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Das Volk von Erial fiebert der Krönung seiner neuen Königin entgegen. Doch dann verschwindet Prinzessin Xiarana spurlos - entführt mit Hilfe dunkler Magie. Eigentlich undenkbar in einem Königreich, in dem das Ausüben von Magie bei Strafe verboten ist. Die königliche Leibwache präsentiert schnell einen Schuldigen: Kormenon, einen jungen Soldaten aus den eigenen Reihen. Doch er ist nur ein Sündenbock, während der wahre Täter weiter im Hintergrund die Fäden zieht. Um seine Unschuld zu beweisen bleibt Kormenon nichts übrig, als sich selbst auf die Suche nach der Prinzessin zu machen. Unterstützung erhält er von vier ungewöhnlichen Gefährten, von denen jeder ganz eigene Motive hat. Zusammen begeben sie sich auf eine gefährliche Reise, die nicht nur ihr eigenes Leben für immer verändern wird.
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Claudia Schäffler
Die Königin von Erial
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Karte
1. Ein rauschendes Fest
2. Freundschaft
3. Der lange Weg nach Vaal
4. Ein gefährlicher Pfad
5. Der Wald von Kyphros
6. Nerephne
7. Eine unerwartete Begegnung
8. Durch die Nebelsümpfe
9. Licht und Schatten
10. Weiter nach Norden
11. Herz aus Eis
12. Die Reise geht weiter
13. Edle Ritter und dunkle Magie
14. Der Kreis schließt sich
Epilog
Übersicht über die Personen
Impressum neobooks
„Einst war das Königreich Erial ein Ort der Magie. Zauberer, Elfen und andere magische Geschöpfe waren hochgeachtet am Königshof. Doch eines Tages brach König Randrich I. mit der alten Tradition. Niemand kann heute noch sagen, was den König zu seinen Taten veranlasste. Es wird gemunkelt, er habe sich mit dem König unseres Nachbarreiches Siral überworfen, das für seine Magierkaste berühmt ist. Andere Legenden sprechen von einem Streit mit einem Elfenkönig, der das Leben der Königin bedroht haben soll. Wir werden wohl nie erfahren, was damals, vor mittlerweile über 150 Jahren, wirklich geschah, denn jene, die dabei waren, sind lange tot. Wir wissen nur, dass König Randrich I. ein Gesetz erließ, welches alle Magie bei Strafe aus Erial verbannte. In Folge dessen, zerbrachen die Bündnisse mit den Elfen und seither hat niemand mehr Elfen im Königreich gesehen. König Narok III. von Siral kehrte unserem Reich den Rücken und ließ die magische Pforte schließen, welche unter den großen Bergen hindurchführte und die beiden Königreiche so miteinander verband. Lange herrschte Feindschaft zwischen Erial und Siral, den einstigen Schwesterreichen und kein Herrscher gedachte dies zu ändern. Bis zu jenem Tage vor nunmehr 15 Jahren, als unser geliebter König Randrich II. ein neuerliches Bündnis mit Siral anstrebte. An einem sonnigen Frühlingstag brach er zu Verhandlungen auf und mit ihm seine beiden tapfersten Ritter und 20 Soldaten. Keiner von Ihnen sollte je zurückkehren. Viele Tage war die Gesellschaft unterwegs, ohne dass Nachricht den Hof erreichte. Dann, sieben Tage nach der Abreise des Königs, kam ein junger Hirte völlig aufgelöst in den Burghof gerannt und verlangte, zur Königin gebracht zu werden. Den Grund hierfür wollte er nicht nennen, obgleich die Wachen ihm den Zutritt zum Palast verwehrten. Schließlich war es die Königin selbst, die ihm Einlass gewährte. Sie empfing ihn in der kleinen Halle, wo er auf die Knie fiel und unter Tränen von dem grausigen Fund berichtete, den er und sein Bruder gemacht hatten. Sie hatten ihre Schafe zum Fluss geführt und dort, im Wasser treibend, den König gefunden. Seine Kleider waren zerschlissen und sein Körper von Wunden gezeichnet. In seinem Herzen steckte ein Pfeil. Trauer kam über das Volk und viele fürchteten um die Königin, die gerade ihr drittes Kind erwartete. Für ihr Volk bewahrte sie Haltung und zeigte sich beim Begräbnis als ein Bild der Würde. Um aber das Land zu regieren fühlte sie sich nicht stark genug. So ernannte sie Graf Varash, des Königs jüngeren Bruder, zum Truchsess und Regenten. Sie selbst zog sich in den Palast zurück, wo wenig später ihr drittes Kind tot zur Welt kam. Die Königin verstarb nur einen Tag später und ließ ihre beiden Kinder Prinzessin Xiarana und Prinz Rolkor als Waisen zurück. Graf Varash übernahm die Erziehung der Beiden und regierte das Land, bis zu jenem Tag, an dem Kronprinzessin Xiarana das 20. Lebensjahr vollendet. Und dieser Tag, meine Freunde, ist nun gekommen. Heute feiern wir den Geburtstag unserer Kronprinzessin und morgen schon, wird sie als neue Königin den Thron Erials besteigen. Lasst uns alle an diesem freudigen Tag die Götter bitten, ihr eine lange und friedvolle Regentschaft zu ermöglichen.“
Beifall erhob sich in der Menge und der Mann im rot-gelb gestreiften Gewand verbeugte sich, was die Glöckchen an seiner Narrenkappe zum klingeln brachte. Tempolo, oberster Narr des Hofes, verstand es immer, sein Publikum zu fesseln, sei es mit akrobatischen Kunststücken, fröhlichen Reimen oder, wie an diesem Morgen, mit ernsthaften Erzählungen. Nachdem der Beifall langsam abebbte, sprang er mit einem Salto von seinem Podest, winkte noch einmal in die Menge und machte sich dann auf den Weg zurück in den Palast. Seine Geschichte hatte ihn nachdenklich gestimmt, wie sie es immer tat, wenn er sie erzählte. Er konnte sich noch immer gut an jene Tage erinnern, als König Randrich verstorben war und das Volk trauerte. Er selbst war damals ein Jüngling gewesen, gerade einmal 16 Jahre alt. Tempolo`s Vater war der Leibdiener König Randrichs, weshalb die Familie im Palast wohnen durfte. Die Prinzessin kannte der Hofnarr seit ihrer Geburt. Er hatte gesehen, wie sie von einem schüchternen kleinen Mädchen zu einer strahlend schönen jungen Frau herangewachsen war. Wie sie im zarten Alter von nur 5 Jahren Vater und Mutter verlor und von ihrem strengen Onkel aufgezogen wurde. Sie war von Anfang an in den Pflichten einer künftigen Königin unterwiesen worden und hatte niemals wie ihr jüngerer Bruder Rolkor und die anderen Kinder des Palastes spielen können. Und trotz alledem war eine ebenso freundliche wie starke junge Frau aus ihr geworden, die stets ein Lächeln für Jeden hatte und der vor allem anderen das Wohl ihres Volkes am Herzen lag. Tempolo zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie eine große und wundervolle Königin werden würde.
Nach einer halben Ewigkeit, wie es ihm schien, hatte der Narr endlich das große Haupttor des Palastes erreicht. Obwohl es noch früh am Morgen war tummelte sich schon eine große Menschenmenge auf den Straßen. Und Jeder, dem der oberste Hofnarr begegnete, bat ihn um eine Geschichte, einen Reim oder gar ein kleines Kunststück. So musste er immer wieder stehenbleiben, um etwas zu erzählen oder vorzuführen und die Leute klatschten, lachten und verlangten nach mehr. Die beiden Torwächter lachten, als er endlich bei ihnen angekommen war und der Jüngere fragte scherzhaft, wie man für eine so kurze Strecke nur so viel Zeit brauchen konnte. Tempolo schnitt eine Grimasse und zeigte auf seine roten, mit Glöckchen verzierten Schnabelstiefel, was die umstehende Menge mit erneutem Lachen quittierte. Daraufhin hüpfte er fröhlich pfeifend in den Palast.
Auch dort herrschte bereits reges Treiben, denn natürlich musste an diesem besonderen Tag alles perfekt sein. Der Marktplatz war bereits seit Tagen überfüllt mit Buden, an denen Händler aus allen Teilen des Landes ihre Waren feilboten. Von überall her waren Gaukler, Akrobaten, Feuerschlucker, Barden und Spielleute angereist, um bei dem Fest ihr Können zu zeigen. Die nächsten beiden Tage sollten eine einzige, rauschende Feier werden, für das einfache Volk ebenso, wie für die künftige Königin und ihren Hofstaat.
Tempolo bog in Gedanken versunken um eine Ecke und kollidierte beinahe mit einem jungen Soldaten in dunkelblauer Tunika. Beide stoppten im letzten Augenblick und sahen den jeweils anderen schockiert an. Der Narr war der erste, der das Wort ergriff: „Kormenon, wohin so eilig?“ „Zu den Ställen. Ich muss nachsehen, ob die Pferde bereitstehen...“ Ehe er überhaupt zu Ende gesprochen hatte, hastete Kormenon schon weiter. Tempolo sah ihm kopfschüttelnd nach. Der junge Mann zählte seit kurzem zur Leibgarde der künftigen Königin, erkennbar an den dunkelblauen Uniformen mit einem silbernen, siebenzackigen Stern auf der Brust. Dem Emblem der Königin. Mit einer stattlichen Größe von 1,80 Metern, einem athletischen Körperbau, dunkelbraunem Haar und auffallend blauen Augen war Kormenon der Schwarm vieler Mädchen. Er jedoch hatte nur Augen für die Kronprinzessin, die für ihn ewig unerreichbar bleiben würde. Tempolo bemitleidete den armen Jungen, konnte ihn aber durchaus verstehen, denn Xiarana`s Schönheit war unvergleichlich.
