Die Kunst des reifen Handelns - Thomas Härry - E-Book

Die Kunst des reifen Handelns E-Book

Thomas Härry

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Beschreibung

Was wir an Menschen bewundern, ist in der Regel nicht ihr Äußeres, und es sind auch nur bedingt ihre Gaben und Fähigkeiten. Tief beeindruckt sind wir, wenn jemand in sich ruht, mit anderen liebevoll und fair umgeht, dennoch klare Vorstellungen und Ziele hat … kurz: von einer gefestigten, reifen Persönlichkeit. Wie man selbst eine solche entwickelt - das zeigt Thomas Härry gewohnt einfühlsam, fundiert und praxisnah. Dabei geht er auch auf Zwickmühlen ein, in die wir immer wieder geraten: Wie können wir Stärke zeigen, aber verletzlich bleiben? Einen Plan verfolgen, aber gleichzeitig flexibel sein? Die weisen Gedanken und Einsichten des Schweizer Bestsellerautors sind unerlässliche Hilfen auf dem Weg zu einer gefestigten Persönlichkeit, die reif handelt.

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Seitenzahl: 323

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THOMAS HÄRRY

DieKUNSTdesreifenHandelns

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22906-6 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26834-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2018 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Strase 41 ・ 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: [email protected]

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Zürcher Bibel 2007, © Genossenschaft Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen

Verlag Zürich.

Weiter wurden verwendet:

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt,

Stuttgart. (EÜ)

Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer

Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (GNB)

Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung,

© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung. Copyright c 2009 Genfer Bibelgesellschaft,

CH-1204 Genf. Wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (NGÜ)

BasisBibel. Das Neue Testament, © 2010 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

(www.basisbibel.de). (BB)

Neues Leben. Die Bibel, c der deutschen Ausgabe 2002 und 2006

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

(NLB)

Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch

Titelbild: freepik.com

Satz: Christoph Möller, Hattingen

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ÜBER DEN AUTOR

THOMAS HÄRRY, Jahrgang 1965, wohnt mit seiner Frau und drei Töchtern nahe dem schweizerischen Aarau. Er arbeitet als Dozent und Referent für Theologie, Gemeindearbeit und Leiterschaft am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Kirche und Soziales) sowie als Autor und geistlicher Begleiter von Führungskräften.

INHALT

Über den Autor

EinleitungEntscheidend ist die Persönlichkeit!

TEIL 1AUF DEM WEG ZUR PERSÖNLICHKEIT

Kapitel 1Wie entsteht Persönlichkeit?

Kapitel 2»Via spiritualis«: aus dem Glauben gestaltete Persönlichkeitsentwicklung

Kapitel 3Von der Aufgabe des Nachreifens

Kapitel 4Die reife Persönlichkeit

Kapitel 5Den Weg der Reife weitergehen

Kapitel 6Vier Navigationshilfen im Alltag

TEIL 2REIF HANDELN IM ALLTAG

Kapitel 7Menschen lieben – Menschen enttäuschen

Kapitel 8Verfügbar sein – sich abgrenzen

Kapitel 9Konflikte vermeiden – Konflikte zulassen

Kapitel 10Unabhängig sein – eingebunden sein

Kapitel 11Stärke zeigen – verletzlich sein

Kapitel 12Probleme lösen – Ungelöstes aushalten

Kapitel 13Sorgfältig planen – flexibel bleiben

Kapitel 14Menschen ermutigen – Menschen konfrontieren

Kapitel 15Das Leben ist voll davon – der Glauben auch: ein Lob dem christlichen Paradox

Kapitel 16Persönlichkeit und reifes Handeln – klappt das wirklich?

Anstelle eines SchlusswortsJulias unmögliche Mitarbeiterin

Dank

Anmerkungen

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EINLEITUNG

Entscheidend ist die Persönlichkeit!

Weshalb faszinieren uns Persönlichkeiten wie Gandhi, Nelson Mandela, Mutter Teresa oder Papst Franziskus? Es ist nicht ihr Aussehen, nicht ihre Bildung oder der Stil ihrer Kleider. Es ist nicht ihr Bankkonto oder ihre Wohnungseinrichtung. Was ist es dann?

Es ist ihre Persönlichkeit. Wer sie sind. Wofür sie stehen. Wie sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen. Wie sie mit Menschen umgehen. Wie sie sich mutig einbringen und ihre Meinung kundtun.

Nun ist es relativ einfach, weltbekannte Helden aus einer historischen oder auch geografischen Distanz heraus zu verehren. Ich frage deshalb persönlicher: Welche Menschen in Ihrem Umfeld (Familie, Arbeitsplatz, Kirche etc.) bewundern Sie? Welche ihrer Eigenschaften schätzen Sie besonders? Was macht diese Personen für Sie attraktiv, vertrauenswürdig? Weshalb sind Sie gern mit ihnen zusammen?

Ich kenne Ihre Antworten nicht, aber ich vermute, dass die Qualitäten, die Sie an diesen Menschen erkennen, kaum mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Wahrscheinlich mögen Sie ihre inneren Werte. Ihre innere Stärke, ihre Ehrlichkeit, ihre Weisheit, ihren Sachverstand und die Art, wie sie anderen begegnen. Kurz gesagt: Sie bewundern diese Menschen, weil sie Persönlichkeiten sind.

Wie werden wir eine Persönlichkeit?

Persönlichkeit – darum geht es in diesem Buch. In Familien, in Arbeitsteams, in Leitungsgremien, in der Politik, in Kirchen und Vereinen brauchen wir nichts so sehr wie Persönlichkeiten. Auch mit möglichst guten fachlichen Kompetenzen, klar. Aber wir hätten gerne Vorgesetzte, Politiker, Lehrpersonen, Partnerinnen und Pastoren, die mehr als exzellent ausgebildet sind. Wir wünschen uns, dass sie verständnisvoll, aber nicht nachgiebig sind. Zielorientiert, aber nicht verbohrt. Empathisch, aber nicht manipulierbar. Kurz: dass sie reif handeln.

Persönlichkeiten. Ich wünsche mir solche Menschen nicht nur in meiner Nähe und in den Teams, mit denen ich arbeite. Ich möchte selber eine Persönlichkeit sein. Ich glaube, dass ich dann ein guter Vater, Ehemann, Freund und Vorgesetzter bin, wenn an mir Eigenschaften wie diejenigen sichtbar werden, die der Apostel Paulus in der Bibel als Frucht des Heiligen Geistes bezeichnet: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung (siehe Galater 5,22-23). Diese Stichworte beschreiben nichts anderes als wünschenswerte Charakterzüge einer Persönlichkeit.

