Die Königin und der Kalligraph - Moussa Abadi - E-Book
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Die Königin und der Kalligraph E-Book

Moussa Abadi

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Beschreibung

• Ein berührendes Erinnerungsbuch an das Damaskus von gestern und ein Plädoyer für friedliche Koexistenz aller Völker und Konfessionen im Nahen Osten

Ein hochaktuelles Zeugnis von Mitmenschlichkeit und religiöser Toleranz im Nahen Osten – erstmals auf Deutsch, herausgegeben von Rafik Schami

Moussa Abadi wurde im jüdischen Viertel von Damaskus geboren und wuchs in Frieden und Freiheit auf. In seinem berührenden Erzählband beschreibt er atmosphärisch dicht und humorvoll diese Welt von Gestern – Damaskus in der kurzen Phase vom Ende des Osmanischen Reichs 1918 bis zur französischen Besatzung am Beginn der 1920er-Jahre. Wir erfahren vom Leben der jüdischen Gemeinde und von deren friedlicher, ja brüderlicher Koexistenz mit Angehörigen anderer Religionen. So wird dieses Erinnerungsbuch zu einer in der Vergangenheit angesiedelte Utopie, zur Feier des brüderlich-harmonischen Zusammenlebens von Christen, Juden und Muslimen.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2024

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«Ein leiser Held und großer Erzähler. Moussa Abadis Damaskus-Erinnerungen sind nicht nur unterhaltsam und historisch lehrreich. Sie zeigen hoffnungsvolle Alternativen auf, wie ein humanes Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen gelingen kann.»

Rafik Schami

Erstmals auf Deutsch: Ein berührendes Erinnerungsbuch an das Damaskus von gestern und ein Plädoyer für friedliche Koexistenz aller Völker und Konfessionen im Nahen Osten.

Moussa Abadi beschreibt lebensnah, mit Humor, Hingabe, bisweilen auch satirisch das Leben der Juden in Damaskus in der kurzen Phase vom Ende des Osmanischen Reichs bis zur französischen Besatzung 1922.

In episodischen Prosastücken und fein ziselierten Porträts erfahren wir von einer stattlichen jüdischen Gemeinde, ihren alltäglichen Freuden und Bekümmernissen, von Ali, einem dahergelaufenen Schiiten, und hochherzigen Beduinen, von großen Bettlern und kleinlichen Beamten, von Salha Stétié, der halbseidenen Königin, und Jakob Mazeltov, dem glücklichen Kalligraphen.

Die atmosphärisch dichten Damaskus-Reminiszenzen Moussa Abadis, vor allem seine Schilderung der friedlichen Koexistenz hier ansässiger Juden mit Angehörigen anderer Religionen, macht seinen Erzählreigen zu einer in der Vergangenheit angesiedelte Utopie, zu einer Feier des brüderlich-harmonischen Zusammenlebens von Christen, Juden und Muslimen. Mit «Die Königin und der Kalligraph» setzte er seiner multikulturellen und multiethnischen Herkunftswelt ein berührendes Denkmal.

Moussa Abadi, Abkömmling syrischer Juden, wurde 1910 in Damaskus geboren. Er besuchte die Jewish Alliance School, wo er ein Stipendium für ein Studium in Frankreich erhielt und an die Sorbonne ging. 1942 floh er mit seiner Gefährtin Odette Rosenstock vor den Nazis nach Nizza. Die beiden schlossen sich der Widerstandsbewegung an. Mit Unterstützung des Bischofs von Nizza gelang es ihnen, 527 jüdische Kinder zu verstecken und so vor dem Zugriff durch SS und Gestapo zu bewahren. Moussa Abadi starb 1997. Zum ehrenden Andenken an ihn und Odette Rosenstock wurden in Paris und Nizza Plätze nach ihnen benannt.

Moussa Abadi

DIE KÖNIGIN UND DER KALLIGRAPH

Meine Damaszener Juden

Aus dem Französischen übersetzt von Gerhard Meier

Nachwort von Rafik Schami

MANESSE

Für Odette, wieder einmal

Für meine Königin und meine Kalligraphin

ALS EINE ART VORWORT

Die Personen, die ich in dieses Buch gesperrt habe, hatten mich ihr Leben lang verfolgt und genötigt, mich bedrängt und mir zugesetzt. Und obwohl sie mich vor einer Ewigkeit verlassen haben, konnte nichts und niemand sie aus meinem Gedächtnis verjagen.

Wie die berühmten «Sechs Personen», die ein sizilianischer Magier einst auf die Bühne schob, wären sie vielleicht zu Theaterhelden geworden, hätten auch sie einen Autor gesucht.1

Das Schicksal hat jedoch anders entschieden. Sie sind einem Vorführer in die Fänge geraten, der sie auf imaginären Bühnenbrettern schamlos für eine letzte Darbietung ausstellt, allerdings nur – dies seine einzige Entschuldigung –, um sich der Illusion hinzugeben, die Zeit habe sie noch nicht verschlungen.

