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Am 24. Februar 2022 hat eine Zeitenwende stattgefunden: Russland beginnt seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das ganze Weltgefüge gerät aus den Fugen. Oksana Sabuschko ist am 23. Februar 2022 scheinbar nur auf dem Sprung, um eine zweitägige Buchpräsentation in Polen zu absolvieren. Es sollte die längste Buchtour ihres Lebens werden … Von da an gibt sie Interviews für Medien aus aller Welt, spricht vor dem Europäischen Parlament in Straßburg und entschließt sich letztlich, die kurze Interviewform über Bord zu werfen und diesen Essay zu schreiben. Gekonnt verwebt sie die Geschichte der Ukraine und Russlands aus den letzten 300 Jahren, setzt sich intensiv mit den Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs auseinander, zeigt auf, was in 30 Jahren ukrainischer Unabhängigkeit seit 1991 alles geschehen ist und wie die Ereignisse von 2004 und 2014 dem heutigen Krieg den Boden bereitet haben. Immer wieder flicht sie dabei persönliche Erfahrungen ein und gibt subjektive Einblicke in das, was der ukrainischen Bevölkerung ein kollektives Trauma ist. Sabuschko breitet den Leser*innen einen stetig fortgeschriebenen Teppich ukrainischer Geschichte aus – im Ton ist sie kämpferisch, emotional, provozierend und wütend.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Oksana Sabuschko
Die längste Buchtour
Essay
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil
Literaturverlag Droschl
»Die Geschichte meines Lebens ist Teil der Geschichte meines Landes.« – Taras Schewtschenko, 1861
Anstelle eines Vorworts: Die Frau mit dem Koffer
Seit dem Jahr 2020 war es die erste Auslandsreise, um ein neues Buch vorzustellen. Die erste Reise nach zwei Jahren Lockdowns, Corona-Varianten (mir war es gelungen, mich mit Delta und Omikron anzustecken!), abgesagten Buchmessen, unzähligen anstrengenden Sitzungen mit verpixelten Gesichtern statt lebender Menschen und einer zuvor nicht dagewesenen – äußerst ungewöhnlich in einem Land, das innerhalb von dreißig Jahren drei Maidans erlebt hatte – Angst vor jeglicher Menschenansammlung. Es schien unglaublich, dass alle Einschränkungen vorbei sein sollten und der Buchmarkt wieder in gewohnte Bahnen zurückkehren würde. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass dies nun so bleiben werde.
Ich sollte mich freuen. Aber irgendwie klappte es nicht mit der Freude. Am Morgen des 23. Februar 2022 packte ich mein Gepäck (einen kleinen Koffer, für insgesamt nur drei Tage, und für einen Katzensprung, von Kyjiw nach Warschau ist es eine Flugstunde, so als springe man mal zum Nachbarn gegenüber: zwei Auftritte sind zwei Kleider, zweimal Unterwäsche zum Wechseln und eine Waschtasche mit Kosmetikartikeln), und während ich Gels und andere Sachen in kleine Reisedosen abfüllte, ein paar Vitaminpillen von den unhandlichen Blisterpackungen abschnitt und Kontaktlinsen abzählte, damit alles in die Tasche passte, tastete ich im Geiste meinen Gemütszustand ab wie ein Arzt ein krankes Organ ab – und ich musste feststellen, dass ich nicht im Entferntesten irgendeine freudige Erregung verspürte. Und dass ich – eigentlich seltsam – sogar erleichtert gewesen wäre, wenn diese Reise in letzter Minute hätte abgesagt werden müssen (nur vor dem Verlag wäre das höchst peinlich – sie haben dieses Buch so lange und mühsam vorbereitet, und für sie ist es der erste Besuch einer ausländischen Autorin nach zweijähriger Pause, und das Buch ist auch nicht ganz einfach, eine Essaysammlung verkauft sich nicht von selbst … Ja, das war’s, Ende der fruchtlosen Prokrastination, überleg lieber, welche Schuhe du mitnimmst!).
