Die Lady im See - Raymond Chandler - E-Book

Die Lady im See E-Book

Raymond Chandler

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Beschreibung

Wo steckt Crystal Kingsley? Ist sie wirklich mit ihrem Liebhaber nach Mexiko durchgebrannt? Um seinen Ruf zu schützen, beauftragt ihr Ehemann Detektiv Marlowe mit der Suche nach ihr. Fern von seinem Stammgebiet Los Angeles findet Marlowe sich an einem Bergsee wieder. Fast schon Urlaub. Doch da bekommt er es mit mehreren, nur scheinbar blauäugigen Blondinen zu tun. Der Ferienort wird zur Gänsehautidylle. Der Showdown mit einer korrupten Welt lässt nicht auf sich warten. In der erfrischenden Neuübersetzung von Robin Detje.

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Seitenzahl: 352

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Raymond Chandler

Die Lady im See

Roman

Aus dem Amerikanischen von Robin Detje

Mit einem Nachwort von Rainer Moritz

Diogenes

1

Das Treloar Building steht seit jeher an der Olive Street, Nähe Sixth Street, auf der Westseite der Straße. Der Bürgersteig davor, aus schwarzen und weißen Gummiplatten, wurde gerade von der Regierung requiriert, und ein blasser, barhäuptiger Mann mit Hausmeistergesicht sah mit einer Miene dabei zu, als bräche ihm das Herz.

Ich ging an ihm vorbei, durch eine Passage mit Luxusgeschäften, in eine riesige Eingangshalle in Schwarz und Gold. Die Gillerlain Company hatte ihre Büros im siebten Stock, zur Straße, hinter Schwingtüren aus platingerahmtem Doppelglas. Im Empfangsraum lagen chinesische Teppiche, die Wände waren mattsilber, die Möbel kantig, aber raffiniert. Auf Sockeln wurden scharfe, glitzernde Brocken abstrakter Bildhauerkunst präsentiert, und eine hohe, dreieckige Vitrine in der Ecke schien auf Treppchen und Podesten, Inseln und Felsvorsprüngen aus glänzendem Spiegelglas alles zu enthalten, was man sich an Fläschchen und Schatullen nur ausmalen konnte. Da gab es Cremes und Puder und Seifen und Duftwässerchen für alle Jahreszeiten und Gelegenheiten. Da gab es Parfüms in zarten hohen Flakons, die aussahen, als würden sie beim ersten Lufthauch umstürzen, und andere in pastellfarbenen Phiolen mit reizenden Satinschleifchen, wie kleine Mädchen beim Ballettunterricht. Das Sahnehäubchen schien etwas ganz Kleines und Einfaches in einer kompakten bernsteinfarbenen Flasche zu sein. Genau in der Mitte, in Augenhöhe, mit viel Platz um sich herum und der Aufschrift Gillerlain Regal – Der Champagner unter den Düften. Den musste man eindeutig haben. Ein Tröpfchen davon in die Halsgrube, und schon rieselten die rosa Perlen nur so auf einen herab wie ein Sommerregen.

Ganz hinten in der Ecke saß an einer Nebenstellenanlage hinter einer schützenden Trennwand eine artige kleine Blondine. Und in direkter Linie hinter der Eingangstür thronte ein großes, schlankes, dunkelhaariges Schätzchen, wobei es sich, dem Namensschild mit Prägeschrift auf dem leeren Schreibtisch nach, um eine Miss Adrienne Fromsett handelte.

Das Fräulein trug ein stahlgraues Kostüm, dazu eine dunkelblaue Bluse und eine etwas heller getönte Herrenkrawatte. Die Kanten des gefalteten Einstecktuchs in ihrer Brusttasche sahen scharf genug aus, um damit Brot zu schneiden. Ein Kettenarmband war ihr einziger Schmuck. Das dunkle Haar war gescheitelt und leicht, aber kunstvoll gewellt. Die Haut war glatt und elfenbeinfarben, die Brauen wirkten eher streng, und die Augen darunter sahen aus, als würden sie zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu leuchten beginnen.

Ich legte ihr meine schlichte Visitenkarte hin, die ohne Maschinenpistole in der Ecke, und fragte nach Mr. Derace Kingsley. Sie besah sich die Karte und fragte: »Haben Sie einen Termin?«

»Habe ich nicht.«

»Ohne wird es schwierig werden.«

Dem war nicht viel entgegenzusetzen.

»Worum geht es, Mr. Marlowe?«

»Persönliche Angelegenheit.«

»Verstehe. Und Mr. Kingsley kennt Sie, Mr. Marlowe?«

»Ich glaube nicht. Vielleicht hat er meinen Namen schon mal gehört. Lieutenant M’Gee schickt mich.«

»Und Mr. Kingsley kennt Lieutenant M’Gee?« Sie warf meine Karte neben einen Stapel Papier mit frisch getippten Briefköpfen. Sie lehnte sich zurück, legte einen Arm auf den Schreibtisch und trommelte leise mit einem kleinen goldenen Bleistift.

Ich grinste sie an. Die kleine Blonde an der Telefonanlage schob eine Ohrmuschel vor und lächelte ein kleines scheues Lächeln. Sie sah verspielt und neugierig aus, aber ein wenig verunsichert, wie ein junges Kätzchen in einem Haushalt, in dem man Kätzchen nicht wirklich mag.

»Das hoffe ich sehr. Vielleicht fragen Sie ihn am besten selbst.«

Sie zeichnete rasch drei Briefe ab, um mir nicht das Schreibset an den Kopf zu werfen. Sie redete weiter, ohne den Blick zu heben.

»Mr. Kingsley ist in einer Besprechung. Sobald ich Gelegenheit habe, reiche ich ihm Ihre Karte hinein.«

Ich bedankte mich und nahm in einem Chrom-Leder-Sessel Platz, der viel bequemer war, als er aussah. Die Zeit verstrich, Stille senkte sich über die Szene. Niemand kam oder ging. Die elegante Hand von Miss Fromsett glitt über ihre Unterlagen, manchmal wurde ein leises Maunzen des Kätzchens an der Telefonanlage hörbar, und das kleine Klicken der Stecker, die ein- und ausgestöpselt wurden.

Ich zündete mir eine Zigarette an und zog einen Standaschenbecher neben den Sessel. Auf Zehenspitzen schlichen die Minuten vorbei, den Zeigefinger an den Lippen. Ich sah mich um. Die Ausstattung war schwer einzuschätzen. Vielleicht verdiente die Firma gerade Millionen, oder aber sie hatten gerade den Sherif‌f im Hinterzimmer, die Stuhllehne gegen den Panzerschrank gelehnt.

