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Rickie Elliot, ein sensibler und intelligenter junger Mann mit einer ausgeprägten Fantasie und literarischen Begabung, verlässt die Universität Cambridge mit dem festen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Doch der Erfolg seiner Geschichten bleibt aus, und so beschließt er, zu heiraten, seine schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben und Lehrer an einer mittelmäßigen öffentlichen Schule zu werden. Rickie lässt all seine Hoffnungen und Träume ziehen und versinkt in einer Welt der kleinlichen Konformität.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch:
Rickie Elliot, ein sensibler und intelligenter junger Mann mit einer ausgeprägten Fantasie und literarischen Begabung, verlässt die Universität Cambridge mit dem festen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Doch der Erfolg seiner Geschichten bleibt aus, und so beschließt er, zu heiraten, seine schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben und Lehrer an einer mittelmäßigen öffentlichen Schule zu werden. Rickie lässt all seine Hoffnungen und Träume ziehen und versinkt in einer Welt der kleinlichen Konformität.
Zur Autor:
E. M. Forster (1879 –1970) gehört zu Englands bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, Romane wie »Wiedersehen in Howards End« oder »Zimmer mit Aussicht« sind Klassiker der Moderne. In seinem Roman »Maurice« behandelte er das zu damaliger Zeit tabuisierte Thema der Homosexualität. Forster hielt den Roman, der erst postum erschien, fast ein halbes Jahrhundert geheim. Seine Essays erscheinen erstmals auf Deutsch.
E. M. Forster
Die längste Reise
Roman
Aus dem Englischen übersetzt,mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Niklas Fischer
Die Originalausgabe erschien 1907 unter dem Titel The Longest Journey bei William Blackwood and Sons, Edinburgh und London.
Der Übersetzung lag die 1984 bei Edward Arnold, London, erschienene Neuausgabe zugrunde.
© The Provost and Scholars of the King’s College of our Lady and Saint Nicholas,
Cambridge, 1907
Deutsche Erstausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
NAGEL UND KIMCHE
in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH,
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von wilhelm typo grafisch
Coverabbildung von © Look and Learn / Bridgeman Images
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783312014057
www.nagel-kimche.ch
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
Fratribus
»Die Kuh ist da«, sagte Ansell, zündete ein Streichholz an und hielt es über den Teppich. Niemand sagte etwas. Er wartete, bis der Kopf des Hölzchens zu Boden gefallen war. Dann sagte er erneut: »Sie ist da, die Kuh. Dort, jetzt.«
»Du hast es nicht bewiesen«, erwiderte eine Stimme.
»Ich habe es mir bewiesen.«
»Ich habe mir bewiesen, dass sie nicht da ist«, sagte die Stimme. »Also ist die Kuh nicht da.« Ansell verzog das Gesicht und zündete ein weiteres Streichholz an.
»Für mich ist sie da«, erklärte er. »Es ist mir schnuppe, ob sie für dich da ist oder nicht. Ob ich in Cambridge oder Island oder tot bin, die Kuh ist da.«
Es ging um Philosophie. Sie diskutierten über die Existenz von Objekten. Gab es sie nur, wenn jemand sie anblickte? Oder existierten sie an sich? Es war alles ganz schön interessant, allerdings auch ganz schön knifflig. Deshalb die Kuh. Sie schien das Ganze einfacher zu machen. Sie war so vertraut und fasslich, dass die Wahrheiten, die sie verbildlichte, gewiss früher oder später ebenfalls vertraut und fasslich würden. War die Kuh da oder nicht? Lieber das, als sich für Objektivität oder Subjektivität entscheiden zu müssen. Gleichermaßen fragte man sich in Oxford: »Wie sehen unsere Zimmer wohl während der Ferien aus?«
»Pass auf, Ansell. Ich bin dort, auf der Wiese, die Kuh auch. Du bist auch dort, und die Kuh ist dort. So weit einverstanden?«
»Worauf willst du hinaus?«
»Nun, wenn du weggehst, ist die Kuh weiterhin da; aber wenn ich gehe, dann ist sie nicht mehr da. Was geschieht also, wenn du bleibst und ich gehe?«
Stimmen wurden laut, das sei Haarspalterei.
»Das weiß ich doch«, sagte der Sprecher fröhlich, worauf wieder Ruhe einkehrte und man aufrichtig versuchte, die Sache durchzudenken.
Rickie, auf dessen Teppich die Streichhölzer fielen, wollte sich nicht an der Diskussion beteiligen. Sie war ihm zu hoch. Er konnte noch nicht einmal Haare spalten. Wenn er etwas sagte, würde er sich nur lächerlich machen. Er zog es vor, zuzuhören und die Tabakschwaden zu beobachten, die sich an seinem Fenstersitz vorbei in die friedliche Oktoberluft stahlen. Den Innenhof hatte er ebenfalls im Blick, und er sah die Katze des College, die die Schildkröte des College triezte, und die Männer, die mit Tabletts über ihren Köpfen aus der Küche eilten. Eine warme Mahlzeit für eine Person, gewiss für den Erdkundedozenten, der nie im Speisesaal aß. Eine kalte Mahlzeit für drei, offensichtlich für je eine halbe Krone, für Leute, die er nicht kannte. Eine warme Mahlzeit à la carte – die konnte nur für die Damen bestimmt sein, die den angrenzenden Flügel heimsuchten. Die kalte Mahlzeit für zwei, ein Schilling pro Kopf, wurde ihm und Ansell auf dessen Zimmer gebracht.[1] Im Schein einer Laterne sah er, dass es schon wieder Meringue gab. Dann trafen die fröhlich plaudernden Zimmerfrauen ein. »Herrjemine!«, rief Ansells Zimmerfrau, als sie erfuhr, dass sie Ansells Tisch noch decken musste; denn es ging nicht das leiseste Lüftchen. Die großen Ulmen standen regungslos da, und ihnen schien der Glanz des Sommers weiterhin anzuhaften, da die Dunkelheit die gelben Flecken auf den Blättern verbarg und sich ihre Silhouetten immer noch füllig vor dem lieblichen Himmel abzeichneten. Diese Ulmen waren Dryaden[2]. Das glaubte Rickie – wenigstens gab er vor, es zu glauben –, und der Unterschied zwischen Baum und Dryade ist feiner, als wir uns eingestehen. So oder so handelte es sich bei den Bäumen um Frauen, die sich seit Generationen über die Statuten des College[3] hinwegsetzten und sich mitten im Hort der Jugend ein Zuhause gemacht hatten.
Doch was war nun mit der Kuh? Mit einem Ruck lenkte er seine Gedanken zurück zu ihr, denn solche Träumereien taugten nichts. Er würde ebenfalls versuchen, die Sache durchzudenken. War sie da oder nicht? Die Kuh. Da oder nicht. Er kniff die Augen zusammen und spähte in die Dunkelheit.
Beide Möglichkeiten hatten ihre Vorzüge. War die Kuh da, dann waren auch andere Kühe da. Das abendliche Europa war mit ihnen übersät, und im fernen Osten glänzten ihre Flanken in der Morgensonne. Riesige Herden grasten auf Weiden, auf die kein Mensch jemals seinen Fuß gesetzt hatte oder je zu setzen brauchte, oder planschten knietief im Wasser an den Ufern unpassierbarer Ströme. Außerdem war es Ansells Position. Allerdings sprach auch einiges für die Tilliards. Man konnte sich dümmer anstellen, als davon auszugehen, die Kuh wäre nicht da, wenn man nicht vor Ort wäre, um sie zu sehen. In diesem Fall erstreckte sich um ihn eine kuhlose Welt. Aber er müsste nur einen Blick auf eine Wiese werfen, und – klick! – schon strotzte sie regelrecht vor rindischem Leben.
Schlagartig wurde er sich aufs Neue bewusst, dass all das nichts taugte. Wie üblich hatte er den springenden Punkt übersehen, hatte Philosophie mit groben und ungereimten Details ausstaffiert. Denn wenn die Kuh nicht da wäre, wären auch die Welt und die Felder nicht da. Und was kümmerten Ansell sonnenbeglänzte Flanken oder unpassierbare Ströme? Rickie rügte seine unterworfene Seele und wandte sich von der Nacht ab, die ihn zu solch absurden Gedanken verleitet hatte.
