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Die Kunst des Übergangs Gedichtetes Verdichtetes Geschichtetes aus 50 Jahren Mit der Zeit bin ich dahintergekommen, dass ich immer an derselben Geschichte erzähle: The Story of Chaos. Aus dem Nebel, der die Welt noch immer bedeckt, ragen nur Bruchstücke eines Gebirges, die ich nach ihrem unterschiedlichen Bewuchs, Farbe, Bruch, Faltung und so weiter zu einer Folge zusammenfasse, ihr einen Rhythmus gebe, sie phrasiere und sie später vielleicht in einer ganz anderen Umgebung verwende. Mein Gedächtnis ist ein Steinbruch. Ich sammle Bruchstücke meiner Erinnerungen und gebe ihnen einen Rhythmus, damit sie Teil eines neuen Ganzen werden, das aber auch nur ein Bruchstück von einem noch größeren Ganzen ist. Und das wieder ein Teil von einem noch umfassenderen Ganzen. Und so weiter und so weiter bis zum nächsten Urknall. Wer jetzt aber glaubt, dass es mir darum geht, für den Kunstleistungsschein aus den Scherben eines Bahnhofsklos ein Mosaik zu basteln, der irrt. Ich will nur spielen.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2022
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INTRO
JETZT ODER NIE
ALLES ANDERS VORGESTELLT
DURCHMÜLL
DIE KUNST DES ÜBERGANGS
MEHR ROHR
DIE UNTERE SEITE DES WINDES
DIE NEUE ZEIT
RECHTSLINKSSCHWÄCHE
DIE EINSCHIENENBAHN
DIE QUEEN
KLONE
HEILIGABEND IM SAUERLAND
MONDFINSTERNIS
MR WINTERBOTTOM‘S DOG
DER ZEITBEUGER
WIE WIR DEN FREEJAZZ ERFUNDEN HABEN
ZWEI MAL ZWEI IST FÜNF
DAS GEHEUL DER MASCHINENWÖLFE
DER FETTE BASSIST
KNÖPFE
DER HALBE SOLDAT
LANDSKNECHTE
EIN OPFER SEINES HOBBYS
DAMALS
FÄHRSSE MIT NACH MALLE
DER ZAUBER DES ORTES
KULTSTÄTTEN
ZEIT
KLIRR
BLANCK GEHT ÜBER DIE WUPPER
VOM LOCH ZUM ROHR – VOM STAB ZUM SAXOFON
FORTSCHRITT
WARUM DIE SAURIER VOM STAB ZUM SAXOFON
RECHT AUF LIEBE
ALLES WIE FRÜHER
KINDER, KAUFT KÄMME, ES KOMMEN LAUSIGE ZEITEN
DAS LIED VOM KLEINEN PETER
ES WAR EINMAL EIN MÄRCHEN
AM TAG ALS DIE WASCHANLAGE SICH SELBST GEWASCHEN HAT
RHYTHMUS
„Die Summe aller Scheiße bleibt konstant!“ (Volksweisheit)
Vor fünfzig Jahren habe ich die Romane von Henry Miller bewundert, einen der großen Schriftsteller des 20. Jhs. In seinem Buch ‚Mein Leben und meine Welt“ fragt er, wie man einen Text anfängt, und antwortet: „Ich habe einen Trick gefunden, den die Surrealisten entdeckt haben… dass man hinschreibt, was einem in den Sinn kommt – Unsinn, ohne Kommas, ohne Punkte, ohne irgendeinen Aufbau, bis das, was man sagen wollte, langsam rauskommt. Dann streicht man den ganzen vorausgehenden Ausschuss.“ Die Situation kannte ich: Vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen und nicht zu wissen, wie ich meine Geschichte anfangen sollte. Millers Methode, in einen Text einzusteigen, erinnerte mich an das Konzept der frei improvisierten Musik: Wir gingen auf die Bühne und spielten in der Hoffnung drauflos, dass sich eine Form ergab. Ich verstand Henry Millers Vorschlag als freie Improvisation beim Schreiben.
Anfangs habe ich die mit der Schreibmaschine beschriebenen Blätter zerschnitten und in anderer Folge zusammengeklebt, wobei ich weggelassen habe, was mir nicht gefiel. Das Ergebnis habe ich mit Tipp-Ex behandelt, überschrieben und kopiert. Weil es damals in Schwelm noch keinen Copyshop gab, musste ich zum Kopieren nach Wuppertal-Barmen fahren, für einen Text manchmal mehrere Male. Den Winter 1989/90 habe ich auf Mallorca verbracht. Ein Freund meiner Tochter arbeitete bei einer Werbeagentur in Can Pastilla. Bei einem Besuch führte er mir vor, wie er am Computer mit PageMaker Textblöcke markierte und dahin verschob, wo er sie haben wollte. Zurück in Deutschland habe ich mir sofort so eine Zaubermaschine gekauft und ersetzte schneiden und kleben durch copy and paste.
In diesem Buch möchte ich Sie mitnehmen auf eine Zeitreise. Unser Fahrzeug ist die Fantasie. Steigen Sie ein!
Mein Gedächtnis ist ein Steinbruch. Ich sammle Bruchstücke meiner Erinnerungen und gebe ihnen einen Sinn, damit sie Teil eines neuen Ganzen werden, das aber auch nur ein Bruchstück von einem noch größeren Ganzen ist. Und das wieder ein Teil von einem noch umfassenderen Ganzen. Und so weiter und so weiter bis zum nächsten Urknall. Alles, was ich habe, um eine Geschichte zu erzählen, sind Gedankenfetzen, die ich von dem großen Tuch abgerissen habe, aus dem die Welt gewebt ist. Ich habe daraus dem Kaiser kein neues Kleid geschneidert, sondern sie in Worte verwandelt. Das Gewicht meiner Gedanken ist gleich ihrer Masse mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Das ist alles, was Sie wissen müssen, um die Tyrannei des gesunden Menschenverstandes und den Terror der Denkmuster zu überwinden. Folgen Sie den Spuren der Buchstaben, dann wird es Ihnen gelingen, nirgends anzukommen.
Alles ist Übergang.
‚Die neue Zeit‘ und ‚Das Lied vom kleinen Peter‘ sind Liedtexte, die ich 1974 für die Band ‚Klinx‘ geschrieben habe. ‚Jetzt oder nie‘ habe ich 2022 beendet. Alle anderen Texte sind in den Jahren dazwischen entstanden, ich habe sie überarbeitet und aktualisiert. Ich danke den vielen Menschen, die mir mit positiver und auch mit negativer Kritik geholfen haben. Vor allem danke ich Kirsten Rönfeldt, eine gute Freundin, die das Umschlagcover und das Text-Layout besorgt und mich bei allen Fragen der grafischen Gestaltung unterstützt hat. Zu ‚Die Kunst des Übergangs‘ hat mein Freund Michael Sievert einen wichtigen Beitrag geleistet. Petra Rosenthal und Katharina Gregor haben die Texte auf rechtschreibliche und grammatikalische Fehler geprüft, nicht aber lektoriert hinsichtlich des Inhalts und Stils. Mein besonderer Dank gilt Brigitte Gregor, meiner Ehefrau, die mich seit vielen Jahrzehnten begleitet. Ohne sie wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Schwelm im Mai 2022
Dietrich Rauschtenberger
Remco Engveld hörte die Musik schon von draußen, bevor er die Tür zu der Bar öffnete. ‚Bad Moon Rising‘, Creedence Clearwater Revival. Als er noch hier gedealt hatte, hieß der Laden ‚Blow Up‘ und war einer von Remcos Ankerplätzen gewesen, jetzt hieß er ‚Absturz‘ und genauso sah er auch aus. Die Musik war okay, die Botschaft nicht: „Hope you are quite prepared to die.“ Nein! Remco war nicht bereit zu sterben, er blieb an der Tür stehen. Das tat er immer, wenn er ein Lokal betrat, daran war er gewöhnt. Für ihn als Dealer war es überlebenswichtig, sich einen Überblick zu verschaffen.
