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In einem beschaulichen Fischerdorf, umgeben von geheimnisvoller Natur, wächst Aurelia auf - ahnungslos, dass sie der Schlüssel zu einer uralten Prophezeiung ist. Als das Gleichgewicht der Welt ins Wanken gerät und dunkle Mächte ihre Schatten ausbreiten, bleibt ihr keine Wahl: sie muss sich dem Ruf ihres Schicksals stellen. Begleitet von ihren treuen Gefährten Taran und Leon und unter der Führung geheimnisvoller Wesen, begibt sich Aurelia auf eine gefährliche Reise. Alte Legenden erwachen zum Leben, vergessene Reiche enthüllen ihre Geheimnisse, und eine unsichtbare Macht entfaltet sich in ihr - stärker, als sie es für möglich gehalten hätte.
Wird sie den Mut finden, sich der Finsternis zu stellen? Kann sie das Buch des Lebens retten, bevor es für immer in den Händen der Dunkelheit verschwindet?
Wally Curti Kusstatscher wurde 1961 in Bozen in Südtirol geboren. Sie ist Unternehmerin und leidenschaftliche Dekorateurin. Schon in ihrer Kindheit entwickelte sie eine tiefe Begeisterung für Märchen und Fantasyromane. Nach einer Ausbildung in den Bereichen Heilung und Befreiung spezialisierte sie sich auf die Aufarbeitung von Kindheitstraumata, um Menschen auf ihrem persönlichen Weg der inneren Heilung zu begleiten. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Südtirol. Gemeinsam haben sie sechs wundervolle Kinder.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Wally Curti Kusstatscher
Die Kriegerin von Shalimar
Die Prophezeiung der kleinen Hirtentochter
© ٢٠٢5 Europa Buch | Berlin
www.europabuch.com | [email protected]
ISBN 9791257030780
Erstausgabe: Juni 2025
Gedruckt für Italien von Rotomail Italia
Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)
Die Kriegerin von Shalimar
Die Prophezeiung der kleinen Hirtentochter
In jenen Tagen, als das Leben im Fischerdorf von einfachen Freuden und harter Arbeit geprägt war, öffnete sich mit der Geburt der kleinen Aurelia das Tor zu einem neuen Kapitel. Das Dorf, eingebettet zwischen den sanften Hügeln und dem rauschenden Meer, atmete den Duft von Salz und Hoffnung.
Doch das Schicksal schien seinen eigenen Weg zu wählen, als trotz der Sehnsucht ihres Vaters nach einem kräftigen Erben Aurelia geboren wurde. Antonio, ein stolzer Hirte, hatte sich einen Sohn gewünscht, der ihm helfen konnte, die Herden zu hüten und die Olivenbäume zu pflegen. Doch das Schicksal lachte über seine Pläne und schenkte ihm stattdessen eine Tochter, deren Glanz und Zauber die Herzen im Sturm erobern würden.
Die Nacht, in der Aurelia das Licht der Welt erblickte, war von einem Hauch von Magie durchdrungen. Das sanfte Licht des Mondes spiegelte sich auf den Wellen des Meeres, während die Sterne am Himmel ihre geheimnisvollen Geschichten flüsterten. Doch in der bescheidenen Behausung der Hirtenfamilie kämpfte Aurelias Mutter tapfer mit den Schmerzen der Geburt, unterstützt von ihrer treuen Freundin Gisella, der Hebamme des Dorfes. Gemeinsam wiegten sie das Neugeborene in ihren Armen, als ob sie ahnten, dass diese kleine Hirtentochter dazu bestimmt war, eine ganz besondere Geschichte zu schreiben.
Als die Hebamme das kleine steinerne Häuschen verließ, sah sie Sebastiano mit seinen kleinen Geschwistern im Garten spielen. Der freundliche Nachbarsjunge eilte schnell über die karge Landschaft hinauf zum Olivenhain, wo Antonio gerade bei der Ernte war, um ihm die frohe Botschaft der Geburt seiner Tochter zu überbringen. „Antonio! Antonio!“, schrie Sebastiano aufgeregt schon von Weitem und lief ihm entgegen.
Dieser sah Sebastiano mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier an. Etwas außer Atem erreichte der Junge schließlich seinen Nachbarn und stand ihm direkt gegenüber. Ungeduldig fragte Antonio: „Nun sag doch endlich!“
Etwas eingeschüchtert von der gereizten Art seines Gegenübers hüpfte der Junge von einem Bein auf das andere und brachte stotternd folgende Worte heraus: „Deine Frau hat gerade eine Tochter zur Welt gebracht, beide sind wohlauf.“
Unerwartet verhärteten sich die Gesichtszüge des frischgebackenen Vaters und wütend schrie er um sich: „Wenn es nicht ein Junge geworden ist, muss ich das Kind auch nicht sehen. Richte das meiner Frau aus!“
Verwirrt und entsetzt über das Verhalten Antonios begab sich der Junge wieder auf den Rückweg. Schweren Herzens und mit gesenktem Blick schritt er dahin, um der Mutter der kleinen Aurelia diese fürchterliche Nachricht zu überbringen.
Am kleinen steinernen Häuschen angekommen, sah der Junge bereits Giuseppina, die Mutter der Kleinen, die vor dem Haus auf der Holzbank saß. Als sie den Nachbarjungen am Horizont erblickte, breitete sich ein liebevolles Lächeln auf ihrem Gesicht aus, und sie winkte ihn sanft zu sich herüber.
Giuseppina war eine bemerkenswerte Frau von stattlicher Erscheinung und beeindruckender Stärke. Sie war fleißig und von anmutiger Schönheit, mit langen, braunen Locken und tiefdunklen Augen.
Sichtlich verlegen trat der Junge an den Zaun und blickte in Giuseppinas lächelndes Gesicht. „Vielen Dank, lieber Sebastiano, dass du den weiten Weg für mich gegangen bist.“ Der Junge lächelte zurück und ging wieder nach Hause, wo ihn seine Mutter bereits erwartete.
Drei endlose Tage und Nächte hielt Giuseppina vergebens Ausschau nach ihrem Mann. Als er sich endlich blicken ließ, kam es zwischen den beiden zu einer lauten Auseinandersetzung.
Dabei fielen unzählige verletzende und demütigende Worte. „Ist das alles, was du kannst? Nicht einmal einen Jungen zu gebären bist du imstande. Ich wollte doch einen Erben für meinen Olivenhain“, schrie Antonio seine Frau aufgebracht an.
Giuseppina war voller Traurigkeit und der Schmerz in ihrem Inneren fühlte sich schwer an. Wie kann man nur so selbstsüchtig und kaltherzig sein, dachte sie.
Aurelia wuchs zu einem fröhlichen Kind heran. Sie war ein sehr einfaches, aber für ihr Alter ausgesprochen kluges und bezauberndes Mädchen. Ihr dunkles, gelocktes Haar fiel sanft über ihre Schultern, und ihre warmherzigen, dunklen Augen funkelten wie Sterne in der Nacht.
Aurelia war ein Sonnenschein und überall, wo sie auftauchte, konnte sie mit ihrem charmanten Lächeln und ihrem überaus freundlichen Umgang die Herzen der Menschen erobern. Ihre Anwesenheit war wie ein Hauch von Magie, der Freude und Liebe verbreitete.
Das Mädchen verbrachte in ihrer Freizeit unzählige Stunden in der kleinen Dorfbibliothek, wo sie Bücher über den wahren Sinn des Lebens verschlang. Die Bibliothek befand sich direkt neben einer Eisdiele, deren Besitzer der lustige Alfonso war.
Alfonso liebte dieses süße Mädchen Aurelia und verwöhnte sie immer wieder mit ihrem geliebten Stracciatella-Eis.
„Ciao carissimo Alfonso! Wie geht es dir heute? Hast du schon viele süße Köstlichkeiten verkauft?“, fragte sie mit strahlenden Augen.
„Sì, sì mia cara!“, antwortete der kleine gut gebaute Eisverkäufer mit dem schulterlangen Haar und schenkte ihr das geliebte Eis am Stiel.
Sie plauderten gerne miteinander und Alfonso hatte immer einen drolligen Spruch oder einen lustigen Witz auf Lager, sodass die beiden herzhaft miteinander lachen konnten.
Springend und singend streifte sie auf dem Nachhauseweg durch die engen Gassen des Fischerdorfes und grüßte alle freundlich. „Ciao Aurelia, come stai?“, rief ihr der nette Kaminkehrer vom Dach herunter zu und der Bäckermeister, der wie üblich in der offenen Tür seines Ladens lehnte, begrüßte sie freundlich.
Auch Herr Caruso vom Café auf der Piazza winkte Aurelia zu. Frau Beppina klopfte auf ihrem kleinen Balkon wie üblich ihren roten Teppich aus und trug Aurelia auf: „Ciao bella, grüß mir deine Eltern herzlich.“
Als der kahlköpfige Metzgermeister Matteo Aurelia kommen sah, wickelte er schnell vier frische Hauswürste in Zeitungspapier und eilte ihr entgegen. Seine Augen leuchteten vor Freude, als er das fröhliche Mädchen begrüßte und ihr die Würste überreichte, die sie dankend entgegennahm.