Eine halbe Stunde und drei, vier Zigaretten später öffnete sich hinter Miss Fromsetts Schreibtisch die Tür, und im Rückwärtsgang traten lachend zwei Männer heraus. Ein dritter hielt ihnen die Tür auf und half ihnen beim Lachen. Alle schüttelten einander herzlich die Hand, die beiden Männer durchschritten den Empfangsraum und gingen. Der dritte Mann ließ sich das Grinsen aus dem Gesicht rutschen und sah plötzlich aus, als hätte er im Leben noch nie gegrinst. Er war ein großer Typ in grauem Anzug, der sich nichts bieten ließ.

»Gab es etwas?«, fragte er im Befehlston.

Leise sagte Miss Fromsett: »Ein Mr. Marlowe möchte Sie sprechen. Lieutenant M’Gee schickt ihn. In einer persönlichen Angelegenheit.«

»Nie von ihm gehört«, bellte der großgewachsene Mann. Er nahm meine Karte, ohne mir auch nur einen Blick zuzuwerfen, und ging wieder in sein Büro. Der pneumatische Türschließer machte ein Geräusch, das wie »Uf‌f« klang. Miss Fromsett lächelte mit süßem Bedauern in meine Richtung, und ich quittierte ihr Lächeln mit einer anzüglichen Grimasse. Ich verqualmte noch eine Zigarette, und noch mehr Zeit torkelte ins Land. Langsam schloss ich die Gillerlain Company wirklich ins Herz.

Nach zehn Minuten öffnete dieselbe Tür sich erneut, und der große Macker kam heraus, den Hut auf dem Kopf. Er gehe zum Friseur, schnarrte er. Er setzte an, kraftvoll den chinesischen Teppich zu überqueren, bog aber auf halbem Weg zur Tür scharf ab und kam zu meiner Sitzecke zurück.

»Sie wollten mich sprechen?«, bellte er.

Er maß zirka zwei Meter, und nichts an ihm war weich. In seinen stahlgrauen Augen sah ich kaltweißen Glimmer. Den grauen Flanell in Größe L mit dünnem Nadelstreif füllte er mühelos aus. Seiner ganzen Art nach war mit ihm nicht gut Kirschen essen.

Ich erhob mich. »Wenn Sie Mr. Derace Kingsley sind.«

»Was haben Sie denn gedacht?«

Diesen Punkt schenkte ich ihm und reichte ihm meine andere Karte, die mit dem Signet. Er klemmte sie sich in die Pranke und blickte finster darauf herab.

»Wer ist M’Gee?«, blaffte er.

»Einfach jemand, den ich kenne.«

»Faszinierend«, sagte er und warf Miss Fromsett einen Blick zu. Das gefiel ihr. Es gefiel ihr sehr. »Wollen Sie mir sonst noch etwas über ihn verraten?«

»Na gut, er wird auch Veilchen M’Gee genannt«, sagte ich. »Weil er kleine Halspastillen kaut, die nach Veilchen riechen. Er ist dick, hat weiche silbergraue Haare und einen Mund, perfekt zum Babys küssen. Als er das letzte Mal gesehen wurde, trug er einen hübschen blauen Anzug, bequeme braune Schuhe, einen grauen Homburg und rauchte Opium aus einer kurzen Bruyère-Pfeife.«

»Ihr Benehmen gefällt mir nicht«, sagte Kingsley mit einer Stimme zum Paranüsse knacken.

»Das macht nichts«, sagte ich. »Es ist nicht zu verkaufen.«

Er fuhr zurück, als hätte ich ihm eine Wochen alte Makrele unter die Nase gehalten. Nach kurzem Zögern drehte er sich um und sagte über die Schulter: »Ich opfere Ihnen genau drei Minuten. Weiß der Himmel, warum.« Er heizte über den Teppich zurück, vorbei an Miss Fromsett zu seiner Tür und knallte sie mir beinahe auf die Nase, so heftig riss er sie auf. Das gefiel Miss Fromsett auch, aber mir war, als hätte sie jetzt ein listiges kleines Lachen in den Augen.

2

Das Chefzimmer hatte alles, was ein Chefzimmer haben sollte. Es war langgestreckt, dämmrig und still, mit Klimaanlage, geschlossenen Fenstern und gegen die grelle Julisonne halb heruntergelassenen grauen Jalousien. Die grauen Vorhänge waren auf den grauen Teppich abgestimmt. In einer Ecke stand ein großer Panzerschrank in Schwarz und Silber, an der Wand gab es eine Reihe dazu passender niedriger Aktenschränke. Dort hing auch hinter Glas die riesige getönte Photographie eines älteren Herrn mit scharf geschnittener Nase, Koteletten und Vatermörder. Der Adamsapfel, der sich durch den Kragen drängte, sah härter aus als das Kinn bei den meisten Menschen. Auf dem Schild unter der Photographie stand: Mr. Matthew Gillerlain 1860–1934.

Derace Kingsley marschierte zackig hinter seinen zirka achthundert Dollar schweren Chef-Schreibtisch und pflanzte sich in seinen hochlehnigen Ledersessel. Aus einer kupferbeschlagenen Mahagonikiste nahm er eine Panatela, schnitt die Spitze ab und zündete sie sich mit einem fetten kupfernen Tischfeuerzeug an. Dabei ließ er sich Zeit. Auf meine Zeit kam es ihm nicht an. Als er so weit war, lehnte er sich zurück, paffte eine kleine Rauchwolke in die Luft und sagte: »Ich bin Geschäftsmann. Bei mir gibt es keine Fisimatenten. Sie sind Privatdetektiv mit Lizenz, steht auf Ihrer Karte. Zeigen Sie mir mal einen Beleg dafür.«

Ich zog meine Brief‌tasche heraus und zeigte ihm einen Beleg dafür. Er sah ihn sich an und warf ihn dann wieder über den Tisch. Dabei fiel die Zelluloidhülle mit der Photostat-Kopie meiner Lizenz zu Boden. Es war ihm keine Entschuldigung wert.

»M’Gee kenne ich nicht«, sagte er. »Ich kenne Sherif‌f Petersen. Ich habe ihn gebeten, mir einen verlässlichen Mann für einen Job zu empfehlen. Das werden wohl Sie sein.«

»M’Gee sitzt in der Außenstelle des Sheriffs in Hollywood«, sagte ich. »Können Sie überprüfen.«

»Nicht nötig. Sie werden schon was taugen, aber kommen Sie mir bloß nicht komisch. Und nie vergessen, wenn ich einen Mann einstelle, ist er mein Mann. Er tut genau, was ich sage, und hält die Klappe. Sonst ist er ganz schnell wieder draußen. Ist das klar? Ich bin doch hoffentlich nicht zu taff für Sie?«

»Die Frage können wir erst einmal offenlassen«, sagte ich.