An der Bar hockten zwei junge Männer, der eine mit blondierten Haaren bis auf die Schultern, der andere mit einer glänzend polierten Glatze, am anderen Ende der Bar langweilte sich eine punkig aufgetakelte Frau. Früher war der Laden jeden Abend gerammelt voll gewesen, jetzt war nur ein Tisch besetzt, unter dem bekannten Poster, auf dem Arbeiter hoch über Manhattan auf einem Stahlträger sitzen und unbeeindruckt von der schwindelnden Höhe eine Mahlzeit einnehmen, redete eine junge Frau auf ihren Freund ein. Remco sah niemanden, der ihm gefährlich werden könnte. Dass die Punk-Lady solo war, sah er sofort, wenn irgendwo ein Begleiter gewesen wäre, hätte sie nicht so offensichtlich seinen Marktwert taxiert. Schon wie sie auf dem Barhocker saß, war eine Einladung, wahrscheinlich wartete sie auf einen Freier. Vielleicht war es ihre Haltung zum Leben, auf nichts Bestimmtes zu warten. Sie machte auf Remco den Eindruck, dass sie die Hoffnung aufgegeben hatte, da käme noch irgendwas. Ihr Outfit sollte wohl punkig wirken, aber die Klamotten waren farblich zu sehr aufeinander abgestimmt, wenigstens für Remcos Geschmack. Unter einer schwarzen Militärjacke mit goldgelben Knöpfen trug sie ein schwarzes T-Shirt, auf dem in gelber Schablonenschrift REJECTED stand, ein schwarzer Lederrock (extrem kurz) ließ viel Fleisch sehen, schwarze Handschuhe bis zu den Ellenbogen (affig), darüber gelbe und schwarze Armreifen (mehr ging nicht), ihre schwarzen Haare (gefärbt?) waren mit einer gelben Schleife zusammengebunden, ein Büschel stand wie ein Hexenbesen seitlich ab (albern), an ihrem linken Nasenflügel ein Schmuckstein (gelb), um das schwarze Stiefelchen am linken Bein baumelte eine Uhr an einem gelben Plastikband.
Hinter der Bar stützte sich ein junger Mann mit seinen athletischen Armen auf den Tresen, er las in einer Illustrierten mit bunten Bildern, schwarzer Dreitagebart, enges T-Shirt, das seine Muskeln betonte. Er nahm Remcos Ankunft mit einem Nicken zur Kenntnis und blätterte weiter. Remco hatte es nicht eilig, begleitet von hungrigen Blicken der beiden hübschen Jungs suchte er einen Tisch, von dem er den Raum überschauen konnte, ohne selbst vom Eingang aus gesehen zu werden. Er fand einen passenden zwischen einer üppigen Zimmerlinde und einer antiken Telefonzelle, setzte sich und streckte die Beine aus. Den beiden Jungs an der Bar fielen fast die Augen aus dem Kopf, wahrscheinlich hielten sie ihn wegen des Zopfes in seinem Nacken und seiner Sonnenstudio-Bräune für einen von ihnen. Die Punklady spielte nervös mit den Armreifen, sie schien das Interesse an ihm schon wieder verloren zu haben. Rejected, dachte Remco. Seine Hand tastete nach dem Kris in der Innentasche der Lederjacke.
Damals hatten die Kiffer hier auf ihn gewartet wie auf den Messias. Tatsächlich hatte er mit seinem schwarzen Bart und den langen, lockigen Haaren, Ähnlichkeit mit einem kitschigen Jesus gehabt und er hatte ihnen eine Kostprobe vom Paradies verkauft. Dass sich das Paradies bei manchen in eine Hölle verwandelte, hatte ihn nicht interessiert. Die Kiffer waren nicht nur aus dem Ruhrpott gekommen, um von ihm, dem Holländer, astreines Dope zu kaufen, sie reisten auch aus dem Bergischen und aus dem Sauerland an. Es waren goldene Zeiten für Remco. Seine Kunden konnten sich darauf verlassen, dass es bei ihm keine Linkereien gab. „Even kijken. ’n Trip bij? Lekker!“ Gras war damals selten gewesen, weil in holländischen Treibhäusern noch nicht Hanf in großem Stil angebaut worden war, dafür gab es alle Sorten Haschisch. Standard war der grüne Stoff, der zwar grüner Türke hieß, aber aus Marokko kam, selten im Angebot hatte er schwarzen Afghanen oder roten Libanesen. Manchmal hatte er auch LSD-Trips. Als er noch auf eigene Rechnung arbeitete, hatte er nicht mit harten Drogen gedealt, das änderte sich erst, als er von Frits Tebbe abhängig wurde.
Remco streckte die Beine von sich und dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte. In der Glastür der altmodischen Telefonbox, neben der er saß, spiegelte sich sein Gesicht überlagert von den bunten Lichtern eines Spielautomaten. Es war noch dieselbe Box, aus der er Laura angerufen hatte. Damals hatte es darin ekelhaft nach kaltem Zigarettenqualm und saurem Schweiß gestunken. Er wunderte sich, wieso man sie noch nicht entfernt hatte. Zwischen der Box und einem Spielautomaten spannte sich ein Spinnennetz, in dem ein haariges, schwarzes Ungeheuer auf Beute lauerte, fett und bösartig wie Frits Tebbe.
Frits Tebbe! Er hatte ihn im Christelijke Hoop Kinderhuis in Amsterdam kennen gelernt. Das Jugendamt hatte Remco dorthin überwiesen, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. In einem langern, schmerzhaften Prozess, begriff er, dass Tote tot sind und tot bleiben. Richtig verarbeitet hatte er es nie. Im Kinderheim gewöhnte er sich daran, krumme Dinger zu drehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Er nahm sich, was er brauchte, auch mit Gewalt, wenn man es ihm nicht freiwillig geben wollte. Wenn er anderen wehtat, spürte er seinen Schmerz nicht mehr. In dem Kinderheim gab es einen Erzieher, Henk Braakman, der Gitarre spielte und versuchte, durch die Musik Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen. Von Henk lernte Remco Gitarre zu spielen. Das gab seinem Leben eine Richtung.
Einer von Henks Gitarrenschülern hieß Frits Tebbe. Remco und Frits übten gemeinsam, dabei freundeten sie sich an und verbrachten ihre freie Zeit zusammen. Obwohl er ein Jahr jünger war als Remco, bestimmte Tebbe meistens, wo es lang ging. Er hatte viel kriminelle Energie und besorgte Wein, Schnaps, Drogen und willige Mädchen. Die tröstliche Wirkung von Alkohol kannte Remco schon, von Tebbe lernte er, Gras zu rauchen, was noch verbotener war als Alkohol. Tebbe war es auch, der auf die Idee kam, eine Band zu gründen. Er überzeugte einen Jungen namens Pieter, auch einen von Henks Gitarrenschülern, sich mit Remco bei Melodie- und Rhythmusgitarre abzuwechseln. Er selbst wollte Bass spielen. Sie brauchten also noch einen Schlagzeuger. Remco hörte im Garten des Kinderheims einen Jungen auf Bongos trommeln. Es war Aldert, von dem er wusste, dass er unter der Hand Zigaretten, Alkohol und Süßigkeiten verkaufte. Woher er das Zeug hatte, war sein Geheimnis. Er hörte eine Weile zu und als ihm das Trommeln gefiel, fragte er Aldert, ob er Lust hätte, bei ihnen Schlagzeug zu spielen. Nein, hatte er nicht! Gitarre ja, Schlagzeug nein! Remco versuchte, ihn zu überreden, aber vergebens. Die Bongos nahm Aldert nicht ernst, er sah sich als Gitarrist. Dann sagte Tebbe, Remco solle den Fall ihm überlassen und plötzlich wollte Aldert doch. Wie Tebbe ihn davon überzeugt hatte, dass Schlagzeug doch das richtige Instrument für ihn war, erfuhr Remco erst später. Tebbe hatte herausgefunden, woher Aldert die Ware hatte, die er im Heim verkaufte. Er hatte zufällig ein Fenster entdeckt, durch das er in das Lager eines Albert-Heijn-Supermarkts einsteigen konnte. Tebbe hatte Aldert gedroht, sein Geheimnis zu verraten. Damit war die Band vollständig. Keiner von ihnen hatte als Musiker große Fähigkeiten, aber in den achtziger Jahren, genügte es nach Ansicht vieler junger Leute, wenn man drei Akkorde auf der Gitarre greifen konnte, um eine Band zu gründen. Und wenn man dann noch im Widerstand war, gleichgültig gegen was, war man Punk. Und im Widerstand waren sie alle. Das war die Hauptsache. Tebbe bestimmte auch, wie die Band hieß, er fand, das deutsche Wort ‚Krach‘ wäre der richtige Name für eine Punk-Band. Was anderes als Punk kam sowieso nicht in Frage.
