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Ein nach Kanada ausgewanderter deutscher Student beschreibt Episoden des Alltagslebens im fremden Land, das Miteinander einer bunten Mischung von Nationalitäten und die Probleme, die sich daraus ergeben - aber auch die erfreulichen Erlebnisse. Selbstverständlich darf auch die Liebe nicht fehlen. Es werden zarte Bande geknüpft, Gefühle entwickeln sich. Leider werden sie nicht immer erwidert ...
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Wolf ArnoldDie Laternen des Palmerston Boulevards
Wolf Arnold
Roman
Die Handlung dieses Romans sowie die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2012 by edition fischer GmbHOrber Str. 30, D-60386 Frankfurt/MainAlle Rechte vorbehaltenSchriftart: Palatino 11°Herstellung: RGFc/bfPrinted in GermanyISBN 978-3-8301-1562-5
We decided to throw our whole life into one tune … tempos mixed together, tempos changing – a real spectacular … it all happens in three minutes … we hope you’ll make it through. It’s called I’m in a dancing mood.
Dave Brubeck auf dem Newport Jazz
Festival 1956, Newport, Rhode Island
Castilian Drums war ein grosser Erfolg des Dave Brubeck Quartetts als es in der New Yorker Carnegie Hall im Februar 1963 ein Konzert gab. Was den Jazz betrifft, könnte man sagen, dass es ein historisches Ereignis war, ähnlich dem Carnegie Hall Konzert, das Benny Goodman und sein Orchester im Januar 1938 gaben. Joe Morello, der Schlagzeuger des Brubeck Quartetts, brillierte in Castilian Drums und wurde mit brausenden Beifall belohnt. Ein anderes Beispiel seines Talents ist Blue Rondo à la Turk, eine Komposition mit einer komplizierten Reihe von rhythmischen Interventionen.
Die Schallplattenhülle, auf der das Dave Brubeck Quartett abgebildet ist, lehnt gegen eine Radio/Phonokombination, die das modernste Möbelstück in meinem Zimmer ist. Der Plattenspieler sitzt auf dem Radioteil, auf dessen Skala europäische Radiosender in einem dezenten grünen Licht etwas von der grossen weiten Welt in meine Bude bringen, jedoch mit der Einschränkung, dass man heute nicht einfach »Minsk« oder »Beromünster« wählen kann, nämlich aus dem Grunde, dass der Sender Minsk sehr wahrscheinlich nicht mehr existiert und Beromünster in der Schweiz liegt, es sei denn, der Sender strahlt sein Programm auf Kurzwelle nach Nordamerika aus. Meine Radio/Phonokombination befindet sich in einem Gehäuse aus Holz, das schwarzbraun poliert ist. Das Gerät wurde, wie ich annehme, im Schwarzwald gefertigt. Dieses elegante Möbel ist vermutlich die erste Anschaffung, die ein Einwanderer sich leistet, vorausgesetzt, dass er oder sie eine Neigung zu Musik und dem Weltgeschehen hat.
Das Haus, in dem ich wohne, gleicht vielen anderen Häusern in der Stadt. Zwei Stockwerke, das zweite mit einem Giebelfenster zur Strasse hinaus, vor dem Haus eine Grünfläche mit Blumen, eine Veranda und ein ausgebauter Keller. Aus den 30er Jahren stammend, steht es auf dem Palmerston Boulevard zwischen Bloor Street und College Street. Im Parterre wohnen die Besitzer des Hauses, eine Familie aus Jugoslawien. An den Freitagabenden ist die Küche ein Treffpunkt der Mieter, wenn sie ihre Miete zahlen und mit der Frau des Hauses schwatzen. Auch ich habe dann eine kurze Unterhaltung mit ihr oder lasse mich zu einem Drink mit Milan, ihrem Ehemann, bewegen. Die Familie schätzt sich glücklich, nachdem sie ihr Heimatland und dessen Nachkriegschaos verlassen und in Kanada eine neue Existenz gefunden hat. Manchmal kann ich die Stimmen ihrer Kinder hören, zwei Jungs, sechs und acht Jahre alt, und zwei Mädchen von elf und fünfzehn Jahren. Die Fünfzehnjährige hat ihr eigenes Zimmer im zweiten Stock und kommt auf geräuschlosen Füssen die Treppe hinab. Oft verweilt sie vor dem grossen Spiegel im ersten Stock und wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel, doch wenn sie sich beobachtet fühlt, rennt sie über die Stufen nach unten. Das Mädchen ist ein stilles, wenn nicht schüchternes Wesen und hat viel mit seinem Vater gemein, einem beflissenden Mann, gezeichnet von ehrlicher Arbeit und stolz, dass er für seine Familie ein gutes Auskommen gefunden hat. Im Keller, hinter vielen Ecken, kultiviert er seine Weine, wie er es seiner kroatischen Heimat getan hat. Wenn ich meine Miete zahle, besteht er darauf, dass ich seinen Wein zu probiere, hält sein Glas gegen das Licht und versichert, dass in einigen Wochen der Wein klar und rein im Glas funkeln wird.