Am kleinen Fischerhafen am Ende des Dorfes herrschte geschäftiges Treiben, denn der tägliche Fischmarkt wurde gerade eröffnet. Die Seeleute präsentierten stolz ihren Fang, während sie ihre Netze sortierten und ordneten. Der salzige Duft des Meeres vermischte sich mit dem Aroma des frischen Fisches, und die bunten Segel der Boote flatterten im sanften Wind, während Möwen laut kreischend über den Wellen kreisten. Die Atmosphäre war erfüllt von der Magie des täglichen Lebens, das sich in harmonischer Einfachheit und zeitloser Schönheit entfaltete.
Einer der ältesten Fischer im Dorf war Filippo, ein kräftiger Mann mit einem strahlenden Lächeln, umrahmt von weißem Haar und einem wallenden weißen Bart. Als Filippo die kleine Aurelia auf der Hafenmole spazieren sah, freute er sich sehr. „Aurelia!“, rief er ihr zu, seine Stimme von der Weisheit der Jahre getragen. „Wann begleitest du mich wieder hinaus aufs Meer zum Thunfischfang?“ Diese Worte des alten Fischers trugen einen Hauch von Abenteuer und Sehnsucht in sich. Aurelias Augen leuchteten vor Aufregung, als sie von den Abenteuern auf hoher See träumte, die sie mit Filippo erleben könnte. Doch sie wusste, dass sie die Erlaubnis ihres Vaters benötigte, um sich diesen Träumen hinzugeben. „Das musst du schon mit Papa abklären, du weißt doch, wie er ist!“, erwiderte sie und richtete ihren Blick gen Himmel.
Filippo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er ihre Worte vernahm. Mit einem Augenzwinkern entgegnete er: „Das werde ich tun, meine Liebe.“
Somit konnte sie auch dem alten Fischer ein Lächeln abgewinnen und ging weiter nach Hause.
Es war ein schöner und warmer Sommertag, die Sonnenstrahlen schienen Aurelia wärmend ins Gesicht und ein angenehmer Sommerwind schien Aurelia auf dem Nachhauseweg liebevoll zu begleiten.
Beim Läuten der Kirchenglocken zuckte Aurelia plötzlich zusammen, denn sie hatte die Zeit völlig vergessen. Sie hatte Mutter versprochen, noch vor dem Mittagessen das Wasser aus der Quelle zu holen. Wenn sie sich etwas beeilen würde, könnte sie es noch rechtzeitig schaffen.
Schon im zarten Alter von sieben Jahren nahm Aurelia die tägliche Bürde auf sich, mit zwei hölzernen Eimern Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, der beinahe eine Viertelstunde Fußweg von ihrem Zuhause entfernt lag. Den Pfad zum Brunnen säumten eigenartige Kakteen von atemberaubender Schönheit. Ihre dunkelroten Blüten öffneten sich wie zarte Kronen, und der Duft, der von ihnen ausging, war süß und betörend. Zahlreiche Bienen tanzten mit ihren fleißigen Flügeln von Blüte zu Blüte, um Pollen und Nektar zu sammeln. Aurelia beobachtete dieses märchenhafte Schauspiel und erfreute sich daran, während der Duft der Blumen sie umhüllte und ihre Sinne berauschte. In dieser idyllischen Szenerie wurde sie eins mit der Natur, ihre Seele verschmolz mit den sanften Klängen und Düften ihrer Umgebung.
Plötzlich jedoch, als hätte ihr die Natur ein Geheimnis enthüllt, konnte Aurelia im Summen der Bienen Wörter vernehmen, die sich die emsigen Tierchen gegenseitig zuflüsterten: „Wie hübsch sie ist!“, erklang es leise, gefolgt von einem begeisterten Raunen. „Das muss sie sein, oooooh, ja, du hast recht. Sie ist es!“ schwärmten die Bienen, als würden sie von einem verborgenen Geheimnis wissen, das in Aurelia ruhte.
„Wer sollte ich sein, ihr lieben Bienen?“, fragte Aurelia neugierig. „Ach nichts, nichts, wir haben nur laut vor uns hergedacht.“
Merkwürdige Tierchen, dachte Aurelia und grüßte den Falken, der sich gerade auf dem Schieferdach des Brunnenhäuschens niederließ. „Guten Morgen liebe Aurelia, hab einen schönen Tag!“, rief er ihr zu und flog hoch in die Lüfte, wo er seine Kreise zog, als wäre er ein Wächter der Träume und Geheimnisse, die das Land umhüllten.
In ihrem Eifer und der Faszination für die Wunder der Natur vergaß Aurelia völlig die Zeit. Mit den beiden vollen Eimern in den Händen eilte sie zurück zum Haus, ihr Herz voller Vorfreude auf das, was sie ihrer Mutter bringen würde.
Doch als sie dort ankam, wurde ihre Hoffnung jäh zerstört. Vor ihr stand ihr Vater wütend an der Tür, gab Aurelia eine Ohrfeige und brüllte sie an: „Wo warst du so lange? Du blödes Ding, weißt du nicht, dass deine Mutter das Wasser dringend benötigt, um zu kochen?“ Aurelia fühlte den Schmerz der Ohrfeige brennen und ihre Augen füllten sich mit Tränen der Traurigkeit und des Unverständnisses. Doch ohne ein Wort des Widerspruchs wandte sie sich ab und ging betrübt und verletzt zu ihrer Mutter, um ihr das Wasser zu bringen.
Am Morgen darauf würdigte der Vater Aurelia kaum eines Blickes. Daraufhin nahm sie ihre Schultasche und lief zur Schule. Außer Atem setzte sie sich auf ihren Platz.
Ihre Lehrerin, Signora Maria Grazia, war eine liebenswerte Person und bemerkte sofort, dass mit Aurelia etwas nicht stimmte, da sie freudlos am Unterricht teilnahm.
Nach einem langen Tag in der Schule rief die sanfte Stimme der Lehrerin Aurelia zu sich und sie gingen ein Stück des Nachhauseweges gemeinsam. Plötzlich kullerten Aurelia riesige Tränen über ihre roten Backen. Mit zitternder Stimme öffnete sie ihr Herz und erzählte Signora Maria Grazia, dass der Vater so streng sei und sie ihm nichts recht machen konnte. Sie fühlte sich ungeliebt, unverstanden und allein in ihrem Schmerz.
Die Lehrerin beugte sich liebevoll zu Aurelia hinunter, streichelte behutsam ihre Wange und nahm sie Trost spendend in ihre Arme. „Aurelia, du bist ein so wundervolles, hübsches und talentiertes Mädchen. Lass dir bitte nichts anderes einreden. Du bist gut genug. So wie du bist, bist du genau richtig“, flüsterte sie liebevoll. Die Worte der Lehrerin gaben dem Mädchen neue Kraft und Hoffnung. Mit einem dankbaren Lächeln bedankte sich das Mädchen bei Signora Maria Grazia und fühlte sich für einen Moment von all ihren Sorgen befreit.
Zu Hause angekommen, wartete bereits eine weitere Aufgabe auf sie. Nach dem Essen musste sie die Schafherde ihres Großvaters auf die Weide führen.
Diese lag hoch oben über einer malerischen Felsenküste mit traumhaftem Ausblick auf den weißen Strand und das smaragdfarbene Meer von Montevideo. Aurelia liebte diesen fantastischen Blick, sie spürte so viel Kraft und Freude in dieser wundervollen Natur.
Am großen Weideplatz angekommen, suchte Aurelia den Schatten einer majestätischen Eiche auf. Dort ließ sie sich nieder und vertiefte sich in die Seiten ihres Buches, während sie immer wieder aufblickte, um nach ihren Schafen Ausschau zu halten, denn sie liebte diese Tiere mit ihren kleinen Lämmern, die gerade vor einigen Wochen zur Welt gekommen waren und lustig herumtollten.
Sie mischte sich immer wieder unter die Schafe, spielte mit ihnen und führte sie immer wieder zum nahen gelegenen Bächlein, wo sich die Schafe am frischen Wasser labten. Aurelia kümmerte sich rührend um die Tiere und pflegte zu jedem von ihnen eine ganz besondere und innige Beziehung.
Aurelia verstand die Sprache der Tiere und kommunizierte mit ihnen. Wenn sich ein Schaf etwas von der Herde entfernte, rief sie es sofort an seinem Namen zurück, wie den alten sturen Bock Grimaglio. „EEEaaaa“, was in der Sprache der Schafe „Komm zurück“ bedeutete.