Als Remco und Frits aus dem Heim entlassen wurden, Pieter und Aldert aber noch blieben, suchten sie in Amsterdam Ersatz für sie. Tebbe erwies sich als guter Organisator, er akquirierte Auftritte. Zuerst in den Nachbarstädten. Sie spielten in Haarlem, Den Haag, Rotterdam, Utrecht, Hilversum. ‚Krach‘ wurde immer bekannter, bald kamen auch Punks aus Deutschland und Belgien. Tebbe organisierte Tourneen durch Frankreich und Italien konnte, sie wurden sogar nach England eingeladen. Ein paar Jahre lief es so gut, dass Remco von der Musik leben konnte.
Eines Tages verkündete Tebbe, er würde aussteigen. Das war der Anfang vom Ende. Musikalisch war es kein großer Verlust, sie fanden schnell einen anderen Bassisten, aber als Tebbe keine Auftritte mehr akquirierte, ging es rasend schnell bergab. ‚Krach‘ löste sich auf und Remco bekam keine Engagements mehr und wenn doch, waren sie schlecht bezahlt. Es dauerte nicht lange, bis er die Miete für sich und seine Freundin Laura nicht mehr bezahlen konnte. Der Vermieter drohte, sie vor die Tür zu setzen. Um das zu verhindern, nahm Remco einen Job bei Aldert an, den ersten Schlagzeuger von ‚Krach‘, zu dem der Kontakt nicht abgerissen war. Sie hörten zusammen Musik, wobei sie viel kifften. Aldert hatte sich nach dem Kinderheim mit der Reparatur und dem Verleih von Verstärkeranlagen über Wasser gehalten. Wenn Remco und Aldert in der Werkstatt Bami Goreng vom Chinesen gegessen, ein paar Flaschen Grolsch getrunken und dazu diverse Joints geraucht hatten, kamen sie umgeben von Lautsprecherboxen und Flightcases ins Philosophieren. Meistens ging es um Frauen, wobei Alderts Problem war, dass er keine und Remcos, dass er eine hatte.
„Seitdem ich mit Laura zusammen bin, kommt mir das weibliche Bewusstsein manchmal vor wie das Gegenstück zu meinem.“
„So ähnlich wie ein Negativ, meinst du?“
„Weiß nicht. Kommt vielleicht drauf an, ob man es als Mann sieht oder als Frau.“
„Versteh ich nicht.“
„Ich auch nicht.“
„Vielleicht müssen wir noch einen durchziehen.“
„Das wird’s sein. Am besten ich dreh noch einen …“
Alderts Geschäft litt unter seinem Drogenkonsum, er bekam immer weniger Aufträge und hatte keine Arbeit mehr für Remco, der keinen anderen Ausweg sah, als für Frits Tebbe zu dealen. Mit der Zeit wurde er finanziell abhängig von ihm. Tebbe hatte schon mit Drogen gehandelt, als er noch bei ‚Krach‘ Bass gespielt hatte, inzwischen war er ganz ins Drogengeschäft eingestiegen. Skrupellos und brutal war er schon immer gewesen, inzwischen kam es ihm offenbar auf eine Leiche mehr oder weniger nicht an. Sein Erfolgsrezept war, Konkurrenten zu beseitigen, bevor sie ihm zuvorkamen. Obwohl er keiner von den ganz großen Drahtziehern war, hatte er es zu einem Luxus-Apartment in Sporenburg gebracht, er besaß einen Jaguar X-Type und ein Segelboot, auf dem er mit Geschäftspartnern und seinen meist blonden Gespielinnen über das Ijsselmeer schipperte. Es ging gut, bis zu dem Segeltörn, bei dem Remco Tebbe und Laura beim Sex überraschte. Tebbe hatte Laura natürlich mehr zu bieten als ein kleiner Dealer. Sein Hass auf Tebbe wuchs und er begann darüber nachzudenken, wie er sich aus der Abhängigkeit von ihm befreien konnte. Es gab nur eine Möglichkeit: Er musste aufhören, für ihn die Drecksarbeit zu machen. Aber wie?
Aldert brachte ihn auf eine Idee. Sie hatten sich bei einem Konzert der Gruppe ‚Piss Off‘ getroffen und in Alderts VW-Bulli einen Joint mit Remcos hervorragenden Schwarzen Afghanen geraucht. Nach dem Konzert hatte Aldert, der anscheinend wieder zu Geld gekommen war, in einem Café einen ausgegeben. („Pilsjes en‘n paar borreltjes Jenever!“) Aldert redete und redete und redete: …er habe jetzt ein Tonstudio, in dem er New-Age-Musik aufnähme…das sei jetzt total angesagt…Meditation sei zwar nicht so sein Ding, das sei mehr was zum Einschlafen, aber man könne damit Geld verdienen...überhaupt sei Musik aus Asien der letzte Schrei, weswegen jetzt viele Schlagzeuger mit Gongs arbeiteten...ob Remco schon mal indonesische Gamelan-Musik gehört habe, die würde mit Gongs gespielt...er habe daran gedacht, nach Indonesien zu fliegen, da billig Gongs zu kaufen und dann hier teuer zu verkaufen...sei aber noch nicht dazu gekommen…
Alderts Idee ging Remco nicht aus dem Kopf. Vielleicht war der Handel mit Gongs aus Indonesien die Chance, auf die er gewartet hatte. Er war das Leben in den Niederlanden leid. Wenn er nur an den Winter dachte, den er jedes Jahr mehr hasste, weil er so nass und kalt war. In dem Jammertal um die Weihnachtszeit flatterten in seinem Innern Vampire über einem See von giftiger, schwarzer Unergründlichkeit. Um den Plan durchzuführen, brauchte er Startkapital. Er fragte Tebbe. Wen sonst?
„Gongs?“, sagte Tebbe. „Bist du jetzt komplett verrückt?”
„Ich will hier raus, Frits, kapierst du das nicht? Ich hab die Nase voll vom Leben in Holland.“
„Sorge ich nicht gut für dich? Willst du wieder Haschisch an pickelige Deutsche verkaufen? Du wirst es nie schaffen, Remco!“ Tebbe führte er sich auf wie ein Mafia-Pate, es war ekelhaft, wie Remco sich vor ihm erniedrigen musste, fehlte nur noch, dass er verlangte, ihm die Hand zu küssen. Aber er gab ihm einen Vorschuss.