Es gibt viele Momente im Alltag, in denen es bei mir anders aussieht. Zeiten, in denen ich grummelig und ungeduldig bin – auch mit Menschen, die mir lieb sind wie mein eigenes Leben. Es gibt Momente, in denen ich in Diskussionen das letzte Wort haben muss. In denen ich meine, andere müssten die Dinge so sehen wie ich.

Dann wieder geschieht das Gegenteil: Um des »lieben Friedens« willen gebe ich nach und passe mich den Vorstellungen anderer an. Übernehme ihre Meinungen – zumindest nach außen. Es gibt Tage, an denen ich mich zu sehr damit beschäftige, was andere über mich denken. In denen mich Kritik stärker bewegt, als sie sollte. Es passiert, dass ich ignoriere, worauf mich Menschen hinweisen möchten. Dass ich mein eigenes Ding im Kopf habe, weder nach links noch nach rechts schaue und mein Ziel möglichst rasch erreicht haben will.

Persönlichkeit als Nährboden für reifes Handeln

Aus diesem Grund möchte ich den Weg weitergehen und eine reife Persönlichkeit entwickeln. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin kein Vollkommenheitsfanatiker. Ich halte nichts vom Versuch, sich andauernd selbst zu bespiegeln, zu bewerten und krampfhaft verändern zu wollen. Ich glaube aber an den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und reifem Handeln. Ich glaube, dass sich unser Sein unmittelbar auf unser Tun auswirkt. Ich sehe den Beweis dafür immer wieder: bei mir selbst, bei den Menschen, die ich ausbilde, leite und begleite. Reifes Handeln im Beruf, in der Partnerschaft und in der Familie, aber auch in öffentlichen Funktionen ist die Frucht einer reifen Persönlichkeit. Deshalb interessiert mich die Frage, wie wir solche Persönlichkeiten werden können. Nicht um unserer selbst willen, sondern um der Menschen willen, die mit uns zusammenleben, mit uns zusammenarbeiten. Die wir führen. Die uns führen.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Persönlichkeit und reifem Handeln ist ein weites Feld. Dieses Buch kann nicht alles ausführen, was man dazu sagen könnte und müsste. Dennoch möchte ich ein paar Denkanstöße geben. Einige Perspektiven zeigen, die mir und Ihnen helfen, als Mensch und Christin oder Christ in der Kunst des reifen Handelns zu wachsen. Ich werde dabei an dem Ort beginnen, wo sich alles entscheidet: bei der Persönlichkeit. Bei der Frage, was sie formt und was sie reifen lässt. Von hier aus können wir das Zweite wagen: zeigen, wie reifes Handeln aussieht und wie man es erlernen kann.

Doch aufgepasst: Eine Persönlichkeit sein heißt nicht, keine Macken zu haben, keine Grenzen, Unvollkommenheiten oder Einseitigkeiten. Persönlichkeiten sind keine glatt polierten Wesen, sondern ganz normale Menschen mit ganz normalen Stärken und Schwächen. Was sie ausmacht, ist nicht, dass sie perfekt sind und alles im Griff haben. An einer Stelle aber schauen sie gut hin und stellen sich dem Ruf zur Veränderung: dort, wo sich problematische Wesenszüge und Verhaltensweisen zeigen. Lange Schatten. Muster, mit denen sie anderen, sich selbst und ihren Aufgaben schaden.

Unreife als Gefährdung

Jeder hat bestimmte Bereiche, in denen er sich unreif verhält. Doch es gibt eine besonders markante Form der Unreife, die sogenannte Dysfunktionalität. Sie ist eine echte Persönlichkeitsbremse. Die Tatsache, dass Familien, Kirchen, Organisationen und Vereine unter dem Verhalten dysfunktionaler Menschen leiden, beschäftigt mich seit vielen Jahren. Manche dieser Menschen haben wichtige Funktionen inne, tragen Führungsverantwortung. Um sie herum zerbrechen Familien. Teams, Gruppen, Kirchen und Organisationen kommen ins Schlittern, geraten in einen Strudel von Konflikten, Fehlentscheidungen und Misswirtschaft.

Dysfunktionale Menschen erkennt man an der Wirkung, die sie auf ihr Umfeld haben: Um sie herum entsteht ein Klima der Verunsicherung, des Misstrauens, der Gerüchte, der Entfremdung. Eine auffallende Häufung von Missverständnissen. Eine Spirale negativer Gedanken, Gefühle und Worte. Offene und versteckte Machtspiele. Probleme, die aufgebauscht oder verdrängt werden. Dringend nötige Veränderungen, die blockiert und sabotiert werden. Ein Grundton der Aggressivität und zugleich der Resignation, der sich breitmacht. Wer immer kann, verlässt das sinkende Schiff, während sich andere umso ergebener um diejenigen scharen, von denen die Probleme ausgehen.

Damit dysfunktionale Menschen nicht das letzte Worte behalten, braucht es Persönlichkeiten, die wissen, wie man auf sie reagiert. Wie man ihnen gegenüber Grenzen setzt. Wie man sich und andere vor ihrem problematischen Einfluss schützt. Auch deshalb ist dieses Thema so wichtig: Reif handelnde Persönlichkeiten können mithelfen, ein verseuchtes Klima zu entgiften.

Weshalb Persönlichkeit an erster Stelle steht

Gutes, wirksames Handeln als Eltern, Freunde, Arbeitskollegen und Führungskräfte ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Zu den drei wesentlichen gehören erstens die gegebenen Umstände, zweitens die Kompetenzen der Person im jeweiligen Bereich und drittens ihre Persönlichkeit. Manchmal sind auf allen drei Ebenen beste Voraussetzungen gegeben. Das ist der glückliche Idealfall, der uns in unseren Tätigkeiten und Beziehungen aufblühen lässt. Doch das ist, ehrlich gesagt, selten. Manchmal sind die Umstände alles andere als optimal. Solange aber die anderen beiden Faktoren (Kompetenz und Persönlichkeit) positiv sind, ist dennoch Großartiges möglich. Manchmal steht zu Beginn sogar nur das eine klar erkennbar im Raum: die Persönlichkeit.

