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Sabines Beschreibungen müssen leider posthum erscheinen. Es ist starker Tobak, aber er verdient es, veröffentlicht zu werden. Schwerpunkte sind eine harte Kindheit, ihre Behinderung als Kleinwüchsige und eine gefährliche chronische Krankheit. Ein extremer Mutter-Tochter-Konflikt begleitet ihr Leben. Das und die recht häufigen starken Schmerzen hat sie gemeistert, neben vielen Leuten, die ihr blöd kamen. Leidensgenossinnen könnte das eine Hilfe sein.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sabine Hoge
Die Lebensachterbahn
Ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Vorwort des Herausgebers
Die Lebensachterbahn
Bereits ein schwieriger Start
Wochenenden bei meiner Oma
Meine Kindheit als "Tantenkind"
Marie
Fast vergewaltigt
Meine "Große Schwester"
Mandel-OP
Scheidung meiner Eltern
Schulzeit I
Neue Familie
Wanzen
Schrebergarten
Kontakt mit dem leiblichen Vater
Plötzlich dicke Beine
Sport I
Unsere Urlaube
Die Familie meines Stiefvaters
Fast ertrunken
Strenge Mutter
Wieder Umzug
Nicht mehr wachsen!
Krankenhausmarathon
Schulzeit II
Schulfreundinnen
Das alte Fräulein
Flucht der Geschwister
Endlich Gewissheit über meine Krankheit
Nähstunde
Kinderkrankheiten
Erster Freund
Kündigung auf Eigenbedarf
Wieder Umzug
Bewerbung in Brüssel
Berufsausbildung
Führerschein und meine Autos
Überbrückung der Arbeitslosigkeit
Sport II
Mein Bezug zum Wasser
Lieder zu bestimmten Ereignissen
Hausbau
Haustiere
Post
Tante Herta
Tod meiner Oma
Die Suche nach unseren Wurzeln
Wiedersehen mit Marie
VKM
Darm-OP
Drama in Sachsen-Anhalt
Weitere Verwandte
Theater
Rausgeschmissen
Endlich eine eigene Wohnung
Kapitalanlageschwindel und Börsenspekulationen
Eine Seefahrt die ist lustig
Meine Cousine
Die Männerwelt
Lange Beziehung
Socken stricken, angeln und jagen
Urlaube mit meinem Freund
FamilienBande
Darm-OP II
Krebs meines Onkels
Erbschaftsangelegenheiten
Brieffreundschaften
Mordgedanken, Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche und ein Todesfall
Beziehungs-Aus
Meine Erfahrungen mit dem Internet
Epilog
Das bittersüsse Leben
Kein Abschied
Nach-Ruf
Impressum neobooks
zu: Die Lebensachterbahn -
Ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung
von Sabine Hoge
Liebe Sabine,
du hattest mir am 14.2.2015 per Email diesen Buchtext zur Durchsicht und Korrektur geschickt. Erst jetzt – nach deinem Tod – erfasse ich die ganze Reichweite deiner Darstellung, sehe die Zusammenhänge und die großen Verbindungslinien. Erst jetzt begreife und verstehe ich, warum du so warst, wie du warst.
Ich bin es dir schuldig, dass dein Plan verwirklicht und dein Büchlein veröffentlicht wird.
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir erfahren Sabines Ansichten und Sichtweisen, die unverändert geblieben sind; eine Bewertung ist der Leserschaft vorbehalten. Es gibt ein paar behutsame Korrekturen und einen Namen habe ich weggelassen. Weggelassen habe ich auch die Liedertexte, die im Entwurf in Englisch und in Deutsch enthalten sind und die, das sei gesagt, deutliche, teils überdeutliche Botschaften enthalten. Sabines Kommentare machen sie verzichtbar. Überhaupt empfehle ich den Versuch zu machen, auch zwischen den Zeilen zu lesen.
Meine Anmerkungen dienen nur dem besseren Verständnis:
ich war mit Sabine lange in einer Partnerschaft verbunden, nach der Trennung entstand ein freundschaftliches Verhältnis.