Leider behielt er recht: Das Geschäft war ein Flop. Zwar hatte er ein paar Gongs kaufen und den Transport nach Rotterdam zu erträglichen Konditionen organisieren können, aber was er verdient hatte, war den Aufwand nicht wert. Obendrein hatte er danach Schulden bei Tebbe, seine Abhängigkeit war also noch drückender geworden. Letzen Endes war von dem Abenteuer nur ein malaiischer Dolch übriggeblieben, den er auf der Insel Lombok zusammen mit einem hübschen, gebatikten Tuch gekauft hatte, um ihn Laura zu schenken. Und dann war sie nicht am Schiphol gewesen, um ihn abzuholen. In der Wohnung war sie auch nicht. Tebbe hatte sie ihm ausgespannt. Als Remco ihn zur Rede stellte, hatte er fett gelacht und nannte es abgeworben.
„Wir werden uns doch nicht wegen einer Nutte streiten, Remco, wir haben sie uns doch immer geteilt, oder?“
Das waren Mädchen gewesen, die nach den Auftritten mit ‚Krach‘ gerne mit ins Hotel gegangen waren. Mit Laura wäre das was anderes, hatte Remco gedacht, aber da hatte er sich wohl geirrt. Gegen Tebbe hatte er keine Chance. Man schwamm schneller als Leiche in einer Gracht, als ein Fahrrad geklaut war. Bis dahin hatte er nicht gewusst, dass er so hassen konnte. Er hatte die Zähne zusammengebissen und Rache geschworen. Es dauerte ein Jahr, bis er eine Chance sah sich zu rächen.
Remco war kein Killer, wegen Tebbe wäre er beinahe doch noch zu einem geworden. Bei seinem Plan war er davon ausgegangen, er könnte das Ding elegant und ohne Gewalt durchziehen. Eine Schusswaffe besaß er nicht, hatte nie eine besessen, schießen war in dem Bürohochhaus sowieso nicht angesagt. Als er jedoch seinen Personalausweis aus der Schublade genommen hatte, war ihm der malaiische Dolch aufgefallen, den er von der Reise nach Indonesien mitgebracht hatte. Einer spontanen Eingebung folgend hatte er ihn in eine Tasche seiner Lederjacke gesteckt.
Er war überzeugt, dass Tebbe anbeißen würde, weil er sich beim Kauf des Apartments in Sporenburg finanziell übernommen hatte. Um ihn für den Deal zu interessieren, hatte er ihn vor ein paar Wochen zum Konzert einer Band eingeladen, die angeblich so eine Musik machte, wie sie früher mit ‚Krach‘. Danach hatten sie in einem Café den Ablauf besprochen. Angeblich hatte er einen deutschen Kunden, der ein paar Kilo Kokain kaufen wollte. Er habe ihm gesagt, in Amsterdam gäbe es nur einen, der wirklich reinen Stoff besorgen könne. Tebbe hatte gönnerhaft genickt, aber jetzt in der Tiefgarage war er misstrauisch und kalt. Er stellte den Motor des Jaguars ab und drückte Remco ohne Warnung den ernüchternd kühlen Lauf seiner Pistole an die Schläfe. Die Tage, die sie mit Tebbes Boot auf dem Ijsselmeer verbracht hatten, waren vergessen, auch die Jahre, die sie zusammen auf der Bühne gestanden hatten, zählten nicht mehr. Tebbes von Gel glänzenden Haare berührten Remcos Wangen. „Keine Tricks“, sagte er. Sein widerliches Parfüm stieg Remco in die Nase. Draußen brauste der Feierabendverkehr.
Er hatte wochenlang in Amsterdam gesucht, bis er ein geeignetes Büro gefunden hatte. Dem Makler hatte er einen falschen Namen angegeben, bezahlt hatte er mit einer gefälschten Kreditkarte. Angeblich vertrat er eine deutsche Firma, die mit Zubehör handelte, um Autos aufzumotzen: Lederlenkräder, Totenköpfe für Schalthebel, Fan-Aufkleber, Wimpel und ähnlichen Schnickschnack.
„Das Geld will ich in Fünfzigern. Und keine Tricks!“
„Ich hab‘s ja begriffen, Tebbe.“ Remcos Grinsen fror ein. „Wir liefern und kassieren. Du wirst sehen, es ist cool.“
Tebbe ließ die Waffe wieder unter der Achsel verschwinden und drückte ihm den Koffer in die Hand. Erst marschierten sie durch eine von Gold, Silber und kostbaren Stoffen schimmernde Passage, in der Frauen mit harten Augen Shopping machten, bewacht von Security-Männern in schwarzen Uniformen. Tebbe immer einen Schritt hinter Remco. Danach verließen sie die Zone des Luxus und betraten einen mit Müll und Ölflecken bedeckten Hinterhof. Ein Aufzug trug sie in eine schäbige Bürowelt, die nach billigem Kaffee und Tabakqualm, Putzmitteln und Heizöl stank, mit endlosen Fluren und einer verwirrenden Zahl von Türen. Remco spürte Tebbes Nervosität im Rückgrat, ihm war klar, je nervöser Tebbe war, desto gefährlicher wurde er. Schließlich waren sie vor der richtigen Tür. Nun kam es drauf an. Auf dem Schild stand in schlichten Lettern der Name, unter dem Remco das Büro gemietet hatte:
STEFAN SASSE
MOTOR TUNING IMPORT – EXPORT.
Tebbe hatte seine finsterste Miene aufgesetzt. Remco nahm an, dass er ihn für zu feige hielt, um ihn zu linken. Aber sicher war er nicht. Was war schon sicher in dieser Scheißwelt? Er spürte ein innerliches Zittern, er hatte Angst. Sein Plan hatte einige Schwachstellen, aber vor der Tür war es besonders gefährlich.
„Ich rede mit ihm, okay?“
Neben der Tür war eine pompöse Klingeltafel aus matt schimmerndem Metall mit Lautsprecher, Mikrofon und Kameraauge. Er versuchte ein neutrales Gesicht zu machen, irgendwas zwischen treuherzig und naiv. Er betätigte die Klingel. Wenn es funktionierte, hatte es sich gelohnt, dass er sich bei der Arbeit in Alderts Werkstatt Kenntnisse über Elektronik angeeignet hatte. Wenn nicht, war er am Arsch. Schweiß tropfte aus seinen Achselhöhlen und rann an den Armen herab. Er drückte mit der linken Hand den Knopf in der Hosentasche.
„Hör auf, dir an den Eiern zu spielen!“, zischte Tebbe.
Remco fuhr zusammen. War Tebbe misstrauisch geworden? Er zwang sich zu einem Grinsen. Den Trick mit dem Sender in der Tasche hatte er tagelang geübt. „Sie sind nicht alleine“, quäkte die Sprechanlage. „Er soll verschwinden!“ Tebbe ließ sich nicht gerne befehlen, er griff nach seiner Waffe und hob den Fuß, als wollte er die Tür eintreten. Remco hatte die Stimme aus einem deutschen Film kopiert und sich darauf verlassen, dass Stimmen aus Sprechanlagen immer unangenehm künstlich klingen. Er zeigte mit dem Kinn auf das blinde Kameraauge über der Tür. Tebbe schnaubte ungeduldig, verzog sich aber ans Ende des Korridors. Der Türöffner schnarrte, Remco zwängte sich mit dem Koffer durch die Tür. Tebbe hatte keinen Verdacht geschöpft.
Das Büro war vollkommen leer, die Wände kahl mit hellen Stellen, wo Bilder gehangen hatten, aus Löchern in den Wänden ragten Kabel von demontierten Schaltern, durch das Fenster, das die gesamte Breite des Raumes einnahm, bot sich das eindrucksvolle Panorama des Amsterdamer Hafens, doch dafür interessierte sich Remco nicht. Mit fliegenden Fingern klemmte er die Kabel ab, die den Türöffner, die Sprechanlage und einen Walkman mit der elektronischen Steuerung verbanden, die er gebaut und am Tag zuvor installiert hatte, und warf alles zusammen mit der Fernbedienung in den Müllschlucker.