Bevor der Hofnarr seinen Weg fortsetzen konnte, wurde er erneut aufgehalten. Diesmal waren es zwei Waldgeister, die fröhlich seinen Namen riefen und auch er begann sofort zu lächeln, als er Kirelle und ihren Gefährten Tarmin erkannte. Waldgeister hatten sich vor langer Zeit am Hofe von Erial angesiedelt und wurden von den meisten Menschen sehr geschätzt. Wer die kleinen Kobolde näher kannte, musste sie einfach lieben. Beide fielen dem Narren erst einmal freudig um den Hals, oder eher um den Bauch, denn Waldgeister waren mit einer maximalen Körpergröße von 1,20 Metern von eher zierlicher Statur und Tempolo wirkte mit seinen gut 1,90 wie ein Riese gegen sie. Dann begannen sie durcheinander zu erzählen, wie aufregend dieser Tag doch werden würde und was noch alles zu tun sei. Tempolo sah ihnen einfach belustigt zu, denn verstehen konnte er bei dem Geschnatter kaum ein Wort. Beide waren für Ihr Volk eher hochgewachsen und hatten den leicht bronzenen Hautton, den nur jene Waldgeister aufwiesen, die vorwiegend in der Stadt lebten. Die Haut derjenigen, die eher in den Wäldern beheimatet waren, wies eine olivfarbene Tönung auf. Tarmin hatte ihm einmal erklärt, es läge an der Sonne, der sie außerhalb der schützenden Wälder eher ausgesetzt waren. Auch ihr dunkelblondes, von helleren Strähnen durchzogenes Haar war charakteristisch für „Städter“. Tarmin trug sein Haar auf Kinnlänge kurzgeschnitten, während Kirelle`s wilde Lockenpracht bis kurz über ihre Schulter reichte und zusammengebunden den Blick auf ihre spitzen, behaarten Ohren freigab, die in einem Büschel ebenfalls blonden Haars endeten. Bekleidet waren sie mit einfachen Leinenhosen und -tuniken in erdigen Grün- und Brauntönen, sowie bequemen Lederschuhen. Das Konzept von Zeremonienkleidung war ihnen fremd, ebenso wie die Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenkleidung. Ihre bernsteinfarbenen Katzenaugen strahlten, als sie von den kommenden Feierlichkeiten schwärmten. Waldgeister waren fröhliche Wesen, die Tanz und Gesang liebten und so gut wie nie mit Anderen in Streit gerieten. Sie liebten die Natur, waren dank ihrer krallenartigen Fingernägel behende Kletterer und konnten die Sprache der Vögel verstehen. Doch trotz ihrer zarten Statur und ihres sanften Wesens waren sie keinesfalls wehrlos. Sowohl Tarmin als auch Kirelle trugen, wie die meisten Vertreter ihres Volkes, stets zwei lange Jagddolche bei sich, die sie mit tödlicher Sicherheit einzusetzen wussten. Tempolo hatte einmal einen Kampf zwischen einem Waldgeist und einem Soldaten gesehen. Der Soldat war trotz überlegener Größe und Stärke als Verlierer hervorgegangen.
Der Narr wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Kirelle einen spitzen Schrei ausstieß. Er sah sie irritiert an, aber sie erklärte nur, wie spät es schon sei und dass sie ja eigentlich gar keine Zeit für einen Plausch hätten. Dann packte sie Tarmin`s Hand und die beiden liefen eilig davon, nur um kurz darauf in umgekehrter Richtung erneut an Tempolo vorbeizuhuschen, der seinen Weg nun lächelnd fortsetzte. Waldgeister hatten eben einen ganz eigenen Charme.
Ohne weitere Ablenkungen erreichte der oberste Narr des Hofes schließlich sein Ziel. Wenn auch etwas später als geplant. Er klopfte an eine Tür und erhielt sofort die Erlaubnis, einzutreten. Der Raum, den er nun betrat, war nicht sehr groß und strahlte eine friedvolle Atmosphäre aus. Durch die beiden großen Fenster auf der rechten Seite schien das Licht der Vormittagssonne und spiegelte sich auf dem gläsernen Tisch der, umringt von gemütlichen Sesseln, das Zentrum des Raumes bildete. Tempolo`s Blick schweifte kurz über die kleine Kommode & den Schrank, die das Mobiliar vervollständigten, sowie die kunstvoll gewebten Wandteppiche und kehrte dann wieder zu den Fenstern zurück. Dort stand eine junge Frau und hatte den Blick nach außen gewandt. Sie war in ein Gewand aus fließender, zartblauer Seide gekleidet, das mit silbernen Blütenranken bestickt war. Ihr kupferblondes Haar floss in sanften Wellen über Schultern und Rücken und reichte bis zu ihrer Taille hinab. Schließlich drehte sie sich um und lächelte dem Narren freundlich zu. „Tempolo“ Der angesprochene verneigte sich tief, bevor er ihren Gruß erwiderte. „Meine Königin.“ „Noch bin ich nicht Königin.“ widersprach sie. „In den Herzen der Menschen seid ihr es bereits und in meinem Herzen wart ihr es immer.“ Nun lachte Xiarana. „Tempolo, du schmeichelst mir wieder viel zu sehr. Dabei hast du es nicht einmal nötig. Du stehst doch bereits hoch in meiner Gunst.“ Der Narr stimmte in ihr Lachen mit ein. „Und es ist niemals falsch, mir diese Gunst zu erhalten.“ meinte er dann mit gespieltem Ernst, was die Kronprinzessin erneut zum Lachen brachte. Sie bat ihn, sich zu setzen und eine Dienerin brachte Tee für die Beiden, entfernte sich aber auf einen Wink Xiaranas wieder. Tempolo nahm einen Schluck von seinem Tee und sah seine Herrin dann fragend an. „Darf ich nun den Grund für dieses Treffen erfahren?“ Xiarana stellte seufzend ihre Tasse ab. „Ich habe dich eigentlich aus keinem bestimmten Grund herbestellt.“ gestand sie. „Ich schätze, ich wollte einfach noch kurz die Ruhe genießen und etwas Zeit mit einem Freund verbringen, bevor die Hektik dieses Tages richtig beginnt.“ Sie lächelte, um ihren Worten mehr Leichtigkeit zu verleihen, doch der Narr durchschaute sie sofort. Dieser Tag würde die junge Frau viel Kraft kosten. In etwa einer Stunde musste sie sich dem Volk zeigen und die Feierlichkeiten eröffnen. Dann begann das Festprogramm zu ihrem Ehrentag, dass mit einem Turnier seinen Höhepunkt fand und spät am Abend mit einem Ball endete. Sie würde keine ruhige Minute haben und musste dennoch am nächsten Morgen wieder strahlend schön vor ihrem Volk erscheinen, um den Thron zu besteigen. „Fürchtet ihr den morgigen Tag?“ Xiarana schien lange zu überlegen. „Ein wenig.“ gab sie schließlich zu. „Ein Teil von mir freut sich auf morgen, denn ich wurde seit mehr als 15 Jahren darauf vorbereitet, Königin zu werden. Und ich bin stolz, die Nachfolge meines Vaters anzutreten. Aber ein anderer Teil von mir ist unsicher, ob ich dieser Verantwortung gewachsen bin. Ich habe Angst zu versagen, Tempolo.“ Ihre Stimme war zu einem Flüstern geworden, als sie ihm dies gestand. Der Narr erhob sich von seinem Platz, um vor ihr niederzuknien und ergriff ihre Hand. „Ihr werdet nicht versagen. Es gibt niemanden, der besser geeignet wäre diesen Thron zu besteigen als ihr. Und allein die Tatsache, dass ihr euch so viele Gedanken darüber macht, zeigt mir, welch eine große Königin ihr sein werdet.“ Sie konnte die feste Überzeugung in seinen Augen erkennen und schenkte ihm erneut ein Lächeln. „Was würde ich nur ohne dich machen?“ Tempolo nahm das Kompliment als solches an, bemühte sich dann aber, die nachdenkliche Stimmung aufzulockern. „Ihr müsstet wohl einen neuen obersten Hofnarren suchen, vermute ich. Und man sagt, talentierte Narren, sind heutzutage rar gesät, wobei Narren an sich immer häufiger auftreten.“ Seine Worte hatten den gewünschten Effekt und er konnte erneut dem Lachen seiner Herrin lauschen und das Strahlen ihrer blauen Augen bewundern. So merkwürdig es auch schien, dass ausgerechnet er als Hofnarr die höchste Vertrauensperson der künftigen Königin war, so sehr erfüllte es ihn doch mit Stolz. Und wenn er sich an all die Gelegenheiten erinnerte, bei denen er Xiarana aufgeheitert und ihre Ängste zerstreut hatte, konnte er verstehen, warum sie ausgerechnet ihn dazu erwählt hatte. Seit mehr als 15 Jahren stand er ihr bei wann immer sie ihn brauchte.
