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Erfahren Sie mehr über das Leben der visionären Denker der Geschichte und darüber, wie sie die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, verändert haben. Diese Sammlung enthält die Lebensgeschichten von: Sokrates (Platon und Xenophon) Markus Aurelius: Selbstbetrachtungen (Autobiographie) Gottfried Wilhelm Leibniz (Egmont Colerus) Spinoza (Fritz Mauthner) Voltaire (Emil Ludwig) Jean Jacques Rousseau: Biographie (Paul Hensel) Autobiographie: Die Bekenntnisse Immanuel Kant (Karl Vorländer) Nietzsche (Theodor Lessing)
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Veröffentlichungsjahr: 2023
1Sokrates. Sage mir, Aristipp, wenn dir ein paar junge Leute übergeben würden, um den einen zum regieren, den andern so, daß er weder Lust noch Vermögen zum regieren habe, zu erziehen, – wie wolltest du es anstellen? – Machen wir, wenn dirs recht ist, gleich mit der Nahrung als dem unentbehrlichsten, den Anfang.
Aristippos.(lächelnd) Die Nahrung möchte allerdings, da man ihrer zum Leben nicht wohl entbehren kann, der erste Punkt seyn.
Sokrates. Ohne Zweifel werden unsre beyden Zöglinge um Essenszeit zu Tische gehen wollen?
Aristippos. Man sollt' es denken.
Sokrates. Nun könnte aber gerade um diese Zeit ein dringendes Geschäfte abzuthun seyn: welchen von beyden wollten wir so gewöhnen, daß er lieber die Befriedigung seines Magens aufschieben möchte, als ein nöthiges Geschäft?
Aristippos. Freylich wohl den ersten, der zum Regieren erzogen werden soll, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß die Staatsgeschäfte unter seiner Regierung ungethan bleiben.
Sokrates. In diesem Fall hat es wohl mit dem Trinken dieselbe Bewandtniß? Er wird sich auch gewöhnen müssen, Durst leiden zu können?
Aristippos. Keine Frage!
Sokrates. Und wie ist es mit dem Schlafe? Welchen von beyden wollen wir so erziehen, daß er spät zu Bette gehen, früh aufstehen, und, wenn's nöthig ist, die ganze Nacht wach bleiben könne?
Aristippos. Immer noch den ersten, versteht sich.
Sokrates. Und der Afrodisischen Befriedigungen3 sich enthalten zu können, um auch von diesen sich nicht an pflichtmäßigen Geschäften verhindern zu lassen?
Aristippos. Eben denselben.
Sokrates. Ferner, keine Arbeiten noch Beschwerlichkeiten zu scheuen, sondern sie vielmehr freiwillig zu übernehmen, welchen von beyden wollen wir dazu anhalten?
Aristippos. Unläugbar den, der zum Regieren gebildet werden soll.
Sokrates. Und überhaupt alles zu lernen, was man wissen und können muß, um über seine Gegner Meister zu werden, welcher wird dessen wohl am meisten bedürfen?
Aristippos. Freylich der künftige Staatsmann; denn ohne diese Kenntnisse und Geschicklichkeiten würde ihm alles übrige zu nichts helfen.
Sokrates. Dünkt dich nicht, einer der so erzogen ist, werde von seinen Gegnern nicht so leicht gefangen werden können, wie andre Thiere? Denn unter diesen giebt es einige, die ihr Magen so kirre macht, daß sie, ihrer natürlichen Schüchternheit ungeachtet, dem Reiz der Lockspeise nicht widerstehen können, und dadurch gefangen werden; andere, denen man durch (betäubende) Getränke nachstellt; noch andere, wie z. B. die Wachteln und Repphühner, die, sobald sie von der Stimme eines Weibchens gelockt werden, in brünstiger Begierde herbey geflogen kommen, und, über der gehofften Lust alle Gefahr vergessend, sich ins Netz des Vogelstellers stürzen.
Aristippos. Dagegen ist nichts zu sagen.
Sokrates. Dünkt dich nicht auch, es gereiche einem Menschen zur Schande, sich von einem blinden Trieb wie die unverständigsten Thiere überwältigen zu lassen? Die Ehebrecher, zum Beyspiel, wissen, indem sie andern ins Gehege gehen, recht gut, daß sie Gefahr laufen, in die Strafe des Gesetzes zu fallen, und was für schreckliche und schmähliche Mißhandlungen ihrer warten, wenn sie ertappt werden; und doch ist weder Schaden noch Schande vermögend, den Ehebrecher zurückzuhalten, daß er sich nicht blindlings in die größte Gefahr stürze, um einen Trieb zu befriedigen, zu dessen Stillung ihm so viele gefahrlose Wege offen stehen. Muß ein solcher Mensch nicht ganz und gar von einem bösen Dämon besessen seyn?4
Mein zweyter Ausweg ist: anzunehmen, daß die angefochtene Stelle zwar nicht von Sokrates, aber doch von Xenofon herrühre, und dabey vorauszusetzen, daß seine aus Verschiedenheit der Denkart, Sitten und Lebensweise leicht erklärte, und mit Verachtung vermischte Abneigungen gegen den Filosofen für die Welt,
QUEM OMNIS DECUIT COLOR ET STATUS ET RES,
sich in die Darstellung eines ehmals wirklich zwischen ihm und ihrem gemeinschaftlichen ehrwürdigen Freund vorgefallenen Gesprächs gemischt habe. Der Unterschied zwischen Xenofon, der beynahe in allen Lagen und Verhältnissen des öffentlichen und Privatlebens das Sokratische Ideal eines καλου και αγαθου praktisch darstellte, und Aristipp, der sich eine eigene, nur für ihn selbst und wenige, QUOS AEQUUS AMAVIT JUPITER, passende Filosofie der Grazien gemacht hatte, war zu groß, als daß der erste (der überdieß um zwanzig Jahre wenigstens älter war) den andern in einem freundlichem Lichte hätte sehen, geschweige gar mit Schonung hätte behandeln können, wenn sich ihm eine so gute Gelegenheit, wie hier, anbot, die Denkart und Lebensweise Aristipps mit der Sokratischen in einen recht auffallenden Kontrast zu setzen. – In der Uebersetzung der letzten Worte ουκ ηδη τουτο πανταπασι κακοδαιμονωντος εστιν; habe ich den ganzen Nachdruck des Hauptworts auszudrücken gesucht, und hierin den eleganten französischen Uebersetzer der Memorabilien, Levesque, zum Vorgänger gehabt – L'ON DIROIT QU'ILS Y SONT POUSSÉS PAR UN MAUVAIS GENIE.
Aristippos. So dünkt michs.
Sokrates. Da die unentbehrlichsten Geschäfte der Menschen größtentheils unter freyem Himmel verrichtet werden müssen, wie z. B. der Kriegsdienst, der Ackerbau, und eine Menge anderer Arbeiten und Beschäftigungen des gemeinen Lebens, dünkt dich nicht, es sey eine sehr große Nachlässigkeit, daß so Wenige sich üben, ihren Körper gegen Frost und Hitze abzuhärten?
Aristippos. Allerdings.
Sokrates. Ein künftiger Regent oder Befehlshaber wird also auch zu dieser Art von Uebung angehalten werden müssen?
Aristippos. O ganz gewiß muß er das.
Sokrates. Wenn wir denn also darüber einig sind, daß nur solche, die in allen besagten Dingen eine völlige Gewalt über sich selbst erlangt haben, für regierungsfähig zu achten sind, werden wir nicht alle, die es nicht so weit gebracht, mit denen, die an Staatsverwaltung ganz und gar keinen Anspruch machen, noch zu machen haben, in Eine Klasse stellen müssen?
Aristippos. Unstreitig.
Sokrates. Nun dann, mein lieber Aristipp, da du beyde Klassen so gut zu stellen weißt, hast du auch schon überlegt, in welche von beyden du dich selbst füglich stellen könnest?
Aristippos. Wenn das alles mir gelten soll, Sokrates, so muß ich dir sagen, daß ich weit entfernt bin, an einen Platz unter denen, die es aufs regieren angelegt haben, Anspruch zu machen. Offenherzig zu reden, ich hege keine große Meinung von dem Verstand eines Menschen, der an der Sorge sich selbst das Nöthige zu verschaffen, wiewohl sie ihm alle Hände voll zu thun giebt, nicht genug hat, sondern sich auch noch mit der Verpflichtung beladet, für die Bedürfnisse der übrigen Staatsbewohner zu sorgen. Ist es nicht die größte Thorheit, um andrer Leute willen sich selbst so manchen Genuß, wozu man Lust hätte, zu entziehen, und da man mit aller Mühe und Arbeit gleichwohl nicht immer alle Wünsche des Publikums befriedigen kann, zu riskieren, daß einem am Ende noch der Prozeß deswegen gemacht wird? Denn, es ist nun einmal nicht anders, das Volk glaubt von seinen Obern alles fordern zu können, was unser einer seinen Sklaven zumuthet. Ich verlange von meinen Leuten, dafür zu sorgen, daß ich mit allem was ich brauche immer reichlich versehen sey, aber daß sie selbst nichts davon anrühren; und gerade so macht es das Volk in Republiken mit seinen Vorstehern; ihm sollen sie alles schaffen was sein Herz gelüstet, aber sie sollen immer reine Hände haben. Meine Meinung von der Sache ist also diese: Wem es darum zu thun ist, recht viel Sorge und Plackerey zu haben, und sich und andern immer was zu thun zu machen, der mag sich dem Staat widmen, und den wollen wir, auf besagte Weise, zum regieren erziehen lassen; ich für meinen Theil stelle mich unter die, welche ihr Leben so gemächlich und angenehm als möglich zuzubringen wünschen.