Die Schafe ernährten sich von saftigen Gräsern und duftenden Kräutern, die auf der üppigen Weide wuchsen. Sie genossen das sanfte Wiegen der Olivenbaumzweige über ihnen und suchten Schutz vor der sengenden Hitze unter ihrem dichten Blätterdach. Dort, im kühlen Schatten, füllte Aurelia liebevoll einen Trog mit frischem Wasser, damit ihre wolligen Freunde nicht unter der glühenden Sonne leiden mussten.
Als der späte Nachmittag anbrach, führte Aurelia die Herde behutsam zu Großvaters Steinhütte, die am Rande der Weide stand. Der warme Duft von Erde und Heu hing in der Luft, als sie die Tiere in den gemütlichen Stall führte. Dort wurden sie schon von Großvater erwartet. In dem alten, aber behaglichen Stall hallten das sanfte Muhen der Kühe und das gemütliche Trappeln der Schafe wider, während Aurelia und Großvater Seite an Seite arbeiteten, um das wertvolle Gut der Milch zu gewinnen. Es war ein Moment der Verbundenheit zwischen Menschen und Tier, eingebettet in die friedliche Abendstimmung, die über dem idyllischen Landstrich lag.
Großvater Beppe war schon über 70 Jahre alt. Er liebte seine kleine Enkeltochter über alles. Auch Aurelia fühlte sich bei Großvater geborgen und sicher. Seine große Leidenschaft war es, verschiedene Sorten von Schafskäse herzustellen, den die Mutter Aurelias, Giuseppina, auf dem Markt verkaufte.
Zu Hause angekommen, erzählte Mutter traurig, dass Aurelias Großmutter väterlicherseits Lügen über sie erzähle, obwohl sie ihr nur Gutes tat und sich liebevoll um sie kümmerte. Sie meinte, dass sie so viel Tränen wegen Großmutter vergossen habe, dass man sie gar nicht zählen könne.
Aurelia hatte Mitleid mit ihrer Mutter und wollte der Ungerechtigkeit ein Ende setzen. Sogleich machte sich die Kleine mutig und entschlossen auf den Weg zur Großmutter. Sie wohnte nicht weit entfernt in einem kleinen steinernen Häuschen. Dort angekommen, öffnete Aurelia die quietschende Haustür und trat ein. Großmutter stand am Holzherd, um sich das Mittagessen zu kochen.
Entschlossen ging das Mädchen auf sie zu und klopfte ihr auf den Rücken. Großmutter Emilia drehte sich um und erblickte Aurelia.
Diese erhob ihre Stimme und sagte entschlossen: „Großmutter, du bist böse, denn du verbreitest Lügen über meine Mutter. Das hat Mama nicht verdient, und bevor du dich nicht bei ihr entschuldigst, darfst du nie mehr in unser Haus kommen!“ Prompt drehte sich das Mädchen um und lief aus der Küche.
Am darauffolgenden Tag suchte die aufgebrachte Großmutter Antonio im Olivenhain auf und erzählte ihm, dass Aurelia sie angeschrien habe und sie sehr empört über die Worte der frechen Göre sei.
Als Aurelia von der Schule nach Hause kam, wartete schon ihr Vater auf sie im Haus. Aurelia stellte ihre Schultasche aus braunem Leder unter die Garderobe, und als sie die Küche betrat, beschimpfte sie der Vater aufs Übelste, und sein Zorn kannte keine Grenzen. Wuterfüllt trat er immer wieder nach ihr, bis sie unter dem Tisch zu liegen kam.
Mutter stand vor Furcht regungslos da und hatte nicht den Mut einzugreifen, da ihr Mann so jähzornig war.
Für Aurelia brach eine Welt zusammen. Sie fühlte sich wie der letzte Abschaum, wertlos und ausgeliefert. Sie lag angsterfüllt unter dem Küchentisch und weinte bitterlich. Ihr Mut für Gerechtigkeit, den sie eben noch in ihrem Inneren trug, schien für immer gebrochen zu sein.
Vater Antonio verbot Aurelia für einige Zeit, in die Schule zu gehen. Stattdessen musste sie jeden Tag die Schafherde auf die Weide führen. Ihr Herz war schwer vor Traurigkeit, während sie den Weg entlang zu ihrem Großvater lief. Wieder sah sie die bezaubernden Blumen am Wegesrand. Sie hielt inne und bückte sich, um die Blüten näher zu betrachten, deren Farbenpracht in der warmen Sonne leuchteten. Als ihre Tränen die zarten Blütenblätter benetzten, schien es, als würden die Blumen zum Leben erwachen. Sie seufzten und flüsterten Aurelia sanfte, aufmunternde Worte zu, die ihr Mut und Hoffnung schenkten in dieser schweren Zeit.
Voller Trauer im Herzen lief Aurelia den steinigen Küstenweg hoch, holte bei Großvater Beppe die Schafherde ab und führte sie auf eine saftig grüne Wiese. Sie ging auf die große Eiche zu, um sich dort im Schatten ein wenig auszuruhen.
Da stand eine alte Frau, deren Augen voller Güte und Sanftmut strahlten. Sie fragte Aurelia, warum sie so traurig sei. Liebevoll legte sie Aurelia ihre Hand auf die Schulter und sagte zu ihr: „Wann immer dein Herz schmerzt, berühre sanft den Baumstamm der Eiche und nenne deinen Namen.“
Kaum hatte die alte Frau das gesagt, war sie auch schon auf unerklärliche Weise plötzlich wieder verschwunden.
Die Eiche war ein uralter Baum, ihr Stamm hatte einen riesigen Durchmesser und ihre Krone ragte fast bis in den Himmel. Ihre Äste breiteten sich in der vollen Schönheit aus und in ihren Zweigen nisteten und sangen unzählige Vögel ihr Lied. Es war wundervoll und magisch gleichzeitig.
Da fielen Aurelia die Worte der alten, liebevollen Frau ein und sogleich beschloss sie, den Stamm der großen Eiche zu berühren. Sanft legte sie ihre Hand auf den Stamm und sprach ihren Namen aus, so wie die alte Frau es ihr nahegelegt hatte.
Zu ihrem großen Erstaunen öffnete sich im Stamm ein Tor und Aurelia trat hindurch, hinein in eine geheimnisvolle Welt. Die Luft war erfüllt von einem sanften Glühen, das den Wald in ein zauberhaftes Licht tauchte. Jeder Schritt, den Aurelia setzte, schien tiefer in das Reich des Unerwarteten zu führen, wo die Bäume zu flüstern begannen und die Sterne am Himmel zu tanzen schienen. Es war, als ob die Natur selbst ihr ein Geheimnis enthüllen wollte, das nur für jene bestimmt war, die den Mut besaßen, diese Pforte zu durchschreiten.
Wo bin ich, fragte sich Aurelia und sie spürte eine unendliche Ruhe und Harmonie, die sie so bisher noch nie gefühlt hatte. In der Ferne sah sie ein Licht leuchten und ging neugierig darauf zu.
Der Weg führte sie über eine Brücke, die nicht aus Stein oder Holz war, sondern aus reinem Gold, das im Sonnenlicht funkelte wie tausend Sterne. Diese goldene Brücke spannte sich über ein Bächlein, dessen Wasseroberfläche wie flüssiges Silber schimmerte.
Als Aurelia die Brücke betrat, begannen kleine Fischlein, deren Schuppen im Sonnenlicht glänzten, aus dem Wasser emporzuspringen. Jedes von ihnen trug ein winziges Krönchen auf seinem Haupt und tanzte fröhlich im glitzernden Strom. Sie umgaben Aurelia mit ihrer Anmut und begrüßten sie mit einem verspielten Glitzern in ihren Augen. Es war, als ob die Welt selbst ihr Willkommen in diesem geheimnisvollen Reich verkündete.
Sie ging weiter, vor ihr breitete sich ein Meer von exotischen Blumen in den schönsten Regenbogenfarben von ungewöhnlicher Größe und Pracht und hochgewachsenen magischen Bäumen, Palmen und Farnen aus, die sich vor ihr verneigten und sie liebevoll willkommen hießen.
Es schien ein Pfad abzugehen, der zu einer Lichtung führte. In der Mitte erblickte sie einen kleinen See in verschiedenen, wundervoll schimmernden Blautönen. Einen atemberaubenden Anblick bot ein riesiger glitzernder Wasserfall, der sich rauschend in einen See ergoss.
Aurelia war von den Schönheiten dieser Natur zutiefst berührt und fühlte sich an diesem geheimnisvollen Ort so glücklich und geborgen wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
Plötzlich drangen sanfte Töne und liebliche Klänge an Aurelias Ohr, die ihr Herz höherschlagen ließen. Woher diese liebliche Musik wohl kommt? Während Aurelia gebannt innehielt, um den wunderbaren Harmonien zu lauschen, sah sie plötzlich aus der Tiefe des Sees ein blaues Licht hervorleuchten.
Eine innere Stimme lud sie ein, in das kristallblaue Wasser einzutauchen. Schnell legte sie ihre Kleider ab und ließ sich in das warme, klare Wasser gleiten.