Ihre Teestunde wurde jäh unterbrochen, als eine Hofdame nach kurzem Anklopfen eintrat, um die Kronprinzessin an ihre weiteren Verpflichtungen zu erinnern. Xiarana dankte ihr und wandte sich dann noch einmal an Tempolo. „Ich schätze die Hektik des Tages holt mich nun doch ein. Aber ich danke dir. Für Alles.“ Der Narr verneigte sich, bevor er erwiderte: „Wann immer ihr mich braucht, Herrin, werde ich da sein.“ Sie schenkte ihm ein letztes Lächeln und verließ dann, gefolgt von der Hofdame, den Raum. Auch der Hofnarr machte sich wieder auf den Weg. Vielleicht konnte er der Köchin noch etwas zu essen abschwatzen, bevor er sich wieder auf den Marktplatz begab, um das zu tun, was er am Besten konnte – die Menschen unterhalten.
***
Kormenon lief eilig durch die labyrinthartigen Gänge des Palastes. Manchmal hatte er noch immer Probleme damit, sich im Schloss zurechtzufinden. Besonders an einem Tag wie heute, an dem sich so viele Menschen auf den Gängen drängten. Diener und Mägde liefen teils schwer bepackt durcheinander, während einige Soldaten versuchten, sich durch das Gedränge zu kämpfen und der ein oder andere Edelmann verzweifelt den Weg zu seinen Gastgemächern suchte. Kormenon ignorierte den ganzen Trubel und schlug den kürzesten Weg zu den Gemächern der Kronprinzessin ein. Eigentlich hatte er nur kurz nach den Pferden sehen wollen, doch die geschwätzigen Stallburschen hatten ihn mit tausend Fragen gelöchert und viel zu lange aufgehalten. Was er gerade an diesem Tag so gar nicht gebrauchen konnte. Als Mitglied von Xiarana`s Leibgarde hatte er einen ebenso hektischen Tag wie die Prinzessin selbst. Schließlich musste er überall dort sein, wo sie war und seine Wachsamkeit durfte keine Sekunde nachlassen. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass irgendjemand seiner Herrin etwas Böses wollte, doch sicher wissen konnte man das natürlich nie.
Kormenon ließ das große Treppenhaus hinter sich und erreichte kurz darauf endlich die Vorhalle von Prinzessin Xiarana`s Gemächern, wo seine Kameraden bereits warteten. Natürlich wurde er wegen seiner Verspätung sofort von Aregor, dem Hauptmann der Garde, gerügt und von den Anderen ausgelacht. Er ließ es schweigend über sich ergehen und lehnte sich etwas abseits gegen die Wand. Da er nicht nur das neueste Mitglied der königlichen Leibgarde, sondern mit gerade einmal 22 Jahren auch mit Abstand der Jüngste war, gab er für die Anderen natürlich die perfekte Zielscheibe ab. Viele sahen es nicht gern, dass er in seinem Alter schon eine so verantwortungsvolle Position innehatte und wären ihn am liebsten sofort wieder losgeworden. Zumal die, auch als Sterngarde bezeichnete Truppe gerade einmal aus sieben Männern bestand. Doch da er es aus eigener Kraft so weit gebracht hatte und nicht durch Beziehungen – sein Vater war lediglich Kaufmann, kein Fürst – konnten sie nichts gegen ihn unternehmen, solange er sich nichts zu Schulden kommen ließ. Daher hegten einige der anderen Soldaten die Hoffnung, er würde die Garde vielleicht freiwillig verlassen, wenn sie ihm nur genug Anlass dafür gaben. Einzig Voril, ein Hüne von einem Mann, mit dunklem Haar, einem sorgfältig gestutztem Bärtchen und buschigen Augenbrauen, hielt zu dem jungen Soldaten und stärkte ihm den Rücken. Auch jetzt klopfte er Kormenon wieder freundschaftlich auf die Schulter und wisperte ihm ein leises: „Ignoriere sie einfach.“ zu. Der Jüngere lächelte ihn dankbar an und nickte. Ohne Voril`s Hilfe hätte er vielleicht wirklich schon aufgegeben. Und in Situationen wie dieser fragte er sich, warum er es nicht einfach tat.
Dann öffneten sich die großen Flügeltüren am Ende des Saales und die Kronprinzessin betrat den Raum. Sofort wusste Kormenon wieder, warum er den Spott und die Gemeinheiten seiner Kameraden ertrug. Xiarana schien von innen heraus zu strahlen. Das zarte eisblau ihres Gewandes harmonierte perfekt mit der Farbe ihrer Augen. Ihr kupferblondes Haar war mit silbernen Bändern durchflochten und kunstvoll aufgesteckt. Dazu trug sie einen Umhang aus dunkelblauem Samt, der mit einer Silberbrosche in Sternform zusammengehalten wurde. Kormenon fühlte sich unfähig, sich zu bewegen oder auch nur zu atmen, als sie an ihm vorüberschritt. Erst als Voril ihm einen leichten Stoß in die Rippen versetzte fiel die Starre von ihm ab und er reihte sich mit den Anderen in die Formation ein. Kaum hatte er seinen Platz eingenommen, setzte sich die Gruppe auch schon in Bewegung. Die Kronprinzessin verließ die Halle und schritt, stets flankiert von ihrer Leibgarde, einen breiten Gang entlang, durch eine weitere Halle und zwei schmälere Gänge. Schließlich stieg sie eine gewundene Treppe nach oben, die zu den Zinnen des Nordturmes führte. Von dieser erhöhten Position aus konnte man die gesamte Umgebung überblicken. Kormenon ließ seinen Blick über den Marktplatz schweifen, wo sich eine riesige Menschenmenge drängte. Von hier oben waren nicht mehr als bunte Punkte zu erkennen, die sich zu einem großen, farbenprächtigen Teppich zusammenfügten. Auch die Straßen und kleinen Gässchen wimmelten vor Schaulustigen. Jeder, so schien es, wollte an dem heutigen Ereignis teilhaben. Außerhalb der Schlossmauern hatten die Händler und Spielleute ihre Zelte aufgeschlagen und an der Südseite der Burg konnte man gerade noch ein Stück des Turnierplatzes erkennen. Dann schlug die Turmuhr zwölf und Xiarana öffnete einen Käfig, aus dem sich 20 weiße Tauben in die Luft erhoben. Das Volk brach in Jubelschreie und Beifallsstürme aus. Die Festlichkeiten zum 20. Geburtstag der Kronprinzessin hatten nun offiziell begonnen.
***
Nach der feierlichen Eröffnungszeremonie hatte sich das Gedränge im Burghof wieder etwas gebessert. Inzwischen hatte der Markt geöffnet und viele bestaunten die Waren der Händler, die aus allen Himmelsrichtungen angereist waren, oder feilschten um den Preis eines begehrten Stückes. Auch Tempolo schlenderte an den Ständen vorbei und genoss es, einmal nicht sofort sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der oberste Narr des Hofes hatte sich mittlerweile umgezogen und war nun in die Farben der Kronprinzessin gekleidet. Das rechte Bein seiner Hose war silbern, das linke dunkelblau. Er trug eine silberne Tunika und darüber ein blaues Wams, sowie eine gestreifte Narrenkappe und unterschiedliche Schuhe – am linken Fuß einen silbernen, am rechten einen blauen – deren Spitzen nach oben gebogen waren und in einem Glöckchen mündeten. Mit Xiarana`s Krönung am morgigen Tag würde er, als oberster Narr des Hofes, automatisch zum Narren der Königin werden. Die höchste Position, die man in seinem Beruf erreichen konnte. Und eine Position, die ihn mit Stolz erfüllte. Die kleine Prinzessin war nun erwachsen geworden und würde schon bald eine wahrhaft große Königin sein.
Bevor Tempolo sich jedoch in Erinnerungen an Xiarana`s Kindheit verlieren konnte, wurde er von Fanfarenklängen aus seinen Überlegungen gerissen. Sofort drängten die Menschen zur Straße. Auch Tempolo folgte der Masse und suchte sich etwas abseits einen Platz. Es dauerte nicht lange, bis er eine Gruppe Pusinenbläser in blauen Livreen um die Ecke biegen sah. Ihnen folgten Trommler und Fahnenschwenker und schließlich die Kutsche der Kronprinzessin. Sie wurde von drei schneeweißen Pferden gezogen und von der Sterngarde flankiert, deren Mitglieder allesamt auf schwarzen Pferden ritten. Die Menge jubelte begeistert und Xiarana winkte ihren Untertanen lächelnd zu. In der letzten Reihe, rechts der Kutsche, konnte Tempolo Kormenon erkennen. Er saß in aufrechter Haltung auf seinem Pferd und ließ den Blick unauffällig durch die Menge schweifen, was dem Narren ein anerkennendes Lächeln auf die Lippen zauberte. Der Soldat hatte nicht umsonst in seinen jungen Jahren schon so viel erreicht.