An den Wochenenden wenn ich mich nicht im Haus aufhalte, reinigt seine Frau mein Zimmer. Sie wechselt die Bettwäsche, leert den Papierkorb und den Aschenbecher und hantiert mit dem Staubsauger. Unten im Keller dröhnt die alte Waschmaschine, die beiden Mädchen rennen durch das Haus mit Bergen von Wäsche und gehen ihren Pflichten ohne Ausreden nach, während die Jungs vor dem Fernseher sitzen, von der Mutter mit Schimpfworten in ihrer heimatlichen Sprache weggejagt, doch alles in allem gesehen ist es ein freundliches Haus in dem ich schon seit vier Jahren wohne.
Um mich herum meine Bücher, das Radio mit einem Kurzwellenteil, eine Chiantiflasche als Tischlampe zurechtgemacht, ein kitschiger Eiffelturm, der, wie auch die Chianti-Lampe, von meinem Vorgänger zurückgelassen wurde. Ein Brieföffner, ein Aschenbecher, eine Packung Pall Mall Zigaretten und eine Flasche Scotch.
Der Tisch, auf dem sich alle diese Dinge befinden, steht nahe dem Fenster und ist mit einer Tischdecke aus Plastik versehen, die ein buntes Arrangement von Früchten zeigt. An den Abenden, im Licht der Chianti-Lampe, lässt mich diese Tischdecke an Italien denken. An der Wand oberhalb des Tisches habe ich ein paar Postkarten aus Europa befestigt sowie ein Photo aus einem britischen Filmmagazins das eine Szene aus Alain Resnais’ L’année dernière à Marienbad zeigt. Das alles nenne ich meine Italienische Ecke.
Gegenüber von mir hat Elisabeth ihr Zimmer. Wie ich, ist sie ein Untermieter und lebt allein. Sie hat einige Sachen, die ihr lieb sind, hier und dort sorgfältig untergebracht. Auf ihrem Tisch steht ein kleiner Globus und darüber hat sie an der Wand ein Poster befestigt, das das Opernhaus in Hannover zeigt. Regelmässig bekommt Elisabeth Bücher von einem Buchklub in Deutschland, die sie dann liebevoll in ihrem Zimmer platziert. Sie stehen dort in ihren prächtigen, goldeingefassten Halbledereinbänden und sind für Elisabeth eine Brücke zu ihrer Heimat. Ich glaube, dass auch sie ihre Italienische Ecke hat. Ihr Fenster geht zur Strasse hinaus, auf den Palmerston Boulevard. Mehr als ich hat sie Gelegenheit, das Treiben auf der Strasse zu observieren; das entfernte Klingeln der Strassenbahnen auf der Harbord Street, die Stimmen von Passanten, den unterdrückten Streit eines Liebespaares und das Bellen von Hunden. Das Leben konfrontiert sie mehr als mich, da mein Fenster auf den rückwärtigen Hof geht, auf Garagen mit ihren zerfallenden Dächern, auf Büsche, Blumen und einen Ahornbaum in dem sich Eichhörnchen gegenseitig jagen.
