Die Kopfreisende - Karin Samsa - E-Book

Die Kopfreisende E-Book

Karin Samsa

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Beschreibung

Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo. (André Heller) Die lebenslustige Anne ist eine moderne Frau, die erfolgreich im Leben steht und gerne in die Tiefen des uralten Schamanismus eintaucht. Doch die Vorwürfe ihres Ex-Mannes zehren an ihr, ebenso die Affäre mit dem charismatischen Tom. Als sie erkrankt, zieht Anne die Reißleine und bucht ein Ticket nach Ecuador. Im Dschungel und in den Anden lernt sie vom Sonnenpriester Apuq, die Kraft der Elemente zu nutzen. Doch kaum zu Hause angekommen, erwartet Anne schon eine außergewöhnliche Bewährungsprobe.

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2022

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"Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo."(Andre' Heller)

Inhalt

Am Anfang

Vater Sonne

Das Seminar

Die Quelle

Die Dunkelheit

Tischgespräche

Das Dunkle ans Licht bringen

Der Bauer

Die Geschichte der Elfe

Die Liebe

Wer du wirst, verändert die Welt, nicht was du tust.

„Glück ist mit denen, die das Glück zulassen“, sagt Vater Sonne.

Munay Suyu Küste

Vater Feuer

Mutter Wasser

Geister der Anden

Annes Herz

Mutter Erde und Vater Wind

Nach Hause

Das kleine Volk

Von Rittern und Drachen

Lebe-Liebe-Lache

Dunkelheit und schwarzes Licht

Fliegen

Elfen und Diebe

Die Ahnen

Eigenliebe und Dankbarkeit sind der Schlüssel zum Glück…,

Nachtrag und Danksagung

Glossar

Am Anfang

„Am Anfang war das Licht im Dunkel und die Dunkelheit hat das Licht geboren, um Leben zu erschaffen. Die Reichhaltigkeit des Lebens mit Feuer, Wasser, Luft und Materie. So wurde die Erde geschaffen und aus ihr all die Wesenheiten, die die Erde bevölkern und so entstand auch die Liebe. Die Liebe, die alle Gegensätze vereint. Das Große mit dem Kleinen, das Leichte mit dem Schweren, das Licht mit dem Dunklen. Für die Liebe ist das kein Konflikt, kein Gegensatz. Die Liebe vereint, so wie in dem Zeichen Yin und Yang. Sie ist die große Verbindung. Viele Wesen bevölkern das Universum, aber nicht alle können diese Verbindung durch die Liebe spüren. Diejenigen, die sie nicht spüren, verharren im Dunkeln und meinen, sie müssten dort bleiben. Sie können sich nicht vorstellen, dass es für sie die Liebe gibt, weil sie sie noch nicht kennengelernt haben. Diese Wesenheiten haben sich für die ewige Düsternis entschieden und neiden und meiden das Licht. Sie wollen zurück zum ursprünglichen Zustand, als das Licht noch komplett in die Dunkelheit eingebunden war. So wollen sie zerstören, was das Licht geboren hat und damit auch die Erde mit all ihren Bewohnern und die Liebe. Sie sind der rebellische Haufen, der der Erde schadet. Sie gilt es, in ihre Schranken zu verweisen und ihnen die Liebe nahe zu bringen. Nur wenn sie merken, dass daraus ein Gewinn für sie entsteht, wird die Erde mit all ihren Bewohnern aufatmen können. Trage das weiter.“

So spricht die Dunkelheit.

„Das hast du mir schon mal erklärt“, sagt Anne.

„Ja, das habe ich. Auch Apuq, der Sonnenpriester, hat dir das beigebracht. Das wird der Anfang deines Buches. Es wird zeigen, wie alles entstanden ist und wie alles zusammenhängt, ohne zu belehren. Morgen wirst du anfangen. Bereite alles vor. Setze deine Blumenkrone auf und putze deine Flügel! Du musst dein Schwert schon bald ziehen“, fordert die Dunkelheit sie auf.

„Flügel putzen? Blumenkrone richten? Schwert ziehen?“

Womit soll sie anfangen?

Vater Sonne

Am besten mit dem Flughafen von Quito. Hier war ein Wendepunkt.

Durch die großzügigen Fenster der Cafeteria hat Anne einen guten Blick auf die Hügelkette der ecuadorianischen Anden. In der Ferne sieht sie die graugrünen Berge, die von einem leichten Dunst-Schleier überzogen sind. Sie ist mit dem Nachtbus gekommen, müde und viel zu früh da. Es ist acht Uhr morgens, einchecken kann sie erst in einer Stunde. Es herrscht eine träge Stimmung, auch die Kellnerin wirkt noch verschlafen. Anne fühlt sich, wie frau sich fühlt, wenn sie sich mühevoll in ihre Lufthansa-Stützstrumpfhose gezwängt hat, damit es beim zehnstündigen Flug keine dicken Beine gibt. Wenn der letzte Kaffee getrunken ist und es nur noch darum geht, zu warten und die Zeit totzuschlagen.

Sie betrachtet ihr Spiegelbild im Fenster. Die Zeit in Ecuador hat ihr gutgetan. Farbe hat sie bekommen. Sie wirkt nicht mehr so gehetzt, ihre Haut ist entspannter und glatter als vor ihrer Reise, abgesehen von den vielen Lachfalten um die Augen. Abgenommen hat sie, das steht ihr nicht schlecht, sonst fühlt sie sich zu kräftig für ihre mittelgroße Statur. Außerdem treten jetzt die Wangenknochen besser hervor aus ihrem eher runden Gesicht. Ihre schulterlangen, lockigen Haare wird sie zu Hause wieder braun nachfärben müssen. Zu viel grau mag sie nicht an sich. Sie ist mit sich zufrieden, sie weiß, dass sie für ihr Alter gut aussieht. Sie lacht bei dem Gedanken, dass sie jetzt selbst diesen NoGoSatz im Kopf hatte. Wieso sagt man bei Frauen ab vierzig nicht nur „Sie sieht gut aus“, sondern stets mit dem Zusatz „für ihr Alter“? Ihre grünen Augen blitzen bei dem Gedanken amüsiert. Vier Wochen war sie bei Apuq, dem Inkapriester. Sie fühlt sich stärker und souveräner als je zuvor. Auch die Probleme mit Ihrem Ex-Mann, mit der Liebe allgemein, konnte sie hinter sich lassen. Sie ergreift die Möglichkeit, sich noch ein bisschen die Beine zu vertreten und steht auf. Dabei richtet sie ihren dunkelroten Rüschenrock gerade, er hat ihr gute Dienste getan die Reise über. Zusammen mit dem dunklen Top, der schwarz-weiß getupften durchsichtigen Bluse und ihren schwarzen Doc Martens mit den roten Rosen darauf, ist das nicht der gängige Look für Rucksacktouristen. Aber sportliche Kleidung war noch nie ihr Ding. Am höchstgelegenen Flughafen der Welt tritt Anne hinaus auf den Parkplatz. Ihre Stimmung ist, wie es so ist, wenn man rausgeht, um den Wind noch einmal zu spüren, das Land und Mutter Erde zu riechen, bevor es in die klimatisierten Wartehallen und Flugzeuge geht. Die Luft ist mild, es weht ein angenehm trockenes Lüftchen. Anne sucht nach einem Stück Natur, um sich ein letztes Mal mit diesem besonderen Land zu verbinden und läuft über den asphaltierten Platz, vorbei an Beton-Blumenvasen, wartenden Autos und Bussen. Sie landet an einem Rasenstück neben einem dieser Zäune, wie es sie an sämtlichen Flughäfen der Welt gibt, sauber, abweisend, reglementierend. Auch der kurzgetrimmte Ideal-Rasen, auf den sie sich stellt, hat nicht viel Natürliches an sich.

Nichts hier hat mit dem Leben zu tun das sie die vergangenen Wochen geführt hat. Sie schaut ein letztes Mal in die Berge und dann in die Sonne, die sich jetzt prall und satt aus dem Dunstschleier löst. Sie will sich mit Vater Sonne verbinden, macht die Lichtübung, die ihr der Sonnenpriester gezeigt hat.

Und ausgerechnet hier passiert es.

Warum nicht vorher bei den Inka-Heiligtümern in den Anden oder am wild schönen Fluss im Dschungel, schießt es ihr durch den Kopf? Was hat sie nicht darauf gewartet, solange sie im Heiligtum an der Küste war. Verdammt, wieso nicht bei Mama Cocha, dem Meer?