In Erial hatte jeder Mann das Recht, sich zum Soldaten ausbilden zu lassen. Nach abgeschlossener Ausbildung lag es an den eigenen Fähigkeiten, wie weit man kam. Viele gaben sich mit dem Dasein eines einfachen Fußsoldaten zufrieden, Andere bemühten sich um einen Platz in der Reiterei. Wer höher hinaus wollte, konnte sich um einen Platz in einer Garde bewerben. Der Drachenorden war dafür bekannt, nur die besten Schwertkämpfer aufzunehmen, während in der Feuergarde vor allem der bedingungslose Glaube an den Sonnengott Soriton zählte. Neben diesen beiden größten Orden gab es noch eine Vielzahl kleinerer, sowie natürlich die geheimnisvolle Schattengarde, die zum Schutz des Truchsess bestellt war. Die höchste Auszeichnung allerdings, war ein Platz in der Sterngarde, die gerade einmal sieben Männer umfasste, symbolisch für die sieben Zacken des silbernen Sterns, seit jeher das Symbol der Königin. Einen noch höheren Stand konnte ein Soldat nur durch einen Ritterschlag erreichen, was äußerst selten vorkam, da das Rittertum eigentlich den Fürsten vorbehalten war. Allein die Königin oder der König hatten die Macht, einen einfachen Soldaten zum Ritter des Reiches zu schlagen. Tempolo konnte sich nicht erinnern, dies einmal erlebt zu haben. Doch vielleicht würde er es ja eines Tages erleben, dachte der Narr mit Blick auf Kormenon.
Dieser ritt weiterhin wachsam am Ende des Umzuges. Er hatte in der Menge viele bekannte Gesichter entdeckt, auch wenn er sich dies nicht hatte anmerken lassen. Da war Tempolo gewesen, in die Farben der Königin gekleidet und mit seinem typischen Lächeln im Gesicht. Der Hofnarr mit den sanften braunen Augen und den kurz geschnittenen braunen Haaren, die fast immer von seiner Narrenkappe verdeckt wurden, schien wirklich niemals schlechter Laune zu sein. Ein Stück weiter entfernt hatte Kormenon seine Eltern entdeckt, deren Gesichter voller Stolz waren. Sie hatten sich wohl vor allem in die erste Reihe gedrängt, um ihren Sohn zu sehen und nicht die künftige Königin. Daneben stand seine Schwester mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen Sohn. Nur wenige Meter entfernt alberten zwei Waldgeister herum und Kormenon musste sich bemühen, seine stoische Miene beizubehalten und nicht über Tarmin`s Grimassen zu lachen. Durch seine verantwortungsvolle Position, die vor allem Neid hervorrief, hatte er nicht viele Freunde im Palast, doch auf Tarmin und Kirelle konnte er immer zählen. Er sah auch ein paar ehemalige Kameraden aus seiner Ausbildungszeit. Damals waren sie seine Freunde gewesen, doch nach seiner Aufnahme in die Sterngarde hatten sie sich von ihm abgewandt. Ebenso wie die alten Freunde seiner Kindheit, die ihn mittlerweile nicht einmal mehr grüßten, wenn er sie auf der Straße traf. Diese Einsamkeit, zusammen mit dem Spott seiner Kameraden, ließ ihn seine Entscheidung manchmal bereuen. Doch seine Familie zumindest war Stolz auf ihn und die Sterngarde war für ihn die einzige Möglichkeit, seiner Angebeteten nahe zu sein. Denn, auch wenn er wusste, dass seine Liebe zu Xiarana hoffnungslos war und niemals erwidert werden würde, war es zumindest ein kleiner Trost, in ihrer Nähe zu sein und sie zu beschützen.
Nach Stunden, wie es ihm schien, war die Parade endlich zu Ende. Er stieg von seinem Pferd und reichte die Zügel einem Stallburschen, um sich dann erneut in die Formation einzureihen. Nun wurde die Kronprinzessin von ihrer Garde in den kleinen Thronsaal geleitet, wo sie die Glückwünsche der Fürsten entgegennehmen sollte. Der kleine Thronsaal war eine lange Halle aus dunklem Stein im oberen Teil des Palastes. Durch schmale Fenster an der südlichen Seite drang gedämpftes Licht herein, während an den Wänden aufgestellte Kerzenleuchter für weitere Helligkeit sorgten. Der Saal war bis auf einige Banner an den Wänden nahezu schmucklos und schien eine leichte Kälte auszustrahlen. Am hinteren Ende führten Stufen zu einem breiten Marmorsockel hinauf, auf dem sich zwei Thronsessel aus dunklem Holz befanden. Von einem dieser Sessel erhob sich nun Graf Varash, Onkel der Kronprinzessin, Truchsess und derzeitiger Regent. Ohne sagen zu können warum, erschauerte Kormenon bei seinem Anblick. Der Truchsess war ein hochgewachsener Mann, mit stechend grauen Augen, Kinn- und Oberlippenbart und dunklen Haaren, in denen sich erste graue Strähnen zeigten. Er war in dunkle Grau- und Silbertöne gekleidet und trug einen schweren Mantel mit Pelzbesatz, der für das milde Frühlingswetter viel zu warm schien. Varash war eine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit und schien immer ein wenig unnahbar, was Kormenon seinem Amt zuschrieb. Als Regent des Landes hatte er kaum Zeit für persönliche Kontakte. Der Graf war, wie immer von einigen Mitgliedern der Schattengarde umgeben, die sich seinem Schutz verschrieben hatten. Über diese Garde war nicht viel bekannt, da ihre Mitglieder sehr verschwiegen waren und den Kontakt zu Außenstehenden mieden. Daher gab es zahlreiche Gerüchte und manch einer sagte ihnen sogar dunkle Absichten nach. Auch die traditionelle Kleidung der Garde war nicht gerade dazu angedacht, diese Gerüchte zu zerstreuen. Die Mitglieder trugen ausschließlich Hosen und Tuniken in dunklen Grautönen und darüber meist Gugeln, die tief ins Gesicht gezogen wurden.
Prinzessin Xiarana schritt die Stufen nach oben und wurde von ihrem Onkel mit einem Lächeln begrüßt. Nach einer flüchtigen Umarmung nahmen Beide Seite an Seite Platz, während Kormenon und seine Kameraden links und rechts des Throns Posten bezogen. Normalerweise würde auch Rolkor, Xiarana`s jüngerer Bruder, an dem Empfang teilnehmen, doch der Prinz war vor zwei Jahren von Varash nach Meskalyna gesandt worden, um dort im Tempel des Rivinikan zum Krieger ausgebildet zu werden.
Auf ein Zeichen Xiarana`s hin, öffneten zwei Diener die großen Flügeltüren der Halle und die ersten Fürsten des Landes betraten den Saal, um der Kronprinzessin ihre Aufwartung zu machen. Der Empfang schien sich endlos in die Länge zu ziehen und Kormenon fragte sich, ob wirklich alle Adligen Erials und der benachbarten Königreiche erschienen waren. Es sah zumindest danach aus. Und keiner von ihnen schien geneigt, sich ein wenig kurz zu fassen. Jeder bestand darauf, einige Worte mit der Kronprinzessin zu wechseln oder ihr ein Geschenk zu überreichen, was die Prozedur zusätzlich in die Länge zog. Kormenon unterdrückte ein Gähnen und versuchte, weiterhin Haltung zu bewahren. Endlich trat das letzte Fürstenpaar vor den Thron und der junge Soldat atmete erleichtert auf. Nachdem auch dieses Paar seine Glückwünsche ausgesprochen und den Saal verlassen hatte, seufzte Xiarana und erhob sich. Ihr Onkel tat es ihr gleich und bot ihr mit einem aufmunternden Lächeln seinen Arm. Die Prinzessin hakte sich bei ihm ein und sie verließen gemeinsam den Saal, flankiert von den Mitgliedern der Stern- und Schattengarde. Im Saal machten sich die Diener daran, die Geschenke wegzuräumen, während sich die Kronprinzessin und der Truchsess in die Königsloge der Arena begaben.
***
Tempolo schlug drei Saltos hintereinander und verbeugte sich anschließend vor seinem jubelnden Publikum. Die Sitzplätze der Arena hatten sich bereits zu einem großen Teil gefüllt, daher hatte man einige Gaukler und Feuerspucker auf den Turnierplatz geschickt, um das Publikum zu unterhalten. Die Sitzplätze waren den Fürsten und den höher gestellten Bürgern vorbehalten, während das einfache Volk versuchte, hinter der Tribüne einen Stehplatz zu ergattern. Tempolo vollführte einige weitere, akrobatische Kunststücke und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln, wie sich die Arena weiter füllte. Natürlich musste er dabei auch darauf achten, keinem Feuerspucker in die Quere zu kommen. Schließlich erschienen Xiarana und Varash in der Königsloge und nahmen, eingerahmt von ihren Leibgarden, ihre Plätze ein. Kurz darauf erklangen Posaunen, das Signal für die Gaukler und Artisten, den Turnierplatz zu verlassen. Tempolo schlug einen letzten Salto und verschwand winkend nach hinten. Der Turniermeister erschien um die Regeln zu erklären. Die Streiter traten zunächst im Tjost gegeneinander an. Wurde ein Ritter aus dem Sattel geworfen, schied er aus und die Runde ging an seinen Gegner. Konnten sich Beide auf den Pferden halten, mussten sie erneut gegeneinander anreiten. Wurden Beide vom Pferd geworfen, so traten sie im Nahkampf mit Schwertern oder dem Morgenstern gegeneinander an, um den Sieger zu bestimmen. Die Sieger aus der ersten Runde trafen dann in der zweiten Runde aufeinander, wodurch in jeder Runde Ritter ausschieden, bis am Ende einer als Sieger übrig blieb.