Plötzlich vernahm sie das Singen von Delfinen, die sich ihr näherten und sie mit ihrem freundlichen Lächeln begrüßten. Mühelos verstand Aurelia die Sprache der anmutigen Tiere und folgte ihrer Aufforderung, ihnen zum dem magischen Licht in der Tiefe des Sees zu folgen. Plötzlich spürte Aurelia, wie sich ihre Lungen mit Wasser füllten, doch anstatt zu ersticken, atmete sie wie ein Fisch und so tauchte sie gemeinsam mit den Delfinen immer tiefer und tiefer bis auf den Grund des Sees, wo im Sand ein Schlüssel aus leuchtendem Gold auf Aurelia zu warten schien. Mit einer Mischung von großer Demut und Dankbarkeit streckte sie ihre Hand aus nahm ihn behutsam an sich. Als sie mit dem Schlüssel wieder mit den treuen Delfinen an die Oberfläche des Sees zurückgekehrt war, schien die Welt um sie herum in einem funkelnden Licht zu erstrahlen. Es war, als ob ihr das Universum selbst den Segen gab für die Reise, die vor ihr lag, eine Reise voller Wunder, die nur darauf wartete, entdeckt zu werden.
Sogleich erklärte ihr ein majestätischer Delfin, der größte unter ihnen, feierlich, was es mit dem Schlüssel auf sich hatte: „Das ist der Schlüssel zu deinem Herzen. Er weist dir deinen Weg. Benutze ihn weise und er wird dir helfen, die Antworten auf die Fragen zu finden, die tief in deinem Inneren verborgen sind.“
Aurelia bedankte sich bei den Delfinen und stellte sich mutig unter den kristallklaren Wasserfall. Das kühle Wasser umhüllte sie und sie spürte, wie eine gewaltige, befreiende Kraft sie durchströmte.
Sie war erfüllt von so viel Liebe, Sanftmut und einer unendlichen Glückseligkeit.
Sie genoss diesen magischen und wundervollen Augenblick. Da erblickte sie plötzlich am gegenüberliegenden Seeufer eine magische Gestalt, die in silberweiß-bläulichen Farben leuchtete. Neugierig und fasziniert näherte sie sich dem mystischen Licht. Vor ihr erschien ein zauberhaftes Wesen: ein weißes Pferd, kraftvoll und stark, mit einem sanftmütigen Blick. „Ich heiße dich willkommen im Reich des Lichts, Aurelia. Mein Name ist Morgenstern und ich bin hier, um dir zu dienen und dir den Weg zu weisen“, sprach das majestätische Wesen. Nachdem es diese Worte gesprochen hatte, verabschiedete es sich würdevoll und verschwand auf unerklärliche Weise.
Also schwamm sie an das Ufer des Sees, kleidete sich wieder an und machte sich mit einem Gefühl voller Dankbarkeit und Freude auf den Nachhauseweg.
Kleine Strahlenkinder schwirrten mit flatternden Flügeln wie Libellen um sie herum und begrüßten sie freundlich. Die wunderschönen, kleinen Fabelwesen trugen bunte Kleidchen, die im Sonnenlicht funkelten und sangen liebliche Lieder, die wie eine sanfte Melodie durch den Wald klangen. Mit jedem Schritt, den Aurelia machte, flatterten die Strahlenkinder um sie herum, ihre Flügel schillernd in allen Farben des Regenbogens. Ihre fröhlichen Stimmen erfüllten die Luft und begleiteten Aurelia auf ihrem Weg. Die Bäume um sie herum neigten ihre Äste, als wollten sie sich verneigen, und die Blumen am Wegesrand leuchteten noch heller in ihrer Anwesenheit. Schließlich erreichten sie den Ausgang aus dem Stamm der großen Eiche, wo das geheimnisvolle Abenteuer begonnen hatte. Mit einem letzten fröhlichen Lied verabschiedeten sich die Strahlenkinder von Aurelia, ihre Stimmen klangen wie das sanfte Flüstern des Windes. „Leb wohl, liebe Aurelia“, sangen sie im Chor, „möge das Licht stets dein Begleiter sein.“
Aurelia legte ihre Hand auf den Stamm und nannte ihren Namen. Das Tor öffnete sich sogleich, während Aurelia hindurchschritt und sich augenblicklich wieder auf der vertrauten Weide ihres Großvaters befand.
„Oh mein Gott“, dachte sich Aurelia – die Herde, aber zum Glück lagen die Schäflein vollzählig im Schatten der alten Olivenbäume und ruhten sich aus. In Gedanken war sie noch immer bei dem gerade erlebten geheimnisvollen Abenteuer.
Als sich der Tag neigte und es Zeit war, nach Hause zu gehen, genoss sie den Anblick des glühenden Sonnenballs, der sich im Meer spiegelte und eine funkelnde Goldstraße auf dem Meer ausbreitete.
Mit einer tiefen Freude im Herzen begab sich Aurelia nun auf den Heimweg. Sie begleitete die Schafe zurück in Großvaters Stall, wo sie gemolken wurden. Beppe gab ihr ein großes Stück Schafskäse mit.
Sie kam am Olivenhain ihres Vaters vorbei, wo gerade die reifen Oliven von den Bäumen in die darunter gespannten Netze gerüttelt und dort aufgefangen wurden. Antonio, dem man ansah, dass er einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte, winkte Aurelia zu und gab ihr ein Zeichen, in den Hain zu kommen.
Sie stand da und schaute den Erntehelfern zu, als der etwas gereizte Vater sie anschrie und meinte, sie solle nicht so nutzlos dastehen, sondern lieber helfen, die überreifen Oliven aus den Netzen zu lesen. Sie ärgerte sich über die bestimmende Art, mit der er sie behandelte.
Schnell holte sie einen Korb und trennte die schlechten von den guten Früchten, damit das Olivenöl nicht bitter wird. Vater Antonio brachte die guten Oliven, welche die Arbeiter in Säcke gefüllt hatten, mit einem alten Traktor zur nächsten Ölpresse ins Dorf.
Als es schon fast Abend geworden war, lief Aurelia nach Hause, um Mutter bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen.
Sie war sehr traurig und verletzt über das demütigende Verhalten ihres Vaters und Mutter Giuseppina fiel auf, dass ihr ab und zu eine Träne übers Gesicht kullerte.
„Aurelia, meine Kleine, was ist mir dir? Worüber grübelst du ständig nach? Ich spüre doch, dass es dir nicht gut geht!“, sprach die Mutter besorgt, bückte sich und streichelte ihr übers Haar.
„Vater kann ich es wohl nie recht machen. Ich habe das Gefühl, dass er mich gar nicht liebt“, seufzte Aurelia und deckte den Tisch. „Du weißt ja, dass er während der Olivenernte immer missgelaunt ist“, tröstete sie Giuseppina.
Da öffnete sich mit einem Ächzen die alte schwere Holztür und Antonio trat ein. Er zog seine ausgeleierten alten Schuhe aus und setze sich an den gedeckten Tisch, wo schon Aurelia und Giuseppina mit dem Essen auf ihn warteten. Es gab Gnocchi mit einer frischen Tomatensoße, selbst gebackenes Brot und Großvaters Schafskäse.
Während des Essens fragte die Mutter, wie es ihm denn heute bei der Ernte ergangen sei, doch Antonio war kurz angebunden und antwortete lediglich: „Wie immer.“
Während der Erntezeit der Oliven brachte Aurelia jeden Tag die Schafe auf die Weide. Erst wenn alle Oliven unter Dach und Fach waren, durfte Aurelia wieder zur Schule gehen. Das war ein Augenblick, auf den sie sich sehr freute.
In den Ferien traf sich Aurelia oft an den Nachmittagen mit ihren beiden Kameraden Taran und Leon am Strand, wo sie sich vergnügten, den kreisenden frechen Möwen zusahen und den brausenden Wellen lauschten.
Taran und Leon hatten beide dunkle Haare und dunkle Augen und ein sympathisches, offenes Temperament. Beide hatten ihren Spaß daran, von den steilen Klippen ins Meer zu springen, sie tauchten und schnorchelten im türkisen warmen Wasser und spielten unbeschwert den ganzen Nachmittag miteinander.
Immer wieder spazierten sie auch den ganzen weißen Strand entlang, sammelten Müll und gestrandetes Treibgut und achteten darauf, dass ihr Lieblingsort auch stets sauber war.
Wenn die Sonne gar zu heiß vom Himmel brannte, suchten sie den Schatten des Kiefernwaldes auf, wo sie sich entspannen konnten. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel und sprachen und diskutierten über mögliche Zukunftsprojekte zum Schutz der Meere, da diese immer mehr verschmutzten, die Unterwasserwelt vom Sterben bedroht war und der Fischbestand stark abgenommen hatte.
An einem klaren Sommertag besuchte Aurelia ihren Großvater Beppe. Er holte frische Milch und reichte Aurelia das Glas. Sie saßen auf der Holzbank vor dem Haus, plauderten und genossen die ersten Strahlen der Morgensonne. Aurelia musste nun los, um die Schafherde auf die Weide zu bringen. Sie bedankte sich für die Labung und zog weiter.