Mitten im Trubel, an einem der unnatürlichsten Plätze ihrer Reise, schaut sie ein letztes Mal in die Sonne und es macht wumm.

Sie spürt um sich herum warmes Licht, findet sich in einer Lichtschale wie aus Gold wieder, steht plötzlich in einem runden, ebenmäßigen, goldglänzenden Raum. Es gibt nur das Licht und sie selbst, mit einem Herzen, das Springseil hüpft, kurz bevor es in diesem wunderbaren, lichtdurchfluteten Raum voller Liebe schier explodiert. Vater Sonne spricht zu ihr:

„DEIN LEBEN BEGINNT JETZT. LASSE DIR ZEIT MIT DEM UMSETZEN DES GELERNTEN. FINDE DEINEN EIGENEN WEG.“

Drei Wochen lang hat sie Unterweisungen von Apuq, dem Sonnenpriester, erhalten und darauf gewartet, dass dieser Moment eintritt und sie ihre kleine Erleuchtung bekommt. Ausgerechnet hier geht es los.

Oder begann es, als sie die Dunkelheit kennengelernt hat?

Das Seminar

Das erste Mal hat Anne die Dunkelheit vor einem halben Jahr kennengelernt, mitten in einem schamanischen1Seminar mit 60 Teilnehmern. Sie erinnert sich noch genau an dieses Ritual, die Erinnerungen von damals erscheinen in ihrem Kopf, als ob es heute wäre:

Alle Teilnehmer tragen ihr Schamanenkostüme. Diese symbolisieren die geistige Energie, das Krafttier oder den inneren Lehrer, mit denen jeder Einzelne am intensivsten arbeitet. Die Trommeln sind stark, ihr gleichmäßiges Pulsieren hält die Schamanen in der Trance, lässt sie sich mit dem Geist verbinden, mit dem sie wirken.

Sie ist verschmolzen mit ihrer stärksten Kraft, dem geistigen Lehrer. Ihre Schamanenmaske mit den Augenschlitzen und dem Kranz aus Blättern lässt nur wenig Sicht zu. Es ist mehr Spüren als Sehen, so verschmolzen ist sie mit dem Lehrer. Leicht ist sie und ein wenig schwindelig im Kopf und gleichzeitig glasklar und hellwach. Ein irres Gefühl. Ständig überlegt sie, ob sie sich das jetzt nur einbildet oder ob ihr geistiger Lehrer, der Engel, wirklich mit ihr verschmolzen ist. Ist die Verbindung echt? Ist sie in ihrem weißen Schamanenponcho mit den vielen Fransen eins mit ihrem inneren Lehrer, der Lichtgestalt? Oder ist sie doch zu sehr sie selbst? Sie, die so viel Dunkles in sich spürt, deshalb die schwarze Hose anlässt und sich nicht komplett weiß kleiden mag, damit sie nicht völlig aufgehen muss, in diesem ewigen Gut sein und Licht sein. Die Verweigerin, die trotzdem die Hoffnung in sich trägt, dass die Geister Mitleid mit ihr haben. Und dann dieser Sog, im Kreis zu dem zu gehen, der die absolute Dunkelheit verkörpert. Zu ihm, der als Lehrerin die Dunkelheit selbst hat. Ein wunderschönes Gedicht hat sie ihrem Schützling, dem Schamanen in dunklen Kleidern zugeflüstert, damit er es allen vorträgt. So poetisch und voller Harmonie im Reim stellt sie sich den Teilnehmern vor, zeigt ihnen ihre Weisheit und Vollkommenheit.

Und da zieht es sie hin. Jetzt steht die Dunkelheit in Gestalt des Schamanen vor ihr im Kreis. Sie, verbunden mit der Lichtgestalt, legt der Dunkelheit die Hände auf die Schultern und eine Woge von überwältigender Energie durchzieht sie beide. Licht und Dunkelheit vermischen sich zu einer gewaltigen Welle, einer alles aufnehmenden und verwirbelnden Kraft.

Vom Wellenreiten im Meer kennt man so etwas, wenn der Sog des Meeres den Körper am Strand schnappt, die Füße wegzieht und die Gliedmaßen verwirbelt werden in einem einzigen Strudel aus Sand und Salzwasser. Im Seminarraum kann sich Anne kaum auf den Beinen halten, fast reißt ihr diese machtvolle Kraft auch hier die Füße weg. Ihr Vordermann, die fleischgewordene Dunkelheit, setzt sich schnell hin, trennt so die Verbindung, sonst, sonst… Was wäre sonst passiert? Was geschieht, wenn das Dunkle auf das Helle trifft und sie sich vereinigen?

Gibt es ein dunkles Licht? Diese Frage stellt sich Anne schon lange.

Die erste richtig gute Erklärung bei ihrer Suche nach dem dunklen Licht hat ihr ihre Freundin Miriam gegeben, die Rudolf Steiner2Schülerin:

„Die Dunkelheit umarmt das Licht und gibt ihm dadurch Gestalt.“

Ob das derjenige weiß, der die Dunkelheit im Schamanenkostüm verkörpert? Ist ihm das bewusst, als er vor Anne in die Knie geht, vor der gewaltigen Macht, die sich entfesselt, wenn sich dunkles mit hellem Licht paart?

Feigling, denkt sie sich.

Und jetzt steht er in der Mittagspause neben ihr, ohne Schamanenkostüm aber auch jetzt komplett schwarz gekleidet. Tom heißt er und ist echt gut anzuschauen, genau ihr Typ. Dunkle Haare, schmales, freundliches Gesicht, dazu braune, warme Augen, die ein bisschen verhangen wirken. So, als ob er nicht ganz in dieser Welt ist. Einen schönen Körper hat er. Den hatte sie sich im Seminarraum schon genauer angeschaut, mittelgroß, nicht durchtrainiert, aber muskulös und schlank. Kein Wunder bei dem wenigen, was er sich auf sein Essens-Tablett gepackt hat. Im Gegensatz zu ihrem Teller. Der ist mal wieder voll gehäuft. Sie hat nach schamanischer Arbeit immer unglaublichen Hunger und genießt es, nicht selber kochen zu müssen. Gleichzeitig weiß sie, dass ihr weniger mollig besser steht und jetzt im Moment würde sie wirklich gerne verdammt gut aussehen und irgendetwas Intelligentes sagen, wo er doch so nahe ist.

Nada - kein schlauer Spruch. Nur ein verlegenes Grinsen ihrerseits, und sie sieht zu, dass sie sich mit ihrem Essen möglichst ungesehen an ihm vorbeischleust. Er grinst breit und macht ihr Platz.

„Hoffentlich kann er nicht Gedanken lesen“, denkt sie sich.

Einige von diesen schamanisch Tätigen haben Fähigkeiten, da muss man aufpassen, sonst ist eine wie sie leicht ein offenes Buch. Sie kriegt ihre Gedanken und Fantasien manchmal nicht unter Kontrolle und menscheln tut es ja häufig bei den Seminaren. Warum zieht dieser Mann sie so an? Ja klar, sie hätte wirklich gerne mal einen Typen, mit dem sie sich gut über schamanische Arbeit austauschen könnte und nicht nur darüber. Aber Tom scheint noch ein Quäntchen mehr zu haben. Was ist es?

„Verdammt Anne, pass auf deine Gedanken auf“, ermahnt sie sich.

Bildet sie sich das ein, oder wird sein Grinsen breiter?

Schnell rettet sie sich mit ihrem Tablett an den Tisch von Angela und Wolfgang. Sie hat die beiden im Laufe der letzten Jahre gut kennengelernt und weiß, dass sie alles nicht so bierernst nehmen. Die Tischgespräche bei diesen Seminaren sind das Beste, manchmal erhellender und spannender als der Kurs selber. Außerdem kann man sich mit ihnen über Themen unterhalten, mit denen man im Alltag nicht so leicht punkten kann, ohne belächelt zu werden. Geschichten über Kontakte mit Wesenheiten der mittleren Welt, Elfen und Zwergen zum Beispiel. Gefährliches Pflaster. Darüber erzählt kaum einer öffentlich. Aber das ist Angelas Spezialgebiet. Sie sieht selbst aus wie eine Märchenfigur, bunt gekleidet mit pinkfarbenen Wollsocken, roten Hosen und nepalesischer, reich bestickter Wollweste. Darunter trägt sie eine südamerikanische, weichfallende Bluse. Anne kennt keine andere Frau, die so einen Farbenreichtum derartig geschmackvoll vereinen kann. Es sieht klasse aus zu ihrem dunklen Teint. Man merkt, dass sie viel in der Natur ist. Das Einzige, was unpassend wirkt, ist der Raum um sie herum, die Restauranttische und die rustikale Einrichtung des Seminarhauses. Es sieht aus, als ob sie darüber thront. Sie sitzt hier mit der gleichen Lässigkeit, mit der sie auch aus ihrem dunkelroten Mercedes Coupé ausgestiegen ist. Mit beeindruckender Selbstverständlichkeit trägt sie eine kleine, bunte Elfenpuppe mit sich herum, ihren Patschno. Auch hier am Tisch bekommt er seinen Platz und wird gefüttert.