Ein weiteres Posaunensignal kündigte den Beginn des Turniers an und schon wurden die ersten Beiden von insgesamt 16 Rittern von ihren Herolden vorgestellt. Das Turnier erstreckte sich über vier Runden und es gab glücklicherweise keine Verletzten zu beklagen. Aus der Finalrunde ging Sir Jerembor von Leferaq, ein junger Ritter mit blondem Haar, als Sieger hervor. Die Kronprinzessin überreichte dem stolzen Recken einen goldenen Farnzweig als Siegesprämie. Damit war das Turnier beendet und Prinzessin Xiarana zog sich für einen kurzen Augenblick der Ruhe in ihre Gemächer zurück.
Dies bedeutete auch für die Sterngarde eine kleine Pause und Kormenon ließ sich dankbar in einen Sessel fallen. Abgesehen von dem kurzen Ritt während der Parade hatte er beinahe den ganzen Tag gestanden und seine Beine schmerzten dementsprechend. Bevor er aber wirklich entspannen konnte, hörte er eine hämische Stimme hinter sich: „Na, sind wir etwa schon müde? Die Sterngarde ist eben kein Platz für kleine Jungen. Vielleicht solltest du lieber wieder mit Holzschwertern spielen gehen.“ Kormenon bedachte den Sprecher mit einem finsteren Blick, würdigte den Spott jedoch keiner Antwort. Von seinen Kameraden war Nemlac wohl der Schlimmste und auf jeden Fall derjenige, der ihn am meisten piesackte. Dass Kormenon ihn nicht beachtete, schien ihn nur noch mehr zu ärgern. Er trat dem jungen Soldaten gegen das Schienbein und spottete weiter: „Was, zu müde zum sprechen, Bürschchen?“ Bevor Kormenon etwas erwidern konnte, schritt Voril ein. „Lass ihn in Ruhe, Nemlac. Wir sind doch alle müde.“ „Nimm das kleine Bürschlein nicht schon wieder in Schutz. Immer verteidigst du ihn!“ warf Nemlac nun Voril vor. Dieser wurde von Hauptmann Aregor von einer Antwort abgehalten, der Allen befahl, den Mund zu halten. Sein zorniger Blick galt dabei Kormenon, als habe er den Streit begonnen. Kormenon senkte den Kopf und unterdrückte ein Seufzen. Er hatte es aufgegeben, auf die Akzeptanz seiner Kameraden zu hoffen. Als er Voril`s Hand auf seiner Schulter spürte, zwang er sich, dem Älteren ein dankbares Lächeln zu schenken. Voril hielt immer zu ihm und zog damit den Zorn der Anderen auf sich, wofür Kormenon sich schuldig fühlte.Vielleicht sollte er doch endlich aufgeben und die Garde verlassen. Es würde bedeuten, seinen Traum aufzugeben, aber vielleicht wäre es doch das Beste.
Er wurde von weiteren Grübeleien abgehalten, als sich eine Türe öffnete und Xiarana den Raum betrat. Sofort richteten sich alle Augen auf sie und Kormenon stockte einmal mehr der Atem. Sie trug nun ein Kleid aus dunkelblauem Samt, das am Ausschnitt mit Silberfäden verziert war. Auch die weiten Glockenärmel waren silbern bestickt und reichten fast bis zum Boden. Abgerundet wurde das Kleid mit einem silbernen Gürtel, der tief auf Xiarana`s schmalen Hüften saß. Ihr Haar floss nun in sanften Wellen über ihren Rücken und wurde nur im Nacken mit einer silbernen Spange zusammengehalten. Auf ihr Zeichen hin gab Aregor den Befehl, sich zu formieren und die Prinzessin wurde von ihrer Garde in den Speisesaal geleitet, wo schon das Festmahl bereitstand. Xiarana nahm neben ihrem Onkel am Kopfende der großen Tafel Platz, an der bereits die Fürsten der höchstgestellten Häuser, sowie einige herausragende Ritter saßen. Natürlich hatte sich auch Sir Jerembor dort eingefunden, der als Preis für seinen Turniersieg zur Linken der Kronprinzessin speisen durfte. Die Soldaten der Sterngarde durften nun ebenfalls eine wohlverdiente Pause genießen. Für sie war unweit der königlichen Tafel ein Tisch gedeckt worden, damit sie sich für den Rest des Abends stärken konnten.
Tempolo hatte die Zeit während es Turniers genutzt, um etwas zu essen und sich ein wenig auszuruhen. Nun war er im Speisesaal unterwegs und unterhielt die Gäste. Er schlich sich von hinten an einen Barden heran, der so in seine Erzählung vertieft war, dass er dies nicht einmal bemerkte. Erst als seine Zuhörer scheinbar grundlos in Gelächter ausbrachen drehte er sich um und entdeckte den Narren, der hinter seinem Rücken fröhlich Grimassen schnitt. Mit drohenden Gesten scheuchte er ihn weg, konnte sich aber selbst ein Lachen nicht verkneifen. Während er immer noch kichernd seine Erzählung wieder aufnahm, hüpfte Tempolo fröhlich zur königlichen Tafel. Dort nahm er sich drei Äpfel aus einer Schale und begann, damit zu jonglieren. Die Kronprinzessin applaudierte lachend, ebenso wie die meisten Anderen an der Tafel. Nur Graf Varash bedachte den Narren mit einem strafenden Blick, was diesen jedoch nicht zu stören schien. Er lief weiterhin jonglierend durch den Saal. Am Tisch der Sterngarde entdeckte er einen missmutig dreinblickenden Kormenon. Da er sich gut vorstellen konnte, wie der Tag des jungen Soldaten verlaufen war, näherte er sich dem Tisch. Ein kurzes Stück davon entfernt, machte er jedoch kehrt und warf einen Apfel über seine Schulter, der Nemlac direkt am Kopf traf. Wütend sprang dieser auf, doch da der Narr bereits wieder zur Kronprinzessin zurückgekehrt war, konnte er nichts tun. Er musste sich wieder setzen und das Gelächter der Anderen über sich ergehen lassen. Tempolo zwinkerte Kormenon unauffällig zu und erhielt ein dankbares Lächeln dafür. Von Nemlac würde er sich heute natürlich fernhalten müssen, doch im Grunde hatte er nichts zu befürchten, da er als oberster Hofnarr und Vertrauter der Kronprinzessin einen gewissen Schutz genoss. Um den Bogen aber nicht zu überspannen, legte der die restlichen Äpfel zurück in die Schale und begann, zwischen den Tischen Räder und Saltos zu schlagen.
Schließlich war das Festmahl beendet. Die Gesellschaft begab sich nun in die große Festhalle, wo der Abend mit einem Ball ausklingen sollte. Die Halle war mit Blumengirlanden und bunten Bändern geschmückt worden, an Decke und Wänden sorgten große Leuchter mit hunderten von Kerzen für warmes Licht. Etwa die Hälfte des großen Saales war mit Tischen und Bänken ausgefüllt, an denen die Gäste ausruhen und etwas trinken konnten. Die andere Hälfte diente als Tanzfläche, da den ganzen Abend über verschiedene Barden und Spielleute ihr Können unter Beweis stellen durften. Die Kronprinzessin hatte gemeinsam mit ihrem Onkel auf einem erhöhten Podest Platz genommen und war erneut von der Sterngarde umgeben. Tempolo hielt sich meist bei den Bänken auf, wo er die Gäste mit Kunststücken und Gaukeleien erheiterte. Von Zeit zu Zeit nahm er auch zu Füßen Xiarana`s Platz, um wieder etwas zu Atem zu kommen. Gerne hätte er sie um einen Tanz gebeten, doch das höfische Protokoll verbot es leider. So musste er sich damit begnügen zuzusehen, wie sie mit Graf Varash oder einem der Fürsten tanzte. Und Kormenon ging es nicht besser als ihm. Der junge Mann wandte den Blick keine Sekunde von der Prinzessin ab und schien beinah nach einem Grund zu suchen, aus dem er einschreiten könnte. Doch die Fürsten verhielten sich stets vorbildlich, so blieb ihm nichts übrig, als weiterhin schweigend zu beobachten. Je später die Stunde umso erschöpfter wirkte Xiarana, doch ihre Gäste schienen nicht bereit, das Fest enden zu lassen. Es war weit nach Mitternacht, als Graf Varash schließlich aufstand und erklärte, es sei an der Zeit, sich zurückzuziehen. Daraufhin dankte die Kronprinzessin allen Anwesenden für ihr Kommen und wünschte ihnen eine gute Nacht. Nach einem letzten dankbaren Blick zu ihrem Onkel ließ sie sich von der Sterngarde zu ihren Gemächern geleiten, wo zwei Zofen bereits auf sie warteten. Xiarana wünschte nun auch den Soldaten eine gute Nacht und entließ sie nach Hause. Kormenon verneigte sich und wartete wie die Anderen bis die Prinzessin in ihren Privatgemächern verschwunden war, bevor er sich auf den Weg zu seinem Zimmer machte. Den Soldaten der Sterngarde wurden Zimmer im unteren Teil des Palastes zur Verfügung gestellt, damit sie im Notfall sofort zur Stelle waren, wenn die Kronprinzessin sie brauchen sollte. Während Kormenon langsam durch die unzähligen Gänge der riesigen Festung schritt, wirbelten tausend Gedanken in seinem Kopf durcheinander. Doch der Tag war mehr als anstrengend gewesen, sodass er einschlief, kaum dass sein Kopf das Kissen berührte.