Er verzog das Gesicht. Mit schneidender Stimme fragte er: »Was berechnen Sie?«

»Fünfundzwanzig am Tag plus Spesen. Fahrtkosten: acht Cent pro Meile.«

»Absurd«, sagte er. »Viel zu teuer. Fünfzehn pro Tag, pauschal. Das ist üppig. Die Fahrtkosten zahle ich, in vernünftigem Rahmen, so wie die Dinge stehen. Aber keine Extratouren.«

Ich blies ein kleines Wölkchen grauen Zigarettenrauch in die Luft und wedelte mit der Hand. Ich sagte nichts. Er schien ein wenig überrascht zu sein, dass ich nichts sagte.

Er lehnte sich über den Schreibtisch und zeigte mit der Zigarre auf mich. »Sie sind noch nicht engagiert«, sagte er, »aber falls Sie es werden, dieser Auf‌trag ist streng vertraulich. Sie werden Ihren Freunden bei der Polizei nichts ausplaudern. Ist das klar?«

»Worum geht es eigentlich, Mr. Kingsley?«

»Das kann Ihnen doch egal sein. Als Detektiv machen Sie doch alles, oder?«

»Alles nicht. Es muss schon einigermaßen anständig sein.«

Er blickte mich ungerührt an, mit angespanntem Kiefer. Seine grauen Augen waren stumpf.

»Scheidungsangelegenheiten übernehme ich zum Beispiel nicht«, sagte ich. »Und von Fremden bekomme ich hundert Dollar Vorschuss auf die Hand.«

»Verstehe«, sagte er, plötzlich kleinlaut. »Verstehe.«

»Und was die Frage angeht, ob Sie zu taff für mich sind«, sagte ich, »meistens weinen meine Klienten mir zu Anfang das Hemd voll, oder sie brüllen mich nieder, weil sie zeigen wollen, wer hier der Boss ist. Aber am Ende sind sie ganz vernünftig – wenn sie noch leben.«

»Verstehe«, wiederholte er, immer noch kleinlaut, und starrte mich unverwandt an. »Sterben Ihnen viele weg?«, fragte er.

»Nicht, wenn sie mich gut behandeln«, sagte ich.

»Zigarre?«, fragte er.

Ich nahm mir eine und steckte sie ein.

»Ich möchte, dass Sie meine Frau finden«, sagte er. »Sie wird seit einem Monat vermisst.«

»Okay«, sagte ich. »Ich finde Ihnen Ihre Frau.«

Er tätschelte mit beiden Händen seinen Schreibtisch und starrte mich fest an. »Das traue ich Ihnen sogar zu«, sagte er. Dann grinste er. »So ist mir schon seit vier Jahren keiner mehr gekommen«, sagte er.

Ich sagte nichts.

»Was soll’s«, sagte er. »Hat mir richtig Eindruck gemacht.« Er fuhr sich mit der Hand durch sein volles schwarzes Haar. »Sie ist schon einen ganzen Monat verschwunden«, wiederholte er. »Aus dem kleinen Haus, das wir in den Bergen haben. In der Nähe von Puma Point. Wissen Sie, wo das ist?«

Ich bestätigte ihm, dass ich wusste, wo das war.

»Die Hütte steht drei Meilen vom Dorf entfernt«, sagte er, »ein Teil des Wegs ist Privatstraße. Es liegt an einem Privatsee. Little Fawn Lake. Wir haben dort zu dritt einen Damm aufschütten lassen. Ich teile mir das Gelände mit zwei anderen. Es ist recht groß, aber nicht erschlossen, und wird es jetzt natürlich auf absehbare Zeit auch nicht mehr werden. Meine Freunde haben ein kleines Haus, ich habe eines, und in einem weiteren lebt mietfrei mit seiner Frau ein gewisser Bill Chess, der dort nach dem Rechten sieht. Kriegsversehrt, mit Invalidenrente. Mehr gibt es da oben nicht. Meine Frau ist Mitte Mai raufgefahren, war übers Wochenende zweimal wieder hier unten, hätte am 12. Juni auf eine Party kommen sollen, ist aber nie aufgetaucht. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.«

»Was haben Sie unternommen?«, fragte ich.

»Nichts. Überhaupt nichts. Ich bin nicht mal raufgefahren.« Er schwieg und wartete, dass ich Warum fragte.

»Warum?«, fragte ich.

Er schob seinen Sessel zurück und schloss eine Schublade auf. Er holte ein gefaltetes Blatt Papier heraus und reichte es mir. Es war ein Telegramm, aufgegeben in El Paso, am 14. Juni um 9:19 Uhr. Adressiert an Derace Kingsley, 965 Carson Drive, Beverly Hills. Es lautete:

»GEHE ÜBER DIE GRENZE FÜR MEXIKANISCHE SCHEIDUNG STOP HEIRATE CHRIS STOP ADIEU UND ALLES GUTE CRYSTAL«

Ich legte das Telegramm auf meiner Seite des Schreibtischs ab, während er mir einen großen und sehr scharfen Abzug von einem Mann und einer Frau am Strand reichte, die unter einem Sonnenschirm im Sand saßen. Der Mann trug eine Badehose, und die Frau etwas, das wie ein sehr gewagter weißer Sharkskin-Badeanzug aussah. Eine schlanke Blondine, jung, wohlgeformt und lächelnd. Der Mann war ein saftiger dunkler Schönling mit kräftigen Schultern und Beinen, glänzenden schwarzen Haaren und weißen Zähnen. Die Ein-Meter-achtzig-Standard-Abrissbirne für Ehen und Familien. Gut für eine kräftige Umarmung, und sein Gesicht war schon alles, was er an Grips besaß. Er hatte eine Sonnenbrille in der Hand und lächelte gekonnt und lässig in die Kamera.

»Dies ist Crystal«, sagte Kingsley, »und das ist Chris Lavery. Sie kann ihn haben, und er kann sie haben, mir piepegal.«

Ich legte das Photo auf das Telegramm. »Okay, wo ist dann der Haken?«, fragte ich.

»Da oben gibt es kein Telefon«, sagte er, »und der Termin, zu dem sie nicht erschienen ist, war nicht wichtig. Deshalb habe ich an die Sache kaum einen Gedanken verschwendet, bis das Telegramm kam. Das war keine große Überraschung. Unsere Beziehung hat sich schon vor Jahren totgelaufen. Sie lebt ihr Leben, und ich lebe meins. Sie hat ihr eigenes Geld, und zwar reichlich. Zirka zwanzigtausend pro Jahr, aus einem Familienunternehmen, dem in Texas kostbare Bohrlizenzen gehören. Sie macht herum, und ich wusste, dass sie auch mit Lavery herummacht. Dass sie ihn heiraten will, hätte mich ein wenig überraschen können, der Mann ist einfach nur ein Gigolo. Aber bis dahin war das Gesamtbild stimmig, verstehen Sie?«

