Die kosmische Krise - Daniel Gerritzen - E-Book

Die kosmische Krise E-Book

Daniel Gerritzen

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Beschreibung

Im Juni 2021 gesteht der Direktor der amerikanischen Geheimdienste unter gewaltigem Medieninteresse ein, dass unbekannte Luftphänomene (UAP), besser bekannt als UFOs, wirklich existieren. Kurz darauf verabschiedet der US-Kongress ein Gesetz, das vorsieht, eine speziell eingerichtete Behörde des Pentagons für deren Erforschung zu gründen. Das All-domain Anomaly Resolution Office solle nun endgültig klären, woher die unbekannten Objekte stammen und was sie beabsichtigen. Nach Jahrzehnten der Geheimhaltung bahnt sich damit eine politische und wissenschaftliche Sensation an. Wie aber konnte es dazu kommen? Die kosmische Krise erzählt die Geschichte unbekannter Luftphänomene und geht der Frage nach, ob wir allein sind im Universum. Dabei zeigt Gerritzen, dass die Euphorie über den möglichen Besuch außerirdischer Intelligenzen eine dramatische Kehrseite hätte: Wir sind gesellschaftlich nicht im Geringsten auf einen baldigen Erstkontakt vorbereitet. Sollte sich herausstellen, dass UAPs außerirdische Technologien sind, die uns beobachten, stünde die Menschheit angesichts urzeitlicher Ängste vor allem Fremden und Unbekannten vor einer wahrhaft kosmischen Krise.

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Daniel Gerritzen

Die kosmische Krise

Daniel Gerritzen

Die kosmische Krise

Warum Außerirdische uns nicht retten werden

Rainer Hilbig gewidmet

Inhalt

Vorwort

Prolog: Begegnung über dem Pazifik

Teil 1: Das Phänomen

1. Das Fermi-Paradox

2. Die Anfänge der Geheimhaltung

3. Die Kommunikation mit dem Fremden

Teil 2: Die Psyche

1. Der marsianische Trigger

2. Die Kommunikation des kollektiven Unbewussten

3. Die Erschaffung von Außenseitern

4. Die Konstruktion einer Wahrheit

5. Der Glaube an Außerirdische

Teil 3: Die Krise

1. Die kurzfristigen Folgen

2. Der Einfluss der Medien

3. Die langfristigen Folgen

Epilog: Die kosmische Krise

Nachwort

Anmerkungen

Vorwort

Am 25. Juni 2021 horchte die Welt auf. Der Direktor der nationalen amerikanischen Geheimdienste bestätigte in einem Bericht, dass Kampfpiloten zwischen den Jahren 2004 und 2021 in der Luft insgesamt 144 Mal sogenannten unbekannten Luftphänomenen (UAP) begegnet seien. Manche Objekte hätten absurde Flugmanöver ausgeführt, zu denen irdische Technologie nicht fähig sei. Wenige Wochen vorher hatte Präsident Barack Obama in einer Fernseh-Talkshow auf CBS die Existenz solcher UAP bestätigt. So stellt sich die berechtigte Frage, was passieren würde, wenn UAP tatsächlich außerirdische Technologien sind, wenn also fremde Intelligenzen die Erde besuchten. Konkret gefragt: Welche Folgen hätte das für die Menschheit, und wie könnten wir völlig andersartig denkenden und handelnden Außerirdischen begegnen?

Wir können nicht wissen, ob dieser Schock uns als Zivilisation vereinen würde. Zumindest ist etwa die Erderwärmung ein Indiz dafür, dass einige Staaten kein Interesse haben, zu einer internationalen Lösung beizutragen. Vielmehr wäre es möglich, dass sich die Beziehungen zwischen den Nationen im Falle eines Kontakts verschlechtern: Wer reagiert wie und wann auf die Ankunft der Außerirdischen? Wer kommuniziert und verhandelt mit ihnen? Wer greift sie, falls nötig, militärisch an?

Das extremste Kontaktszenario wäre es, wenn Außerirdische hier landeten, wir also ihre physische Nähe wahrnehmen (müssten). In der Science Fiction mündet der direkte Kontakt oft in einer mehr oder weniger abgewandelten Form des Romans Der Krieg der Welten von H. G. Wells. So auch in der Drei-Sonnen-Trilogie des chinesischen Autors Cixin Liu. In Band 2, Der dunkle Wald, philosophiert ein Protagonist des Romans über die Diskrepanz, dass die zahlreichen Zivilisationen in der Milchstraße anscheinend keine Radiosignale aussenden. Er mutmaßt, dass außerirdische Zivilisationen keine Signale senden, weil sie ihre Entdeckung und anschließende Vernichtung fürchten. Damit löst er das berühmte Problem des Physikers Enrico Fermi, der einst fragte, warum wir keine Außerirdischen sehen, wenn sie doch existieren und die Galaxis kolonisiert haben.