„Könnt ihr euch noch erinnern, das letzte Mal beim Trommelgruppentreffen, als wir diesen Spiegelsee gebildet haben und dann der wundervolle Gesang der Elfe mit den langen weißen Haaren einsetzte? Heute Nacht ist mir wieder voll der Gesang in den Sinn gekommen. Plötzlich hatte ich die Melodie im Kopf. Irre oder? Hatte ich die ganze Zeit vergessen“, erzählt Angela.

„Also erschtmal bischt du die Einzige gwese, die diese ominöse Dame gsäh hat, Schätzle“, entgegnet ihr Wolfgang neidisch in seinem breiten Schwäbisch. „Aber ihr habt sie alle gehört. Das ist doch auch schon was, wenn man sie hören kann, die Elfenwesen. Ein Gesang, wie nicht von dieser Welt“, meint Angela.

„Ha ja, so isch es doch au, du Schlauerle“, kichert Wolfgang.

„War das eigentlich beim ersten Treffen, als wir den Feenvertrag gemacht haben oder später? Kannst du dich noch erinnern, Anne?“, fragt Angela.

„Nein, leider nicht. Ich war gar nicht dabei und außerdem kann ich Elfen und andere Mittelweltwesen nicht in Wirklichkeit sehen so wie du, Angela. Ich sehe und spüre sie nur vor meinem inneren Auge, wenn ich schamanisch verreise und dann bin ich mir auch nie sicher, ob mein Kopf mir nicht einen Streich spielt“, gesteht Anne und lacht. Dabei streicht sie mit einer Hand ihre braunen Locken hinters Ohr.

„Ooooh, immer so selbschtkritisch, unser kleine Skeptikerin.“ Wolfgang strubbelt ihr durch die Haare. Das lässt sich Anne von sonst niemandem gefallen. Sie mag Menschen und sehr gerne Männer, aber kann es nicht leiden, wenn sie zu stark auf Tuchfühlung gehen. Bei Wolfgang macht sie eine Ausnahme und nicht weil er schwul ist. Anne kennt ihn schon von einigen Seminaren und weiß, dass er ein sehr liebenswerter Kerl ist. Da kann er sich bei ihr fast alles erlauben.

„Jetzt mach dich mal nicht so klein, du hattest sehr wohl Kontakt zu Elfen und du wolltest mir die Geschichte von der Quelle und deinem Haus erzählen“, erinnert sie Angela. Sie schreibt Kinderbücher und ist immer daran interessiert, Stoff für eine neue Märchengeschichte geliefert zu bekommen.

„Na, das ist aber eine lange Geschichte, ob uns dazu die Zeit reicht?“, meint Anne.

„Was für a Quelle-Gschicht? Los, anfange!“, fordert Wolfgang.

Bevor sie anfängt, muss Anne erst einmal in sich gehen. Es ist schon so lange her, dass ihre Geschichte mit dem Traum, der Quelle und dem Haus begonnen hat.

Jahrelang lebte sie mit ihrer Familie in der Kleinstadt und genoss das auch. Sie hatten wenig Geld, aber eine wundervolle Tochter und sie und ihr Mann liebten sich. Was brauchte es mehr? Ein abgewracktes Hinterhaus richteten sie sich mit viel Mühe hübsch her und begrünten den Platz. Schnell rankten sich lila blühende Glyzinie und rote Trauben quer über den Hof und ein Holunder säumte den Eingang. Bald umgab das Haus ein einfacher Charme. Es entstanden wohlige Sitzecken, in denen sie gerne mit Freunden zusammensaßen. Es war die optimale Lösung für die kleine Familie. Die Miete war günstig und es gab viel Raum für die künstlerische Arbeit von Jo, Annes Mann. Sie konnte mit dem Fahrrad zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Das war ihr wichtig. Sie hatte am Theater die Assistenz übernommen und wollte immer schnell erreichbar sein. Freunde wohnten um die Ecke und viele Partys wurden gefeiert. Einige Jahre genoss Anne ihr kleines Glück. Es schien alles perfekt. Trotzdem wuchs in ihr eine unbestimmte Sehnsucht. Sie spürte, dass es noch mehr geben musste, als nur sein Leben gut zu leben. Sie suchte nach geistigen, spirituellen, körperlichen Herausforderungen, praktizierte Yoga, Aikido, machte Psy-Seminare und wurde endlich fündig. Bei der Foundation for Shamanic Studies3 entdeckte sie schamanische Methoden. Ihr wurde beigebracht, in die geistige Welt zu reisen, in die Nichtalltägliche Wirklichkeit4. Ihr wurde damit ein wirksames System gezeigt, aber keine Glaubensrichtung übergestülpt. Der Gedanke, dass alles belebt ist, gefiel ihr. Sie lernte ihren inneren Lehrer und ihre Krafttiere kennen und arbeitete immer intensiver mit ihnen.

Doch was im Inneren gut lief, entwickelte sich im Äußeren anders. Immer unwohler fühlte sie sich zwischen all den Steinen der Stadt, wollte öfter ins Grüne. Zu allem Übel zogen in das Hinterhaus gegenüber zwei schreckliche Familien ein. Eine Mauer trennte zwar die Höfe, doch der Platz begann sich zu verändern. Statt Kinderlachen gab es viel Kinderwehgeschrei zu hören und regelmäßige Saufgelage mit grölenden Menschen. Der Geruch von totem, gegrilltem Tier schwappte fast täglich über die Mauer, nebst schlechten Energien. Der Raum wurde für sie zu eng, buchstäblich. Als Rückzugsraum hatte sie nur das Durchgangszimmer zum Bad. Die Sinne wollte sie schärfen, meditieren, schamanisch verreisen, in unbekannte Dimensionen vordringen und wurde zurückgeholt von schreienden Nachbarn oder der Familie, die mal aufs Klo oder unter die Dusche wollte.

So zog sie sich immer weiter in sich selbst zurück. Ihr Mann konnte es nicht verstehen. Er liebte sie, aber wollte nicht die Anne, die aus ihr geworden war. Es gab viel zu häufig Streit. Sie trennte sich und zog aus.

Ein Jahr lang durfte sie die Wohnung einer Weltreisenden als Zwischenmieterin nutzen. Sie genoss es, alleine zu sein, die Tür hinter sich zu schließen. Endlich war Platz für sie selbst. Das Beste war der kleine Balkon, der fast in die Krone einer alten Eiche ragte. Endlich war sie der Natur näher, besuchte oft den Bach, der am Haus vorbeifloss. So konnte sie auch wieder mit ihrem Mann zusammenkommen. Ihre alte Liebe hatte wieder Platz aufzuleben, weil Anne in dieser kleinen Wohnung auflebte. Aber ein Jahr ist schnell vorbei und zurück in die gemeinsame Wohnung zu gehen, in die alte Situation - dieser Gedanke schwebte wie eine Drohung über ihr. Ihre Tochter Lotte war inzwischen eine wundervolle schöne junge Frau und zog mit ihrem Freund zusammen. Sie hatte ihren Platz gefunden, nur die Eltern nicht. Jo und Anne suchten nach einem Haus für sie beide oder einer Hausgemeinschaft mit Freunden oder einer Wohnung zum Kaufen. Aber nichts schien passend für sie.

Kann sein, dass da die Träume losgingen. Eigentlich war es immer der gleiche Traum.