«Eine ganz schöne Zauberkiste, das Gedächtnis! Die reinste Bilderfalle! Was man dort sucht, findet man nicht. Doch findet man, was man nicht sucht.»

François Jacob, La Statue intérieure

Das Bild auf Seite eins

Einer Legende zufolge, die allerdings zugegebenermaßen ebenso umstritten ist wie die vom dreizehnten Stamme Israels2, haben Vorfahren von mir, ein Ehepaar, einmal das ganze Pessach-Fest über einen Fremden bei sich beherbergt, der aus Tarsus3 stammte und nach langer Irrfahrt in unserem Ghetto4 in Damaskus gelandet war.

Die Legende berichtet ferner, der Fremde namens Saul habe sie nicht einmal mit einem kleinen Brief an die Abadier5 beschert, um sich für die großzügige Gastfreundschaft zu revanchieren, und zwei seiner Reisegefährten, Barnabas und Timotheus,6 die ihn für seine ungenierte Art entschuldigen wollten, hätten daher durchblicken lassen, bevor er bei seinen Gastgebern eingetroffen sei, habe er auf dem Weg nach Damaskus einen Sonnenstich erlitten. Mag sein …

***

Aus jenem Ghetto bin ich eines nebligen Dezembermorgens aufgebrochen, um einen anderen Planeten zu entdecken …

So viele Jahre trennen mich von jenem Morgen! Und jedes Mal, wenn ich durch das Album mit den Bildern und Gesichtern meines verschwundenen Ghettos blättere, begegne ich wie ein Besessener unweigerlich, «auf Seite eins», der Erinnerung an einen unserer alten Weber, «die stets Seidentücher webten und doch in Lumpen gingen»7.

Eines Tages traf ich ihn in der Nähe seiner Werkstatt an – besser gesagt seines Straflagers –, an der Ecke der «Geraden Straße» und der Freitagsstraße, während der paar Minuten Ruhe, die sein Meister ihm gönnte.

Er saß auf den Fersen, die Arme ausgestreckt, die Hände gefaltet. Und ich traute kaum meinen Ohren, als ich vernahm, wie er Gott anflehte, ihm «eine Revolution zu schicken».

«Was erwartest du von deiner Revolution?», fragte ich ihn.

«Von meiner Revolution», erwiderte er, «erwarte ich alles, was man von einer anständigen Revolution verlangen kann. Zuallererst ein bisschen mehr Brot, und ein bisschen weniger Ungerechtigkeit.»

«Und was tust du dafür, dass sie kommt?»

«Na, ich bete. Was soll ich sonst dafür tun?»

Die vom Himmel gefallene Königin

An jenem Julinachmittag stöhnten die Damaszener unter bleierner Sonne, und das Ghetto stand tausend Ängste aus. «Und falls ‹sie› von der Route abgewichen ist, mit unbekanntem Ziel?» Das Empfangskomitee durchlitt den dritten Tag des Wartens und der Sorge, und niemand hätte darauf gewettet, dass es der letzte sein würde.

Tore und Türen waren geschrubbt worden, die Türklopfer poliert, jede Mesusa8 hatte man abgewischt und den beiden städtischen Straßenreinigern eine kleine «Gabe» zugesteckt, damit sie beim Wegräumen von Kaktusfeigenschalen, verfaulten Wassermelonen, verendeten Katzen und vor Metzgereien verwesenden Lammköpfen mehr Eifer an den Tag legten als sonst. Kurz, es war alles geschehen, damit die Prunkkutsche, die die Große Dame im Norden von Damaskus abholen sollte, Straßen passierte, in denen nicht einmal die findigsten Hunde noch einen Knochen aufgestöbert hätten.

Von den Fenstern hingen Perserteppiche und Seidenschals. Die Gattinnen, Mütter, Großmütter und Schwiegermütter der einflussreichsten Honoratioren hatten gemeinsam ihr ganzes Talent, ihren Ruf und ihren Stolz darauf verwandt, das Gebäck und die Erfrischungsgetränke mit Orangenblütenwasser zuzubereiten, wie sie traditionell zur Begrüßung gereicht wurden und die sie höchstselbst der Dame servieren würden, die uns die Ehre erwies, nach so langer Abwesenheit wieder zu uns zurückzukehren.

Vielleicht sollte ich nunmehr ohne weiteres Zögern den Grund für all jenen Trubel verraten, für jene Generalmobilmachung: Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um den Empfang einer Königin, und zwar mit all dem Respekt und dem protokollarischen Aufwand, die ihr gebührten. Eine Königin, die vom Himmel gefallen war!

Seit dem denkwürdigen Besuch einer Baronin Rothschild9 zu Beginn des Jahrhunderts hatte keine Königin den Boden unseres Ghettos betreten. Die Königinnen wiederum, die man vom Hörensagen kannte, waren allesamt gewissermaßen biblischer Natur – wie etwa die schöne Esther, um nur eine zu erwähnen, die ja ebenfalls vom Himmel gefallen war, und zwar – zum Glück für das jüdische Volk – mitten ins Bett von Ahasveros10.