Ein gutes Beispiel dafür ist Abraham Lincoln (1809-1865). Seine Präsidentschaft in den USA dauerte ganze vier Jahre und wurde durch seine Ermordung beendet. Dennoch gehört sie zu den prägendsten in der Geschichte der USA. Lincoln beendete den in seiner Amtszeit entbrannten Bürgerkrieg und führte die Wiedervereinigung der Süd- und Nordstaaten herbei. Er setzte die Abschaffung der Sklaverei durch und schuf die Grundlage dafür, dass die USA im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Industriemacht der Welt werden konnten. Die Voraussetzung zu diesen geschichtlich weitreichenden Errungenschaften waren alles andere als ideal. Lincoln stammte aus einer armen Familie und besaß nur eine dürftige Schulbildung. Viel mehr als die einfachen Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen wurde ihm in seiner Schulzeit (die vermutlich höchstens vier bis fünf Jahre gedauert hatte) nicht mitgegeben. Den Rest hat er sich selbst beigebracht, vor allem durch Lesen.

Was machte Lincoln zum vielleicht beliebtesten Präsident der USA? Seine Persönlichkeit. Seine Gabe, in einem erbitterten Bürgerkrieg unablässig für Versöhnung und Einheit zu werben. Seine Fähigkeit, zwischen einem Ende des Krieges und dem Ende der Sklaverei in den Südstaaten differenziert abzuwägen, agil zu denken und zu handeln. Sein Mut, sich in der Regierungsarbeit mit Menschen zu umgeben, die einmal seine Gegner gewesen waren und vieles anders beurteilten als er selbst. Seine Lernbereitschaft im Blick auf ihm fehlende Kompetenzen, im Bürgerkrieg etwa in militärischen Fragen. Seine Sorgfalt im Vorbereiten seiner Reden, die voller kluger Argumente und Überzeugungskraft waren – alles andere als schnell dahingesagte Oberflächlichkeiten mit kurzer Gültigkeitsdauer. Sein Glaube. Seine Integrität. Es war die Persönlichkeit dieses Mannes, es waren nicht die Umstände, die ihn umgaben, und auch keine von Anfang an vorhandene Kompetenz.1

Ein zweites Beispiel beeindruckt mich in diesem Zusammenhang. Es ist das von Alice, einer entfernten Verwandten. Ihr Mann Peter führte eine erfolgreiche Schreinerei, die er selber aufgebaut hatte, mit einem Dutzend Mitarbeitern. Gemeinsam hatten sie zwei kleine Kinder. Mitte dreißig kam Peter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Nach diesem tragischen Ereignis stand Alice vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens: Sollte sie die Schreinerei auflösen und die Angestellten entlassen oder den Betrieb weiterführen, auch wenn sie weder von der Geschäftsführung noch vom Schreinern viel verstand? Sie entschied sich fürs Weitermachen, auch wegen Marcel, ihrem Ältesten, der schon als Kind Interesse am Betrieb des Vaters zeigte.

Alice führte die Firma also weiter. Die Voraussetzungen waren alles andere als ideal. Alice, vom Schicksal schwer getroffen, alleine mit einem Unternehmen und zwei kleinen Kindern. Dann ihre begrenzten Kenntnisse, was die Führung einer Schreinerei betraf. Doch sie wagte es, getragen und motiviert von ihrem christlichen Glauben. Das Geschäft blieb erfolgreich und expandierte in den Folgejahren. Weshalb? Unter anderem deshalb, weil Alice eine starke Frau war. Eine Persönlichkeit. Sie bat ihre Angestellten um Mithilfe. Ohne deren Know-how ging es nicht. Sie übertrug ihrem Vorarbeiter ein ungewohnt hohes Maß an Entscheidungskompetenz, um die fachliche Qualität des Betriebs zu sichern. Sie bildete sich im betriebswirtschaftlichen Bereich weiter. Obwohl gegenüber ihren Angestellten viel Loslassen und Vertrauen gefordert war, weil diese das Handwerk verstanden, behielt sie die Kernaufgaben der Führung fest in den Händen. Es funktionierte. Als zehn Jahre später ihr Sohn, der das Geschäft übernehmen sollte, schwer erkrankte und ein Jahr später starb, wurde Alices Welt noch einmal brutal erschüttert. Und wieder entschied sie sich, das Geschäft weiterzuführen. Es blieb bis zu ihrer Pensionierung ein vitaler Betrieb, der in der Region für Qualitätsarbeit bekannt war.

Alice ist für mich ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass am Ende die Persönlichkeit eines Menschen mehr zählt als ideale Umstände. Mehr sogar als die eigene Kompetenz.

Umgekehrt sieht es anders aus: Wenn eine Person ideale Umstände vorfindet und in fachlicher Hinsicht top vorbereitet und kompetent ist, es aber an einer gewissen Persönlichkeitsreife vermissen lässt, ist die Krise sehr viel wahrscheinlicher.

Ich denke an einen Schulleiter, der neu zu einer gut aufgestellten Schule kam. Die Lehrteams arbeiteten optimal zusammen, viele waren schon seit Jahrzehnten dort. Er selbst konnte ausgezeichnete Zeugnisse vorweisen. Auffallend war nur, dass er nie länger als zwei Jahre an einer Stelle gearbeitete hatte. Aber davon abgesehen sah alles bestens aus. Ein Jahr später herrschte Krisenstimmung. Der neue Schulleiter säte durch sein Verhalten Misstrauen unter den Lehrpersonen. Er fühlte sich rasch angegriffen, schrieb beleidigte und beleidigende E-Mails. Traf willkürliche Entscheidungen. Nach vergeblichen Interventionsversuchen traten vier von sechs Personen aus der örtlichen Schulbehörde zurück. Schließlich verloren einige Lehrkräfte die Geduld und kündigten ebenfalls. Erst als Eltern aktiv wurden, entließ der Kreisschulrat den Schulleiter, und es kehrte langsam Ruhe ein.

Beste Umstände, ausreichende Fachkompetenz, aber eine unreife, zur Dysfunktionalität neigende Persönlichkeit – weshalb kann das nicht funktionieren? Weil es ohne Persönlichkeit kein reifes Handeln gibt. Ich will nicht sagen, dass so jemand nichts zustande bringt und es wie in diesem Beispiel früh eskalieren muss. Aber es wird neben durchaus guten Ergebnissen ein insgesamt hohes Maß an problematischen Nebengeräuschen geben. Sobald sie das Gute übertönen, ist am Ende mehr verloren als gewonnen.

Zu diesem Buch

In diesem Buch geht es also darum, den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und reifem Handeln darzustellen. Der Nährboden eines reifen Handelns in unseren Familien, am Arbeitsplatz oder in Kirchen heißt Persönlichkeit. Sie ist essenziell.