Sokrates. Nun so wollen wir, wenn's dir gefällig ist, untersuchen, wer angenehmer lebt, die Regierenden, oder die Regierten?
Aristippos. Recht gern.
Sokrates. Gehen wir einmal die bekanntesten Völker durch. In Asien z. B. regieren die Perser; die Syrier, Phrygier und Lydier hingegen werden regiert; in Europa regieren die Skythen, und die Mäoten sind ihnen unterthan; in Lybien (Afrika) regieren die Karchedonier (Karthager) und die Libyer müssen sich von ihnen beherrschen lassen. Welche von diesen leben nun, deiner Meinung nach, angenehmer? Oder, weil du doch auch zu den Griechen gehörst, welche unter den griechischen Völkern scheinen dir angenehmer zu leben, die regierenden, oder die regierten?
Aristippos. Das kann mir gleich viel seyn. Ich, für meine Person, bin Niemandem dienstbar. Mich dünkt, es giebt zwischen beyden noch einen Mittelweg, der weder durch Herrschaft noch Dienstbarkeit, sondern durch Freyheit gerade zur Glückseligkeit führt, und das ist der, den ich zu gehn versuche.
Sokrates. Nun freylich wohl, wenn er, so wie er weder durch die Herrschaft noch die Dienstbarkeit geht, auch nicht durch die Menschen gienge, möchtest du recht haben; da du aber unter Menschen lebst, und doch weder selbst regieren, noch regiert seyn willst, so wirst du, denke ich, bald genug erfahren, daß die Mächtigen es immer in ihrer Gewalt haben, den Schwächern, sowohl in Masse als einzeln, das Leben sauer zu machen und sie dahin zu bringen, daß sie ihnen dienstbar seyn müssen. Oder weißt du nicht, wie wenig Bedenken die Stärkern sich im Kriege darüber machten, die Früchte zu schneiden die der Schwächere gesäet, und die Bäume umzuhauen die er gepflanzt hat, kurz, wie sie ihn, wenn er sich nicht im Guten unterwerfen will, von allen Seiten so lange zu ängstigen wissen, bis sie ihm begreiflich gemacht haben, er thue besser zu dienen, als mit Stärkern als er ist in ofner Fehde zu leben? Und wie könnte dir unbekannt seyn, daß es auch im bürgerlichen Leben nicht anders hergeht, und daß, wer Muth und Vermögen hat, immer Mittel findet den Furchtsamen und Unmächtigen unter sich zu bringen und Vortheil von ihm zu ziehen?
Aristippos. Dafür hab' ich ein gutes Mittel. Eben darum, damit es mir nicht so ergehen könne, schließe ich mich in keinen besondern Staat ein, sondern lebe allenthalben als ein Ausländer.
Sokrates. Das gesteh ich! Da hast du dir eine feine List ausgedacht! Freylich, seitdem Sinnis und Skeiron und Prokrustes todt sind, ist ein Fremder bey uns auf der Landstraße so ziemlich vor ihres gleichen sicher. Indessen sehen wir doch, daß selbst diejenigen, die in ihrem eignen Vaterlande die Ersten im Staate sind, mit allen Vortheilen, die sie vor andern voraus haben, es doch nicht dahin bringen können, sich gegen Beeinträchtigungen sicher zu stellen. Sie lassen es zwar in dieser Absicht an Gesetzen nicht fehlen; sie bewerben sich, außer ihren Geschlechts- und Blutsverwandten, noch um andere Freunde, um einen Anhang zu haben, auf dessen Beystand sie sich im Nothfall verlassen können; sie befestigen ihre Städte, schaffen Vorräthe von Waffen herbey, um auf den Fall eines Angriffs im Vertheidigungsstande zu seyn, und setzen sich über dies noch in auswärtige Verbindungen; – und mit allen diesen Anstalten und Vorkehrungen zu ihrer Sicherheit, sind sie dennoch nicht vor Beleidigung gedeckt. Und du, der du von dem allen nichts hast, einen großen Theil deines Lebens auf den Landstraßen, wo man denn doch noch immer mancherley Beleidigungen ausgesetzt ist, zubringst, und in allen Städten, die du durchwanderst, immer weniger als der geringste Bürger zu bedeuten hast, also gerade so einer bist, über den böse Buben sich am liebsten her machen: du bildest dir ein, vor Beleidigungen sicher zu seyn, weil du ein Fremder bist? Worauf gründest du diese Zuversicht? Etwa darauf, weil dir in allen Städten, wenn du ankommst und wenn du wieder weiter ziehst, öffentliche Sicherheit zugesagt wird? Oder vielleicht auch, weil du denkst, niemand werde eben viel dabey zu gewinnen glauben, wenn er dich zum Sklaven bekäme?6 Und in der That, wer möchte einen Menschen gern in seinem Hause haben, der nichts arbeiten wollte und dem nur das köstlichste gut genug wäre? – Wahr ists indessen, daß Hausherren, die solche Sklaven haben, eben nicht sehr verlegen sind, wie sie sich mit ihnen helfen sollen. Den Kitzel vertreiben sie ihnen durch Hunger; damit sie nichts stehlen können, wird alles sorgfältig vor ihnen verschlossen; davon zu laufen, verbietet man ihnen durch Fußschellen, und gegen die Faulheit sind Schläge ein bewährtes Mittel. Oder wie hältst du es mit deinen Sklaven, wenn du einen dieses Gelichters unter ihnen entdecktest?
Aristippos. Ich züchtige ihn ohne Barmherzigkeit so lang und so viel, bis er seine Schuldigkeit thut. Aber, erlaube mir zu fragen, Sokrates, worin sind die jungen Leute, die zu jener königlichen Kunst erzogen werden, in welche du mir die höchste Glückseligkeit zu setzen scheinest, von denen verschieden, die aus Noth elend leben müssen, wenn sie freywillig hungern und dürsten, frieren und den Schlaf sich entziehen? Ich für meinen Theil sehe nicht worin der Unterschied liegen soll, ob das nehmliche Fell freywillig oder unfreywillig durchgegerbt wird, oder ob überhaupt eben derselbe Leib alle diese Peinigungen willig oder gezwungenerweise aushalten muß. Man muß wahnsinnig seyn, um den Willen zu haben sich selbst zu peinigen.
Sokrates. Wie, Aristipp? du siehst hier keinen Unterschied? Er fällt doch, dächte ich, stark genug in die Augen. Wer aus freyem Willen hungert, kann auch essen wenn er will; das ist aber nicht der Fall bey dem Gezwungenen. Ueberdies versüßt sich der erste die gegenwärtige Unlust durch die Hofnung, wie die Jäger der gehofften Beute wegen sich allen Beschwerlichkeiten der Jagd mit Vergnügen unterziehen. Gleichwohl ist der Preis, womit der Jäger sich für seine Mühe belohnt hält, etwas sehr unbedeutendes: Aber wer sich keine Anstrengung dauern läßt um die Freundschaft edler Menschen zu gewinnen, oder um ein braver Kriegsmann und Heerführer zu werden, oder überhaupt seine Leibes- und Gemüthskräfte so zu üben, daß er tüchtig werde seinem Hause wohl vorzustehen, seinen Freunden nützlich zu seyn, und sich um sein Vaterland verdient zu machen: siehst du nicht, daß schon die Mühe selbst, die er sich geben muß, um zu dem allen zu gelangen, ihr Vergnügen mit sich führt, und daß ein fröhliches Gemüth, der Beyfall seines eigenen Herzens und die Hochachtung und Zuneigung anderer Menschen eine reiche Belohnung seiner Arbeiten und Aufopferungen sind? Noch mehr: Leichte, blos zur Kurzweil vorgenommene Beschäftigungen und Genüsse die mit keiner Mühe erkauft werden, können weder dem Körper eine harte und gesunde Beschaffenheit zuwege bringen, wie die Meister der Gymnastik behaupten, noch die Seele mit irgend einer schätzbaren Kenntniß bereichern: angestrengte und ausdaurende Bemühungen hingegen verschaffen uns den Genuß des Besten und führen zu großen und preiswürdigen Dingen. So sagt schon Hesiodos irgendwo:
Zu der Untugend ists leicht auch Schaarenweise zu kommen, Breit und glatt ist der Weg, und nur zu nahe ihr Wohnsitz; Aber auf steile, mit saurem Schweiß nur erklimmbare Höhen Haben die Götter die Tugend gesetzt, langwierig und rauh ist Anfangs der Weg zu ihr; doch ist erstiegen der Gipfel, Dann ist er leicht und freundlich zu gehn, so schwierig er erst war.