Auf der Weide angekommen, ging sie zur großen Eiche, um sich in den Schatten ihrer gewaltigen Krone auszuruhen.
Doch da saß die alte Frau, zusammengekauert auf dem steinigen Boden. Aurelia ging auf sie zu, wollte ihr die Hand reichen, doch die alte Frau sagte mit betrübter Stimme: „Mein Kind, ich bin Gaia, Mutter Erde. Ich bin kraftlos geworden und mein Herz schmerzt und ist betrübt, denn die Gier und der Machtkampf der Menschen zerstören diesen wundervollen Planeten.“
Aurelia blickte mitfühlend auf die alte Frau herab, die vor ihr saß, und streichelte ihr sanft über ihr weißes, lockiges Haar. Mitleidig flüsterte sie mit leiser Stimme und fragte die verzweifelte Frau, welchen Ausweg es für diese Situation gebe.
Die weise Frau blickte hoffnungsvoll zu Aurelia auf und erwiderte: „Mein liebes Kind, es gibt nur ein Wesen auf dieser Erde, das mich und die Welt aus dieser ausweglosen und schrecklichen Situation retten kann!“
Aurelia sah Gaia staunend an und ermunterte sie mit einem leichten Kopfnicken weiterzusprechen. Hoffnung und Erleichterung leuchteten plötzlich in ihrem schönen alten Gesicht auf.
Mit zittrigen Beinen versuchte Mutter Erde, sich an ihrem geschwungenen Holzstab aufzurichten. Aurelia sah, wie sie sich abmühte, und reichte ihr stützend die Hand.
Mutter Erde blickte nun in Aurelias braune, warmherzige Augen, trat noch einen Schritt auf sie zu, legte ihre rechte Hand auf Aurelias Schulter und sprach plötzlich mit entschlossener und fester Stimme: „Du, Aurelia, bist die Auserwählte.“
Aurelia stand mit ungläubigem Blick sprachlos da. „Wie soll das denn geschehen, ich bin ja nur eine einfache Hirtentochter, was vermag ich schon?“ Daraufhin erwiderte Gaia, Mutter Erde: „Du bist größer, als du denkst!“
Aurelia war vollkommen verwirrt und konnte nicht begreifen, was gerade geschah. Liebevoll legte Mutter Erde ihre Hand auf das Herz des Mädchens und sprach mit sanfter Stimme: „Mein geliebtes Kind, so lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Es ist nun Zeit zu handeln. Ich bin es leid und müde, euch Menschen bei der Zerstörung, anstatt der Erschaffung und Entwicklung eures Daseins zuzusehen.
Die Welt ist ein Spiegelbild eurer Innenwelt, und da die Menschheit sich nicht mehr in ihrer ursprünglichen Kraft befindet, strahlt diese negative Energie nach außen. Der wunderbare Planet aber braucht wieder dieses Licht und dieses Bewusstsein, damit diese Urkraft zurückkehrt.
In der Verborgenheit aber existieren auch jene mit einem reinen Herzen, die bereits die Macht des Guten in sich tragen. Bedauerlicherweise streben die dunklen Mächte danach, die Menschheit von diesem Licht zu trennen und alles zu zerstören.
Ich bin ermüdet von dem Anblick, wie ihr, die Menschen, mit euren Händen alles zunichtemacht. Wie ihr die Erde behandelt, ohne Respekt und Liebe, weil ihr euch selbst nicht liebt und respektiert. Es ist traurig, euch dabei zuzusehen, wie ihr miteinander umgeht, keine Verantwortung für euer Leben übernehmt und in der Opferrolle verweilt, indem ihr alle Schuld auf andere abwälzt.
Erschöpft bin ich von den Missbräuchen und Gewalttaten, den Kriegen und den Vorurteilen. Von eurem sozialen Neid, eurer Gier, eurer Heuchelei und der Selbstsucht. Müde bin ich davon, dass ihr so wenig Zeit für euch selbst und eure Familien aufbringt, dass ihr euren Kindern oft wenig Achtung schenkt und ihr oft wertlosen Dingen mehr Bedeutung gebt als den Wesentlichen.
Erschöpft bin ich von eurem Verrat, von eurem ständigen Vorbeireden aneinander, anstatt euch in Liebe Zeit füreinander zu nehmen und einander zuzuhören. Ich habe genug von euren Beschwerden, während ihr doch nichts unternehmt, um euer Leben zu verändern. Die Diskussionen und Streitereien über unwichtige Kleinigkeiten, die Demütigungen anderer, um euch selbst zu erhöhen – ich habe es satt.
Jetzt ist die Zeit gekommen, eine neue, vereinte Welt in Liebe und Fülle zu erschaffen. Eine Welt, in der ihr euch selbst liebt, um fähig zu sein, eure Kinder, Partner, Umwelt und euren Planeten zu lieben und zu respektieren. Verbindet euch wieder mit dem Göttlichen, dieser wundervollen Urkraft.
Aurelia, ich rufe dich auf, diese Mission für mich zu vollbringen, denn ich bin alt und schwach geworden. Du musst jedoch zuerst einige Hürden überwinden. Nimm Taran und Leon mit auf die Reise, denn sie sind dazu bestimmt, dir Schutz und Hilfe zu gewähren. Nun geh, mein Kind, bereite diese Reise vor und gib deinen Freunden Bescheid!“
Daraufhin verabschiedete sich Mutter Erde von Aurelia und war plötzlich verschwunden. Sichtlich betroffen, aufgewühlt und nachdenklich machte sich Aurelia in der Abenddämmerung mit schnellen Schritten auf den Rückweg. Die Sonne neigte sich am Horizont und erstrahlte in ihren prächtigsten Farbtönen von Gelb bis Rubinrot. Aurelia begab sich zum nahen gelegenen Strand, wo Taran und Leon bereits auf sie warteten.
Aufgeregt berichtete Aurelia, was ihr gerade eben widerfahren war. „Stellt euch vor, als ich bei der großen Eiche ankam, saß da, völlig traurig und verzweifelt, ein altes Weiblein. Mutter Gaia, so nannte sie sich, wehklagte über die Missstände, die auf der Erde herrschen, und seufzte über das Schicksal des einst so wundervollen Planeten. Sie erklärte aber ganz entschlossen, wir drei wären dazu bestimmt und auserwählt, die Welt zu retten, und wir sollten uns morgen um die Mittagszeit bei der uralten Eiche mit ihr treffen.“
Die beiden Jugendlichen waren sehr überrascht, willigten aber, ohne lange zu zögern, ein, Aurelia zu begleiten. Denn alleine wollten sie sie nicht ziehen lassen.
Und so kam es, dass sich die drei Freunde am darauffolgenden Tag zur angegebenen Zeit auf den Weg zur großen Eiche machten.
Mutter Erde war so glücklich und erleichtert, als sie die drei Freunde von Weitem den steinigen kargen Weg aufsteigen sah.
Noch brannte die Sonne heiß auf das kleine Fischerdorf mit der Kirche auf der Piazza, den verwitterten Steinhäusern und den engen, verwinkelten Gassen.
Aurelia, Taran und Leon hielten noch einmal inne, warfen einen letzten Blick auf die herrliche Bucht ihres Dorfes.
An der großen Eiche angekommen, begrüßte die alte Frau die drei und bedankte sich bei ihnen für die Bereitschaft, sich für das Wohl der Menschheit einzusetzen.
„Ich gebe euch nun einen kleinen Einblick in das Geschehen auf dieser Welt, damit ihr versteht, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen, wenn wir diesen Planeten retten wollen“, sprach Gaia.
Sie klopfte mit ihrem gedrehten Holzstab auf die Erde, und schon näherte sich ihnen eine riesige weiße Wolke. Es öffnete sich ein lichtvolles Portal zu einem merkwürdigen Gefährt und Mutter Erde ermunterte die Jugendlichen einzutreten.
Sie wurden von einer männlichen Stimme begrüßt und eingeladen, auf den Ledersitzen Platz zu nehmen, sich anzuschnallen und die dreidimensionalen Brillen aufzusetzen.
Von einem halbrunden, überdimensional großen Monitor umgeben, flog nun dieses merkwürdige Flugobjekt geräuschlos in das Universum, vorbei an Planeten, Galaxien und Milliarden von Sternen.
Das alles fühlte sich gigantisch, atemberaubend schön und grenzenlos an. Das Funkeln der Sterne, inmitten eines leuchtenden Lichts und blau, gelb, grün und violett blitzenden Farbenspiels ließ sie vor Begeisterung jubeln.
Die männliche Stimme von vorher erklärte, dass es nun in Richtung Erde gehe und dass sie so im Monitor die momentane Situation des Planeten erkennen könnten. Der Sprecher fügte auch hinzu, dass es neben vielen guten Menschen mit einer gesunden und positiven Weltanschauung leider auch viele andere gebe, denen es nur um Macht und Gier ging, und dass diesem destruktiven Verhalten dringend Einhalt zu gebieten sei.