Anne gibt sich einen Ruck. Dann beginnt sie zu erzählen:

Die Quelle

„Angefangen hat alles mit einem Traum, den ich immer wieder hatte. Bei einem Spaziergang mit meinem Mann Jo und unserer Tochter Lotte entdecken wir einen wundervollen romantischen Bauerngarten voller wilder Blumen und einer bunten Wiese. Eine einladende Bank, die rund um einen mächtigen Baum gebaut ist, lenkt unsere Blicke auf sich. Ich will mich setzen, ausruhen unter diesem wundervollen Eichenbaum. Magisch zieht mich der Platz an. Obwohl Jo mich auffordert, draußen am Zaun zu bleiben, steuere ich auf die Bank zu und entdecke dabei im Garten ein winziges windschiefes Holzhäuschen. Rausgefallen aus der Zeit. Auch hier wachsen schöne Bauernblumen am Eingang, ein Weg aus buckligem Kopfsteinpflaster führt dahin, und ein großer Holunderstrauch empfängt den Gast. Alles wirkt ein wenig wild, aber gleichzeitig gepflegt. Ein Haus wie aus einem Märchen, mit Holzfenstern und schiefen Fensterläden. Nun ja, ein düsteres Flair umgibt das Ganze schon. Es wirkt sehr geheimnisvoll und das Märchen von Hänsel und Gretl und der Hexe fällt mir dazu ein. Nur, ich begehre diesen Platz so sehr, will wissen, wer in dem Häuschen wohnt und fragen, ob ich es erwerben kann. Also klopfe ich an und werde eingelassen.

Dunkel ist es in der Stube. Schemenhaft lässt sich eine Küche erkennen, alles wirkt ein wenig neblig oder rauchig, aber nicht unangenehm. Es scheint, dass das Haus sich mir nur noch nicht ganz zeigen will. Genauso die alte Frau, die mir aufmacht. Sie wirkt, als ob sie sich versteckt, sie ist schwer zu erkennen. Die Situation ist ein bisschen gruselig, fast bereue ich meine forsche Art, hier einfach so rein zu marschieren. Es dauert lange, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhne. Nur die Augen der Bewohnerin sind gut auszumachen, leuchten sie doch ein wenig im Dunklen, und sie scheinen äußerst scharf zu sehen. Ein fester Blick aus klaren, tintenschwarzen Augen mustert mich intensiv, gräbt sich tief in meinen Kopf und mein Herz. Es scheint, als ob sie mich erwartet hat und ich noch einen Test bestehen muss. Langsam lichtet sich der Nebel ein wenig, der die Szenerie umgibt, und lässt die Gestalt einer dunklen, nachlässig in vielen Lagen gekleideten, uralten Frau erkennen. Sie ist zwei Köpfe kleiner als ich, wirkt zumindest so, weil sie schwer gebeugt mit einem enormen Buckel von unten nach oben in mein Gesicht schaut. Ein Polstersessel schiebt sich unter meinen Po, nun kann die Musterung auf Augenhöhe weitergehen.

„So, du willst also hier einziehen? Mein Haus gefällt dir?“, fragt mich die Bewohnerin.

Ich bin erstaunt über die wohlklingende, warme, junge Stimme. Was für ein Kontrast zu dem Äußeren.

Mit ihren leuchtenden Augen fixiert sie mich. Auch ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Viele tiefe, schwarze Falten durchziehen ihr Gesicht, nur unterbrochen von mehreren bemerkenswerten Warzen, die teils von Borstenhaaren gekrönt werden. Die Zähne will ich mir gar nicht so genau anschauen. Ihr Atem riecht nicht gut. Die Haut und die zu einem Dutt verwurstelten Haare, alles sieht ungepflegt aus. Auf den ersten Blick steht mir also eine alte, hässliche Hexe wie aus dem Bilderbuch gegenüber. Der Raum ist niedrig, es scheint eine Küche mit einem großen Holzofen und schmuddeligen Kupfertöpfen zu sein. Kräuterbüschel hängen von der Decke, an den Wänden reihen sich unterschiedliche Regale, vollgestopft mit Gläsern und deren seltsamen Inhalt. Nur irgendetwas stimmt nicht an dem Bild, irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht. Betrachtet man die Frau und das Umfeld genauer, dann wirkt das Ganze zu perfekt inszeniert, einzig zu dem Zweck, dass man geradewegs rückwärts rausrennen will, ohne tschüss zu sagen und auf gar keinen Fall auf Wiedersehen. Diese Gestalt passt auch nicht zu dem hübschen Garten.

Ihr Lächeln beweist, dass ich recht habe. Zwischen den vielen Falten im Gesicht der Alten leuchten jetzt warme, weise Augen auf. Sie sieht, dass ich sie erkannt habe. Die vielen silbrigen Strähnen im schwarzen Haar, die gebeugte Haltung, alles weist auf eine alte Frau hin, doch hinter der Fassade steckt eine kraftvolle, mächtige und ganz und gar nicht unangenehme Person. Die vielen Warzen im Gesicht der Bewohnerin scheinen nur Tarnung, das ganze Ambiente, alles nur großes Theater, das spüre ich genau.

„Du kannst das Haus und den Garten gerne haben. Du wirst an diesem Ort gut wohnen und leben können. Vieles wirst du hier lernen, ich helfe dir auch, die Pflanzen besser kennenzulernen. Allerdings wirst du diesen Platz niemals besitzen. Er wird dir nur auf Zeit geliehen und du wirst die Quelle links vom Haus befreien müssen. Das ist dein Auftrag. Jetzt geh!“, erklärt sie forsch.

Kraftvoll und bestimmt schiebt sie mich zur Tür und bevor sie diese hinter mir schließt, meint sie noch: „Aber ich sag dir gleich, dein Mann wird hier keinen Platz haben.“

Wow, das wollte ich nicht hören. Betreten gehe ich zu Jo und Lotte und berichte von der Hexe, nur dass mein Liebster hier nicht willkommen sein wird, verschweige ich“, erzählt Anne.

„Des war also der Traum und was isch etzt mit dera Quelle?“, fragt Wolfgang. „Kscht, nicht unterbrechen“, sagt Angela, „viertel Stunde haben wir noch Zeit.“

„Wie oft ich diesen Traum die nächsten Monate hatte?“, berichtet Anne weiter. „Ich weiß es nicht mehr, nur, dass er immer öfter zu mir gekommen ist. Und dann schickt mir ein Freund Fotos von einem kleinen Haus mit großem wilden Garten, das vermietet werden soll. Ich weiß sofort, dass es das Haus aus meinem Traum ist, auch wenn es ein wenig anders aussieht, hübscher und größer wirkt. Und ehrlich gesagt bin ich erleichtert, dass es seit einem Jahr leer steht. Die alte Dame, die hier gelebt hat, war verstorben und soll eine sehr liebenswerte Person gewesen sein. Ein kleines schnuckeliges Hexenhaus ist es allemal, mit seinem hübschen Fachwerk, seinen bunt verglasten Fenstern und braunen Fensterläden. Und wenn der Garten auch viel wilder und größer ist als im Traum, da steht sie, die Bank, die sich um den Stamm der Eiche windet. Von einer Quelle weiß zwar niemand etwas, aber egal, ein Brunnen ist zumindest da, wenn auch auf der verkehrten Seite. Das wird sich schon alles ergeben, denke ich. Ich habe endlich meinen Platz gefunden. Es wundert mich nicht, dass sich Jo erst einmal weigert, mit einzuziehen. Er mit seinen gigantischen, ausladenden Kunstwerken hat hier wirklich keinen Platz.

Alle Freunde und unsere Tochter finden Haus und Garten grandios, nur mein Liebster stellt sich weiterhin quer. Erst das Frühjahr und die grüne Gartenpracht überreden ihn, zumindest halb hier und halb in seinem Atelier zu wohnen. Stolz ist er gar, als eine alte Dame über den Zaun ruft, er wisse hoffentlich schon, dass er im Paradies lebe. Trotzdem gibt es wieder Stress zwischen uns beiden. Ihm ist das Haus zu klein, es scheint, als ob er hier tatsächlich keinen Platz finden kann. Immer wieder geraten wir aneinander, er will mit mir zusammenleben, aber nicht an diesem Ort. Auch die Zweiwohnungslösung, die ich mir vorstellen kann, findet er bescheuert und viel zu teuer für uns. Er, der ehemals wilde Künstler aus Köln, will plötzlich ein biederes Zusammenleben. Ein bisschen Spiritualität bei seiner Frau findet er reizvoll. Nur das Maß, mit dem ich anfange, mich mit der geistigen Welt zu verbinden, das ist ihm dann doch suspekt. Er bekommt Angst, dass ich übertreibe. Er erklärt, ich würde zu sehr „das Spinnen“ anfangen, mich zu sehr distanzieren und aus unserem Freundeskreis herausfallen. Dass meine spirituelle Ausbildung hier erst beginnt, dass ich von meinem Lehrer den Auftrag bekomme, jeden Morgen schamanisch zu verreisen, kann ich ihm nicht erzählen, geschweige denn von der Quelle. Habe ich doch selber Probleme mit diesem Auftrag. Er spürt die Distanz, die sich zwischen uns aufbaut, ich fühle mich immer weniger erkannt. Er versteht mich nicht und ich ihn schon lange nicht mehr. So trenne ich mich endgültig.“

Anne seufzt. Sie macht eine eigenartige Handbewegung, als ob sie die Erinnerung daran wegschiebt und erzählt weiter.