Auch bezeugt es der Dichter Epicharmos, da er sagt:
– für Müh und Arbeit Verkaufen uns die Götter alles Gute.
Und an einem andern Orte:
Du suchst das Glück im Schoos der Weichlichkeit, Betrogener, Scham und Reue wirst du finden.
Auch der berühmte Prodikos erklärt sich in der Schrift vom Herkules, die er öfters vorzulesen pflegt, über die Tugend auf eben diese Weise, und zwar, so viel ich mich erinnern kann, folgendermaßen.7
Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen: die eine von edler Gestalt und Gesichtsbildung, voll Würde und Anstand, ihre Farbe frisch und rein, ihr Auge ernst und züchtig, ihre Stellung und Gebehrde sittsam, ihr Anzug glänzend weiß; die andere hingegen zeichnete sich durch die aufgedunsene Fleischigkeit und mürbe Zartheit aus, die von überflüssiger Nahrung und allzuweichlicher Lebensart erzeugt zu werden pflegen; von ihrer natürlichen Farbe ließ die künstliche Weiße und Röthe, die sie der Schminke schuldig war, wenig oder nichts errathen; sie trug sich so, daß sie höher und gerader schien als sie von Natur war; ihre weitofnen Augen schossen mit einer Freyheit, die an Frechheit grenzte, hin und her, und bey ihrem Anzug hatte sie dafür gesorgt, daß ihre Reitze dadurch vielmehr ins vortheilhafteste Licht gesetzt als verdeckt und verdunkelt werden möchten. Ihre immer unstäten und beschäftigten Blicke irrten bald mit sichtbarer Selbstgefälligkeit auf ihrer eignen Person herum, bald flogen sie umher, und suchten ob sie auch von andern beobachtet werde; ja nicht selten sah sie sich sogar nach ihrem eignen Schatten um.
Wie die beyden Frauen dem jungen Herkules näher kamen, blieb die erste bey ihrem gewöhnlichen Schritt; aber die andere, um ihr zuvorzukommen, lief gerade auf den Jüngling zu, und redete ihn folgendermaßen an. Ich sehe, lieber Herkules, daß du noch unentschlossen bist, welchen Weg im Leben du gehen wollest. Wähle mich zu deiner Freundin, und ich will dich auf den anmuthigsten und gemächlichsten Weg führen; kein Vergnügen soll dir ungenossen entgehen, alles hingegen was Mühe, Beschwerlichkeit und Schmerz heißt, in deinem ganzen Leben dir unbekannt bleiben. Vor allem also wirst du dich weder mit dem Kriege noch mit andern Geschäften bemengen müssen. Deine einzige Sorge wird seyn, die leckerhaftesten Schüsseln und die köstlichsten Getränke ausfindig zu machen, dich zu fragen was du am liebsten sehen und hören möchtest; was jedem deiner Sinne den angenehmsten Kitzel gewähren könne; dich wenn du der Liebe zu pflegen Lust hast, nach den Schönsten und Reitzendsten umzusehen, auf Schwanenfellen und Rosen zu schlafen, und dir alle diese Genüsse mit der allerwenigsten Mühe zu verschaffen. Sollte dir jemals einfallen, die Quellen, aus welchen dir das alles zufließen wird, möchten abnehmen oder endlich gar versiegen: so fürchte nicht daß ich es je so weit mit dir kommen lassen werde, daß du, um diese Lebensart fortsetzen zu können, dich irgend einer mühseligen Leibes- oder Geistesarbeit unterziehen müßtest. Nein! Andere werden für dich arbeiten, und du sollst die Früchte ihrer Arbeit genießen. Weise nichts von der Hand und scheue dich vor Nichts, das dir Gewinn bringen kann: Denn auf allen Seiten von allem auf alle mögliche Weise Vortheil zu ziehen, dazu gebe ich meinen Freunden unbedingte Gewalt.
Hier hörte sie auf zu reden und nun erkundigte sich der junge Herkules nach ihrem Namen. Meine Freunde, sagte sie, nennen mich Eudämonia; aber die mir übel wollen, geben mir, um mich zu verkleinern, den Namen Wollust.8
Inzwischen war auch die andere Frau herbeygekommen, und nahm itzt das Wort. Auch mich, o Herkules, sprach sie, führt eine wohlwollende Neigung zu dir; denn ich kenne deine Erzeuger, und habe deine Sinnesart von Kindheit an beobachtet. Dies läßt mich hoffen, du werdest, wenn du meinen Weg erwählst, große und preißwürdige Thaten zu Stande bringen, deren Glanz auch auf mich zurückfallen, und mich den Menschen, wegen alles Guten, so sie von dir empfangen, lieber und ehrwürdiger machen werden. Ich will dich nicht mit Vorspiegelungen eines Lebens voller Wonne hintergehen; sondern was die unwandelbare Ordnung der Götter ist, davon sollst du treulich und wahrhaft von mir berichtet werden. Von allem was Gut und Schön ist, theilen die Unsterblichen den Menschen Nichts ohne Arbeit und Bemühung zu. Willst du daß die Götter dir gnädig seyn, so mußt du ihnen den schuldigen Dienst erweisen. Willst du von Freunden geliebt seyn, so mußt du dich deinen Freunden nützlich machen; willst du von irgend einer Stadt geehrt seyn, so mußt du ihrem Gemeinwesen gute Dienste leisten; wünschest du in der ganzen Hellas den Ruhm eines treflichen Mannes zu erhalten, so mußt du dein möglichstes thun, dich um die ganze Hellas verdient zu machen. Verlangst du, daß die Erde dir reichliche Früchte trage, so mußt du sie tüchtig bauen; willst du durch Viehzucht reicher werden, so mußt du deiner Heerden fleissig warten; oder willst du durch den Krieg emporkommen, und dich in den Stand setzen deine Freunde zu schützen und die Feinde zu überwältigen, so mußt du dich zuvor der Kriegskünste unter geschickten Meistern mit Eifer befleißigen, und dann erst noch durch viele Uebung lernen, wie sie gehörig anzuwenden sind; und sogar die großen Leibeskräfte, womit die Natur dich begabt hat, würden dir wenig helfen, wenn du nicht durch gymnastische Uebungen mit Anstrengung und Schweiß sie geschickt zu gebrauchen gelernt und deinen Körper der Seele zu gehorchen angewöhnt hättest.
Hier (sagt Prodikos) fiel ihr die Wollust in die Rede, und sagte: Du siehest, lieber Herkules, was für einen langen und mühseligen Umweg zum Lebensgenuß dieses Weib dir vorzeichnet: da ich hingegen dich auf dem bequemsten und kürzesten Weg zum glücklichsten Leben führe. Elende, versetzte ihr die Tugend, wie darfst du von Glückseligkeit reden, und wie wenig muß das, was du gut und angenehm nennst, diesen Namen verdienen, da du es nicht einmal der Mühe werth hältst, etwas dafür zu thun? Wie solltest du auch wissen können was wahres Vergnügen ist, da du den Reitz des Bedürfnisses nie erwartest, sondern dich mit Speisen anfüllst bevor dich hungert, und trinkst ohne zu dürsten? Damit du mit einiger Lust essen könnest, muß die Kochkunst alle ihre Erfindungen erschöpfen; um mit Vergnügen zu trinken, mußt du dir die theuersten Weine anschaffen und mitten im Sommer nach Schnee herumlaufen; und um schlafen zu können, nicht nur die weichsten Madratzen und Decken, sondern noch kostbare und zierlich gearbeitete Bettstellen nöthig haben, und diesen sogar noch Tapeten unterlegen; denn du gehst nie schlafen, um vom Arbeiten auszuruhen, sondern weil du vor Langweile sonst nichts anzufangen weißt. Die Afrodisischen Vergnügungen erzwingst du, ohne Bedürfnisse durch alle Arten von künstlichen Reitzmitteln, und mit den Männern nicht zufrieden, machst du dir sogar welche aus deinem eigenen Geschlecht. Was für Ehre hast du davon, daß du der Unsterblichen eine bist? Die Götter haben dich aus ihrer Gesellschaft ausgestoßen, und allen guten Menschen bist du verächtlich. Das süßeste was man hören kann, hat dein Ohr nie gehört; denn wann hörtest du dich jemahls loben? Das angenehmste, was die Augen sehen können, hast du nie gesehen; denn wo sahest du jemahls ein großes oder schönes Werk, das du zu Stande gebracht hättest? Wer hat dir jemahls geglaubt, wenn du etwas bezeugest? Wer nimmt sich deiner an, wenn du in Mangel geräthst? Oder welcher Mensch, der bey Verstand ist, könnte sich entschließen dein Gefolge zu vermehren, wenn er sieht, was es für ein Ende mit ihnen nimmt. In den besten Jahren des Lebens schon unvermögend (weil sie ihre Kräfte in Trägheit und Ausschweifungen verzehrt haben) sind sie blödsinnig und stumpf in den Jahren, deren eigenthümlicher Vorzug Besonnenheit und Weisheit seyn sollte. Während ihrer Jugend in Müßiggang und Ueppigkeit aufgefüttert und fett gemacht, bringen sie ihr Alter in Kummer und schmutziger Dürftigkeit hin, beschämt von der Erinnerung dessen was sie ehmals thaten, zu Boden gedrückt von dem was sie itzt zu thun genöthigt sind; Thoren die im Frühling des Lebens alle Arten von Vergnügungen nicht schnell genug durchlaufen können, und alles Beschwerliche für den Winter aufsparen.