Ich schrieb die fehlende Begeisterung dem »Trauma von 2020« zu. In jenem Frühjahr überrollte die erste Welle des Lockdowns ein anderes übersetztes Buch von mir – die amerikanische Übersetzung meiner Kurzprosa, ein von langer Hand für die Veröffentlichung vorbereitetes Buch, das sogar von der New York Times als eines der »Hundert am meisten erwarteten übersetzten Bücher des Jahres« angekündigt worden war war (wozu man mir in Kiew noch lange gratulierte, ukrainische Autoren waren in solchen Listen bisher noch nicht erwähnt worden). Die Veröffentlichung war für den 27. April 2020 geplant, das sollte auch das Datum meiner Ankunft in New York sein, gefolgt von einer stürmischen vierwöchigen Tour durch die Vereinigten Staaten, von der Ostküste zur Westküste und wieder zurück. Mit Universitäten, Buchhandlungen und Festivals, die farbenprächtig entlang des Weges aufgereiht sein sollten wie an einer Perlenkette. Die Planung war erfolgreich abgeschlossen (der Verlag hatte extra eine PR-Agentur engagiert), Flugtickets waren gekauft, sogar Ankündigungen mit meinem nachdenklichen Konterfei gedruckt und verteilt, als die Pandemie zuschlug – und im Laufe eines Monats mussten wir, der Verlag und die PR-Agentur, hilflos mitansehen, wie meine Tour starb – als würde ein Licht nach dem anderen in einem Haus zur Nachtzeit erlöschen (zuerst machten die Universitäten das Licht aus, dann die Buchhandlungen, danach kamen Entschuldigungen von lokalen ukrainischen Diaspora-Gemeinden, und als Letztes kapitulierte das New York World Voices Festival – das sich anscheinend bis zuletzt nicht damit abfinden konnte, dass so eine Menge Arbeit vor die Hunde gehen sollte …).
Das Buch wurde dann termingerecht, doch ohne mich, in den USA veröffentlicht, alle Buchpräsentationen »gingen online« – und in wenigen Monaten konnte ich am eigenen Leib erfahren, dass der Buchmarkt, wie unsere gesamte, einst der Sonne Griechenlands entsprossene fünftausend Jahre alte Kultur, ein Kind der »Agora« ist, und ganz gleich was passiert, ist sie stets eine lebendige menschliche Kommunikation, die durch keine noch so hochauflösenden Pixel ersetzt werden kann.
Seitdem erzähle ich bei jeder Gelegenheit, wie mich die Pandemie um die längste Buchtour meines Lebens gebracht hat und was ich daraus gelernt habe. Wahrscheinlich (dachte ich, während ich den Koffer packte) habe ich diese Geschichte inzwischen unbewusst zu »meinem Markenzeichen« gemacht – wie unser Präsident bei allen Gelegenheiten zu sagen pflegt, und jetzt tat es mir schon ein bisschen leid, mich von ihr zu trennen: Schade, dass es nicht mehr aktuell bleibt und als Vergangenheit abtritt, wo ich doch schon gelernt habe, mit ihr zu leben! Es passte so gut in die Diskussionen über die Unterstützung von Buchhandlungen, über Online-Unterricht, über Veränderungen in der Lesekultur durch den Übergang zum Digitalen, den die Pandemie so brutal beschleunigt hatte, und vor diesem Hintergrund versuchte ich, meine Freunde von der Notwendigkeit zu überzeugen, einen Buchklub in Live-Übertragung zu organisieren (»wenn die Kommunikation in großen Sälen nicht möglich ist, dann müssen wir auf das Format der Pest-Feste umsteigen!«), und so gründeten wir diesen Klub und im Laufe des Jahres 2021 versammelten sich die »Dekamerones« im Live-Stream einmal im Monat in einem Restaurant im Zentrum von Kyjiw, sogar auf dem Höhepunkt der Pandemie. Es waren wunderbare Abende und unvergessliche Gespräche, an denen Hunderte von Menschen im ganzen Land teilnahmen, von Uschhorod bis zum durch Russland okkupierten Luhansk, und was für interessante Menschen dabei waren! – trotz des Lockdowns gelang es uns, das Gefühl einer kulturellen Gemeinschaft lebendig zu halten, das letzte Treffen des Klubs fand dann am 16. Februar 2022 statt, jenem Tag, an dem uns der amerikanische Geheimdienst Putins Invasion versprochen hatte, und wir waren ein wenig trunken von unserem eigenen Mut und angefeuert vom Publikum, als hätten wir nicht nur Corona, sondern auch Putin und die Feigheit des Westens und überhaupt alle Übel der Welt mit einem Schlag besiegt, kurz und gut, es waren zwei – vielleicht verrückte – Jahre meines Lebens, die im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht gewesen waren, wie sich herausstellen sollte, und nun warten neue Herausforderungen, diese Seite wird endgültig