„Jetzt habe ich Zeit für mich, die ich brauche, bin allein in dem Haus und dem riesigen Garten. Nur die Sache mit der Quelle lässt mir keine Ruhe. Es wartet wohl ein Auftrag auf mich, da war die Hexe aus meinem Traum klar und deutlich. Das ist der Deal, um mein Bleiberecht zu behalten. Immer wieder schiebe ich den Gedanken daran weg. Offensichtlich ist hier auf dem Grundstück außer dem Brunnen kein Wasser auszumachen. Der Platz scheint trocken und sandig. Kein Mensch weiß etwas von einem Quellverlauf, auch nicht in der näheren Umgebung. Vielleicht war der Traum damals mit dem Hexenhäuschen nur meinem Wunsch nach einer Bleibe auf dem Land geschuldet? Doch mich beschleicht immer stärker ein ungutes Gefühl, dass ich mich nicht länger um diesen Auftrag drücken kann, wenn ich hierbleiben will.

Nicht weit vom Haus links oben steht eine alte Kirche. Wurden nicht früher Kirchen auf Quellplätzen erbaut, denke ich mir?“ Anne schaut hilfesuchend zu ihren Freunden.

Rüde unterbricht Angela sie.

„Ah, das wäre doch schon wieder typisch. Kann ich mir gut vorstellen. Sag ich doch, die Christen. Überall mussten sie die alten mystischen Plätze mit ihren Kirchen besetzen“, meckert Angela wütend.

„Hey Vorsicht, net rummaule, ich denk du wilscht die Gschicht höre“, lacht Wolfgang.

Anne grinst, sie weiß dieses Thema ist Angelas Steckenpferd. Schnell spricht sie weiter, bevor sich Angela weiter in Rage reden kann.

„Aber auch darüber kann mir niemand aus der Nachbarschaft etwas erzählen. Die Kirche ist meistens verschlossen, es gibt dort selten Gottesdienste. Irgendwie versäume ich es immer wieder zu erkunden, wann sie offen ist. Viel Zeit lasse ich verstreichen, bis ich mir endlich ein Herz fasse und dort anfange zu forschen. Dabei radle ich häufig an dem kleinen Sandsteinbau vorbei. Bemerkenswert für eine Kirche dieser Größe ist für mich einzig der außergewöhnlich große spitze Kirchturm. Das Kirchlein wird umrahmt von einem kleinen Friedhof und einer kopfhohen Mauer. Eine typische Wehrkirche also, ehemals auch zum Verteidigen gedacht. Sie wirkt recht abweisend mit ihrem ewig verschlossenen Tor. Einzig ein knorriger Birnbaum am Mauerrand, hochgewachsen, gibt dem Ganzen etwas Heiteres, gar Fröhliches. Zu dem Birnbaum zieht es mich auch immer wieder hin. Beim Vorbeiradeln scheint er mich heranzuwinken. Uralt ist er und der Stamm schon hohl und abgestützt. 550 Jahre alt wie die Kirche ist er sicher nicht, aber für einen Birnbaum hat er bestimmt ein stattliches Alter. Seine warme, liebevolle Ausstrahlung lädt mich öfter ein, mich unter ihn ins Gras zu setzen und zu träumen. Etwas Eigenartiges umgibt das Ganze. Einerseits ist Kälte und Trauer an diesem Platz zu spüren und dann auch gleichzeitig die Wärme des Baumes. Unter ihm zu sitzen gibt mir das Gefühl, an einem besonderen, geschichtsträchtigen Ort zu sein. Dieses zerrissene Bild von dem warmen Birnbaum und dem kalten Gemäuer macht mich immer neugieriger. Ich will die Kirche auch von innen sehen. Ein wertvoller Riemenschneideraltar soll hier stehen.“

„Riemenschneider, isch des net a berühmter Holzbildhauer gwese?“, fragt Wolfgang.

„Ja, jetzt lass doch Anne weitererzählen, wir haben nicht mehr viel Zeit“, meint Angela.

Anne grinst, sie lässt sich nicht hetzen. Sie weiß, dass Angela auf gut ausgeschmückte Geschichten steht. Mit gekünstelt dramatischer Stimme fährt sie fort.

„An einem Sonntagmorgen passiert es dann. Durch Zufall sehe ich das schwere runde Holztor endlich offen. Beim Eintreten wirkt alles viel kleiner als gedacht und eher wie ein Rittersaal mit vielen Wappen und uralten Bildern aus dem Mittelalter. Der Fußboden besteht aus großen Steinquadern, in der Mitte sind zwei Gräber, eine Frauen- und eine Männerfigur sind reliefartig in den Stein gehauen. Mir hat es noch nie gefallen, über solche Gräber zu gehen. Seltsam, dass es ein Privileg sein soll, an einem Platz begraben zu sein, wo jeder über einen laufen kann. Vor dem Altar steht ein wundervoll prächtiges Arrangement aus Feldfrüchten, Schalen mit Birnen und Äpfeln, satten Weizenähren und bunten Kürbissen. Selten habe ich die Früchte und Gaben der Natur so liebevoll zu einem Kunstwerk drapiert gesehen.

„Wollen sie an der Führung teilnehmen?“ Eine liebenswürdige, kleine, ältere Dame reißt mich aus meinen Gedanken.

„Gefällt ihnen unsere Erntedank-Dekoration?“, fragt sie.

„Das ist gar kein Ausdruck, ich habe selten etwas so Schönes gesehen. Es ist wie ein Gemälde von einem alten Meister“, erkläre ich bewundernd.

„Oh, das freut mich, dass es ihnen gefällt. Es ist immer recht viel Arbeit und meine Hände wollen nicht mehr so richtig. Ich werde sie nächste Woche operieren lassen. Aber Begehungen kann ich schon noch machen. Es haben sich vier Personen zu einer Führung angemeldet, sie können natürlich auch daran teilnehmen“, lädt sie mich freundlich ein.

„Sehr, sehr gerne, was für ein Glück ich doch habe, selten sehe ich die Kirche offen“, meine ich.

„Ja, in die Kirche wird nicht mehr so viel gegangen, unsere Pastorin ist deshalb jeden Sonntag in einer anderen Kirche im Umkreis. Dazwischen können wir diesen Ort leider nicht offenlassen. Es gibt hier viele kleine, außergewöhnliche Kunstwerke, die beschützt werden wollen. Ah, da ist ja meine kleine Gruppe. Wir sind, glaube ich, vollzählig“, ruft sie.

Man merkt ihr an, dass sie diesen Platz liebt und dadurch gewinnt er auch bei mir sofort. Und natürlich durch die wundervolle Herbstdeko. In allen Nischen sind Eicheln, Kastanien und Walnüsse perfekt inszeniert. Unter dem Sims eines Marienbildes liegen ganz viele Haselnüsse, als ob sie auf ein Eichhörnchen warten, das gleich die Säulen hochklettert, um sich welche zu stibitzen. Hier wird die Natur wirklich in den Raum geholt. Wir erfahren, dass die schweren, schlichten Holzbänke und die einfache Holzgalerie Originale aus dem 15. Jahrhundert sind. Ebenso die Wandbemalungen. Erbaut wurde die Kirche von zwei Bürgern aus dem Dorf als Feldkirche am Kreuzungspunkt zweier Pilgerwege. Später übernahmen sie reiche Kaufleute, die sich einen Adelstitel gekauft hatten. Sie bauten sie aus und nutzten sie, um ihre Kunstschätze zu zeigen. Deswegen das pompöse Wappen, mit der witzigen barbusigen Meerjungfrau mit zwei Fischschwänzen darin und den darüber aufgehängten Ritterhelmen und wohlgemerkt echten Lanzen, genau gegenüber vom Altar. Nicht so richtig heilig das Ganze. Gegenüber der Galerie sind die Fenster lang und schlicht, wie das bei gotischen Kirchen üblich ist. Sie erhellen den Raum auf eine angenehme Weise. Innen wirkt die Kirche gar nicht so düster wie von außen und durch die warme, hellbraune, schlichte Holzdecke fast wohlig. Durch den natürlichen Lichteinfall gut ausgeleuchtet, ist das Altarbild des Holzbildhauers Tilmann Riemenschneider auch hervorragend zu sehen.