Das Feuer flackerte, und der Schatten Ansells, der dicht vor dem Kamin stand, beherrschte das kleine Zimmer. Er war nach wie vor am Sprechen oder eher am Zucken und zündete nach wie vor Streichhölzer an und ließ die Asche auf den Teppich fallen. Hin und wieder bewegte er seine Füße, als hastete er rückwärts eine Treppe hinauf, und trat dabei gegen das Kamingitter, sodass das Kaminbesteck herumflog und die Brötchenpfannen im Feuer schepperten. Die restlichen Philosophen kauerten seltsam verrenkt auf Sofa, Tisch und Stühlen; einer war aus Langeweile zum Klavier gekrochen und stimmte nun schüchtern und mit dem Knie auf dem linken Pedal das Vorspiel zu Rheingold an. Es roch nach gutem Tabak und war wohlig warm vom Teekochen, und während Rickie immer schläfriger wurde, schienen die Ereignisse des Tages eines nach dem anderen vor seinen sanftmütigen Augen vorbeizuziehen. Am Morgen hatte er Theokritos gelesen, seines Erachtens der großartigste griechische Dichter; er hatte mit einem heiteren Dozenten zu Mittag gegessen und Zwieback gekostet; dann war er mit Menschen, die er mochte, spazieren gegangen, und zwar weder zu kurz noch zu lang; und nun belagerten andere Menschen, die er ebenfalls mochte, sein Zimmer, und sobald sie es verließen, würde er mit Ansell, den er mehr mochte als alle anderen, zu Abend essen. Vor einem Jahr war ihm jede dieser Freuden fremd gewesen. Frierend und freundlos und unwissend war er aus einer der großen Privatschulen gekrochen, hatte sich für eine stille und einsame Reise gewappnet und innig gebetet, dass er in Frieden gelassen würde. Cambridge hatte sein Gebet nicht erhört. Die Universität hatte ihn aufgenommen, getröstet und gewärmt; sie hatte ihn ein wenig belächelt und ihm geraten, noch keine so tragische Figur abzugeben, denn seine Knabenzeit sei nur ein staubiger Gang auf dem Weg zu den luftigen Hallen der Jugend gewesen. In einem Jahr hatte er zahlreiche Freunde gefunden und vieles gelernt, und er würde gar noch mehr lernen, wenn er sich bloß auf die Kuh konzentrieren könnte.
Das Feuer war erloschen, und in der Dunkelheit fragte der beim Klavier, was geschehen würde, wenn eine objektive Kuh ein subjektives Kalb hätte. Ansell seufzte verärgert auf, und im selben Moment klopfte es an der Tür.
»Herein!«, sagte Rickie.
Die Tür wurde geöffnet. Das Licht aus dem Gang umrahmte die Figur einer groß gewachsenen jungen Frau.
»Ladys!«, flüsterte es aufgeregt aus allen Ecken.
»Ja bitte?«, sagte er angespannt und hinkte zur Tür (er hatte ein lahmes Bein). »Ja? Bitte treten Sie ein. Wie kann ich Ihnen be–«
»Elender Lümmel!«, rief die junge Frau und streckte einen behandschuhten Finger ins Zimmer. »Sie elender, elender Lümmel!«
Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
»Himmel, Agnes! Das darf doch nicht wahr sein!«
»Elender Lümmel!« Sie schaltete das elektrische Licht an. Schlagartig, und ganz zu ihrem Missfallen, wurden die Philosophen offenbart. »Oho, ein Teekränzchen! Rickie, Sie sind wahrlich unverbesserlich! Ich sage es nochmals: Sie sind ein elender, verächtlicher, unleidiger Lümmel! Auspeitschen sollte man Sie. Die Herren«, sie wandte sich dem Symposion zu, das sich mittlerweile erhoben hatte. »Meine Herren, da lädt er mich und meinen Bruder fürs Wochenende ein. Wir nehmen die Einladung an. Am Bahnhof, kein Rickie. Wir fahren zu seiner alten Adresse – Trumpery Road oder so etwas – und müssen feststellen, dass er dort nicht mehr lebt. Ich schäume vor Wut, und bevor ich meinen Bruder davon abhalten kann, hat der die Droschke bezahlt, und da stehen wir nun, gestrandet. So bin ich zu Fuß gegangen – meilenweit bin ich gegangen! In Gottes Namen, kann mir jemand sagen, was man mit Rickie anstellen soll?«
»In der Tat sollte er ausgepeitscht werden«, sagte Tilliard freundlich. Dann machte er einen Satz zur Tür.
»Einen Moment, Tilliard, lass mich dir Miss Pembroke vorstellen – aber nein, bleibt doch!« Seine Freunde verflüchtigten sich vor dem Gast wie Nebelschwaden vor der Sonne. »Agnes, es tut mir so leid, ich habe nichts zu meiner Verteidigung zu sagen. Ich habe Ihren Besuch schlichtweg vergessen, und ich habe gar nicht mehr an Sie gedacht.«
»Wie reizend! Und wann gedenken Sie, nach Herbert zu fragen?«
»Wo ist er denn?«
»Das sage ich Ihnen nicht.«
»Hat er Sie denn nicht begleitet?«
»Ich werde es nicht verraten. Das ist Teil Ihrer Bestrafung. Es tut Ihnen noch nicht leid genug. Machen Sie sich auf etwas gefasst.«
Sie hatte fraglos recht. Rickie war die Situation bei Weitem nicht so unangenehm, wie sie es hätte sein sollen. Es tat ihm leid, den Besuch vergessen und seinen Gästen Umstände bereitet zu haben. Aber er war lange nicht so beschämt, wie es sich für einen jungen Mann gehörte, der sich einer jungen Dame gegenüber flegelhaft benommen hatte. Hätte er seine Zimmerfrau oder einen der Bediensteten unhöflich behandelt, wäre es ihm ebenso unangenehm gewesen, was sich kaum schickte.
»Als Erstes hole ich uns etwas zu essen. Bitte setzen Sie sich und ruhen sich aus. Oh, lassen Sie mich Ihnen –«
Ansell war das alleinige Überbleibsel der Debattierrunde. Er stand weiterhin vor dem Kamin, ein verkohltes Streichholz in der Hand. Miss Pembrokes Ankunft hatte ihn nicht im Geringsten aus der Ruhe gebracht.
»Darf ich Ihnen Mr Ansell vorstellen? Miss Pembroke.«
Es folgte ein schrecklicher Moment – ein Moment, in dem er es beinahe bereute, einen so intelligenten Freund zu haben. Ansell blieb stockstill stehen und rührte weder Kopf noch Finger. Solches Verhalten war derart unerhört, dass Miss Pembroke nicht verstand, was vor sich ging, und sie hielt ihre Hand länger ausgestreckt, als es sich für eine junge Dame gehörte.
»Du kommst zum Abendessen?«, fragte Ansell in tiefem ernstem Tonfall.
»Ich glaube nicht«, entgegnete Rickie hilflos.
Wortlos verließ Ansell das Zimmer.
»Lassen Sie sich bloß nicht von uns stören«, sagte Miss Pembroke freundlich. »Warum sollten Sie die Einladung Ihres Freundes unseretwegen ausschlagen? Herbert ist auf der Suche nach einer Unterkunft – deswegen ist er nicht hier –, und dort wird man uns gewiss Abendessen servieren können. Hübsche Zimmer haben Sie!«
»Aber keineswegs. Agnes, es tut mir leid. Es tut mir so leid. Es tut mir so unendlich leid.«
»Was?«
»Ansell –«, brach es aus ihm heraus. »Ansell ist kein Gentleman. Sein Vater ist Tuchhändler. Seine Onkel sind Bauern. Er ist hier, weil er so klug ist, nur wegen seiner Intelligenz. Jetzt setzen Sie sich doch bitte. Er ist kein Gentleman, ganz und gar nicht.« Er hastete davon, um das Abendessen zu bestellen.
Der Junge wird zu einem richtigen Snob!, dachte Agnes, schon um einiges beschwichtig. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Rickie aus Zuneigung gesprochen hatte – dass er so etwas nie über einen Menschen gesagt hätte, den er nicht gernhatte. Ebenso wenig bemerkte sie, dass Ansells bescheidene Herkunft seine Unhöflichkeit kaum zu erklären vermochte. Sie akzeptierte bereitwillig, dass das Leben aus Nebensächlichkeiten bestand. Vor sechs Monaten hätte die Situation sie noch gestört; doch heute – heute war es ihr einerlei, wie sich Männer ihr gegenüber verhielten, denn sie hatte ihren eigenen herrlichen Mann, dem keiner dieser gebrechlichen Studenten das Wasser reichen konnte. Gerald würde sie kein Sterbenswörtchen über das Vorgefallene erzählen: Er wäre womöglich von wo immer er auch war herbeigeprescht und hätte Rickie halb zu Tode geprügelt. Und sie beschloss, auch ihren Bruder nicht darüber aufzuklären, denn sie war von Natur aus großherzig, und es gefiel ihr, nachsichtig zu sein.
Sie zog die Handschuhe aus, legte dann ihre Ohrringe ab und betrachtete sie voller Bewunderung. Diese Ohrringe waren eine Extravaganz – ihre einzige Extravaganz. Schon immer hatte sie sich Ohrringe gewünscht, und an dem Tag, an dem Gerald um ihre Hand angehalten hatte, hatte sie sich Ohrlöcher stechen lassen. Auf wundersame Weise war sie sicher gewesen, dass es das Richtige war. Und er hatte ihr die Ohrringe geschenkt – kleine goldene Knöpfe, laut dem Juwelier etwas Urzeitlichem nachempfunden – und die kleinen Blutflecken auf ihrem Taschentuch geküsst. Herbert war, wie üblich, schockiert gewesen.
»Ich kann nicht anders«, rief sie und sprang auf. »Ich bin nicht wie andere Mädchen.« Sie tigerte durch Rickies Zimmer, da sie Untätigkeit nicht ausstehen konnte. Es gab kaum etwas zu sehen. Die Bilder waren nicht ansprechend und sprachen sie nicht an: Schulklassen, Sir Percival von Watts, ein Hund, der einem Hasen hinterherjagte, ein Mann, der einer jungen Frau hinterherjagte, eine billige braune Madonna in einem billigen grünen Rahmen – kurzum, eine Sammlung, in der eine Mittelprächtigkeit die andere überschattete. Über der Tür hing eine längliche Fotografie einer Stadt mit Kanälen, welche Agnes, die noch nie in Venedig gewesen war, als Venedig erkannte und die man, wenn man jemals in Stockholm gewesen war, als Stockholm erkannte. Rickies zauberhafte Mutter stand auf dem Kaminsims. Eine Handvoll weiterer, neu gerahmter Bilder waren gerade angeliefert worden und lehnten mit der Rückseite zum Zimmer gegen die Wand, doch sie machte sich nicht die Mühe, sie umzudrehen. Auf dem Tisch standen schmutzige Teetassen, ein eingefallener Schokoladenkuchen und Omar Khayyam mit einem Oswego-Keks zwischen den Seiten.[4] Und auch eine Vase voller purpurroter Herbstblätter. Dies brache sie zum Lächeln.