umgeblättert, das war’s, Ende, ich entsorge die Masken und kehre zurück an jenen Punkt »vor zwei Jahren«, nur dass jetzt statt einer amerikanischen Ausgabe ein bescheidenerer Markt auf dem Programm steht: die polnische Ausgabe meiner Essaysammlung trägt den für Nicht-Ukrainer kaum verständlichen Titel »Planet Wermut« (in Polen werde ich bei jedem Auftritt und Interview über den Wermutstern aus der Offenbarung des Johannes sprechen müssen, und dass »Tschernobyl« auf Ukrainisch »Wermut« bedeutet und eine Epoche globaler Katastrophen begonnen hat, für die die Kultur noch keine adäquate Sprache gefunden hat, weshalb wir ratlos sind und bis zuletzt nicht an das Ausmaß der Bedrohung glauben, bis der Planet Melancholia, wie in dem Film von Lars von Trier, einschlägt und uns hinwegfegt – wie oft habe ich darüber gesprochen, und warum, möchte man fragen, scheint all das Predigen, dieses durch die Welt Vagabundieren auf den Spuren meiner früheren Texte notwendig, wenn sie doch nur von einer verschwindend geringen Zahl von Menschen gelesen werden, die zudem kaum Einfluss haben, und doch habe ich einen neuen Roman in meinem Computer angefangen, an dem ich zumindest beim Schreiben Freude habe – und leben muss man doch der Zukunft zugewandt und nicht der Vergangenheit?).
Also bemühte ich mich, diese seltsam gedämpfte Laune loszuwerden – sie abzuschütteln, zu rationalisieren. Ich habe eine reichhaltige Sammlung von Stresszuständen in meinem Repertoire – traumatisch, posttraumatisch und prätraumatisch (das bedeutet, dass man wie ein Hund zittert und jault, bevor ein Erdbeben kommt, und erst danach den Grund dafür versteht!), Schock, Angst, Panik – was auch immer, ein ganzes persönlich durchlebtes Handbuch der Psychologie, mit dem ich Helden aus Fleisch und Blut zum Leben bringe – aber dieser Zustand ähnelte keinem von denen, die ich aus früheren Erfahrungen kannte. Heute würde ich es als eine Art von soldatischem Fatalismus bezeichnen, eine Art bewusster Instrumentalisierung – man hat das Gefühl, eine Rolle in einem Stück zu spielen, das nicht von dir geschrieben wurde, und doch musst du es so gut wie möglich spielen, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.
(So klug bin ich allerdings erst heute, nachdem ich bereits den dritten Monat diesen Zustand durchlebe. Doch am 23. Februar 2022 war er neu, ungewohnt, und ich versuchte, ihn in den gesunden Menschenverstand zu quetschen wie meinen Krimskrams für die dreitägige Reise ins Handgepäck.)
Es gab noch einige Momente, an die ich mich komischerweise gut erinnere. An ein plötzlich aufflammendes Zögern, als ich schon gehen wollte, beim Blick zum Laptop auf dem Schreibtisch: Vielleicht sollte ich ihn mitnehmen? … (Aber warum denn?, schaltete sich der gesunde Menschenverstand ein, vierzehn Interviews und zwei Auftritte in drei Tagen, all die Warschauer Freunde nicht mitgezählt, für die man wenigstens einen Moment Zeit haben muss – wann soll da noch Zeit sein, den Laptop zu starten? Im Hotel vor dem Schlafengehen? Fotos auf Facebook posten? Da reicht das Smartphone, schlepp nichts Überflüssiges mit, am Samstag bist du zurück …)
Und da war noch so ein Stich, ein unterkühltes, befremdliches Erstaunen, als ich die Treppe hinunterging und die Wohnungsschlüssel in meine Handtasche steckte: Nun geh endlich, die Reise wird nicht kassiert …
Und das letzte Telefongespräch mit meinem Mann Rostyk vor dem Boarding auf dem Flughafen Boryspil, der Blick auf die Start- und Landebahnen aus dem Fenster und meine Stimme, die wie von weither hallt: »Alles okay, am Samstag sehen wir uns …«
In dieser Nacht (lange nach Mitternacht, nachdem sich das Rauschen der ersten Interviews-Meetings-Gespräche, in die ich augenblicklich nach der Landung auf dem Warschauer Chopin-Flughafen eingetaucht war, gesetzt hatte) hatte ich es mir im Hotelbett bequem gemacht und den Wecker auf acht Uhr gestellt (mein Interview-Marathon sollte um 9:30 Uhr starten, ich konnte also ein wenig ausschlafen!), und bevor ich mein Smartphone weglegte, obwohl ich quasi mit der Nase schrieb, postete ich auf Facebook, um es nicht zu vergessen:
Ich habe noch nie an einem Ort so viele russischsprachige Menschen mit so unterschiedlichen »nicht-ukrainischen« Akzenten – Belarusen, Armenier und andere mir nicht identifizierbare – versammelt gesehen wie heute in Boryspil.