»Und dann?«

»Zwei Wochen lang nichts. Dann hat sich das Prescott Hotel aus San Bernardino bei mir gemeldet, bei ihnen in der Garage stehe ein auf Crystal Grace Kingsley unter meiner Adresse eingetragener Packard Clipper und werde nicht abgeholt, was damit wäre? Ich habe ihnen gesagt, den könnten sie behalten, und ihnen einen Scheck geschickt. Da fand ich auch nichts weiter dabei. Ich dachte, sie wäre noch nicht wieder im Lande, und wenn sie ein Auto genommen hatten, dann bestimmt das von Lavery. Vorgestern ist Lavery mir dann allerdings hier unten an der Ecke vor dem Athletic Club begegnet. Er wisse nicht, wo Crystal sei, hat er gesagt.«

Kingsley warf mir einen schnellen Blick zu und wuchtete eine Flasche und zwei Rauchglas-Gläser auf den Tisch. Er schenkte zwei Drinks ein und schob mir einen hin. Er hielt seinen gegen das Licht und sagte langsam: »Lavery hat gesagt, er sei nicht mit ihr auf und davon, habe sie zwei Monate nicht mehr gesehen, habe mit ihr nicht den leisesten Kontakt gehabt.«

Ich sagte: »Und Sie haben ihm geglaubt?«

Er nickte, runzelte die Stirn, trank und schob das Glas zur Seite. Ich nahm einen Schluck aus meinem. Es war Scotch. Kein besonders guter.

»Wenn ich ihm geglaubt habe«, sagte Kingsley, »– was vermutlich ein Fehler war –, dann nicht, weil er besonders vertrauenswürdig ist. Ganz im Gegenteil. Sondern gerade weil er ein charakterloses Arschloch ist, der es schick findet, anderer Leute Frauen flachzulegen und dann noch damit anzugeben. So einer hätte mir doch liebend gern reingewürgt, dass er es geschafft hat, mit meiner Frau durchzubrennen und mich im Regen stehen zu lassen. Ich kenne diese Aufreißer, und diesen ganz besonders. Er ist eine Weile für uns gefahren und hat nichts als Ärger gemacht. Er konnte die Finger nicht von den Bürodamen lassen. Und außerdem war da noch dieses Telegramm aus El Paso, von dem ich ihm erzählt habe – was hätte er davon gehabt, mich anzulügen?«

»Vielleicht hat sie ihn achtkantig rausgeschmissen«, sagte ich. »Das hätte ihn tief getroffen – am Casanova-Komplex.«

Kingsleys Laune besserte sich ein wenig, aber nicht viel. Er schüttelte den Kopf. »Ich neige noch immer dazu, ihm zu glauben«, sagte er. »Beweisen Sie mir das Gegenteil! Dafür habe ich Sie ja geholt, zum Teil. Aber da gibt es noch etwas, und das ist sehr beunruhigend. Ich habe hier eine gute Stellung, aber auch nicht mehr als das. Skandale kann ich mir nicht leisten. Ich bin meinen Job los, wenn meine Frau mit der Polizei zu tun bekommt.«

»Mit der Polizei?«

»Neben ihren sonstigen Beschäftigungen«, sagte Kingsley verbittert, »findet meine Gattin gelegentlich Zeit, in Kaufhäusern etwas mitgehen zu lassen. Ich halte das für einen Anfall von Größenwahn, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, aber es passiert eben, und es kam dann zu unangenehmen Szenen in den Büros der Direktoren. Bisher habe ich immer verhindern können, dass sie Anzeige erstatten, aber wenn in einer fremden Stadt etwas vorfällt, wo niemand sie kennt« –, er hob die Hände und ließ sie auf die Tischplatte klatschen –, »nun, sie könnte im Gefängnis landen, oder etwa nicht?«

»Hat man ihr schon mal die Fingerabdrücke abgenommen?«

»Sie ist noch nie festgenommen worden«, sagte er.

»Das habe ich nicht gemeint. In großen Kaufhäusern machen sie es manchmal zur Bedingung, dass man ihnen die Fingerabdrücke dalässt, damit sie keine Anzeige erstatten. Das schreckt die Anfänger ab, und die Hausdetektive haben dazu noch eine Kleptomanen-Kartei. Wenn die Abdrücke zu oft wieder auf‌tauchen, stellen sie dich vom Platz.«

»Meines Wissens ist so etwas nie vorgekommen.«

»Gut, dann können wir die Ladendiebstahlgeschichte glaube ich erst einmal vergessen«, sagte ich. »Bei einer Festnahme wäre sie durchsucht worden. Selbst wenn die Cops ihr erlaubt hätten, sich im Protokoll Jane Doe zu nennen, angerufen hätte man Sie wahrscheinlich schon. Außerdem hätte sie in so einer Patsche selbst um Hilfe gerufen.« Ich tippte mit dem Finger auf den blau-weißen Telegramm-Vordruck. »Und das hier ist einen Monat alt. Wenn das, was Ihnen Sorgen macht, um diese Zeit herum passiert ist, dann wäre der Fall inzwischen erledigt. Ohne Vorstrafen wäre sie mit einer Verwarnung und Bewährung davongekommen.«

Er goss sich noch einen Drink ein, der ihm beim Grübeln helfen sollte. »Da haben Sie mich schon beruhigt«, sagte er.

»Es gibt zu viele andere Möglichkeiten«, sagte ich. »Sie könnte mit Lavery abgehauen sein und sich dann von ihm getrennt haben. Sie könnte mit einem anderen durchgebrannt sein und hat sich mit dem Telegramm bloß einen Spaß erlaubt. Sie könnte allein weg sein oder mit einer Frau. Sie könnte sich blödgesoffen haben und jetzt in einem Sanatorium auf Entzug sein. Sie könnte in Schwierigkeiten stecken, von denen wir keine Ahnung haben. Vielleicht hat man ihr übel mitgespielt.«

»Gute Güte, sagen Sie so was nicht!«, rief Kingsley.

»Warum nicht? Ist nicht auszuschließen. Ich habe eine ganz grobe Vorstellung von Mrs. Kingsley – dass sie jung ist, schön, ungestüm und leichtsinnig. Dass sie trinkt und sich betrunken in Gefahr begibt. Dass sie auf Männer fliegt und sich mit einem Fremden einlassen könnte, der sich als Gauner entpuppt. Passt das?«

Er nickte. »Wie die Faust aufs Auge.«

»Was würde sie denn an Geld dabeihaben?«

»Reichlich. Sie hat ihre eigene Bank und ihr eigenes Konto. Das könnte jede beliebige Summe sein.«

»Kinder?«

»Nein.«

»Haben Sie Vollmacht für ihre Geschäfte?«

Er schüttelte den Kopf. »Da gibt es keine Geschäfte – sie löst ihre Schecks ein und hebt ihr Geld ab und gibt es aus. Sie hat nie einen Cent angelegt. Und ich kriege nichts davon zu sehen, falls Sie darauf hinauswollten.« Er unterbrach sich und sagte dann: »Nicht dass ich es nicht versucht hätte. Ich bin auch nur ein Mensch, und zugucken, wie jedes Jahr zwanzigtausend den Bach runtergehen für nichts als schwere Kater und Lover der Chris-Lavery-Klasse, ist nicht lustig.«

»Wie gut können Sie mit ihrer Bank? Würde man Ihnen sagen, wie viele Schecks sie in den letzten paar Monaten eingelöst hat?«

»Nein. So etwas habe ich einmal versucht, als ich den Verdacht hatte, dass sie erpresst wird. Kalte Abfuhr.«

»Wir kommen da ran«, sagte ich, »müssen wir vielleicht sogar. Das bedeutet dann aber eine offizielle Vermisstenmeldung. Und das wäre Ihnen nicht recht.«

»Wenn es mir recht wäre, hätte ich Sie nicht herbestellt«, sagte er.