Das Weltall sei ein von Jägern durchstreifter, finsterer Wald, so Cixin Liu. Die Jäger geben selbst Acht darauf, sich nicht bemerkbar zu machen. Und sie sind bereit, andere auszulöschen, weil sie ihre eigene Vernichtung fürchten. Cixin Liu beschreibt eigennützige Akteure, die die Handlungen und Reaktionen anderer nicht kennen können, ganz so wie im Gefangenendilemma der Spieltheorie: Zwei eines Verbrechens verdächtigte Inhaftierte belasten sich gegenseitig, anstatt sich zu decken. Denn sie wissen nichts über das strategische Verhalten des jeweils anderen. Wäre es also – extrem zugespitzt gesagt – rational, aufgrund der enormen Kommunikationsprobleme und der Unfähigkeit, die Beweggründe einer fremden Zivilisation zu verstehen, sie vorsorglich auszulöschen? Vorausgesetzt, es wäre technologisch möglich?

Das Gefangenendilemma spielt im Alltag der Menschen nur selten eine Rolle. Eine Zusammenarbeit aber ist ohne einen Vorschuss des Vertrauens, das ein Teil unserer menschlichen Natur ist, unmöglich. Wenn wir jedoch nicht gemeinsam Risiken eingehen, unabhängig davon, ob die Gegenseite das Vertrauen erwidert, funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Wir sollten uns daher fragen, ob wir die »Anthropologie der Gabe« des französischen Soziologen Alain Caillé auch auf einen direkten physischen Kontakt mit Außerirdischen anwenden können.

Zunächst einmal würden Außerirdische allein dadurch ihr Vertrauen bekunden, dass sie sich uns offen präsentieren. Denn sie hätten uns ja genauso gut längst auslöschen können. Ferner werden die Außerirdischen, die hier ankommen, in einem potentiell viel bevölkerten Weltall wahrscheinlich auch auf andere Zivilisationen getroffen sein. Dadurch könnten sie interstellare diplomatische Verhandlungsfähigkeiten entwickelt haben. Wenn sie aber feindselig sind und der Weltraum ein Schauplatz des Naturzustands »des Krieges aller gegen alle« ist, den der Philosoph Thomas Hobbes beschrieb, dürfte es nur weise sein, die Waffen zu strecken. Die Außerirdischen wären uns technologisch und militärisch weit überlegen.

Unsere Unkenntnis über die Außerirdischen und ihre Absichten ließe nur wenige Handlungsoptionen zu: Sollen wir ihnen misstrauen und sie womöglich bekämpfen? Oder sollen wir ihnen etwas vertrauen, was aber riskant sein könnte? Misstrauen wir ihnen und riskieren daher keine Annäherung, würde die Situation fast notgedrungen eskalieren. Gemäß der Spieltheorie würden die Außerirdischen auf unsere Drohungen oder sogar einen Angriff ihrerseits gewaltsam antworten. Mithin wäre es ratsam, unsere oft anerzogene egozentrische Haltung zugunsten einer konvivialen, also kooperativen, gemeinschaftlich-fürsorglichen Einstellung einzutauschen. Nur so könnte eine interstellare Koexistenz gelingen.

Doch der Fortschritt in Technik und Wissenschaft wäre unserer ethisch-moralischen Entwicklung immer noch weit voraus. Denker:innen und Wissenschaftler:innen mahnen deshalb in einem »konvivialistischen Manifest« an, dass die Menschheit das Konkurrenzdenken und die Gewalt immer noch nicht überwunden habe. Sie fragen: Wie könnte die Menschheit dazu gebracht werden, endlich zu kooperieren? Wie könnten wir Widerspruch dulden, ohne uns gegenseitig zu töten? Konvivialismus würde bedeuten, endlich den westlichen Hochmut der Moderne zu überwinden. Es ginge nicht mehr darum, sich über andere zu stellen. Vielmehr sollten wir danach streben, andere Menschen und die nicht-menschliche Natur mit ihren Nöten und Bedürfnissen wahrzunehmen und ihre Leiden zu lindern.