Das Besondere an diesem Büro war ein zweiter Ausgang zu einem Lastenaufzug, der ihn zu dem Parkdeck brachte, wo er am Vorabend seinen Renault 16 geparkt hatte. Wenn Tebbe begriffen hatte, was geschehen war, würde er ins Büro wollen, er war nicht der Typ, der brav draußen stehen blieb, er würde wahrscheinlich die Tür aufbrechen. In solchen Fällen war er nicht kleinlich. Natürlich hatte er keine Ahnung, was ihn hinter der Tür erwartete, deshalb würde es eine Weile dauern. Wie lange, wusste Remco nicht, hoffte aber, dann schon mit einem komfortablen Vorsprung auf der Autobahn nach Deutschland zu sein. Er musste so schnell wie möglich über die Grenze. Tebbe hatte schon Geschäfte in Deutschland gemacht, bevor die Grenzkontrollen weggefallen waren, er hatte also Beziehungen, es war möglich, dass er beim Zoll jemanden schmierte.
Seine Anspannung ließ erst nach, als er die Grenze bei Elten hinter sich hatte. Ein Gefühl des Triumphs durchdrang ihn, als er sich Tebbes dämliches Gesicht vorstellte, wie er mit wachsender Ungeduld auf dem Korridor gewartet und schließlich begriffen hatte, dass er gelinkt worden war, und zwar ausgerechnet von Remco Engveld. Er griff nach hinten und legte seine Hand auf den Koffer, in dem sich die Plastiktüten befanden, prall gefüllt mit reinen, weißen Kristallen, ein Stoff von überirdischer Reinheit. Woher Tebbe ihn bezog, verriet er nicht; direkt aus Kolumbien, vermutete Remco. Er schätzte den Wert auf eine viertel Million, genug für einen neuen Anfang. Für den Transport hatte Tebbe einen billigen Koffer benutzt. Das war ein Tick von ihm. Vermutlich glaubte er, niemand würde in einem Pappkoffer ein Vermögen vermuten. Wenn man den Stoff mit irgendeinem billigen Zeug streckte, mit Traubenzucker zum Beispiel, und in kleinen Portionen verkaufte, könnte man viel mehr Geld machen, ging es ihm durch den Kopf. Aber er verwarf den Gedanken schnell wieder. Tebbe würde davon erfahren, das ließ sich kaum vermeiden, und dann wäre er so gut wie tot. Außerdem hatte er gar nicht so viel Zeit. Die Stadt im Ruhrpott, in der er sich am besten auskannte, war Duisburg. Er hoffte, dort bald einen Käufer zu finden, bis dahin würde er den Koffer in einem Schließfach am Bahnhof deponieren. Sobald er das Koks zu Geld gemacht hatte, würde er verschwinden. Und zwar möglichst spurlos. Er dachte an ein Land mit viel Sonne und schönen Mädchen. Vielleicht Südamerika. Oder Thailand? Weiter reichte sein Plan nicht. Auf keinen Fall wollte er in Europa bleiben, denn es war klar, dass Tebbe ihn verfolgen würde. Tebbe wusste auch, dass der Verkauf für Remco ein Problem war, und er kannte alle Orte im Ruhrpott, wo er es versuchen würde. Remco hatte seine Antennen schon ausgefahren, während er den Coup noch plante, um herauszufinden, ob von den alten Connections noch welche funktionierten. Allerdings hatte er bei den Versuchen, mögliche Abnehmer zu finden, keinen Erfolg gehabt, weil er sehr vorsichtig sein musste; Tebbes Netz reichte weit und es bestand immer das Risiko, dass jemand sich wunderte, wieso Remco plötzlich eine so große Menge Koks anbieten konnte, und dann bei Tebbe nachfragte.
Wieder tastete er nach dem Koffer, um sich noch einmal zu überzeugen, dass er Tebbe tatsächlich ausgetrickst hatte. Er schob ‚Sticky Fingers‘ von den Rolling Stones in den CD-Player. Seine Finger bewegten sich auf dem Lenkrad im Rhythmus von ‚Brown Sugar‘. Die Musik der Stones übertönte seine Bedenken. Warum sollte er sich Sorgen machen? Wenn er nicht weiterwusste, hatte es immer eine Frau gegeben, die ihm aus der Klemme half. Bestimmt gab es auch in Duisburg eine, bei der er untertauchen konnte.
„Was willst du trinken?“
Remco öffnete die Augen und war zurück in der Gegenwart. Vor ihm stand der Barmann.
„Bring mir‘n Kaffee“, sagte er. „Hast du auch was zu essen?“
„Isch kann dir Toast machen mit Käse und Salami.“
„Okay, nehm ich.“
Der Barmann verschwand in einer Tür hinter dem Tresen, an dem nur noch die Möchtegern-Punklady saß, wahrscheinlich kuschelten die hübschen Jungs jetzt irgendwo. Remco schaute sich um, auch das junge Paar war gegangen, um sich einem ähnlichen Vergnügen hinzugeben. Während die Ereignisse der letzten Tage an ihm vorbeigezogen waren, hatte er an einem Bierdeckel geknibbelt und aus der Pappe ein Kügelchen gerollt, er versuchte damit die die Spinne zu treffen, aber er traf noch nicht mal das Netz.
„Nicht viel los“, stellte er fest, als der Barmann Kaffee und Toast brachte.
„Vor zwölf is hier tote Hose.“
Absturz, dachte Remco. Aus dem guten, alten ‚Blow Up‘ ist also ein Nachttreff für den trinkenden Rest geworden. Der neue Name verhieß nichts Gutes. Er sah dem Barmann nach, der wieder zu seiner Lektüre zurückkehrte. Ob er außer Anabolika auch andere Drogen konsumierte? Die Drogenszene schien sich hier nicht mehr zu treffen. Obwohl die Frau in Schwarz und Gelb so aussieht, als ob sie sich schon einiges eingepfiffen hätte, dachte er, ein bisschen wie Laura, bevor sie zu Tebbe übergelaufen ist. Als ob sie seinen Blick als Anmache verstanden hätte, rutschte sie vom Barhocker und steuerte geradewegs auf ihn zu. Er hatte sie auf Anfang zwanzig geschätzt, aus der Nähe sah er, dass sie eher Mitte dreißig war, ein bisschen runtergekommen, aber nicht unattraktiv trotz ihres schrillen Outfits. Er stellte sich darauf ein, dass sie ihn ansprechen würde, doch sie ignorierte ihn und zwängte sich in die Telefonzelle. Ihr Rock war so kurz, dass er dem Verlauf einer Laufmasche von der linken Kniekehle zur Wölbung ihres Hinterns folgen konnte, bis die bunten Reflexe des Spielautomaten auf der Glastür das Bild überstrahlten. Er nahm einen Schluck von dem lauwarmen Kaffee und beobachtete über den Rand der Tasse, wie sie die Münzen in den Schlitz gleiten ließ. In Amsterdam waren Telefone der letzte Schrei, die man bei sich tragen und mit denen man überall telefonieren konnte. Sie waren unhandlich und teuer, nur reiche Angeber wie Tebbe konnten sie sich leisten. Der Toast schmeckte so künstlich, wie er aussah, Während er davon abbiss und kaute, beobachtete er, wie der grellrot geschminkte Mund sich öffnete und schloss, wie die Zunge zwischen dem makellosen Gebiss hervorschnellte und die Lippen befeuchtete (die spitzen Eckzähne erinnerten an eine Katze, die den Kater biss, bevor sie ihn ranließ), wie sie mit den Armen rumfuchtelte, wie die kleinen Brüste unter dem schwarzen T-Shirt tanzten, wie die goldenen Knöpfe an der Uniformjacke zappelten, wie Tränen über ihre Wangen rannen und gelb glitzernde Spuren hinterließen, wie das gelbe Band sich von den Haaren löste (sie wuchsen an den Wurzeln blond nach). Ihre Stimme wurde lauter, so laut, dass er zu verstehen glaubte, worum es bei dem Streit ging, bis sie schließlich „Scheiße!“ rief und dem Apparat einen Schlag mit der flachen Hand verpasste. Sie klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter, wischte den Schmetterlingsstaub von der Nase, fischte einen korrekt gedrehten Joint aus der Tasche und steckte ihn in den Mund, hatte aber eine Hand zu wenig, um ihn anzuzünden. Eine seiner Spielregeln empfahl: Such eine Frau, wenn du in der Klemme steckst! Es war eine Scheißregel, aber jetzt ging es ums Überleben. Er knipste sein Feuerzeug an, pochte damit leise gegen die Scheibe, öffnete die Tür einen Spalt, der Mief von abgestandenem Qualm und Schweiß drang heraus, und streckte seine Hand mit der Flamme durch. Jetzt hieß es, die Bedingungen auszuhandeln. Und den Preis. Das knisternde Tütchen in seiner Tasche, war bei dem Spiel der Joker.