Die kleine Salha Stétié, Nestküken einer Familie mit siebzehn Kindern, war mit fünfzehn Jahren spurlos verschwunden. Damals war von einer Entführung die Rede, von Vergewaltigung, gar von Mord. «Na ja, hat der arme Ruben wenigstens ein Mäulchen weniger zu stopfen», raunten die Nachbarinnen, die im Übrigen nicht zu sagen wussten, welche der elf Töchter des «armen Ruben» nun eigentlich verschwunden war. So etwas wie eine Vermisstenmeldung und polizeiliche Ermittlungen gab es nur für reiche Leute. Lief eben eine kleine Jüdin weniger herum … Schon war der Fall abgeschlossen.

So vergingen Monate und vergingen Jahre … Die Familie Stétié wurde vom Tod übel heimgesucht. Der Vater, die Mutter, die sechzehn Geschwister, alle wurden von der «Schwindsucht» dahingerafft, von heimtückischen Grippen und anderen noch geheimnisvolleren Krankheiten, die der einzige Arzt des Viertels nicht rechtzeitig «entdeckt» hatte.

Längst erinnerte sich niemand mehr an … «Na, wie hieß sie gleich noch mal? Ihr wisst doch, wen ich meine … Die damals abgehauen ist …», als eines schönen Tages ein Mann, der nicht aus dem Ghetto stammte, unvermittelt vor den Vorstand der jüdischen Gemeinde trat, der gerade unter der Ägide meines Großonkels, seines Vorsitzenden auf Lebenszeit, zu einer «außerordentlichen Sitzung» zusammenkam. Der Mann legte einen mit rotem Wachs versiegelten Umschlag auf den Tisch, tat darauf eiligst ein paar Schritte rückwärts und sagte lediglich: «Bitteschön. Hier ist es!» Sprach’s und verschwand.

Ein so gut wie stummer Fremder von wer weiß woher, ein versiegelter, doch nicht frankierter Brief von unbekannter Hand, mehr bedurfte es nicht, um die friedfertigen, ehrenwerten Vertreter unseres ereignislosen Ghettos in helle Aufregung zu versetzen.

Dem Vorsitzenden kam die heikle Aufgabe zu, den Umschlag zu entsiegeln und von dem Schreiben darin Kenntnis zu nehmen. Er entledigte sich dieser Obliegenheit wie immer voller Gleichmut, Feierlichkeit und Würde.

«Also, Yussef Effendi, was steht in dem Brief?», fragten ihn unsere Vertreter. «Ist er wirklich an uns gerichtet?»

«Dieser Brief», erwiderte der Vorsitzende, «ist – wie auf dem Umschlag steht – an den Vorstand der jüdischen Gemeinde von Damaskus gerichtet, also an jedes einzelne seiner Mitglieder, und in erster Linie an dessen Vorsitzenden … Hört mir gut zu. Ich lese ihn einfach vor.»

In dem Schreiben wurde auf zehn kalligraphierten Seiten – noch dazu auf Hocharabisch – eine ebenso außergewöhnliche Geschichte referiert wie die von Moses, den in allerletzter Minute die anmutigste Tochter des Pharaos vor den Wassern und einem sicheren Tod errettet hatte.11

Gewiss, so wie jeder gute Christ kann auch ein Jude an Wunder glauben, und unter gewissen Umständen muss er das sogar. Deshalb aber dem geradezu un-glaub-li-chen Bericht so viel Glauben zu schenken, als wären es Worte aus der Tora … Das war doch ein Schritt, zu dem die Vertreter sich nicht so leicht durchringen konnten.

So gestatteten sie sich einen Tag zum Nachdenken und befragten den Krämer, der sich auch als Seher betätigte, inwiefern es sich bei einem Ereignis von derartigem Ausmaß, das völlig unvorhergesehen, aber doch schon angekündigt war, um ein Wunder handeln konnte.

Der Seher, der zwar selbstredend nie eine Zeile der Schriften Pascals gelesen hatte, empfahl ihnen dennoch am Ende seiner Beratung, es mit der Pascalschen Wette12 zu halten.

«Im Zweifelsfall sollte man immer an Wunder glauben», sagte er. «Dann kann zweierlei geschehen: Entweder das Wunder geschieht, dann seid ihr seine ersten Nutznießer, oder aber es geschieht nicht, dann habt ihr auch nichts verloren …»

Also her mit dem Wunder.