Und so verängstigt.
Diese Leute sind merklich nervös. Sie hetzen, schieben, suchen nach einer Möglichkeit, sich an der Schlange vorbeizudrängeln (als glaubten sie nicht, dass das Flugzeug auf sie warten wird!). Sie erstarren, wenn sie Ukrainisch hören: offensichtlich verstehen sie nichts und haben Angst.
Ein Junge in der Schlange genau hinter mir fragt auf Russisch: »Mama, und wenn der Krieg vorbei ist, fahren wir dann zurück?«
»Welcher Krieg, was redest du da!«, und die Frauenstimme bebt vor Entsetzen und unterdrückter Wut (»Warte nur, du Früchtchen!«).
Da scheinen Putins sogenannte Friedenstruppen, ganze Familien samt Babys, das potenzielle Kanonenfutter aus den Regionen der Russischen Föderation, zu denen die Ukraine nicht gehören wollte, auf allen möglichen Umwegen über Kyjiw zu fliehen.
Eine andere Erklärung für diesen plötzlichen Überfall von Russky Mir habe ich nicht.
Ich postete das am 24. Februar um 1:53 Uhr. Dann schlief ich den bleiernen Schlaf des Proletariers nach einem ehrlichen, harten Arbeitstag.
Doch um sechs (um sechs!!!) klingelte das Telefon wie durchgedreht. Es war Rostyk.
»Dummkopf!«, stöhnte ich leise und öffnete mühsam die Augen. Warum weckt er mich so früh, weiß er denn nicht, was für einen schweren Tag ich vor mir habe? Und was für eine zwar kurze, aber dafür mit Terminen vollgestopfte Reise! Aber ich griff zum Telefon – wach war ich jetzt so oder so.
Anstelle eines »Guten Morgen!«:
»Es hat angefangen, Kleine, sie bombardieren uns.«
Ich weiß nicht mehr, was mein erster Gedanke war. Es war wie vor acht Jahren, als frühmorgens das Krankenhaus anrief, um den Tod meiner Mutter mitzuteilen, und Rostyk zum Telefon griff, sich aufs Bett setzte, seufzte, etwas fragte und dann irgendwo an mir vorbei murmelte: »Sie ist gegangen. Kleine, deine Mama hat uns verlassen.« Gleich darauf taucht in meiner Erinnerung ein sekundenlanges Blackout auf, als wären in einem Stromkreis die Sicherungen durchgebrannt – und dann bin ich schon im Bad, blicke in den Spiegel, als lernte ich mich selbst neu erkennen.
Und hier nun das Gleiche – es war etwas geschehen, das nicht erwartet worden war, doch mit meinem ganzen Wesen bis in die Tiefen des Bewusstseins hinab inklusive kindlich-naiver Beschwörung bat ich still und inständig darum, es möge nicht geschehen sein – doch im nächsten Moment blickte ich bei vollem Bewusstsein in den Spiegel im Hotelbad und dachte: Es ist passiert, es ist mir passiert, und wie komme ich jetzt nach Hause?
Dieser irrationale, unbändige Fluchtinstinkt eines Tieres in der Stunde der Gefahr – nach Hause! Ab ins Loch, in die Höhle, den Unterschlupf, zu den Seinen – sich zwischen ihnen verbergen, mit der Wärme seiner Herde zu verschmelzen, sich tiefer einzugraben, den Kopf mit den Pfoten bedecken …
Selbst wenn dein Unterschlupf bombardiert wird.
Gerade hier nimmt jede Identität ihren Anfang: Für den Einzelnen ist sie immer ein Sicherheitsgurt; auch wenn er unter bestehenden Bedingungen keine Sicherheit verspricht. Selbst bei einer Kriegserklärung.
Selbst wenn es ein Vernichtungskrieg ist.