Unten im Keller hat man eine Küche für Untermieter eingerichtet; ein trauriges Verlies mit Möbelstücken, die aus einem Trödlermarkt stammen, mit einem Herd mit zwei elektrischen Platten, einem wackeligen Tisch und einem Schrank voll Geschirr, das andere Mieter zurückgelassen hatten. Dort nehmen Elisabeth und ich unsere Mahlzeiten ein. Ich helfe ihr beim Abwasch, und später, wenn wir nach oben gehen und uns anschauen, nicht sicher, ob wir zusammenbleiben wollen, dann gehen wir, nachdem wir verständige Blicke ausgetauscht haben, in unsere Zimmer, in unsere Italienischen Ecken zurück.
Manchmal an langen Abenden sitzen wir in meinem Zimmer, während Elisabeth uns eine Tasse Tee macht. In ihrem Zimmer hält sie einen elektrischen Teekessel versteckt, den unsere Wirtin bisher nicht entdeckt hat. Dann reden wir über Politik und wie die Dinge sich in Deutschland entwickeln und wie wir unsere Zukunft sehen. Oft hören wir über Kurzwelle Nachrichten aus Europa, doch früher oder später will Elisabeth sich neben mich legen und wir verfolgen den Rauch unserer Zigaretten im Halbdunkel des Raumes, während im Radio die Sendung »Starlight Seranade« des Senders CFRB uns einschläfert. CFRB ist ein Radiosender, dessen Ansager mit seiner satten Stimme mit sich und der Welt zufrieden scheint und auch ist sein Musikprogramm voraussehbar und der Sender pflegt, wie man sagt, eine »Middle of the Road« Programmfolge.
Ich beobachte die Lichtreflexe, die das Skalenlicht an die Zimmerdecke wirft, trinke meinen Whisky und höre auf Elisabeths Worte, wenn sie sagt, dass sogar die Stille zwischen uns eine tiefere Wirkung hat oder sie erhebt sich, lächelt ihr »das-Leben-ist-nicht-so-einfach-Lächeln« und schickt sich an, ihren Mitternacht-Tee zu machen.
Sie hat einen Job in einem Drugstore auf der Bloor Street, wo sie an der Kasse in Schicht arbeitet. Hin und wieder, wenn ich von der Universität komme, hole ich sie ab oder wir gehen in eines der Restaurants zum Abendessen. Elisabeth hat eine Schwester, die als Au-Pair Mädchen in Niagara-on-the-Lake beschäftigt ist. Elisabeth besucht sie zuweilen, nimmt einen Bus nach Niagara Falls, von wo ihre Schwester sie mit dem Auto ihres Arbeitgebers abholt. In unserem Haus wohnt ein weiterer Untermieter, ein oft mürrischer, doch wiederum humorvoller Ungar namens Attila. Der Grund seiner Gemütsverfassung ist das Schicksal das ihn nach Kanada verschlagen hat, doch mehr ist seiner Stimmung zuzuschreiben, dass sein abgeschlossenes pharmazeutisches Studium in Ontario nicht anerkannt wird und er ein kanadisches Zertifikat braucht, um hier eine Anstellung zu finden. Dazu geht er täglich auf die Universität, um dieses zu erlangen. Wir sehen ihn nie in der Küche im Keller und nehmen an, dass er in einem Restaurant isst.
Die Strasse, in der wir wohnen, ist mit Bäumen bepflanzt, die von der College Street bis zu der Bloor Street, dem Palmerston Boulevard ein elegantes Aussehen geben. Unter ihren Kronen stehen hübsche, gusseiserne Laternen, jede mit einem ballonartigen Kandelaber, die an den Abenden ihr Licht in die Bäume werfen. Licht und Schatten spielen dann auf dem Laubwerk, und das, gepaart mit der seidigen Luft eines Sommerabends, verleiht unserer Strasse eine besondere Note.