***

Hätte Salha Stétié sich mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Verschwinden damit begnügt, ihre baldige Rückkehr in die Heimat anzukündigen, wäre man nicht übermäßig verwundert gewesen. Steht nicht geschrieben, dass der verirrte Vogel, solange er mit den Flügeln schlagen kann, stets nach seinem Nest sucht?13 Jedoch – und da saß der Hase im Pfeffer – hatte die Salha, die ins Nest zurückkam, sich inzwischen in eine Königin verwandelt, und zwar, um genauer zu sein, in die ehemalige zweite Favoritin eines Königs, dessen Reich sich, laut dem Schreiben, «bis an die Grenze der Wüste» erstreckte. Ferner stand in dem Brief, der König, der sie soeben verstoßen habe, wiege für sie ihr Gewicht mit Gold auf – merken wir uns dieses Detail, denn es wird uns in Kürze erlauben, die unermessliche Großzügigkeit des Monarchen zu beurteilen – und stelle ihr eine Karawane mit zwanzig Kamelen zur Verfügung, um den Schmuck, die Diamanten und die tausend anderen Preziosen nach Hause zu bringen, mit denen er sie jeweils bedachte, wenn sie sein Bettlager teilte.

Man hätte schwören mögen, der Schreiber der Königin habe Wort für Wort ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht kopiert.

Die letzte Seite des Briefes war kleineren organisatorischen Problemen gewidmet. Ihre Majestät bat den Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Gemeinde, doch so freundlich zu sein, ihr unweit ihres Elternhauses einen Palast zu finden und diesen in ihrem Namen zu erstehen, koste er, was er wolle. Was nun ihren Einzug in ihre geschätzte Stadt und ihr geliebtes Ghetto angehe, so werde dieser, so Gott es füge, in etwa zwei, drei Tagen stattfinden; Karawanen müssten ja stets damit rechnen, durch einen Samum-Wind oder eine Heuschreckenplage aufgehalten zu werden.

Zwei Abende und zwei Morgen, nachdem die Empfangsvorkehrungen getroffen waren, zur Stunde, in der sämtliche Fliegen von Damaskus sich über den zugedeckten Gebäcktabletts ein Stelldichein gaben, wurde nicht, wie die Sitte es erforderte, nur ein Schaf geopfert, sondern deren sieben, und zwar vor der Pforte des «Palastes».

Ihre Majestät war da. Und wie da sie war!

Hundertzwanzig bis hundertdreißig Kilo, ein drei- bis vierfaches Kinn und zitternde Hängebacken, auf den Lidern eine so üppige Schicht Kajal, dass es ihr bis zu den Mundwinkeln troff, der Mund im Übrigen ganz aus Gold, die Arme so dick wie die dicksten Oberschenkel einer Riesendame vom Jahrmarkt, so erschien uns das Ungeheuer, als es der Kutsche entstieg.

Es sei sogleich gesagt, dass unser Aufwand keiner Undankbaren galt. Kaum hatte Salha sich in dem Haus eingerichtet, das wir, in treuem Angedenken, noch heute ihren «Palast» nennen, da versorgte sie auch schon zwei Dutzend Waisenmädchen mit einer Aussteuer, bestellte bei den besten Kalligraphen Jerusalems drei Tora-Rollen, finanzierte die Renovierung des Rabbinatsgerichts, stattete den Jugendclub mit einem Billardtisch und einem Phonographen aus, beschenkte jedes Mitglied des Gemeindevorstands mit einer goldenen Taschenuhr und ihre Gattinnen mit Seidentüchern, die in einem der Harems ihres Herrn gewebt worden waren, kurz, innerhalb weniger Tage ließ sie uns mehr Spenden zukommen als unsere wohlhabende Bourgeoisie in einem ganzen Jahrhundert. Als sie bald darauf einen strammen, aber bettelarmen Kerl, dreißig Jahre jünger als sie, auf den sie ein Auge geworfen hatte, vom Fleck weg ehelichte, hatte denn auch niemand etwas dagegen einzuwenden, und auch nicht gegen das Possenspiel, mit dem sie ihn in den Stand eines Prinzen erhob, weil dies, so behauptete sie, an den Königshöfen Europas und der Mandschurei nun mal so üblich sei.

Da man ihr berichtet hatte, ich sei ein künftiger «Gelehrter», lud sie mich ein, ihre fünftausend Bände umfassende Bibliothek zu bewundern, die sie gerade erst erworben hatte, von einem jungen Mann griechisch-orthodoxer Konfession nämlich, der sein Erbe verschleuderte.

Es fand sich allerlei Erstaunliches in jener Bibliothek, Werke in einem Dutzend Sprachen, natürlich arabische, doch auch französische, englische, türkische und sogar persische. Grammatiken, Abhandlungen über Astronomie oder Bienenzucht, das Alte und das Neue Testament …

«Das Ärgerliche an Büchern ist», sagte sie und deutete dabei auf die Mahagoni-Regale, auf denen sie die Werke der Größe nach angeordnet hatte, «dass man sie mindestens einmal im Monat abstauben muss, und zwar jedes einzeln. Zwei meiner Hausdiener sind den ganzen Tag lang mit nichts anderem beschäftigt.»

«Für die Winterabende verfügen Sie aber über gute Lektüre.»

«Ach, lesen tue ich nie, das sage ich ganz ohne falsche Bescheidenheit. Nicht ohne Grund, ich habe das Lesen nie gelernt.»

«Und … der Prinz?»

«Kann auch nicht lesen.»

«Für wen ist dann die Bibliothek, die ganzen Bücher?»