Im ersten Teil dieses Buches zeige ich, was eine Persönlichkeit ausmacht. Was sie fördert und festigt. Über welche Merkmale sie verfügt. Meine Ausführungen dazu sind vom christlichen Glauben geprägt. In meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung spielt er eine entscheidende Rolle. Das kommt auch in diesem Buch zum Ausdruck. Den Weg der Persönlichkeitsreifung, der sich aus den Quellen des Glaubens speist, nenne ich »via spiritualis«. Frei übersetzt heißt das: Wir gehen den Weg zur Reife an der Hand Gottes. Wir gestalten ihn aus den Ressourcen des Glaubens.

Im zweiten Teil beschreibe ich einige Praxisfelder reifen Handelns. Es gibt keine Trickkiste dafür – keine für alle Situationen und Umstände geltende fixe Bedienungsanleitung, dank der wir automatisch alles richtig machen. Reifes Handeln ist abwägendes Handeln. Es bewegt sich oft zwischen Polen, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, und sucht für die aktuelle Situation den richtigen Akzent. Manchmal kann es bedeuten, die Erwartungen eines Mitmenschen bewusst zu enttäuschen. Dann wieder ist es richtig, Erwartungen zu entsprechen. In einem Fall kann es heißen, dass ich unbeirrbar an gewissen Werten und Überzeugungen festhalte. Einen Tag später kann in einer anderen Situation das Gegenteil von mir gefordert sein – dass ich mich beeinflussen lasse und meinen eigenen Standpunkt freigebe. An einer Stelle muss ich einen Konflikt so entschlossen angehen wie der Feuerwehrmann einen Hausbrand. An anderer muss ich einen Konflikt bewusst zulassen, weil erst dann gewisse unter der Oberfläche schwelende Schwierigkeiten zutage treten.

Ein theologisches Schlusskapitel rundet das Buch ab. Es bietet eine kurze Skizze zum Menschenbild der Bibel und versucht die Frage zu beantworten, inwiefern es dem Menschen aus theologischer Sicht überhaupt möglich ist, etwas zur Entwicklung seiner Persönlichkeit beizutragen. Diese Reflexion ist wichtig, um zwei Extreme zu vermeiden: erstens die Einbildung, wer immer es wolle, könne sich beliebig verändern und verbessern – als sei alles nur eine Frage des Wollens und der Disziplin. Das andere Extrem behauptet das Gegenteil, nämlich dass ein erwachsener Mensch nicht mehr aus seiner Haut könne. Was der Mensch mit 25 ist, das bleibe er mehr oder weniger für den Rest seines Lebens. Wenn es Christen sind, die auf dieser Seite stehen, lautet das Argument etwas anders, nämlich: »Menschliches Bemühen um Reife ist Selbstüberschätzung und deshalb vergeblich. Nur Gott kann sie bewirken, ohne Zutun des Menschen.« Dieses Schlusskapitel zeigt, dass aus biblisch-theologischer Sicht sowohl dem ersten wie auch dem zweiten Extrem widersprochen werden muss. Nicht für alle Leserinnen und Leser ist diese Auseinandersetzung im gleichen Maß relevant, deshalb erfolgt sie am Ende des Buches. Wer immer aber den Ausgleich sucht zwischen Passivität und Selbstoptimierungswahn, der findet hier Orientierung.

Sie sehen: Reifes Handeln ist komplex. Es erfordert Weisheit, Besonnenheit, kluge Einschätzung. Persönlichkeit eben.

Auch hier erweist sich der christliche Glaube als großartige Ressource. Gott ist nicht nur ein Spezialist darin, aus Menschen wie Ihnen und mir Persönlichkeiten zu machen. Er ist auch die beste Adresse, wenn wir in einem bestimmten Praxisfeld abwägen müssen, wie reifes Handeln in diesem konkreten Fall aussehen könnte. Ob wir gegenüber unserem Teenager nachgeben oder konsequent bleiben sollen. Ob wir an einem Jahresziel beharrlich festhalten oder flexibel auf bestimmte Umstände reagieren und neue Prioritäten setzen sollen. Ob es gut ist, für eine nach Hilfe rufende Mitarbeiterin sofort alles stehen und liegen zu lassen, oder ob es weiser ist, uns abzugrenzen, weil es darum geht, dass sie Wichtiges lernt.

Es geht nicht um Perfektion

Bevor es losgeht, will ich noch einmal betonen: Reifes Handeln bedeutet nicht, alles in den Griff zu bekommen. Keine Fehler mehr zu machen. Keine Schwächen zu haben, keine Einseitigkeiten und keinem Fehlurteil zu unterliegen. Sich solchen Ansprüchen verpflichtet zu fühlen, muss unglaublich anstrengend sein. Und freudlos. Einem solchen Leben wird fortlaufend alle Leichtigkeit, alles Experimentelle, alle Freiheit und alle Gnade entzogen. Ich muss es ja richtig machen! Richtig richtig! Ich bekomme Schweißperlen auf der Stirn, wenn ich mir vorstelle, so leben zu müssen …

Mir geht es um einen Weg des Lernens. Einer, der eingebettet ist in meine Beziehung mit Gott. Auch dort gilt ja, dass wir nicht eines Tages alles im Griff haben und mit einem Heiligenschein herumlaufen. Dennoch gehen wir unseren Weg an seiner Hand, lernen, wachsen und bleiben nicht stehen. Jeden Tag neu. Leben mit Gott, aus Gott, für Gott. Für die Menschen. Für die Welt.

Wer immer diesen Wunsch teilt, den lade ich herzlich ein, mit mir die Wachstumspfade zum reifen Handeln zu entdecken und sich anzueignen.

Thomas Härry, im Spätsommer 2017

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TEIL 1

AUF DEM WEG ZUR PERSÖNLICHKEIT

Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten. Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen, denn ihm ist alles entbehrlich außer die Persönlichkeit.

Johann Wolfgang von Goethe

Wir müssen lernen – und das ist das große Gebot der Zeit –, lernen, wieder Persönlichkeit zu werden. Das lernt man im Verkehr mit der Welt, aber noch besser im Verkehr mit sich selbst.

Peter Rosegger

Im ersten Teil dieses Buches steht unser Reifen zur Persönlichkeit im Zentrum. Es geht mir dabei um die Frage, was diesen Prozess ausmacht, was ihn fördert oder hindert. Darum, wie Reife aussieht und woran man sie erkennt. Wie es sich auf der anderen Seite auswirkt, wenn wir in unreifen Verhaltensmustern verharren. Ich bette meine Überlegungen in den christlichen Glauben ein und zeige, welche Rolle er bei der Entwicklung unserer Persönlichkeit spielen kann.