Auch Tempolo hatte sich mittlerweile auf sein Zimmer im Bedienstetenflügel des Palastes zurückgezogen. Er lag jedoch wach und starrte in die Dunkelheit. Die Sorge um Xiarana raubte ihm den Schlaf. Der heutige Tag hatte sie viel Kraft gekostet und der kommende Tag würde noch um ein Vielfaches schlimmer werden. Obwohl er keinen Zweifel daran hatte, dass sie eine wundervolle Königin sein würde, fragte er sich, ob sie nicht doch zu jung war. Sie hatte heute majestätisch und erwachsen gewirkt, aber manchmal sah Tempolo immer noch das kleine Mädchen vor sich, dass sie ja im Grunde auch war. Seufzend warf sich der Narr auf die andere Seite. Seine Grübeleien
Der Tag begann mit einem malerischen Sonnenaufgang und milden Temperaturen, die den bevorstehenden Sommer ankündigten. Obwohl das ganze Volk bis spät in die Nacht hinein gefeiert hatte, standen die Meisten schon mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Erneut herrschte geschäftiges Treiben, denn der heutige Tag sollte den vorangegangenen noch übertreffen. Jeder wollte seinen Beitrag leisten, um die Krönung der zukünftigen Königin zu einem unvergesslichen Ereignis werden zu lassen.
Auch Kormenon hatte beim ersten Hahnenschrei sein Bett verlassen und legte nun seine Uniform an. Sein Gesicht war bereits glattrasiert und seine dunklen Locken hatte er am Hinterkopf zusammengebunden. Er strich seine Tunika glatt, vergewisserte sich noch einmal, dass seine Stiefel geputzt waren und gürtete anschließend sein Schwert um. Nach einem letzten, prüfenden Blick in den Spiegel verließ er sein Zimmer. Während er einmal mehr seinen Weg durch die schier endlosen Gänge des Palastes antrat, waren seine Gedanken meilenweit entfernt.
Er grübelte schon den ganzen Morgen und war inzwischen zu einem Entschluss gekommen, der ihm zwar nicht wirklich gefiel, aber sicher das Beste war. Er würde diesen Tag noch durchstehen und morgen darum bitten, aus der Sterngarde entlassen zu werden. Als Grund wollte er angeben, dass die Verantwortung für einen Mann seines Alters einfach zu groß war. Natürlich würden seine Eltern enttäuscht sein und er würde viel Spott ertragen müssen, aber vielleicht konnte er in sein altes Leben zurückkehren. Vielleicht konnte er sich der Reiterei anschließen.
Die anderen Gardemitglieder würden ihn, mit Ausnahme von Voril, niemals akzeptieren. Das war ihm mittlerweile klar geworden. Und während er anfänglich über ihre Verhöhnungen und ihren Spott hinweggesehen hatte, wurde es inzwischen immer schwieriger, beides zu ignorieren. Er hatte gehofft, irgendwann den Respekt seiner Kameraden gewinnen zu können, doch sie würden ihm nie eine Chance geben. Dessen war er sich sicher. Kormenon fühlte sich unverstanden und von allen alleingelassen.
Schließlich erreichte er die Vorhalle zu den Gemächern der Kronprinzessin, wo bereits Hauptmann Aregor und Nemlac standen. Beide warfen ihm kurz einen abschätzenden Blick zu, um ihn dann völlig zu ignorieren. Dankbar darüber, dass sie ihn wenigstens in Ruhe ließen, lehnte sich Kormenon in eine Ecke und senkte den Kopf. Nach und nach trafen auch die restlichen Gardemitglieder ein und er junge Soldat bemühte sich, Voril`s besorgtem Blick auszuweichen. Er fühlte sich, als würde er den Älteren, der immer zu ihm gestanden und ihm den Rücken gestärkt hatte, mit seinem Austritt aus der Garde hintergehen. Auch wollte er ihm noch nichts von seinem Plan erzählen, aus Angst davor, Voril würde es ihm ausreden.
Er wurde aus seinen trübsinnigen Gedanken gerissen, als plötzlich die Tür aufflog und eine junge Zofe völlig aufgelöst aus den Gemächern der Prinzessin gelaufen kam. „Die Prinzessin..“, rief sie atemlos, „sie ist verschwunden!“ Sofort waren alle Soldaten aufgesprungen und scharten sich um das Mädchen. „Was meinst du damit? Was soll das heißen, verschwunden?!“ fragte Aregor barsch. Sie sah ihn ängstlich an und antwortete stotternd: „Wir ... wir haben gesucht.. überall. Aber sie ist fort. Und in ihrem .. ihrem Schlafgemach... da .. herrscht wirres Durcheinander.“
Bei den letzten Worten brach sie in Tränen aus und gab auf weitere Fragen keine Antwort mehr. Die Sterngarde stürmte in Xiarana`s Gemächer, die dem Schauplatz eines Kampfes glichen. Möbel waren umgestoßen, Kleidung und zerbrochenes Geschirr lagen auf dem Boden verteilt und auch der Spiegel über der Kommode war zu Bruch gegangen. Der Hauptmann reagierte sofort. Binnen kürzester Zeit war die Palastwache alarmiert, die gesamte Festung wurde abgeriegelt und systematisch durchsucht. Kormenon wurde in den Bedienstetenflügel geschickt und rannte so schnell er nur konnte dorthin.
Als er um eine Ecke bog, kollidierte er plötzlich mit Jemandem und landete rückwärts auf dem harten Steinfußboden. Er richtete sich stöhnend wieder auf und sah, dass er mit Tarmin zusammengeprallt war, der sich gerade ebenfalls wieder aufrappelte. Als er Kormenon erkannte, begann er sofort, auf ihn einzureden. „Da bist du ja. Wir haben dich schon gesucht, Kirelle und ich. Du musst sofort mitkommen...“
Doch Kormenon schnitt ihm das Wort ab. „Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, Tarmin. Prinzessin Xiarana ist verschwunden und wir müssen den Palast durchsuchen. Sie kann nicht weit sein.“ Er wollte wieder losstürmen, wurde aber von Tarmin aufgehalten, der ihn unsanft am Arm packte. „Darum geht es ja. Ich weiß, was passiert ist. Mit der Prinzessin, meine ich.“ „Du weißt es? Was ist passiert? Wo ist sie?“ „Komm mit.“ Ohne eine Antwort abzuwarten zog der Waldgeist den verdatterten Soldaten hinter sich her.
Sie rannten durch unzählige Gänge und einige Treppen hinunter, bis sie schließlich in einem kleinen, von schützenden Mauern umgebenen Garten ankamen. Dort saß Kirelle auf einer niedrigen Steinbank und schien auf die Beiden zu warten. Tarmin schleifte Kormenon zu der Bank und ließ dann endlich seinen Arm los. Der junge Soldat rieb geistesabwesend sein schmerzendes Handgelenk. Waldgeister hatten spitze, krallenartige Fingernägel und deutlich mehr Kraft, als man ihnen zutraute. „Also, erklärt ihr mir jetzt mal, was passiert ist und was das Alles soll?“ fragte er ungeduldig.
Die beiden Waldgeister tauschten einen kurzen Blick, bevor Kirelle zu sprechen begann: „Prinzessin Xiarana wurde entführt...“ Sofort fiel Kormenon ihr ins Wort: „Entführt? Von wem? Wann?... und woher wisst ihr das eigentlich?“ „Ich habe mit Shouba geredet.“ Auf Kormenon`s fragenden Blick fügte sie hinzu: „Shouba ist eine Schleiereule. Sie wohnt oben im Südturm. Jedenfalls hat sie letzte Nacht im Schlafgemach der Prinzessin Geräusche gehört. Sie ist zum Fenster geflogen, um nachzusehen und...“ Sie stockte und Kormenon fragte ungeduldig: „Und was? Was hat sie gesehen?“
„Drei vermummte Männer, in dunkles Grau gekleidet, die Prinzessin Xiarana in eine Art ... schwarze Wolke stießen.“ „Eine schwarze Wolke?“ „Dunkle Magie.“ mischte sich Tarmin in das Gespräch ein. Kormenon sah ihn erschrocken an. „Das bedeutet also, dass Xiarana mittels schwarzer Magie entführt wurde. Aber von wem und wohin hat man sie gebracht?“ „Wir wissen es nicht.“ gestand Tarmin. Der junge Soldat ließ sich niedergeschlagen auf eine Bank sinken. Wie sollten sie Xiarana befreien, wenn sie nicht einmal wussten, wer sie gefangenhielt und wo sie sich befand.