Die Stadt, in der wir wohnen, befindet sich in einem steten Wandel, zählt an die fast zwei Millionen Einwohner und erstreckt sich kilometerlang am Ontario See entlang. Der Gardiner Expressway, eine Schnellstrasse, die den See begleitet, gilt den Bewohnern der anliegenden Wohnviertel als ein Hindernis, um zum See und seinen Promenaden zu gelangen. Auf diesem Expressway fahren in einem endlosen Strom die Autos der Pendler aus den Vororten auf ihrem Weg in die City, und des Abends aus ihr wieder hinaus. Seit Monaten diskutieren die Stadtväter die sogenannte »Waterfront« zu rehabilitieren, denn seit Anfang des Jahrhunderts pulsiert dort das Leben; in dem Palais Royale, einem Tanzlokal, traten die grossen Swingbands der 40er Jahre auf, unter ihnen die von Woody Herman. Im See, der Stadt vorgelagert, liegt eine Inselgruppe mit dem Royal Yacht Club und einem Flughafen für Sportflugzeuge. Eine der Inseln dient im Sommer den Bewohnern der Stadt als Ausflugsziel, zu dem sie auf Fähren übersetzen und Picknicks im Grünen abhalten oder ihre Kinder auf Karussells setzen, die bei Drehorgelmusik mit ihren buntbemalten Pferden, Schwänen und Feuerwehrautos ein fröhliches Bild abgeben.
Der Hafen der Stadt mit seinen Getreidesilos, Gleisanlagen, einem verschmutzten Hafenbecken und einer Zuckerraffinerie, nimmt an Bedeutung ab. Frachtschiffe docken dort nicht mehr, da sich der Handel mehr und mehr mit Containern abwickelt, für die der Hafen nicht gerüstet ist. Halifax, an der Ostküste des Landes, ist nun der wichtigste Hafen. Im Norden ist die Stadt von einer sechsspurigen Autobahn begrenzt, hinter der sich die neuen Vororte mit gleichaussehenden Strassen und Eigenheimen ausbreiten. Im Nordwesten, nahe den Fabrikhallen vormaliger Flugzeugwerke, ensteht ein moderner Flughafen mit einem vorbildlichen Parkgebäude. Von dessen oberstem Stockwerks ergibt sich ein Blick weit über das Flughafen-Areal und auf die in der Ferne liegende City. Dort, zwischen den veralteten Bürohäusern und noch älteren Bankgebäuden, wachsen die neuen Hochhäuser der Banken heran. Stahl und Glas haben die herkömmliche Bauweise abgelöst, wie zum Beispiel die des Royal York Hotels, das aus der Zeit stammt, als die Eisenbahngesellschaften ihre grossen Hotels bauten. Das Royal York hat seinen Ruf behalten und steht gegenüber der Union Station, dem Hauptbahnhof der Stadt. Von dem Royal York sagen Kenner Grossbritanniens, dass es einmal das höchste Gebäude im Britischen Empire war. Sollte der Prime Minister der Bundesregierung oder ein prominentes Regierungsmitglied eines befreundeten Staates in Toronto eine Rede halten, dann geschieht es im Royal York Hotel, wo sich dann die Elite der Stadt im grossen Ballsaal des Hotels versammelt.
Die grosse, luftige Halle der Union Station ist ein weiteres Zeugnis einer Epoche, als Eisenbahnen den Kontinent beherrschten. Man könnte das Gebäude als Baudenkmal betrachten; in dem hohen Mauerwerk eingraviert stehen die Namen der Orte, welche die Bahn auf dem Weg zum Pazifischen Ozean anlief: Sudbury, Winnipeg, Regina, Swift Current, Medicine Hat, Calgary, Edmonton,Vancouver. Einige Stadträte befürchten, dass die Union Station eines Tages unter dem Hammer von Abbruchfirmen kommen könnte, denn nur wenige Reisende nehmen die Bahn und ziehen das Fliegen vor, obwohl die Anfahrt zum Flughafen mit Bussen oder Taxis langwierig und teuer ist.
Jeremy besah sich eingehend meine Zähne, wandte sich dann ab und befasste sich mit meinen Röntgenaufnahmen. Er hatte eine neue Kassette mit J.J. Johnson und Kai Winding.
»Ich nehme an, das ist, was du hören willst«, sagte er.
»In Ordnung«, erwiderte ich. »Das ist genau meine Richtung.«
»Und Gas?«
»Natürlich.«
Der Behandlungsstuhl senkte sich in eine horizontale Lage, Jeremys Assistentin legte die Maske mit dem Gas auf meine Nase und aus den Kopfhörern kam der Sound von guten Jazz.
