Die Leere der Fülle - Birger P. Priddat - E-Book

Die Leere der Fülle E-Book

Birger P. Priddat

0,0

Beschreibung

In seinem Aufsatz zu Kursbuch 171 verfolgt Birger P. Priddat die Logik der Selbstoptimierung aus ökonomischer Perspektive. Der Professor für Politische Ökonomie betrachtet den Menschen hierbei in seinem Spagat zwischen Natur und Technik: In seiner komplexen Umwelt ist der Mensch ein Herrscher mit unendlichen Möglichkeiten. Um diese aber weiterhin überblicken zu können, muss er sich selbst technisch optimieren.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 27

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Benutzerhinweise

Dieser Artikel enthält Anmerkungen, auf die die Anmerkungszahlen im Text verweisen. Durch einfaches Klicken auf die Anmerkungszahl wechselt das E-Book in den Anmerkungsteil des Artikels, durch Klicken auf die Anmerkungszahl im Anmerkungsteil wieder zurück zum Text.

Birger P. Priddat

Die Leere der Fülle

Das Ende des Kapitalismus als Religion

In der Aufklärung verschwindet die religiöse Bindung der Gesellschaften, darin auch die alte Ökonomie der Schöpfungsordnung (der – heute fast unbekannten – oeconomia divina). In diesem Umbruch bot im 18. Jahrhundert die Politische Ökonomie eine neue Ordnung: den effizienten, sich selbst regulierenden Markt – entweder als Substitut der göttlichen als weltliche Ordnung oder als eine moralische Ökonomie. Die Erfahrungen mit den Krisen aber lösen im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts Misstrauen aus: Auch den Gleichgewichtsmythos des Marktes muss man glauben. Die neue Religion wird als Glaube an den Markt gehandelt. »Das Fortschrittsaxiom selbst ist für den modernen Menschen Teil seines Status quo geworden. Es ersetzt ihm das herkömmliche Gottvertrauen.«1 Der neue Glaube heißt Systemvertrauen.

Der Gott, der bei Adam Smith seine »invisible hand« ins Spiel bringt, ist ein zwar zurückgezogener Schöpfer (Deus absconditus), bleibt aber von der Vorsehung bestimmt präsent: Die Ordnung der Wirtschaft ist ein Teil der Vorsehung. Ähnlich wie Newton sind auch für Smith die Bewegungen der Wirtschaft einer »natürlichen« (Schöpfungs-)Ordnung unterstellt. Doch bietet diese neue Ökonomie etwas, was bisher noch keine Wirtschaft zu leisten vermochte: Wachstum und höhere Einkommen, den Reichtum (wealth of nations) für alle (wenn auch ungleich verteilt). Was die ersten Leser Smiths noch für eine Utopie hielten, erweist sich in der Folge als ein System irdischer Wohlfahrt: Der Kapitalismus wird zu einem Erlösungsmodell. Das alte eschatologische Versprechen verzweigt sich: Erlösung im Himmel post mortem und Erlösung auf Erden ante mortem.

Nun mag man diese Übertragung in irdische Erlösung nicht mehr als Religion ansehen: Der Glaube, Gott regiere die Welt, ist auf Systeme übertragen, deren Geltung allerdings weiterhin geglaubt wird. Damit aber ist die Ökonomie keine Ersetzung des Glaubens, sondern dessen Kontinuität in funktionaler Äquivalenz. Die semantische Umklappung von Hoffnung (auf Gottes Reich) in Erwartung (das Funktionieren des Systems) ist entscheidend: nicht mehr als Glaube an Gott und seine Schöpfungsordnung, sondern als Glaube an das System. Die Ökonomen verwenden später einen anderen Begriff: Erwartungen als rational expectations. Im 20. Jahrhundert wird das mit der magischen Formel des »Wachstums« benannt, Wachstum als notwendige Bedingung der Kontinuität des Kapitalismus. Darin bleibt das alte Vorsehungskonzept enthalten: Wachstum ist möglich und notwendig. Die Märkte müssen frei sein, um diese Notwendigkeit erfüllen zu können (Wettbewerb, Deregulation und technischer Fortschritt).

Wachstum, das neue ökonomische Geschichtsgesetz, das mit Adam Smiths Kapitalakkumulationsökonomie 1776 erstmals konzipiert wurde, benötigt eine offene Zukunft. Was ehemals Hoffnung auf Erlösung im Himmel war, wird jetzt zur Erwartung der Erlösung im Leben durch die Steigerung des wealth of nations für alle. Eine neue Anthropologie entsteht: Das, was man zuvor in der religiösen Vertikale hoffen konnte, muss jetzt horizontal in der Geschichte erwartet und realisiert werden (man-made). Die Himmelsökonomie, auf spätere und durchaus zufällige Gnade in der Ewigkeit zu warten, muss jetzt in der Weltzeit realisiert werden (und die Gnade wandert, säkularisiert, in die staatliche Wohlfahrtsfunktion, das heißt in die Politik).