Bevor wir beginnen, ist eine grundsätzliche Klärung nötig: Was genau meine ich überhaupt, wenn ich von »Persönlichkeit« spreche? Der Begriff wird nämlich sehr unterschiedlich gefüllt und verstanden.2 Hier also meine Definition:

Eine »Persönlichkeit« ist ein innerlich gefestigter, gesund entwickelter und reifer Mensch, der sich verantwortungsvoll dem Leben und seinen Aufgaben stellt. Er ist fähig, die Beziehung zu Gott, zur Welt, zu sich selbst und anderen Menschen auf förderliche Weise zu gestalten. Er leistet seinen Beitrag in Familie, Beruf, Gesellschaft und dem Reich Gottes.

Der Psychoanalytiker Erik Erikson sprach von der »gesunden Persönlichkeit«. Sie meistert aktiv ihre Umwelt, zeigt eine gewisse Einheitlichkeit und ist fähig, sich selbst und die Welt richtig zu erkennen.3 Damit ist nicht gesagt, dass nur solche Menschen Persönlichkeiten sein können, die im Sinne unserer Leistungsgesellschaft voll einsatzfähig sind. Den ihm von Gott zugewiesenen Beitrag leisten kann auch ein behinderter, ein kranker, ein alter Mensch.

Es geht in diesem Buch also nicht um unterschiedliche Persönlichkeitstypen, wie sie anhand von zahlreich existierenden Tests ermittelt werden können. Solche Persönlichkeitstypologien sind ein Versuch, Personen mit ähnlichen Verhaltensweisen und Eigenschaften einem bestimmten Typ zuzuordnen. Es geht dabei um bestimmte Kennzeichen im Blick auf das menschliche Verhalten in Beziehungen, um die Art und Weise, wie jemand seine Aufgaben anpackt und bewältigt, wie er denkt, fühlt usw.

Im vorliegenden Buch verwende ich den Begriff »Persönlichkeit« anders. Es geht mir nicht um die Eigenschaften bestimmter Persönlichkeitstypen, sondern um Merkmale und Verhaltensweisen eines gereiften Menschen, egal welchen Typs. Natürlich kann man die Typenfrage nicht ganz davon lösen. Für mich stehen allerdings diejenigen Qualitäten einer Persönlichkeit im Zentrum, die typenunabhängig sind. Reifemerkmale, die uns allen gleichermaßen gelten.

Der Begriff »Persönlichkeit« bezieht sich in diesem Buch auch weniger auf den Einfluss, den ein bestimmter Kulturkreis auf die Entwicklung eines Menschen hat. Das wären Prägungen, die einen in Ostafrika geborenen und nach dortigen Werten erzogenen Menschen von einem Westeuropäer oder Chinesen unterscheiden. Sie spielen für unser Werden eine große Rolle und sind prägender, als es uns oft bewusst ist. Die Reifemerkmale, um die es mir geht, sind unserer jeweiligen kulturellen Prägung jedoch übergeordnet. Es geht mir um die Frage, was einen Menschen zu einem verantwortungsvollen Gegenüber macht, egal aus welchem Kulturkreis er stammt, wie gebildet er ist oder aus welcher sozialen Schicht er kommt.

Ein letzter Hinweis betrifft die Frage, welche Rolle Widerstände auf unsere Persönlichkeitsentwicklung haben. Manche sind überzeugt, dass Krisen den Menschen stärken. Dass Persönlichkeit ohne ein gesundes Maß an Druck und Herausforderung nicht denkbar ist. Ich stimme zu. Dennoch geht es mir in diesem Buch nicht im Speziellen um dieses Thema. Das hat auch damit zu tun, dass es an dieser Stelle keine Garantie, kein Naturgesetz gibt. Schwierigkeiten, Gegenwind und Herausforderungen können eine Persönlichkeit positiv prägen, sie widerstandsfähig und stark machen. Zwingend ist das allerdings nicht. Es sind nicht die Widerstände, die eine Persönlichkeit hervorbringen, den Charakter veredeln, reifen lassen, Resilienz4 bewirken. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie ein Mensch darauf reagiert, die ihn reifen lässt oder die ein Ausdruck schon vorhandener Reife ist. Manch einer wird durch erfahrene Widerwärtigkeiten kein besserer, sondern ein schlechterer Mensch. Er wird verbittert, vielleicht zynisch oder rücksichtslos. Andere versinken in Selbstmitleid und Hoffnungslosigkeit. Dort aber, wo ein Mensch lernt, dem Schwierigen in rechter Weise zu begegnen, können selbst leidvolle Erfahrungen dazu führen, dass er fester, mutiger – eben reifer wird.

Werfen wir einen Blick auf das, was Sie im ersten Teil dieses Buches erwartet:

Im ersten Kapitel geht es um die Frage, was Menschen zu Persönlichkeiten macht und welche zwei zentralen Eigenschaften sie besitzen. Im zweiten Kapitel fragen wir, wie der christliche Glauben unsere Persönlichkeitsentwicklung fördern und unterstützen kann. Im dritten Kapitel setzen wir uns mit der Tatsache auseinander, dass es im Leben jedes Menschen unreife Verhaltensmuster gibt, die ihn hindern, als Persönlichkeit zu handeln. Wir sind eingeladen, diese abzulegen und nachzureifen. Im vierten Kapitel werden einige charakteristische Kennzeichen einer gereiften Persönlichkeit vorgestellt. Das fünfte Kapitel vertieft das bisher Gesagte und zeigt anhand eines biblischen Beispiels, wie wir den Weg der Reife Schritt für Schritt weitergehen können. Im sechsten Kapitel stelle ich Ihnen einige praktische Orientierungshilfen vor, die Ihnen im Alltag helfen sollen, sich an reifen Verhaltensweisen zu orientieren. Je öfter wir das tun, umso deutlicher erweisen wir uns als gereifte Persönlichkeiten.

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KAPITEL 1

Wie entsteht Persönlichkeit?