Mir war schon viel von dem Kunstwerk vorgeschwärmt worden. Das dreiflügelige Altarbild lässt sich öffnen und verschließen. Es ist ganz schön groß für so eine kleine Kirche und zu meinem Erstaunen bunt bemalt, was ihm etwas recht Modernes gibt. Im geschlossenen Zustand sieht man die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger Christi. Jetzt ist das Triptychon offen und zeigt die Apostel, wie sie sich aufmachen und verabschieden. Sie bücken sich, um noch einmal Wasser aus einer kleinen Quelle zu schöpfen und in ihren Beuteln mitzunehmen.

Verdammt, ich muss laut herausgelacht haben. Da ist sie abgebildet, die Quelle, nach der ich suchen soll.

„Gab es hier früher eine Quelle, und kreuzten sich deswegen hier die Pilgerwege? Häufig wurden Kirchen ja auf Naturheiligtümer gesetzt. Und das Wappenbild der ehemaligen Besitzer der Kirche ziert immerhin eine kleine Wasserjungfrau.“, frage ich unsere Führerin.

Erstaunt, irritiert und ein wenig seltsam kritisch blickt mich die liebenswürdige Dame an.

„Nein, hier gab es nie eine Quelle, es ist nirgendwo etwas verzeichnet. Wie kommen sie darauf? Der Quellverlauf im Altar hat mit den Gegebenheiten hier nichts zu tun. Die Meerjungfrau mit dem Doppelschwanz in der Hand ist die Darstellung einer Melusine. Sie ziert das Wappen der Familie Rittmann, der Förderer und Besitzer der Kirche. Die Rittmanns waren ursprünglich schlichte Kaufleute, wurden mit den Jahren aber immer wohlhabender, bis sie reicher waren als manch einer der Nürnberger Patrizier. Heute würde man wohl lästern, es waren Neureiche. Sie wollten mitmischen mit den angesehenen Patriziern, deshalb kauften sie sich einen Adelstitel auf Zypern. Seitdem schmückt diese kleine zypriotische Wassernymphe ihr Wappen“, erzählt unsere Kirchenführerin.

Schade, verdammt, irgendwie habe ich mich am Ziel geglaubt und jetzt gibt es hier gar keine echte Quelle. Andererseits bin ich auch erleichtert, denn wie sollte ich an diesem Ort eine Quelle freilegen? Nachts in die Kirche einsteigen und irgendeinen Zinnober veranstalten oder das ganze Gotteshaus wegbomben?“, fragt Anne.

„Das gäb a tolle Schlagzeile, Hexe entweiht Kirche mit schamanisch heidnische Rituale“, lacht Wolfgang.

„Stimmt!“, lacht jetzt auch Anne und fährt fort „Aber wie soll ich bitte eine Quelle in einem Altarbild befreien? Das Ganze wird immer merkwürdiger. Noch seltsamer ist, was ich kurz darauf zufällig bei der Geburtstagsparty einer Nachbarin erfahre. Eine von den Gästen war hier als Kind vor vierzig Jahren immer in den Gottesdienst gegangen und nach meinen wirklich sehr vorsichtigen Fragen, ob sie vielleicht etwas von einer Quelle weiß, schaut sie mich erstaunt an und erinnert sich.

„Seltsam, dass du mich das fragst. Ehrlich gesagt, hatte ich es bis jetzt vergessen. Es muss da Wasser geben. Ich kann mich sehr gut an eine Holzklappe im Boden der Kirche erinnern. Die war meistens zu, nur ein-, zweimal offen und es gingen Steinstufen runter und da war Wasser. Mann, ist das lange her. Ich muss da noch recht klein gewesen sein. Vielleicht habe ich das auch nur geträumt. Wenn ich es genau bedenke, gibt es da überhaupt eine Holzklappe im Boden der Kirche?“, fragt mich die Frau jetzt selbst verunsichert.

Bei einem unserer langen, ausgiebigen Telefonate, vertraue ich unserer Freundin Miriam die ganze Geschichte an. Ihr kennt Miriam ja auch gut, in ihrer schwäbischen pragmatischen Art meint sie nur:

„Ha ja, da musch en die Kirch ganga ond a schamanische Reise macha. Do goht koin Weg dran vorbei. Und des mussch mir glei erzähla.“

Da hätte ich auch selber drauf kommen können. Irgendwo sperrt sich bei mir wohl was im Kopf, das Thema anzugehen. Ich nutzte den nächsten Gottesdienst, um noch einmal den Ort auf mich wirken zu lassen und die Klappe zu suchen. Aber da ist keine Holzklappe. Nur Stein. Hat das Mädchen damals das Ganze nur geträumt und wenn ja, was steckt hinter dem Traum?“ Anne blickt ihre Freunde fragend an.

„Kinder sind noch viel näher an der Traumwelt. Sie können die Anderswelt besser sehen als wir Erwachsene, dürfen wir nicht vergessen“, meint Angela. „Das ist auch mein Gedanke. Deshalb gehe ich während des Gottesdienstes in der Kirche in Trance und auf eine schamanische Reise zum Geist des Ortes’“, fährt Anne fort.

„Tief nach unten werde ich geführt ins Erdinnere, suche die Quelle, das Wasser, den Grund, warum ich hier bin. Dann passiert es. Eine wilde Frau mit langen, blond-roten, verzottelten Haaren schreit mich an.

„Ich halte das nicht mehr aus, den Tod, die Gräber, sie haben mich gebannt, sie halten mich hier fest. Sie haben das Gotteshaus auf mich gebaut, mich mit Tod umgeben, dem Verfall, dem Verfaulen. Immer mehr Tote versammeln sich um mich herum. Sie halten mich und meine Gefolgsleute durch einen Fluch hier gefangen und durch all ihre Gräber foltern sie mich. Wir sind unter dem Birnbaum eingeschlossen und können nicht heraus. Auf ewig Gefangene der Toten, im Namen eures Gottes.“

Und wieder schreit sie, reißt sich an den Haaren, wirkt irre böse. Ich kann sie nicht beruhigen, wie auch. Bedrohlich schaut sie mich an.

„Ich hasse euch Menschen, was tut ihr mir und meinen Leuten an? Ich muss hier fort, sonst sterbe auch ich.“

Fuck, und jetzt? Beschwichtigungen braucht es da nicht. Hier ist ein großes Unglück passiert, das ist klar. Eine gefangene Elfe, gebannt durch einen kirchlichen Fluch. Zu Recht? Zu Unrecht? Von wem und warum gebannt? Du meine Güte, für wie viele Jahrhunderte hängt sie schon fest? Jeder würde da verrückt werden. Mitten im Gottesdienst suche ich meinen geistigen Lehrer auf und frage um Rat, wie ich helfen kann.

„Bist du verrückt?“, meint er. „Eine jahrhundertelang in Gefangenschaft gehaltene Elfe befreien zu wollen, ist der Wahnsinn. Wenn sie herauskommt, hängt sie dir womöglich als Erstes einen Fluch an. Sie wird ein Opfer für ihre Wut brauchen. Sie ist unberechenbar geworden. Das ist zu groß für dich“, erklärt mein Lehrer.

„Gibt es keine Möglichkeit, ihr da zu helfen?“, frage ich.

„Ich werde schauen, was ich machen kann. Inzwischen suchst du nach Helfern, die wissen, was sie tun. Ihr müsst euch gut vorbereiten“, fordert er mich auf.

„Aha, das isch eine böse Gschicht“, meint Miriam beim nächsten Telefonat. „Da brauch ich erscht wieder Kraft, um dir da zu helfe.“

Ihr wisst, wenn es um Elfenbelange geht, ist sie neben dir Angela die erste Adresse. Sie war ja auch maßgeblich an dem großen Trommelgruppentreffen beteiligt, als ihr den Elfenvertrag erneuert habt. Es gibt wenige, mit denen man sich offen über diese Themen unterhalten kann. Auch jetzt, wo sie selbst schwer krank ist, rührte sie das Schicksal der Elfe so sehr, dass sie fast ihre eigenen Probleme hinten anstellte. Dabei wusste sie, dass genau dieses intensive Dasein für die andere Welt sie um ihre Gesundheit gebracht hat“, seufzt Anne.