Dann fiel ihr Blick auf die Schuhe ihres Gastgebers: Er hatte sie auf dem Sofa liegen lassen. Rickie hatte eine leichte Missbildung, weshalb seine Schuhe unterschiedlich groß waren und jeweils einer mit einer dicken Ferse ausgestattet war, damit er gleichmäßiger gehen konnte. »Pfui!«, rief sie und trug sie mit den Fingerspitzen ins Schlafzimmer. Dort fand sie andere Schuhe und Stiefel und Turnschuhe, eine ganze Reihe, und jedes Paar verformt. »Pfui! Der arme Junge! Was für ein Jammer. Warum darf er nicht wie die anderen sein? Einfach schrecklich, so etwas vererbt zu kriegen.« Seufzend schloss sie die Tür. Dann erinnerte sie sich an Geralds vollkommene Gestalt, seinen athletischen Gang, die breiten Schultern und die ausgestreckten Arme, die darauf warteten, sie zu umschließen. Allmählich beruhigte sie sich wieder.
»Bitte entschuldigen Sie, Miss, aber für wie viele soll ich aufdecken?« Es war Mrs Aberdeen, die Zimmerfrau.
»Für drei, nehme ich an«, sagte Agnes mit einem freundlichen Lächeln. »Mr Elliot wird gleich zurück sein. Er bestellt gerade Abendessen.«
»Vielen Dank, Miss.«
»Es gibt einiges an Teetassen zu spülen!«
»Teetassen sind nicht aufwendig, vor allem die von Mr Elliot.«
»Wie kommt das?«
»Weil sie keine gemeinen Ecken haben, wo sich der Dreck sammelt. Mr Anderson im unteren Stock hat faltige Tassen mit acht Ecken. Da würden Sie staunen, was das ausmacht. Ich war’s, die die Tassen von Mr Elliot gekauft hat. Er will es allen immer leicht machen. Ein aufmerksamerer Gentleman ist mir noch nicht untergekommen. Die Welt, das sag ich Ihnen, wird ein besserer Ort sein wegen ihm.« Sie brachte die Tassen in die Besenkammer und kehrte mit einem Tischtuch zurück und fügte hinzu: »Wenn er verschont bleibt.«
»Stark ist er nicht«, sagte Agnes.
»Ach, Miss, seine Nase! Ich weiß nicht, was er sagen würde, wenn er wüsste, dass ich von seiner Nase rede, aber ich muss mit jemanden darüber reden, und er hat ja keinen Vater oder Mutter. Seine Nase! In den Sommerferien[5] hat sie zweimal geblutet.«
»Tatsächlich?«
»Da muss man doch drüber reden. Wirklich, dieses winzige Zimmer! Und sowieso kann Mr Elliot kaum auf seine Nase verzichten. Zum Glück waren seine Freunde auch hier. Die sind wie Brüder für ihn, sag ich immer.«
»Wie schön. Er hat ja keine richtigen Brüder.«
»Na, Mr Hornblower ist ein fröhlicher Gentleman und Mr Tilliard auch! Und ab und zu wird Mr Elliot selbst auch ganz übermütig. Ich sage Ihnen, das ist der flotteste Flügel im ganzen College! Gestern Abend hat mich die Zimmerfrau von W. gefragt, was ich bloß mit ihren Gentlemen anstelle. Der Kragen von Mr Ansell hat geflattert, sagt sie. Da habe ich gesagt, ›gut so!‹ Es gibt genug Zimmerfrauen, die ihre Gentlemen unter der Fuchtel halten, aber, Miss, in unserer Welt ist es doch besser, wenn man lachen kann.«
Eine Zimmerfrau hat komisch und unehrlich zu sein. Das wird von ihr erwartet. Es ist ihre alleinige Rolle in einem Bild des universitären Lebens. Aus diesem Grund würden wir einer Zimmerfrau mit dem Antlitz einer Lady und Empfindungen, die einer Lady schmeicheln würden, keine Beachtung schenken.
»Ach ja?«, fragte Miss Pembroke, und dann setzte die Ankunft ihres Bruders dem Gespräch ein Ende.
»Ein Armutszeugnis ist das!«, rief er, »ein wahrhaftiges Armutszeugnis.«
»Immer mit der Ruhe, Bertie!«, entgegnete Agnes, »ich möchte kein Gequengel.«
»Ich quengele nicht, Agnes, aber es stünde mir gewiss zu. Warum, bitte schön, hat er uns nicht abgeholt? Warum hat er keine Unterkunft organisiert? Und warum in aller Welt hast du es mir überlassen, alles wieder einzurenken? Jedes der mir bekannten Gasthäuser war belegt, und jetzt haben wir Zimmer mit Blick auf Stallungen. Anders ging es nicht. Und zu guter Letzt, sieh dir das an! Eine Schande ist es.« Er hob seinen Fuß wie ein getretener Hund. Er war tropfnass.
»Aha! Das erklärt die Quengelei. Raus aus dem Schuh, aber sofort, sonst fängst du dir wieder eine Erkältung ein.«
»Vermutlich hast du recht.« Er setzte sich vor den Kamin und zupfte an den Schnürsenkeln. »Die Sitten an der Universität haben sich auffallend verändert. Ich kann mich nicht daran erinnern, je in einer Dreierreihe auf dem Gehsteig stolziert zu sein und arglose Besucher in den Rinnstein gestoßen zu haben. Einer war sogar von Eton, wenigstens der Krawatte nach. Aber die anderen kamen wohl von dubiosen Schulen, wenn sie denn überhaupt irgendwo zur Schule gegangen sind.«
Mr Pembroke war beinahe zwanzig Jahre älter als seine Schwester und hatte nie so gut ausgesehen wie sie. Trotzdem war er in keiner Hinsicht ein Mensch, den man in den Rinnstein stieß, denn obwohl er nicht ordiniert war, hatte er das Auftreten eines Mannes, dem das unmittelbar bevorstand, und sowohl sein Gesicht als auch seine Kleidung trugen geistliche Züge. In seiner Gegenwart sprach man mit Zurückhaltung und ohne Eifer und Überschwang, und als wäre er tatsächlich Pfarrer, wurde seine Gegenwart von niemandem, weder Männern noch Jungen, je vergessen. Dies war ihm aufgefallen, und es war ganz nach seinem Geschmack. Sein Gewissen erlaubte es ihm, jederzeit in die Kirche einzutreten, wann auch immer seine aktuelle Tätigkeit im Schulwesen es verlangte.
»Das muss der feuchteste Rinnstein der Welt gewesen sein«, sagte Agnes, die ihrem Bruder die Socke abgezogen hatte und sie nun an einer Zange über der Glut trocknete.
»Du kennst doch den kleinen Kanal in der Trumpington Road? Gelegentlich wird er geöffnet, um den Dreck wegzuspülen – eine äußerst ordinäre Idee. Als ich hier studierte, haben wir uns darüber lustig gemacht und ihn die ›Pem‹ genannt.«
»Wie schmeichelhaft!«
»Sei nicht albern! Natürlich nicht nach mir. Wir haben das Flüsschen die ›Pem‹ genannt, weil es sich in der Nähe des Pembroke College befand. Ich erinnere mich …« Er lächelte und wackelte mit den Zehen. Da erinnerte er sich an die Gegenwart der Zimmerfrau, und er sagte: »Die Socke ist jetzt sicherlich trocken. Ich bitte darum.«
»Sie trieft förmlich. Sicher nicht!« Agnes hielt die Zange außer Griffweite. Wortlos holte Mrs Aberdeen ein Paar von Rickies Socken und Schuhen.
»Vielen Dank. Vielen Dank. Mr Elliot wird es bestimmt nichts ausmachen.« Dann fragte er seine Schwester auf Französisch: »Hat sich Frederick schon blicken lassen?«
»Nenn ihn Rickie und sprich Englisch, ich bitte dich. Ich habe ihn hier angetroffen. Er hat uns vergessen, war aber untröstlich. Jetzt holt er uns etwas zum Abendessen, und warum er noch nicht zurück ist, ist mir schleierhaft.«
Mrs Aberdeen verließ die beiden.
»Er muss scharf gerügt werden. Zerstreutheit ist nicht originell. Wahre Originalität ist etwas anderes. Ich bitte dich, der Unterschicht fehlt jeglicher Nous[6]. Wie soll ich denn bitte etwas so Verformtes tragen?« Denn er hatte verzweifelt versucht, seinen rechten Fuß in den linken Schuh zu zwängen.