Ich aber lebe mit Göttern und guten Menschen, und keine schöne That, kein preiswürdiges Werk weder von Göttern noch Menschen vollbracht, kommt ohne mich zu Stande. Auch werd' ich von Göttern und Menschen über alles hoch gehalten. An mir findet der Künstler und Handwerksmann eine erwünschte Mitarbeiterin, der Hausherr eine getreue Haushälterin, die Dienstboten eine freundliche Gehülfin. Im Frieden und im Kriege gleich unentbehrlich, fördre ich in jenem alle gemeinnützlichen Arbeiten, und bin in diesem die zuverläßigste Streitgenossin; und keine Freundschaft ist dauerhaft, die ich nicht gestiftet habe.
Auch fehlt es meinen Freunden so wenig an Vergnügungen, daß vielmehr ihnen allein der reine Genuß derselben zu Theil wird. Da sie dem Ruf des Bedürfnisses nie zuvorkommen, so haben sie, um mit Vergnügen zu essen und zu trinken, weder großer Zurüstungen noch vieles Aufwandes nöthig. Ihr Schlaf ist viel süßer als wenn sie ihn nicht durch Arbeit gewonnen hätten; aber sie wehklagen nicht, wenn sie sich ihm entreißen müssen, und verabsäumen nichts nöthiges um seinetwillen. In ihrer Jugend haben sie die Freude sich von den Alten loben zu hören, im Alter ists ihnen angenehm von der Jugend geehrt zu werden. Mit Vergnügen erinnern sie sich dessen, was sie ehmahls gethan haben, und mit Vergnügen ist alles, was sie gegenwärtig thun, begleitet. Wie könnt' es ihnen auch an Vergnügen fehlen, da sie um meinetwillen begünstigt von den Göttern, geliebt von ihren Freunden, geehrt in ihrem Vaterlande sind? Und ist endlich das Ziel gekommen, das einem jedem gesetzt ist, so liegen sie nicht ruhmlos und vergessen im Grabe, sondern gepriesen und besungen von der Nachwelt, blühen sie immer und ewig im Andenken guter Menschen fort. Dies, o Herkules, zu erstreben ist deiner edlen Abstammung würdig, und diese hohe allein wünschenswerthe Eudämonie wird der Preis deiner Anstrengungen seyn.
So weit der Unterricht, welchen Prodikos die Tugend dem jungen Herkules ertheilen läßt. Es versteht sich, daß ich dir nur den Inhalt seines Werks und den Sinn der Reden mitgetheilt habe; denn an die Pracht und Schönheit seines Ausdrucks mache ich keinen Anspruch. – Dir, lieber Aristipp, kann es einen reichen Stoff zu nützlichen Betrachtungen geben; denn du würdest auf alle Fälle wohlthun, wenn du einmahl einen Versuch machtest, über den Zweck und die Einrichtung deines künftigen Lebens nachzudenken.
Antifon. Ich glaubte sonst immer, wer filosofiere müsse glücklicher dadurch werden: aber bey dir, mein guter Sokrates, zeigt sich das Gegentheil; dir scheint die Weisheit ziemlich übel zu bekommen. Du lebst auf einem Fuß, daß, wenn ein Herr seine Knechte nicht besser halten wollte, kein einziger es bey ihm ausdauern würde. Du issest und trinkst das schlechteste was zu finden ist; dein kurzer Mantel da, ist nicht nur so armselig als möglich, er macht sogar deine ganze Garderobe aus, und im Winter wie im Sommer behilfst du dich ohne Unterkleid und gehst baarfuß.10 Geld einnehmen ist sonst jedermann etwas willkommenes, weil es uns die Mittel verschafft desto anständiger und angenehmer zu leben: du allein hast kein Geld einzunehmen, und nimmst keines wenn es dir angeboten wird. Wahrhaftig, wenn du, was bey allen andern Lehrmeistern der Fall ist, deine Zöglinge dahin bringen kannst, daß sie es auch so machen wie du, so kannst du dich keklich für den größten Meister in der Kunst ein armer Teufel zu seyn,11 ausgeben.
Sokrates.Du, Antifon, würdest also, wie ich merke, lieber sterben wollen als leben wie ich, so traurig und jämmerlich kommt dir meine Art zu leben vor? Laß dann sehen, was du so unerträgliches an ihr findest! – Etwa das, daß wenn andere, welche Geld für ihren Unterricht nehmen, sich die Schuldigkeit aufladen, das, wozu sie gedungen sind, wie andre Taglöhner abzuarbeiten und ihren Lohn zu verdienen; ich hingegen, weil ich keines nehme, nicht genöthigt bin, mich mit andern Personen zu unterhalten als die ich mir selbst wähle? Oder verachtest du meine gewöhnliche Kost, weil sie weniger gesund ist, und weniger Kräfte giebt als die Deinige? Oder weil meine Gerichte rarer und theurer, folglich schwerer anzuschaffen sind? Oder weil dir die Deinigen besser schmecken, als die Meinigen mir?12 Weißt du nicht, daß wer recht guten Appetit hat nichts weniger als feine Schüsseln bedarf, und wer dürstet gern mit jedem Getränke vorlieb nimmt? Was die Kleidung betrift, so wirst du mir nicht läugnen, daß diejenigen, die ihre Kleider mit der Jahrszeit wechseln, es der Kälte und der Hitze wegen thun, und daß man sich Schuhe umbindet, aus Furcht die Füße zu verletzen und dadurch am Gehen gehindert zu werden. Hast du aber je gesehen, daß ich Kälte halber zu Hause geblieben wäre? oder an einem heißen Tage jemandem einen schattigten Platz streitig gemacht hätte? oder, weil die Füße mich geschmerzt, nicht hätte gehen können wohin ich wollte? – Weißt du nicht, daß Leute, die von Natur einen schwachen Körper haben, es in allem, worin sie sich übten, viel Stärkern, aber ungeübten zuvor thun, und sich leichter in solche Dinge schicken können? Meynst du also nicht, ich, der sich immer übte, alle Arten von körperlichem Ungemach zu dulden, müsse dergleichen besser aushalten können als du, der sich nie darin geübt hat? Daß ich aber weder meines Gaumens, noch des Schlafs, noch andrer körperlichen Bedürfnisse Sklave bin, das kommt, glaube mir, hauptsächlich daher, weil mir andere Dinge angenehmer sind, die nicht blos im Augenblick des Genusses vergnügen, sondern auch gewisse Hoffnung geben, daß sie uns immer nützlich seyn werden. Ueberdies weißt du, daß einer, der sich einbildet es gehe ihm nichts von Statten, auch nichts mit Freuden unternimmt; da hingegen diejenigen, denen die Landwirthschaft, oder die Reederey, oder was sie sonst treiben mögen, wohl gelingt, mit sich selbst vergnügt sind, weil sie ihre Sachen gut gemacht zu haben glauben.13 Meynst du aber, das Vergnügen, das dergleichen Beschäftigungen gewähren, sey mit dem zu vergleichen, das aus dem Bewußtseyn entspringt sich selbst und seine Freunde immer besser zu machen? Dies ist immer meine Maxime gewesen, und wird es immer bleiben. Wenn es darauf ankommt seinen Freunden oder der Republik nützlich zu seyn, wer wird mehr Muße haben, sich dafür zu verwenden, einer, wie du mich hier siehst, oder einer der das Leben führt, das du selig preisest. Wer taugt besser in den Krieg? Einer der ohne eine köstliche Tafel und die ausgesuchtesten Bequemlichkeiten gar nicht leben kann, oder dem was da ist genügt? Wer wird eine belagerte Stadt bälder übergeben, einer der mit dem geringsten, was man überall findet, zufrieden ist, oder der eine Menge schwer zu befriedigender Bedürfnisse hat? Du, Antifon, scheinst die Glückseligkeit in Ueppigkeit und großem Aufwand zu setzen; ich hingegen bin überzeugt, daß nichts bedürfen etwas göttliches und also das Beste ist, und die wenigsten Bedürfnisse haben, das was dem Göttlichen am Besten am nächsten kommt.
Bey einer andern Gelegenheit, erneuerte dieser Sofist den Angriff von einer andern Seite, aber ebenfalls mit so schlechtem Erfolg, daß Xenofon sich begnügt, auch diesesmahl die ganze Konversazion in eine einzige Rede und Gegenrede zusammen zu fassen.