Vor einigen Jahren besichtigten meine Frau und ich zusammen mit Freunden die Überbleibsel der »Comthurey«, eines ehemaligen Gutshofs aus der Zeit des Nationalsozialismus nahe dem mecklenburgischen Fürstenberg. Hier betrieben einige Gefolgsmänner Heinrich Himmlers ein »Versuchsgut zu Ernährung und Verpflegung«, u.a. mit Heilpflanzen zur Herstellung von Medizinprodukten für die Soldaten der Wehrmacht. Gerade hatten wir die unglaubliche Geschichte einer Frau gelesen, die auf diesem Gut aufgewachsen war.5

Während wir nach Spuren der Vergangenheit suchend über das Gelände streiften, fiel mein Blick auf eine Reihe auffallend üppiger Tomatenpflanzen. Sie wuchsen in Töpfen an der Sonnenseite eines Hauses, das hier nach dem Krieg auf den Ruinen wiederaufgebaut worden war. Die Pflanzen waren dicht behangen mit großen, herrlichen Früchten. Da ich selber seit Jahren Tomaten in Töpfen ziehe, konnte ich nicht anders, als mir die Sache genauer anzusehen. Die Verbrechen der Nazizeit traten für einen Moment in den Hintergrund, als ich mit staunenden Augen diese Prachtexemplare von Tomatenstauden bewunderte. Im Garten erspähte ich eine vor sich hin werkelnde, ältere Frau. Ich sprach sie auf ihre tollen Früchte an und fragte: »Wie machen Sie das bloß, dass Ihre Pflanzen in diesen Töpfen so ausgezeichnet gedeihen?«

Mein Kompliment tat die erwünschte Wirkung: Langsam kam sie zum Gartenzaun. Sie musterte mich für einen Moment, als müsste sie überlegen, ob sie mir ihr Gartengeheimnis tatsächlich anvertrauen wollte.

»Wissen Sie«, fuhr ich fort, »ich bin Schweizer und gerade in dieser Gegend im Urlaub. Aber ich habe noch nie solch schöne Topftomaten gesehen! Meine eigenen zu Hause sehen nie so aus wie Ihre.«

Sichtlich geschmeichelt trat die Frau nahe an mich heran, schaute mich vielsagend an und flüsterte dann leise, als sollte es sonst keiner hören: »Wissen Sie, es gibt da einen Trick.« Sie machte eine längere Pause, als wollte sie mich zappeln lassen. Schließlich: »Mein Mann holt mir jeden Frühling aus dem nahen See Fische. Ich lege in jeden Topf einen von ihnen hinein. Dann pflanze ich darüber den Setzling. So habe ich das mal im Radio gehört. Seither mache ich das – und es funktioniert!«

Ich blieb skeptisch: »Und Sie geben keinen Dünger dazu?«

»Kein Dünger! Der Fisch ist der Dünger!«

Fisch im Tomatentopf? Ich traute meinen Ohren nicht. Dennoch bedankte ich mich höflich und verabschiedete mich mit einem letzten Lob für ihren schönen Garten.

Kriegsgeschichten hin oder her: Die Tomatenfische ließen mich nicht mehr los. Im Jahr darauf versuchte ich mit allen Mitteln, an Fische heranzukommen. Einige Wochen später hatte ich zwei Säcke in meiner Kühltruhe und wartete ungeduldig auf die Pflanzzeit. Es fühlte sich an wie ein geheimes Ritual, als ich die Fische unten in den Topf legte, Erde darüberschüttete und die kleinen Tomatensetzlinge einpflanzte. Ich war noch immer skeptisch. Tomaten auf Fisch? Passte das zusammen oder war es nicht doch eher eine Sache, die eine besondere Form des Glaubens erforderte? Meine Familie witzelte liebevoll über meine neue Tomatentechnik und debattierte am Tisch ernsthaft die Frage, ob auf Fischen gezogene Tomaten als vegetarisch bezeichnet werden dürfen …

In den ersten Wochen bemerkte ich keinen Unterschied. Dann auf einmal, wie auf Kommando, wuchsen die Pflanzen auffallend gut und bildeten starke Triebe. Bildete ich es mir nur ein oder hatten die Wurzeln gerade den Fisch erreicht und sogen sich mit der neuen Nahrung voll? Es vergingen wieder ein paar Wochen und schließlich war ich überzeugt: Tomaten lieben Fisch! Sie hätten sie sehen sollen, meine stolzen, üppigen, kräftigen Tomaten! Es war ein Fest, sie zu ernten. Gerne hätte ich sie der alten Frau von der Comthurey gezeigt; ihr für den Gartentipp des Jahres gedankt. Meine Familie roch manchmal an den Früchten und meinte augenzwinkernd, ein Hauch von Fischgeruch ließe sich nicht verleugnen …

Neben dieser neuen Erkenntnis zur Kunst der Tomatenzucht lehrt mich diese Geschichte auch noch etwas anderes: Der richtige Nährboden ist entscheidend, wenn Gutes wachsen soll! Die Qualität der Früchte ist ganz anders, wenn der Nährboden stimmt. Das gilt nicht nur für Tomaten, sondern auch für unser Leben.

Was der Fisch für meine Tomaten ist, das ist unsere Persönlichkeit im Blick auf unser Handeln. Reifes Handeln gedeiht auf dem Nährboden der Persönlichkeit. Damit meine ich nicht nur unsere angeborenen Charakterzüge, unseren Typ, unser Temperament. Im Unterschied zu diesen individuellen Eigenschaften weist das Wort »Persönlichkeit« auf die innere Qualität meines Seins. Diese ist unabhängig vom jeweiligen Persönlichkeitstyp. Sie prägt mich von innen her und macht mich aus. Die mit ihr einhergehenden Eigenschaften weisen mich als reifen Menschen aus. Sie durchdringen mein Denken, Fühlen und Handeln und lenken es in die richtige Richtung.

Die Rolle unserer Entwicklung als Kinder und Jugendliche

Was macht uns zu einer Persönlichkeit? Einige wichtige Perspektiven verdanken wir der Entwicklungspsychologie. Sie bemüht sich in besonderer Weise darum, den menschlichen Entwicklungsprozess vom Kleinkind bis zum mündigen, reifen Menschen zu beschreiben. Dabei fanden einige Modelle besonders breite Zustimmung, etwa diejenigen von Jean Piaget (1896-1980), Erik H. Erikson (1902-1994) und Lawrence Kohlberg (1927-1987). In den Stufenmodellen werden verschiedene aufeinander aufbauende Phasen definiert. Viele neuere Forschungen auf dem Gebiet der Persönlichkeitsentwicklung bauen auf diesen Erkenntnissen auf. Ganz allgemein gesagt stimmen alle ernsthaften Untersuchungen darin überein, dass die Ausformung einer reifen Erwachsenenpersönlichkeit nicht von der Kindheit loszulösen ist. Wer wir heute sind, hat wesentlich mit der Frage zu tun, wie unsere Kindheit ausgesehen hat. Wie fördernd und richtunggebend zum Beispiel die Umstände und Bezugspersonen waren, mit denen wir die ersten Jahre unseres Lebens verbrachten. Einfach ausgedrückt: Das Sein und Handeln eines Menschen ist immer auch der verlängerte Arm seiner Kinderstube, der in seine gegenwärtige Wirklichkeit hineinreicht.