„Shouba sagte etwas von vermummten Männern in grau.“ meinte Tarmin nach kurzer Zeit. Kormenon sah ihn an. Er verstand sofort, worauf der Waldgeist hinauswollte. „Die Schattengarde trägt grau.“ „Und wir wissen welchem mächtigen Mann die Schattengarde untersteht, der durch die heutige Krönung einiges an Macht einbüßen würde.“ spann Kirelle den Gedanken weiter. Die beiden Männer nickten. Die Theorie war so naheliegend wie plausibel, aber auch ebenso gefährlich.
„Wir können Graf Varash nicht einfach so beschuldigen.“ erklärte Kormenon. „Wir haben keine Beweise.“ Kirelle überging seinen Einwand. „Dann müsst ihr eben Beweise finden. Geh zu deinem Hauptmann und sag ihm, was du weißt.“ Mit dieser Geschichte vor Aregor zu treten war das Letzte, was er tun wollte, aber er hatte wohl keine andere Wahl. Resigniert stand Kormenon auf und sah die beiden Waldgeister an. „Also gut, ich werde zu ihm gehen.“
***
Kormenon saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf dem feuchten Boden seiner Gefängniszelle. Eine Hand hatte er gegen seine schmerzenden Rippen gepresst, die Andere tastete vorsichtig über seine Stirn. Zumindest hatte die Platzwunde aufgehört zu bluten, auch wenn sie noch immer heftig schmerzte. Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit seit seinem Gespräch mit Hauptmann Aregor vergangen war. In die Tiefen des Kerkers drang kaum ein Lichtstrahl, sodass es unmöglich war, die Tageszeit zu schätzen.
Er hatte nicht wirklich erwartet, dass der Hauptmann ihm glauben würde. Er hatte mit Spott gerechnet, vielleicht auch damit, angeschrien zu werden, aber auf eine solch brutale Reaktion war er nicht gefasst gewesen. Aregor hatte ihm nicht nur unterstellt zu lügen, sondern auch behauptet, Kormenon hätte selbst etwas mit dem Verschwinden der Kronprinzessin zu tun.
Er hatte den jungen Soldaten zum Hauptverdächtigen erklärt und in einen Verhörraum werfen lassen. Dort wurde er wieder und wieder gefragt, warum er Xiarana entführt habe, wo er sie hingebracht habe und warum er versucht hatte, die Schuld für ihr Verschwinden Graf Varash in die Schuhe zu schieben. Kormenon antwortete wahrheitsgemäß, dass er von alledem nichts wusste, doch natürlich glaubte ihm niemand. Es dauerte nicht lange bis sie versuchten, Antworten aus ihm herauszuprügeln.
Drei seiner sogenannten Kameraden, allen voran natürlich Nemlac, hatten auf ihn eingeschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Er erwachte erst wieder, als er auf dem harten Steinfußboden der Zelle landete, in die sie ihn geworfen hatten. Durch das Dröhnen in seinem Kopf war Aregor`s Stimme gedrungen, der versprach, ihn bald erneut zu verhören, bevor die schwere Eisentür ins Schloss fiel und er allein in der Dunkelheit zurückblieb. Seitdem saß er hier und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Doch sosehr er auch grübelte, er fand keinen. Er hatte nur versucht, das Richtige zu tun, um die Prinzessin zu retten. Und nun wusste er nicht einmal, wie er sich selbst retten sollte.
Plötzlich wurde die Tür geöffnet und ein Mann betrat die Zelle. Kormenon kauerte sich zusammen und erwartete weitere Schläge. Der Mann kam langsam näher und ließ sich neben ihm in die Hocke sinken. Dann berührte eine Hand vorsichtig seine Schulter. „Kormenon?“ Das war nicht Aregor`s Stimme. Der Soldat setzte sich vorsichtig auf und blinzelte gegen das Licht der kleinen Laterne an, die der Andere in Händen hielt. Es dauerte einige Momente, bis er sein Gegenüber erkannte. „Tempolo?“ stieß er überrascht aus.
„Ja, ich bin es.“ bestätigte der Narr, bevor er vorsichtig fragte: „Kannst du gehen?“ Kormenon nickte und stemmte sich hoch. Sein Körper protestierte und jeder Muskel schien zu schmerzen, doch er ignorierte es und schleppte sich mit Tempolo`s Hilfe aus der Zelle. Der Narr führte ihn durch einige finstere Gänge, in denen nur selten eine Fackel in der Wand brannte und gespenstische Schatten warf. Der Weg stieg langsam an, wie Kormenon feststellte, bis sie schließlich durch ein schmales Tor ins Freie gelangten. Kormenon blinzelte gegen die Sonne, die zwar schon tief am Himmel stand, ihm nach der undurchdringlichen Finsternis des Kerkers aber gleißend hell erschien.
Erst als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, bemerkte er, dass er und Tempolo nicht allein waren. Tarmin und Kirelle saßen auf einem großen Stein und Voril lehnte ein Stück hinter ihnen an der Mauer. Neben den Waldgeistern auf dem Boden lagen vier Rucksäcke, über Kirelle`s Schulter hing ein Jagdbogen. „Was macht ihr denn alle hier?“ fragte der junge Soldat verwirrt. „Dein Leben retten.“ kam die Antwort von Tempolo, der ihn noch immer stützte. Die Anderen nickten zustimmend. „Aregor hat verbreitet, du würdest hinter Prinzessin Xiarana`s Entführung stecken.“ meldete sich nun Voril zu Wort. „Er hat dich zum Verräter am Königreich und der Krone erklärt und will dich morgen hinrichten lassen. Es wird keine Verhandlung geben. Das Urteil ist gefällt.“
Als Kormenon nur mit geschocktem Schweigen antwortete, fuhr er fort: „Darum mussten wir dich befreien und dir zur Flucht verhelfen.“ „Aber ich kann doch nicht einfach davonlaufen. Was ist mit meiner Familie? Und mit der Prinzessin? Werden sie überhaupt nach ihr suchen?“ „Du wirst auch nicht einfach davonlaufen.“ ergriff Tempolo wieder das Wort. „Du fliehst, um die Wahrheit herauszufinden und deine Unschuld zu beweisen.“ „Und wir helfen dir dabei.“ mischte sich nun auch Tarmin ein. „Ihr...“ Kormenon fehlten die Worte.
„Tempolo, Tarmin und Kirelle werden dich begleiten. Ich bleibe hier und versuche, dein Verschwinden so lange wie möglich zu vertuschen und Aregor auf eine falsche Fährte zu lenken. Vielleicht erkaufe ich euch damit etwas Zeit.“ erklärte Voril. Dann reichte er Kormenon sein Schwert. „Das wirst du brauchen, fürchte ich. Gib nicht auf, mein Junge. Vertrau auf deine Stärke und deinen Mut. Xiarana`s Leben liegt jetzt in deinen Händen.“ Kormenon nickte. „Danke Voril. Danke für Alles.“
Der ältere Soldat gab ihm einen leichten Klaps auf die Schulter und verschwand dann durch das schmale Tor in die Burg. Kormenon sah ihm besorgt nach. Schon wieder hatte sich der Ältere seinetwegen in Gefahr gebracht. Tempolo`s Stimme riss ihn jedoch sofort wieder aus seinen Gedanken. „Wir müssen los. Je mehr Distanz wir zwischen uns und Aregor bringen, desto besser. Nicht weit von hier liegt der Tempel der Lurika. Dort können wir deine Wunden versorgen lassen und die Nacht verbringen.“ Kormenon straffte die Schultern, nahm von Kirelle einen der vier Rucksäcke entgegen und biss die Zähne zusammen. „Gehen wir.“ Langsam, aber zumindest aus eigener Kraft, folgte er dem Narren, während die beiden Waldgeister das Schlusslicht bildeten.
Tempolo führte sie durch hohes Gras den Hügel hinunter, auf dem die Festung errichtet war. Durch den Trubel der letzten Tage waren viele Händler und Reisende unterwegs, sodass sie die offizielle Straße mieden. Sie konnten es sich nicht erlauben, gesehen zu werden. Zumal die kleine Gruppe nicht gerade unauffällig war. Tempolo hatte zwar sein Narrenkostüm gegen einfache braune Hosen, ein helles Hemd und eine braune Weste eingetauscht, doch Kormenon`s dunkelblaue Tunika wies ihn schon von weitem als Mitglied der Sterngarde aus und die Waldgeister erregten immer ein gewisses Aufsehen.
Sie hatten Glück und erreichten ungesehen den Rand des Waldes, der direkt an den großen Hügel angrenzte. Der Tempel der Lurika lag auf der anderen Seite des Waldes. Kannte man die Wege durch das Unterholz, so konnte man ihn innerhalb einer Stunde erreichen. Aber die Sonne ging bereits unter und Kormenon hatte immer größere Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Tempolo war stehengeblieben und warf dem jungen Soldaten einen besorgten Blick zu, den dieser jedoch ignorierte. „Geh weiter. Ich halte schon durch.“
Es war eine Lüge, das wussten sie Beide. Doch sie hatten keine andere Wahl. Langsam gingen sie weiter. Tempolo versuchte den Pfad durch den Wald zu finden, während es von Minute zu Minute dunkler wurde. Er war diesen Weg schon oft gegangen, aber im abendlichen Zwielicht sah Alles völlig anders aus, sodass er schließlich seufzend stehenblieb. Bevor er allerdings etwas sagen konnte, drängte sich Tarmin an ihm vorbei. „Ich gehe voraus. Wir Waldgeister sehen auch im Dunkeln ziemlich gut.“ Der Narr beschloss, darauf zu vertrauen, dass diese Aussage der Wahrheit entsprach und sie setzten ihren Weg eine zeitlang schweigend fort.