Antifon. Ich zweifle nicht daß du ein sehr ehrlicher Mann bist, Sokrates, aber für einen Gelehrten15 kann ich dich keineswegs gelten lassen. Auch dünkt mich, du selbst müssest davon überzeugt seyn, weil du von keinem, die täglich um dich sind, Geld nimmst. Gewiß würdest du deinen Mantel, oder dein Haus, oder was du sonst geldeswerth besitzest, weder umsonst noch unter dem Werthe weggeben: Es ist also klar daß du deinen nähern Umgang, wenn du dächtest, daß er etwas werth sey, nicht unter seinem Preise geben würdest. Also, wie gesagt, für einen ehrlichen Mann laß ich dich gerne gelten, da du niemanden aus Gewinnsucht zu betrügen begehrst; aber nicht für einen Weisen, da du dich auf nichts verstehst das einen Werth hätte.
Sokrates. Bey uns,16 mein lieber Antifon, ist es etwas ausgemachtes, daß Schönheit und Gelehrsamkeit, eine wie die andere, schätzbar oder verächtlich werden, je nachdem der Gebrauch ist, den man von ihnen macht. Einem Jüngling, der seine Schönheit irgend einem Kauflustigen um Geld überläßt, geben wir – einen garstigen Namen; hat er hingegen einen edeln und wohlgesitteten Mann zum Liebhaber, und weiß ihn zu seinem Freunde zu machen, so nennen wir ihn sittsam und verständig.17 Eben so ist es mit den Gelehrten. Diejenige, die ihre Wissenschaft um Geld verkaufen, heißen Sofisten; wer hingegen einen jungen Menschen von glücklichen Anlagen kennen lernt, und indem er ihm das Beste was er weiß mittheilt, keinen andern Vortheil dabey sucht, als einen Freund zu gewinnen, von dem sagen wir, er thue was einem edeln und biedern Bürger geziemt.18 Was mich selbst betrift, Antifon, so weißt du, jedermann hat so seine eigene Liebhaberey; dieser an einem schönen Pferde, jener an einem schönen Hunde oder Vogel; die Meinige war immer, edle Menschen zu Freunden zu haben. Weiß ich etwas nützliches, so theil' ichs ihnen mit, empfehle sie auch andern, deren Umgang ihnen behülflich seyn kann, im Guten zuzunehmen. Auch durchgehe ich mit ihnen die Schätze, die uns die alten Weisen in ihren Schriften hinterlassen haben, und wo wir etwas Gutes sehen, heben wir's aus, und halten es (mit einem Wort) für großen Gewinn, wenn wir einander auf alle Weise nützlich werden können.20
Wenn ich (setzt Xenofon hinzu) den Sokrates so reden hörte, wie hätt' ich ihn nicht für einen der glücklichsten Sterblichen halten sollen? Oder wie hätt' ich zweifeln können, daß es nur an denen, die ihn hörten liege, wenn sie nicht besser durch ihn würden?
Bey noch einer andern Gelegenheit fragte ihn Antifon: wie er sich für fähig halten könne, andere zu Staatsmännern zu bilden, oder warum er sich nicht selbst mit den öffentlichen Geschäften der Republik abgebe, wenn er sich so gut darauf verstehe?
Auf welche Weise (war seine Antwort) kann ich mich um die Republik verdienter machen, wenn ich mich ihr bloß allein für meine eigene Person widme? oder wenn ich mir angelegen seyn lasse, recht viele geschickt zu machen, ihr gute Dienste zu thun?
Sokrates bemerkte einst, daß sein ältester Sohn Lamprokles über seine Mutter ungehalten war. Dies veranlaßte folgendes Gespräch zwischen dem Vater und dem Sohne.
Sokrates. Sage mir, mein Sohn, hast du je Gelegenheit gehabt, Menschen kennen zu lernen, die man undankbar nennt? –
Lamprokles. O Ja.
Sokrates. So wirst du vermuthlich auch wissen, wodurch sie sich diesen Namen zuziehen? –
Lamprokles. Allerdings; wer Gutes von einem andern empfangen hat, und es ihm nicht vergilt wenn er Gelegenheit dazu bekommt, wird undankbar genennt. –
Sokrates. Denkst du, es geschehe den Undankbaren zu viel, wenn man sie mit den Ungerechten in Eine Linie stellt? –
Lamprokles. Ich denk' es nicht.
Sokrates. Aber sollte nicht vielleicht ein Unterschied in Rücksicht auf Freund oder Feind Statt finden? Es wäre unrecht, unsere Freunde zu unterjochen, aber unsere Feinde zu Sklaven zu machen, wird für recht gehalten. Verhält es sich etwa eben so mit der Undankbarkeit? Ist Undank nur gegen Freunde ungerecht, gegen Feinde hingegen gerecht? Hast du je hierüber nachgedacht?
Lamprokles. O Ja, und mich däucht, wer es auch sey, von dem man Gutes empfangen hat, Freund oder Feind, es bleibt immer unrecht, wenn man ihm nicht Dankbarkeit zu beweisen sucht.
Sokrates. Wenn dem so ist, so wäre also Undankbarkeit deiner Meinung nach, offenbare Ungerechtigkeit?
Lamprokles. Ich bin gänzlich dieser Meinung.
Sokrates. Und je größer die empfangenen Wohlthaten wären, die einer nicht zu vergelten suchte, desto größer das Unrecht?
Lamprokles. Unläugbar.
Sokrates. Wo fänden wir nun wohl den Menschen, der von einem andern größere Wohlthaten empfangen hätte, als Kinder von ihren Eltern? Wem sonst als unsern Eltern haben wirs zu danken, daß wir da sind, uns des Anblicks so vieles Schönen erfreuen, so vieles Gute genießen, das die Götter den Menschen darreichen, und worauf wir einen so hohen Werth legen, daß wir nichts so sehr fürchten als es zu verlieren. Daher haben alle bürgerlichen Gesellschaften auf die größten Verbrechen die Todesstrafe gesetzt, weil sie kein größeres Uebel kannten, um durch die Furcht desselben ihre Bürger von frefelhaften Thaten abzuschrecken. Solltest du dir etwa einbilden, man zeuge Kinder der Befriedigung des Geschlechtstriebs wegen, so würdest du dich sehr irren; denn von Gelegenheiten diese Lust zu büßen sind Straßen und Häuser voll. Offenbar zeigt sich schon in der Wahl der Gattin, daß wir auf die künftigen Kinder Rücksicht nehmen, und uns um eine solche bewerben, mit welcher wir starke und gesunde Kinder zu zeugen hoffen.21 Daher nimmt der Mann die Sorge auf sich, das Weib, das zu diesem Zweck mit ihm übereingekommen ist, zu ernähren, und alles, was den künftigen Kindern zum Leben und Fortkommen nöthig ist, so reichlich, als er nur immer vermag, anzuschaffen. Wie lästig ihm aber diese Sorge seyn mag, das Weib übernimmt dennoch die schwerere Last.22 Nachdem Sie empfangen hat, trägt sie die Bürde mit großer Beschwerde, entzieht sich, um ihr Kind zu nähren, einen Theil ihrer eigenen Nahrung, und nachdem sie es endlich mit Schmerzen und Lebensgefahr gebohren hat, säugt sie es, wartet und pflegt seiner mit der mühsamsten Sorgfalt, und alles das, ohne den geringsten Vortheil von ihm zu haben, und zu einer Zeit, da das Kind noch nicht weiß, wer ihm so viel Gutes erweißt, und noch unvermögend ist seine Bedürfnisse zu erkennen zu geben: Aber Sie erräth was ihm gut seyn oder Vergnügen machen kann, versucht bald dies bald jenes, und läßt sich Tag und Nacht keine Mühe dauern, ohne zu wissen, welchen Dank sie dafür empfangen werde. Und dabey lassen es die Eltern nicht bewenden, sondern sobald sie sehen, daß die Kinder im Stande sind etwas zu lernen, geben sie ihnen Unterricht, und wenn sie einen andern wissen, von dem sie dieses oder jenes besser lernen können, so schicken sie dieselbe zu diesem, und sparen keine Kosten, um ihnen die beste Erziehung zu geben.
Lamprokles. Wohl! Und wenn sie (meine Mutter) auch alles was du sagtest und noch viel mehr dergleichen gethan hat, so ists doch nicht menschenmöglich eine Gemüthsart wie die ihrige auszustehen.
Sokrates. Du denkst doch nicht, daß eine Mutter noch ärgere Mucken haben könne als ein Thier?
Lamprokles. Eine solche Mutter ganz gewiß.
Sokrates. Hat sie dich denn jemahls gebissen oder gegen dich ausgeschlagen?
Lamprokles. Das eben nicht, aber sie machts noch ärger; sie sagt Einem Dinge, die kein Mensch in seinem ganzen Leben hören möchte.
Sokrates. Und du denkst nicht wie viel unangenehme Augenblicke du ihr von Kindesbeinen an gemacht hast? Wie oft sie vor deinem Geschrey bey Nacht kein Auge zuthun konnte? Wie manchen Verdruß und Aerger du ihr den ganzen Tag über durch deine Unarten gemacht, und wie viel sie mit dir ausstehen mußte, wenn du krank warst?
