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Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine »Lebensentscheidung« und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt, über die gemeinsame Zukunft misslingt. Dann treten wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Befund: Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen:
»Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.«
Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger, als erwartbar wäre? Mit existentieller Wucht und dennoch leichtfüßig erzählt Robert Menasse in Die Lebensentscheidung von einem Wettlauf mit dem Tod. Leben und Sterben, Liebe und Familie, darum geht es in dieser raffiniert-kunstfertigen Novelle.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Robert Menasse
Die Lebensentscheidung
Novelle
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
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Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026
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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
Umschlagillustration: Ernst Ludwig Kirchner, Mutter und Sohn, 1927/28. Öl auf Leinwand, 150 × 75 cm, Benvenuta Familienstiftung, Foto: © akg-images
eISBN 978-3-518-78635-2
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Am 26. Februar 2024
Informationen zum Buch
Die Lebensentscheidung
Am 26. Februar 2024, kurz nach Mittag, traf Franz Fiala eine Lebensentscheidung. Er dachte diesen Begriff: Lebensentscheidung. Er glaubte wirklich, dass der Entschluss, den er soeben gefasst hatte, eine solche war. Da schwang gehörig Pathos mit, und genau das tat ihm gut. Er würde alles abschütteln, was ihn schon die längste Zeit frustriert, mehr noch, ihn immer öfter und immer heftiger wütend gemacht hatte, und Pathos war für ihn der Beweis dafür, dass seine Entscheidung eine Erlösung sein werde.
Er sah sich in seinem Arbeitszimmer um, und schon betrachtete er alles so, als würde er es zum letzten Mal sehen. Die typische Arbeitszelle eines Referenten in der Europäischen Kommission in Brüssel. Seine Position in der Hierarchie erkannte man schon an der Anzahl der Fenster: Er hatte zwei. Im Grunde war es nur eines, aber die beiden Hälften waren separat zu öffnen und galten daher als zwei. Immerhin. Der Abteilungsleiter hatte drei Fenster, der Direktor vier, der Generaldirektor fünf.
An der linken Wand sein Spind, an dessen Tür hatte er ein Blatt geklebt, eine lieblos gestaltete Urkunde, die zu zwanzig Jahren im öffentlichen Dienst der Europäischen Kommission gratuliert, im Jahr 2016 unterzeichnet von Jean-Claude Juncker. Daneben ein kleines Tischchen mit einer Filterkaffeemaschine für Singles: »Aromaboy«. Kapselmaschinen lehnte er ab, aus Umweltschutzgründen, aber auch deswegen, weil das Zimmer, wenn man sich einen Kapselkaffee runterdrückte, nicht nach Kaffee duftete, und der Kaffee selbst auch nicht. Eine Packung Melitta-Filter. Die alte rot-schwarze Kaffeedose von Arabia, die ihm von seinem Vater geblieben war, der gerne gesagt hatte: »Kaffee kauft man bei Arabia, Tee kauft man bei Meinl.« Eine untergegangene Welt. Der Kaffeebecher vom Café Hegel aus Jena mit der Aufschrift Kaffee Milch Synthese.
In der Ecke zwischen Spind und linker Fensterhälfte ein Ficus-Bäumchen, dereinst von einem Kollegen zurückgelassen, ein Überlebenswunder. Die Pflanze konnte nicht sterben, buchstäblich bäumte sich das Bäumchen immer wieder auf, bis er es dann doch wieder goss, statt es zu entsorgen. Der Schreibtisch, L-förmig, auf dem kurzen Teil sein Laptop, den nahm er zum Arbeiten auch mit nach Hause, dahinter ein großer Bildschirm. Ein Terminkalender aus Papier, zusätzlich zum elektronischen. Eine Kleenex-Box. Auf dem längeren Teil des Schreibtisches drei Papierstapel, nicht dringend, dringend, erledigt. Ein Kugelschreiber, ein schwarzer Hefter, ein roter und ein gelber Textmarker.
Ein Stillleben. Totenstill.
