer solchen Frau vermochte selbst Memel märchenhaften Glanz zu gewinnen. Ihm gefielen die sauberen Straßen, breit und hell, und ihm gefielen die Gesichter der Mädchen, die ihm scheu und ehrfürchtig aus den Fenstern entgegensahen, wo er sich auch zeigte.
Hier umfing ihn eine niemals gekannte Wärme des Lebens, als sei er plötzlich dem Herzen der Erde nahegerückt. Er hörte es gleichsam schlagen. Und dieses heiße Schlagen des Lebens verdichtete sich in der Frau neben ihm.
Luise hatte sich wieder gefasst. „Hier grenzen unsere Länder aneinander“, sagte sie und wies über die Dächer der Stadt nach Osten. „Ich liebe dieses Land am meisten von allen unseren Provinzen. Wenn ich in Not wäre, könnte ich nur zu diesen Menschen kommen. Sie sind treu, und sie sind an harte Prüfungen gewöhnt.“
Alexander lauschte ihrer dunklen und weichen Stimme. Was sie sagte, erschien ihm nur Ausflucht vor dem Eigentlichen, das sie beide anging. Dennoch antwortete er höflich: „Wenn die Königin von Preußen jemals in Not kommen sollte, so müsste sie sich an ihren ergebensten Freund wenden!“ Dabei sah er ihr lächelnd in die Augen. „Aber warum sollte wohl Preußens Königin je in Not kommen?“, fuhr er scherzend fort. „Der große Friedrich hat den Preußen Respekt zu schaffen verstanden!“
Der große Friedrich! Sein Geist war überall, wo man von Preußen sprach.
„Sollte wohl noch immer sein Name allein genügen, uns unangreifbar zu machen?“, scherzte sie zurück, aber in ihren Worten klang eine lange unterdrückte Sorge, die ihr selbst nur undeutlich bewusst wurde. Alexander sah sie überrascht an. Schon während des Mittagessens hatte er aufgehorcht, als Luise über Napoleon sprach. In der Umgebung von lauter unbedeutenden und gewöhnlichen Geistern ragte sie allein hervor, und niemand schien es zu bemerken. Ihre aufmerksame Liebenswürdigkeit vermied die Beschämung anderer und verhinderte deren Bloßstellung.
„Ein so erlauchter Name schützt weit“, sagte er ernst, „solange, bis eine Kraftprobe ihn von neuem erweist – oder die Schwäche der Nachfahren aufdeckt!“ Dabei beobachtete er die Königin, die sich langsam vom Fenster abwandte und sich am Teetisch zu schaffen machte.
Sie war wieder ganz ruhig geworden. Im Gespräch über ein Drittes konnte sie sich am besten zurechtfinden, ohne dass Alexander ihre Befangenheit spürte. Sie reichte ihm eine neue Tasse und sagte unvermittelt: „Frauen sollten niemals über Politik sprechen! Die Erde wird von Männern beherrscht und“, fügte sie mit einem schönen Lächeln hinzu, „von Frauen erlebt.“
Sie hatte sich in ihre Sofaecke gesetzt, und auch der Zar nahm seinen Platz wieder ein. Ihre letzte, leicht hingesprochene Bemerkung klang in ihm nach, und er fragte sinnend: „Nur die Frauen erleben die Erde? Wie meinen Sie das?“
Luise schaute ihn prüfend an, dann sagte sie leise, selbst nach Worten suchend, so, als würde ihr erst in diesem Augenblick die Wahrheit offenbar: „Die Frauen lieben immer – wenn sie wahre Frauen sind –, und nur der Liebende erlebt die Welt in Wirklichkeit.“
„So glauben Sie nicht daran, dass auch der Mann lieben kann?“
Die Königin strich sich nachdenklich über die Stirn mit einer ihr eigenen, schönen Bewegung, darin eine stille Schwermut lag. „Männer können heftig, großartig und leidenschaftlich lieben“, sagte sie, „aber ihr schweifender Geist meint in der Liebe immer nur die Herrschaft, niemals den Dienst – und gerade die Hingabe an das Du erschließt erst das Geheimnis der Schöpfung.“
In Alexander entzündete sich ein neues, unbekanntes Gefühl der Verehrung, das ihn unsicher machte.
„Es gibt auch im Mann eine Hingabe an das Du“, sagte er und ließ dabei alle gewollte Wirkungslust fallen, „nur wird sie sich bei ihm anders äußern.“
Luise sah ihn nachdenklich an. Dann sagte sie, und es klang eine verhaltene Sehnsucht aus ihren Worten: „Die wahre Hingabe des Mannes muss zugleich eine gewaltige Schöpfung sein, denn höchste Liebe heißt höchste Gestaltung!“
Vielleicht verstand er sie nicht ganz. Ihm waren alle solche Gedanken fremd. Uneingestanden jedoch verbargen sich hinter seinen Erfahrungen die bitteren Enttäuschungen einer früh erweckten Jugend.