Lamprokles. Ich hab ihr doch in meinem Leben nichts gesagt noch gethan, wodurch sie sich für beschimpft hätte halten müssen.
Sokrates. Warum, meynst du, solltest du das, was sie dir sagt, nicht eben so gelassen anhören können, als die Schauspieler, die einander in Tragödien oft die abscheulichsten Dinge ins Gesicht sagen?
Lamprokles. Das ist ein anderes; die können das leicht ertragen, da sie wissen, daß es nicht böse gemeynt ist, und daß ihnen alle diese Vorwürfe und Drohungen keinen Schaden thun werden.
Sokrates. Und du, der du deiner Mutter eine harte Rede so übel nimmst, weißt nicht auch du recht wohl, daß sie nicht nur nichts böses gegen dich im Sinne hat, sondern im Gegentheil es so wohl mit dir meynt als mit keinem andern in der Welt? Oder glaubst du, daß deine Mutter dir wirklich übel wolle?
Lamprokles. Das glaub' ich nicht.
Sokrates. Wie? und du nennst eine Mutter unerträglich, die dir wohl will, und nach ihrem besten Vermögen dafür besorgt ist, daß du, wenn du krank bist, wieder gesund werdest, und daß es dir überhaupt an nichts, was du nöthig hast, fehle, und die überdies täglich für dich zu den Göttern betet, und Gelübde thut daß es dir wohl gehen möge? Wahrlich, wenn du eine solche Mutter nicht ertragen kannst, so weiß ich nicht wie du in der Welt fortzukommen hoffen kannst. Glaubst du etwa, du werdest nie in den Fall kommen, einem Andern mit Ehrerbietung begegnen zu müssen? Oder legst du es darauf an, keinem Menschen gefällig seyn oder nachgeben zu wollen, auch nicht im Kriege deinem Officier, oder sonst einer obrigkeitlichen Person?
Lamprokles. Das ist keinesweges meine Meinung.
Sokrates. Mußt du nicht auch mit deinem Nachbar auf einem guten Fuß stehen, damit er dir erlaube Feuer von seinem Heerde zu nehmen, wenn du dessen bedarfst, oder dir andere kleine Gefälligkeiten erweise, und dir in einem Nothfall mit Rath und That zu Hülfe eile? Wenn du jemanden zu Land oder zu Wasser zum Reisegefährten bekommst oder sonst mit ihm zusammentriffst, ist dirs gleichviel, ob er dein Freund oder Feind ist? Oder glaubst du nicht, es sey wohlgethan, wenn du dich auch bey solchen Personen beliebt zu machen suchst?
Lamprokles. Ich denke nicht anders.
Sokrates. Nun, wenn das ist, wie kannst du dich selbst von der Pflicht, deine Mutter, die dich liebt wie kein andrer dich jemahls lieben wird, zu ehren, frey sprechen wollen? Wisse, wenn du es noch nicht weißt, daß die Gesetze, die von andern Arten der Undankbarkeit keine Kenntniß nehmen, auf den Undank gegen die Eltern die Strafe gesetzt haben, den, der sich dessen schuldig gemacht hat, vom Archontat auszuschließen; in der Voraussetzung, daß ein solcher Mensch weder den Göttern ein gefälliges Opfer für die Stadt bringen, noch irgend ein anderes Geschäfte gehörig und gedeihlich verrichten könne; ja es ist sogar eine von den Fragen, die den künftigen Archonten, bey der öffentlichen Untersuchung ihrer Wahlfähigkeit vorgelegt werden: ob sie auch dem Grab ihrer verstorbenen Eltern die gebührende Ehre angethan haben? Du hast also, wenn ich von deinem Kopf und Herzen gut denken soll, große Ursache, mein Sohn, die Götter um Verzeihung alles dessen zu bitten, womit du dich etwa gegen deine Mutter vergangen hast, damit nicht auch sie dich für einen Undankbaren ansehen und dir ihre Wohlthaten entziehen. Auch hüte dich wohl, die Menschen nicht merken zu lassen, daß du dir nichts aus deinen Eltern machst; alle würden sich mit Verachtung von dir zurückziehn, und dich freundlos und allein in der Welt stehen lassen. Denn wenn sie einmal die Meinung von dir gefaßt hätten, du seyest ein undankbarer Sohn gegen deine Eltern, würde Niemand glauben, daß du es ihm Dank wissen würdest, wenn er dir Gutes bewiese.
Ohne itzt in eine Betrachtung des innern Werths dieses kleinen Dialogs einzugehen, (worüber Hr. Weiske viel richtiges und fein gedachtes gesagt hat) bemerke ich hier bloß, daß er auch deswegen interessant ist, weil er die gemeine und zu einem beynahe unauslöschlichen Vorurtheil verjährte schlimme Meinung von der Gattin des Sokrates, die sich hauptsächlich auf eine Stelle in Xenofons Gastmahl und etliche alberne Anekdoten im Diogenes Laertius23 stützt, zu berichtigen dienen kann.
Was der junge Lamprokles in diesem Gespräch von dem unerträglichen Wesen seiner Mutter sagt, bestätigt Antisthenes, einer der wärmsten Anhänger des Sokrates, durch die Frage, die er in besagtem Gastmahl an seinen Meister thut: »Wenn, wie du sagst, ein Mann seine Frau bilden kann wie er will, Sokrates, warum hast denn du die deinige, die von allen Widerbellerinnen, die ehemals lebten, jetzt leben, und künftig leben werden, die unerträglichste ist, nicht zu einem zahmem und mildern Wesen umgebildet?« – Aber die scherzhafte Wendung24 wodurch Sokrates eine direkte und ernsthafte Antwort auf eine so unbescheidene Frage von sich ablehnt, ob sich gleich aus ihr schließen läßt, daß er die gute Xantippe, von dieser Seite für unverbesserlich gehalten habe, sagt doch deutlich genug, daß er selbst sich sehr wohl mit ihr habe vertragen können; und der Begriff, den man sich aus der gegenwärtigen Unterredung mit seinem Sohn von ihr zu machen bewogen wird, scheint mir nicht nur jene Vertragsamkeit ganz begreiflich zu machen, sondern überzeugt mich sogar, daß Sokrates vielleicht in ganz Attika keine Frau hätte finden können, die besser für ihn getaugt hätte, und ihm sogar zur Aufrechterhaltung seines Hauswesens unentbehrlicher gewesen wäre als Sie.
Xantippe scheint mir, bloß nach ihrem vornehmen Nahmen,25 zu urtheilen, aus einem guten Hause in Athen gewesen zu seyn; aber vermuthlich ohne Vermögen, was sehr häufig der Fall aristokratischer Töchter zu Athen war, dafür aber, was nicht häufig der Fall war, so häuslich und wirthschaftlich erzogen, daß Sokrates, dessen ökonomische Umstände sehr übel zu einer Dame, wie etwa die Gemahlin des ehrlichen Strepsiades in den Wolken war, gepaßt haben würden, große Ursache hätte sich in ihr glücklich zu preisen. Ich stelle sie mir (nach einem Wink, den Sokrates in diesem Gespräch hierüber zu geben scheint) als eine Frau aus der Klasse der Männinnen vor, die den Mangel an zarter Weiblichkeit und Grazie, durch eine stattliche Amazonengestalt und eine derbe rüstige Leibesbeschaffenheit ersetzen; von raschem, leicht aufbrausendem Temperament, etwas streitlustig und gern das letzte Wort behaltend; übrigens eine fleißige, emsige, auf alles aufmerksame, streng über guter Zucht und Ordnung haltende Hausmutter, die ihre liebe Noth mit drey solchen jungen Bengeln hatte, wie ich mir die Söhne des Sokrates vorstelle, und täglich Gelegenheit genug bekommen mochte, sich über ihre Unarten zu ereifern. Denken wir uns noch die sehr knappen Umstände eines Gelehrten hinzu, der weder Geld verdienen wollte, noch sonst auf eine zulängliche sichre Einnahme rechnen konnte, und wie viele Sorgen eine brave Hausfrau in einer solchen Lage hat, um die Oekonomie im Gang zu erhalten ohne einem Manne wie Sokrates mehr zuzumuthen als recht war; so begreift man um so leichter, wie eine Frau, auf welcher so viele Sorgen liegen, zu einer habituellen Säure kommen kann, die nur kleiner Veranlassungen nöthig hat, um alle Augenblicke in ungestüme Hitze aufzubrausen, und ihrer übeln Laune durch Brummen und Schelten Luft zu machen. Sokrates, der ohnehin nicht viel zu Hause war, konnte sich, bey seiner ihm eigenen Kälte und Gleichmüthigkeit, leicht gewöhnen, den Rauch um des Feuers willen zu ertragen, und einer Frau, die so wesentliche Verdienste um ihn hatte, einige, wiewohl sehr beschwerliche Fehler, ihrer guten Eigenschaften wegen zu übersehen: aber von einem jungen Menschen, wie Lamprokles, der sich wahrscheinlich mehr auf seinen Vater einbildete als er durch seine wenige Aehnlichkeit mit ihm berechtigt war, und der (wie Hr. Weiske wohl bemerkt) einen guten Theil von seiner Mutter Hitze geerbt haben mochte, war eine so weise Mäßigung nicht zu erwarten, und Sokrates fand es daher für nöthig, ihn seiner Kindespflicht mit Nachdruck und durch solche Vorstellungen zu erinnern, die, wofern nur etwas gesundes an seinem Kopf und Herzen war, wenigstens einen ernstlichen Vorsatz sich zu bessern bey ihm wirken mußten.