Das Verhältnis von Glaubens- und Lebensreife

Andere Forscher interessierten sich zusätzlich für die Glaubensentwicklung des Menschen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie sich die allgemeine psychisch-physische Entwicklung zur religiösen Entwicklung eines Menschen verhält. Wichtige Beiträge dazu lieferten u.a. Fritz Oser (geboren 1937), Romano Guardini (1885-1968) und James W. Fowler (1940-2015). Auch sie legten Stufenmodelle vor, die viel Anklang fanden und zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen wurden. Wenn man die Modelle vergleicht, welche die Rolle des Glaubens in den Blick nehmen, wird klar: Die Entwicklung eines gesunden, tragfähigen Glaubens lässt sich nicht von der allgemeinen physischen und vor allem psychischen Entwicklung abkoppeln. Ein gesundes Glaubenswachstum ist ohne eine gute Gesamtentwicklung der menschlichen Seele nicht zu haben. Beide Seiten bedingen einander, wobei die Lebensreife vorgeordnet ist. Das heißt: Es gibt ungläubige Menschen, die sehr reif handeln können. Glaubensreife ohne Lebensreife aber scheint ausgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass der Glaube nicht fördernd auf die Lebensreife einwirkt, im Gegenteil. Die Glaubensreife kann sich aber nicht losgelöst davon entwickeln. Das hat auch damit zu tun, dass der christliche Glaube keine vom normalen Leben abgekoppelte Sache ist. Er spielt sich nicht in weltfremden Sphären ab, die mit dieser Welt und unseren natürlichen Gegebenheiten nichts zu tun haben. Christlicher Glaube rechnet mit der Gegenwart und dem Wirken Gottes im Hier und Jetzt. Nicht darüber, nicht daneben, sondern mittendrin. In unserem Leben und unserem Alltag. Er steht deshalb in enger Verzahnung mit unserer normalen menschlichen Entwicklung. Wer also meint, der Besuch einer bestimmten Veranstaltung, mehr beten, kirchliches Engagement etc. führen ihn zur Reife oder sei ein Ausdruck davon, der irrt sich. Erst wenn Ausdrucksformen des Glaubens zu neuen, guten Lebensgewohnheiten führen, können wir von Reife sprechen. Dann also, wenn ich meine Frau weniger kränke, meinem Nachbarn freundlicher und hilfsbereiter begegne, meine Kritiksucht abnimmt, mir das Wohl meiner Mitarbeitenden wichtiger wird und ich aufhöre, Dinge aus der Firma mitgehen zu lassen – und dies alles aufgrund meines christlichen Glaubens –, dann erst geschieht, worauf mein Glaube zielt. Eine sogenannte »Glaubensreife« ohne solche Auswirkungen ist eigentlich keine.

Wenn ein Mensch sich für Gott öffnet und ihm zu vertrauen beginnt, dann ist das keine rein religiöse oder mystische Angelegenheit. Echter Glaube meint das ganze Leben. Wenn Gott einen Menschen an der Hand nimmt, dann führt er ihn zu einer ganzheitlichen Reife. Einer Reife, welche Denken, Handeln, Fühlen, Glauben und Leben umfasst. Oder anders gesagt: Wer nur fromm wird, aber in unreifen Mustern stecken bleibt, leidet an einer Missbildung seines Glaubens. Im Folgenden werde ich die allgemeinen Kennzeichen einer ganzheitlichen Reife stärker betonen als bestimmte, davon isolierte Merkmale einer glaubenden Person. Denn das Gesamtbild macht die Persönlichkeit aus, nicht alleine die Tatsache, dass ein Mensch bestimmte Glaubensüberzeugungen hat.

Kennzeichen einer Persönlichkeit

Fragen wir konkreter: Woran erkennt man eine reife Persönlichkeit? Was zeichnet sie aus? Welche Eigenschaften besitzt sie, die wiederum einen guten Nährboden für reifes Handeln bilden? Was ist vergleichbar mit dem Fisch, der meine Tomaten auf so erstaunliche Art und Weise gedeihen ließ?

Beschäftigt man sich mit den oben genannten Untersuchungen zur allgemeinen menschlichen und zur Glaubensentwicklung, zeigen sich bestimmte Merkmale. Bei allen Unterschieden zwischen einzelnen Modellen gibt es eine Art Konsens. Ein Beispiel dafür gibt uns eine Studie des deutschen Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB). Sie benennt (neben anderen Fähigkeiten) einige Reifemerkmale, die junge Erwachsene als Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildungs- und Berufspraxis mitbringen sollten:

Zuverlässigkeit, die Bereitschaft zu lernen, die Bereitschaft, Leistung zu zeigen, Verantwortungsbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Beherrschung der Grundrechenarten, einfaches Kopfrechnen, Sorgfalt, Rücksichtnahme, Höflichkeit, Toleranz, die Fähigkeit zur Selbstkritik, Konfliktfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und zu guter Letzt die Bereitschaft, sich in die betriebliche Hierarchie einzuordnen.6

Was hier im Blick auf Jugendliche und junge Erwachsene an Reifemerkmalen definiert wird, lässt sich praktisch eins zu eins auf Erwachsene übertragen.

Der Vergleich mit biblischen Aussagen bestätigt das hier skizzierte Bild. Die in Galater 5,22-23 erwähnten Eigenschaften, von Paulus als »Frucht des Geistes« bezeichnet, habe ich bereits in der Einleitung dieses Buches erwähnt. Das Neue Testament wiederholt und ergänzt das dort Gesagte unermüdlich. Zwar verwendet die Bibel eigene Ausdrücke, in der Sache aber weist sie in dieselbe Richtung. Menschen, deren Glauben bis in die Tiefen ihres Seins wirkt, zeichnen sich auch durch Eigenschaften aus wie:

• Verlässlichkeit in Wort und Verhalten (Matthäus 5,37),

• Wahrhaftigkeit (Epheser 4,25),

• Versöhnungsbereitschaft (Epheser 4,32),

• Güte und Freundlichkeit im Umgang mit Mitmenschen (Philipper 4,5),

• Geduld und Ausdauer (Hebräer 10,36),

• Fähigkeit zur Selbstreflexion (Matthäus 7,3ff),

• Fähigkeit, Eigeninteressen dem Wohl der Gemeinschaft nachzuordnen (Philipper 2,3).