Da wir eine außerirdische Zivilisation, die uns besucht, als technologisch fortschrittlicher einstufen müssten, wäre dieser physische Kontakt der krasseste Angriff auf unseren Hochmut. Denn dieser Angriff würde die Frage aufwerfen, wie die Gesellschaft der Außerirdischen aussähe und welche Moral sie hätten. Am Ende ist es unsere Moral, die darüber entscheidet, ob der Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation in einen interstellaren Konflikt ausartet.

Die wertvollsten Bindungen entstehen nämlich nur durch einen Schritt ins Ungewisse und ohne einen Beweis, dass sich der riskante Einsatz später auszahlt. Wie riskant der Einsatz für die Menschheit wäre, zeigt das Buch Die kosmische Krise von Daniel Gerritzen sehr eindringlich. Wir sollten die möglicherweise durch UAP-Enthüllungen entstehende zivilisatorische Krise als Chance verstehen, die irdischen Streitigkeiten zu überwinden.

Frank Adloff

Prolog: Begegnung über dem Pazifik

1. Januar 1957: Es ist kurz nach Mitternacht, als 1st Lieutenant Ted Brunson, Kampfpilot des 41. Abfangjäger-Schwadron der Andersen Air Force Base auf der pazifischen Insel Guam mit seinem Kampfjet zu einem nächtlichen Routineflug aufsteigt. Die Wolkendecke, die sich etwa einen Kilometer über dem Meer befindet, reißt gerade auf. Darüber ist der Himmel sternenklar, der Wind frisch, doch nicht stürmisch. Ideale Bedingungen also, um Patrouille zu fliegen und anschließend unbeschadet zum Stützpunkt zurückzukehren.

Ted Brunson braucht keinen Co-Piloten, um die F-86D Sabre zu fliegen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von etwa 1.150 Km/h ist die Maschine zu diesem Zeitpunkt der schnellste Nachtabfangjäger der US Air Force. Sie verfügt über ein Düsentriebwerk sowie einen Nachbrenner zur Schubsteigerung und ist mit einem Allwetter-Radar ausgestattet. Außerdem kann Brunson im Falle eines Angriffs 24 Raketen abfeuern. Knapp zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Gegner nicht mehr die Japaner, sondern die Sowjets. Doch auf dieser abgelegenen Seite des Pazifiks, nordöstlich des elf Kilometer tiefen Marianengrabens, verirrt sich kein sowjetischer Pilot mit seiner MiG-15. Brunson rechnet deshalb nicht damit, in dieser Nacht in irgendetwas Aufregenderes verwickelt zu werden, als eine Möwe zu streifen.

Zu diesem Zeitpunkt fliegt er die F-86D nicht schneller als ein Passagierflugzeug, denn es gibt keinen Grund zur Eile. Doch das ändert sich, als Brunson in westlicher Richtung ein blinkendes Licht am Horizont entdeckt. Er glaubt zunächst, es sei ein B-47-Strato-Bomber aus Guam im Landeanflug. Doch als er genauer hinsieht, erkennt er, dass sich das Objekt konstant nähert und aus seiner Perspektive die Größe einer 10-Cent-Münze annimmt. Es ist flach und weiß und pulsiert vier Sekunden lang, leuchtet dann konstant – und wiederholt erneut für vier Sekunden die Pulsabfolge.1

Brunson dreht jetzt die Maschine kopfüber, um sich zu vergewissern, ob es eine Reflexion der Lichter des Luftwaffenstützpunktes auf Guam in der Haube der Flugzeugkanzel ist. Doch nach seiner Beobachtung der See ist er sich sicher, dass es weder eine B-47 noch eine Reflexion von Bodenlichtern ist. Brunson dreht die F-86D wieder um die eigene Achse. Ihm scheint, als wolle das Objekt auf sich aufmerksam machen. Über das Helmmikrofon meldet Brunson per Funk seine Sichtung an die Flugkontrolle der Basis und fordert Verstärkung an. Der Tower funkt zurück, dass das Kommando eine Verstärkung ablehne. Doch sie genehmigen Brunsons Vorhaben, das Objekt abzufangen. Die Flugkontrolle bestätigt, dass weder Kampfflugzeuge von der Andersen Air Force Base noch andere Maschinen in der Nähe seien.