Bis Kormenon plötzlich strauchelte und auf die Knie fiel. Tempolo war sofort an seiner Seite, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Kormenon dankte ihm und befreite sich aus seinem Griff. Dann machte er zwei Schritte und wäre erneut gestürzt, hätte ihn der Narr nicht rechtzeitig abgefangen. „Ich fürchte wir müssen hier Rast machen. Kormenon ist nicht in der Verfassung, noch weiter zu gehen.“ Bevor die beiden Waldgeister zustimmen konnten, hatte der Verletzte schon widersprochen. „Nein! Der Tempel kann nicht mehr weit sein. Ich schaffe das ... wenn du mich stützt.“ Es fiel ihm schwer, um Hilfe zu bitten, doch er wusste auch, dass er aus eigener Kraft nicht mehr weit kommen würde. Tempolo stimmte widerwillig zu und stützte ihn, so gut er konnte.
Der Weg schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Kormenon`s Schritte wurden immer schwerer und er nahm seine Umgebung nur noch als vage Schatten wahr. Tempolo befürchtete schon, sie hätten sich doch verlaufen, als die Bäume endlich zurücktraten und die vertraute Silhouette des Tempels vor ihnen auftauchte. Seine Erleichterung währte nur kurz. Im nächsten Moment sackte Kormenon in seinen Armen zusammen. Kirelle ließ die drei Männer am Waldrand zurück und lief in den Tempel, um Hilfe zu holen. Kurz darauf kehrte sie mit einigen Priesterinnen zurück.
Diese legten den verwundeten Soldaten auf eine Bahre und brachten ihn in den Tempel, wo sich sofort die Heilerinnen um ihn kümmerten. Tarmin und Kirelle verschwanden sichtlich erschöpft in ein Gastquartier, während Tempolo noch mit der Hohepriesterin sprach. Er kannte Hargoris sein ganzes Leben lang und wusste, dass sie ihm glauben würde. So erzählte er ihr von Allem, was geschehen war und bat sie um ihre Unterstützung. Die alte Frau versprach sofort ihm zu helfen, soweit es in ihrer Macht stand und schickte ihn dann mit den Worten: „Du schläfst ja fast im Stehen, mein Junge.“ zu Bett. Dankbar ließ er sich in ein Gastquartier führen, wo er schnell seine Kleidung abstreifte, bevor er ins Bett fiel und sofort einschlief.
***
Am nächsten Morgen wurde Tempolo von den Sonnenstrahlen, die durch sein Fenster fielen, geweckt. Er stand auf und ließ seinen Blick erst einmal durch den Raum schweifen. Viel gab es allerdings nicht zu sehen. Neben dem Bett stand ein niedriges Schränkchen mit einem Kerzenhalter darauf und an der gegenüberliegenden Wand befand sich ein Tisch, auf dem der Narr Wasser zum waschen und frische Handtücher fand. Nachdem er sich gewaschen und wieder angezogen hatte, verließ er den Raum, um nach seinen Gefährten zu suchen. Sein Weg führte ihn einen langen Gang entlang, vorbei an vielen Türen, bis er schließlich in den großen Speisesaal gelangte.
Der Tempel beherbergte beizeiten bis zu 150 Frauen. Die Dienerinnen der Lurika waren ausschließlich weiblich. Männer wurden im Tempel nur als Gäste geduldet. Die meisten der Frauen, die Tempolo durch den Speisesaal huschen sah, waren Priesterinnen. Sie waren an ihren einfachen, silbergrauen Gewändern und durchsichtigen Schleiern gut zu erkennen. Die Heilerinnen trugen ebenfalls diese silbergrauen Gewänder, jedoch mit weißen Schürzen darüber und weiße Hauben, anstelle des Schleiers. Ansonsten beherbergte der Tempel noch die Mondtänzerinnen. Diesen jungen Frauen sagte man seit jeher magische Kräfte nach und obwohl es hieß, sie hätten der Magie abgeschworen, wie König Randrich I. es damals verlangt hatte, umgab sie auch heute noch etwas mysteriöses. Gekleidet waren sie in leichte, weiße Gewänder, die mit silbernen Fäden bestickt waren und den Blick auf schlanke Arme freigaben.
Obwohl der Narr schon oft im Tempel gewesen war, hatte er nur selten einen Blick auf eine der Mondtänzerinnen erhaschen können und noch nie die Gelegenheit gehabt, mit einer von ihnen zu sprechen. Fast schien es ihm, als würde Hargoris die Mädchen von den Gästen abschirmen. Auch heute sah er keine der Tänzerinnen im Speisesaal. Dafür entdeckte er die beiden Waldgeister an einem der Tische, wo sie sich mit einer älteren, blonden Heilerin unterhielten. Er gesellte sich zu ihnen und die Heilerin stellte sich als Benta vor. „Ich pflege euren jungen Freund.“ erklärte sie. „Und wie geht es ihm?“ wollte Tempolo sofort wissen. „Es geht ihm bereits besser. Wir haben seine Wunden versorgt. Sie werden schnell heilen. Im Moment braucht er vor allem Ruhe und Schlaf. Dann ist er in ein paar Tagen wieder auf den Beinen.“
Der Narr dankte ihr und die Heilerin verabschiedete sich, um wieder nach ihren Patienten zu sehen. Viele Kranke und Verletzte suchten den Tempel auf, um von ihren Leiden kuriert zu werden. Tarmin und Kirelle teilten ihr reichliches Frühstück mit Tempolo und ließen ihn erst einmal in Ruhe essen. Schließlich stellte Tarmin die Frage, die sie Beide beschäftigte: „Wie geht es jetzt weiter?“ Tempolo seufzte. „Nun, wir werden wohl erst einmal ein paar Tage hierbleiben. Zumindest so lange, bis sich Kormenon ein wenig erholt hat. Und dann ... ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass Hargoris uns weiterhelfen kann.“
Die beiden Waldgeister nickten. „Die Sterngarde und etwa ein Dutzend Soldaten sind bei Sonnenaufgang in Richtung Süden aufgebrochen.“ berichtete nun Kirelle. „Woher weißt du das?“ „Von Skrill, meinem Falken. Er beobachtet den Palast und die nähere Umgebung und erstattet mir regelmäßig Bericht.“ „Gut, sehr gut.“ Tempolo war erneut froh, über die Begleitung der Waldgeister und ihre Fähigkeit, mit Vögeln zu kommunizieren. „Voril`s Ablenkung scheint also zu funktionieren. Hoffen wir, dass er uns damit genug Zeit erkauft.“ Seinen Worten folgte bedrücktes Schweigen. Nach kurzer Zeit stand er auf und verließ den Speisesaal, um nach Kormenon zu sehen.
Die Krankenstation befand sich etwas abseits der öffentlichen Räume im Ostflügel des Tempels, damit die Kranken und Verwundeten die nötige Ruhe bekamen. Tatsächlich war hier nichts von der allgemeinen Geschäftigkeit zu spüren, die im Rest des Tempels herrschte. Tempolo war einer einzigen Heilerin begegnet, bis er Kormenon`s Zimmer erreichte, aus dem er leisen Gesang vernahm.
„Siehst du die Raben ziehen; weit weit fort; Sie reisen durch die Welt; stets von Ort zu Ort.
Ich wünscht, ich könnte fliegen; weiterziehen wie sie; die ganze Welt bereisen; doch verweilen nie.“
Er öffnete vorsichtig die Tür und spähte hinein. Kormenon lag im Bett und schien zu schlafen. Die Platzwunde an seiner Stirn war verbunden worden und sein linkes Auge war blau, blutunterlaufen und geschwollen. Der Rest seines Körpers wurde durch die Bettdecke verborgen. Tempolo`s Blick glitt weiter durch den Raum und blieb an einem jungen Mädchen haften, das neben dem Bett auf einem Stuhl saß. Sie hatte langes, dunkelbraunes Haar, das offen über ihre Schultern fiel. Ihr zartes, weißes Kleid mit der silbernen Stickerei wies sie als Mondtänzerin aus. Der Gesang kam von ihr:
„Sehn mich nach der Ferne; welch Geheimnis liegt dort; möcht ziehen mit den Raben; so weit weit fort.“
Leise, um sie nicht zu stören, betrat der Narr den Raum. Doch sie bemerkte ihn und verstummte. Einen Augenblick lang sahen sich beide nur an. Das Mädchen offenbar erschrocken über das plötzliche Auftauchen des Fremden und der Narr noch immer gebannt von ihrem Gesang. Nur langsam löste sich die Starre und er fand seine Sprache wieder. „Verzeiht, ich wollte euch nicht erschrecken. Ich kam nur, um nach meinem Freund zu sehen.“ Sie lächelte schüchtern. „Ihr braucht euch nicht zu entschuldigen. Ich hatte euch nur nicht kommen hören.“