Der unsichtbare Pilot kündigte den ersten Stopp an.
Der Monitor wurde lebendig und die drei Passagiere konnten eine rege Diskussion in einem Versammlungssaal miterleben. In einer Versammlung saßen an einem langen Tisch verschiedene Politiker und mächtige Geschäftsleute zusammen. Es ging um das Abholzen des tropischen Regenwaldes. Das sei ein Geschäft, das Milliarden Dollar in die Taschen bestimmter Lobbys spülte. Jedes Jahr sollten 160.000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt werden für die Herstellung von Papier und die Gewinnung von Bodenschätzen wie Eisenerz, Gold, Öl oder Gas.
Das abgeholzte Land diente der Umwandlung in Palmöl- oder Sojaplantagen und Rinderweiden. Der gesamte Regenwald, diese wahre Lunge der Erde, sei in großer Gefahr und schrumpfte immer mehr. Die Unternehmer ließen große Maschinen auffahren, die den wertvollen Baumbestand gnadenlos niedermähten.
Die drei Freunde konnten das verzweifelte Flehen und den Schmerz der Bäume spüren und hören. Es war ein grauenvolles Massaker, bei dem auch viele Lebewesen ihren Lebensraum verloren.
Auch die einzigartigen bunten Vögel, die in ihren Kronen nisteten, mussten ihr Zuhause verlassen. Jungvögel, die noch nicht flügge waren, kamen zusammen mit den Bäumen zu Tode.
Die Vogelmütter suchten ihre Jungen, doch es war zu spät. Sie lagen unter den Ästen begraben und auch ihr Klagen konnte man hören. 1.000 Vogelarten, mehr als 300 Säugetierarten, 2.000 Fischarten hatten ihren Lebensraum verloren.
Unzählige Pflanzenarten wurden dem Erdboden gleichgemacht. Eine totale Katastrophe, erklärte der Sprecher den Insassen des Gefährts.
Er erklärte den entsetzten Zuschauern, dass durch das Abholzen und Verbrennen des Regenwaldes das Klima unserer Erde aus dem Gleichgewicht geriet und dass das in Zukunft verheerende Auswirkungen haben werde. Extreme Wetterereignisse würden immer häufiger auftreten.
Wieder sah man auf der Leinwand, wie geldgierige Unternehmer Rinder und Büffelfarmen direkt am Wasser errichteten. Dadurch aber wurden die Gewässer verunreinigt, und das bedrohte nicht nur den Fischbestand, sondern vor allem auch das Überleben der Ureinwohner. Außerdem erhielten diese von den ausländischen Ausbeutern ohnehin dauernd Morddrohungen, falls sie ihnen nicht ihr Land überließen.
Aurelia, Taran und Leon beobachteten, wie Goldgräber im Urwaldgebiet große Krater errichteten, um das Gold zu waschen. Das war für sie ein einträgliches Geschäft, aber es hatte katastrophale Folgen, weil dabei Quecksilber in das Flusswasser gelang.
Man bräuchte sechs Monate der gesamten Energie der Erde, um die Wassermassen zu erhitzen, die der Amazonas-Regenwald an einem Tag verdunstete.
Das Bild auf dem Monitor stand einige Augenblicke still. Das berührte Aurelia so sehr, dass Tränen über ihr entsetztes Gesicht flossen. Auch Leon und Taran waren sichtlich ergriffen.
Die sanfte Männerstimme erklärte den Passagieren, dass soeben ein neuer Film über die Mafia erschienen war: In dem Film telefonierte ein Mafiaboss mit einem Mafioso in Amerika. Sie planten einen Deal: Auf einem riesengroßen Schiff sollten Tonnen von Kokain über den Suezkanal nach Italien geliefert werden. Das Unternehmen wurde mit den Schutzgeldern finanziert, welche die Mafiosi von den kleinen Unternehmern und Geschäftsleute monatlich erpressten.
Man sah, wie der Mafioso eines Tages in ein Schuhgeschäft ging, um das monatliche Geld zu kassieren. Als der Besitzer, ein Familienvater mit vier Kindern, sich weigerte, den Betrag auszuhändigen, verschleppten und erschossen ihn die Begleiter des Mafioso und warfen seine Leiche von den Klippen ins Meer. Als man seiner Frau die traurige Nachricht überbrachte, brach sie völlig verzweifelt und aufgelöst zusammen.
Mit dem Geld, das der Mafiaboss erprresst hatte, leistete er sich eine prunkvolle Villa in Sizilien. Er kaufte regelmäßig Container voller Kokain aus armen Ländern, die in Westafrika zwischengelagert und von da aus in die großen europäischen Häfen der Welt verschifft wurden.
Einmal trafen sich Jugendliche in einer Wohnung zu einer Drogenparty und konsumierten reichlich Alkohol und verschiedene Substanzen. Ein Mädchen namens Laura kam dabei mit einer Überdosis ums Leben.
Wieder verstummte der Monitor. Die Jugendlichen waren wieder sehr betroffen.
Der Monitor wechselte nun zu anderen verbrecherischen Machenschaften.
Es war zu sehen, wie Umschläge mit Geld den Besitzer wechseln wechselten, damit bestimmte Medikamente auf Kongressen beworben wurden, damit sie global auf den Markt kamen.
Bei diesen Produkten ging es um gepanschte Fälschungen mit gefälschten Zertifikaten, die, anstatt zu nützen, sogar Schäden verursachten, die bis zum Tod führen konnten.
Nächster Flash: Es wurden Tiere betäubt, aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen und für verschiedene Tierversuche ein Leben lang in Käfigen gehalten.
Wilderer jagten die fast schon ausgestorbenen Nashörner und ließen sie halbtot einfach umkommen, nur um deren Hörner auf dem Schwarzmarkt verkaufen zu können.
Andere herrschaftliche Tiere, wie zum Bespiel der Malaysiatiger, wurden gejagt und getötet, nur damit sich die Reichen in teure Mäntel und Jacken hüllen konnten.
Der Mensch zerstörte unaufhaltsam diese wundervolle Schöpfung und viele Tiere waren vom Aussterben bedroht.
Kühe wurden künstlich befruchtet und die Kälbchen von ihren Müttern getrennt und in den Schlachthof gebracht, nur um die Teller der Menschen zu füllen. (Szene, in der die Kuh vor Verzweiflung brüllte, weil Menschen ihr Neugeborenes zum Schlachten wegbrachten). Im Schlachthof wurden Tiere mit einer Pistole betäubt und geschlachtet. (Dann sah man ein Bild, wie das Kälbchen Susi als Kalbsbraten verspeist wurde.)
Die Männerstimme fuhr fort: „Auch Schildkröten sind vom Aussterben bedroht. Sie sind der eigentliche Schlüssel des Ökosystems im Ozean, denn sie fressen Schwämme, die den Korallenriffen schaden. Immer wieder verfangen sich Schildkröten in schwimmenden Plastiktüten und Netzen und kommen elend zu Tod, indem sie entweder ersticken oder verhungern. Dies hat wiederum zur Folge, dass sie die Ausbreitung der Korallenriffe nicht mehr schützen können.
Auf den nächsten Bildern seht ihr Menschen, die in Plastik verpackte Nahrungsmittel kaufen, sie können nicht anders, denn jede Kleinigkeit wird in Müll verpackt. Tonnenweise Dreck und Müll landen in armen Ländern. Dort wird der Müll aussortiert und verbrannt. Dadurch entstehen giftige Gase, die sehr schädlich für die Augen und Lungen sind. Kinder sind dann auf einen Inhalator angewiesen.
Schwermetalle werden einfach im Meer versenkt, samt ihren Transportschiffen. Das Meer spült immer wieder tote Wale an Land, die elend zugrunde gegangen sind, weil ihre Mägen voll Plastik waren.“
Man sah Ozeane und Strände voller Plastik und Schadstoffe, die sich in Mikroplastik zersetzten und mit dem Meerwasser vermischten. Fische, Muscheln und Krabben fraßen unbewusst diese Plastikanteile, die über die Nahrungskette dann auch in den Magen der Menschen gelangten.
„Ständig werden neue Kriege geführt, die von Menschen angezettelt werden, nur um ihre Macht und ihren Besitz zu vermehren und ihr Ego zu befriedigen“, sagte der Begleiter der Freunde nun. „Dabei werden Tausende unschuldige Menschenleben geopfert. Die Puppenspieler selbst warten abseits vom Kampfgeschehen in aller Sicherheit und ohne Beeinträchtigung ihres Luxus auf gute Nachrichten.