Auf dem Boden neben dem Schreibtisch ein Pappkarton, mit Drucksachen und Broschüren, Belegexemplare von Berichten, an denen er mitgearbeitet hatte und die er verteilen könnte oder sollte, aber an wen?
Franz Fiala drehte sich um. Man konnte in dieser Arbeitszelle, wenn man sich nicht an den Schreibtisch setzte, nur ein, zwei Schritte machen. Er spürte einen Stich im Rücken. Die Lendenwirbel? Die Nieren? Er erstarrte, atmete ein paarmal tief ein und aus.
Hatte er dem Zimmer eine persönliche Note gegeben? An der rechten Wand zwei Poster: Pressekonferenz der Tiere, ein Plakat der Umweltaktivisten, die 1984 in Österreich gegen den Bau eines Donaukraftwerks in einer Aulandschaft kämpften, die später Naturschutzgebiet wurde, und ein Filmplakat, Fellinis Schiff der Träume.
Ein kleines Regalbrett. Darauf einige Ordner, neben denen ein gerahmtes Foto von seiner Promotion lehnte, es zeigt ihn mit der Doktorurkunde, zwischen Vater und Mutter. Es war das letzte Foto seines Vaters, danach hatte er es immer abgelehnt, fotografiert zu werden, »Ich bin heute nicht fotogen!«, wenig später war er gestorben. Auf dem Foto sah man nicht mehr den lebenslustigen Mann, sondern was der Krebs aus ihm gemacht hatte. Aber die Mutter. Das blühende Leben, das Aufleben, das Über-sich-hinaus-Leben, der Stolz, eine Herkunft überlebt zu haben, die euphemistisch als bescheiden bezeichnet wird, aus einer sogenannten bildungsfernen Familie, ohne Chancen, trotz ihrer Intelligenz, betrogen von Männern und einer reaktionären Männergesellschaft – und nun war der Sohn ein Herr Doktor. Das Foto rührte ihn. Weil der Vater darauf so schwach, seine Mutter so lebendig und stark war, und er – so fesch. Ja, er ist ein sehr gut aussehender junger Akademiker gewesen, dem auf diesem Foto ins strahlende Gesicht geschrieben war, dass er ein erfolgreiches, glückliches Leben vor sich sah.
Franz Fiala wandte sich ab. Sah zur Tür. Darauf klebten verschiedene gelbe Post-it-Notes, mit Nachrichten, wo er zu finden sei, in der Kantine, im Hof bei den Rauchern, in einem Meeting, die er entsprechend außen an die Tür klebte, wenn er das Zimmer verließ. Er ging hin, nahm sie herunter, zerknüllte sie und warf sie in den Papierkorb.
Diese wenigen Quadratmeter, Privileg und Enge, diese Mischung aus Bürokratenzelle und Nest war jahrelang sein Leben gewesen. Er hatte für etwas gelebt, wovon er überzeugt war, er distanzierte sich nicht davon. Bei seiner Promotionsfeier, nach der Zeremonie an der Universität, zu der die Eltern Verwandte und Freunde der Familie ins Restaurant Zum weißen Rauchfangkehrer eingeladen hatten, war es dem Vater wichtig gewesen, eine Tischrede zu halten, die Franz allerdings nur wegen einer Intervention seiner Mutter in Erinnerung geblieben war: Der Vater sprach müde und uninspiriert, dass er stolz sei, na klar, und wie sehr er sich freue, na klar, und in diesem Sinne … Da schleuderte seine Mutter dem Vater ein Zitat von Friedrich Schiller entgegen: »Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er ein Mann sein wird!« Nur Felicitas, Studienkollegin und beste Freundin von Franz, hatte gelacht und applaudiert, in der Familie Fiala war Schiller nicht so bekannt. Eher waren einige darüber verwundert gewesen, dass die Mutter den Vater per Sie angeredet hatte.
Nein, er hatte seine Überzeugungen nicht verraten, sie wurden verraten von jenen, in deren Dienst er stand. Von diesen unbeliebten Elitebürokraten, die ununterbrochen den Ahnungslosen zuriefen: Wir verstehen euch! Botschaft angekommen!