„Feuer?“
Sie dankte mit einem schiefen Grinsen, hielt den Hörer weit weg vom Ohr, beugte sich vor, bis der Joint die Flamme berührte und während sie tief inhalierte, nahm Remco ihr den Hörer aus der Hand.
„Ich warne dich, Rita...“, sagte eine entfernte Männerstimme.
„Ich werd‘s ihr sagen. Und tschüss!“
Er hängte den Hörer an den Haken, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Und jetzt?“ Sie war überrascht.
„Setz dich doch zu mir, Rita.“
Sie setzte sich und wedelte mit der Hand vorm Gesicht. „Boah, stinkt‘s da drin“, sagte sie. „Woher weißt du, wie ich heiße?“
„Im Nebenberuf bin ich Hellseher.“
„Du hast gelauscht! Das tut man doch nicht.“ Sie drohte mit dem Finger. „Und was machst du hauptberuflich?“
Mit einer Geste, die alles und nichts bedeutete, hob er seine Hände. „Mal dies, mal das.“
„Spendierst du mir’n Wein?“
Sie reichte ihm den Joint. Es war ihm gelungen, ihr Interesse zu wecken. Er nahm einen Zug, gab ihn zurück und winkte dem Barmann, der sofort kam. „Hier wird nich gekifft, Rita, wie oft soll ich dir sagen.“ Sie blies ihm den Rauch ins Gesicht. „Stell dich nicht so an, Mehmet. Du ziehst doch selber gerne einen.“
„Ich kann hier keine Bullen gebrauchen!“
Rita lachte. „Ich weiß, Mehmet.“
„Nächste Mal mach isch disch Lokalverbot. Dann kannst du die Freier woanders klarmachen.“
„Ach, leck mich“, sagte Rita.
„Wann soll isch machen?“ Mehmet grinste. „Wenn isch hab Feierabend, oder was?“
„’n bisschen nett“, sagte Remco.
„Halt du dich da raus, Alter. Dir kann ja scheißegal sein, wenn die Bullen den Laden zumachen.“ Remco sah ein, dass es besser war, sich nicht einzumischen. „Bring uns zwei Gläser Roten“, sagte er.
„Is ja gut, Mehmet!“ Rita zerquetschte den Joint im Aschenbecher. „War sowieso nur noch Filterpappe.“ Mehmet nahm den Aschenbecher. „Sowieso kiffst du zu viel, Rita.“
Rita zeigte ihm den Stinkefinger und fing an, eine Zigarette zu drehen.
„Drehst du mir auch eine?“
Das Saxofon-Solo aus ‚Take a walk on the wild side‘ füllte den Raum. Mehmet brachte zwei Gläser Wein und stellte einen sauberen Aschenbecher auf den Tisch. „Geile Musik”, sagte Remco. Mehmet nickte geschmeichelt. Remco prostete Rita zu, sie leerte ihr Glas in einem Zug und hielt Mehmet das Glas hin. „Noch mal dasselbe.“ Mehmet, der Ritas Trinkgewohnheiten kannte, hatte die Flasche gleich mitgebracht und schenkte nach. Remco war ein überraschter Pfiff entfahren. „Is normal bei Rita“, sagte Mehmet und kehrte zurück an seinen Platz hinter der Bar.
„Ich kann auch selbst bezahlen, wenn‘s dir nicht passt.“
„Du bist aber empfindlich“, sagte Remco „Hör zu, was Lou Reed singt, hey babe, take a walk on the wild side.” Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht.
„Du machst‘n Gesicht wie Magengeschwür“, sagte sie, „der Wein schmeckt wohl nicht oder was?“
„Wie hast du das nur so schnell erraten?“
„Er wird aber mit jedem Glas besser.“ Sie grinste.
„Is klar!“ Er zeigte mit dem Kinn auf die Telefonzelle. „Hast du’n Problem?“
„Und wenn ich eins hätte?“
„Kann man es vielleicht lösen.“
Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Irgendwie fall ich immer auf dieselben Typen rein. Männer sind eben Schweine.“ Sie biss auf den schwarzen Handschuh. „That‘s it!“
„Wenn du schon als Junge hörst, dass Männer Schweine sind, dann wirst du eben auch eins.“ Sie winkte ab und gähnte, die Zunge bog sich zwischen spitzen Zähnen: Eine fleischfressende Pflanze, dachte er. „Und was für Typen sind das, auf die du immer reinfällst?“
„Dreckstypen!“ Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, atmete einige Male tief durch und machte eine Bewegung, als wollte sie etwas von sich schleudern, so heftig, dass der Tisch wackelte und etwas Wein überschwappte. „Am liebsten würde ich abhauen.“ Remco griff nach dem Glas und rückte es zurecht. „Und warum tust du‘s nicht?“
„Wovon soll ich leben?“
„Eine schöne Frau findet immer eine Möglichkeit,“ er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, „wenn sie einen guten Freund hat.“
„Und der gute Freund bist du?“ In ihrer Stimme war Spott. Ihre kleine Vorstellung von Trauer und Wut war vorüber, sie zeigte wieder ihre Katzenzähne. Remco deutete das als Lächeln. „Warum nicht?“ Er sagte das, als wäre es selbstverständlich, einer Frau die Freundschaft anzubieten, die er vor einer halben Stunde zum ersten Mal gesehen hatte.
„Werde ich dann nicht wieder abhängig sein?“
„Hast du eine andere Wahl?“
„Was hätte denn so ein guter Freund zu bieten?“ Sie betonte das ironisch, es war nicht zu überhören, was sie davon hielt.
„‘ne Menge, wenn du Geduld hast.“
„Geduld!“ Sie spuckte das Wort aus. „Hab ich nich.“
Er hob das Glas. Als er trank, dachte er an Laura, die auch so ungeduldig war. Der Gedanke machte den Wein zu einer zähen Masse, die ihm die Speiseröhre abschnürte.
„Ik had al heel lang geen vrouw meer aan mijn zijde.“
Unwillkürlich hatte er niederländisch gesprochen, aber sie verstand, was er meinte. „Und jetzt suchst du Ersatz“, stellte sie fest. Wieder versuchte er, mit einem Pappkügelchen die Spinne zu treffen, die immer noch regungslos im Netz saß. „Meine letzte Freundin hat geglaubt, sie wäre unersetzlich“, sagte er. Bei dem Spiel, das er spielte, musste er cool bleiben, sentimentale Erinnerungen störten nur.