Auf beiden Fronten stehen unschuldige Menschen, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen, und wünschen sich nur noch, gesund nach Hause zum ihren Liebsten zu kommen. Häuser und ganze Existenzen werden zerstört, Armut und Verzweiflung regieren die Welt.“
Der Monitor wurde schwarz und zeigte keine Bilder mehr, Totenstille herrschte in der Wolke. Alle brauchten eine Weile, um diese entsetzlichen Bilder zu verarbeiten.
In der Zwischenzeit kehrte die Wolke an ihren Ausgangspunkt zurück. Aurelia und ihre Freunde stiegen aus.
Aurelia war entsetzt und unendlich traurig, Wut kochte in ihr auf und große Tränen kullerten über ihr schönes Gesicht. Voller Traurigkeit und mit schwerem Herzen berührte sie den Stamm der alten Eiche und sprach ihren Namen aus. Leon und Taran standen auch sichtlich geschockt dicht hinter ihr. Sogleich öffnete sich das Tor und Aurelia bat die verblüfften Freunde, in diese magische Welt einzutreten.
„Wo sind wir hier?“, fragten sie erstaunt. „Wir sind in der geistigen Welt“, erwiderte Aurelia.
Eine wunderbare Musik erhob sich sanft, zuerst kaum wahrnehmbar, dann immer intensiver, bis die himmlisch klingenden Harmonien die Luft erfüllten. Diese Klänge umhüllten die Jugendlichen wie ein sanfter, wärmender Mantel und ließen die Schwermut, die auf ihren Herzen lag, in einem Augenblick verfliegen. Die Musik war so lieblich und tröstend, dass sie ihre Seelen berührte und ihnen ein Gefühl von Frieden und Hoffnung schenkte.
Taran schien plötzlich ein anderer zu werden, als seine Gesichtszüge zu einer Mischung aus Härte und Männlichkeit verschmolzen. Sein schwarzes, lockiges Haar fiel ihm leicht über seine Schultern. In seinen dunklen Augen spiegelte sich nicht nur Entschlossenheit, sondern auch eine wärmende Ausstrahlung wider.
Ein grüner Samtumfang umhüllte seine breiten Schultern wie eine königliche Robe. Darunter trug er eine graue kunstvoll bestickte Lederweste, die nicht nur Schutz verlieh, sondern von einem hohen Rang zeugte. Sein Beinkleid war aus grünem Leder und die Füße steckten in grünen Samtstiefeln.
In dieser ausdrucksvollen Kleidung verkörperte Taran nicht nur Stärke und Entschlossenheit, sondern auch eine gewisse Eleganz und Raffinesse.
Aurelia blickte ihren Freund voller Staunen an.
Auch Leon hatte eine majestätische Haltung angenommen. Sein gewelltes Haar reichte bis zu den Schultern und umrahmte sein wunderschönes Gesicht.
Ein grauer Mantel mit edlen Stickereien schmiegte sich an seine Formen. Hemd und Hose waren aus kostbarem Tuch und hoben sich mit ihrer beigen Farbe elegant von den prunkvollen grauen Stiefeln ab. Ein perfekt gestutzter Dreitagesbart betonte seine markanten Gesichtszüge.
In dieser beeindruckenden Kleidung strahlte Leon eine besondere Präsenz aus, die nicht nur seine äußere Erscheinung, sondern auch die Tiefe seiner Persönlichkeit in Form von Erhabenheit und Stärke unterstrich.
Leon und Taran waren gleichermaßen sprachlos und überrascht angesichts der Verwandlung, die Aurelia durchgemacht hatte. In ihrer veränderten Erscheinung wirkte sie nicht nur größer und fraulicher, sondern strahlte eine erhabene Anmut aus. Langes, dunkelbraunes Haar umrahmte ihr Gesicht, das nun schmaler wirkte, während ihr bezauberndes Lächeln und die warmherzigen Blicke noch eindringlicher waren als zuvor.
Ihre Taille hatte eine zarte Schmalheit angenommen und das königliche Kleid schmiegte sich schmeichelnd an ihre Hüften. Ein hellbrauner Umhangmantel, kunstvoll mit goldenen aufwendigen Verzierungen versehen, und ein flauschiger, weißer Pelzkragen verliehen ihr eine majestätische Eleganz. Die weiß-blau bestickten Stiefel, die sie als Schuhwerk trug, vollendeten das königliche Bild, das sie abgab.
Aurelia schien wie aus einer anderen Welt entsprungen zu sein, ein strahlendes Abbild königlicher Schönheit und Anmut, dass selbst die Blicke von Taran und Leon in ehrwürdiges Staunen versetzte.
Ihr Auftritt war nicht nur eine äußere Verwandlung, sondern auch der Ausdruck einer inneren Stärke und Erhabenheit und ein Beweis, dass sich ihre Persönlichkeit nun auf einer neuen Ebene befand.
Es erklangen nun noch schönere, fast magische Klänge, als von Weitem auf einem weißen Pferd eine strahlende Lichtgestalt auf sie zugeritten kam. Die Melodien schienen direkt aus den Sternen zu stammen, so wunderschön und ergreifend waren sie.
Aurelia erkannte sofort, dass es Mutter Erde war. Drei prachtvolle Pferde begleiteten sie, jeder Schritt ihrer Hufe hinterließ funkelnde Spuren auf dem Waldboden. Gaia stieg elegant von ihrem edlen Pferd Morgenstern herab und neigte sich demütig vor den Auserwählten, die nun wie angewurzelt vor ihr standen. Ihre Anwesenheit erfüllte die Lichtung mit einer warmen, leuchtenden Aura.
„Ich begrüße euch, mein Herz ist voller Freude und Dankbarkeit über euer Dasein.
So lange habe ich diesen Augenblick ersehnt. Aurelia, du bist nun zu einer erwachsenen, wunderschönen und starken Frau herangewachsen. Und nun zu euch, Taran und Leon: Seid ihr bereit, Aurelia auf ihrem Weg zu begleiten? Sie mit eurem Leben zu behüten und beschützen, was auch immer geschehen mag?“
Die beiden Männer sahen sich entschlossen an und nickten der alten Frau bejahend zu. „Wir sind bereit, diesen Dienst für dich, Mutter Erde, zu tun, denn wir haben mit großem Entsetzen deine Anliegen gesehen.“
Und Aurelia fügte hinzu: „Wir werden mit all unserer Kraft und deiner Unterstützung dem Planeten wieder zu seiner ursprünglichen Kraft und Schönheit verhelfen.“
Mutter Erde stellte den Kriegern des Lichts drei wunderschöne edle Pferde zur Seite und sprach: „Ich werde euch nun verlassen, doch folgt dem Licht von Morgenstern, dem reinen Schimmel und lauschet seinen Worten. Er wird euer Wegweiser sein!
Es werden mehrere Hindernisse auf euch zukommen, die ihr zusammen überwinden werdet.
Euer Auftrag besteht darin, am Ende der Reise das verschollene Buch des Lebens zu finden und es den Klauen des dunklen Fürsten Maldrock zu entreißen, der es einst mit einem gemeinen Überfall aus dem Königreich von Shalimar gestohlen hatte.
Dieser hat bereits seine Krieger ausgesandt, um eure Mission zu verhindern. Darum seid wachsam und sucht zuerst die Verbindung zu eurem Herzen, nur so könnt ihr in eurer Kraft bleiben, um jede Prüfung bestehen zu können.
Aurelia, du bist mit all den Gaben ausgestattet, die du brauchst, um diese Mission zu erfüllen. Also habt Vertrauen in euch selbst und sucht zuerst den Schatz in eurem Inneren, indem ihr auf euren Herz hört und eurer Stimme folgt!
Dich, Aurelia, statte ich aus mit dem allmächtigen Band der Liebe, das alle Herausforderungen zu überwinden vermag, und lege dir den Gürtel der sieben Tugenden an.“
Gaia übergab Taran und Leon ein besonderes Schwert, das aus dem Königreich der Morgenröte stammte.
Zusätzlich überreichte sie ihnen jeweils einen weißen Bogen und einen Rückenköcher voll mit spitzen Pfeilen.
Aurelia überreichte sie das Schwert des Königs von Shalimar und ernannte sie feierlich zur Hüterin der Erde. Andächtig und voller Bewunderung nahm Aurelia dieses wertvolle Geschenk aus der Hand von Mutter Erde entgegen.
Der Griff des Schwertes bestand aus gearbeitetem und verziertem Silber, deren Klinge mit einer rubinroten Kristallader durchzogen war, in der magische Kräfte schlummerten.
Mutter Erde schenkte Aurelia eine Kette und bat sie, den goldenen Schlüssel der Delfine als Anhänger daran zu tragen und sie nie abzulegen. Der Schlüssel würde sie in die Freiheit und zu ihrer Bestimmung führen.
Mit einem letzten, weisen Blick stampfte die alte Frau mit ihrem Stock einmal kräftig auf den Waldboden und wie ein Nebel im Sonnenlicht verschwand sie auf magische Weise. Die drei Freunde bewunderten ehrfürchtig ihre majestätischen Schimmel, die wie aus einer anderen Welt zu stammen schienen. Entschlossen schwangen sie sich in die Sättel und ritten los, geleitet von einem neuen, bedeutungsvollen Ziel.