Erst einige Zeit später wurde mir bewusst, dass ich mit einem der letzten verfügbaren Flüge aus Kyjiw abgeflogen war. Und dass diese Haufen verängstigter »Ausländer der russischen Zone«, die mich am Flughafen Boryspil so verwirrten, tatsächlich Russen waren, also Bürger der Russischen Föderation. Und ich hatte nicht verstanden, dass sie wirklich flohen, weil sie bereits wussten, was wir in der Ukraine noch nicht wussten.
Um 14:30 Uhr Kyjiwer Zeit, als mein Flugzeug, Flug LO752, abhob, überquerten bereits die ersten Einheiten der russischen Armee die ukrainische Grenze.
Heute ist der sechzigste Kriegstag. Der »83. Februar« – wie O.B., einer unserer Veteranen, auf Facebook schrieb, ein ehemaliger Computerspezialist aus der Region Donezk, der sich schon 2014 freiwillig für die Streitkräfte gemeldet hatte, als die Russen in seine Stadt kamen. Diese vergangenen acht Jahre nennen die Veteranen untereinander den Ersten Feldzug; was am 24. Februar begann, nennen sie demnach den Zweiten. Paradoxerweise erweisen sich Soldaten präziser in ihrem Sprachgebrauch als professionelle Diskursproduzenten wie Journalisten und Politologen, die sich immer noch nicht ganz sicher sind, »was da eigentlich los ist« und wie man dieses »was« benennen soll. Und – O.B. hat recht – dieser Monat dauert und dauert und endet in keiner Weise – dieser in ganz Europa ungewöhnlich kalte, wie demonstrativ in der Zeit eingefrorene Monat, wie in einer Schockstarre (sprich es aus: »83. Februar« – und es wird sofort kalt).
Ich trage immer noch denselben Mantel wie am 23. Februar, als ich nach Warschau flog.
Es ist wie eine eingeklemmte Tastaturtaste, die Welt ist auf Pause gestellt – und es ist auf jeden Fall besser, als wenn der Frühling in vollem Gange wäre, Wärme und pure Lebensfreude pulsierte, Menschen in weißen T-Shirts in Straßencafés sitzen und in die Sonne lachen würden, doch ich betrachte diesen seltsamen Frühling und werde dabei immer wieder von einem kurzen trockenen Schluchzen geschüttelt (das leicht in ein nasses Schluchzen umschlagen kann, wenn ich es nicht rechtzeitig unterdrücke!), weil zu Hause um diese Zeit Menschen in Metrostationen sitzen und Luftalarmsirenen fünf- bis sechsmal pro Tag heulen, ein Geräusch, das dir die Eingeweide herausreißt, den Magen um die Wirbelsäule wickelt, ich habe die Sirenen mehr als einmal während der Zoom- und Telefongespräche mit Freunden, die zu Hause geblieben sind, gehört: Bei diesem Geräusch brachen sie das Gespräch ab, und aus dem entschuldigenden und müden Lächeln war klar abzulesen, wie entnervt sie sind, dann verschwanden sie irgendwo in der Dunkelheit ihrer Korridore, ihrer Badezimmer oder Keller, wo man den Kopf unter seinen Pfoten verstecken konnte, obwohl, nach zwei Monaten, heißt es, gewöhnten sich viele Menschen daran und reagierten nicht mehr, doch ich sehe, wie meine Freunde während dieses endlos andauernden Februars immer müder und blasser werden, sich immer mehr aufreiben und abnutzen wie Papier oder Stoff: Der eine ist gereizt, der andere wird gefühlskalt, als wäre er in Anabiose übergegangen, dann gibt es auch jene, die sich mit Alkohol aus häuslichen Beständen retten, um sich halbwegs ruhig zu stellen und die Angst zu dämpfen, doch die meisten sind einfach übermüdet, weil sie ständig irgendetwas machen, als Freiwillige für die Armee tätig sind, Flüchtlingen helfen, beschädigte Infrastruktur ausbessern, sich in der Arbeit wie im Alkohol ertränken – ebenso haben wir uns im Februar 2014 in Kyjiw verhalten, im Monat des Terrors und der Schüsse auf dem Maidan, und auch damals wussten wir, dass die Russen gekommen waren, nur – damals flohen sie schließlich zusammen mit Präsident Janukowitsch, der nach dem Plan des Kremls ein ukrainischer Lukaschenko werden sollte, aber wir ließen es nicht zu, und der Krieg rollte nach Süden, nach Donezk und