„Niemand ist unersetzlich.“
Ihre Finger in den schwarzen Handschuhen krochen über seinen Arm, seine Finger krochen ihnen entgegen. Zwei Spinnen, die sich paaren wollen, dachte er. Oder wollen sie einander fressen? Er verscheuchte den Gedanken, verstärkte den Druck seiner Finger und schaute Rita in die Augen. Es ging darum, die nächsten Tage bei ihr unterzutauchen, bis er einen Käufer gefunden hatte. Und dann: Fifty ways to leave your lover.
„Ich hab ein bisschen Koks. Was hältst du davon?“
Sie riss ein Stück vom Bierfilz, rollte es zwischen den Fingern, warf und traf, mit einem Sprung stürzte sich die Spinne auf ihre Beute. Verarscht, dachte Remco. „So macht man das“, sagte Rita und stand auf. „Ja dann – worauf warten wir noch?“ Sie ging zum Ausgang. Er folgte ihr und legte einen Schein auf die Bar. „Der Rest ist für dich, Mehmet.“ Der Barmann nickte. „Leg sie flach“, sagte er feierlich. „Ihre Seufzer werden zum Himmel dringen und deinen Platz im Paradies polstern.“
„Is das’ne Sure aus‘m Koran?“
„Aber hallo!“ Mehmet lachte, seine Augen waren rot unterlaufen, die Augenlider schwer.
„Mein Auto steht in einem Parkhaus am Bahnhof.“
„Dann lassen wir es da lieber stehen und gehen zu Fuß. Es ist nicht weit.“
Inzwischen war es dunkel geworden. Der Weg, den Rita nahm, führte durch eine Straße mit niedrigen Häusern, die in der milchigen Luft zu schwimmen schienen. Ihre Hüften berührten sich beim Gehen, er schob eine Hand unter ihr T-Shirt, spürte ihre nackte Haut und zog sie an sich. Über ihnen schaukelten Girlanden mit roten Lampions im warmen Wind. Remco dachte an die malaiischen Dschunken, die er auf Lombok gesehen und wie er sich vorgestellt hatte, auf ihnen lauerten Piraten mit geschwungenen Säbeln. Diese Straße weckte andere Fantasien, hier führten geile Männer ihre Schwänze spazieren, glotzten auf Frauen, die sich zur Schau stellten. Manche saßen mit entblößten Brüsten gelangweilt rauchend in protzigen Sesseln, andere lagen mit gespreizten Schenkeln auf kitschigen Kissen und boten einen Blick auf ihre Möse.
Sie ließen die Bordellstraße hinter sich. Es war schwül, vielleicht die schwülste Nacht des Jahres. Gespensterhafte Wolken von weißen Motten stürzten sich in das Licht der Straßenlaternen, vergingen und entstanden neu aus der warmen Dunkelheit. Rita bog auf einen schmalen, von einem niedrigen Zaun eingefassten Weg ab, Remco straffte den Rücken und folgte ihr in das Dunkel eines verwilderten Parks. Hinter schmiedeeisernen Gittern ragten schemenhaft dunkle Gestalten auf, seltsame Geräusche begleiteten sie, das Rascheln und Schmatzen von kleinen Tieren, die im Laub nach Futter suchten, im Gebüsch stritten sich Vögel um einen Schlafplatz, irgendwo ächzte und jaulte ein Hund. Oder ein Liebespaar?
„Ist das hier‘n Zombie-Park?“
„Das war früher mal ein Friedhof.“
Vielleicht finde ich hier ein Versteck, dachte Remco. Nachdem er den Koffer im Schließfach am Bahnhof deponiert hatte, wusste er nicht, wohin mit dem Schlüssel. Solange Tebbe nicht weiß, wo der Schlüssel ist, muss er mich am Leben lassen, hatte er gedacht und ihn in die Tasche gesteckt.
„Warte mal‘n Augenblick.“
Es dauerte eine Weile, bis er im Dunkeln eine geeignete Grabstelle gefunden und den Schlüssel auf eine Marmorschale unter einer großen Topfpflanze gelegt hatte. Rita hatte sich die Zeit mit Rauchen vertrieben. „Pinkeln hättest du auch bei mir können“, sagte sie spöttisch und ließ die Zigarette fallen.
Das Haus erhob sich wie ein dunkler Klotz zwischen den Bäumen. Als sie sich näherten, flammte eine Lampe auf, in deren Licht die Fassade wie matt poliertes Gusseisen glänzte, links und rechts der Treppe zum Eingang wachten mit erhobenen Schwertern zwei Engel aus grauem Stein.
„Is dat een rouwcentrum? Wie sagt man auf deutsch? Trauerhaus?“
„Trauerhalle. – Kann sein, keine Ahnung! Das wird sowieso irgendwann abgerissen.“
„Und du wohnst hier alleine?“
Er bekam keine Antwort. Die Tür war groß und schwer, Rita musste sich anstrengen, um sie aufzudrücken. Sie befanden sich in einem kühlen, finsteren Raum, in dem sich Modergeruch mit einem Duft mischte, der ihn an Tebbes ekelhaftes Parfüm (Marke Stress) erinnerte. Er blieb stehen, damit sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten. Mit einem dumpfen Schlag fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss, nach dem Geräusch zu urteilen, befanden sie sich in einer großen Halle. Ein schwacher Lichtschein von oben schälte eine Treppe aus der Finsternis. Remco fühlte sich eingeschlossen. „Ich seh nichts“, sagte er beklommen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinauf. Die Treppe endete an einem dunklen Korridor, der von einem schmalen Lichtstreifen schwach erhellt wurde, nach ein paar Schritten blieb sie stehen.
„Augenblick“, sagte sie, „ich mach Licht.“
Er spürte einen Luftzug, als sich die Tür öffnete, der Fußboden knarrte unter ihren Schritten, ein Lichtschalter knackte, es wurde hell, zu hell nach der Dunkelheit. Das grelle Licht kam von einer nackten Glühbirne, die über einem Ständer hing, ein altmodisches Mikrofonstativ, wie Remco sah. Er schirmte seine Augen mit der Hand ab. „Schicke Lampe“, sagte er. „Blendet’n bisschen.“ Er zeigte auf den Kronleuchter, der von der Decke hing. „Der funktioniert wohl nicht?“ Sie schloss die Tür hinter sich ab und schüttelte den Kopf. „Nee. Die Birnen sind alle durchgebrannt, eine nach der andern.“
„Ja und? Das Licht ist schrecklich.“
„Ich hab keine Leiter...“ Noch bevor er fragen konnte, warum sie nicht auf einen Stuhl stieg, fügte sie hinzu: „Ersatzbirnen hab ich auch nicht.“
Er schaute sich um. An der Wand gegenüber waren zwei Fenster mit schmuddeligen Netzgardinen. Jemand hatte begonnen, die Tapete abzureißen, die Arbeit aber nicht zu Ende geführt, die Fetzen hingen in mehreren Schichten herab, elektrische Leitungen lagen offen wie frei liegende Nerven. Zwischen den Fenstern stand eine hässliche, kniehohe Vase, in der eine einsame Sonnenblume aus Plastik steckte, die grotesk verkrümmt war wie ein Fötus und stumpf von Staub. An der Wand links stand ein niedriger Schrank mit verschnörkelten Schnitzereien, ein Überbleibsel einstiger Pracht, darüber ein großer Spiegel mit einem golden glänzenden Rahmen. An der Wand daneben waren in fettem Lila drei Worte gesprayt: Nunc aut numquam!
„Ist das von dir?“
Sie schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, wer das war.“
„Das ist lateinisch“, sagte er. „Glaub ich wenigstens.“
Sie schien nicht interessiert. „Auf dem Spiegel steht dasselbe.“
Über das dunkle Parkett, schadhaft mit vielen Lücken, schlängelte sich ein schmieriges Stromkabel wie ein Wurm von einer Steckdose zu einer Stereoanlage, auf dem Boden daneben ein Haufen CDs. In der Mitte des Raums stand ein billiger Tisch aus weißem Plastik, auf dem Modemagazine, Döschen und Tuben mit Kosmetik, ein Reisewecker, ein überquellender Aschenbecher und anderes undefinierbares Zeug über- und nebeneinanderlag. An dem Tisch zwei Stühle in dazu passender weißer Hässlichkeit, an der Wand ein Bett, über dessen Matratze ein karierter Schlafsack gebreitet war. Das alles machte nicht den Eindruck, als ob Rita viel auf Ordnung und Sauberkeit gab. Remco störte das nicht, im Gegenteil, je mehr Chaos desto besser.