»Lass das!«, sagte Agnes hastig. »Lass die Finger von seinen Sachen, der arme Kerl.« Beim Anblick des eleganten, verformten Lacklederschuhs wurde sie beinahe ohnmächtig. Sie kannte Rickie seit Jahren, doch nun, da er im Mannesalter angekommen war, schien es schrecklicher und anders. Durch ihn war sie zum ersten Mal eng mit dem Abnormen in Berührung gekommen, und etwas Unbekanntes in ihrem Wesen sträubte sich dagegen. Sie verzog das Gesicht, als seine unregelmäßigen Schritte im Gang erklangen.
»Agnes, bevor er eintrifft, du hättest mich nicht stehen lassen und seine Quartiere unbegleitet aufsuchen sollen. Ein grundlegender Fehler. Stell dir vor, du hättest ihn hier inmitten seiner Freunde angetroffen. Wenn Gerald –«
Rickie war mittlerweile ganz außer Fassung geraten. In der Küche hatte er die Nerven verloren, und als er endlich an der Reihe war – denn er hatte warten müssen –, ließ er allen anderen den Vortritt, weil er, wie er sagte, keine Rolle spielte. Dann hatte er weitere kostbare Zeit damit verschwendet, Bananen zu kaufen, obwohl er wusste, dass die Pembrokes nichts für Früchte übrig hatten. Vor dem Hintergrund dieser zaghaften und konfusen Gastfreundschaft begann die Mahlzeit. Die Löffel und Gabeln waren alle unterschiedlich, denn Mrs Aberdeens Tugenden waren theoretischer Natur. Der Fisch schien nie gelebt zu haben, das Fleisch war geschmacklos, und der Korken glitt so lautlos aus der Flasche des Hausweins, als schämte er sich seines Inhalts. Agnes war besonders angenehme Gesellschaft, ihr Bruder hingegen konnte sich nicht beruhigen. Zu wach war die Erinnerung an die trostlose Ankunft, und er spürte, wie das Wasser der Pem seine Sohle aufweichte.
»Rickie«, rief die Dame, »Sie haben mir noch gar nicht zu meiner Verlobung gratuliert!«
Rickie lachte nervös und sagte: »Ach herrje! In der Tat nicht.«
»Also sagen Sie etwas Nettes.«
»Ich hoffe, dass Sie sehr glücklich werden«, murmelte er. »Aber ich weiß doch nichts über die Ehe.«
»Sie sind unverbesserlich! Er hat sich kein bisschen verändert, nicht wahr, Herbert? Aber Sie kennen Gerald doch ein wenig, also seien Sie nicht so reserviert und zurückhaltend. Als ich mir die Klassenbilder angesehen habe, wurde mir klar, dass Sie mit ihm in der Schule waren. Hatten Sie viel miteinander zu tun?«
»Nur selten«, antwortete er verhalten. Er stand ruckartig auf und hantierte mit dem Kaffee.
»Aber Sie waren im gleichen Haus. Die Fotografie zeigt doch sicher eine Hausgruppe?«[7]
»Er war ein Präfekt.« Er braute den Kaffee auf die einfache Art. Er goss kochendes Wasser in seinen braunen Topf. Kurz vor dem Servieren gab man einen Tropfen kaltes Wasser hinzu, was dafür sorgen sollte, dass sich der Satz am Boden sammelte.
»War er nicht ein begnadeter Sportler? Er hätte jeden Jungen oder Lehrer niederschlagen können, oder etwa nicht?«
»Doch.«
»Wenn er es gewollt hätte«, versetzte Mr Pembroke, der lange nichts gesagt hatte.
»Wenn er es gewollt hätte«, wiederholte Rickie. »Agnes, ich hoffe, dass Sie unfassbar glücklich sein werden. Ich weiß nichts über die Armee, aber ich stelle sie mir unfassbar interessant vor.«
Mr Pembroke lachte leise.
»Ja, Rickie. Die Armee ist ein äußerst interessanter Beruf – der Beruf von Wellington und Marlborough und Lord Roberts, ein äußerst interessanter Beruf, wie Sie selbst sagen. Ein Beruf, der möglicherweise den Tod bedeutet – Tod anstatt Schande.«
»Wie nett«, sagte Rickie, als spräche er mit sich selbst. »Jeder Beruf mag zu Schande führen, aber in anderen Berufen hat man nicht die Möglichkeit, stattdessen zu sterben. In der Armee sieht das anders aus. Wenn ein Soldat etwas vermasselt, dann gilt es als anständig, wenn er sich die Kugel gibt. In anderen Berufen wäre das eher feige.«
»Mir fehlen die nötigen Kenntnisse, um mir ein Urteil darüber zu erlauben«, entgegnete Mr Pembroke, der es nicht gewohnt war, Antworten auf seine satirischen Oberlehrerkommentare zu erhalten. »Ich weiß lediglich, dass die Armee der ritterlichste Beruf ist, den es gibt. Was mich daran erinnert, Rickie, haben Sie bereits über Ihren nachgedacht?«
»Nein.«
»Gar nicht?«
»Bedauere.«
»Nun lass ihn doch, Herbert. Nimm noch eine Meringue.«
»Mein lieber Rickie, Sie sind jetzt zwanzig Jahre alt. Es ist höchste Zeit, dass Sie sich Gedanken darüber machen. Das Studium ist der Anfang des Lebens, nicht das Ende. In kaum zwei Jahren werden Sie Ihren Bachelor haben. Was wollen Sie damit machen?«
»Ich bin mir nicht sicher.«
»Du hast einen Master, oder nicht?«, fragte Agnes, doch ihr Bruder fuhr unbeirrt fort.
»Ich habe dutzendfach erlebt, dass vielversprechende, glänzende Leben Schiffbruch erlitten haben, und zwar aus folgendem Grund: weil man sich nicht früh genug für einen Weg entschieden hat. Mein lieber Junge, Sie müssen sich Gedanken darüber machen. Unter Umständen können Sie sogar Ihre Vorlieben berücksichtigen, aber Sie müssen darüber nachdenken. Sie haben keine Zeit zu verlieren. Jura, wie Ihr Vater?«
»Oh nein, das liegt mir gar nicht.«
»Von der Kirche ganz zu schweigen.«
»Doch, Rickie, werden Sie Pfarrer!«, rief Miss Pembroke. »Mit Schlapphut sähen Sie einfach umwerfend aus.«
Er blickte seine Gäste verzweifelt an. Ihre Freundlichkeit und Fertigkeit waren überwältigend. Wenn ich nur so mit ihnen reden könnte wie mit mir selbst, dachte er. Ich bin nicht so ein Esel, wenn ich mit mir selbst spreche. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass alles, was mir zu der Kuh in den Sinn kam, Schwachsinn war. Laut sagte er: »Ich habe übers Schreiben nachgedacht.«
»Schreiben?«, fragte Mr Pembroke im Tonfall eines Menschen, der jedem Vorschlag ein offenes Ohr schenkt. »Gut, was ist mit dem Schreiben? Von welcher Art des Schreibens sprechen wir?«
»Ich schreibe gerne …«, er schluckte einmal leer, »ich schreibe gerne kleine Geschichten.«
»Sie sollten sich besser an Gedichte halten«, warf Agnes ein. »Sie sind durch und durch ein Poet.«
»Mir war nicht bewusst, dass Sie schreiben. Würden Sie mir etwas zeigen? Dann könnte ich mir ein Urteil bilden.«
Der Autor schüttelte den Kopf. »Ich zeige das niemandem. Eigentlich ist es nichts, ich schreibe nur aus Spaß an der Freude.«
»Wovon handeln die Geschichten?«
»Albernen Dingen.«
»Werden Sie sie jemals mit anderen teilen?«
»Ich glaube nicht.«
Mr Pembroke verstummte, einerseits weil die Meringue, die er gerade verzehrte, eigentlich Rickie gehörte, andererseits weil sie pappig war und ihm die Zähne verklebte. Agnes war der Ansicht, das Schreiben sei eine fantastische Idee: Es gebe auch noch Rickies Tante – sie könne ihn doch anspornen.
»Tante Emily spornt niemanden an. Sie sagt, dass die Leute dann nur bocken und sie aus dem Sattel werfen.«
»Ich hatte bisher nur einmal das Vergnügen, die Bekanntschaft Ihrer Tante zu machen. Sie schien mir eine unerschütterlich sattelfeste Person zu sein. Gewiss würde sie Ihnen helfen.«
»Ihr könnte ich keinesfalls etwas zeigen. Sie würde die Geschichten noch alberner finden, als sie es ohnehin sind.«
»Immer machen Sie sich klein! Gesprochen wie ein wahrer Künstler«
»Ich bin nicht bescheiden«, sagte er angespannt. »Ich weiß einfach, dass sie schlecht sind.«
Die Meringue war endlich aus den Zähnen von Mr Pembroke, und er konnte sich nicht länger zurückhalten. »Mein lieber Rickie, Ihr Vater und Ihre Mutter sind tot, und Sie pflegen zu sagen, dass sich Ihre Tante nicht für Sie interessiert. Folglich hängt Ihr Leben nur von Ihnen selbst ab. Denken Sie sorgfältig nach und entscheiden Sie sich für etwas, und wenn Sie sich entschieden haben, bleiben Sie dabei. Wenn Sie der Meinung sind, dass das Schreiben ein gangbarer Weg ist und Sie Ihren Lebensunterhalt damit verdienen können – und dass Sie gegebenenfalls auch eine Ehefrau unterhalten könnten –, dann lassen Sie sich nicht vom Schreiben abbringen. Aber Sie müssen arbeiten. Arbeiten und schuften. Fangen Sie auf der untersten Sprosse an und arbeiten Sie sich empor.«
Rickie ließ den Kopf hängen. Metaphern brachten ihn stets zum Schweigen. Es kam ihm nicht in den Sinn zu entgegnen, die Kunst sei keine Leiter mit einem Kuraten auf der ersten, einem Dekan auf der zweiten und einem Bischof auf der obersten Sprosse, jede dem Himmel jeweils ein Stückchen näher. Er entgegnete nicht, ein Künstler sei kein Maurer, sondern ein Reiter, der Pegasus auf Anhieb einfangen sollte, ohne zuerst zur Übung zahmere Hengstfohlen zu besteigen. Das mochte harte, feurige und mitunter keine anmutige Arbeit sein, jedoch war es keine Schufterei. Schufterei war nicht Kunst und ebnete ihr auch nicht den Weg.