Ihr Weg führte zu einer Meeresbucht, einem wahren Juwel von atemberaubender Schönheit, einem Kunstwerk der unberührten Natur.
Das tiefblaue bis türkisfarbene Wasser brach sich sanft an dem schneeweißen Küstenstreifen, während sich im Hintergrund die Farben und Düfte der üppigen wachsenden Pflanzenwelt harmonisch vereinten. Wacholder, Rosmarin, Majoran und gelbblühende Ginsterbüsche hatten sich hier zwischen geschmeidigen Dünen ungestört ausgebreitet.
Die sanften Wellen flüsterten leise Geschichten und Geheimnisse, während eine frische Brise eine beruhigende Melodie spielte. Die Sonne erwärmte ihre Haut und das zänkische Geschrei der Möwen begleiteten Aurelia, Taran und Leon beim Ritt über den weichen Sandstrand.
Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit und Unbeschwertheit erfüllte sie. Gerne hätten sie hier noch ein wenig verweilt, doch Aurelia drängte zum Weiterreiten, um noch vor der Dämmerung einen Unterschlupf zu finden.
Am Ende des langen Sandstrands führte ein schmaler Pfad in einen dicht bewachsenen Wald. Aurelia ritt voraus und sie gerieten immer tiefer in das grüne Dickicht vor. Die Bäume wurden dichter, das Licht schwand, und eine geheimnisvolle Stille legte sich über die Landschaft.
Plötzlich vernahmen sie ein sonderbares Geräusch, ein Klang, den niemand von ihnen je gehört hatte und das sich von allen Geräuschen unterschied, die sie kannten. Ganz anders als der Gesang der Vögel oder das Rauschen der Blätter im Wind, anders als das Brechen von dürren Zweigen und das Ächzen alter Baumriesen im Sturm.
Es war auch nicht das Tosen eines Wildbaches. „Was war das und was hat dieses unheimliche Geräusch zu bedeuten?“, fragten sie sich und tauschten besorgte Blicke aus. Sollten sie sich verstecken?
Knirschende Geräusche und furchterregendes Geschrei kamen immer näher. Taran erschrak und der Schweiß lief Leon über die Schläfen, als sie ein wildes Galoppieren und Wiehern von Pferden vernahmen.
Auch Aurelias Herz raste, doch blieb sie ganz ruhig. Warum hatten sie sich nur darauf eingelassen, dachten Leon und Taran laut. „Wären wir doch in unserem Fischerdorf geblieben, anstatt uns von rätselhaften, düsteren Gestalten durch den Wald hetzen zu lassen.“
Aurelia erhob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Konzentriert euch auf eure Mission und hängt nicht trüben Gedanken nach, die euch nur die Kraft rauben wollen. Das ist genau das, was der Feind bezweckt“, sprach Aurelia ruhig. Ihr Ton war so bestimmt, dass die beiden sofort wieder ihre Fassung gewannen und sich zu Aurelias Verteidigung bereit machten.
Das Unterholz wurde dichter. Sie mussten sich durch ein unübersichtliches Dickicht aus Farnen, Lianen und Kletterpflanzen durchkämpfen. Ein unheimlicher Nebel stieg vom Waldboden auf, es wurde zunehmend feuchter und kühler und die drei Freunde fröstelten.
Je dunkler es wurde, desto unerbittlicher und schneller waren ihnen die Verfolger auf den Fersen. Die drei Freunde wagten einen kurzen Blick zurück: Hinter ihnen jagten auf schwarzen Pferden sechs dunkle Reiter in schwarzer Eisenrüstung mit Schild und Lanze daher. Ihre schwarzen Mäntel aus Rabenfedern flatterten im Wind und ließen die Verfolger noch furchterregender erscheinen. Die drei spürten schon das Schnauben der schwarzen Pferde im Nacken, als Taran plötzlich ein bläuliches Licht erblickte, neben dem sich der Weg gabelte. „Seht doch!“, rief er, „diese schmale Spur!“ Und fast wie von allein schlugen die weißen Pferde den rettenden Weg ein.
Als nun Aurelia und ihre Freunde in der Ferne das leuchtende Pferd erblickten, wussten sie, dass es ihnen den Weg weisen würde. Sie folgten dem Licht Morgensterns, trieben nun ihre müden, aber treuen Schimmel noch schneller an und hatten es zumindest vorläufig geschafft, die Verfolger abzuhängen. Morgenstern führte sie bergab ins Tal, wo sie nun zu einer uralten, fast verfallenen Holzbrücke gelangten.
Leon stieg vom Pferd und prüfte vorsichtig ihre Beständigkeit. Sie fragten sich, ob die Bretter wohl halten würden. Das Holz schien morsch zu sein, aber sie mussten trotzdem versuchen, das andere Ufer zu erreichen. Behutsam lenkten sie ihre Pferde über die Brücke, und obwohl sie darauf achteten, den morschesten Stellen auszuweichen, krachte und knackste es in den Balken ganz furchterregend. Als Taran und Leon endlich schon fast am anderen Ufer in Sicherheit waren, begannen sie wieder zu frösteln.
Und da war auch schon wieder das Donnern von galoppierenden Hufen zu hören. Erschreckt wandten sich Taran und Leon nach Aurelia um und sahen zu ihrem Entsetzen, dass die schwarzen Ritter bereits den Anfang der alten Brücke erreicht hatten, Aurelia dicht auf den Fersen waren und ihr Vorsprung immer kleiner wurde.
Während sie Aurelia anfeuerten, spannten Leon und Taran ihren Bogen und holten Pfeile aus dem Köcher, um Aurelia zu verteidigen. Da stieß auch schon der erste dunkle Ritter auf Aurelia.
Sie schossen ihre Pfeile mit unglaublicher Präzision dicht über ihr Haupt in Richtung Ziel. Aurelia blickte kurz über ihre Schulter und sah mit dem Augenwinkel, dass ein dunkler Ritter schwer verwundet vom Pferd stürzte.
Einer der Verfolger aber war Aurelia schon so dicht auf den Fersen, dass sie seinen fauligen, eiskalten Atem auf ihrem Nacken spüren konnte. Schon zog der dunkle Ritter mit der Linken eine schwarze Lederpeitsche aus der Tasche und ließ sie auf den Rücken von Aurelias Pferd niedersausen, mit der Rechten zückte er ein schwarzes Schwert und richtete es auf sie.
Aurelia aber drehte sich entschlossen um, setzte mutig den Bogen an, ließ den Pfeil losschnellen und traf ihn mitten ins Herz.
Taran und Leon schossen mit unheimlicher Geschwindigkeit einen Pfeil nach dem anderen auf die Verfolger, bis Aurelia die Brücke überquert und wieder festen Boden unter ihren Füßen hatte.
Ihre Freunde setzten die Angriffe auf die Verfolger nun fort, indem sie größere Steinbrocken vom Wegesrand aufhoben und gegen ihre Feinde schleuderten. Der Anführer der dunklen Reiter erkannte die Gefahr, die ihnen drohte, und gab mit der geballten Faust der rechten Hand das Zeichen zum Rückzug.
Zu spät, die Brücke vermochte dem Stampfen der Hufe nicht mehr standzuhalten, das Geräusch von berstenden Balken vermischte sich mit dem Wiehern der angsterfüllten Pferde und den Schreien der dunklen Ritter, bis schließlich die gesamte Brücke und mit ihr die Pferde und die schaurigen Gestalten in die Tiefe stürzten und dort regungslos liegen blieben.
Langsam ließ der Schreck bei den drei Freunden nach, sie stiegen von ihren Pferden und ließen sich kurz auf dem Boden nieder, um einmal tief Atem zu holen und sich etwas auszuruhen. Taran meinte, sie könnten jetzt sicher eine Erfrischung gebrauchen, doch in dem felsigen Gelände war weit und breit keine Quelle in Sicht.
Hungrig, durstig und müde setzten sie ihre Reise auf einem schmalen, felsigen Pfad fort.
Von einem entspannten Reiten konnte keine Rede sein, unter den Hufen lösten sich immer wieder Steine und Felsbrocken und stürzten donnernd in die Tiefe.
Die Sommernacht umhüllte sie bereits mit ihrer geheimnisvollen Dunkelheit, während der perlmuttfarbene Vollmond majestätisch am Himmel thronte. Sein Licht brachte den Pfad silbrig zum Leuchten, unzählige Sterne prangten am Himmel und ließen die Nacht weniger bedrohlich erscheinen.
Vorsichtig tänzelten die Pferde dahin, als Aurelia plötzlich voller Freude das hellblaue Strahlen von Morgenstern erblickte. „Dort, seht ihr auch den leuchtenden Schein?“, wandte sie sich aufgeregt an Taran und Leon, die inzwischen in ehrfürchtiges Schweigen versunken waren, während der Hunger an ihnen nagte.