Ich nickte, sammelte die Asservate ein und verstaute sie in meinen Taschen. »Ermittlungsansätze gibt es mehr, als ich überblicken kann«, sagte ich, »aber ich fange mit Lavery an, und dann fahre ich rauf zum Little Fawn Lake und ziehe Erkundigungen ein. Ich brauche die Adresse von Lavery und einen Wisch für Ihren Aufseher in den Bergen.«

Er holte ein Blatt mit Briefkopf aus der Schublade, schrieb und reichte es mir. Ich las: ›Lieber Bill, hiermit stelle ich Dir Mr. Philip Marlowe vor, der sich für das Anwesen interessiert. Bitte zeige ihm mein Blockhaus und hilf ihm, wie du nur kannst. Dein Derace Kingsley.‹

Ich faltete das Blatt zusammen und steckte es in den Umschlag, den er adressiert hatte, während ich las. »Was ist mit den anderen Blockhäusern da oben?«, fragte ich.

»Da war dieses Jahr noch niemand. Der eine arbeitet für die Regierung in Washington, der andere ist in Fort Leavenworth. Sie haben ihre Frauen bei sich.«

»Und jetzt die Adresse von Lavery«, sagte ich.

Er fixierte einen Punkt hoch über meinem Scheitel. »Lebt in Bay City. Das Haus würde ich finden, aber die Adresse habe ich vergessen. Miss Fromsett kann sie Ihnen geben, glaube ich. Den Grund muss sie nicht erfahren. Kennt ihn wahrscheinlich sowieso. Und Sie wollten hundert Dollar, haben Sie gesagt?«

»Schon in Ordnung«, sagte ich. »Das war nur so ein Spruch, als Sie auf mir rumgetrampelt sind.«

Er grinste. Ich stand auf, blieb aber noch vor dem Schreibtisch stehen, musterte ihn und ließ einen Moment verstreichen. Nach einer Pause sagte ich: »Sie verschweigen mir doch nichts, oder? Nichts Wichtiges?«

Er betrachtete seinen Daumen. »Nein. Ich verschweige nichts. Ich mache mir Sorgen und möchte wissen, wo sie ist. Ich mache mir heftige Sorgen. Wenn Sie etwas herausfinden, das kleinste bisschen, rufen Sie mich jederzeit an. Tag und Nacht.«

Das wolle ich tun, sagte ich, und wir gaben einander die Hand. Ich ging wieder durch das lange kühle Büro, nach draußen, wo Miss Fromsett formvollendet am Schreibtisch saß.

»Mr. Kingsley glaubt, Sie könnten mir die Anschrift von Chris Lavery geben«, sagte ich, mit besonderem Augenmerk auf ihren Gesichtsausdruck.

Sehr langsam griff sie nach einem braunledernen Adressbuch und blätterte darin. Als sie sprach, war ihre Stimme angespannt und kalt.

»Die Adresse, die wir haben, lautet 623 Altair Street, Bay City. Telefon Bay City 12523. Mr. Lavery ist schon über ein Jahr nicht mehr bei uns. Er könnte umgezogen sein.«

Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg zur Tür. Dort angekommen, warf ich noch einen Blick zurück. Ganz starr saß sie da, die Hände auf der Tischplatte ineinander verschränkt, und starrte ins Leere. Auf ihren Wangen prangten ein paar rote Flecken. Ihr Blick war abwesend und verbittert.

Sie wirkte, als sei ihr der Gedanke an Chris Lavery nicht angenehm.

3

Die Altair Street befand sich an der Abbruchkante eines tiefen, V-förmigen Canyons. Im Norden schwang sich das kühle Blau der Bucht bis fast nach Malibu, im Süden breitete sich auf einem Steilufer über dem Küsten-Highway Bay City aus, die Stadt über dem Meer.

Es war eine kurze Straße mit nur drei, vier Seitenstraßen, die vor dem hohen Eisenzaun eines großen Anwesens endete. Hinter den vergoldeten Zacken des Zauns konnte ich Bäume und Sträucher ausmachen, ein kleines Stück vom Rasen und der geschwungenen Auf‌fahrt, das Haus selbst war außer Sicht. Zum Landesinneren hin waren die Häuser groß und gepflegt, die paar verstreuten Bungalows zum Canyon hin machten dagegen nicht viel her. Am kleinen Wurmfortsatz der Straße vor dem Eisenzaun standen einander nur zwei Häuser fast direkt gegenüber. Das kleinere davon trug die Nummer 623.

Ich fuhr daran vorbei, kehrte auf dem Wendeplatz am Ende der Straße und parkte vor dem Grundstück gegenüber. Laverys Haus klammerte sich an den Abhang wie eine Weinranke – die Eingangstür etwas unter Straßenniveau, die Terrasse auf dem Dach, die Schlafzimmer im Keller, dazu eine Garage wie die Auf‌fangtasche eines Billardtischs. An die Vorderwand schlug raschelnd eine purpurne Bougainvillea, und der Plattenweg zur Haustür war von einem giftgrünen Moosteppich eingerahmt. Die Tür war schmal, vergittert, mit Spitzbogen. Unter dem Gitter hing ein schmiedeeiserner Türklopfer, den ich heftig betätigte.

Nichts. Ich drückte auf die Klingel neben der Tür und hörte es in der Nähe läuten. Ich bearbeitete wieder den Türklopfer. Noch immer nichts. Ich ging über den Plattenweg zur Garage und hob das Tor weit genug an, dass ich dahinter ein Auto mit Weißwandreifen erkennen konnte. Ich kehrte zur Haustür zurück.

Gegenüber kam ein hübsches schwarzes Cadillac-Coupé aus der Garage, setzte zurück, wendete und kam an Laverys Haus vorbei. Es bremste, und ein dünner Mann mit dunkler Brille blickte mich scharf an, was ich hier verloren hätte. Ich schenkte ihm meinen stahlharten Blick, und er machte sich davon.

Ich bearbeitete noch ein wenig den Türklopfer. Diesmal kam eine Reaktion. Das kleine Judas-Fenster tat sich auf und gab den Blick auf eine hübsche Type mit leuchtenden Augen hinter dem Gitter frei.