»Selbstverständlich denke ich nicht ernsthaft über das Schreiben nach«, sagte er, während er kaltes Wasser in den Kaffee goss. »Selbst wenn meine Geschichten etwas taugten, würden die Zeitschriften sie kaum nehmen, und Zeitschriften sind der einzige Weg. Außerdem habe ich irgendwo gelesen, dass niemand außer Marie Corelli etwas mit Schreiben verdient. Mir würde es sicher kein Geld einbringen.«
»Ich habe nichts von ›Geld‹ gesagt«, sagte Mr Pembroke peinlich berührt. »Sie dürfen sich nicht den Kopf über Geld zerbrechen. Ideale sind ebenfalls wichtig.«
»Ich habe keine Ideale.«
»Rickie!«, entfuhr es Agnes. »Wie schrecklich!«
»Nein, Agnes, ich habe keine Ideale.« Dann schoss ihm Farbe ins Gesicht, denn er hatte diesen Satz von Ansell übernommen, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, was als Nächstes kam.
»Ein Mensch ohne Ideale«, sagte sie, »ist bemitleidenswert.«
»Richtig«, sagte Mr Pembroke und nippte an seinem Kaffee. »Ein Leben ohne Ideale wäre wie der Himmel ohne Sonne.«
Rickie blickte in die Nacht, in der nun unzählige Sterne prangten – Götter und Helden, Jungfrauen und Bräute, denen die Griechen Namen gegeben hatten.
»Ein Leben ohne Ideale –«, wiederholte Mr Pembroke und unterbrach sich, denn sein Mund war voller Kaffeesatz. Dasselbe Leid hatte Agnes befallen. Es folgte gutmütiges Gelächter, dann nahmen seine Gäste Abschied und suchten ihre Unterkunft auf. Nachdem Rickie sie bis zum Pförtnerhaus begleitet hatte, eilte er singend zu Ansells Zimmer, stieß die Tür auf und sagte: »Was sollte das bitte?«
»Was sollte was?« Ansell war allein. Er saß vor einem Blatt Papier, auf dem eine Zeichnung zu sehen war: ein Quadrat, darin ein Kreis, darin wiederum ein Quadrat.
»Dein ausfälliges Benehmen. Du bist kein Gentleman, das habe ich ihr ohne Umschweife gesagt.« Er haute ihm ein Sofakissen auf den Kopf. »Man muss anderen gegenüber höflich sein, selbst wenn sie nicht gerettet sind.« (»Nicht gerettet« war ihr Ausdruck für Menschen, die sie nicht mochten oder mit denen sie nicht eng vertraut waren). »Übrigens glaube ich, dass sie gerettet ist. Ich kenne niemanden, der stets so gutmütig und liebenswürdig ist. Seit ich sie kenne, ist sie gut zu mir. Hättest du nur gesehen, wie sie versucht hat, ihren Bruder zu zügeln, dann würdest du deine Meinung ändern. Nicht dass er nicht nett zu mir war. Aber sie ist die Nettigkeit in Person. Und wie bezaubernd sie war, als sie ins Zimmer kam. Weißt du – ach ja, du verachtest Musik –, Anderson hat Wagner gespielt und war gerade an der Stelle, an der
Rheingold!
Rheingold!
gesungen wird und die Sonne auf das Wasser fällt und die Musik, die bis dahin vor allem in Es war –«
»… zu Dis wechselt. Ich habe kein Wort verstanden, einerseits weil du sprichst, als hättest du den Mund voll, andererseits weil ich keinen blassen Schimmer habe, wen du meinst.«
»Miss Pembroke. Du hast sie gesehen.«
»Ich habe niemanden gesehen.«
»Die Dame in meinem Zimmer?«
»Niemand war in deinem Zimmer.«
»Du Esel!«, kreischte Rickie. »Sie war da, du hast sie gesehen. Sie und ihr Bruder haben mit mir gegessen.«
»Das denkst du bloß. Sie waren nicht wirklich da.«
»Sie bleiben sogar bis Montag.«
»Du denkst bloß, dass sie das tun.«
»Aber – hör zu und halt die Klappe! Ein Mädchen wie eine Kaiserin –«
»Ich habe weder eine Kaiserin noch ein Mädchen gesehen, und du auch nicht.«
»Ansell, hör auf rumzualbern.«
»Elliot, ich albere nie herum, und das weißt du. Sie war nicht wirklich da.«
Es folgte eine kurze Stille. Dann rief Rickie: »Jetzt habe ich dich. Du sagst doch – oder war es Tilliard? –, nein, du, du hast gesagt, dass die Kuh da ist. Nun, diese Leute sind auch da. Hab ich dich!«
»Dir ist wohl nie eingefallen, dass es zwei verschiedene Arten von Erscheinungen geben kann: erstens diejenigen, die tatsächlich existieren, zum Beispiel die Kuh; zweitens diejenigen, die das subjektive Gespinst einer kranken Vorstellung sind und denen wir, zu unserem Ruin, den Anschein von Wirklichkeit verleihen. Wenn dir das bisher nie eingefallen ist, dann lass es dir jetzt einfallen.«
Rickie sagte wieder etwas, erhielt jedoch keine Antwort. Einen Moment lang schritt er im düsteren Zimmer auf und ab. Dann setzte er sich auf die Tischkante und sah seinem Freund dabei zu, wie er einen Kreis in das Quadrat zeichnete und in den Kreis ein Quadrat und darin einen weiteren Kreis und darin ein weiteres Quadrat.
»Warum tust du das?«
Keine Antwort.
»Sind die real?«
»Die Form im Innersten schon. Die in der Mitte von allem, für die es nie genug Platz gibt.«
Ein Stückchen vor Madingley, auf der linken Straßenseite, befindet sich ein abgeschottetes, mit Gras und Tannen überwachsenes kleines Tal. Vor zwanzig Jahren hätte sich ein Besuch nicht gelohnt, war es damals nichts als eine kreidige Narbe in der Erde, und auch heute lohnte es sich nicht, denn es wurde von einem Dickicht von Bäumen erstickt. Doch wie das Schicksal es wollte, befand es sich zu Rickies Jahren in Cambridge in seiner romantischen Blütezeit, einer Zeit, die für eine Kreidegrube ähnlich knapp bemessen ist wie für einen Menschen – das göttliche Interludium zwischen der Kargheit der Jugend und der Abgelebtheit des Alters. Rickie hatte es in seinem zweiten Semester entdeckt, als der Januarschnee geschmolzen war und sich kristallklare Fjorde und Lagunen in den Unebenheiten des Talgrunds gebildet hatten. Das Tal kam ihm so weitläufig vor wie die Schweiz oder Norwegen – und tatsächlich war es das damals –, und er entdeckte es in einer Zeit, in der sich sein Leben ebenfalls zu entfalten begann. Dementsprechend wurde das Tal zu einer Art Kirche für ihn: einer Kirche, in der man tun und lassen konnte, was man wollte, in der aber allem, was man tat, eine höhere Bedeutung zukam. Wie die alten Griechen vermochte er über diesen heiligen Ort zu lachen, ohne ihn dadurch zu entweihen. Er sprach vergnügt über das Tal und über die angenehmen Gedanken, die es in ihm weckte; er zeigte es seinen Freunden; er zeigte es sogar Menschen, die er nicht mochte. »Procul este, profani!« – Bleibt fern, ihr Uneingeweihten![1] – entfuhr es einem verzückten Ästheten, als er zum ersten Mal das Tal betrat. Doch das würde nie Rickies Haltung sein. Er hatte nichts übrig für die vulgäre Masse, allerdings wusste er, dass er sich einer bedeutsameren Vulgarität schuldig machen würde, wenn er ihr den Zutritt verwehrte, und dass er nicht mit dem Geist des Tals vertraut werden könnte, indem er sich zierte. Hätte er die Haltung des Ästheten geteilt, hätte er ihm den Ort vermutlich nie gezeigt. Als Inschrift – wenn es denn eine bräuchte – hätte er Hier entlang zum Himmel bevorzugt, in gemalten Lettern auf einem Wegweiser an der Straße, und erst Jahre später wurde ihm klar, dass ein solcher Wegweiser nicht erheblich mehr Besucher in das Tal gelockt hätte.