«Für niemanden. Eine Dame von meinem Rang ist es sich schuldig, eine Bibliothek zu besitzen.»

Wie universell doch das Theater von Molière war! Jene schwerreiche Analphabetin, die um jeden Preis ihren «Rang» behaupten wollte, gebärdete sich unbewusst wie Monsieur Jourdain in «Der Bürger als Edelmann»14!

Sie zog den ersten Band aus dem ersten Regalfach heraus und hielt ihn mir hin. «Nehmen Sie das, das wird Ihnen bestimmt gefallen. Der Autor konnte angeblich die Zukunft vorhersehen.»

Es war ein Buch von Jules Vernes in der Ausgabe «Rot und Gold» von Hetzel15.

Umgeben waren wir von riesigen Spiegelwänden – aus Italien importiert, wie sie mir versicherte –, die ihre gewaltige Person majestätisch reflektierten.

«Es waren immer Spiegel um mich herum», kokettierte sie. «In meinem Palast ‹dort› waren überall welche. Im Schlafzimmer des Prinzen könnte ich Ihnen auch welche zeigen, wenn er nicht noch schlafen würde. Er trinkt viel Arak, und zwar immer mehr. Heute Morgen ist er erst bei Tagesanbruch heimgekommen, gestützt von einem Kutscher. Mein armer Prinz …»

***

Bis zur Rückkehr Salha Stétiés hatte niemand im Ghetto – oder auch sonst wo – von dem fabelhaften Königreich ihres früheren Herrn vernommen. Und wenn sie sich dazu herabließ, es zu erwähnen, wartete sie nur mit Gemeinplätzen auf, siedelte es mal «dort» an, mal «im Westen von Bagdad» oder, noch vager, «an der Grenze zur Wüste». Bis irgendwann selbst die Gutgläubigsten ihrer Schmeichler stutzig wurden. Um es rundweg herauszusagen, begann man sich hier und da Fragen zu stellen und stellte diese schließlich, in aller Vorsicht, sogar den Mitgliedern des Vorstands der jüdischen Gemeinde, die für das «Wunder der Königin» gewissermaßen gebürgt hatten. Als eines Tages Elie Rotah ankündigte, er werde bald nach Bagdad reisen, um dort Geschäfte abzuwickeln, berief man ihn zu einer geheimen Sitzung des Vorstands und bat ihn, den diskretesten aller Monarchen ausfindig zu machen und ihm im Namen der ganzen Gemeinde dafür zu danken, uns die verlorene Tochter in so gutem Zustand zurückgesandt zu haben.

Zwei Monate später setzte der Bote sie über das Ergebnis seiner Nachforschungen in Kenntnis. «Es gibt dort kein Königreich und hat auch nie eines gegeben, weder ‹westlich von Bagdad› noch ‹an der Grenze zur Wüste›.»

Hatte er denn auch gründlich genug gesucht? Die Wüste ist schließlich groß …

«Wenn ich es euch sage, ein solches Königreich existiert nicht und hat nie existiert.»

«Und die Karawane, der Schmuck, das gewaltige Vermögen, die Dienerschaft?»

«Sucht selbst, und ihr werdet finden», erwiderte der Seidenhändler, der für sein Teil keinen Zweifel mehr daran hatte, wo ‹das alles› herstammte.

Seine Enthüllungen – und er offenbarte nicht alles, was seine Geschäftspartner in Bagdad hatten durchblicken lassen – riefen bei den dreizehn Mitgliedern des Vorstands tiefe Bestürzung und Ratlosigkeit hervor.

Der Vorsitzende holte aus seiner Westentasche die goldene Taschenuhr hervor, die die gefallene Königin ihm kredenzt hatte, und fragte sich, ob er sie guten Gewissens behalten dürfe. «Möge Gott uns beistehen», murmelte er beim Abschied von den anderen Trägern jenes Geheimnisses – und der zwölf anderen Taschenuhren.

Das Geheimnis, das niemand für sich zu behalten wusste, so schwer war es zu tragen, wurde innerhalb weniger Stunden zu einem offenen Geheimnis. Und es verbreitete sich das Gerücht, die Geschichten Salhas seien nichts weiter als debarim, leere Worte, und die Hochstaplerin werde bald aus dem Ghetto gejagt und in ihr Phantomkönigreich zurückgeschickt, «dort, an der Grenze zur Wüste».

All diejenigen aber, die sie mit ihren Wohltaten überhäuft hatte, waren in dieser Hinsicht selbstverständlich ganz anderer Meinung.

«Die Königin ist uns von Gott gesandt worden», beteuerten sie in den Synagogen, «und wir sollten nicht die Sünde begehen, ihr ein zweites Exil aufzuerlegen. Sie ist zu uns zurückgekommen, und wir werden sie hierbehalten.»

Vox populi16 … Salha Stétié «herrschte» noch lange über jene naiven Herzen, bis zu dem Tag, an dem sie sie verließ, kurz nach dem plötzlichen Tod ihres Prinzen nämlich, als sie in ein Reich zog, das viel gastlicher war als das von ihr erfundene.