»Sie machen ja einen Höllenlärm«, sagte eine Stimme.

»Mr. Lavery?«

Ja, er sei Mr. Lavery, sagte er, was denn los sei? Ich schob ihm eine Karte durch das Gitter. Eine große braungebrannte Hand nahm sie in Empfang. Dann erschienen wieder die leuchtenden braunen Augen, und die Stimme sagte: »Wie schade. Brauche heute keine Detektive, vielen Dank.«

»Ich arbeite für Derace Kingsley.«

»Ihr könnt euch beide verpissen«, sagte er und machte das Judas-Fenster zu.

Ich nahm den Daumen nicht von der Klingel, fischte mir mit der freien Hand eine Zigarette heraus und hatte mir an der Türfüllung gerade ein Streichholz angerissen, als die Tür aufflog und ein großer Kerl in Badehose, Strandlatschen und einem weißen Frottee-Bademantel auf mich losgehen wollte.

Ich ließ die Klingel los und grinste ihn an. »Was ist?«, fragte ich. »Angst?«

»Wenn Sie noch ein Mal klingeln«, sagte er, »werfe ich Sie hochkant auf die andere Straßenseite.«

»Nicht kindisch werden«, sagte ich. »Sie wissen ganz genau, dass ich mit Ihnen reden werde, und Sie mit mir.«

Ich holte das blau-weiße Telegramm aus der Tasche und hielt es ihm vor die leuchtend braunen Augen. Missmutig las er, biss sich auf die Lippen und knurrte: »Ach, Herrgott noch mal, kommen Sie schon rein.«

Er hielt die Tür weit auf, und ich trat an ihm vorbei in ein dämmriges, gemütliches Zimmer mit einem aprikosenfarbenen chinesischen Teppich, der teuer aussah, Sesseln mit hohen Armlehnen, ein paar weißen Trommellampen, einer Musiktruhe mit Plattenwechsler, einem ausladenden braunkarierten Plüschsofa und einem Kamin mit einem Schutzgitter aus Kupfer und einem Sims aus weißem Holz. Hinter dem Gitter flackerte ein Feuer, halb verborgen von einem Strauß Manzanita-Blüten. Sie waren an manchen Stellen schon welk, aber noch immer schön anzusehen. Auf einem runden Glastisch mit Beinen aus Wurzelholz standen ein Tablett mit einer Flasche Vat 69 samt Gläsern und ein kupferner Eiskübel. Der Raum erstreckte sich bis ganz nach hinten und mündete in einen flachen Bogen, durch den drei schmale Fenster zu sehen waren und die ersten paar Meter des weißen Eisengeländers der Treppe nach unten.

Lavery warf die Tür ins Schloss und setzte sich aufs Sofa. Er schnappte sich eine Zigarette aus einer Silberdose und blickte mich gereizt an. Ich positionierte mich am anderen Ende des Sofas und musterte ihn. Was sein gutes Aussehen anging, hatte der Schnappschuss nicht zu viel versprochen. Er hatte einen breiten Brustkasten und prächtige Schenkel. Seine Augen waren kastanienbraun. Das Weiß changierte ganz leicht ins Graue. Die Haare trug er eher lang, leicht gelockt über den Schläfen. Der gebräunten Haut sah man die Ausschweifungen nicht an. Ein saftiges Stück Frischfleisch, wenn auch nicht mehr als das, in meinen Augen. Ich konnte verstehen, dass er die Frauen zum Kreischen brachte.

»Sagen Sie uns doch einfach, wo sie ist«, sagte ich. »Irgendwann kriegen wir es ja doch raus, und wenn Sie es uns gleich sagen, müssen wir Sie nicht länger nerven.«

»Von einem Privatschnüff‌ler fühle ich mich nicht so schnell genervt.«

»Ein Fehler. Ein Privatschnüff‌ler schafft es, jeden zu nerven. Er ist beharrlich und Abfuhren gewohnt. Er wird für seine Zeit bezahlt und kann sie ebenso gut dazu benutzen, Sie weichzuklopfen.«

Er beugte sich vor und deutete mit seiner Zigarette auf mich. »Hören Sie«, sagte er, »ich weiß, was in dem Telegramm steht, aber das ist völliger Quatsch. Ich bin nicht mit Crystal Kingsley nach El Paso gefahren. Ich habe sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen – schon lange vor dem Datum auf dem Telegramm nicht mehr. Wir hatten keinen Kontakt. Das habe ich Kingsley auch gesagt.«

»Er muss Ihnen ja nicht glauben.«

»Warum sollte ich ihn anlügen?« Er wirkte überrascht.

»Warum nicht?«

»Hören Sie«, sagte er ernst, »für Sie scheint es vielleicht so, aber Sie kennen Crystal nicht. Sie lässt sich von Kingsley nicht an der Leine halten. Wenn ihr Benehmen ihm nicht passt, soll er die Konsequenzen ziehen. Diese Ehemänner mit Besitzanspruch ekeln mich an.«

»Wenn Sie nicht mit ihr nach El Paso gefahren sind«, sagte ich, »warum hat sie dann das Telegramm geschickt?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Das glauben Sie doch selbst nicht«, sagte ich. Ich zeigte auf den Manzanita-Strauß am Kamin. »Haben Sie die am Little Fawn Lake gepflückt?«

»Hier sind die ganzen Hügel voll davon«, sagte er verächtlich.

»Hier unten blühen sie nicht so üppig.«

Er lachte. »In der dritten Maiwoche war ich oben. Wenn Sie es unbedingt wissen wollen. Sie finden das bestimmt sowieso raus. Das war unsere letzte Begegnung.«

»Der Gedanke, sie zu heiraten, ist Ihnen nie gekommen?«

Er blies Rauch in die Luft und sagte durch die Wolke hindurch: »Der Gedanke schon. Sie hat Geld. Geld ist immer gut. Aber das wäre zu schwer verdientes Geld.«

Ich nickte, sagte aber nichts. Er blickte zum Manzanita-Strauß am Kamin hinüber, lehnte sich zurück, blies noch mehr Rauch in die Luft und ließ mich die kräftigen Konturen seiner gebräunten Kehle bewundern. Als ich nach einem Augenblick immer noch nichts sagte, wurde er langsam unruhig. Er betrachtete die Karte, die ich ihm gegeben hatte, und sagte: »Sie verdingen sich also zum Dreckaufwühlen? Gut bezahlt?«

»Nicht sonderlich. Ein Dollar hier, ein Dollar da.«

»Und alle ziemlich klebrig«, sagte er.

»Hören Sie, Mr. Lavery, wir müssen uns hier nicht streiten. Kingsley glaubt, dass Sie wissen, wo seine Frau ist, und es ihm nicht sagen wollen. Entweder aus Gemeinheit oder weil die Gründe delikat sind.«

»Wie hätte er es denn lieber?«, spottete der gutgebaute Mann.