Botschaft? Sie bestand aus Jauche und Mist! Franz Fiala stand am Fenster, kippte es, er würde diesen Moment nicht vergessen: der Geruch. Und die Stille. Diese unglaubliche Stille. Er arbeitete in der Generaldirektion Umwelt, in der Unterebene ENV.D.2 Naturkapital und Ökosystemgesundheit. An diesem Tag waren wieder Hunderte, wenn nicht Tausende Traktoren vorgefahren, hatten das ganze Europaviertel blockiert, den Rond-Point Schuman, die Rue de la Loi, ganz Maelbeek. Sie hatten dauergehupt und -getrötet, Stinkbomben geworfen, vor dem Berlaymont und vor dem Gebäude seiner Generaldirektion in der Avenue d'Auderghem Dutzende Ladungen Mist abgeladen, Autoreifen angezündet, Fässer von Jauche auf die Rue de la Loi geschüttet. Das ganze Europaviertel war blockiert. Und im Haus war schon nach kurzer Zeit klar, dass die oben, die mit den vielen Fenstern, denen da unten definitiv nachgeben würden, das hatte sich schon nach den großen Demonstrationen in Berlin und Paris Ende des vergangenen Jahres abgezeichnet. Ihr wollt weiter Glyphosat spritzen, Gift, das nicht nur eure Konsumenten, sondern euch selbst umbringt? Gerne, wenn ihr wollt, klar doch! Ihr wollt keine Renaturierungspläne? Ja, klar, was braucht ein Bauer Natur, also macht, was ihr wollt, Natur ist bekanntlich der Feind der Bauern. Monokulturen, keine Fruchtfolge, Überdüngung? Wenn ihr das wollt, klar, ihr seid die Experten, macht nur, aber bitte fahrt mit euren Traktoren heim! Zu viel Bürokratie? Formulare? Franz Fiala war so wütend, dass er mit Fäusten gegen die Fensterscheibe schlagen wollte. Er hatte jahrelang mitgearbeitet an der Entwicklung des Green Deal-Programms der Europäischen Kommission, dem Plan für einen ökologischen Wandel, und diese Traktorendemonstration konnte bewirken, dass da oben die Pläne sofort geschreddert werden? Weniger als vier Prozent der europäischen Population sind Bauern, und sie bekommen ein Drittel des EU-Budgets an Förderungen. Und dafür können sie kein Formular ausfüllen? Und sie können sich nicht mit einer Frist von zehn Jahren von krebserregenden Umweltgiften auf Alternativen umstellen?
Franz Fiala war nur ein kleines Rädchen, aber eben doch ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte. Und er fühlte sich betrogen. Er hatte genug. Es war sinnlos. Man konnte nicht für das Bessere arbeiten, wenn es für mächtige Interessensverbände besser war, mit Gift und Tod Profit zu machen.
Als Student hatte er sich in der Hochschülerschaft engagiert, und er hatte selbstverständlich immer wieder Frustrationen erlebt, wenn Wahlen oder Abstimmungen nicht so ausgegangen waren, wie er erhofft hatte. Er hatte für die sozialdemokratischen Studenten kandidiert, war aber der Kandidatin der Linken Liste unterlegen, einer lesbischen Frau, die er sympathisch fand, auch wenn er nicht verstand, warum sie ihre sexuelle Orientierung immer wie ein Fanal demonstrieren musste. Er unterlag ihr, vielleicht auch deshalb, wie er hörte, weil er immer mit Anzug auf die Uni kam, was einige, die falschen, gut fanden, die meisten aber völlig falsch interpretierten, als käme er aus einer Schnöselfamilie. Seine Mutter war der Meinung, dass die Universität eine Kathedrale der Bildung sei, und da habe man sich anständig anzuziehen. Er hatte als Student wenig Geld gehabt, und die aussortierten Anzüge des Vaters kosteten nichts, er trug sie mit verdrießlicher Gleichgültigkeit, während seine Mutter stolz darauf war, dass ihr Sohn, der Herr Student, »etwas gleichsah«. Jedenfalls hatte er dann mit der Kollegin von der Linken Liste gut zusammengearbeitet, sie hatten in einigen Fragen zu vernünftigen Kompromissen gefunden, und ihre Verachtung für Männer wie ihn war dann geradezu liebevoll ironisch geworden. »Ich kenne Menschen im falschen Körper«, hatte sie gesagt, »aber du bist ein Mensch im falschen Anzug.«
Aber die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der »Menschen da draußen«, die man »ernst nehmen« müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären »da draußen« nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten. Jetzt schütteten die Bauern Jauche auf die Rue de la Loi, das musste man verstehen, aber warum konnte die Chefin, die Präsidentin der Europäischen Kommission, nicht sagen: Wir müssen auch die Wut von Herrn Fiala verstehen, wir müssen auch seine Ängste ernst nehmen! Es gab doch viele Fialas hier herinnen und da draußen!