***

Ihren Besitz an Gütern und Liegenschaften vermachte die Königin der Gemeinde. Es wurde indes erst die Gedenkfeier am dreißigsten Trauertag abgewartet, die im Hof des «Palastes» stattfand, dann fragte man die gelehrtesten und strengsten Rabbiner von Damaskus und Jerusalem, ob man das Erbe antreten dürfe, und falls ja, was mit all dem Geld geschehen solle, das der Sünde entstammte.

Über ein Jahr musste getagt, konferiert, beratschlagt, disputiert und verhandelt werden, bis zwischen der Schule von Damaskus und der von Jerusalem ein Kompromiss erzielt war, der da lautete, es sei nicht strikt verboten, sich jenes Vermögen anzueignen, unter der Bedingung allerdings, dass es für fromme und wohltätige Zwecke aufgewendet werde, und ferner sei es gestattet, für die arme Salha zu beten, die sich das Geld so mühsam erarbeitet habe, fern vom Ghetto, «dort, an der Grenze zur Wüste».

Der Kalligraph

Er hieß Jakob Mazeltov, doch weitaus bekannter war er unter dem Namen «Der Kalligraph». Auf Pergamentrollen jeglicher Größe hatte er Hunderte von Mesusot und Megilla17 übertragen, die weggingen wie warme Semmeln, und das nicht nur bei uns, sondern auch in den Ghettos von Aleppo, Beirut, Bagdad, Kairo und Alexandria. Sogar aus Jerusalem bekam er Aufträge, obgleich der Ruf der dortigen Skriptoren dem seinigen in nichts nachstand.

Sein Schriftbild war von solcher Schönheit und Eleganz, dass manche Bewunderer ihm eine übernatürliche Gabe zuschrieben. Es hieß, wenn er morgens nach der Rückkehr von der Synagoge den Ewigen darum bat, «ihm gelingen zu lassen, was er unternehme», und er den Federkiel in das Tintenglas tauchte, gesellten sich nacheinander sieben Engel zu ihm, auf dass die ersten sieben Wörter, die er an dem Tag schrieb, so einwandfrei würden wie ein neugeborenes Kind. Ferner habe er, noch bevor er des Schreibens kundig gewesen sei, bereits die weißgetünchten Wände im Schlafzimmer seiner Eltern mit Sprichwörtern von Salomo verziert, dem Sohn von David und König von Israel. Mit zehn habe er sich in eine Rumpelkammer zurückgezogen und dort in sein Schulheft die Empfehlungen eines seiner Vorfahren zum «rechten Umgang» mit Pergament abgeschrieben (bei den Mazeltovs war die Kalligraphie Familientradition). Als er sich mit dreizehn zum ersten Mal Gebetsriemen auf die Stirn gebunden habe und somit vor Gott für sein Tun verantwortlich gewesen sei, habe er in seiner Kunst nichts mehr zu lernen gehabt.

Wem das ungeheure Privileg zuteilwurde, ihm bei der Arbeit zusehen zu dürfen, der berichtete, sein Federkiel erklinge geradezu, wie wenn er lustvoll übers Pergament streiche.

Mazeltov verstand sich auf zweierlei: die Kalligraphie und die Malerei. Von der Transkription des GesangsvonMosesunddesVolkesIsraelzumDankdafür,dassAdonai,Gott,ihreVerfolgerindenFlutendesRotenMeeresverschlang18 ging er mit der Leichtigkeit von Noahs Taube zu einem Aquarell über, in dem er im naiven Stil des Zöllners Henri Rousseau19 Szenen aus der Bibel darstellte: das Opfer Abrahams, die Offenbarung Moses am Berg Sinai, die Ankunft der Überlebenden im Gelobten Land nach der Durchquerung der Wüste, und so weiter. Manche der Gouachen, an denen er in schlaflosen Stunden tüftelte, erinnerten an Höhlenmalereien aus der Vorgeschichte.

Der Kalligraph schwamm zwar nicht in Geld, war jedoch wohlversorgt. Stets hatte er drei, vier Gäste bei Tisch, die er selbst aus ihren Elendsbehausungen holte. Und da Gott nicht gewollt hatte, dass seine Frau ihm einen Sohn schenkte, dem er das künstlerische Erbe der Mazeltov hätte weiterreichen können, stand seine Tür ihrem Schicksal überlassenen Waisenkindern und Herumtreibern aus den verrufenen Vierteln von Damaskus immer offen.

Wenn man ihm dafür dankte, sich jenen Vagabunden gegenüber so gütig und großzügig zu verhalten, die womöglich-Langfinger-waren-oder-wer-weiß-vielleicht-noch-was-Schlimmeres, erwiderte er, vielmehr müsse er selbst Gott danken, der ihm ermögliche, diese Menschen bei sich aufzunehmen und ihnen zu helfen. «Es ist so leicht, Gutes zu tun und seinem Nächsten eine hilfreiche Hand zu reichen, wenn man dazu in der Lage ist … Wer seine Schätze in Tonkrügen versteckt, bräuchte nur zu tun, was ich tue. Es würde reichen, wenn jene Menschen sich mit dem Notwendigen begnügten und sich des Überflüssigen entledigten.»