„Oh ja, Krafttiere oder geistige Lehrer sind wundervolle Energiewesen, die voller Liebe und ohne Eigennutz sind“, erklärt Angela. „Elfen dagegen, Mittelweltwesen allgemein, sind nicht per se gut. Sie können wunderbare Helfer sein, nur sollte man, bevor man Verträge mit ihnen macht, das Kleingedruckte lesen. Geben und Nehmen ist die Devise. Eigentlich wie beim Menschen. Feinfühlig ist Miriam schon von Natur aus, hat sich auch immer durchlässiger gemacht, um mit den Elfen zu verschmelzen und sie kennen zu lernen. Um ihnen zu helfen.

Elfen sind Wesen dieser Erde wie wir. Nur nehmen wir Menschen ihnen immer mehr ihre Rückzugsgebiete in der Natur. Die brauchen diese feinsinnigen ätherischen Geschöpfe, um sich zu ernähren und zu leben. Die Menschen haben sie immer weiter zurückgedrängt. Einige haben sich tief ins Erdinnere zurückgezogen zu einem Jahrhunderte währenden Schlaf. Sie brauchen unsere Energie und Anerkennung, sie müssen von uns gesehen werden und Wertschätzung erfahren, sonst vergehen sie. Aus unerfindlichen Gründen benötigen sie uns und wir Menschen sie. In der Natur fehlen sie. Durch unsere Monokulturen und das Abholzen der letzten Urwälder, ihrem Zuhause, werden sie immer weiter zurückgedrängt. So verschwinden auch sie bald komplett und die Erde wird nicht nur ein großes Stück ärmer sein. Nein. ich glaube das überleben wir Menschen nicht. Ihre feine Art ist für diese Welt genauso wichtig wie gesunde Bäume und eine Vielfalt an Tieren. Alles ist mit allem verbunden. Dadurch, dass wir Menschen uns so breitmachen, schaden wir uns am Ende selber“, erklärt Angela.

„Genau, das lehren Schamanen, schon lange vor Campact, AVAAZ, Fridays For Future und Greta5“, bekräftigt Anne.

"Zum Glück kam Miriam vergangenen Sommer zu Besuch. Eigentlich wollte sie sich zu dem Zeitpunkt bei mir von ihrer schweren Krankheit erholen. Viel zu stark hatte sie sich für Elfen und Drachen engagiert und zu wenig auf ihren eigenen Schutz geachtet“, seufzt Anne. Zu gut kann sie sich noch erinnern, wie schwach ihre Freundin nach ihrer Chemotherapie war.

„Kein Wunder. Sich feinsinnig zu machen für die geistige Welt und empfindsam für deren Einflüsse, hat auch den Nachteil, dass der Körper empfindlich werden kann für Krankheiten“, erklärt Angela.

„Deshalb wollte sie sich in Zukunft schützen vor aufregenden Abenteuern mit Mittelweltwesen. Das Schicksal der eingesperrten Elfe hatte sie jedoch so gerührt, dass sie die Sache mit mir anging“, erzählt Anne.

„Manchmal glaubte ich selber, dass ich die ganze Geschichte nur geträumt hatte und meine Fantasie mit mir durchgegangen ist. Bei Miriam ist das anders. Ihr kennt sie, die geht mit untrüglicher Sicherheit an die Themen ran. So war das auch an jenem Sommertag.

Erst mal erschaffen Miriam und ich in meinem Garten einen symbolischen Platz für die Elfen.

Neben einem zarten jungen Pfirsichbaum stechen wir das Gras in Herzform aus und schmücken es mit Walderdbeeren und Blumen. Wir zünden eine Kerze an und platzieren eine kleine Räucherschale und auch eine Opferschale für Essen. Seitdem gibt es bei mir diesen Andachtsplatz für die Elfen.

Zufällig oder glücklicherweise ist diesen Sonntag Messe und die Kirche ausnahmsweise geöffnet.

„Guck mol, stell di doch do mal na. Spürsch du des?“ Miriam stellt mich vor das Steinrelief eines Ritters gleich links neben dem Altar.

„Spürsch net, was für an kalter Zug von do kommt? Spür da mal nei“, fordert sie auf.

Das Bild ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Ich stelle mich brav daneben und versuche zu spüren. Ich muss zugeben, ein kalter Hauch kommt aus der Ecke, so als ob Risse in der Wand wären und dahinter eine klamme Höhle. Mutlos machende Traurigkeit kriecht aus dem Stein, fährt mir in die Glieder, von den Füßen bis hinauf zum Herzen. Gänsehaut überkommt mich und Kälte, bis es mich richtiggehend schüttelt. Lange verweilen will ich da nicht.

„Und was soll das jetzt mit dem Ritter? Den habe ich auf meinen schamanischen Reisen gar nicht gesehen. Ob er die Elfe eingeschlossen hat?“, frage ich.

„Oder's Gegenteil isch der Fall. Früher hat der Fürscht des Landes die Fürschtin der Elfa gheiratet, zumindescht symbolisch. Am End bewacht er die hier. Da müsset mir weiter forscha“, meint Miriam.

„Ich habe mich oft gefragt, ob ich mir das mit der Elfenfrau damals alles nur eingebildet habe. Dann wäre es bei Miriam allerdings auch der Fall gewesen. Was meint ihr?“ Anne schaut in die Gesichter ihrer Freunde. Doch die scheinen sich eher über ihre Frage zu wundern.

„Quatsch“, sagt Angela. „Das hört sich voll spannend an! Für uns ist es nur immer schwer zu akzeptieren, dass es außer uns noch andere denkende und fühlende Wesen auf der Erde gibt.“

„Genau!“, meint Wolfgang.

„Du weißt, dass ich nicht die Tiere meine Wolfgang, aber die natürlich auch. Später musst du die Geschichte unbedingt weiter erzählen, Anne. Jetzt will ich noch kurz in die Sonne, bevor ich wieder den ganzen Tag in abgedunkelten Räumen hocke, um im Dunkeln das Sehen zu lernen“, lacht das Sonnenkind und springt auf, mit ihrem Patschno im Arm.

„Und i musch dringend no zum Nachtischbuffet, soll i dir wasch mitbringe?“, fragt Wolfgang und steht auf.

„Nein, danke dir.“ Anne lächelt ihn an. „Ich geh gleich selber.“

Zuerst schaut sie nach was Anderem, besser gesagt nach einem Anderen. Anne lässt ihren Blick über die Tische wandern, bis sie ihn entdeckt. Seitdem sie ihn als manifestierte Dunkelheit berührt hat, spielt ihr Kopf verrückt. Tom heißt er und scheint ein guter Zuhörer zu sein, wirkt angenehm zurückhaltend und höflich, fast ein wenig aristokratisch. Von Leuten aus dem Geldadel kennt sie so etwas. Als ob sie durch ihre Geburt schon das Recht auf ihren angestammten Platz in der Welt haben. Einen, für den sie niemals kämpfen mussten. Wenn das Ganze noch wie bei ihm mit natürlicher Höflichkeit gepaart ist, wandeln solche Leute mit charmanter Lässigkeit durch das Leben. Wer ihren Weg kreuzt, tritt zur Seite, rein automatisch. Jedoch in Tom scheint gleichzeitig eine gut getarnte, permanente Anspannung zu stecken. Anne erinnert sich an die dunkle Masse, die sie in seinem Körper gespürt hat. Diese unermessliche Kraft, die zurückgehalten wird, um keinen Schaden anzustellen. Also ein Weichei ist er definitiv nicht, und anlegen würde sie sich auch nicht mit ihm wollen. Diese lauernde Kraft, an welches Tier erinnert sie das noch mal?

„Mensch Anne, jetzt erwachen ja die tierischen Instinkte in dir, reiß dich zusammen“, denkt sie. Zu spät.

Er hat gemerkt, dass sie ihn anschaut und wieder erntet sie dieses breite Grinsen. Er weiß, dass er gut aussieht, dass sich Frauen für ihn interessieren. Früher hätte sie sich ertappt gefühlt und verschämt weggeguckt. Aber irgendeinen Nutzen muss das Alter schließlich haben und so lacht sie einfach zurück. Soll er nur mitbekommen, dass sie ihn betrachtet. Sie wird nicht viel Zeit haben, ihn kennenzulernen. In drei Tagen ist das Seminar vorbei und dann fährt sie wieder in den Süden und er in den Norden. Vorher möchte sie ihn aber gerne näher kennenlernen. Mehr erfahren von der geheimnisvollen Aura, die ihn umgibt. Natürlich hat sie schon herausgefunden, dass er in Hamburg wohnt und solo ist. Ist ja nicht so, dass sich die Frauen bei solchen Seminaren nur über die Geister unterhalten.