Warum schloss er das Fenster nicht? Der Geruch von verbranntem Gummi war ätzend. Er hätte lieber das Fenster ganz geöffnet, sich hinausgelehnt und die Straße überblickt, aber das ging nicht. In den späten 1990er Jahren hatte es eine Reihe von Selbstmorden von Beamten gegeben, in Folge von Korruptionsaffären. Es hatte sich damals einiges abgespielt, als es noch nicht die heute so vielgeschmähten pedantischen Kontrollmechanismen gab. Es wurde alles aufgeklärt, aber weil einige Beamte aus den Fenstern gesprungen waren, wurden die Fenster des Gebäudes so arretiert, dass man sie nicht mehr ganz öffnen konnte.
Der Gestank. Und die Stille. Es war unheimlich still. Da unten standen Traktoren, aber es gab den Demonstrationslärm nicht mehr, kein Hämmern der Motoren, kein Hupen, keine Trillerpfeifen, keine Parolen, die durch Megaphone gebrüllt wurden, keine Sirenen, keine Folgetonhörner. Die Bauern waren mittagessen gegangen, hatten sich in allen möglichen Kneipen des Bezirks verlaufen. Brüssels Wirte, hörte man später, waren mit der Demo sehr zufrieden. Aber durch die Traktorenblockade der wichtigen Verkehrsadern der Stadt gab es keinen Verkehr mehr, keine Autos, keine Busse, das tägliche laute Rauschen war abgeschaltet.
Der Gestank. Die Stille. Als wäre die Stadt tot und würde verwesen. Und seine Lebensentscheidung. Er würde diesen Raum verlassen, ohne ein Post-it mit der Nachricht, wo er zu finden sei, an die Tür zu kleben, er würde das Gebäude verlassen, nicht mehr zurückkehren. Seine Arbeit für die Europäische Kommission sollte demnächst Geschichte sein.
Den Rest des Tages verbrachte Franz Fiala an Computer und Telefon. Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Plan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund zweitausend Kandidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatten, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.
Zunächst aber buchte er einen Wochenendflug nach Wien, wegen des neunundachtzigsten Geburtstags seiner Mutter.
Er wusste natürlich nicht, dass nach diesem Heimatbesuch der Begriff »Lebensentscheidung« eine ganz andere Bedeutung bekommen würde.
Der Flug nach Wien war so unruhig, die Turbulenzen waren so heftig, dass Franz Fiala panisch wurde. Er hatte noch nie Flugangst gehabt, aber einen solchen Flug hatte er noch nicht erlebt. Er hatte das Gefühl, dass auf das Flugzeug geschossen wurde, aber das konnte doch nicht sein. Es knallte und krachte, immer wieder gab es Schläge auf die Maschine, die Turbinen dröhnten lauter, als er es je gehört hatte. Die Flugbegleiterinnen hatten das Verteilen von Wasserfläschchen unterbrochen, sich auf ihre Plätze gesetzt und angeschnallt. Durchsage: Sie flogen durch ein Hagelunwetter. Er merkte, dass er den Atem angehalten hatte, er stöhnte, als er wieder nach Luft schnappte. Seine Finger schmerzten, so krampfhaft hielt er sich an den Armlehnen fest. Neben ihm saß eine Frau mit einem Baby, das kreischte und brüllte, panisch, untröstlich. Franz Fiala sah die Frau an, die das Baby fest an ihre Brust drückte, pst sagte, immer wieder pssst, dabei starrte sie mit weit aufgerissenen Augen auf die Rückenlehne des Vordersitzes. Plötzlich sagte sie: »Es kann nicht sein.« Da wieder Schläge, die das Flugzeug erschütterten, und die Frau sagte: »Es kann nicht sein!« Sie sah Franz Fiala an, er dachte, dass sie irgendwie irre wirkte, ihr Baby hatte aufgehört zu schreien, aus Erschöpfung oder weil die Stimme der Mutter es doch beruhigte: »Es kann nicht aus sein. Er hat ja noch ein ganzes Leben vor sich. Ein ganzes Leben.«
Da sackte das Flugzeug ab.