„Hast du das Bett aus‘m Krankenhaus?“
„Wie kommst du denn da drauf?“
„Weil es Räder hat.“
„Das stand schon hier.“
„Hübsch hässlich.“
„Wenn‘s dir nich gefällt, kannste ja wieder gehn.“
„Sei nicht schon wieder beleidigt.“
Das Parkett stöhnte bei jedem Schritt und das Bett jammerte gequält, als er sich darauf ausstreckte und wippte.
„Ich such eine Unterkunft für’n paar Tage.“ Er grinste. „Hast du was frei?“
Sie verzog misstrauisch ihr Gesicht.
„Ich zahle im Voraus.
„Ich weiß nicht...“ Sie blieb skeptisch.
Er richtete sich auf, zog eine Rolle Geldscheine aus der Tasche seiner Lederjacke und blätterte vier Fünfziger ab, wobei er darauf achtete, dass sie nicht sah, wie viel Geld er hatte.
„Reicht das?“
Sie nahm die Scheine wortlos und verschwand durch eine Tür rechts vom Eingang, die ihm vorher nicht aufgefallen war, in einen Nebenraum. Er streckte sich aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und betrachtete die Decke des Raums. Sie war rundum mit Girlanden aus Stuck verziert, in der Mitte befand sich eine Rosette, grau vom Staub, daran hing der Kronleuchter, dessen Glasklunker im Licht der gnadenlosen Glühbirne glitzerten. Vielleicht ist das hier mal ein repräsentativer Salon gewesen, in dem sich Paare zu Walzermelodien gedreht haben, dachte er, vor langer Zeit irgendwann. Jetzt waren aus dem Deckenputz große Fladen gebrochen, die Holzleisten des Spaliers lagen frei. Für die Trostlosigkeit des Raums gab es auf keiner Skala eine Marke. Oder sind hier doch Leichen aufgebahrt worden? Er stellte sich vor, dass in den Mauerspalten eine Schlacht zwischen Spinnen und Kakerlaken tobte, die nur darauf warteten, dass sie sich auf ihn stürzen konnten, um ihn anzunagen, wenn das Licht gelöscht wurde. Oder die Decke bricht komplett herunter und erschlägt mich, dachte er. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, in einer Falle zu sitzen. Er schwang sich aus dem Bett, hängte seine Lederjacke über eine Stuhllehne, ging hinüber zu den Fenstern und zog die vom Teer aus unzähligen Zigaretten braungefärbte Gardine zur Seite. Das Fenster ließ sich nicht öffnen, wahrscheinlich waren die Scharniere eingerostet, auch bei dem anderen gelang es erst mit einigem Kraftaufwand, aber anstatt auf den nächtlichen Park, wie er gehofft hatte, schaute er auf eine vielleicht zwei Meter entfernte Ziegelmauer. Unter dem Fenster war ein Mauervorsprung mit einer dicken Dreckschicht, auf der etwas matt schimmerte. Er beugte sich weiter hinaus, unten herrschte Dunkelheit, es stank nach Verwesung, beim Blick nach oben sah er einen schmalen Streifen grauen Himmel.
„Ist es so besser?“
Er schaute sich um, der Raum war jetzt dunkler, wirkte intim, geheimnisvoll, Rita hatte ein rotes Tuch über das Stativ und die Glühbirne gehängt. „Viel besser“, sagte er, schloss das Fenster und ging zurück zum Bett. „Wie hältst du das nur aus?“
„Was?“
„Dass du auf eine Mauer kuckst, wenn du das Fenster aufmachst.“
„Ich kuck nich aus‘m Fenster.“
Er setzte sich auf die Bettkante. „Hast du was zu trinken?“
„Ich hab Wein und Wasser aus der Leitung. Und Tee könnte ich machen.“
„Wein wär nicht schlecht.“
Sie verschwand durch die Tür zum Nebenraum. Als sie mit einer Flasche und zwei Gläsern zurückkam, stellte Remco erfreut fest, dass sie die Uniformjacke ausgezogen und die gelbe Schleife aus dem Haar entfernt hatte. Sie füllte die Gläser, reichte ihm eins und setzte sich auf einen Stuhl. Er drehte zwei Zigaretten und gab ihr eine. Eine Zeitlang rauchten sie schweigend, bis sie plötzlich, als hätte sie einen Entschluss gefasst, aufstand, die Zigarette in den Aschenbecher legte, die Armreifen abstreifte und sie auf den Tisch legte.
„Jetzt pass mal auf“, sagte sie.
Sie legte eine CD in den Player. Der Klang von Streichinstrumenten füllte den Raum. Rita zog das T-Shirt über den Kopf, schälte sich aus dem Lederrock, schleuderte die Stiefelchen von den Füßen, streifte die Strumpfhose und den Slip ab. Sie war nun nackt. Auf ihrer Haut lag das rötliche Licht wie eine hauchdünne Schicht Perlmutt. Mit einer eleganten Bewegung warf sie alles auf den Boden, ging mit leicht auswärts gesetzten Füßen wie eine Ballerina in die Mitte des Raums, breitete die Arme aus und begann zu tanzen. Remco richtete sich auf. Bis jetzt hatte ihn am Ballett abgesehen von den Körpern der Mädchen wenig interessiert, aber dass Rita das nicht zum ersten Mal machte, das sah er. Sie konnte tanzen, da gab es keinen Zweifel. Eigentlich fand Remco Geigenmusik ohne Schlagzeug und elektrische Gitarren langweilig, aber nun änderte die Musik ihren Charakter. Ein Schlagzeug und ein Bass setzten mit einem Rockrhythmus ein und trieben die Streicher vor sich her, eine elektrische Gitarre drängte sie in den Hintergrund und übernahm die Führung. Rita wechselte gekonnt von klassischem Ballett zu Jazztanz. Je mehr die Musik Remcos Geschmack entsprach, desto besser fand er Ritas Performance. Sie ließ ihre Hüften kreisen, ihr Becken rollen und fiel nach einer Pirouette, die sie nur andeutete, mit einer letzten Drehung in den Spagat. Remco war echt begeistert, er klatschte, die kahlen Wände verstärkten den Applaus. „Das war super, Rita!“
„Hat’s dir gefallen?“, sagte sie außer Atem. Auf ihrer Stirn glitzerten Schweißperlen.
„Komm her!“ Er streckte die Hand aus.
„Warte noch.“ Sie raffte ihre Sachen vom Boden. „Ich will erst noch duschen.“
„Ich hab Ballettunterricht gehabt, seit ich sieben war. Nach der Schule hab ich in Hamburg eine Musical-Ausbildung gemacht. Ich hatte sogar ein Angebot von einer Hamburger Agentur für Cats.“ In ein Badetuch gehüllt lag sie neben ihm. „Das is‘n harter Job. Du muss jeden Tag trainieren, du hast so gut wie nie Freizeit und Sicherheit hast du natürlich auch nicht, weil so‘n Engagement ist ja begrenzt, also musst du dich dauernd neu bewerben und vorsprechen. Aber wenn du auf der Bühne stehst, ist das alles vergessen. Deshalb hab ich davon geträumt, ein Star zu werden.“
„Da bist du nicht die einzige, den Traum hab ich auch mal geträumt…“
Sie drehte sich zu ihm, schaute ihn fragend an.