»J.J. Johnson. Kennst du ihn? Ein Posaunist?«, sagte Jeremy und schob eines der Hörmuscheln von meinem Ohr.
»Klar«, sagte ich. »Spielt Ventilposaune.«
»Wer ist Kai Winding? Ich denke, der ist dir auch bekannt.«
»Spielt Posaune«, erwiderte ich. »Wurde in Dänemark geboren und lebt jetzt in den Staaten.«
Die Hörmuschel wurde wieder auf mein Ohr gelegt und das Lachgas begann seinen Effekt zu zeigen. Ich wollte so schnell wie möglich unter dessen Einfluss geraten and sog das Gas durch meine Nase. Das Geräusch des Bohrers nahm ich gleichgültig hin und so auch die Schmerzen; ich befand mich in einer Welt, in der Schmerz kaum existiert. Ich war, wie man im Englischen sagt »On Easy Street.«
Da wir von Posaunen geredet hatten, kam mir Charlie in den Sinn und die Welt, in der wir damals lebten, und diese lag an die zehn Jahre zurück. Es war eine fast unkomplizierte Welt, in der Jugendlieben und das Milieu der damaligen DDR eine Rolle spielten, ein Leben, das keine grossen Verpflichtungen fordete. Wir waren halt jung, lebten in den grauen Alltag, konnten die Politik unseres Landes nicht ändern, und was Charlie betraf, war es Jazz, der uns zusammenbrachte. Als ich damals am Tresen des Dorfkrugs, der sich »Eichenkranz« nannte, gestanden hatte, war mir Charlie aufgefallen, als er sein Bier trank. Wir sind ins Gespräch gekommen und er hatte mir eine seiner Zigaretten angeboten. Charlie rauchte, wie ich später feststellte, nur Haus Bergmann Privat, ein westdeutsches Erzeugnis. Wir haben über Politik gesprochen und im Endeffekt über Jazz. Und fortan war es Jazz was uns miteinander verband. Ich kann ihn noch heute sehen, wie er im Eichenkranz mit seiner Posaune auf seine Einsatz gewartet hat, auf der Bühne des Eichenkranz, diesem alten Schuppen eines Tanzlokals, mit seinem umlagerten Biertresen und seiner abgewetzten Tanzfläche. Er hat dort gestanden in seinem grauen Rollkragenpullover oder in einem Hemd aus einem Westberliner Laden, der alte Uniformstücke verhökerte. Ich erinnere mich, wie er zustimmend Roland zugenickt hat, einen kurzen Lacher von sich gab und seine Posaune an die Lippen setzte.
Roland war der Chef der Gruppe, die sich im Eichenkranz zusammenfand, zum Tanz aufspielte, doch wenn es möglich war, Jazz brachte. Der Besitzer des Eichenkranz, froh, dass er eine verlässliche Band hatte, erlaubte ihnen, vor dem eigentlichen Tanzabend und in den Pausen Jazz zu spielen. Und es gab viele dieser Tanzabende. Da gab es den Ball der freiwilligen Feuerwehr, den Ball der Eisenbahner, den Ball des Kleintierzüchtervereins und den Grossen Sommerball des Eichenkranz.
Mit Ausnahme von Roland waren alle Amateurmusiker. Keiner der Gruppe konnte jedoch Roland das Wasser reichen; er war versiert in Theorie und Harmonielehre, kannte die meisten Operntexte und war ein ausgezeichneter Pianist. Sein Ziel war als Sänger auf einer Opernbühne zu stehen und hoffentlich, was er anstrebte, in einer Titelrolle. Wie ich mich erinnere, studierte er Musik, doch es ist mir entfallen, ob das in Ost- oder Westberlin war. Die Combo nannte sich in einen Anflug von Übermut eine »Dampferkapelle« und es war diese Art von Ausgelassenheit, die auch auf Roland zutraf. Bevor der Saal sich füllte, gab er manchmal eine seiner Opernarien zum besten, wie zum Beispiel die Champagner-Arie aus Don Giovanni zu der er sich auf dem Klavier begleitete. Wenn er gross in Form war, würde er nach der Arie ein Glas, das er von der Theke geschmuggelt hatte, in eine Ecke schmettern wo es in tausend Stücke zerbrach und würde sich uns grinsend zuwenden: »So steht es in der Bühnenregie der Oper.« Das war Roland, stets gut gelaunt und zu Spass aufgelegt.