»Das ist ihm egal, er will nur Bescheid wissen. Was Sie miteinander treiben, wo Sie hinfahren oder ob Crystal sich von ihm scheiden lässt, ist ihm egal. Er will nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist und sie nicht in Schwierigkeiten steckt.«

Lavery sah interessiert aus. »Schwierigkeiten? Was denn für Schwierigkeiten?« Er ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen und schmeckte es ab.

»Von der Sorte Schwierigkeiten, an die er denkt, ahnen Sie vielleicht gar nichts.«

»Sagen Sie doch«, bettelte er sarkastisch. »Ich würde so gern mehr über Schwierigkeiten hören, von denen ich nichts ahne.«

»Sieh an«, sagte ich. »Ernsthaft reden wollen Sie nicht, aber immer eine oberschlaue Bemerkung auf den Lippen. Wenn Sie glauben, wir wollen Ihnen was anhängen, weil Sie mit ihr über die Grenze sind, täuschen Sie sich.«

»Geh doch scheißen, du Arsch. Wenn du mir nicht beweisen kannst, dass ich die Fracht übernommen habe, hat das alles nichts zu sagen.«

»Das Telegramm muss doch etwas zu bedeuten haben«, beharrte ich. Ich hatte das Gefühl, das schon gesagt zu haben, nicht nur einmal.

»Wahrscheinlich bloß ein Gag. Sie steht auf solchen Blödsinn. Immer dumm, manchmal auch hinterhältig.«

»Dieser hier leuchtet mir nicht ein.«

Er schnipste gedankenlos Asche auf den Glastisch. Dann blickte er mich kurz von unten an und sah wieder weg.

»Ich habe sie versetzt«, sagte er langsam. »Vielleicht wollte sie mir einen reinwürgen. Ich sollte an einem Wochenende rauf. Ich bin nicht hin. Ich hatte sie … einfach satt.«

Ich sagte: »Mhmm«, und starrte ihn lange fest an. »Gefällt mir nicht so gut. Wenn Sie mit ihr nach El Paso wären und sich nach einem Streit getrennt hätten, würde mir das besser gefallen. Können Sie es nicht so erzählen?«

Unter seinem Sonnenbrand lief er tiefrot an.

»Scheiße«, sagte er, »ich habe doch gesagt, dass ich nirgendwo mit ihr hin bin. Überhaupt nirgendwo. Ist das so schwer zu behalten?«

»Was ich glaube, behalte ich auch.«

Er beugte sich vor und drückte die Zigarette aus. Ganz lässig stand er auf, ohne Eile, zog den Bademantelgürtel fest und kam an mein Ende des Sofas.

»Jetzt reicht’s«, sagte er laut und deutlich. »Raus mit dir. An die frische Luft. Ich habe genug von deinen drittklassigen Schmonzetten. Du verschwendest meine Zeit, und deine ebenso – falls die was wert ist.«

Ich erhob mich und grinste ihn an. »Nicht viel, aber das, was sie wert ist, habe ich mir verdient. Es könnte nicht zufällig sein, dass Sie in irgendeinem Kaufhaus ein paar Unannehmlichkeiten hatten – in der Strumpf- oder Schmuckabteilung zum Beispiel?«

Er blickte mich sehr genau an, zog die Augenbrauen an den Seiten herab und presste die Lippen zusammen.

»Verstehe ich nicht«, sagte er, aber seine Stimme klang nachdenklich.

»Mehr wollte ich nicht wissen«, sagte ich. »Und danke fürs Zuhören. Übrigens, in welcher Branche sind Sie heute tätig – nach dem Abschied von Kingsley?«

»Was geht dich denn das an?«

»Überhaupt nichts. Ich kann es natürlich jederzeit herausfinden«, sagte ich und bewegte mich in Richtung Tür. Aber nicht sehr weit.

»Im Augenblick mache ich nichts«, sagte er kühl. »Ich warte auf einen Brief von der Navy, die Einberufung kann jeden Tag kommen.«

»Da werden Sie sich sicher wacker schlagen!«

»Klar doch. So long, Schnüff‌ler. Du musst gar nicht erst wiederkommen. Ich bin nicht zu Hause.«

Ich ging zur Tür und zog sie auf. Sie klemmte an der Unterseite, die durch die Strandnähe von der Feuchtigkeit aufgequollen war. Als ich sie endlich offen hatte, drehte ich mich nach ihm um. Mit zusammengekniffenen Augen stand er da, ein Inbild unterdrückten Zorns.

»Vielleicht muss ich doch wiederkommen«, sagte ich. »Aber nicht nur zum Rumwitzeln. Sondern weil ich etwas herausfinde und es Redebedarf gibt.«

»Du glaubst also immer noch, dass ich lüge«, stieß er wütend hervor.

»Ich glaube, dass Sie etwas verbergen. Ich habe schon in zu viele Gesichter gesehen, um so etwas nicht zu merken. Vielleicht geht es mich ja nichts an. Falls doch, werden Sie mich wahrscheinlich noch einmal rausschmeißen müssen.«

»Mit Vergnügen«, sagte er. »Und nächstes Mal bringst du besser jemand mit, der dich nach Hause fährt. Falls du auf dem Arsch landest und dir die Birne anschlägst.«

Dann, ohne jeden Sinn oder von mir erkennbaren Verstand, spuckte er vor sich auf den Teppich aus.

Das erschütterte mich. Es war, als würde das Furnier abblättern und der harte Straßenjunge zum Vorschein kommen. Oder als würde eine feine Dame plötzlich wüst fluchen.

»So long, Muskelprotz«, sagte ich und ließ ihn stehen. Ich zog die Tür mit einem Ruck zu, um sie ins Schloss zu bekommen, und ging über den Plattenweg zur Straße. Vom Gehweg aus betrachtete ich das Haus gegenüber.

4

Das Haus war flach und weitläufig, der rosa Putz zu einem angenehmen Pastellton ausgeblichen und rund um die Fensterrahmen mattgrün abgesetzt. Das Dach bestand aus grünen Ziegeln der rauhen runden Art. Die Haustür war tief eingelassen, gerahmt von einem Mosaik aus bunten kleinen Kacheln, davor ein kleines Blumenbeet, hinter einem gekalkten Mäuerchen mit Eisengeländer, das in der feuchten Meeresluft zu rosten begonnen hatte. Linkerhand befand sich die Garage, für drei Autos, von der ein Weg über den Hinterhof zu einem Seiteneingang führte.

In den Torpfosten war ein Messingschild eingelassen, mit der Aufschrift ›Albert S. Almore, prakt. Arzt‹.