So sprach der Kalligraph zu der Zeit, als er noch Lebensfreude ausstrahlte und man bei jedem Schritt, den er tat, ein Lamm für ihn hätte opfern wollen.

***

Ich sollte ihn erst zwanzig Jahre später kennenlernen, als er nur mehr ein Armer unter Armen war, den man aus Mitleid grüßte, oder aus Gewohnheit.

Als ich eines Abends am Palais der Bankiersfamilie Larnado vorbeikam, hörte ich, wie er mich bei meinem Kosenamen rief.

«Mose, Mose … Dich schickt der liebe Gott …» Er klammerte sich mit beiden Händen an den Türklopfer, um nicht zu fallen.

«Ich fühle mich nicht gut», murmelte er. «Ich weiß auch nicht, was ich habe … Ein wenig müde werde ich wohl sein.»

Er ließ den Türklopfer los und hielt sich an meinem Arm fest. Er sprach langsam, betont deutlich, wie ein Sterbender, der den Drang verspürt, sein Testament im letzten Augenblick mit einem Zusatz zu versehen. «Begleite mich doch ein paar Schritte, bis zur Samenhandlung … Ab dort komme ich allein zurecht … Es ist schon Nacht. Meine arme Frau macht sich bestimmt furchtbare Sorgen …»

Ich hielt ihm mein Taschentuch hin, er wischte sich damit Augen, Stirn und Bart ab, dann steckte er es ein. «Ich gebe es dir zurück, wenn meine Frau es gewaschen hat. Ach, dich schickt wirklich der liebe Gott … Ohne dich wäre ich noch immer vor der Tür der Bankiers.»

«Warum versteifst du dich eigentlich darauf, jeden Nachmittag in der Synagoge zu verbringen und sie erst so spät zu verlassen? Wenn der Arzt dich hier sehen würde, um diese Zeit …»

«Moment», erwiderte er, «Moment», und blieb stehen, um zu verschnaufen. «Du redest mir zu schnell. Der Arzt? Ich bin über achtzig und lebe nur noch in der Erwartung des Todes. Die Nachmittage in der Synagoge? Wo soll ich denn sonst hin? Bei mir zu Hause weint und jammert und klagt meine Frau. Und seit ich keine Aufträge mehr habe … Da bin ich im Haus Gottes noch am besten aufgehoben, dort habe ich auch am meisten Gelegenheit, das Wort Amen zu hören und zu sagen.»

«Von einem Amen mehr oder weniger hängt doch nicht dein Platz im Paradies ab …»

«Rede nicht wie ein Banause, mein Sohn. Jedes Amen, das wir hören oder als Erwiderung auf einen Segen aussprechen, wäscht uns ein wenig von unseren Sünden frei. Pass auf, ich mache dir jetzt ein Geschenk. Wir stehen hier vor dem Hirtenbrunnen, dessen Wasser, wie du weißt, für seine Frische und Reinheit bekannt ist. Ich trinke nun etwas davon und segne dabei Den, der durch Sein Wort alles erschaffen hat, und du sagst darauf Amen …»

Er segnete das Wasser, dann wartete er mein Amen ab, bevor er die letzten Tropfen trank, die auf seiner Handfläche verblieben waren.

Jakob Glück, Jakob der Prächtige, wohnte nunmehr am anderen Ende des Ghettos, in einem baufälligen Haus, in dem auch der «Verein zur Betreuung Fremder» untergebracht war. Es steht geschrieben: Du sollst nicht vergessen, dass du im Land der Ägypter einst selbst ein Fremder warst.20

«Zum Glück haben wir gutherzige Nachbarn. Es sind … wie nennt man das noch mal? … Heruntergekommene, auch sie wurden von der Zeit unbarmherzig bestraft … Wie wir. In zwei Monaten wird es wieder auf unsere Matratzen regnen, wie letzten Winter. Ich kann mich in die Synagoge flüchten, aber meine arme Frau … Der Arzt sagt, sie braucht viel Milch und Fleisch. Milch! Fleisch! Man sollte dem jungen Mann erklären, dass es mit dem Großen Kalligraphen nicht mehr weit her ist …»

«Machst du eigentlich noch die bunten Zeichnungen auf Pergament, an denen du monatelang herumgebessert hast, bevor du dich von ihnen trennen konntest?»

«An die erinnerst du dich noch? Ich nannte sie ‹Segnungen›, weil sie anlässlich einer Geburt, einer Bar-Mitzwa oder einer Hochzeit verschenkt wurden … Würde ich jetzt welche machen, würde niemand sie verstehen … Pergament kann ich mir außerdem nicht mehr leisten. Wenn mich wie durch ein Wunder die Inspiration überkommt – ein Wunder, das lang nicht mehr eingetreten ist –, benütze ich ein Palimpsest21 und zeichne darauf eine kleine Segnung, die schenke ich dann dem einen oder anderen Kind aus dem Ghetto …»

«Ich würde dich gern noch etwas fragen.»