An dem seligen Montag, an dem die Pembrokes abreisten, unternahm er mit drei Freunden einen Ausflug dorthin. Es war einer jener Tage, an denen der Himmel immens schien. Eine einzelne Wolke, groß wie ein Kontinent, zog an der Sonne vorbei, während andere am Horizont verankert schienen, entweder zu faul oder zu glücklich, um sich zu rühren. Der Himmel war hellblau, so hell, dass er nahe der Erde in Weiß überging; darunter kam die Erde braun, nass und modrig ihrer jährlichen Pflicht des Verfalls nach. Rickie war empfänglich für die Komplexität des Herbstes; er fühlte sich winzig – äußerst winzig und äußerst wichtig; und möglicherweise ist diese Kombination das höchste der Gefühle. Er hoffte, in seinem Leben niemals nörgelig oder herzlos zu werden.
»Elliot ist in einem gefährlichen Zustand«, sagte Ansell. Sie hatten das Tal erreicht und waren in Stille stehen geblieben, jeder an einen Baum gelehnt. Es war zu feucht, um sich zu setzen.
»Inwiefern?«, fragte Rickie, der sich keines Zustands bewusst war. Er schloss seinen Keats, den er zu lesen meinte, und ließ ihn in seine Jackentasche gleiten. Man fand ihn höchst selten ohne Buch.
»Er versucht die Menschen zu mögen.«
»Dann ist es aus mit ihm«, konstatierte Widdrington. »Er ist so gut wie tot.«
»Er versucht Hornblower zu mögen.«
Die anderen bekundeten ihr Entsetzen mit schrillem Geschrei.
»Er möchte das College vereinen. Er möchte uns mit den Sportsmännern versöhnen.«
»Ich mag Hornblower«, widersprach er. »Ich versuche es nicht.«
»Und Hornblower versucht dich zu mögen.«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Aber er versucht tatsächlich, dich zu mögen. Er versucht, dich nicht zu verachten. Ein wahrhaftes Spektakel an Gemeinsinn.«
»Tilliard hat sie auf die Idee gebracht«, sagte Widdrington. »Tilliard findet es eine Schande, dass es im College verschiedene Lager gibt.«
»Pah, Tilliard!«, rief Ansell sichtlich verärgert. »Kann man von einem zeitlos schönen Menschen irgendetwas anderes erwarten? Neulich, wir hatten lange debattiert, wurde plötzlich das Licht angeschaltet. Das war ein Bild! Alle waren angemessen zerzaust. Außer Tilliard. Der saß gefasst auf einem Stühlchen und sah aus wie ein klein gewachsener Gott, ohne auch nur ein gekrümmtes Haar. Ich bin mir sicher, dass er es ins Außenministerium schaffen wird.«
»Warum sind die meisten von uns nur so hässlich?«, lachte Rickie.
»Es ist lediglich ein Zeichen unserer Errettung – lediglich ein weiteres Zeichen, dass es im College verschiedene Lager gibt.«
»Das stimmt nicht«, schrie Rickie, den dieses Thema stets in Aufruhr versetzte. »Das College ist und war schon immer und wird immer ein Ganzes sein. Deine Sportsmänner sind kein Lager. Das sind einfach Leute, die gerne rudern. Es ist logisch, dass sie die meiste Zeit untereinander verbringen; aber sie sind nett zu mir und auch sonst. Natürlich halten sie uns für Dummköpfe, aber auf eine gutmütige Art.«
»Das ist ja genau mein Problem«, sagte Ansell. »Wer gibt ihnen das Recht, uns auf gutmütige Art für Dummköpfe zu halten? Warum hassen sie uns nicht? Wer gibt Hornblower das Recht, mir auf den Rücken zu hauen, wenn ich unhöflich zu ihm war?«
»Und wer gibt dir das Recht, unhöflich zu ihm zu sein?«
»Die Tatsache, dass ich ihn hasse. Du findest es herrlich, niemanden zu hassen. Ich sage dir, es ist eine Sünde. Du möchtest alle Menschen gleich lieben, aber das ist nicht nur unmöglich, es ist falsch. Wenn du behauptest, es gebe keine Lager, attackierst du in Wahrheit die Freundschaft.«
»Ich halte daran fest«, sagte Rickie – er klammerte sich an diesen Ausdruck in der Hoffnung, er würde seinen Worten eine gewisse Haltbarkeit verleihen –, »ich halte daran fest, dass es möglich ist, mehr Menschen zu mögen, als man denkt.«
»Und ich halte daran fest, dass du weitaus mehr Menschen hasst, als du zugibst.«
»Ich hasse niemanden«, rief Rickie mit ungemeiner Wucht, und das Tal sprach hallend nach, dass es niemanden hasste.
»Natürlich glauben wir dir«, erwiderte Widdrington mit dem Anflug eines Lächelns, »aber wir bedauern es.«
»Nicht einmal deinen Vater?«, fragte Ansell.
Rickie schwieg.
»Nicht einmal deinen Vater?«
Die Wolke hoch oben am Himmel streckte einen Ausläufer vor der Sonne aus. Dieser verblieb nur kurz in dieser Position, doch das reichte aus, um die lauernde Kälte des Bodens heraufzubeschwören.
»Hasst er seinen Vater?«, fragte Widdrington, der darüber nichts wusste. »Sehr gut!«
»Aber sein Vater ist tot. Er wird behaupten, das zähle nicht.«
»Immerhin. Hasst du deinen?«
Ansell antwortete nicht. Rickie sagte: »Ich frage mich, ob man so reden sollte.«
»Darüber, dass man tote Menschen hasst?«
»Ja.«
»Hast du deine Mutter gehasst?«, fragte Widdrington.
Rickie lief feuerrot an.
»Ich finde Hornblower gar nicht so übel«, warf der andere namens James ein.
»Wie diplomatisch von dir, James«, sagte Ansell. »Du möchtest einen unangenehmen Moment überspielen. Du darfst jetzt gehen.«
Widdrington war ebenfalls feuerrot im Gesicht. Aus dem Verlangen, geistreich zu sein, hatte er Worte benutzt, ohne ihre Bedeutung zu bedenken. Jäh war ihm bewusst geworden, dass »Vater« und »Mutter« tatsächlich Vater und Mutter bedeuteten: Menschen, die es auch in seinem Zuhause gab. Es war ihm äußerst unangenehm, und er dachte, Rickie habe sich seltsam aufgeführt. Auch er versuchte das Gespräch zurück auf Hornblower zu lenken, doch Ansell ließ es nicht zu. Die Sonne kam hinter der Wolke hervor und bestrahlte die weißen Flanken des Tals. Rickie blickte sie unverwandt an. Dann sagte er plötzlich:
»Ich denke, ich möchte reden.«
»Das denke ich auch«, antwortete Ansell.
»Wäre ich nicht ein ziemlicher Dummkopf, wenn ich während meiner Zeit in Cambridge nicht reden würde? Man sagt, es wird niemals wieder so einfach sein. Außerdem sind alle tot. Warum sollte ich euch nicht von meiner Herkunft und meinen Eltern und meiner Schulzeit erzählen?«
»Rede es dir von der Seele. Falls du uns anödest, wir haben Bücher dabei.«
Mit dieser Einladung begann Rickie seine Lebensgeschichte. Die Leserschaft ohne Buch in Griffnähe wird sich wohl oder übel mit ihr begnügen müssen.
***
Manche Menschen verbringen ihr Leben in einem Vorort, und zwar ohne triftigen Grund. Dies war Rickies Schicksal gewesen. Seine Augen hatten sich unter einem trüben Himmel geöffnet, seine ersten Schritte hatte er auf Asphalt getan. Für ihn war Zivilisation eine Reihe von Doppelhäusern, Gesellschaft ein Zustand, in dem Nachbarn einander nicht kannten. Er war von der gräulichen Eintönigkeit, die sich um jede Großstadt erstreckt, geschluckt worden. Es bestand keine Notwendigkeit dafür; es war lediglich bequem für seinen Vater.
Mr Elliot war Anwalt. Seine Erscheinung glich der seines Sohnes, schwach und mit lahmem Bein, eingefallenen kleinen Wangen, einer breiten, blassen Stirn und strohigem, schütterem Haar. Seine Stimme, die er nicht weitergegeben hatte, war äußerst kultiviert, und er war ein Meister des zynischen Tons. Die kleinsten Modulationen konnten andere zusammenzucken lassen, insbesondere einfache und arme Leute. Auch seine Augen hatte er nicht weitergegeben. Ihre eigentümliche Mattheit, als blickte die Seele durch verdreckte Fenster, ihre Lieblosigkeit, Feigheit und Furchtsamkeit konnten der Welt nichts mehr anhaben.
Er heiratete ein Mädchen mit einer wunderschönen Stimme. Zwar war es keine liebkosende Stimme, aber sie spendete allen Trost, als verhieße die Welt einen unerwarteten Segen. Eines Abends rief sie an einem unsichtbaren Gewässer nach ihren Hunden, und er, ein Tourist auf der Brücke, dachte sich: Wie ungemein passabel. Mit der Zeit fand er heraus, dass ihre Figur, ihr Gesicht und ihre Gedanken ebenfalls passabel waren, und da sie sich in Gesellschaft nicht unmöglich benahm, machte er sie zu seiner Frau. »Ich habe einen Sprung gewagt«, sagte er seiner Familie. Diese war vorerst abweisend und hatte der Frau nichts zu sagen, als sie miteinander bekannt gemacht wurden; und seine Schwester bemerkte, dass nicht er es war, der den Sprung gewagt hatte.