Er tastete ihren Gedanken nach, und für einen Augenblick rissen die Wolken seiner vielfachen Enttäuschungen, um den strahlenden Himmel seiner frühen Sehnsucht aufzutun, wo sich im Glanz einer jungen Sonne seine Liebe dem reinsten und schönsten Weibe ergab.
„Wer aber findet diese höchste Liebe?“, fragte er nach einiger Zeit wie abwehrend, schon wieder vom kalten Dunst jener Verderbtheit überhaucht, welche ungesehen und unbenannt die Seelen der Schwachen befällt, die mit ihren Sehnsüchten nicht zugleich auch die Kraft einsetzen, sich allen Gefahren zum Trotz rein und gläubig zu erhalten.
Luise antwortete nicht. In seiner Frage hatte sie die Zweifelsucht an allem Ungewöhnlichen berührt, die sie immer und gerade in ihrer Umgebung zu hören gewohnt war und davor sie ihr innerstes Herz zu wahren gelernt hatte. Wie ein Reich, das noch niemand betreten, hütete sie ihre geheimsten Gedanken. Was die Menschen sahen und was sie entzückte, war der Königin immer von vollem, heimlichen Leben durchstrahltes Wesen, und auch ihre währende Jugend, die Unangefochtenheit ihrer inniger und leuchtender aufblühenden Schönheit stiegen hervor aus den Wurzeln jenes ihr zugehörigen festen Wissens um die Hoheit und um die Ewigkeit des Guten.
Als hätte auch den Kaiser das Rätsel ihrer Schönheit soeben beschäftigt, sagte er nachdenklich: „Als ich meine Frau kennenlernte, war sie schön wie ein Engel ...“
Er schwieg, aber Luise spürte, dass er noch etwas hinzusetzen wollte, was er auszusprechen zögerte. Und sie erriet, was er unterdrückte. Wahrscheinlich erschlafften die Züge der jungen Zarin rasch in der anstrengenden Oberflächlichkeit ihres Lebens und in der Unerbittlichkeit ihrer Einsicht, dass Alexander sie nicht liebte.
„Schönheit kann nur von innen erhalten werden“, sagte sie schnell und errötete leicht, als hätte sie schon an ihr innerstes Geheimnis gerührt.
In diesem Augenblick trat der König mit den Herren seines Gefolges ein.
Friedrich Wilhelm, aufgeschlossener als es sonst seine Art war, entschuldigte sich beinahe ungestüm bei dem Zaren, weil er sich verspätet hatte, aber ihn beschäftigten die Truppenschauen wie Knaben das Spiel mit Zinnsoldaten.
„Niemals ist uns des großen Friedrich Geist näher als bei unserer Armee, lieber Bruder“, sagte er begeistert.
Luise betrachtete ihn verwundert. Der Besuch des heiteren Zaren schien ihn vom starren Zwang seiner Natur erlöst zu haben.
Während sie dem König den Tee reichte, schwieg sie nachdenklich und überließ das Gespräch den anderen.
Alexander aber brachte es unglücklicherweise wieder auf den Korsen. „Man sagt, Napoleon habe eine neue Schlachtordnung gefunden, der er seine Siege verdanke.“
Friedrich Wilhelm erlosch zu plötzlich, als dass nicht selbst der Zar es betroffen spürte und den König erstaunt ansah.
Friedrich Wilhelms Gesicht verzog sich missmutig und nahm den ihm eigenen Ausdruck von Überdruss und Gelangweiltheit an. „Haben die beste Armee Europas“, sagte er tonlos. „Im Siebenjährigen Krieg für ein Jahrhundert erprobt.“
Niemand antwortete ihm. Das Schweigen lastete auf Luise. Sie erhob sich und ging zum Klavier. Sie wusste, sie hatte keine große Fertigkeit im Spiel, und auch ihre Stimme reichte nicht für hohen Anspruch aus, aber wohllautend und schön blühte lebendiger Sinn darin auf.
Sie setzte sich und ließ ihre Hände einen Augenblick lang auf den Tasten ruhen, ehe sie leise zu spielen begann. Der Zar trat heran und stellte sich hinter sie.
Die dunkle Melodie eines alten russischen Volksliedes klang auf, schwermütig wie das weite Land und die östliche Seele, die sich dem Unendlichen ergibt.