Er stützte sich auf mich, und die Quaste seines Feses kitzelte mich am Kinn. Ich wusste nicht, ob er mir zuhörte oder sich in den Figuren seiner «Segnungen» verlor. «Ja? Stell nur deine Frage. Jakob hört dir zu.»

«Hast du dich jemals ans Kopieren einer Tora herangewagt?»

«Ich? Eine Tora kopieren? Ich?»

«Ja! Du! Welcher Kalligraph träumte nicht davon, den Auftrag für eine Tora zu bekommen? Bei deinem Talent …»

«Mein Talent! Du bist nicht der Erste, der mich fragt, warum der große, der unvergleichliche Jakob Mazeltov nie eine Tora kopiert hat … Wenn es genügte, Talent zu haben, um einer solchen Ehre und eines solchen Glückes würdig zu sein, hätte ich mein Leben damit verbracht, eine Tora nach der anderen zu kopieren! Nein! Dazu gehört viel mehr: nämlich Reinheit. Ich habe mich nie rein genug gefühlt, um die Gnade zu empfangen, mich solch einer Aufgabe zu befleißigen. Und Gott, der mich besser kennt als du, hat dies nie von mir verlangt …»

«Aber die Leute», sagte ich, um mich für meine indiskrete Frage zu entschuldigen, «wissen zum Glück noch immer deine Mesusot und deine Talismane gebührend zu schätzen.»

Mittlerweile waren wir vor der Samenhandlung angekommen. Jede Bewegung entlockte Jakob einen Klagelaut. «Hier kannst du mich lassen, ich bin nur noch ein paar Schritte von zu Hause entfernt, gerade genug Zeit, um einen Psalm zu rezitieren …»

«Ich würde dich lieber bis zu deiner Tür begleiten. Die Wagenspuren und Löcher in deiner Sackgasse kennen mit Menschen deines Alters kein Erbarmen.»

«Ach, diese Wagenspuren und Löcher kenne ich in- und auswendig, die könnte ich mit geschlossenen Augen umgehen.»

Dennoch ließ er sich von mir führen, und mühsam arbeiteten wir uns in der Sackgasse vorwärts.

«Du meinst also, mir bleiben die Mesusot und die Talismane. Aber die Talismane bringen nichts ein. Die Reichen glauben nicht mehr daran, und die Armen können sich eine solche Versicherung gegen das Böse nicht leisten. Und die Mesusot …»

«… Da heißt es doch: Und es sollen diese Worte, die ich Dir heute gebiete, in Deinem Herzen sein. Du sollst sie binden zum Wahrzeichen an deiner Hand. Und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an Deine Tore …»22

«Genau! Kennst du eine einzige Haustür in diesem Ghetto ohne ihre Mesusa? Die habe allesamt ich geschrieben und in ihre Schriftkapseln eingerollt. Und echtes Pergament ist unverwüstlich, vor allem, wenn man es vor Feuchtigkeit schützt. Darum bekomme ich nur noch alle zwei, drei Monate einen Auftrag …» Seine Worte versiegten in ein kaum vernehmbares Flüstern.

«Mehr bleibt mir nicht mehr, um … um zu überleben. Aber Gott hat mir so unendlich viel gegeben. Bald wird Er mich zu sich rufen, und die Dynastie der Mazeltov wird mit mir erlöschen.»

Wir standen nun vor seiner Tür, im fahlen Schein der einzigen Glühbirne, die die Sackgasse beleuchtete.

«Wenn Gott dich sehen würde, wie ich dich jetzt sehe, so würde Er bestimmt von dir verlangen, eine Tora zu kopieren.»

«Das würde Er nicht tun, denn Er weiß, dass ich dessen nicht würdig wäre. Zu spät … Zu spät …»

«Jakob, ich gehe jetzt.»

«Ja … Ich verstehe. Dir und deiner Familie sei ein Abend in Fülle beschert. Doch bevor ich dich ziehen lasse, werde ich dich segnen.»

Er legte mir beide Hände auf den Kopf, und ich hörte ihn psalmodieren. «Möge der Ewige dich behüten. Möge der Ewige dich mit Seinem Antlitz erleuchten und dir wohlgesonnen sein. Möge der Ewige dir Sein Antlitz zuwenden und dir Frieden schenken.»

***

In den zwei, drei Wochen, die auf diese Begegnung mit Jakob Mazeltov folgten, wurden von den Türen, hinter denen die braven Bürger des Ghettos sich verbarrikadierten, des Nachts Dutzende von Mesusot abgerissen.

«Wer erdreistet sich zu solchem Sakrileg?», fragten sich am Morgen die Opfer jener Vandalen und berührten dabei reflexartig mit dem Zeigefinger den seiner heiligen Schriftkapsel beraubten Türrahmen.