Es ging nicht allzu lange gut. Obwohl Mrs Elliot sowohl innere als auch äußere Schönheit besaß, war es ihr nicht gegeben, ein schönes Zuhause herzurichten, und als sie einmal einen knalligen Teppich für das Wohnzimmer nach Hause brachte, lachte er leise, sagte: »Wohl kaum«, und verließ sie. »Verließ« mag ein zu starker Ausdruck sein. In Mrs Elliots Worten: »Mein Mann ist genötigt, häufiger in der Stadt zu übernachten.« Er besuchte sie oft, meistens unangekündigt, und gelegentlich besuchten sie ihn. »Vaters Haus«, wie Rickie es nannte, bestand nur aus drei Zimmern, diese aber waren voller Bücher, Bilder und Blumen; und die Blumen, anstatt wie in Mamas Haus in Vasen gestopft zu sein, wanden sich anmutig an Bleirahmen empor, deren Füße sich am Boden kringelten, wie sich Seeschlangen am Meeresgrund kringeln mussten. Einmal durfte er einen dieser Rahmen herausnehmen – nur ein einziges Mal, denn ein paar Wassertropfen benetzten einen Leineneinband. »Der Junge entwickelt Geschmack«, sagte Mr Elliot träge. »Das mag sein«, antwortete seine Frau. Sie hatte weder Hut noch Handschuhe abgelegt, nicht einmal den Schleier hatte sie gehoben. Mr Elliot lachte, kurz darauf trat eine Dame ein, und Rickie und Mrs Elliot gingen.
»Warum lacht Vater immer?«, fragte Rickie am Abend, als er mit seiner Mutter im Kinderzimmer saß.
»Es ist eine Angewohnheit.«
»Warum lacht er immer über mich? Bin ich so lustig?« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Aber du hast keinen Sinn für Humor, nicht wahr, Mama?«
Mrs Elliot, die gerade einen Baumwollfaden zu ihren Lippen hob, hielt verwundert inne.
»Das hast du ihm heute Nachmittag gesagt. Aber ich habe dich schon lachen gesehen.« Er nickte wissend. »Ja, ich habe dich schon ganz oft lachen gesehen. Einmal hast du ganz allein in den Wicken gelacht.«
»Wirklich?«
»Ja. Hast du über mich gelacht?«
»Ich habe nicht an dich gedacht. Faden, bitte – eine Rolle Nummer fünfzig in Weiß aus meiner Kommode. In der linken Schublade. Warte, wo ist links?«
»Auf der Seite, auf der meine Tasche ist.«
»Und wenn du keine Tasche hättest?«
»Die Seite mit meinem schlechten Fuß.«
»Was ich hören wollte, war: ›Die Seite, auf der mein Herz ist‹«, sagte Mrs Elliot und hielt das Staubtuch zwischen ihnen hoch. »Die meisten Menschen – also nein, alle Menschen – spüren eine kleine Uhr auf einer Seite, die niemals aufhört zu ticken. Das heißt, dass du immer noch wüsstest, wo links ist, auch wenn du keinen schlechten Fuß hättest. Nummer fünfzig, bitte. Nein, warte, ich hole ihn selbst.« Denn ihr war eingefallen, dass er sich vor dem dunklen Gang fürchtete.
Dies sind die Umrisse. Rickie hatte sie mit der Zögerlichkeit und Präzision eines Kindes ausgefüllt. Obwohl ihm nichts gesagt wurde, fand er heraus, dass sich sein Vater und seine Mutter nicht liebten und dass seine Mutter liebenswürdig war. Er fand heraus, dass Mr Elliot ihn zuweilen Rackie nannte, weil er rachitisch war, dass es ihm Freude bereitete, auf die Missbildung seines Sohnes anzuspielen, und er bedauerte, dass sie nicht schlimmer als seine eigene war. Mr Elliot besaß nicht einen Hauch von Originalität. Er hatte seine Bilder und Bücher und Blumenrahmen mechanisch angesammelt, nicht aus Liebe. Er ging als kultivierter Mensch durch, weil er es verstand, wählerisch zu sein, und er erschien unkonventionell, weil er auf eigene Art wählerisch war. Tatsächlich hatte nichts, das er je tat oder sagte oder dachte, auch nur einen Funken Schönheit oder Wert. Und mit der Zeit fand Rickie auch das heraus.
Der Junge wuchs in großer Einsamkeit auf. Er vergötterte seine Mutter, und sie hatte ihn lieb. Doch sie war würdevoll und zurückhaltend, und Pathos wie Klatsch widerten sie an. Nähe schüchterte sie ein, denn Nähe führte zu Vertraulichkeiten und Tränen, weshalb sie ihr Leben lang eine gewisse Distanz zu ihrem Sohn wahrte. Ihre Güte und Selbstlosigkeit kannten keine Grenzen, doch wenn er ihr in einem Gefühlsausbruch dafür zu danken versuchte, ermahnte sie ihn, sich nicht wie ein Dummerchen zu gebärden. Und so war die einzige Person, mit der er wirklich vertraut wurde, er selbst. Er spielte Halma mit sich allein. Er führte Selbstgespräche, bei denen ein Teil von ihm Fragen stellte und ein anderer Antworten gab. Ein spannendes Spiel, das immerzu mit der Formel endete: »Auf Wiedersehen und vielen Dank. Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen. Ich hoffe, dass wir uns bald wieder zu einem Gespräch treffen können.« Und dann und wann weinte er vor Einsamkeit, wenn er sah, wie echte Menschen – echte Brüder, echte Freunde – im Leben die Dinge taten, die er nachspielte. Werde ich jemals einen Freund haben?, fragte er sich mit zwölf. Ich glaube nicht. Die anderen gehen zu schnell, und einen Bruder werde ich nie bekommen.
(»Da hast du nichts verpasst«, unterbrach ihn Widdrington.
»Aber ich werde nie einen haben, weshalb ich mir einen wünsche, auch jetzt noch«, antwortete Rickie.).
Als er dreizehn Jahre alt war, wurde Mr Elliot krank. Da die hübsche Stadtwohnung für einen Kranken nicht geeignet war, zog er wieder zu Hause ein. Eine der ersten Folgen war, dass Rickie auf eine private Internatsschule geschickt wurde. Mrs Elliot versuchte ihr Bestes, doch sie hatte keinen Einfluss auf ihren Mann.
»Er macht mir Sorgen«, deklarierte Mr Elliot. »Er ist ein Witz, den ich nicht mehr lustig finde.«
»Könnte er nicht Privatunterricht erhalten?«
»Nein«, entschied Mr Elliot, der das Geld besaß. »Das würde ihn verweichlichen.«
»Ich bin ja auch der Meinung, dass jungen Burschen eine Portion Grobheit guttut, aber mit einem lahmen Bein und einem zarten Gemüt ist das Leben rau genug, wenn man sein Zuhause verlassen muss. Rickie kann keinen Sport treiben. Er tut sich schwer, Freunde zu finden. Er ist nicht hochbegabt. In Anbetracht der Tatsachen können wir uns meiner Meinung nach nicht erhoffen, dass er den normalen Schulweg geht. Vielleicht könntest du es nochmals überdenken.«
»Nein.«
»So wie es jetzt ist, ist es doch am besten für ihn. Die Tagesschule macht ihm schon genug zu schaffen. Er hasst sie zwar, aber sie tut ihm gut. Ein Internat wird ihm nicht guttun. Internate sind viel zu rau. Anstatt zu einem Mann zu werden, wird er –«
»Ruhe jetzt, mein Kopf schmerzt.«
Rickie verließ sein Zuhause in elender Verwirrtheit und ohne Aussicht, dass sie sich je legen würde.
Jedes Mal, wenn Rickie in den Ferien nach Hause zurückkehrte, war sein Vater gereizter und schwächer. Mrs Elliot alterte schnell. Es lag an ihr, die Haushilfe zu organisieren, die Nachbarskinder anzuweisen, ruhiger zu sein, Briefe zu beantworten, die Zimmer zu tapezieren und wiederum neu zu tapezieren: alles für einen Mann, den sie nicht mochte und der keinen Hehl aus seiner Abneigung für sie machte. Eines Tages fand sie Rickie in Tränen vor und fragte verärgert: »Was ist denn nun schon wieder?«
»Ach, Mama, ich habe deine Falten gesehen, deine grauen Haare. Es macht mich traurig.«
Zärtlichkeit überkam sie, und sie rief: »Mein Liebling, das spielt doch keine Rolle, gar keine Rolle spielt das.«
Nie zuvor hatte er sie so aufgewühlt erlebt. Trotzdem erinnerte er sich noch besser an einen anderen Moment. Als er laute Stimmen aus dem Zimmer seines Vaters vernahm, ging er nach oben und hoffte, seine Schritte auf der Treppe würden das Geschrei verstummen lassen. Mrs Elliot riss die Tür auf und rief, als sie ihn erblickte: »Mein Liebling! Er hat mich geschlagen, glaubt man so etwas?« Sie versuchte es mit einem Lachen zu überspielen, doch später sah er den blauen Fleck, den der Gehstock des Kranken auf der Hand seiner Mutter hinterlassen hatte.
Nur Gott kennt das Ausmaß, in welchem wir unseren Körpern ausgeliefert sind. Allein an ihm ist es zu urteilen, inwieweit Mr Elliots Grausamkeit unter Berufung auf mildernde Umstände zu entschuldigen war. Wobei Mrs Elliot das Ausmaß seiner Grausamkeit genaustens beurteilen konnte.