Das sind nur einige exemplarische Stichworte, viele weitere könnten genannt werden. Die Nähe zu den Beschreibungen im Katalog des Bundesinstituts für Fortbildung liegt auf der Hand. Natürlich gibt es Unterschiede. Grundrechenarten und Kopfrechnen sind in der Bibel keine Reifezeichen (wofür ich persönlich dankbar bin – Mathe war nie meine Stärke).

Gemäß der Bibel lassen sich die einzelnen Merkmale der Reife in einem einzigen Wort zusammenfassen: LIEBE. Reif ist, wer liebt. Alle obigen Merkmale sind nichts anderes als Nuancen der Liebe. Menschen, die lieben, sind Gott ähnlich. Sie ahmen ihn in seiner Liebe zu uns Menschen nach. In den Worten von Paulus: »Folgt nun dem Beispiel Gottes als geliebte Kinder, und führt euer Leben in der Liebe …« (Epheser 5,1-2).

Wenn Lebens- und Glaubensreife zusammenkommen, ist das Ergebnis ein beziehungsfähiger, liebender Mensch. Wir dürfen das Wort »Liebe« dabei nicht romantisch einengen. Es geht nicht um Gefühle der Zuneigung zu dem, der mir sympathisch ist, sondern um eine zutiefst bejahende Lebenshaltung nicht nur gegenüber Menschen, sondern allem, was zu meiner Existenz gehört:

• gegenüber meinen Aufgaben und Verantwortungen in der Familie, im Beruf, meiner Kirche, meiner Freizeit;

• gegenüber meinen Mitmenschen: Familienangehörigen, Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunden, Fremden;

• gegenüber Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist) als meinem Schöpfer und Erhalter, meinem Herrn und Freund;

• gegenüber mir selbst in meiner grundlegenden Beschaffenheit, meiner Geschichte und meinen insgesamt gegebenen Lebensumständen.

Zwei grundlegende Eigenschaften

Fassen wir das bisher Gesagte zusammen und fragen noch einmal: Welche Art von Persönlichkeit bildet die Grundlage, den Nährboden, für reifes Handeln im Alltag? Es ist eine Persönlichkeit, die auf dem Weg ihrer Entwicklung geliebt wurde und zu lieben gelernt hat. Daran beteiligt waren Menschen und für Christen in besonderer Weise auch Gott. Letzteres ist umso entscheidender dort, wo einem Menschen alles andere als eine ideale Entwicklung als Kind und Jugendlicher beschieden war. Es mag Personen geben, die genau das zum Anlass nehmen, um lebenslang in unreifen Mustern stecken zu bleiben, und, darauf angesprochen, entschuldigend auf ihre schwierige Kindheit verweisen. Echtes Erwachsenwerden und Reifen aber sieht anders aus: Ich übernehme die Verantwortung dafür, wie ich mit meinem Schicksal umgehe, es verarbeite und aufarbeite. Eine schlechte Kindheit ist deshalb keine Ausrede für mangelnde Reife. Wie der Weg des Nachreifens für solche Menschen (letztlich betrifft das in irgendeiner Form jeden von uns) möglich ist, dazu mehr in den folgenden Kapiteln.

Eine reife Persönlichkeit verfügt über zwei grundlegende Eigenschaften.

Erstens, sie ist beziehungsfähig

Das heißt: Sie kann auf Menschen zugehen, mit ihnen in Beziehung treten, zuhören, sich mitteilen. Sie findet im Umgang mit ihren Mitmenschen eine gute Balance von Nähe und Distanz.

Zweites, sie ist eigenständig

Das heißt: Sie kann ihre Überzeugungen und Werte in Worte fassen und anderen gegenüber vertreten. Sie übernimmt Verantwortung für sich selbst und kann ihr alltägliches Leben bewältigen.

Sie finden keine reife Persönlichkeit ohne diese beiden grundlegenden Eigenschaften (mit denen wir uns in Kapitel 4 noch einmal ausführlicher beschäftigen werden). Natürlich besitzt sie niemand umfassend. Wir sind alle unterwegs, keiner ist am Ziel, niemand ist immer und überall beziehungsfähig und eigenständig. Dennoch gilt: Es gibt keine Reife, wo diese Eigenschaften fehlen.

Welche Rolle kann der christliche Glauben spielen, wenn wir uns auf den Weg des Nachreifens begeben? Davon handelt das nächste Kapitel.

Zur Vertiefung

Was macht Ihrer Meinung nach eine Persönlichkeit aus? Tragen Sie die wichtigsten Merkmale zusammen.

Wie stehen Sie zur Aussage, dass es ohne Lebensreife keine Glaubensreife gibt?

Wie beurteilen Sie Ihre eigene Entwicklung: Welche Umstände und Bezugspersonen haben Ihren Reifungsprozess gefördert? Welche haben ihn erschwert? Wie sind Sie bisher damit umgegangen? (Weitere Möglichkeiten und Perspektiven lernen Sie im Verlauf des Buches kennen.)

Die ergänzende Sicht des Glaubens: Welche der hier erwähnten Eigenschaften brauchen Sie inmitten Ihrer momentanen Lebensumstände besonders? Was könnte Ihnen helfen, sie zu entwickeln?

Welches Maß an Reife erachten Sie für die folgenden Lebensaufgaben als unverzichtbar? (Definieren Sie je fünf zentrale Eigenschaften.)

• Für Eltern im Blick auf ihre Aufgabe, Kinder zu erziehen und fit fürs Leben zu machen?

• Für Pastoren und Pastorinnen im Blick auf ihre Aufgaben, Menschen seelsorgerlich zu begleiten, zu verkündigen, Gemeinde zu bauen?

• Für Führungskräfte und Teamleiter in Betrieben und Organisationen im Blick auf ihre Aufgabe, Menschen zu fördern, zu führen und gute Resultate zu erzielen?

• Für Lehrkräfte im Blick auf ihre Aufgabe, Schülerinnen und Schüler im Lernen anzuleiten und zu begleiten sowie eine Klasse zu führen?

• Für Politikerinnen und Politiker im Blick auf ihre Verantwortung, ein Dorf, eine Stadt, ein Land zu führen, zu repräsentieren?

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KAPITEL 2

»Via spiritualis«: aus dem Glauben gestaltete Persönlichkeitsentwicklung

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