Niemand kann je erfahren, was der letzte Gedanke eines Menschen ist, in dem Moment, in dem er begreift, das Flugzeug stürzt ab, und das war es jetzt. Man möchte meinen, dass einer an seine Frau, eine an ihren Mann denkt, an Kind oder Kinder, ich liebe dich, ich liebe euch, vielleicht bleibt auch noch Zeit für diesen Gedanken: Ich habe es zu selten gesagt! Oder dass man nach seiner Mutter ruft, Mutter! Aber vielleicht denkt man auch nur: Scheiße, bevor man das Bewusstsein verliert. Angeblich kann man den Flugzeugabsturz selbst nicht bewusst erleben, weil der schnelle Druckabfall sofort zu Ohnmacht führt. Und Menschen mit einem schwachen Herz haben im Schock einen Herzstillstand und sind tot, lange, sekundenlang vor dem Aufprall. Aber stimmt das auch? Auch wenn das Bewusstsein schon ausgeschaltet ist, reagieren die Menschen angeblich noch, und es ist am Ende unerheblich, ob man dies zutiefst menschlich oder animalisch nennen muss: Er hatte irgendwo gelesen, dass sie einander umarmten und festhielten, sehr fest, sie umarmten einen wildfremden Menschen, ihren Sitznachbarn, sie drückten sich aneinander und umschlungen sich, der biblische »Nächste« war es im Flugzeug tatsächlich. Helfer, die nach einem Absturz zur Bergung an die Absturzstelle kamen, berichteten, dass die Leichen der Passagiere oft mit so unfassbarer Kraft ineinander verschlungen, geradezu verschmolzen waren, dass es unmöglich war, sie ganz voneinander zu trennen.
Franz Fiala sah die Frau an, sie drückte ihr Kind an die Brust, wie ein Schutzschild, ein ganzes Leben erst vor sich, das kann jetzt nicht sein, es hat ja das ganze Leben erst vor sich, das Flugzeug trudelte, es sackte noch einmal ab, Panik im ganzen Flugzeug, verzweifelte Schreie der Passagiere, die Motoren dröhnten – und was war sein letzter Gedanke?
In rasender Geschwindigkeit, auf den Bruchteil einer Sekunde verdichtet, gefühlt und nicht formuliert, war es ein Einverständnis mit dem Tod: Was ist ein plötzlicher, unerwarteter, schneller Tod, zu schnell für Schmerzen, nur die Sekunden der Angst- und Verzweiflungsschmerzen, was sind diese Sekunden im Vergleich zu den Jahren des Verfalls und der Schmerzen des Siechtums seines Vaters? Er machte einen Schrei, und wenn er später an diesen Moment zurückdachte, glaubte er, nicht geschrien, sondern gelacht zu haben. Aus und vorbei, ja, mit einem Schlag, einem Aufschlag, keine Schmerzen mehr, keine Anstrengungen des Lebens, einverstanden. Ein Schrei – ein Lachen? So anders als das groteske Lachen, das seinem Vater in den letzten Wochen vor seinem Tod ins Gesicht gezeichnet war, aber es hatte nur wie ein Lachen ausgesehen, oder wie ein höhnisches Zähneblecken, weil in seinem eingefallenen Gesicht die Zähne so groß wirkten und hervortraten.