Weiterhin gehören wir – wie so viele andere – zur Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die einen besonders schweren Start ins Leben hatte. Der Grund dafür findet sich in den vom Krieg stark vorbelasteten und traumatisierten Eltern, die einfach den normalen und natürlichen Bedürfnissen ihrer Kinder nicht gerecht werden konnten. Zu dem Thema ist schon eine Reihe von Büchern erschienen. Genannt sei hier Sabine Bode mit ihren Werken Die vergessene Generation / Nachkriegskinder / Nachkriegsenkel. Ohne dieses Wissen bleibt Sabines Buch unverständlich und hinterlässt allenfalls ein Kopfschütteln. Die Väter waren fast alle Soldaten, um ihre Jugend betrogen, mit schrecklichen Erlebnissen, sie kannten nur Befehl und Gehorsam und harte Strafen. Die Mütter mussten ohne ihre Männer auskommen und bei den Lebensumständen im und nach dem Krieg kamen die Grundbedürfnisse der Kinder einfach zu kurz. Schon die genannte Elterngeneration hatte Eltern, die durch den 1. Weltkrieg geschädigt waren! Zwischen den Zeilen erfährt der achtsame Leser, wie tief die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in das private Leben der Menschen eingreifen, ohne dass uns das ständig bewusst ist: Die betreffenden Textstellen hebe ich hervor. Das heutige gesellschaftliche emotionale Gefüge mit auffällig vielen depressiven Menschen zeigt die indirekten Kriegsfolgen. Das allgemeine Grundgefühl, eine Mischung aus Angst, Sehnsucht und Wehmut ist unauffälliger. Aus diesem Wissen ergibt sich der Wunsch nach Veränderung. Sabines Zeilen bieten einen kleinen Beitrag zur Orientierung. Nur eine Peilung hilft uns, zunächst den eigenen Standpunkt zu verorten, damit Reflexionen möglich sind, die den eigenen persönlichen Horizont erweitern können.
Karl-Hinrich Schlüter, Herausgeber
Ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung
Als ich geboren wurde, an einem Donnerstag im Jahre 1963, hatte ich schon einen ziemlich schwierigen Start ins Leben. Hart am Rande einer Frühgeburt verbrachte ich die erste Zeit meines Lebens in einem Wärmebettchen. Meine Mutter berichtete mir später, dass die Entbindung für sie der Horror gewesen sei. Sie beschrieb ein offenes Fenster, langes Warten und dass sie sehr gefroren habe. Das wird der Grund gewesen sein, weshalb ich nie Geschwister bekam. Trotz allem war ich aber scheinbar gesund und entwickelte mich relativ gut. Allerdings gab es von Anfang an Schwierigkeiten beim Essen und Trinken. Ich wurde nicht von alleine wach, meine Mutter musste mich wecken, damit ich überhaupt etwas zu mir nahm. Damals hatte ein Baby wohl nach Lehrbuch und Uhr zu bestimmten Zeiten gefüttert zu werden, dabei bin ich sicher, dass es einem Baby schadet, wenn man es füttert, obwohl es noch keinen Hunger hat. Dass dieses mich später noch maßgeblich begleiten würde, ahnte zu dem Zeitpunkt noch niemand. Geboren und aufgewachsen ganz im Norden in einer schönen Stadt, in Lübeck, bin ich der Stadt immer zugetan gewesen und bin auch froh, dort immer gewohnt zu haben.
Als ich etwa 3 Jahre alt war, fing meine Mutter wieder an zu arbeiten. Da sie auch regelmäßig am Wochenende arbeitete, war ich fast immer von Freitag bis Sonntag bei meiner Oma, bis auf wenige Ausnahmen, wenn ich auch mal am Wochenende mit durfte. Bei meiner Oma war ich immer sehr gerne, denn dort bekam ich die Geborgenheit, die mir zuhause irgendwie fehlte. Meine Oma war sehr liebevoll, ich bekam dort immer das zu essen, was ich gerne wollte, und meine Leib- und Magenspeise war damals Rosinenbrot, das wir immer Samstagvormittag frisch vom Bäcker holten. Das Einkaufen mit meiner Oma machte mir immer viel Spaß, denn damals gab es noch einen richtigen Käse- und Obst-Laden, wo man auch probieren durfte. Nebenan war dann schon ein kleiner Selbstbedienungsladen mit Wursttheke, wo ich auch immer mein Stück Jagdwurst bekam. Bei meiner Oma wurde viel gespielt und noch mehr gelesen, mein Lieblingsbuch war das große Wilhelm-Busch-Album, das ich irgendwann fast auswendig konnte. Dass ich noch nicht lesen konnte, ist nur einer Bekannten meiner Oma aufgefallen, der ich stolz "vorlesen" wollte, aber immer auf einer ganz anderen Seite im Buch blätterte. Ich konnte aber schon relativ früh sehr gut sprechen, weil ich fast nur von Erwachsenen umgeben war, die ganz normal mit mir sprachen. Das Hobby meines Onkels, die Eisenbahn, übertrug sich irgendwie auch auf mich. Er nahm mich oft mit zum Bahnhof, und mit seiner Modelleisenbahn durfte ich auch spielen. Meine Oma ging auch sehr oft mit mir an einem Kanal spazieren bis zu einem großen Spielplatz, auf dem im Sommer auch Wasser in einem großen Wasserbecken war; bei Hitze war das natürlich sehr angenehm. Außerdem hatte meine Oma eine große Veranda, wo man auch gut bei Regen sitzen konnte und wo ich immer spielte und malte. Aus dem Verandafenster pustete ich meine ersten Seifenblasen und meine Oma nähte dort. Im Herbst bastelte meine Oma Kastanienmännchen mit mir, und die weißen Früchte der Schneebeere wurden von mir "Knacker" getauft, weil meine Oma sie pflücken musste und als großen Haufen auf den Boden warf, wo ich dann fröhlich drauf herumhopste und die Beeren zertrat, wobei es dann immer knackte. Im Winter gab es einen kleinen und einen großen Rodelberg. Bei dem großen Berg musste man wirklich aufpassen, dass man rechtzeitig abbremste, um nicht im Kanal zu landen. Der kleine Berg war eigentlich langweilig, aber wir gingen trotzdem hin. - Der Nikolaus stellte den gefüllten Stiefel stets in das Fenster zwischen Veranda und Schlafzimmer, ich glaubte damals noch, er würde über die Veranda kommen.