Nun geschieht etwas Überraschendes: Das Objekt nähert sich Brunsons Kampfjet beunruhigend schnell. Es taucht unter Brunsons Maschine ab, als sie sich über der Radaranlage der Luftwaffenbasis befindet. Das Objekt passt die Geschwindigkeit an Brunsons Kampfjet an. Es begleitet ihn über eine Strecke von 16 Kilometern Richtung Süden. Das Höhenmeter zeigt 20.000 Fuß, etwa 6 Kilometer.

Plötzlich schießt das Objekt innerhalb von einer Sekunde auf 30.000 Fuß Höhe (etwa 9 Kilometer) mit einer Geschwindigkeit von 10.800 Kilometern pro Stunde. Brunson hat große Mühe, dem Objekt zu folgen. Es umkreist nun seinen Kampfjet großräumig. Zu diesem Zeitpunkt sind etwa fünf Minuten seit dem ersten Kontakt vergangen. Brunson schaltet den Nachbrenner ein, um das Objekt abzufangen. Der Schub drückt ihn in den Sitz. Durch den Helm hört er dumpf das Triebwerk fauchen. Das Objekt umkreist Brunsons Maschine weiterhin in konstanter Entfernung, völlig unbeeindruckt von seinen Bemühungen, es einzuholen. Es erscheint fast so, als würde es ihn auskundschaften.

Das unbekannte Flugobjekt sinkt plötzlich auf eine Flughöhe von 15.000 Fuß (etwa 4,5 Kilometer). Brunson drückt den Steuerknüppel nach vorn, geht in einen Sinkflug. Erneut umkreist das Objekt ihn mühelos. Die Tankanzeige macht sich bemerkbar. Das Kerosin reicht nicht mehr aus, um die Verfolgungsjagd fortzusetzen, also kehrt Ted Brunson zur Basis zurück. Er blickt auf die Uhr. Die unheimliche Begegnung hat etwa zehn Minuten gedauert. Die Frage ist, wer wen verfolgt hat.

Ted Brunson wird am 13. Dezember 1930 in Mangham, Louisiana geboren. Er schließt die Rayville High School ab und schreibt sich 1948 auf der Northeast Louisiana University ein, wo er Biologie studiert. Sein Studium unterbricht er, um sich bei der Air Force als Kampfpilot ausbilden zu lassen. Er ist ein belesener junger Mann. Er liebt die Natur und seine amerikanische Heimat in Arkansas. Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen einen gut aussehenden jungen Mann mit kurzen blonden Haaren, der in einem Flieger-Anzug an seiner F-86D lehnt. Ein zurückhaltendes, doch verschmitztes Grinsen umspielt seine wachen Augen. Wenn seine Familie Ted Brunson über den Vorfall befragte, betonte er ihnen gegenüber, dass das Objekt nichts weiter als ein unbekanntes Flugobjekt gewesen sei. Doch er fügte hinzu: Das Objekt sei eindeutig intelligent gesteuert worden. Von wem oder wovon auch immer.

Was geschah auf der Basis? »Ich bin mir nicht sicher, wie seine Pilotenkollegen darauf reagierten«, sagt Ted Brunsons Sohn Broderick, ein Assistenz-Professor für Keramik-Kunst im Ruhestand, über die Erfahrung seines Vaters. »Ich würde vermuten, dass es einige freundliche Scherze darüber gab, aber ich weiß, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und ihn auch ernst nahmen. Ich erinnere mich, dass er mir erzählte, dass andere in der Staffel solche Sichtungen aus offensichtlichen Gründen nicht immer meldeten.«2

Aufgrund der Stigmatisierung des Themas wollte Ted Brunson öffentlich nicht darüber sprechen. Broderick Brunson erfuhr von der Begegnung seines Vaters erst mit 45 Jahren – und das auch nur durch seinen älteren Bruder. Auf die Frage, ob er bei der Begegnung Angst verspürt habe, antwortete Ted Brunson seinem Sohn nur knapp: »Negativ.« Er sei jedoch sehr neugierig und zumindest aufgeregt gewesen, als das Objekt ihn umkreiste.3

Im Oktober 1962 beendet Ted Brunson sein Biologie-Studium mit einem Bachelorabschluss. Die Sowjets stationieren währenddessen Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen auf Kuba. Es ist die Antwort des sowjetischen Generalsekretärs Nikita Chruschtschow auf die Installation von nuklear bestückten Jupiter-Raketen der NATO, unter anderem in der Türkei. Am 17. Oktober 1962 fotografieren sehr hoch fliegende U2-Spionageflugzeuge mit Spezialkameras auf Kuba nukleare Mittelstreckenraketen vom Typ SS4 und SS5.4 Zur Beunruhigung der amerikanischen Regierung könnten sie Washington, DC, New York City und sogar Chicago treffen. Die Vorwarnzeit bis zum nuklearen Armageddon beträgt lediglich fünf bis zehn Minuten.