Während ich dort stand und auf die andere Straßenseite starrte, kam der schwarze Cadillac, den ich schon gesehen hatte, wieder um die Ecke geschnurrt. Er wurde langsamer, wollte in einer weiten Kurve in die Garage gleiten, beschloss dann, dass mein Wagen im Weg war, fuhr bis ans Ende der Straße und wendete dort vor dem Eisenzaun mit den goldenen Spitzen. Langsam kam er wieder angefahren und setzte in das leere Drittel der Garage zurück.

Der dünne Mann mit der dunklen Brille schritt über den Betonweg zum Haus, eine Arzttasche mit Doppelgriff in der Hand. Nach halber Strecke wurde er langsamer und starrte mich an. Ich ging zu meinem Auto. Vor dem Seiteneingang griff er zu seinem Schlüssel, und beim Aufschließen drehte er sich wieder nach mir um.

Ich stieg in meinen Chrysler, saß da, rauchte und überlegte, ob es sich lohnen würde, jemanden zu bezahlen, um Lavery zu beschatten. Ich entschied mich dagegen, jedenfalls vorerst.

Hinter einem der unteren Fenster in der Nähe des Nebeneingangs, den Dr. Almore benutzt hatte, bewegte sich die Gardine. Sie wurde von einer hageren Hand zurückgeschoben, und die Sonne spiegelte sich in Brillengläsern. Eine ganze Weile wurden die Gardinenhälften auseinandergehalten, bis sie sich wieder schlossen.

Ich blickte von der Straße aus auf Laverys Haus. Aus diesem Blickwinkel konnte ich erkennen, dass vom Vorplatz für den Müll eine gestrichene Holztreppe zu einem geschwungenen Betonpfad führte, und dann eine Betontreppe zum Garagenvorplatz.

Ich sah wieder zum Haus von Dr. Almore hinüber und vertrieb mir die Zeit mit der Frage, ob er Lavery wohl kannte und wie gut. Er würde ihn wohl kennen, da sie die beiden einzigen Häuser an diesem Ende der Straße bewohnten. Aber als Arzt würde er nichts ausplaudern. Als ich jetzt wieder hinsah, waren die Gardinen ganz aufgezogen.

Hinter dem Mittelteil des Dreifachfensters ohne Fliegengitter, das die Gardinen verdeckt hatten, stand Dr. Almore und starrte mit tief gefurchter Stirn in meine Richtung. Ich aschte aus dem Fenster. Er wandte sich abrupt ab und setzte sich an den Schreibtisch. Vor ihm auf der Tischplatte stand die Arzttasche mit dem Doppelgriff. Er saß stocksteif da und trommelte mit den Fingern neben der Tasche auf den Tisch. Er tastete nach dem Telefon, befingerte es und ließ dann wieder davon ab. Er zündete sich eine Zigarette an und schüttelte das Streichholz heftig aus, dann trat er wieder ans Fenster und starrte mich noch eine Weile an.

Das war insofern interessant, als er Arzt war. Ärzte sind in der Regel die am wenigsten neugierigen Menschen der Welt. Sie hören schon in der Ausbildung Geheimnisse genug für ein ganzes Leben. Dr. Almore schien sich für mich zu interessieren. Mehr als das, ich schien ihn zu nerven.

Ich wollte schon den Zündschlüssel umdrehen, da öffnete sich Laverys Haustür, also ließ ich die Hand sinken und lehnte mich wieder zurück. Schnellen Schrittes lief Lavery ans Gartentor, warf einen raschen Blick die Straße hinunter und bog dann zur Garage ab. Er hatte sich nicht umgezogen. Über dem Arm trug er ein Frotteetuch und eine Schottendecke. Ich hörte, wie das Garagentor sich öffnete, dann eine Autotür, die auf- und zuging, dann das Würgen und Stottern des angelassenen Motors. Das Auto setzte steil aufwärts zur Straße zurück und stieß dabei dampfende Auspuffwolken aus. Es war ein niedliches kleines blaues Kabrio mit offenem Verdeck, aus dem Laverys glänzendes dunkles Haupt herausragte. Er trug jetzt eine flotte Sonnenbrille mit weißen, extrabreiten Bügeln. Das Kabrio schoss die Straße hinunter und verschwand tänzelnd um die Kurve.

Das war für mich ohne Bedeutung. Mr. Christopher Laverys Ziel war der Meeressaum des weiten Pazif‌iks, wo er in der Sonne liegen und die Girls sehen lassen wollte, was sie auf keinen Fall verpassen durf‌ten.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Dr. Almore zu. Er war jetzt am Telefon, schwieg, den Hörer am Ohr, rauchte und wartete. Dann beugte er sich vor, wie man es tut, wenn das Gegenüber wieder am Apparat ist, lauschte, hängte ein und notierte sich etwas auf einem Notizblock vor ihm. Ein schweres Buch mit gelben Seiten erschien auf dem Schreibtisch, er schlug es ungefähr in der Mitte auf. Dabei warf er einen schnellen Blick aus dem Fenster, direkt auf den Chrysler.

Er fand, was er im Buch gesucht hatte, und beugte sich darüber. In der Luft über den Seiten erschienen nervöse Rauchwölkchen. Er notierte wieder etwas, legte das Buch weg und griff wieder nach dem Telefon. Er wählte, wartete, fing an, schnell zu sprechen, mit gesenktem Kopf, untermalt von schnellen Bewegungen mit der Zigarette.

Schließlich hängte er auf, lehnte sich zurück und saß – nicht ohne alle halbe Minute aus dem Fenster zu sehen – brütend da, den Blick auf der Schreibtischplatte. Er wartete, und ich wartete mit ihm, ohne zu wissen, warum. Ärzte telefonieren nun einmal, sie reden mit vielen Menschen. Ärzte sehen aus ihren Fenstern, Ärzte gucken böse, werden nervös, haben viel im Kopf und verlieren die Nerven. Ärzte sind auch nur Menschen, quälen sich ab, tagein, tagaus, und haben zu kämpfen wie wir alle.

Aber am Betragen dieses einen war etwas, das mich neugierig machte. Ich sah auf die Uhr, befand, dass es Zeit war, etwas zu essen zu besorgen, zündete mir trotzdem noch eine Zigarette an und rührte mich nicht vom Fleck.

Ungefähr fünf Minuten vergingen. Dann kam eine grüne Limousine um die Ecke gefegt und hämmerte die Straße herauf. Mit quietschenden Reifen kam sie vor dem Haus von Dr. Almore zum Stehen, ihre große Funkantenne am Heck erzitterte. Ein großer Mann mit staubblondem Haar stieg aus und ging zu Dr. Almores Haustür. Er klingelte und bückte sich, um an der Stufe ein Streichholz anzureißen. Dabei wandte er den Kopf und starrte auf die andere Straßenseite, genau dorthin, wo ich saß.

Die Tür ging auf, und er trat ein. Eine unsichtbare Hand zog die Vorhänge vor dem Fenster von Dr. Almores Arbeitszimmer zu. Ich saß da und starrte das Leinengewebe an. Noch mehr Zeit verrann.