Luhansk, nur an den Wänden fanden sich einige Zeit noch mit einem Richtungspfeil die Aufschriften »Bunker«, die an die Bedrohung durch Luftangriffe gemahnten, zu denen es zwar damals noch nicht gekommen war, doch frei nach Tschechow – wenn auf der Bühne im ersten Akt eine Waffe an der Wand hängt, dann muss sie spätestens im fünften Akt abgefeuert werden, und wenn Russland 2014 Luftangriffe auf Kyjiw geplant hatte, dann wird man sie später, besser vorbereitet, auch realisieren, und nun wurde die Waffe endlich abgefeuert, und nach zwei Monaten unter dem Sirenengeheul des Luftalarms können nun alle meine Freunde, das ganze Volk könnte eine psychologische Kur gebrauchen, eine Kur der Stille, die sie barmherzig von innen füllen könnte – wie Wasser in einer versiegenden Quelle. Das betrifft freilich nur Kyjiw, wo es im Vergleich zu Charkiw oder Tschernihiw oder – Horror es nur auszusprechen – Mariupol nicht so viele Zerstörungen und Todesfälle gegeben hat. Alles in allem ist eine Sirene, die zwei Monate über der Ukraine kreischt wie ein großer mechanischer Wachhund, der jedes Mal losheult, wenn in unserem Himmel »etwas fliegt«, entweder von uns oder auf uns zu, um so die Ukrainer daran zu erinnern: Die Mörder sind schon in unseren Häusern, verbergen sich unter den Betten, oder noch besser: Flieht, rennt davon … Und mehr als fünf Millionen sind bereits geflohen – auf den Straßen polnischer Städte summt und brummt die ukrainische Sprache in unterschiedlichen Varianten, von der literarischen Hochsprache bis zum Surschyk, und auch das Russische in ukrainischer Aussprache (phonetisch summt und brummt auch dieses Russisch vollstimmig und im Gegensatz zum »russischen« Russisch nicht aggressiv, doch um an der Aussprache einen Ukrainer von einem Russen zu unterscheiden, muss man zu den einen oder anderen gehören, Außenstehende hören diesen Unterschied nicht, nicht einmal die Polen …) – meistens handelt es sich um Frauen aus den zerbombten und besetzten Gebieten des Ostens und des Südens, überwiegend mit Kindern, und diese Kinder spielen weiter miteinander das Versteckspiel »Wir verstecken uns im Keller«: einer heult wie eine Sirene, die anderen laufen weg und verbergen sich. Auch dies wäre eine Möglichkeit für die anderen Europäer, russischsprachige Ukrainer von Russen zu unterscheiden: durch ihre Kinderspiele.
Gut, dass der Frühling so scheußlich ist und nicht anbricht. Es ist gut, dass der Februar weitergeht: Das vermittelt das Gefühl, dass die Daseinsordnung auf unserer Seite steht (so werden die beispiellosen Januarfröste im März, aufgrund derer die russische Armee auf unseren Feldern einfror, und der Sturm, aufgrund dessen sich die Schlepper dem Schlachtschiff »Moskwa« nicht nähern konnten, das von ukrainischen Raketen zerschossen worden war, irgendwie als Naturkräfte und magisch empfunden, als ob die Natur zu Hilfe eile und als Beweis, dass »Gott auch in den ukrainischen Streitkräften dient«). Dieses Gefühl wird außerdem durch internationale Newsfeeds und lokale Nachrichten noch verstärkt (ich kann Polnisch und verstehe alles, was ich höre): Der Fernseher in der Hotelhalle, die neuesten Radionachrichten im Taxi, ganz zu schweigen von den Menschen, Bekannte und Unbekannte – alles ist auf die Ereignisse in der Ukraine fokussiert, alle sind mit der gleichen Saite gestimmt: Man spricht, redet, atmet im Einklang mit der Tragödie meines Volkes. Für die Polen, die mehr als drei Millionen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen haben, ist dies kein fremder Krieg mehr, wie er es die vergangenen acht Jahre war – er triggert nun die gesamte polnische Gesellschaft vor dem Hintergrund eines historisch noch jungen, nicht erkalteten kollektiven Traumas, als würden die vergessenen Narben der Erinnerung und die blutigen Geschichten der Großeltern über die Jahre 1939 und 1944 plötzlich