Was hat ihre Tochter einmal gesagt?

„Mama pass auf! Immer interessierst du dich für die melancholischen Typen, die erst mal nichts von dir wollen. Dann willst du hinter ihr Geheimnis kommen, die düsteren Gedanken mit deiner Liebe aufhellen und ihnen helfen, gut drauf zu kommen. Du ackerst dich an ihnen ab, meinst, du kannst mit deiner Liebe alles lösen. Am Ende vergisst du, was du selber wolltest und bist nur noch dabei, den Jungs ein angenehmes Leben zu organisieren. So wirst du garantiert todunglücklich. Das einzige Geheimnis, das hinter denen steht, ist doch, dass sie aus kaputten Elternhäusern kommen und anstatt sich damit auseinanderzusetzen, den Frauen ein Leben lang was vorheulen. Das nächste Mal, wenn du einen Typen siehst, der dir gefällt, frag erst einmal, wie sein Verhältnis zu seinem Vater war. Wenn er dir sagt, dass es schlecht war, dann nimm die Beine in die Hand und lauf weg, so schnell du kannst.“

Schlaue Tochter, denkt Anne und seufzt.

Sie riskiert noch einmal einen Blick auf Tom. Mann, sieht der gut aus. Zu spät. Ist ihr jetzt schon egal, wie sein Verhältnis zu seinem Vater war.

Sie passt ihn am Nachtisch-Buffet ab. Es gibt Panna Cotta mit Schokosoße und lauwarmen Apfelstrudel - hhhmmm… Und er hat sich nur einen einzigen Apfel genommen.

Anne blickt auf ihren tausend Kalorien schweren Nachtischteller. Sie weiß jetzt schon, dass das mit Tom nichts werden kann. Hier der Asket, dort die Genießerin. Wie soll das enden? Ewigen Verzicht auf alles kann sie sich nicht vorstellen. Da kann sie sich jetzt auch gleich blamieren, denkt sie und spricht ihn beherzt an.

„Dein Vortrag zur Dunkelheit hat mir sehr gut gefallen. Ein wunderschönes Gedicht war das.“

„Danke, aber war nicht von mir, es wurde mir diktiert“, sagt er ruhig.

„Ich kenne das, nur trotzdem schwingt doch immer ein Stück von uns selbst mit, auch wenn wir von der geistigen Welt unterwiesen werden“, erwidert sie.

„Ja, wahrscheinlich. Bitte entschuldige, ich möchte noch eine halbe Stunde alleine in den Wald, bevor das Seminar weitergeht“, bekommt sie als Antwort.

Und weg ist er.

Lief jetzt nicht so gut für Anne. Sie fühlt sich zurückgewiesen. Na ja, zumindest hat sie den Anfang gemacht und Interesse an seiner Person signalisiert. Das wird 'ne harte Nuss, denkt Anne. Eigentlich hat sie keine Lust mehr auf diese Anbaggergeschichten ohne Happy End. Was solls, die Panna Cotta ist auch lecker, denkt sie und nimmt noch einen Nachschlag. Mit Sahne.

Das, was sie an Tom zuerst am meisten angesprochen hat, wird sie am Nachmittag bei einer schamanischen Reise selbst kennenlernen dürfen.

Die Dunkelheit

Sie geht gut gestärkt in die Unterrichtseinheit am Nachmittag. Und freut sich weiter in das Universum des Schamanismus vorzudringen. Das Buch „der Weg des Schamanen“ von Michael Harner6 und das Buch „der Schamane in uns“ von Paul Uccusic7 haben sie genau hier her geführt, in diesen Raum an diesen Punkt. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllt Anne für das, was sie seitdem lernen durfte. Sie weiß, es ist ein Weg und er hört nicht auf. Sie will ihre Seele auf Reise schicken, will anderen helfen und sich selbst. Deswegen sitzt sie in diesem Raum mit 60 anderen Teilnehmern.

Immer wieder werden sie durch den gleichmäßigen Trommelschlag in eine Art Trance versetzt und schicken ihren Geist auf die Reise in die Obere8, Untere9und Mittlere Welt10. Jeder Kursteilnehmer hat seine eigenen Krafttiere und geistigen Lehrer, bringt seine eigene Kosmologie mit. Sobald die Trommeln verstummen, kommen sie zurück in ihre alltägliche Wirklichkeit. Manche schauen noch minutenlang ins Leere, andere sind mit dem letzten Schlag der Trommel wieder im Hier und Jetzt.

Diesmal reist Anne in die Obere Welt. Hier trifft sie ihren Lehrer. Er ist ihr wichtigster spiritueller Begleiter. Vor über zwanzig Jahren ist er ihr das erste Mal erschienen, während sie meditierte. Das war noch bevor sie je vom Core-Schamanismus11 gehört hatte. Erst dachte sie, sie bildet sich seine Existenz nur ein. Aber der Lehrer blieb und wurde zu einem geistigen Anker in ihrem Leben. Seine trockene Art, ihr unbequeme Dinge buchstäblich um die Ohren zu hauen, halfen ihr zurechtzukommen mit der knappen Haushaltskasse, den Depressionen ihres Ex-Mannes, den Anforderungen des Berufs. Seitdem begleitet er sie streng und liebevoll zugleich. Als sie sich mit dem Schamanismus beschäftigt, erfährt sie, dass jeder Mensch einen geistigen Lehrer in der Oberen Welt hat. Der Lehrer hat Anne noch nie enttäuscht, hat sich die Jahre über als mitfühlend, selbstlos und geduldig erwiesen. Auch diesmal gibt er ihr einen Fingerzeig zur rechten Zeit:

Er zeigt ihr einen Baum mit einer verschlossenen Tür und drückt ihr einen Schlüssel in die Hand. Was undenkbar wäre in der realen Welt, ist in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit kein Problem. Er befestigt am Schlüssel ein blaues Band und legt es Anne um den Hals wie einem Kind. Sie braucht gar nicht erst fragen. Das ist das sichere Zeichen, dass sie den Schlüssel nicht aus der Hand geben darf, wenn sie hier heil hinein und wieder heraus will.

So abgesichert tritt sie in den Baum ein. Die Tür fällt zu. Anne findet sich wieder in einer tiefen, wohltuenden, trägen Schwärze.

Der Begriff stockdunkel hätte ihre Umgebung nicht mal im Ansatz beschrieben. Irgendwie ist es noch dunkler als alles, was sie bisher gesehen hat. Es ist, als ob sie in tiefschwarze Tinte getaucht ist. Schwerelos schwebt sie in diesem Universum ohne Oben und Unten. Warm und wohlig ist es hier. Anne fühlt sich umarmt von einer mütterlichen, umfassenden Liebe, die sie ihrer Sinne beraubt und ihr dadurch alles gibt. Sie ist zu Hause angekommen. Eine Stimme erhebt sich aus diesem wabernden, wattigen Dunkel. Sie ist ein einziger Wohlklang. Raum und Stimme sind eins. Die Dunkelheit stellt sich Anne vor:

„Ich bin die Dunkelheit,

Ich trage die Süße der Schwermut,

Die Furcht vor dem dunklen Ungewissen.

Wer sich in mich zurückzieht,

Erfährt die Tiefe des Universums.

Die Schatten ja, aber auch die Kraft des Geistes.

Die Trauer um den Verlust

Und den Gewinn der Tiefe.

Wer durch mich geht und vertraut,

Der tritt danach gestärkt in das Licht des Tages.

Bedaure nicht den Verlust des Lichtes

Wenn du in mir bist,

Sondern freue dich, wie klar deine Seele sieht.

Bedaure nicht den Verlust des Lichtes,

Schau wie tief du dadurch in deine Seele blicken kannst.“

Am Abend sitzen viele Kursteilnehmer draußen. Es ist Juni, für Anne die schönste Zeit im Jahr. Die Dämmerung braucht lange, bis sie der Nacht weicht. Alle genießen es, dass die frische Luft den Mief des Seminarraums wegbläst. Stundenlang haben sie Vorträge gehört und sind immer wieder im abgedunkelten Raum schamanisch verreist. Aufregend war es und anstrengend.