Dann endlich starb er. Rickie war fünfzehn und wurde wegen der Beerdigung eine Woche lang aus der Schule genommen. Seine Mutter benahm sich sonderbar. Sie war viel glücklicher, sah jünger aus, und ihre Trauer war so unaufdringlich, wie es der gute Ton zuließ. Nichts davon überraschte ihn. Aber sie schien ihn zu beobachten und war sehr auf seine Meinung zu jeglichen Themen erpicht, insbesondere zu seinem Vater. Warum? Schließlich begriff er, dass sie ein Vertrauensverhältnis zwischen ihnen schaffen wollte. Aber ein Vertrauensverhältnis kann nicht aus dem Boden gestampft werden. Beide waren schüchtern. Der Trott der vergangenen Jahre hatte sie geprägt, und sie sprachen vom Tod Mr Elliots als einem unsäglichen Verlust.
»Nun, da dein Vater verstorben ist, werden sich die Dinge ändern.«
»Werden wir ärmer sein, Mama?«
»Nein.«
»Nicht?«
»Nein, aber es versteht sich von selbst, dass sich die Dinge ändern werden.«
»Ja, natürlich.«
»Zum Beispiel hat dein armer Vater gern in der Nähe von London gelebt, aber vielleicht wäre es besser, wenn wir umzögen. Würde dir das gefallen?«
»Aber ja, Mama.« Er blickte betreten zu Boden. Er war es nicht gewohnt, um seine Meinung gebeten zu werden, und es verwirrte ihn.
»Vielleicht würde dir ein ganz anderes Leben besser gefallen?«
Er kicherte.
»Ich weiß nicht recht, was ich tun soll«, sagte Mrs Elliot und ging energisch im Zimmer auf und ab, und mit jedem Schritt wirkte ihr schwarzes Trauerkleid mehr wie eine Farce. »Einerseits solltest du gefragt werden: Fast das ganze Geld wurde dir hinterlassen, was du früher oder später erfahren musstest. Andererseits bist du bloß ein Junge. Was soll ich tun?«
»Ich weiß nicht«, antwortete er und wirkte hilfloser und weniger hilfsbereit, als der Fall war.
»Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich die Dinge einfach so arrangiere, wie es mir am besten scheint?«
»Ja bitte!«, rief er. Es schien ihm die beste aller Ideen. »Das wäre mir am allerliebsten.« In seinem teils pedantischen, teils liebenswürdigen Ton fügte er hinzu: »Ich bin wie Wachs in deinen Händen, Mama.«
Sie lächelte. »Also gut, mein Liebling, dann soll es so sein.« Sie drückte ihn liebevoll, als wollte sie ihn tatsächlich zu etwas Schönem formen.
In den kommenden Tagen herrschte Aufbruchsstimmung. Sie besuchte die Schwester seines Vaters, die talentierte und lebhafte Tante Emily. Sie würden aufs Land ziehen, irgendwo mitten aufs Land, mit Wiesen und Bäumen direkt vor der Tür und Vogelgesang in der Luft und einem Privatlehrer. Denn er würde nicht ins Internat zurückkehren. Ein Wunder! Das war ein für alle Mal vorbei. Der Rektor hatte geschrieben, dass er die Entscheidung bedaure, es aber womöglich die richtige sei.
Das Wetter war rau, und Mrs Elliot umsorgte ihn mit unermüdlicher Zärtlichkeit. Es schien, als könnte sie ihn nicht genug schützen und nah genug bei sich haben.
»Zieh dir den Mantel über, Liebling«, sagte sie.
»Ich will aber nicht«, antwortete Rickie, der bereits fünfzehn war.
»Es geht ein kalter Wind. Zieh ihn über.«
»Aber er ist so schwer.«
»Zieh ihn bitte an, Liebling.«
Er war nur selten reizbar oder unhöflich, damals aber erwiderte er: »Nein, ich erkälte mich schon nicht. Bitte lass mich in Ruhe.«
Er erkältete sich nicht, doch während er spazieren ging, starb seine Mutter. Sie überlebte ihren Mann nur um elf Tage, eine Tatsache, die auf ihrem Grabstein festgehalten wurde.
***
Das war, im Wesentlichen, die Geschichte, die Rickie seinen Freunden im Schutz des Tales erzählte. Die überwachsene Kuppe beim Eingang verbarg die Straße und die Welt, und nun, als wäre es Frühling, erblickten sie nur die schneeweißen Flanken und das immergrüne Kleid der Tannen. Hin und wieder flatterte ein Buchenblatt aus dem Wald über ihnen herunter und erinnerte an das Ausklingen des Jahres, und die Wärme und der Glanz der Sonne schwanden hinter einer vorüberziehenden Wolke.
Den Mantel hatte er nicht erwähnt, denn er hätte nicht davon sprechen können, ohne zu weinen.
Streng genommen hätte man Mr Ansell, der einen einigermaßen erfolgreichen Tuchhandel in der Provinz betrieb, nicht als Kuh, sondern als eines jener Phänomene, die nicht wirklich da sind, einstufen müssen. Doch sein Sohn, der logische Widerspruch sei ihm verziehen, machte für ihn eine Ausnahme. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass sein Vater das subjektive Gespinst einer kranken Vorstellung sein könnte. Schon von klein an hatte er ihn für selbstverständlich gehalten, für eine höchst unwiderlegbare und höchst liebenswürdige Tatsache. Zu einem anderen Menschen heranzuwachsen, als ihm in die Wiege gelegt war – dies hatte Ansell geschafft, ohne dass seine Verbundenheit zu seinen Wurzeln darunter gelitten hätte. Die Zimmer über dem Tuchhandel schienen so wohnlich, der Garten so lieblich wie vor fünfzehn Jahren, als er hinter Miss Appleblossoms Thron saß und sie, einer allegorischen Figur gleich, das Wechselgeld und die Quittungen in kleinen Bällchen aus Buchsbaumholz im Laden verteilte.[1] Anfänglich hatte der junge Mann dieses glückliche Miteinander seinem eigenen Feingefühl zugeschrieben. Mit der Zeit verstand er, dass das Feingefühl gänzlich bei seinem Vater lag. Mr Ansell war nicht nur einigermaßen gebildet, er besaß auch etwas, das man sich durch keine Bildung aneignen kann: die Fähigkeit zu wissen, was tatsächlich zählte. Wie mancher Vater war ihm nichts zu teuer für seinen Sohn – er hatte einen Kredit für eine sündhaft teure und gefragte Privatschule aufgenommen; er hatte ihn mit Tutoren versorgt; er hatte ihn nach Cambridge geschickt. Doch er wusste, dass nichts davon wirklich zählte. Nur Freiheit zählte wirklich. Der Junge sollte seine Bildung nach eigenem Ermessen einsetzen, und wenn er es seinem Vater jemals entgelten würde, dann gewiss in seiner eigenen Währung. So kam es, dass als Stewart fragte, »darf ich mich in Cambridge für Philosophie einschreiben?«, Mr Ansell lediglich antwortete, »diese Philosophie – du sagst, sie steht hinter allem?«
»Ja, ich denke schon. Sie versucht, das Gute und Wahre zu entdecken.«
»In dem Fall solltest du alles Philosophische lesen, das du in die Finger kriegen kannst, mein Junge.«
Und ein Jahr darauf: »Ich würde mich gern ernsthaft mit der Philosophie beschäftigen, aber ich glaube, es steht mir nicht zu.«
»Wieso nicht?«
»Weil sie nichts einbringt. Ich halte mich für einen brillanten Philosophen, aber das denken alle Philosophen von sich, auch wenn sie es nie zugeben würden. Aber egal wie brillant ich bin, Geld werde ich keines verdienen. Vielleicht kann ich mich nicht einmal selbst unterhalten. Ich werde nicht einmal gesellschaftliches Ansehen haben. Ein Wort von dir reicht, und ich gehe in den Staatsdienst. Ich bin gut genug, um weit oben einzusteigen.«
Mr Ansell verpönte weder Geld noch gesellschaftliches Ansehen, doch er wusste, dass es etwas Wichtigeres gab, und antwortete: »Mir scheint, du musst dich ernsthaft mit der Philosophie beschäftigen.«
»Noch etwas – was ist mit den Mädchen?«
»Es ist genug Geld da, Mary und Maud werden sich die Ehemänner leisten können, die sie verdienen.« Und Mary und Maud teilten seine Ansicht.
In diesem plebejischen Haushalt verbrachte Rickie einen Teil seiner Weihnachtsferien. Sein eigenes Zuhause, sofern man es so nennen konnte, war bei den Silts, bedürftigen Vettern seines Vaters, und vereinte in sonderlichem Ausmaß den Zwang zur Gastfreundschaft mit der Unbequemlichkeit eines Gasthauses. Jenseits der Mauern von Cambridge erlebte er Glück nur bei seinen Freunden, und der Besuch bei Ansell war eine besondere Freude und Ehre, denn dieser war, obwohl er kein Snob war – oder so wenig versnobt, wie es nur menschenmöglich ist –, äußerst wählerisch, wen er zur Ladenfront führte.
»Mir gefällt unsere neue Schrift«, bemerkte er nachdenklich. Die Wörter Stewart Ansell wiederholten sich entlang der Hauptstraße – geschwungene goldene Lettern, die in glasierter Schokolade zu schwimmen schienen.