Die von Verteidigungsminister Robert McNamara am 16. Oktober vorgeschlagene Seeblockade, um sowjetische Schiffe von Kuba fernzuhalten, ist einigen Generälen zu zaghaft. Curtis LeMay, Chief of Staff of the Air Force, schlägt deswegen eine Bombardierung der russischen Stützpunkte auf Kuba vor. LeMay hat zweifelhafte Erfahrung: Im Zweiten Weltkrieg ordnete er die Bombardierung Tokios mit Napalmbomben an. Etwa 100.000 Menschen starben dabei. Doch Präsident John F. Kennedy zögert noch. Er will einen Nuklearkrieg verhindern.

Am 22. Oktober gehen die US-Streitkräfte auf Defense Readiness Condition 3.5 Am gleichen Tag befiehlt Kennedy die Seeblockade, da LeMays Plan, die sowjetischen Stützpunkte auf Kuba zu bombardieren, nicht alle Raketen ausschalten würde und somit sehr wahrscheinlich den Dritten Weltkrieg auslösen könnte. Bereits einen Tag später wettert Nikita Chruschtschow gegen die Seeblockade. Die Positionen sind festgefahren. Niemand will sich die Blöße geben und auf den Gegner zugehen. Die Sowjets halten an ihrer Stationierung fest, wenn die NATO nicht reagiere. Aufgrund der engmaschigen US-Seeblockade drehen die sowjetischen Schiffe einen Tag später ab. Die Sowjets fühlen sich provoziert – und entsenden U-Boote. Die Installation der Nuklearraketen auf Kuba geht weiter.

Es ist der 26. Oktober 1962, als die US-Streitkräfte auf DEFCON 2 gehen. Die Nuklearraketen sind startbereit. Aus Angst vor einer amerikanischen Invasion Kubas fordert Fidel Castro von den Sowjets, einen Erstschlag auf die USA durchzuführen, doch Chruschtschow lehnt ab. Die Situation eskaliert dennoch dramatisch: Die US-Marine zwingt sowjetische mit Nukleartorpedos bestückte U-Boote vor Kuba zum Auftauchen. Sie hätten die Torpedos ohne Genehmigung Nikita Chruschtschows abfeuern dürfen, doch die Kapitäne blieben besonnen. Das Szenario wiederholt sich einen Tag später. Erneut müssen sowjetische U-Boote auftauchen. Ein Schuss oder Knopfdruck und der Weltuntergang wäre nicht mehr aufzuhalten.

27. Oktober 1962: Die Welt steht unmittelbar vor einem Nuklearkrieg. Ted Brunson sitzt im Cockpit seines F-101-Voodoo-Kampfjets und überprüft die Instrumente. Unter dem Rumpf seiner Maschine ist eine Nuklearbombe montiert.6 Falls der Befehl kommt, muss er starten und die Bombe am Zielpunkt abwerfen. Sein Magen ist flau. Ihm sind die dramatischen Konsequenzen eines weltweiten Atomkriegs bewusst. Dennoch ist er entschlossen, die Befehle auszuführen, wenn sie kommen. Brunson dient normalerweise im 445th Interceptor Squadron auf der Wurtsmith Air Force Base in Michigan. Doch die Situation ist so brenzlig, dass das Strategische Kommando mit einem nuklearen Erstschlag auf Wurtsmith rechnet. Die US Air Force hat die Flugzeuge daher auf die Phelps Collins Air National Guard Base verlegt.

»Der Punkt ist, dass er das Vertrauen seiner Kommandeure genoss«, erinnert sich Ted Brunsons Sohn Broderick.7

Über seinen Helmkopfhörer bekommt Ted Brunson schließlich die Anweisung auszusteigen. Als er aus dem Cockpit der F-101-Voodoo klettert, ist er schweißgebadet.

Am 28. Oktober 1962 verständigt sich Präsident Kennedy mit Chruschtschow darauf, die Mittelstreckenraketen der NATO aus der Türkei abzuziehen und keine Invasion Kubas durchzuführen. Im Gegenzug ziehen die Sowjets ihre Truppen und Nuklearraketen aus Kuba ab.