Sokrates wurde gewahr, daß die Gebrüder Chärefon und Chärekrates,26 mit denen er wohl bekannt war, in Uneinigkeit mit einander lebten. Dies veranlaßte folgendes Gespräch zwischen ihm und Chärekrates.
Sokrates. Gestehe es mir, lieber Chärekrates, solltest du etwa auch einer von den Ehrenmännern seyn, denen ihr Geld lieber als ihr Bruder ist, vermuthlich weil sie nie bedacht haben, wie sehr der Unterschied zwischen beyden für den Bruder spricht? Denn mein Geld ist ein todter unbehülflicher Klumpen, bey dem ich selbst immer das Beste thun muß, wenn er mir etwas helfen soll; mein Bruder hingegen ist ein Mensch, der durch die Vernunft, die er vor dem Geldsack voraus hat, im Stand ist, mir in Fällen, wo ich mir mit allem meinem Gelde nicht zu helfen weiß, die größten Dienste zu thun.27 Ueberdies giebts des Geldes viel in der Welt, aber nur einen Bruder für den, der (wie du) keinen andern hat noch bekommen kann. Wunderlich genug wär' es wenn man seine Brüder deswegen unter die Rubrik von baarem Verlust bringen wollte, weil ihr Theil am Familiengut den unsrigen kleiner macht; denn aus dem nehmlichen Grunde müßte sichs einer auch verdrießen lassen, daß er die Antheile aller übrigen Bürger am allgemeinen Staatsvermögen nicht auch allein beysammen hat. Das thut aber Niemand, weil jedermann so viel Verstand hat, um einzusehen, daß es besser ist mit einem mäßigen Vermögen in einer Gesellschaft zu leben, die uns das, was wir haben, sichert, als einzeln mit dem ungeheuren Gut in steter Gefahr zu schweben, es wieder zu verlieren. Hat es denn aber zwischen Brüdern nicht die nehmliche Bewandtniß? Wer's vermag kauft sich Sklaven, um Gehülfen in der Arbeit zu haben, und bewirbt sich um Freunde, weil er ihres Beystands nöthig zu haben glaubt: aus seinen Brüdern hingegen macht man sich nichts, als ob sich aus einem Bruder nicht eben so gut als aus einem bloßen Mitbürger ein Freund machen ließe? Und doch wird schon dadurch, daß man von ebendenselben Eltern entsprossen und neben einander aufgekommen ist, ein starker Grund zur Freundschaft gelegt; wie sich denn sogar bey den Thieren eine Sehnsucht nach denen, die mit ihnen aufgefüttert wurden, zeigt. Endlich kommt auch noch in Betrachtung, daß man im gemeinen Leben dem, der einen oder mehrere Brüder hat, weit mehr Achtung zeigt, als einem der bruderlos ist, und daß jener weit weniger von andern angefochten wird als dieser.
Chärekrates. Mein bester Sokrates, wenn die Ursache des Zwists von keiner Erheblichkeit wäre, möcht' es wohl Pflicht seyn, einen Bruder zu ertragen, und einer Kleinigkeit wegen sich nicht von ihm zu entfernen. Denn, wie Du sagst, es ist ein gutes Ding um einen Bruder, wenn er ist wie er seyn soll. Wenn aber so viel daran fehlt, daß er gerade das Gegentheil ist, wer wollte das Unmögliche unternehmen?
Sokrates. Ist denn dein Bruder Chärefon ein so widerlicher Mensch, daß niemand mit ihm auskommen kann? Oder giebt es nicht Leute, denen er sich ungemein gefällig zu machen weiß?
Chärekrates. Das ist es eben, lieber Sokrates, warum ich ihn hassen muß, daß er gegen Andere gefällig und verbindlich seyn kann, mir hingegen, wie er sich nur blicken läßt, überall mit Worten und Werken zum Schaden, anstatt zum Nutzen ist.
Sokrates. Du weißt, es giebt Pferde, bey denen man bloß darum zu Schaden kommt, weil man sie nicht recht zu behandeln weiß: Könnte das nicht vielleicht mit deinem Bruder eben so seyn?
Chärekrates. Wie sollte ich meinen Bruder nicht zu behandeln wissen? Wer mir gute Worte giebt, dem geb' ich gute Worte zurück, und wer mir gute Dienste leistet, dem dien' ich wieder; darauf versteh ich mich so gut als einer. Wer es aber recht darauf anlegt, mir zum Verdruß zu reden und zu handeln, mit dem kann ich unmöglich auf einen freundlichen Fuß leben, und es fällt mir auch nicht ein, einen Versuch zu machen.
Sokrates. Das wundert mich. Ich sollte doch denken, wenn du einen guten Schafhund hättest, der mit den Schäfern freundlich thäte, gegen dich hingegen, wenn er dich kommen sähe, sich gar grimmig gebehrdete, so würdest du, anstatt dich über ihn zu erzürnen, ihm Brod geben und schön thun, und ihn dadurch zu schwichtigen und an dich zu gewöhnen suchen: und du wollest dir keine Mühe um die Freundschaft deines Bruders geben, da du doch gestehst, du hieltest es für ein großes Gut, wenn er gegen dich wäre wie er sollte, und da es, deiner eigenen Versicherung nach, bloß auf deinen Willen ankommt, seine Zuneigung durch eben dieselben Mittel zu gewinnen, wodurch du dir Andere gewogen zu machen weißt?
Chärekrates. Ich fürchte sehr, mein lieber Sokrates, daß meine Kunst nicht so weit reicht, um den Chärefon dahin zu bringen, daß er sich gegen mich betrage wie er sollte.
Sokrates. Meines Erachtens bedürfte es dazu keiner mühsamen Vorkehrungen und besondern Künste; du würdest es, denk' ich bloß mit der, worin du bereits ein Meister bist, weit mit ihm bringen können.
Chärekrates.(lachend) Wenn du, wie es scheint, ausfindig gemacht hast, daß ich ein Zaubermittel, die Leute zur Liebe zu zwingen, besitze, wovon ich selbst bisher nicht gewußt habe, so entdeck' es mir je bälder je lieber.
Sokrates. Zuvor sage Du mir, wenn du, falls einer deiner Bekannten ein Opfermahl geben sollte, gern dazu eingeladen seyn möchtest, was würdest du thun?
Chärekrates. Ich würde ihn, bey der nächsten Opfermahlzeit, die ich ausrichte, zuerst einladen.
Sokrates. Und wenn du einen deiner Freunde bewegen möchtest, während du außer Landes wärest, sich deiner Angelegenheiten anzunehmen, wie würdest du es anfangen?
Chärekrates. Natürlich würde ich ihm selbst zuvor den nemlichen Dienst zu leisten suchen, wenn er in denselben Fall käme.
Sokrates. Oder wenn du von einem Fremden gern in sein Haus aufgenommen seyn möchtest, falls du an seinen Ort kämest, wie würdest du es machen?
Chärekrates. Ich müßte ihn zuvor in mein Hauß aufnehmen wenn er nach Athen käme; und wollte ich, daß er mir zu dem Geschäfte, dessenthalben ich gekommen wäre, beförderlich seyn sollte, so müßt' ich vorher das Nemliche für ihn thun, das versteht sich.
Sokrates. Wie? Du kennst also das Zaubermittel, wodurch man Andere nöthigen kann uns hold zu seyn, und machst schon so lange ein Geheimniß daraus? Oder zögerst du etwa darum den ersten Schritt zur Aussöhnung mit deinem Bruder zu thun, weil du fürchtest, es möchte dir zur Schande gereichen? da dir doch nicht unbekannt seyn kann, daß es für etwas sehr rühmliches gehalten wird, Feinden mit Angreifen, und Freunden mit guten Diensten zuvorzukommen? Hätte ich dem Chärefon zugetraut, daß er besser dazu tauge den Anfang eines so löblichen Werkes zu machen, so würd ich ihn dazu zu bereden gesucht haben: aber nun sehe ich, daß es besser von Statten gehen wird, wenn Du den Anfang machst.
Chärekrates. Wo denkst du hin, Sokrates? Wie kann ein Mann wie du, mir zumuthen, daß ich mich so vordrängen sollte, da ich doch der jüngere bin? In der ganzen Welt ist es ja gerade umgekehrt; dem ältern gebührt immer der Vorrang, im Reden und im Handeln.