Da meine Eltern keinen Kindergartenplatz für mich bekamen, konnte meine Mutter mich mitnehmen zu ihrer Arbeitsstelle im Behindertenheim. Dort war ich dann ein gesundes Kind zwischen behinderten Menschen. Teilweise war ich geistig bereits weiter als die meisten Heimbewohner. Von den älteren wurde ich ziemlich verwöhnt, die passten dann auch schon mal auf mich auf. Die Erzieherinnen im Heim wurden damals mit "Tante" angesprochen, und deshalb war ich ein "Tantenkind", auch andere Kolleginnen meiner Mutter brachten ihre Kinder mit zur Arbeit. Zwei von ihnen bekamen ihre Babys in der Zeit, und das war für mich wieder etwas Besonderes. Bei den zwei Kolleginnen meiner Mutter, Sigrid und Doris, war ich besonders oft. Doris bastelte viel mit mir und brachte mir auch bei, aus Seifenresten wieder neue Seife herzustellen und aus Kerzenresten neue Kerzen zu gießen. Das waren echte Glücksmomente für mich. Bei Sigrid war ich am liebsten, wenn sie ihren kleinen Sohn badete, das war einfach zu süß. Ich hatte eine relativ glückliche und unbeschwerte Zeit.
Meine Oma hatte eine Brieffreundschaft mit einer Belgierin, die gerne ihr Deutsch verbessern wollte. Aus dieser Brieffreundschaft entstand dann auch ein persönlicher Kontakt. Marie besuchte meine Oma mehrfach und wurde auch für mich eine sehr wichtige Person. Offenbar hatte auch mein Onkel ein Auge auf sie geworfen, jedoch war sie damals verlobt; auch der Verlobte kam einmal mit zu meiner Oma. Möglich, dass in einer Kiste bei mir heute noch eine kleine chinesische Laterne darauf wartet, wieder entdeckt zu werden. Die Laterne war einmal ein Gastgeschenk des Verlobten und ich habe sie immer in Ehren gehalten, aber irgendwann mal weggepackt. Eines Tages brach der Kontakt ab, ohne dass die Gründe klar waren, aber niemand von uns hatte Marie vergessen. Ob wir sie jemals wieder sehen würden, wussten wir damals nicht.
In dem Heim lebten Männer und Frauen getrennt. Durch meine Mutter bestand natürlich auch Kontakt zum Männerhaus und dessen Bewohnern und es gab immer kleine Schwätzchen, man kannte sich halt und begegnete sich regelmäßig. Einer der Bewohner des Männerhauses war besonders auffällig und stets sehr freundlich. Einmal an einem Wintertag begegnete ich ihm zufällig allein. Ich war ja zwar erst 5 Jahre alt, jedoch bewegte ich mich auf dem Heimgelände schon alleine, ich kannte mich gut aus und konnte mich nicht verlaufen. Der Mann sprach mich an, fragte mich nach meinem Namen, nahm meine Hand und meinte zu mir, ich möge doch mal mitkommen. Eine innere Alarmsirene ging bei mir los, meine Mutter hatte mir ja eingetrichtert, nie mit jemandem mitzugehen. Nachdem er unsere Namen in den Schnee geschrieben hatte, drängte er mich erneut, mit ihm mitzukommen, aber das tat ich nicht. Ich lief lieber davon. Heute bin ich überzeugt, dass ich so einer Vergewaltigung oder zumindest sexuellen Belästigung entgangen bin.
Meine große Schwester, die ich ja nicht hatte, wurde ersatzweise die Nachbartochter. Sie war etwa acht Jahre älter als ich und hatte ebenfalls keine Geschwister, und ich war sehr häufig bei ihnen drüben. Mit ihr zusammen durfte ich auch auf den entfernteren großen Spielplatz und sie kümmerte sich auch sehr gut um mich.