1966 graduiert Ted Brunson von der School of Applied Aerospace Science an der University of Southern California. 1966 schließt er die Offiziersanwärterschule ab und wird zum Lieutenant Colonel befördert. Brunson sammelt nicht nur große Flugerfahrung mit den Kampfjets der Typen F-80, F-86, F-89, F-100 und F-101, sondern beherrscht die Maschinen, wie ein Dressurreiter sein Pferd. Über dem Dschungel von Vietnam fliegt er 285 Kampfeinsätze – und entkommt der Flugabwehr und dem Maschinengewehrfeuer des Vietcongs.

Von 1968 bis 1971 ist Ted Brunson Chef der Flugsicherheit im Hauptquartier der 3rd Air Force Division in London, England. Später wird er Leiter der Planungs- und Programmabteilung im Keesler Technical Training Center von Biloxi, Mississippi. Für seinen Mut wird er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter das Distinguished Flying Cross für Heldentum, den Bronze Star sowie 14 Air Medals für Kampfeinsätze. Er ist ein wahrer amerikanischer Held, als er am 29. März 2007 in Rayville, Arkansas nach langer, schwerer Krankheit stirbt.8

»Ich habe nichts Geniales, Herausragendes oder Heroisches vollbracht. Ich habe nur meinen Job gemacht«, sagt er 1992 mit tiefer Stimme in das Mikrofon seines Tonbandgeräts, das er sich anschaffte, um später in einem Buch seine Erlebnisse festzuhalten.9 Auch wenn er das Buch nie schreiben sollte, hat er die unheimliche Begegnung über Guam bis zu seinem Tod nicht vergessen. Sein Bericht wich in all den Jahren nicht ein einziges Mal von seiner ersten Meldung an das Kommando auf der Andersen Air Force Base ab.

Ted Brunsons Erlebnis über Guam war weder ein natürliches Phänomen noch Einbildung. Er war zu erfahren und zu pflichtbewusst, als dass er sich als wissenschaftlich ausgebildeter Kampfpilot hätte narren oder zu Späßen hinreißen lassen. Zu viel stand auf dem Spiel für ihn. Die Beschreibung eines wachsamen Mannes, der Befehlen gehorcht, passt zu dem Bild, das Broderick Brunson von seinem Vater zeichnet. Die Air Force hätte einen Piloten dieses Schlags nicht als Ausbilder eingesetzt oder Nuklearbomben fliegen lassen, wenn sie auch nur den Hauch eines Zweifels an Ted Brunsons Geisteszustand gehabt hätte. In einer Meldung der unheimlichen Begegnung über Guam, die auf den 5. Januar 1956 datiert, vermerkt ein Offizier über 1st Lieutenant Ted Brunson:

BEOBACHTER ALS SEHR ZUVERLÄSSIG EINGESTUFT

Der Satz ist unterstrichen, das Wort »sehr« umkreist. Zuverlässig musste er sein, denn zum Zeitpunkt von Ted Brunsons Begegnung lagerten auf der Andersen Air Force Base auf Guam bereits neun Nuklearbomben, bewacht vom 3rd Aviation Field Depot Squadron.10 Nach der Niederlage des Koreakriegs im Jahr 1953 sollten die Nuklearbomben die kommunistischen Regime in Vietnam, Nordkorea und China einschüchtern.

Was verfolgte 1st Lieutenant Ted Brunson am 1. Januar 1957 draußen über der Einsamkeit des pazifischen Ozeans – und warum? Hatte es etwas mit den Nuklearbomben auf Guam zu tun? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns zunächst tiefgehender mit der Geschichte unbekannter Luftphänomene befassen und Fragen stellen, die kontrovers erscheinen mögen. Die Geschichte unbekannter Luftphänomene ist auch eine Geschichte über den Kalten Krieg, die nukleare Aufrüstung und nicht zuletzt: die Zukunft der Menschheit.

Teil 1

Das Phänomen

»Es schien auch, als ob Flugfelder und insbesondere Atomanlagen eine besondere Attraktion für sie besäßen; woraus man schloß, daß die gefährliche Entwicklung der Atomphysik, beziehungsweise der Nuklearspaltung, eine gewisse Beunruhigung auf unseren Nachbarplaneten ausgelöst und eine genauere Luftaufklärung über der Erde veranlaßt hätte. Man fühlte sich dementsprechend kosmisch beobachtet und ausspioniert.«

C. G. Jung, »Ein moderner Mythus: Von Dingen,die am Himmel gesehen werden«, in: Ders.,

Geheimnisvolles am Horizont, Zürich 1997, S. 15.