Sokrates. Wie? Ist es nicht allenthalben Sitte, daß der jüngere dem ältern weiche? daß er von seinem Platz aufstehe, bis dieser sich gesetzt hat, daß er ihm den bequemem Sitz einräume, und ihm das erste Wort lasse? – Ernsthaft zu reden, lieber guter Chärekrates, säume dich nicht länger deinen Bruder zu beschäftigen. Er wird dir gewiß mit schnellen Schritten entgegen kommen.30 Du kennst ihn als einen ehrliebenden und edelmüthigen Mann. Schlechte Leute kann man nicht anders fangen als wenn man ihnen etwas giebt; edle Menschen werden am leichtesten durch Zutrauen und Liebe gewonnen.
Chärekrates. Wenn ich nun deinem Rathe folgte, und er bliebe gegen mich wie vorher?
Sokrates. Was würdest du dabey wagen, als daß nun jedermann sähe, du seyest ein braver Mann und ein guter Bruder, er hingegen ein verkehrter Mensch, der nicht verdiene daß man ihn edel behandle. Aber ich bin versichert daß nichts dergleichen begegnen wird. Wie ich ihn kenne, wird ihn, sobald er sich zu diesem Kampf von dir herausgefordert sieht, sein Ehrgeiz antreiben, es dir in Gefälligkeit und Großmuth zuvorzuthun. Wie ihr itzt mit einander steht, ist es gerade als wenn die beyden Hände am Menschen, die von Gott dazu gemacht wurden, einander behülflich zu seyn und gemeinschaftlich zu arbeiten, statt dessen ihr Geschäfte daraus machten, eine die andere immer zurückzuhalten; oder als ob die beyden Füße, die nach göttlicher Ordnung bestimmt sind, einer den andern im Gehen zu fördern, ihres Endzwecks uneingedenk, einander immer in den Weg treten wollten. Wär' es nicht der jämmerlichste Unsinn, was zu unserm Nutzen gemacht ist, zu unserm Schaden zu gebrauchen? Nun dünkt mich es sey doch offenbar, daß Gott ein paar Brüder dazu gemacht hat, einander viel größere Vortheile zu verschaffen, als die Hände, die Füße, die Augen und die andern Glieder, die er dem Menschen gleichsam als Brüder31 doppelt angeschaffen hat. Die Hände können sich nicht zugleich mit etwas beschäftigen, das über eine Klafter von ihnen entfernt ist; die Füße brauchen einen noch kleinern Raum um zugleich fortschreiten zu können; die Augen haben zwar einen weit größern Wirkungskreis, können aber doch selbst die nächsten Gegenstände nicht zugleich von vorn und von hinten sehen. Ein paar Brüder hingegen, die einander lieben, können auch in der weitesten Entfernung zusammen wirken und einander die größten Dienste leisten.32
Indessen kann man sich doch mit allem Respekt für den Mann, den die Pythia für den weisesten aller Menschen erklärte, kaum verwehren zu denken, er hätte besser gethan, mit der Versicherung, daß Chärefon zur Versöhnung bereitwillig sey, aufzuhören, als die Spielerey mit Gleichnissen und Antithesen wieder von Vorn anzufangen, und damit am Ende doch nichts mehr zu sagen, als was er schon gesagt hatte, nemlich daß es für Brüder besser sey in Harmonie zu leben als in Uneinigkeit.
Sokrates. Ich habe die beste Hoffnung, lieber Perikles33 wenn Du dereinst eine Feldherrnstelle bey uns erhalten wirst, werde die Republik mit mehr und besserm Erfolg, als zeither, Krieg führen und endlich Meister über die Feinde werden.
Perikles. Das möchte ich wohl wünschen, guter Sokrates; aber wie es zu bewerkstelligen seyn könnte, davon hab' ich keinen Begriff.
Sokrates. Gefällt es Dir daß wir die Sache mit einander überlegen, um zu sehen, ob sie sich vielleicht doch möglich machen ließe?
Perikles. Sehr gern.
Sokrates. Ohne Zweifel ist Dir bekannt, daß die Athener an Anzahl nicht geringer sind als die Böotier?
Perikles. Ich weiß es.
Sokrates. Und wo glaubst Du daß man eine grössere Anzahl von rüstigen und schönen Leuten zusammenbringen könne in Böotien oder Attika?
Perikles. Ich denke, daß wir ihnen auch hierin nichts nachgeben werden.
Sokrates. Und was den guten Willen betrift, auf welcher Seite glaubst du daß sich dessen am meisten finde?
Perikles. Ganz gewiß auf der unsrigen. Denn ein großer Theil der Böotier sind mit den Thebanern, die immer den Meister über sie zu spielen suchen, sehr übel zufrieden. Bey den Athenern sehe ich nichts dergleichen.
Sokrates. Aber dafür sind die Böotier auch das ehrliebendste und gutherzigste Volk von der Welt, und beydes spornt sie gar mächtig an, für Ruhm und Vaterland alles zu wagen.
Perikles. Auch in diesem Stück ist den Athenern nichts vorzuwerfen.
Sokrates. Und wo wäre wohl ein Volk, das auf größere Thaten seiner Vorfahren stolz seyn könnte als das Unsrige? Dieser Vorzug erhebt viele über das was sie sonst seyn würden, und treibt sie mächtig an, sich brav zu halten und durch Verdienste hervorzuthun.
Perikles. Auch dies ist wie Du sagst, lieber Sokrates. Aber Du siehst, wie seit dem Unfall bey Lebadeia34, wo Tolmides mit tausend Mann umkam, und seit dem unglücklichen Treffen von Delion unter dem Hippokrates, die Athener in ihrer Meynung von sich selbst gefallen, und unter die Böotier gedemüthigt sind, und wie diesen hingegen der Muth so sehr gewachsen ist, daß sie, die ehemals ohne Beyhülfe der Lacedämonier und übrigen Peloponnesier uns nicht einmal in ihrem eigenen Land entgegen zu gehen sich getrauten, itzt auf ihre eigene Kräfte trotzig genug sind, das unsrige mit einem Einfall zu bedrohen, die Athener hingegen, die sonst ohne fremden Beystand ganz Böotien verheerten, itzt befürchten, daß die Böotier Attika verwüsten werden.
Sokrates. Das alles weiß ich sehr wohl, und eben darauf gründe ich meine Erwartung, daß unsre Bürger einem klugen und tapfern Anführer itzt williger folgen würden als jemals. Denn Muth und Selbstvertrauen erzeugt gewöhnlich Sorglosigkeit, Trägheit und Ungehorsam; Furcht hingegen pflegt die Menschen aufmerksamer, folgsamer und gefügiger zu machen. Zum Beyspiel dessen kann uns die Mannschaft in einem Schiffe dienen. So lange sie keine Gefahr sehen, wollen sie von keiner Ordnung wissen; aber sobald sie einen Sturm besorgen, oder der Feind anrückt, auf einmal werden sie die folgsamsten Menschen von der Welt, thun alles ohne Weigerung was man sie heißt, und passen in tiefster Stille auf die Stimme des Befehlshabers, wie die Chortänzer auf dem Schauplatz, auf den Wink des Chorführers.
Perikles. Gut; und wenn sie nun auch so willig und lenksam wären als Du sagst, wie wollen wir es dahin bringen, daß der Gedanke an das was sie einst waren, an ihren ehemaligen Heldensinn, Ruhm und Wohlstand, die alte Thatkraft wieder in ihnen aufreitze?
Sokrates. Was müßten wir thun, wenn wir wollten, daß sie z. B. Güter, die ihnen angehört hätten, aber von andern usurpiert würden, wieder zu erlangen suchen sollten? Nicht wahr, wir könnten sie nicht stärker dazu aufmuntern, als wenn wir ihnen vorstellten, daß diese Güter ein von ihren Voreltern an sie vererbtes Eigenthum seyen, welches ihnen von Rechts wegen und ausschließlich zugehöre. Um sie also dahin zu bringen, daß sie sich mit Ernst angelegen seyn lassen, an Tugend die ersten unter den Griechen zu seyn, werden wir ihnen vorstellen müssen, daß ihnen dieser Vorzug von uralten Zeiten her eigen gewesen, und daß ihn wieder erstreben, das unfehlbarste Mittel sey, auch zu ihrer ehmaligen Obermacht wieder zu gelangen.
Perikles. Wie wollen wir sie aber hievon überzeugen?
Sokrates. Ich denke, wenn wir ihnen ihre ältesten Vorfahren ins Gedächtniß zurückrufen, von welchen sie immer gehört haben, daß sie die edelsten und bravsten unter allen Griechen gewesen.
Perikles. Meinst Du etwan den berühmten Götterstreit (zwischen Athene und Poseidon) den sie unter der Regierung des Cekrops durch ihre Klugheit schlichteten?
Sokrates. Auch dies, und überhaupt unsre ganze älteste Geschichte, die Geburt und Erziehung des Erechteus, und die Kriege, die sie zu seinen Zeiten gegen alle ihre Nachbarn auf dem festen Lande zu bestehen hatten, den Schutz, den sie den Söhnen des Herakles gegen die Peloponnesier angedeihen liessen, und die Kriege, so sie unter Anführung des Theseus
