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Die Krähe ist eine Novelle über das Verdrängen. Ein Mann um die fünfzig kehrt an den Ort seiner Jugend zurück. Er hat ein furchtbares Verbrechen begangen, das er zutiefst bereut. Seine einzige Chance mit der Schuld klarzukommen, sieht er darin, eine umfassende Beichte abzulegen. Etwas in ihm zwingt ihn, in die Kirche zu gehen, in der er schon als Junge gebeichtet hat. Es kommt zu einer fatalen Begegnung. Mit einem Mal bricht die innere Mauer in ihm zusammen. Er erinnert sich an jedes kleinste Detail seiner Höllenqualen. Er weiß nun auch, warum er die grausame Tat begangen hat. Und er zieht die Konsequenzen. Die Krähe zeigt, was Missbrauch mit den Opfern macht. Manche kommen nie darüber hinweg.
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Marc von Malbec
DIE KRÄHE
Eine Novelle
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Impressum neobooks
Da war er wieder, der Junge. Er lächelte. Es war ein sehr hübscher Junge mit blonden Locken und einem schönen sinnlichen Mund und fein geschnittenen Gesichtszügen. Und schlank war er, fast dünn.
»Paul!«, flüsterte der Mann. Er sprach mit dem Jungen, als wäre der aus Fleisch und Blut. »Paul! Nein, ... bitte nicht!«, bettelte er, als könne er verhindern, was jetzt folgen sollte.
Das himmlische Lächeln des Jungen verhallte, sein Mund geriet mehr und mehr zu einem starren Grinsen, seine Augen, eben noch leuchtend blau, füllten sich mit Blut. Die Blässe seines hübschen Gesichtes verwandelte sich in ein wachsweiches Grau, die Lippen wurden blau. Dann erstarrte der Körper des Jungen ganz und gar.
Dieses Bild von Paul, als das letzte bisschen Leben durch seinen schmächtigen Körper pulsierte und dann vollends versiegte, dieses Bild hatte sich in seinem Gehirn festgefressen wie ein Tumor und er saß an einer Stelle, wo ihn auch der beste Operateur mit dem feinsten chirurgischen Besteck nicht erreichen konnte. Egal wie viel er trank, der Junge quälte ihn und die innere Qual fraß ihn langsam auf.
»Paul, es tut mir leid«, sagte er leise, wohl wissend, dass ihn die Entschuldigung nicht schützen würde vor der nächsten Attacke. Den Kopf hielt er gesenkt, damit niemand in der belebten Fußgängerzone sehen konnte, dass er mit sich selbst redete. Dann folgte der Satz, der zu seinem Mantra geworden war: »Paul ist tot! Paul ist tot!« Seine Stimme klang müde und schwach.
Die Vision von Paul hatte sich - wie so oft - mit einem fast unmerklichen Schwindelgefühl angekündigt. Seine Reaktion darauf hatte er nicht immer unter Kontrolle. Einmal hatte er laut geschrien, Paul möge verschwinden, er hatte auch schon wild um sich geschlagen, er war auch schon zitternd zusammengebrochen, mit Schaum vor dem Mund wie ein tollwütiges Tier. Dieses Mal hatte er schnell reagiert. Eilig war er aus dem Strom der Leute ausgeschert und hatte sich vor das Ladenlokal gestellt. Er wollte hier unter all den Leuten keineswegs unangenehm auffallen. Wenn sich die Vision nicht so schnell aufgelöst hätte, dann wäre seine Reaktion eine andere gewesen, eine heftigere und jemand hätte vielleicht Polizei und Notarzt gerufen und die ganze Mission wäre gescheitert. Vielleicht gab es etwas in ihm, dass das verhindern wollte. Er wusste, dass er ein hartes Stück Arbeit vor sich hatte, er wusste aber nicht, ob es den gewünschten Erfolg hatte. Er war auf dem Weg, sich von Paul zu befreien.
Während er noch nachdachte, klebte sein Blick an dem Schaufenster. Es sollte so aussehen als interessiere er sich für die Auslage. In Wirklichkeit nahm er überhaupt nicht wahr, was in dem Laden verkauft wurde, so sehr war er nach innen gewandt. Sowohl sein Geist als auch sein Körper waren angespannt. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sie zu Fäusten geballt. Er stand regelrecht unter Strom. Jede Faser seiner Muskeln war zum Zerreißen angespannt. Er musste sich sehr zwingen, nicht aufzugeben und sich am nächstbesten Kiosk einige Biere zu kaufen und das Ganze einfach für beendet zu erklären. Er musste sich auch zwingen, seine Sinne, seine Gedanken und sein Bewusstsein wieder der Außenwelt zuzuwenden.
Tief und laut sog er die Luft in seine Lungen ein. Dann rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Augen. Das machte er immer nach einer Attacke. Er spürte wie sein Herz langsam aufhörte wild zu pochen, auch sein Atem wurde wieder flach und gleichmäßig. Für dieses Mal war es vorbei. Aber er wusste auch, dass es nicht das letzte Mal gewesen war.
In der spiegelnden Schaufensterscheibe beobachtete er jetzt die Passanten, die durch die Fußgängerzone eilten. Er hörte das Stimmengewirr und schnappte Gesprächsfetzen auf. Ihm schoss ein unsinniger Gedanke durch den Kopf, nämlich dass keiner von all diesen Leuten, niemand, auch nur im Entferntesten ahnte, was für ein Mensch er war. Niemand würde auf die Idee kommen, dass er ein Mörder war. Ja, ein Mörder. Er hatte Paul umgebracht. Er hatte es zwar nicht gewollt, es war einfach so passiert. Es war ein Versehen gewesen. Paul war dreizehn Jahre alt gewesen.
»Nein, Mami, nein. Ich will nicht!«, drang eine Kinderstimme an seine Ohren.