Eines Abends hatte Charlie mich gefragt, was ich hören wolle.
»Body and Soul„ hatte ich gesagt,
Die Jungs hatten in einer Ecke der Bühne gesessen, die damals repariert wurde, denn überall hatte Handwerkzeug herumgelegen und der Boden war mit Sägemehl und Hobelspänen bestreut. An diesem Abend wurde ich mit einem neuen Mitglied der Band bekannt gemacht. Es war Hans, der Gitarrist, ein bescheidener Mensch, wie alle Gitarristen, vielleicht mit Ausnahme von Django Reinhardt. Die anderen Mitglieder waren Walter, der Schlagzeuger, und Alfred, der Bassist.
»Allright,« hatte Charlie gesagt, und dann zur Band gewandt: »Body and Soul, Leute.«
Er hat die ersten zwei Chorusse genommen, dann fiel Roland ein und liess die abschliessende Phrase für Charlie. Es war ein solides Stück Jazz und bot viel Raum für Improvisationen, die Roland brillant ausnutzte.
»Fünf Chorusse, Mann«, hatte Charlie bewundernd gesagt.
»Ganz einfach«, hat Roland gemeint. »Ich spiele nur.«
»Doch mit Vitalität!« hat Walter von seinem Schlagzeug gerufen.
»Sollte Jazz seine Vitalität verlieren und seine Originalität, verliert er alles. Dann können wir einpacken, Leute. Auf der anderen Seite müssen wir diese Musik, diese Kunstform, erhalten und pflegen«, hatte Rolands entgegnet.
»Soweit das in unserer Arbeiter- und Bauernrepublik möglich ist!«, hatte Charlie sarkastisch gerufen.
»Ha, ha!«, hatte daraufhin Alfred hinter seinem Kontrabass gelacht. »Unsere Republik. Ha, ha!«
Ich inhalierte das Gas in heftigen Zügen.
Jeremy war mit meinen Zähnen beschäftigt. Ich gehe eigentlich gern zum Zahnarzt was andere Menschen, wenn ich ihnen das sage, nicht verstehen.
»Es ist als ob du auf einer Party bist und einige Martinis zu dir nimmst«, hatte Jeremy gesagt, als er mich mit Lachgas vertraut gemacht hatte. »Gas setzt die Schmerzschwelle zurück. Wenn das Gas dir zuviel wird, atme durch den Mund.«
»Alles in Ordnung?« fragte er jetzt. »Fühlst du Schmerzen?«
»Alles klar.«
»Die Musik?«
»Okay.«
»Laut genug?«
»Etwas lauter«, murmelte ich.
»Sorry.«
Jeremys Assistentin drehte die Lautstärke hoch. Ich bin auf einer Party, schlürfe einen Martini und warte auf ein Mädchen. Ich brauche nicht lange zu warten. Das Gas überkam mich mit heftigen Wellen und projizierte ihr Bild in meine geistigen Augen.
Da wäre ihr Haar, kastanienbraun, das mit Ponyfransen über ihre Stirn hängt. Die Form ihres delikaten Kinns. Oder eine Bewegung ihrer Hand mit der sie eine bestimmte Entscheidung bekräftigt und dass diese Entscheidung unwideruflich ist, und das zumeist zu meinem Nachteil. Dann fliegt ein Schatten von Arroganz über ihr Gesicht, was mich wiederum in die Defensive treibt. Andererseits kann sie auch lächeln, und wenn wir unsere guten Tage haben, kann sie sogar lachen. Ihre Augenbrauen heben sich dann zu einer Art Sichelform und ihre Augen, grün wie das Meer bei hoher See, funkeln und verscheuchen meine Bedenken und entfachen Hoffnung auf einen guten Tag.
Ihre roten Jeans verbergen das, was ich haben will: ihre Beine, ihren Körper. Wenn sie in einem wollenen Rock erscheint, gepaart mit ihrer sandfarbenen Wildlederjacke, dann sage ich mir, dass sie eigentlich ein durchschnittliches Mädchen ist; a nice German girl