Immer, Schiffer, auf und nieder, Tauch dein Ruder in die Wellen, Immer, Schiffer, immer wieder Soll dein Arm im Takte schwellen, Soll dein Herz die Liebe loben, Die dein Mädchen dir bereitet, Wenn sie dir am Ufer droben Abends froh entgegenschreitet.
Immer, Schiffer, auf und nieder Trägt das Wasser deinen Kahn, Immer wieder, immer wieder Geht die Liebe ihre Bahn, Wandelt sich durch Tag und Nächte, Einmal heiß und einmal kalt, Bis auf deines Mädchens Flechte Sich der Schnee des Alters malt ...
Niemand hatte Luise jemals dieses Lied singen hören, und Friedrich Wilhelm, vom Zwang der Unfrohheit ergriffen, wollte gerade fragen, warum sie nicht eines ihrer heiteren Lieder gewählt, als Alexander plötzlich die Melodie aufnahm und das schwermütige Lied noch einmal in russischer Sprache sang, begleitet von der Königin, die in seinen fremden Rhythmus sogleich einfiel. In ihnen beiden schwang, verbunden durch das gleiche Gefühl schwermütiger Sehnsucht, eine neue Gemeinschaft, die sie weit von allen anderen entfernte.
Als der Zar schwieg, wagte niemand, betroffen vom spürbaren Zusammenklang der beiden Musizierenden, Lob zu sagen oder Beifall zu spenden. Sie selbst aber verharrten noch wie benommen, nachdem die letzten Töne längst entschwebt waren.
Langsam erst fand sich Luise zurück.
Ihr zitterten die Knie ein wenig, als sie sich erhob und sich wieder zu den anderen gesellte. Alexander führte sie zu ihrem Sitz, auch er sprach nicht.
Die Herren des Gefolges bemerkten diese Veränderung, aber verstanden sie kaum, gewohnt, erst das Ausgesprochene und ganz und gar Sichtbare gelten zu lassen. Und der König saß bewegungslos und mit schlecht verhehlter Gereiztheit in seinem Sessel.
Am Abend betrat Luise am Arm ihres Mannes, zur anderen Seite den Zaren, den Bürgersaal, wo alles, was in Memel Namen und Geld hatte, schon versammelt war. Die Kaufmannschaft gab einen Ball zu Ehren des Königs und seines hohen russischen Gastes.
Im Schmuck der Rosen, die verschwenderisch von den Wänden dufteten, erschien der einfache Saal festlich und heiter. Die Königin trug ein schlichtes weißes Kleid und sah blass und feierlich aus. Die Musik begann eine getragene Weise, und die Kapelle spielte unbeholfen, aber es war etwas in der Führung der Melodie, was die Meisterschaft der Musiker Berlins ersetzte.
Luise hörte die Klänge wie durch tausend Schleier hindurch, und sie lächelte auch wie durch tausend Schleier hindurch, während sie den Ball am Arm Friedrich Wilhelms eröffnete und ihre Schritte nach dem Takt der Musik bewegte. Erst danach tanzte sie mit Alexander. Zum ersten Male hielt er sie nahe in seinen Armen, und als sie den leichten Druck seiner Hände an ihrem Körper spürte, fühlte sie ihr Blut so ungestüm zum Herzen brausen, dass alles Sichtbare vor ihren Augen verging.
Sie war immer eine begehrte Tänzerin gewesen. Schon als Kind entzückten sich ihre Verwandten an dem reinen Schwung ihres schmalen Körpers und dem freudigen Hingegebensein an die Musik. Heute aber waren ihre Füße schwer, und sie vernahm kaum, was man spielte. Nur die sichere Führung Alexanders gab ihr Halt. Die Hitze im Saal, die vielen Menschen, ihre rätselhafte Benommenheit, alles das ballte sich in ihr zu einer großen Angst.
„Bitte, führen Sie mich hinaus, Alexander“, bat sie endlich und blieb stehen. Da es im Raum niemanden gab, der nicht mit Aufmerksamkeit jeder ihrer Bewegungen gefolgt wäre, ging ein unterdrücktes Raunen durch die Menge, und die alte Gräfin Voß näherte sich ängstlich und wichtig. Aber die Königin winkte ab.
Nur Friedrich Wilhelm bemerkte im Gespräch mit seinen Offizieren nichts von der seltsamen Unpässlichkeit seiner Frau und sah nicht, wie sie am Arm des Zaren den Saal verließ. Die Musik spielte auf einen Wink des Kaisers ruhig weiter, und auch die Tanzenden verhielten ihren Schritt nicht.
